Schnipsel zu My fair Christmas

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Zurück im Schlafzimmer sammle ich im Vorbeigehen hastig meine Kleidungsstücke auf, als ich ein leises Rascheln vernehme und die vage Hoffnung in mir aufkeimt, dass Monty schuldbewusst meine Unterwäsche retourniert. Als ich jedoch aufsehe, erstarre ich beinahe. Die Malediven haben mich ziemlich unverhohlen ins Visier genommen und hegen offensichtlich den Vorsatz, mich nicht so schnell wieder aus ihrem Bann zu entlassen. Was ihnen dieses Mal jedoch nur bedingt gelingt, denn meine Aufmerksamkeit richtet sich auf die Etage weiter unten. Vor mir steht ein wahrer Adonis in ausgebeulten grauen Jogginghosen. Sein nackter Oberkörper ist absolut mouth-watering, Perfektion auf die Spitze getrieben – wie von Michelangelo höchstpersönlich gemeißelt. Diese Bauchmuskeln. Mund zu, Finn, Mund zu!

Mit einem verwegenen Lächeln lehnt Luke im Türrahmen und lässt den Träger meines Push-up-BHs vom rechten Zeigefinger baumeln. »Suchst du das hier?«, fragt er heiter.

Shit.

»Äh … Guten Morgen«, bringe ich gerade so hervor, richte mich auf und ziehe den Saum meines übergroßen Sweatshirts möglichst unbemerkt nach unten. Erstaunlich ungeniert lässt er seinen Blick über meine Beine gleiten und legt dann den Kopf schief. Etwas, das verdächtig nach Vergnügen aussieht, erglimmt in seinen Augen. »Dir auch einen wunderschönen guten Morgen!« Einen derart süffisanten Tonfall haben meine Ohren bisher noch nicht vernommen.

Mein staubtrockener Mund ist zu einer Frage geöffnet, doch es will einfach nichts über meine Lippen kommen.

»Gut geschlafen?«, erkundigt er sich, in derselben neckischen Tonlage.

»Mhm.« Ich trete unschlüssig von einem Bein aufs andere und erwäge, ob ich die Frage stellen soll, die mir so dermaßen auf der Zunge brennt, dass ich Grisu, dem kleinen Feuerdrachen Konkurrenz machen könnte. Ein Sturm in den Ausmaßen von Hurrikan Ronda fegt durch mein Gehirn, wirbelt Erinnerungen und Gedanken durcheinander, sodass ich ein Fall für den Katastrophenschutz sein könnte.

»Luke«, sage ich, während ich die Frage möglichst elegant und würdevoll in meinem Kopf formuliere. Aber wie ich es auch drehe oder wende, rdevoll komme ich aus der Sache nicht heraus.

»Haben wir …« Verdaaammt, das ist noch schwerer als gedacht. »Gestern Nacht … wir haben doch nicht …«, stammle ich verlegen vor mich hin und hege den zarten Hoffnungsschimmer, er wäre Gentleman genug, um mich zu erlösen, sodass ich die peinlich-pikante Frage nicht aussprechen muss.

Seine Mundwinkel kräuseln sich zu einem versonnenen Lächeln, seine Stirn legt sich in Falten, als er eine Augenbraue nach oben zieht und diesen höllisch heißen Gesichtsausdruck aufsetzt.

Er lässt mich zappeln, war ja klar.

Nach einer gefühlten Ewigkeit – in der ich Tausend Tode sterbe – beugt er sich vor, senkt die Stimme zu einem verführerischen Flüsterton und sagt mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln: »Ich muss dich enttäuschen, Zuckerschnecke. Wir hatten keinen Sex letzte Nacht.«

Ich atme übertrieben erleichtert aus, was er zum Anlass nimmt, mir in raunendem Tonfall ins Ohr zu wispern: »Wenn dem so wäre, würdest du dich erinnern, glaub mir«. Um das auch noch zu untermauern, grinst er mich verklärt, frech und eeeetwas überheblich an. Tsss.

Ich gebe ihm einen Klaps auf den muskulösen Oberarm – dieser Bizeps, Himmel –, woraufhin er mir einen Kuss auf die Wange haucht.

»Du bist also nicht nur im Skifahren ein Champion, wie?«, stachle ich ihn ein bisschen auf.

»Unter anderen Umständen könnte ich jetzt QED sagen … nur müssten wir erat mit esset ersetzen.«

Was es zu beweisen gilt. »Latein. Ich bin beeindruckt«, flöte ich erstaunt.

»Vor dir steht ein Mann mit vielen Talenten«, rühmt er sich stolz – mit glimmendem Glühen in den türkisgrünen Augen. Sie lodern regelrecht, auf den Malediven entfacht gerade ein Waldbrand. Flammen züngeln die wildwachsenden Kokospalmen empor und lassen die Vegetation lichterloh brennen.

»Hmm, was es erst zu beweisen gilt«, necke ich ihn aufreizend und kann meinen flirtenden Unterton nicht verbergen.

»Du willst einen kleinen Vorgeschmack?«

Bevor ich antworten kann, schließt er den ohnehin schon schmal bemessenen Abstand zwischen uns, schlingt den linken Arm um meine Taille und umfasst mit der anderen Hand mein Gesicht. Ich bin so überrascht, dass ich nicht fassen kann, was gerade passiert. Luke, der zurückhaltende, ruhige Stoiker, ist in Wahrheit ein explosiver Vulkan!

Nach kurzem, feurigem Blickkontakt begegnen sich unsere Lippen. Anfänglich zart und flüchtig wie ein sanfter Wimpernschlag. Weich und gefühlvoll, dennoch elektrisierend. Wir erkunden einander, schmecken einander. Wie heißt es, ein Kuss spricht Bände? Das hier ist garantiert ein heißer Reihenauftakt. Voller sexy Versprechen, verlockend und verheißungsvoll. Wow, ich glaube, ich träume. Wie oft hatte ich mir ausgemalt, ihn zu küssen? Seit ich Luke zum ersten Mal begegnet bin, fragte ich mich, wie es wohl wäre, wenn seine Lippen die meinigen berührten. Wie sie sich anfühlen würden. Wie sie schmecken würden. Bei Gott, die Realität übertrifft meine äußerst lebendige und ausgeprägte Illusionskraft um Längen. Ich kann nicht glauben, wie erotisch dieser Kuss ist. Oder besser gesagt, diese sse. Sie werden intensiver. Härter und leidenschaftlicher und brandgefährlich. Der Funken springt über, entzündet eine Lunte, die im Lauffeuer mein Innerstes hinabbrennt und eine Ladung Dynamit zum Explodieren bringt.

Atemlos unterbreche ich unser wildes Geknutsche, öffne die Augen und löse mich ein winzig kleines Stückchen von ihm. »Das ist unser erster Kuss, … oder?«, hauche ich an seine bebenden Lippen.

»Du kannst dich wirklich an nichts erinnern?«

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