Schnipsel zu Boss Kisses

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Nervös schiebt sie ihre kleinen Füße auf der Matte hin und her. »Lassen Sie es doch einfach raus. Sehen wir es als grüne Karte«, kichert sie.

»Grüne Karte?«, wiederhole ich, mal wieder wie der Idiot, in den ich mich allmählich verwandle.

»Na die rote und die gelbe gibt’s doch schon. Also machen wir einen Deal. Drei Minuten, keine Konsequenzen. Sie sagen mir alles, was Ihnen gerade durch den Kopf geht. Sie zücken die imaginäre grüne Karte.«

»Du willst wissen, was mir durch den Kopf geht?«

Sie dreht ihren Körper ein Stück in meine Richtung, was nur dafür sorgt, dass mein Hemd an ihren Oberschenkeln noch mehr Haut zum Vorschein bringt, weil es nach oben rutscht.

»Du machst mich wahnsinnig«, platzt es mit einem Mal aus mir heraus, ohne ihre Antwort abzuwarten.

»Okay«, erwidert sie euphorisch und ich blicke sie zornig an. »Halt die Klappe, Summer. Das sind meine drei Minuten. Also halt verdammt noch mal endlich die Klappe, ehe ich sie dir stopfe.« Ich bemerke im Augenwinkel, wie sie zusammenzuckt, aber die Bombe ist geplatzt. Für eine Entschärfung ist es längst zu spät. »Dein Arsch. Weißt du. Der ist eins meiner größten Probleme. Den ganzen Tag wackelst du damit vor meiner Nase herum. Das macht mich unfassbar geil und wütend zugleich, weil solche Gedanken inakzeptabel sind. Ich sollte, wenn ich meine Assistentin ansehe, nichts von dem denken, was sich in meinem Kopf abspielt, wenn du vor mir stehst. Mal vollkommen abgesehen davon, dass du unqualifiziert bist und wir keinerlei Informationen über deinen beruflichen Werdegang haben. Scheiße!«, schreie ich meine ganze Verzweiflung hinaus. »Wenn mich nicht alles täuscht, bist du zu hundert Prozent untauglich für diesen Job, und doch bin ich es, der dir hundertmal am Tag beteuern muss, dass ich dich nicht feuere. Und das kotzt mich an.« Mein Atem geht schwer und ich starre geradeaus auf die Straße, in die das Navi uns in dieser Sekunde lotst. Kleine Einfamilienhäuser. Eins wie das andere winzig und teils schäbig.

»Darf ich zwischendurch was sagen?«, fragt Summer in die entstandene Pause, aber ich bin noch nicht fertig.

»Nein!«, raune ich und sehe kurz zu ihr. »Das sind immer noch meine Minuten. Du musst lernen, die Klappe zu halten. Du musst lernen, dich anzupassen, ob es dir nun gefällt oder nicht. Und du musst verdammt noch mal aufhören, mir deine Haut zu zeigen, weil ich dich sonst unbedingt ficken will, und ich glaube, dass das für uns beide nicht gut ausgehen wird. Also tu endlich, was ich dir sage, denn: Sonst. Feuere. Ich. Dich. Wirklich.«

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, plärrt das dämliche Navi im gleichen Atemzug.

Ich parke mit wild pochendem Herzen den Wagen, der so gar nicht hierher passen will, am Straßenrand. Beide Hände am Lenkrad, schließe ich kurz die Augen und versuche mich zu beruhigen.

Fuck.

»Scheiße!«, stößt Summer panisch aus. Sofort öffne ich die Augen und sehe sie an. Doch ihr Blick ist nicht auf mich gerichtet, sondern geht direkt an mir vorbei zum Fenster hinaus. »Ganz gleich, was jetzt passiert. Es tut mir leid. Und um mich zu wiederholen: Bitte feuere mich nicht. Ich werde mich anpassen und all das tun, was du gesagt hast. Versuch das jetzt nicht allzu ernst zu nehmen.«

Ich habe kaum Zeit darüber nachzudenken, ob sie mich nun duzt, weil ich ihr gerade gesagt habe, dass ich sie ficken will. Wahrscheinlich. Doch weiter kommen meine Gedanken nicht, da ein älterer Herr im Pyjama an meine Fensterscheibe klopft.

Noch bevor ich das Fenster hinunterlassen kann, springt Summer aus dem Wagen und rennt um den Tesla herum.

»Grandpa, was machst du denn hier draußen im Pyjama?« Sie nimmt ihn in den Arm und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Sein Blick ist so streng auf mich gerichtet, dass ich mich wie mechanisch abschnalle und die Wagentür öffne. Zu sehen, wie Summers Augen sich weiten, ist eine kleine Genugtuung.

»Sind Sie außer Dienst, Soldat?« Der alte Herr ignoriert die Liebkosungen seiner Enkelin und betrachtet mich voller Skepsis.

»Grandpa, Mr Stark ist nicht bei der Army. Er ist mein Boss.«

Jetzt sieht er einmal kurz zu Summer, dann wieder zu mir.

»Dann sind Sie der Pupser?«

»Oh Gott«, stöhnt meine persönliche Assistentin und legt sich beide Hände vors Gesicht.

»Sir?«, hake ich nach.

»Smith«, ruft der Alte stattdessen über seine Schulter und ein kleiner Junge mit blonden Locken kommt sofort über das Gras des kleinen Vorgartens gehüpft. Er ist Summer wie aus dem Gesicht geschnitten und trägt ebenfalls einen Pyjama. Seiner ist nicht rot kariert, sondern mit Dinosauriern übersät. »Der Pupser ist zu Besuch.«

»Echt? Sunny!«, springt er aufgeregt an Summer hoch und runter. »Du hast mir Iron Man mitgebracht?« Der Kleine fällt ihr um die Hüfte. »Du bist die beste Schwester der Welt.« Keinem der beiden scheint aufzufallen, dass sie lediglich eins meiner Hemden trägt. Wie auch? Schließlich sind die zwei im Pyjama. Und ich komme mir doof vor, weil ich ein einfaches Sweatshirt zu meiner Anzugshose trage.

»Smith«, mahnt Summer und legt ihre Arme um seinen zierlichen Körper. »Würdest du Grandpa bitte reinbringen? Ich komme sofort nach.«

»Du solltest den Pupser zum Abendessen einladen, Sunny. Immerhin bezahlt er doch Trumps Arztrechnungen.«

Mit großen Augen sehe ich Summers Grandpa an.

»Grandpa, hör auf, ihn so zu nennen«, zischt meine Assistentin und stampft ungeduldig mit dem Fuß auf. »Sie sollten jetzt fahren, Mr Stark«, wendet sie sich an mich, aber diesen Gefallen werde ich ihr ganz sicher nicht tun.

Stattdessen nehme ich mir die Zeit und schaue mir das Haus an, in dessen Vorgarten wir stehen. Es ist ein kleines weißes Einfamilienhaus. Winzig, aber der Rasen mit den Obstbäumen darauf ist ordentlich gemäht und auf der Veranda blühen die letzten Blumen der Saison.

»Ich denke, dein Großvater hat recht. Ich habe zwar keine Ahnung, wer Trump ist, aber wenn ich schon seine Rechnungen bezahle, könnte er mich wenigstens zum Essen einladen.«

Der kleine Junge fängt an zu lachen und hält sich den Bauch vor lauter Gekicher.

»Trump ist mein Hund«, gackert er. »Komm, Iron Man«, winkt er mich in Richtung des Hauses. »Ich zeig ihn dir. Aber du darfst ihn nicht anfassen. Er hasst Menschen.«

»Nein. Nein, nein, nein«, geht Summer dazwischen. Sie legt mir eine Hand flach auf die Brust, was uns beide einen Augenblick lang erstarren lässt. Für den Bruchteil einer Sekunde gibt es nur noch uns und diese Verbindung. Ihre Hand an meinem Herzen. Sanft und weich liegt sie auf meinem stählernen Organ, das schon lange nicht mehr so viel Wärme gespürt hat.

So schnell, wie der Augenblick gekommen ist, geht er auch wieder vorbei, weil nach wie vor ein kleiner Junge mit Zahnlücke und ein alter Mann im Pyjama vor uns stehen. Allerdings denke ich gar nicht daran, das Angebot von Summers kleinem Bruder auszuschlagen. Ich will wissen, was hinter diesem skurrilen Auftritt steckt.

Also wende ich mich dem Kleinen zu, nachdem Summer ihre Hand heruntergenommen hat. Schon jetzt vermisse ich das Gefühl ihrer Berührung.

»Erklärst du mir dann auch, warum dein Grandpa Pupser zu mir sagt?«

Ich ignoriere Summer, die frustriert stöhnt, weil der Greis inzwischen dabei ist, Äpfel von der Wiese aufzusammeln, die vom Baum gefallen sind. Er hebt sie auf und schleudert sie allesamt auf die Straße. Sieht ganz so aus, als wolle er das gegenüberliegende Haus treffen.

»Wenn du es je wieder wagst, mein Grundstück zu betreten, sind das Handgranaten, du Schlitzauge.«

»Er denkt, unser Zeitungsjunge ist ein vietnamesischer Soldat, der ihn umbringen will. Dabei ist das nur Josh. Sein Dad kommt aus China. Der ist harmlos.« Der Junge in dem hellblauen Pyjama mit den Dinos drauf winkt ab und stützt die Hände in die Hüften. »Komm schon, Gran«, schimpft er den Alten. »Lass Josh in Ruhe. Iron Man will Trump kennenlernen.«

»Halleluja«, stöhnt Summer. »Bitte«, fleht sie mich erneut an. Sie kommt sogar auf mich zu und faltet die Hände. »Fahren Sie nach Hause, Stark. Sie sehen doch, wie es hier zugeht.«

 

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