Schnipsel zu The One-Night Deal

Lesezeit: ca. 10 Minuten

Hope

 

Als könnte Connor Gedanken lesen, winkt er dem nächstbesten Kellner. Aber statt ein Glas entgegenzunehmen, pflückt er das gesamte Tablett aus den Händen des verdutzt schauenden, livrierten Kerls.

»Ähm … Sir, ich glaube …«, stottert der. Connor winkt ab.

»Schon gut, Kumpel. Komm einfach in ‘ner Stunde wieder. Oder besser noch: Bring uns eine Flasche und etwas zum Kühlen für den Fuß der Dame.« Fast unauffällig schiebt Bexter die Finger in die Brusttasche, zieht zwei Geldscheine heraus und drückt sie dem Kellner in die Hand.

Das … Ich starre ihn an. Das hat er nicht echt gemacht? Er hat nicht … Wirklich, das ist unmöglich! Ihm muss doch klar sein, dass das hier zu nichts führt? Immerhin scheint er sich zumindest minimal an mich erinnert zu haben. Dass er jetzt versucht, mich abzufüllen, und dafür nebenbei einen Kellner besticht, ist … traurig. Dass er so was nötig hat …

Ich hebe belustigt eine Augenbraue, als der fürstlich entlohnte Angestellte hastig nickend die Scheine einsteckt und verschwindet.

»Und du erhoffst dir jetzt was von dieser Aktion?«, frage ich betont gelangweilt. Er braucht ja nicht zu wissen, dass ich seinen albernen Versuch durchschaut habe. Leider ist es ja nicht so, dass ich voller Stolz behaupten könnte, dass diese platte Nummer normalerweise bei mir nicht zieht. Siehe das blonde, ätzende, aber attraktive Beweisstück direkt vor meiner Nase.

»Erhoffen?« Connor zuckt die Schultern, greift nach einem Glas und sieht sich im Raum um.

»Gar nichts. Ich habe einfach nur das Bedürfnis, diese klebrige Rosazuckerwatte, die Mase und deine BFF …« Er benutzt für das letzte Wort einen Tonfall, der eindeutig eine Parodie auf dreizehnjährige Teenie-Freundinnen ist. Ich verdrehe die Augen, aber Connor ist zu beschäftigt mit seiner nervtötenden Rede, um das zu bemerken. »… hier verbreitet haben. Das war so schnulzig, dass ich dachte, wenn er noch zwei Minuten länger braucht, um sie klarzumachen, verwandele ich mich spontan in irgendwas Pappsüßes in Herzchenform.« Trotz dass er versucht, die Reaktion mit einem Schluck aus einem der frischen Gläser zu überspielen, sehe ich, dass er schaudert. Tatsächlich folge ich seinem Beispiel.

»Ja, das war echt eklig«, murre ich. »Ich meine, wie viel mehr Hollywood-Kitsch kann man eigentlich ertragen, ohne einen Zuckerschock zu kriegen?« Ja, ich gehöre definitiv nicht zu den romantischen Mädchen, die ihr Leben lang vom Ritter auf dem weißen Pferd träumen. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass Männer eh nur Probleme machen. Alleine bin ich sehr viel besser dran.

»Gott, bloß nicht, wenn jetzt auch noch jemand eine Musical-Gesangsnummer abzieht, wird mir schlecht.« Connor verzieht das Gesicht, so angewidert, dass ich ihm aufs Wort glaube, und bringt mich damit ungewollt zum Lachen.

»Keine Sorge, ich komme garantiert nicht auf so widerliche Ideen.«

Wie aufs Stichwort wird die Musik leiser gedreht und irgendein breitschultriger Typ geht vor einer schönen brünetten Frau auf ein Knie.

Das gequälte Geräusch, das ich ausstoße, wird nur von Connors Stöhnen übertroffen. Mein Blick gleitet zu ihm, er schüttelt den Kopf, legt sich demonstrativ eine Hand auf den Magen und sagt leise: »Das halte ich echt nicht aus.« Ich nicke und ahme seine angeekelte Miene nach. »Das toppt sogar noch eine Gesangs-Einlage.«

Der kniende Kerl greift gerade nach der Hand seiner Fast-Verlobten und säuselt irgendeinen kitschigen Quatsch. Und ich schließe mich Connor an. Das ertrage ich nicht. Mit Blicken durchbohre ich meinen Knöchel. Damit kann ich nicht mal flüchten.

»Komm!«

Ich blicke auf und entdecke Connor, der schon vor mir steht, das Tablett vom Tisch nimmt und die freie Hand in meine Richtung streckt.

»Was?«

»Ob du mitkommst oder nicht, ich und der Champagner ergreifen jetzt definitiv die Flucht.«

Eine Sekunde überlege ich, was wohl das größere Übel wäre, Connor sonst wohin zu folgen oder dem nächsten Pärchen weiter zuzuschauen, das gerade heftig mit der Romantikkeule um sich schlägt.

Keine leichte Entscheidung, aber das Ergebnis ist eindeutig. Wenn es mich davor bewahrt, mir doch noch diesen kitschigen Herzchen-Virus einzufangen, vor dem ich mich seit Tagen wegen Aprils Liebesschnulzen-Orgie fürchte, dann würde ich mit Anlauf und im Highspeed bis in Connor Bexters Bett rennen. Da könnte ich mir wenigstens sicher sein, dass ich definitiv keine Gefühle entwickeln würde. Und ich würde lieber noch einmal auf diese Art erniedrigt werden, als Gefahr zu laufen, demnächst freiwillig romantische Komödien zu sehen oder Spaziergänge am Strand bei Sonnenuntergang machen zu wollen. Urgs!

Zumal diese Art der Erniedrigung ziemlich nett war!

Auch vier Jahre später sorgt allein die Erinnerung dafür, dass sich wohlige Wärme in meinem Unterleib ausbreitet. Verdammt!

»Gehen wir!«, sage ich und hoffe, dass meine Stimme nicht so kratzig klingt, wie sie sich anfühlt. Schnell greife ich nach Connors Arm, lasse mich von ihm hochziehen und wehre mich nicht mal, als er mich beim Laufen so stützt, dass ich meinen verletzten Fuß nicht überlaste.

Im möglichen Maximaltempo stürmen wir auf die Terrasse.

Die eisige Nachtluft fährt mir direkt unters Kleid. Ich zucke zusammen, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. Geschickt schiebt Connor mich auf eine Steinbank und stellt gleichzeitig das Tablett zwischen uns ab, bevor er sich daneben platziert.

Um nicht zu sehr zu zittern, schlinge ich die Arme um mich.

Connor seufzt.

»Bewerte das jetzt bloß nicht über, ich mache das nicht, weil ich damit nett sein will oder irgend so einen Schwachsinn.« Mit einer fließenden Bewegung zieht er sein Jackett aus und legt es mir um die Schultern. »Dein Zähneklappern nervt einfach nur«, erklärt er und greift sich ein weiteres Glas vom Tablett.

»Gut!«, sage ich und nicke schnell. »Wenn du das wirklich getan hättest, um nett zu sein, hätte ich ernsthaft daran gezweifelt, ob es so sinnvoll war, aus dem Horror-Ballsaal der Liebe zu fliehen. Immerhin wollte ich ja wohin, wo es weniger nach Pseudo-Romantik müffelt.«

Mir ist es deutlich lieber, er ist genervt, als dass ihm einfallen könnte, er würde wirklich nett sein wollen. Ich kann mir nicht vorstellen, was mit mir passieren würde, sollte er ganz ernsthaft auf die Idee kommen, kein Arschloch mehr zu sein. Wahrscheinlich platze ich vor Schreck. Oder ich werde spontan ohnmächtig.

»Na wie gut, dass ich deine Erwartungen nicht enttäusche.« Seine Mundwinkel verziehen sich und ich starre ihn an.

»Lächelst du etwa?« Das ist unmöglich. Wenn Connor ohne berechnende Absicht lächelt, dann … friert vermutlich gleich die Hölle zu.

Sofort wird seine Miene wieder ernst. »Das war nur die Freude darüber, dieser Folterkammer entkommen zu sein.«

»Darauf sollten wir ganz dringend trinken!« Ich angele nach einem Glas und stoße es gegen seins, bevor ich es mir anders überlegen kann. Doch statt augenrollend zu verkünden, ich sei albern, erwidert Connor meine Geste.

»Auf das absolute Fehlen jeglicher Romantik.«

Hm … Ich weise ihn jetzt besser nicht darauf hin, dass wir auf einer Terrasse unter dem Sternenhimmel Champagner trinken, während durch die Glastür ›All of me‹ von John Legend dringt. Wow. Die haben es tatsächlich geschafft, eine Live-Liebeserklärung und einen albernen Bilderbuch-Antrag mit noch viel kitschigerer Musik zu garnieren.

Ohne Connor zu korrigieren, nehme ich also einen tiefen Schluck aus meinem Glas.

»Und weißt du, was fast schlimmer war als der ganze romantische Mist?«, überlege ich dann laut.

»Die Musik!« Der zarte Stiel entgleitet beinahe meinen Fingern, als Connor und ich zeitgleich antworten. Sekunden später sind wir in einer angeregten Diskussion über unsere Lieblingsbands vertieft und jammern uns gegenseitig vor, was wir uns an diesem Abend alles antun lassen mussten. Irgendwann vergesse ich sogar, dass ich Connor hasse. Oder der Champagner vergisst es für mich. Auch möglich.

 

Connor

Egal wie man’s dreht und wendet. Ich bin kein verfickter Heiliger. Normalerweise hätte ich es definitiv ausgenutzt, dass die kratzbürstige Lady mit steigendem Alkoholpegel fast schon handzahm wurde. Spätestens als sie mir eine Hand aufs Knie legte, war eine angenehme Wendung des Abends in greifbarer Nähe … Und ich habe verdammt noch mal nicht angefangen, sie zu befummeln. Dabei wäre ein bisschen unverfänglicher, schneller Sex eine nette Entschädigung für den ganzen anderen Schrott gewesen.

Aber da ich ein absolut grenzdebiler Depp bin, habe ich es nicht getan. Ich hätte die Königin der Zicken spontan klarmachen können und tue es nicht. Warum? Weil sie eine Freundin von Masons Neuer ist? Na super. Wenn mich je aufgehalten hätte, dass Mase eine Freundin meiner potenziellen Spielgefährtinnen nagelt, dann wäre ich vermutlich noch Jungfrau.

Gut, dass ich mich echt nicht so dumm angestellt habe. Zumindest sonst nicht. Was war eigentlich mit mir los? Muss der Champagner gewesen sein. Oder dieser ganze kitschige Scheiß rundherum hat mich zu sehr abgelenkt.

Genau! Nur deshalb habe ich ihr nicht direkt auf dieser bescheuerten Terrasse den Rock hochgeschoben und sie auf dieser unbequemen Steinbank um den Verstand gevögelt. Lieber war ich so dumm, ihr mein gebuchtes Hotelzimmer vor Ort zu überlassen, das eigentlich dazu gedacht war, zu sichern, dass ich nicht schwachsinnig mitten in der Nacht durch die halbe Stadt gondeln muss. Trotzdem habe ich, statt mich in ein sehr bequemes Hotelbett zu schmeißen und vor Ort komfortabel meinen kleinen Rausch auszuschlafen, eine Ewigkeit damit verbracht, irgendwo ein Taxi aufzutreiben.

Nur wegen einer Frau.

Einer Frau, die ich noch nicht mal flachgelegt habe.

0