Schnipsel zu Mr. Dealmaker

Lesezeit: ca. 10 Minuten

Kyle

 

Als Stammgast im Gentlemen’s Paradise komme ich einmal im Monat, suche mir innerhalb von fünfzehn Minuten eine nette Dame und verschwinde mit ihr in einen der geschmackvoll eingerichteten Räume. Heute Abend hingegen will mir keine so recht gefallen. Meine Gedanken sind auf der Arbeit. Lüge. Um ehrlich zu sein, denke ich pausenlos über Ms. Cameron nach. In den letzten Tagen habe ich es geschafft, sie immer mehr für Haushaltsdinge einzuspannen, sodass die Zeit, die sie sonst mit Cassy verbracht hat, stark reduziert wurde. So weit, so gut. Nur warum hatte ich dauernd den Drang, sie zu beaufsichtigen? Sie in der Nähe zu haben, zu sehen, was sie tut und vor allem, wie sie es tut?

Ich gestatte mir einen großen Schluck und winke die nächstbeste Frau an meine Seite.

»Guten Abend, Mr. McConnor, wie kann ich Ihnen heute behilflich sein?« Die Latinaschönheit bewegt im Rhythmus der Musik die Hüfte und fährt sich durch die langen Haare.

»Lenken Sie mich ein wenig ab. Ich bin … gestresst«, sage ich und überlasse es ihr, ein geeignetes Gegenmittel zu wählen. Sie entscheidet sich für einen sinnlichen Lapdance. Direkt hier. Aber es ist mir gleich, die anderen Besucher sind beschäftigt, solange sie den Tanz nicht mit einem Extra enden lässt, soll es mir recht sein. Ihre fließenden Bewegungen sind das komplette Gegenteil von Ms. Camerons ruckartiger Putzmotorik. In meiner Kaffeepause hat sie den Konferenztisch bearbeitet, als wäre sie in einer Schreinerei am Schmirgeln. Sicher zieren ihn nun mehrere Kratzer für die ich sie … übers Knie legen sollte. Fuck. Warum macht mich der Gedanke an Leila auf meinem Schoß, den blanken Hintern hochgereckt, so hart? Ach ja, die Latina reibt gerade ihren knackigen Po an meinen Schritt. Kein Wunder.

»Gefällt Ihnen das?«, fragt sie keck. Ich nicke nur. Welcher Mann würde hier verneinen?

Ich genehmige mir einen weiteren Schluck. Wenn ich zu Hause bin, werde ich die Weinflasche, die mich vor zwei Jahren ein halbes Vermögen gekostet hat, wieder an ihren angestammten Platz im Weinkeller bringen. In einer Auktion hatte ich sie erstanden und mir vorgenommen, sie für einen ganz besonderen Moment aufzuheben. Den Moment, in dem es mir gelingt, mit der Hehlerbande abzurechnen, die damals für so viel Chaos in meinem Leben gesorgt hat. Bald kann ich endlich von ihr kosten. Abschließen mit der Vergangenheit, zur Ruhe kommen, nach vorne schauen. Ms. Cameron wird dann nicht länger bei uns weilen. Mich nicht weiter mit ihrer Verantwortungslosigkeit in den Wahnsinn treiben. Mir nicht vor Augen führen, was für ein kläglicher Dad ich bin. Auch wenn ich es ungern zugebe, die Wut, die ich hatte und zum Teil immer noch habe, richtet sich zum Großteil gegen mich. Warum habe ich die letzten Jahre mehr Zeit damit verbracht, den Hehlern nachzujagen oder mich in meine Arbeit zu vergraben, anstatt meine Tochter aktiv aufwachsen zu sehen? Für sie da zu sein. An der Einsamkeit in ihrem Blick bin ich selbst schuld. Den Therapeuten, den ich mal in Erwägung gezogen hatte, kann ich mir im Grunde sparen. So wie den Lapdance. In meinem Schritt ist alles wieder abgekühlt, die Berührungen der Frau mit einem Mal unerträglich.

Ich gebe ihr ein Zeichen und bedanke mich mit einem größeren Scheinchen. Dann erhebe ich mich. Das hat heute keinen Sinn. Das Gentlemen’s Paradise war für mich immer ein Ort der Freude. Ich konnte verlässlich von meinem stressigen Alltag abschalten und kam entspannt nach Hause. Jetzt fühle ich mich fast noch mehr unter Spannung als vorhin.

 

Eine dreiviertel Stunde später parke ich den Lamborghini vor meinem Anwesen und betrete mies gelaunt das Eingangsfoyer. Ob Ms. Cameron schon schläft? Wie sie wohl den Abend verbracht hat?

In der Küche ertappe ich sie bei etwas, das garantiert verboten ist. So schnell wie ihre Hände hinter ihrem Rücken verschwunden sind, muss es etwas sein, das ich definitiv nicht gutheißen werde. Sie schluckt. Ihre Lippen glänzen feucht. Flink huscht ihre Zunge einmal kurz drüber. Bin ich ein Perversling, weil es mir schwerfällt, den Blick davon abzuwenden?

»Was verbergen Sie da?« Meine Stimme ist rau. Mich zu räuspern, kommt aber nicht infrage. Nicht vor ihr. Nicht, wenn sie mich so fucking selbstbewusst angrinst.

»Ich strecke mich nur. Mein Rücken ist ziemlich verspannt.« Sie sagt es, als wäre das mein Verdienst.

Langsam gehe ich auf sie zu.

»Und mit was strecken Sie sich?«

»Vielleicht mit meiner Belohnung?« Verdammt, das hört sich nicht gut an.

»Weswegen verdienen Sie eine Belohnung?« Beim Zurückweichen stößt sie an eine Kante. Ich höre ein leises Klirren. Dann platscht ein roter Schwall Flüssigkeit auf den Fußboden. Wein. Okay. Solange es nicht gerade die besondere Flasche ist, kann ich es ihr durchgehen lassen. Schließlich hat sie wirklich hart geschuftet. Trotzdem hätte sie fragen müssen. Sich an meinem Eigentum zu bedienen, hat noch keine Bedienstete gewagt.

»Ich bin nicht Ihr Sklave«, fährt sie mich an.

Ich hebe eine Augenbraue. »Sie sind eine Kriminelle. Wenn Sie sich an meinem Vorrat vergriffen haben, spricht das nur für ihre fragwürdige Natur.«

»Sehen Sie es eher als Aufwandsentschädigung«, sagt sie und führt eine Hand wieder hervor. Sie hält ein halb volles Weinglas. Provozierend nimmt sie einen Schluck und schaut mir dabei in die Augen.

Mir wird heiß. Bevor sie einen weiteren Schluck nehmen kann, ergänzt sie: »Außerdem sind Sie hier der Kriminelle. Freiheitsberaubung und Diebstahl nennt sich das, was Sie hier veranstalten, klingelt da was?«

»Denken Sie nicht, dass Sie das mit Ihren Aktionen verdient haben?«

Ms. Cameron schnaubt auf. »Sie sind ein arroganter Sadist, der sich an meinem Leid ergötzt«, faucht sie.

»Hätte Ihnen ein Sadist einen Bikini geschenkt und Ihnen ein eigenes Zimmer zugebilligt? Ihnen erlaubt, unser Essen zu essen und … Das darf doch wohl nicht wahr sein?!« Ms. Cameron hat mit hämischen Blick den verborgenen zweiten Gegenstand hinter ihrem Rücken hervorgeholt. Es ist eine Weinflasche. Die Weinflasche, mit der ich meinen Sieg feiern wollte.

»Wissen Sie, was die wert ist?«

»Na, so viel wie meine Arbeitskraft«, sagt sie schulterzuckend.

»Die ist nichts wert«, knurre ich unüberlegt.

»Gut, dass wir das geklärt haben, dann macht das ja nichts aus …« Die rasche Bewegung sehe ich nicht kommen. Ich fühle das Ergebnis auf der Brust, ehe ich richtig begreife, das Ms. Cameron mir den Wein aus dem Glas übergeschüttet hat. Entgeistert schaue ich an mir herunter. Zum Henker, das hat sich noch niemand getraut. Das wird sie mir büßen!

Langsam öffne ich Knopf für Knopf und sehe dabei zu ihr. Sie scheint über ihre Aktion selbst erstaunt zu sein. Kurz flackert Unsicherheit in ihrem Blick auf, doch dann reckt sie das Kinn in die Höhe und funkelt mich herausfordernd an.

»Das hätten Sie nicht tun sollen«, sage ich mit einem bedrohlichen Unterton. Mein Hemd ist nun offen. Ich streife es ab und feuere es auf den Boden. Danach folgt das ebenfalls rot durchtränkte Unterhemd. Mit nacktem Oberkörper stehe ich vor ihr, schwer atmend, wie ein Bulle vor seinem Rodeoeinsatz.

»Wollen Sie, dass ich Sie wie ein richtiger Sadist behandele?«

»Sorry, ich fahre nicht auf BDSM oder so’n Kram ab«, teilt sie mir unerschrocken mit. Wenn ich nicht so extrem wütend wäre, hätte mich ihr Kommentar zum Schmunzeln gebracht. Wie der Fall liegt, kann sie aber noch zehnmal den Clown herausholen, ändern wird sich nichts.

Um wenigstens etwas vom edlen Tropfen zu retten, will ich nach der Flasche greifen, aber sie kommt mir zuvor. Setzt sich die Öffnung direkt an den Mund. Wein rinnt an ihrem Kinn entlang, durchnässt ihr Shirt. Als sie nicht mehr trinken kann, senkt sie die Flasche. Sofort nehme ich sie an mich. Nur bringe ich sie nicht in Sicherheit, sondern lasse ebenfalls die perlige Flüssigkeit meine Kehle hinunterfließen. Er schmeckt leider überhaupt nicht wie erwartet. Eigentlich gut, dass er jetzt aufgemacht wurde und mich somit an meinem wichtigen Tag nicht enttäuschen kann. Ein wenig besänftigt stelle ich die Pulle auf die Kücheninsel. Sobald meine Augen die junge Frau wieder erfassen, gibt mir mein Körper jedoch zu verstehen, dass die Situation damit noch lange nicht geklärt ist. Das einsetzende Brodeln unter meiner Haut macht mich ganz kirre. Sie hat es eindeutig darauf angelegt, bestraft zu werden!

»Mitkommen«, brumme ich und drehe mich um.

»Und wenn ich nicht will?«

»Dann komm ich Sie holen. Und glauben Sie mir, dass möchten Sie nicht riskieren!« Ich schaue über die Schulter, werfe ihr meinen grimmigsten Blick zu. Sieht aus, als hätte sie ihr Pulver verschossen. Wortlos setzt sie sich in Bewegung und folgt mir in mein Schlafzimmer.

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