Schnipsel zu The Football-Deal

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April

 

Gedankenverloren sehe ich aus dem Fenster, begutachte meine letzte, kostbare Tasse und stelle sie zurück ins Regal, als mir ein Auto auffällt. Auf der Straße, die direkt auf das Café zuführt, ist das eigentlich nichts Besonderes. Es ist die Hauptstraße von New Port, also fahren ständig Autos vorbei, aber selten teure Wagen. Und schon gar keine Ferraris, die auffällige Haken schlagen. Das Auto schlingert, nutzt die ganze Straßenbreite, und selbst als es wirklich, wirklich Zeit wird, zu lenken …

Was zum Henker …?

Ich kann mich gerade noch hinter die Theke fallen lassen, bevor das Splittern von Glas und das Aufheulen eines Motors durch das vormals wunderschöne Café hallen. Einen Moment dröhnt die Geräuschkulisse heftig in meinen Ohren. Vor meiner Nase treibt eine Wollmaus vorbei. Vielleicht hätte ich unter der Theke mal sauber machen müssen. Die hellblauen Fliesen hätten auch eine Sanierung nötig, stelle ich fest und mustere den Boden.

Dann setzt mein Denken wieder ein. Bin ich eigentlich bescheuert, mich mit so was zu beschäftigen? Es ist gerade ein verdammtes Auto in mein Café gefahren!

Plötzlich ist es unheimlich still. Probehalber klopfe ich mir auf die Ohren und stelle erleichtert fest, dass ich nicht taub geworden bin. Hinter mir fällt eine Tasse aus dem Regal. Automatisch strecke ich eine Hand aus und fange sie auf. Vorsichtig richte ich mich auf, platziere das kostbare Stück vor mir auf dem Tresen und sehe das Einzige, was ich heute im Café noch weniger erwartet hätte als Gäste: einen verflixten Ferrari.

Ein paar der Tische hat es nach hinten geschoben, die Stühle sind umgekippt, aber da zumindest meine Möbel recht massiv sind, haben sie den Aufprall gut überstanden. So weit hält sich der Schaden also in Grenzen. Falls man die zerstörte Scheibe und die Bremsspuren auf den Fliesen nicht mitrechnet, heißt es. Der Wagen steht schräg. Offensichtlich hat dieser reiche Trottel immerhin noch gemerkt, dass er gerade direkt in meine Existenz rast.

Es knirscht, als die Reste des Schaufensters vom Autodach rutschen. Dann wird die Tür geöffnet und jemand flucht lautstark. Ein Mann. Bisher war ich so beschäftigt mit der Schadensaufnahme, dass ich keine Sekunde an den Fahrer gedacht habe. Immerhin könnte er verletzt sein!

Schnell springe ich an der Theke vorbei und eile auf das Auto zu.

»Geht es Ihnen gut?«, rufe ich ihm zu.

Fluchend schiebt sich ein nachtschwarzer Haarschopf hinter der Tür hervor. Es folgt eine große Hand mit langen, schlanken Fingern, die sich auf den Türrahmen legen.

»Alles in Ordn…?« Mir bleibt die Frage im Hals stecken, als auch der Rest des Mannes sichtbar wird. Hinter der Tür des teuren Angeberschlittens erscheint ein Kerl mit dem Gesicht einer griechischen Götterstatue. Das tiefe Dunkelblau seiner Augen irritiert mich. Mein Herz setzt einen Schlag aus und meine Knie fühlen sich merkwürdig instabil an. Irgendwas in meinem Kopf wartet darauf, dass ein Schildchen neben ihm erscheint, das ihn als ›Abbildung des Eros‹ ausweist. Natürlich passiert das nicht.

Was daran liegen könnte, dass Eros ziemlich angefressen aussieht. Er funkelt mich an.

»Sag mal, was soll denn das?«, meckert der ungehaltene griechische Gott.

Moment? Sollte ich diese Frage nicht stellen?

»Ähm … wie bitte?«, mache ich.

Komm schon April, der Kerl muss denken, du bist total dämlich!

»Was das soll, hab ich gefragt! Hier war noch nie ein Laden! Wo kommt der so plötzlich her?«

Ich blinzele, schüttele den Kopf, blinzele wieder. Das kann nur ein schräger Traum sein. Aber egal, wie oft ich versuche, das Bild vor meinen Augen zu vertreiben, im Café steht immer noch ein verdammtes Auto! Auch der Typ verschwindet nicht.

»Dieser Laden …«, sage ich langsam und gebe mir Mühe, meine Gedanken zu sortieren. Der Schock über den Unfall verlangsamt keine Denkfähigkeit wohl nach wie vor.

Ja, klar, der Unfall. Nicht vielleicht der ultraheiße Typ?

Ich schiebe die kleine nervige Stimme zur Seite. Die hat gerade nichts zu melden! Erst recht nicht, wenn sie so einen Unfug daherquatscht.

»… steht hier schon etliche Jahre. Vor dem Café war hier drinnen ein Blumengeschäft. Und davor ein Frisör und …« Ich schüttele erneut den Kopf, um mich selbst am Plappern zu hindern.

»Was?«, fragt Eros irritiert und starrt mich an, als wären mir Antennen aus der Stirn gesprossen.

»Du bist durch mein Schaufenster gefahren!«, meckere ich, und es klingt in meinen Ohren dermaßen bescheuert, dass ich einen Blick zu der Wand werfe, in der gerade noch das lädierte Fenster hing. Als müsste ich nachsehen, ob sie tatsächlich offen ist. Ist sie.

»Du meinst, dein Laden ist in mein Auto gekracht!« Er sieht ernsthaft wütend aus.

»Was?«, frage ich. An irgendeiner Stelle muss ich den Anschluss verloren haben. Mein Laden ist in sein Auto …? Was ist das denn für ein Unsinn? Er redet wirres Zeug, also ist er entweder total blau, oder er hat eine Gehirnerschütterung oder so was. Das Bild des Haken schlagenden Autos schiebt sich wieder vor mein inneres Auge. Das macht Vermutung Nummer eins wohl ziemlich naheliegend.

»Bist du betrunken?« Die Frage rutscht mir über die Lippen, ohne dass ich darüber nachdenke.

Er öffnet gerade den Mund zu einer Antwort, da klingelt ein Handy. Entnervt greift der Kerl in seine Hosentasche und zerrt ein nagelneues Smartphone hervor. Das neueste iPhone, wenn mich nicht alles täuscht. Natürlich, bei so einem Auto hat der Typ wahrscheinlich Geld wie Heu.

»Entschuldige mal …!«, beginne ich, aber er hebt gebieterisch eine Hand und schneidet mir damit das Wort ab, während er den Anruf annimmt.

Was? Einfach nur … was???

 

 

Mason

 

 

»Was?«, belle ich ins Telefon. Dass die kleine Blondine mich nicht aus den Augen lässt, weiß ich, auch ohne sie anzusehen. Würde mich wundern, wenn nicht. Sie mag zwar hübsch sein, aber New Port ist nicht unbedingt die Stadt der ultraheißen Männer, also hat sie Typen wie mich wohl nur in ihren feuchten Träumen gesehen.

»Du sollst nicht ständig einfach auflegen, Vega!« Joshua meckert und meckert aus dem Telefon. Schon wieder. Mich überkommt der heftige Drang, das Handy zu werfen. Vermutlich habe ich heute sowieso mein Auto geschrottet, was sind da ein paar Hundert Dollar mehr oder weniger?

Obwohl ich sie nicht ansehen will, gleitet mein Blick doch zu der stumm glotzenden Blondine. Sie hat die Haare zu einem lockeren Knoten gesteckt, in dem Durcheinander haben sich ein paar Strähnen gelöst, sodass sie bis auf den Stoff eines altbackenen Blümchenkleids fallen. Unter dem sackigen Teil zeichnen sich glatt die Ansätze von möglicherweise sogar ganz brauchbaren Brüsten ab, sie scheint schlank zu sein, jedenfalls vermute ich das. Ihre Füße stecken in Schuhen mit Schnallen! In welchem Jahrhundert ist die denn stehen geblieben? Eine weiße Schürze mit diesen Oma-Kräuselfalten am Saum macht ihr ›Ich-will-jungfräulich-sterben-Outfit‹ komplett. Ich kann ganz ehrlich sagen, dass ich noch nie etwas gesehen habe, das so effektiv jeden Ständer in der Umgebung von mehreren Meilen töten könnte, wie dieser Look. Dabei könnte die Frau darunter sogar ziemlich heiß sein. Schwer zu beurteilen in diesem Ding.

Immerhin hat sie ein hübsches Gesicht. Eine kleine, grade Nase, volle Lippen und große, hellbraune Augen, die mich anschauen, als hätte ich gerade fucking Bambis Mutter getötet.

»Bin beschäftigt«, sage ich zu Joshua und lege auf. Garantiert wird er rasend vor Zorn, aber das kann warten. Was nicht warten kann, sind mein Auto und der vorwurfsvolle Blick von Miss Verirrtes-Rehkitz. Bisher hat sie offensichtlich noch nicht geschnallt, wer ich bin. Und es wäre besser, wenn das so bleibt. Ja, ich hätte nichts gegen Schlagzeilen, die mich mit einer Frau zeigen, aber ich dachte da an Mädchen, die sich für mich ausziehen, nicht an eine, die im Sexbremsen-Kleidchen neben meinem Auto in ihrem Café posiert. Um zu wissen, dass das wirklich schlechte Presse wäre, brauche ich Yoshi nicht.

»Also«, wende ich mich wieder an die Frau, die jetzt praktisch nur noch aus Augen besteht. Wie dieser bescheuerte Kater in Shrek. Wie macht sie das? Ich fahre mir mit einer Hand durch die Haare und merke zu spät, dass ich mir damit die verschüttete Cola in die Frisur schmiere. Na herrlich. Da sowieso im Prinzip jeder Zentimeter von mir klebt, könnte mir das bisschen eigentlich auch egal sein.

Das ist so was von nicht mein Tag.

»Wir einigen uns einfach darauf, dass deine marode Bude meinen teuren Wagen angegriffen hat. Ich bin ein braves Opfer und mache kein Drama draus, okay?«, schlage ich vor. Das klingt selbst in meinen Ohren bescheuert. Komm schon, Mason! Du hast dich auch mal besser aus deinem Mist freigequatscht!

»Was?« Bambi blinzelt. Einmal. Zweimal. Dann schüttelt sie den Kopf. Und plötzlich werden ihre riesigen Augen schmal. Sie stemmt die Hände in die Hüften und sieht aus wie ein wütender Oma-Gartenzwerg. Ich hole tief Luft und versuche krampfhaft, nicht zu lachen.

»Das darf doch nicht wahr sein!« Sie schreit nicht mal, offenbar ist sie selbst dazu zu perplex. Fein, dann habe ich mir den Stress immerhin schon mal gespart. »Du … das …« Fahrig deutet sie von meinem Auto zu mir und zurück.

»Das … Ich rufe jetzt die Polizei!«

Damit hätte ich wohl rechnen müssen.

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