Schnipsel zu Kings of Venom

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»Duck dich!«, ruft N.C., weil er vermutlich genauso wenig Vertrauen in die Qualität der Windschutzscheibe hat wie ich. Ohne meine Reaktion abzuwarten, greift er mit seiner Hand nach meinem Kopf und drückt ihn hinunter in seinen Schoß. Keine Sekunde zu früh.

In dem Moment zerbirst das Glas. Ich presse die Augenlider zusammen und versuche das Klingeln in meinen Ohren loszuwerden. Für einen Moment fühle ich mich beinahe taub. Ich höre N.C. zwar etwas brüllen, den Wind von draußen, weitere Schüsse und Schreie, doch alles ist so weit weg, als hätte man mich in Watte gepackt.

Für ein paar Herzschläge genieße ich die Dunkelheit und die Ruhe, in die ich gehüllt bin. Der Wagen ruckelt, doch ich werde nicht mehr so wild hin und her geworfen, weil N.C. meinen Kopf noch immer festhält. Zusätzlich halte ich mich mit einer Hand unten an seinem Sitz fest und mit der anderen kralle ich mich in seinen Oberschenkel.

Verdammt.

Sein Oberschenkel.

Meine Nase presst sich genau dagegen. Blut schießt mir in die Wangen, doch ich rühre mich nicht. Wage es kaum zu atmen. So langsam kehren meine Sinne wieder zurück. Das Klingeln in meinen Ohren lässt nach, stattdessen höre ich das Rauschen des Fahrtwindes. Spüre den groben Stoff seiner schwarzen Jeans an meinem Gesicht.

N.C. hat die Hand von meinem Kopf genommen und wir scheinen mittlerweile eine ruhige Strecke zu fahren. Keine halsbrecherischen Wendemanöver. Keine Kugeln, die an uns vorbeifliegen.

Ich drehe meinen Kopf etwas nach links, damit ich besser Luft bekomme. Mit der Zunge fahre ich mir über die trockenen Lippen, schlucke, um meine brennende Kehle zu befeuchten, die sich ganz rau anfühlt von den Schreien der letzten Minuten.

Mein Blick ist auf N.C.s Ledergürtel gerichtet, der sich nur wenige Zentimeter vor meiner Nase befindet.

»Du darfst ruhig noch weiter da unten liegen bleiben, aber es wird langsam etwas eng«, reißt mich seine Stimme aus den Gedanken.

Ruckartig hebe ich den Kopf und stemme mich mit den Händen in die Höhe. Ich muss nicht genauer hinschauen, um zu wissen, was er meint, trotzdem bleibt mein Blick unterhalb seines Gürtels hängen. Ich scanne seinen Schoß, bis ich die deutliche Ausbeulung sehe. Meine Augen werden groß.

Scheiße, scheiße, scheiße.

Wie von der Tarantel gestochen weiche ich von ihm zurück, was mir mein Körper schlagartig dankt. Erst jetzt bemerke ich, wie schmerzlich sich der Gurt in meine Seite geschnitten hat und wie unbequem ich eigentlich über die Mittelarmkonsole gebeugt lag.

Wie kann er in unserer Situation bloß an etwas Sexuelles denken?

Sei nicht so scheinheilig, Rachel. Hättest du dich nach der letzten Schießerei nicht am liebsten direkt von ihm flachlegen lassen?

Dabei hatte er seinen Kopf nicht in meinen Schoß gedrückt.

»Tut … tut mir leid«, murmele ich und fege ein paar Scherben von meinen Oberschenkeln. Überall im Auto liegen hagelkorngroße Glassplitter.

N.C. wirft mir einen schnellen Seitenblick zu. »Wofür entschuldigst du dich?«

Gute Frage, eigentlich dafür, dass ich ihn unabsichtlich in die unangenehme Situation einer Erregung gebracht habe, die definitiv unpassend ist. Aber offensichtlich bin ich diejenige von uns beiden, die es unangenehmer findet. Also sollte ich mich vermutlich dafür entschuldigen, dass ich ihn und seine Leute in solch eine Gefahr gebracht habe. Mittlerweile ist es unbestreitbar, dass die Männer nach mir gesucht haben. Weshalb auch immer.

Damals, als Dad noch als Staatsanwalt gearbeitet hat und einer der Wenigen war, die sich nicht schmieren ließen, hatten wir ständig in Gefahr gelebt. Auch wenn ich es nie begriffen habe – bis zu dem Tag, an dem sie Mom erschossen.

Doch mittlerweile ist Dad nicht mehr als Anwalt tätig. Er hat seine Arbeit niedergelegt, schon vor Jahren! Er hat aufgegeben, die Bösen hinter Gitter zu bringen, weil er Moms Verlust nicht ertrug. Also sind diese Kriminellen nicht wegen ihm auf mich aus.

Ich antworte N.C. nicht, sondern wende den Kopf und starre nach vorne durch die kaputte Windschutzscheibe. Wir befinden uns auf einer Landstraße mitten im Nirgendwo. Die trockene wüstenartige Umgebung sieht aus, als würden wir durch das Death Valley fahren, auch wenn ich weiß, dass wir uns viel zu weit südlich dafür befinden. Ob wir mittlerweile schon in Mexiko sind? Hat er mich vielleicht über die Grenze gefahren, während ich meine Nase in seinem Schritt hatte?

Nein. Hör auf, dir etwas zusammen zu spinnen. N.C. wird mich gleich mit Sicherheit wieder nach Hause bringen und die Erinnerungen an den heutigen Tag werden schon bald nichts weiter sein als ein paar wirre Tagebucheinträge.

Vielleicht sollte ich aufhören, mich nach Abenteuern zu sehnen.

Vielleicht kommt der Wunsch nach Freiheit einer Todessehnsucht gleich.

Doch warum habe ich es dann trotzdem nicht eilig, dass N.C. umdreht und mich nach Hause fährt?

 

***

N.C.

 

Deine Wangen leuchten tiefrot, was nicht hilfreich für die Enge in meiner Hose ist. Auch wenn du jetzt nachdenklich aussiehst, fällt es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, der nichts mit deinen rosigen geschwungenen Lippen zu tun hat.

Fuck, ich will nicht daran denken, wie nah dein unschuldiges Engelsgesicht gerade meinem Schwanz war. Ich bin aus der Zeit herausgewachsen, in der ich mir jedes süße Mädchen, dem ich begegnete, unter mir liegend vorgestellt habe. Es ist nicht so, dass ich keinen Spaß mehr an Sex habe, aber normalerweise überwältigt die Lust mich nicht aus heiterem Himmel. Seit ich Cedrics rechte Hand bin, vögele ich keine dahergelaufenen weißen Gören mehr – wie Callum dich genannt hat.

Mädchen wie du schaffen es nicht mehr, mir den Kopf zu verdrehen, indem sie mich mit ihren Rehaugen anklimpern oder zufällig meinen Schritt streifen. Ich bin abgestumpft, und das nicht nur, was das Töten von Menschen angeht.

Ich entscheide, wann ich wen ficke und nicht umgekehrt. Und du, mein kleiner süßer Pfirsich, stehst gewiss nicht auf der Liste.

Trish hatte recht: du bedeutest Ärger. Ich sollte dich irgendwo in dieser Einöde aussetzen und zusehen, dass ich die Wogen bei den Vipers geglättet bekomme, ohne dass Cedric Wind von dir bekommt.

Mein Schwanz pulsiert und ist anderer Meinung. Du könntest mir zur Wiedergutmachung zumindest einen blasen, für all die Scheiße, die ich für dich auf mich genommen habe. Der Gedanke schießt durch mich hindurch wie ein Blitz. Ich müsste nur meinen Gürtel öffnen, meinen Schwanz befreien und dich zurück in meinen Schoß drücken. Du würdest daran saugen, oder Peach?

Du tust so unschuldig und brav, und ich weiß noch nicht, ob es nur eine Masche ist oder ob du vielleicht tatsächlich noch Jungfrau bist, aber deine Lippen würdest du bestimmt über mich stülpen. Ein Teil von mir würde das gern herausfinden wollen. Meine Theorie auf die Probe stellen.

Hitze sammelt sich in meinem Magen und strahlt bis in meine Finger.

Reiß dich zusammen, Nero, ermahne ich mich und blinzele mehrmals, um die Straße wieder vor Augen zu sehen. Ich muss dich loswerden und Cedric die Schießerei im Venoms Riff erklären, bevor er von anderen davon hört!

Meine Lust werde ich heute Abend anderweitig los.

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