Leseprobe zu Red Devils

Kapitel 1

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel Eins

Isalie

Der Alkohol brannte in meinem Mund und jagte durch meine Speiseröhre wie flüssiges Feuer. Mir war unerträglich heiß. Jede Faser meines Körpers drohte zu schmelzen, während ich nach dem nächsten Shot griff und ihn an meinen Lippen ansetzte. Der Wodka fühlte sich kühl an meiner Haut an, doch sobald ich das kleine Glas kippte, glaubte ich, mich in der Hitze aufzulösen. Ich trank nicht. Niemals. Aber heute hatte ich keine andere Wahl, egal, wie viele Gehirnzellen es mich kosten würde. Ich durfte nicht als die spießige Freundin auftreten, die keinen Spaß verstand. Zumindest nicht schon wieder. Also nahm ich das nächste Gläschen vom Tresen und leerte es in einem Zug. Die Flüssigkeit war grünlich, aber welches Getränk es war, konnte ich nicht sagen. Dennoch passte die Farbe zu meiner Gemütsstimmung. Mir war zu heiß. Und es war zu eng. Die stickige Luft lag über uns wie Smog und mischte sich mit dem Rauch der unzähligen Zigaretten. Überall drängten sich schweißnasse Körper aneinander, deren Kleidung auf dem Boden des Sounds verteilt war. Ich mochte den kleinen Club mit der hohen Decke und der schrillen Musik. Normalerweise. Doch heute waren mehr Gäste anwesend, als das Protokoll der Feuerwehr zugelassen hätte, wenn es nicht um den Geburtstag von Trevor Duvall gegangen wäre. Dem Sohn des Bürgermeisters. Ein kleines Feuer und die Hysterie der Menschenmasse würde dazu führen, dass viele hier ihr Leben ließen. Oder für immer entstellt waren. Verbrennungen wären die Folge. Grad zwei oder drei. Und kein Bereich in diesem Gebäude wäre steril genug, um die abgestorbene Haut mit einer Nadel zu entfernen, die Blasen vor dem Platzen zu schützen und eine Wundversorgung mithilfe einer Abdeckung einzuleiten, bevor eine Infektion eintritt. Aber niemanden kümmerte das. Außer mich. Stattdessen pressten sich immer mehr Menschen ins Innere und versuchten, an die überteuerten Getränke zu kommen, wobei der Alkohol nur halb so viel kostete wie ein stilles Wasser.

»Noch zehn unterschiedliche, Charlie«, verlangte Cece und lehnte sich gegen die Bar, sodass ihre Brüste beinahe aus der schwarzen Korsage fielen, die am unteren Rand mit Stickereien verziert war. Sie passten zur Spitze ihres dunklen Seidenrocks, unter dem die kniehohen Schuhe verschwanden. Sie war eine Augenweide, weshalb der Barkeeper ihrem Wunsch ohne zu zögern nachkam und mehrere Shotgläser in einer Reihe aufstellte, um sie nacheinander zu füllen. Rot, blau, grün, gold – der Alkohol schimmerte in den prächtigsten Farben und erinnerte mich entfernt an einen Regenbogen. Feucht genug dafür wäre es im Club sogar, aber von Sonnenlicht fehlte weit und breit jede Spur. Dafür strahlten Lampen grelles Licht von der Decke. Sie blinkten, bewegten sich und erhellten die Gesichter der Partygäste.

»Für mich bitte nichts mehr. Meine erste Vorlesung beginnt morgen um neun«, schrie ich, um die laute Musik zu übertönen und riskierte damit eine Kehlkopfentzündung. Zwei Wochen Genesungszeit und die Behandlung mit Antibiotikum für einmal Kreischen auf einer Party. Kein guter Deal, aber die Alternative wäre, wieder nach einem Shot zu greifen und langsam spürte ich, wie der Alkohol durch meine Adern floss. Das Denken fiel mir schwerer, jede Bewegung dauerte doppelt so lange und in meinem Magen kribbelte es. Die Farben erschienen mir plötzlich heller, fröhlicher. Das Teufelswasser zeigte mir die Welt durch eine rosarote Brille. Es regte die Bildung der Gamma-Aminobuttersäure an, die die neuronale Aktivität im Gehirn hemmte. Eine Nervenzelle gab ihrer Nachbarzelle also nur noch bedingt Informationen weiter und das führte zu schlechten Entscheidungen. Sehr schlechten. Und das konnte ich mir heute nicht leisten.

»Mach dich locker, Isalie. Trevor wird nur einmal vierundzwanzig. Darauf müssen wir anstoßen.« Cece warf ihre blonden Haare zurück und zwinkerte dem Barkeeper dankbar zu, während sie nach einem Shot griff und ihn mir gegen meinen Willen in die Hand drückte. Ihre langen Wimpern ließen die blauen Augen dabei strahlen wie Saphire. Lachend gab sie auch Trevor einen Drink, der seine freie Hand an meiner Hüfte platzierte und mich von hinten an sich zog. Sie konnte leicht reden. Cece studierte Politikwissenschaften wie Trevor und hatte eine Woche länger Zeit zu lernen. Vielleicht schaffte sie es deshalb, jeden Tag so umwerfend auszusehen und sich zu schminken, obwohl sie es dank den vollen Lippenpolstern nicht nötig gehabt hätte. »Richtig, Charlie?«, säuselte sie und beugte sich noch weiter über den Tresen, wobei sie beinahe ein Glas umgeworfen hätte, wenn der Barkeeper nicht schnell genug reagiert hätte.

Charlie nickte bestätigend und versuchte nicht einmal zu verbergen, dass er an der hochgewachsenen Schwedin mit den langen Beinen interessiert war. Leider wusste er noch nicht, dass er nicht bei ihr landen würde, egal, wie viel Mühe er sich gab. Cece wurde gern gejagt, aber sie ließ sich nicht erlegen – von niemandem. Sie wollte sich für die Ehe aufheben. Wieso, wusste ich nicht, und für mich war dieser Zug bereits abgefahren.

»Sehr richtig!«, stimmte Trevor zu und schlang seinen Arm enger um mich. Er roch nach dem teuren Parfüm, das ihm sein Vater zur Feier des Tages geschenkt hatte. Es brannte in meiner Nase und hatte eine stechende Note, die sich mit seinem natürlichen Körpergeruch biss, doch das Wässerchen hatte vermutlich mehr gekostet, als ich im Monat zur Verfügung hatte. »Verdammt, jetzt bin ich alt.« Trevors Lachen ertönte neben meinem Ohr und ein Kuss auf meine Schläfe folgte. Seine Lippen waren feucht, kühlten meine erhitzte Haut jedoch nicht.

»Wir haben bald Prüfungen.« Ich kuschelte mich näher an ihn und legte meinen Hinterkopf auf seiner Brust ab. Das Glas in meinen Fingern fühlte sich schwer an, wie eine Last, die ich nicht loswurde. Am liebsten hätte ich es gegen die nächste Wand geschmettert. Aber diese Zeiten waren vorbei. Schon lange. Und ich wollte auch nicht mehr daran denken. Nie wieder. Jetzt war ich hier und das war verdammt gut so.

»Isalie, bitte«, bat Trevor mich und strich mir mit den Fingern über die Stelle, die zwischen Hose und Tanktop frei lag. Es kitzelte leicht, war aber nicht unangenehm. Dennoch legte ich meine Finger über seine. Sein Teint war heller als meiner. Er hatte nie in der Sonne gearbeitet oder als Kind in der Natur gespielt. Nichts hatte seine Haut geschädigt, während meine für immer einen leichten Glanz haben würde.

»Na schön, vielleicht noch einer.« Ich setzte ein breites Grinsen auf, atmete tief durch und trank meinen Shot leer. Meine Speiseröhre rebellierte. Sie zog sich zusammen und mein Magen unterstützte sie, indem er rumorte, doch ich schluckte den Alkohol und lächelte weiter. Mir war schlecht. Ich hatte in den letzten Tagen kaum gegessen, weil ich beschäftigt gewesen war. Nicht einmal eine Woche hatte ich letzten Monat in meiner alten Heimat verbracht. Doch es wäre eigentlich nur ein Tag geplant gewesen. Ich wollte an Dads Geburtstag nicht fehlen. Aber wie hätte ich gehen sollen, wenn der Vizepräsident der Red Devils angeschossen worden und keine andere Person mit medizinischem Wissen zur Stelle gewesen war? Und nun musste ich die versäumten Stunden aufholen. Irgendwie. Essen war also zur Nebensache geworden. Lernen war wichtiger. Das rächte sich jetzt.

»Das ist mein Mädchen!« Trevor lachte schallend, trank ebenfalls sein Glas aus und nahm sich sofort ein neues. Cece bedachte mich mit einem auffordernden Blick, sodass ich auch nach einem weiteren Shot griff.

»Also Charlie, woher kommst du?« Cece wandte ihren Blick von mir ab und ich stellte das Glas zurück auf die Bar. Die Uhr oberhalb des Tresens verriet mir, dass ich keine zehn Stunden mehr hatte, bevor ich in der Vorlesung sitzen musste. Je Stunde konnte der menschliche Körper 0,1 g Alkohol pro Kilogramm abbauen. Mit meinem Gewicht wäre ich dann zwar noch nicht wieder nüchtern, aber zumindest besonnen genug, um der Dozentin lauschen zu können.

»Du siehst aus, als wärst du nicht aus Texas.« Charmant lächelte Cece und strich mit ihren manikürten Fingernägeln ihren Rock glatt. Ihr Kajal war inzwischen an den Rändern verschmiert und vom Rouge auf ihren Wangen war nichts mehr zu erahnen. Stattdessen glühte ihr Gesicht von allein. Doch Charlie schien das nicht zu stören, genauso wenig wie die Gäste, die genervt auf ihre Getränke warteten.

Er flirtete, als müsste er nicht arbeiten und lehnte sogar Ceces Geld ab, obwohl unsere Rechnung bereits ein kleines Vermögen ausmachen musste. »Louisiana.«

Mein Puls raste in die Höhe. Nicht diese Stadt. Bitte nicht. Ich versteifte mich in Trevors Armen. Mein Mund wurde staubtrocken. Die Kehle verengte sich. Der Atem setzte aus. Mein Blick schweifte über Charlie und suchte nach den typischen Anzeichen. Lederjacke, Tätowierungen, Abzeichen. Doch er trug eine Weste aus Baumwolle, einen 0815-Haarschnitt und eine Brille, die ihn eher wie ein Streber als einen Badboy wirken ließ, auch wenn sein muskelbepackter Körper nicht recht dazu passen wollte. Tief atmete ich durch. Langsam beruhigte sich mein Blutdruck wieder und meine Hormone hörten auf, Adrenalin zu produzieren. Alles war gut. Es war nur ein Zufall. Louisiana hatte über vier Millionen Einwohner. Er war einer von vielen. Wie hoch war die Chance, dass er etwas mit den Red Devils zu tun hatte? Obwohl die Frage rhetorisch war, konnte ich meinen Kopf nicht davon abhalten, es nachzurechnen. Der Alkohol in meinen Blutbahnen war dafür nicht förderlich.

»Dann bist du ganz schön weit weg von zuhause. Wie kommt es dazu?« Cece leckte sich über die Lippen, wobei sie ihre Schminke verwischte. Sie reckte das Kinn und wartete gespannt auf die Antwort. Diesmal war sie nicht die Einzige. Hätte er nicht aus einem anderen Bundesstaat kommen können? Egal welchem! Nein, er musste aus dem gleichen Ort kommen wie ich.

»Wird man hier auch bedient?«, keifte eine Frau mittleren Alters und sah Charlie mit einem strengen Blick an. Sie tippte ungeduldig mit ihrer Schuhspitze auf den Boden und hatte die Arme verschränkt. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, wartete sie schon eine Ewigkeit.

Der Barkeeper verdrehte die Augen. »Einen Moment!«, schrie er zurück und hielt zusätzlich einen Finger nach oben, falls ihn die Dame nicht hören konnte. »Ich wollte hier studieren, aber alle Plätze waren bereits belegt«, antwortete er Cece und entfernte unsere leeren Gläser, um den Anschein zu erwecken, er würde arbeiten.

»Und dann wird man Barkeeper?« Cece fuhr durch ihre Haare und wickelte eine Locke um ihren Finger. Wie hypnotisiert starrte Charlie darauf, sodass ihm der Unterton in ihrer Stimme entging. Aber mir nicht. Sie hatte gehofft, er würde diesen Job nur nebenbei machen, aber so würde sie nicht einmal auf ein Date mit ihm gehen.

»Wieso nicht? Wir hätten uns sonst nie getroffen«, schäkerte Charlie weiter, der den säuerlichen Ausdruck in Ceces Gesicht missverstand. Sie würde ihn gleich abservieren. Es war nur noch eine Frage der Zeit und ich wollte auf keinen Fall dabei sein. Es würde auch ohne Trevor und mich schlimm genug für den Armen werden. Zum Glück wollte mein Freund dieser verbalen Schlachtung von Hoffnung auch nicht beiwohnen.

»Möchtest du tanzen?«, fragte er und zog mich im nächsten Moment am Handgelenk auf die Tanzfläche, ohne meine Antwort abzuwarten. Sein Griff war fest und ließ keinen Widerspruch zu. Ich war froh, von Cece wegzukommen, aber somit war ich mit Trevor allein, und ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis unser Gespräch in eine Richtung verlief, die mir nicht gefiel. Es ging mir zu schnell. Ich wollte noch keine lebensverändernden Entscheidungen treffen, solange ich Dad nicht von Trevor überzeugt hatte. Und bis dahin war es noch ein langer Weg. Noch immer weigerte er sich, meinen Freund überhaupt kennenzulernen. Er nannte ihn einen schlechten Umgang. Lustig, oder? Der Präsident des Bikerclubs Red Devils, die mit mehreren Morden, Drogengeschäften und Sexorgien in Verbindung standen, stufte den Sohn des Bürgermeisters als keinen geeigneten Kandidaten für seine Tochter ein. Trevor kam aus einer anderen Welt und das passte Dad nicht, weil er mich in seiner Welt behalten wollte.

»Und hast du über meinen Vorschlag nachgedacht?« Trevor zog mich an sich heran, bis unsere Hüften aneinanderstießen und er seine Arme locker um mein Becken platzieren konnte. Obwohl wir nah beieinanderstanden, wurden wir von den umstehenden Massen noch weiter zusammengepresst, bis ich kaum noch Luft bekam.

Seine Augen musterten mich gespannt und ein tiefes Lächeln lag auf seinen Lippen. Grübchen bildeten sich um seine Mundwinkel. Er war sich sicher, ich würde Ja sagen. Und ich konnte es ihm nicht verdenken. Ich hatte nie auch nur erwähnt, dass das nicht das ist, was ich brauchte. Vor ein paar Wochen war ich mir noch verdammt sicher, ich würde Ja sagen und mit ihm zusammenziehen. Aber jetzt? Skull wäre gestorben, wenn ich nicht da gewesen wäre, um die Schussverletzung zu behandeln. Meine Schwester hätte ihre große Liebe verloren. Hätte ich damit leben können? Vermutlich nicht. Und ich war da, um ihn zu retten. Doch ich hatte es Trevor nicht erzählt. Wie könnte ich auch?

»Ich wollte erstmal die Prüfungen hinter mich bringen.« Ich legte meinen Kopf auf seiner Brust ab, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Würde er enttäuscht sein? Ich wusste es nicht und ich wollte auch nicht daran denken. Ich musste schleunigst mit Dad sprechen. Ein letztes Mal. Es brauchte einen glatten Schnitt. Ich war kein Teil der Red Devils und würde es auch nie sein. Er sollte das akzeptieren, richtig? Dennoch wurde ich das flaue Gefühl in meiner Magengegend nicht los, das mir sagte, dass Dads enttäuschtes Gesicht schlimmer wäre als jede Miene, die Trevor aufsetzen könnte.

Trevor legte seine Hand auf meinen unteren Rücken, knapp über meinem Hintern. Er streichelte mit dem Daumen die zarte Haut und malte Muster auf die Stelle, an der ich ein leichtes Hohlkreuz vom stundenlangen Sitzen hatte. »Isalie, das ist eine wichtige Entscheidung, das verstehe ich, aber du lässt mich jetzt schon wochenlang warten.«

Monate, nicht Wochen. Er hatte mich am Anfang des zweiten Semesters gefragt, ob wir den nächsten Schritt wagen wollen. Seitdem war eine Ewigkeit vergangen. Ich dachte, ich würde irgendwann wissen, wann die Zeit gekommen ist. Aber das stimmte nicht. Ich hatte keine Ahnung.

»Es gibt einiges, was du von mir noch nicht weißt und ich will nicht, dass …«, begann ich und biss mir auf die Lippen. Das war weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt, um ihm zu gestehen, dass meine ganze Familie kriminell war. Also verstummte ich. Meine Zähne drückten sich schmerzhaft gegen meine Haut, bis ich Blut schmeckte. Metallisch. Eisenhaltig. Warm.

»Wir lieben uns. Das ist alles, was zählt. Oder nicht?« Trevor ging nicht auf meine Bedenken ein. Für ihn war der Kurs klar und er wäre so einfach. Er streckte mir die Hand entgegen und ich musste nur einen kleinen Finger ergreifen. »Und es gibt nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Es ist alles vorbereitet. Zu meinem Abschluss bekomme ich das Haus meiner Eltern und ich gehe in die Politik. Und du kannst Medikamente verkaufen, bis wir eigene Kinder wollen. Wir haben schon so oft darüber gesprochen, Isalie. Es ist Zeit. Das kann ich spüren.«

Trevor küsste meinen Haaransatz und schlang die Arme fester um mich. Sein Geruch hüllte mich ein, aber die beruhigende Wirkung blieb aus. Er konnte mir das nicht geben, egal, wie sehr er es versuchte. Trevor war schließlich nicht ER. Und nun wurde mir klar, warum ich immer noch zögerte. Weil mein Herz nicht gänzlich für Trevor schlug. Irgendwo im hintersten Winkel meines Herzens gehörte ein Platz IHM: Und das durfte nicht sein. Ich hätte niemals nach Louisiana zurückkehren dürfen. Es hatte Wunden aufgerissen, von denen ich dachte, sie vor langer Zeit geschlossen zu haben.

»Eigentlich habe ich überlegt, ob es nicht sinnvoller wäre, Chirurgin zu werden. Ich weiß, wir würden das Geld nicht brauchen, aber ich habe so lange studiert, um mehr zu tun, als in die Pharmaindustrie einzusteigen.« Die Worte verließen wie von allein meinen Mund. Es war ein Ablenkungsmanöver. Solange ich an die Arbeit dachte, mussten sich meine Gedanken nicht mit IHM beschäftigen. Außerdem war es die Wahrheit. Ich wollte Menschen heilen und sie nicht mit Medikamenten ruhigstellen, ohne die Ursache ihrer Probleme zu kennen. Sonst wäre ich wie ein Zahnarzt, der lieber Zähne zieht, weil das weniger Zeit in Anspruch nimmt, als Karies zu entfernen. Zähne. Und schon wieder war ich bei IHM angelangt. Es war zum Haare raufen.

Trevors Schnaufen war durch die Musik kaum zu hören. Gerade wechselte der Beat und ein Lied aus den 80ern wurde gespielt. Ich kannte es nicht, aber die Tonlage war angenehm und wurde nicht mit Bass zugeschüttet, wie es bei anderen Songs der Fall war.

»Das …« Trevor stockte. Er atmete tief durch. Ob ihm der Alkohol auch langsam zu schaffen machte? Diese Unterhaltung hätten wir wirklich nüchtern führen sollen. »Das hast du nie erwähnt. Weißt du, wie lange die Facharztausbildung dauert? Das ist nicht sehr familienfreundlich.«

Ja, das wusste ich. Es würde seinen Plan zerstören. Genau wie die Tatsache, dass ich keine Kinder wollte. Noch nicht. Vielleicht auch niemals. Doch ich liebte Trevor. Er hatte Geburtstag. Das konnte ich nicht kaputtmachen und eventuell wäre ich in ein oder zwei Jahren bereit, für das Leben eines kleinen Wesens verantwortlich zu sein.

Ich hob den Kopf von seiner Brust, setzte ein Lächeln auf und schlang die Arme um seinen Nacken. Doch Trevor erwiderte die gespielte Freude nicht. Tiefe Falten zogen sich über seine Stirn. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen. Nachdenklich betrachtete er mich.

»Ich weiß. Es war nur so eine Idee«, murmelte ich, um meine Aussage abzuschwächen. »Die Pharmazie ist wahnsinnig interessant und eine weitere Studentin in meinem Jahrgang will sich darauf spezialisieren. Vielleicht sollte ich mich mit ihr auf einen Kaffee treffen.« Meine Worte klangen hohl, genauso fühlte ich mich auch, während Trevor seinen Kopf neigte und mir einen Kuss auf die Lippen drückte. Es war schön, keine Frage. Er war sanft und seine Hände streichelten die Haut über meiner Wirbelsäule, aber der Alkohol verhinderte, dass es in meinem Bauch kribbelte oder ich weiche Knie bekam. Meine Gefühle waren stumpf.

»Was sollen die trübsinnigen Gesichter?« Ceces Stimme drang zu uns, als wir uns voneinander lösten. Sie eilte von der Bar auf uns zu. In der Hand hielt sie ein Martiniglas mit einer einsamen Olive, die in glasklarer Flüssigkeit schwamm. Sie schwang die Hüften und schwenkte ihren Kopf zur Musik. »It´s Partytime!«, schrie Cece und tanzte einen Wildfremden an, der ein Shirt mit der Aufschrift »Ich bin nur der Trauzeuge« trug und von anderen Typen umringt war. Ein Junggesellenabschied. Viele Männer, keine Frauen. Perfekt für Cece, um zu spielen.

»Ich bin müde. Der Tag dauert eindeutig schon zu lange. Ich sollte ins Bett«, rief ich Cece zu, deren Gesichtsausdruck auf der Stelle gefror. Zwanghaft hielt sie die fröhliche Fassade aufrecht, obwohl sie wütend war. Doch ihre blitzenden Augen verrieten sie. Ich konnte sie verstehen. Es war ein besonderer Abend. Aber wir waren schon knapp drei Stunden hier und ich wollte nur noch unter die Dusche, um danach zu schlafen. »Kommst du mit, Trevor?« Auffordernd sah ich meinen Freund an und drückte ihm ein Küsschen auf die Wange, bevor ich mich von ihm löste und einen Schritt zurücktrat. Zum Glück lichtete sich die Tanzfläche, sodass ich nicht gezwungen war, anderen auf die Füße zu steigen.

»Die Party hat erst angefangen«, gab Trevor zu bedenken. Der traurige Unterton war dabei nicht zu überhören. Er wollte nicht gehen. Es war genau dieselbe Stimmlage, die er heute Morgen bei unserem Streit verwendet hatte. Er hatte mir vorgeworfen, ich würde das Leben nicht genießen. Ich wäre zu steif und unentspannt. So hätte er mich nicht kennengelernt. Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich war nicht mehr das Mädchen von damals.

»Willst du nicht doch noch bleiben?« Flehend sah er mich an. Sein Blick schweifte von mir zu Cece und wieder zurück, als erhoffte er sich Unterstützung. Doch Cece bemerkte es nicht einmal. Trevor seufzte tief. Er kannte mich gut genug, um zu wissen, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: Ich ging und er müsste allein mit Cece weiterfeiern. Oder ich blieb und niemand würde mehr in Feierlaune kommen, weil ich alle mit meiner »bedrückenden Aura« – wie Cece es liebevoll nannte – mit hinunterzog. Die Entscheidung fiel uns beiden leicht. »Ich komme später nach, ja?«, sagte er und küsste mich erneut. »Ich liebe dich.«

»Sicher! Ich liebe dich auch. Viel Spaß euch«, wünschte ich, während Trevor bereits auf Cece zuging, die mich tadelnd ansah. Ich versuchte, sie mit einem Lächeln zu besänftigen, doch da hatte sie sich schon meinem Freund zugewandt und begann, mit ihm zu tanzen. Dankbar, nicht mehr der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein, steuerte ich die Jackenausgabe an, holte meine Jeansjacke und verließ das Sound. Sobald sich die Türen hinter mir schlossen, wehte mir die kalte Nachtluft entgegen. Sie stach in meinen Lungen und reizte meine Haut, doch sie half auch, den Nebel zu vertreiben, der sich in meinem Kopf eingenistet hatte. Mehrere Male sog ich den kühlen Sauerstoff ein. Eigentlich sollte es um diese Jahreszeit schon wärmer sein, aber nachts war davon nichts zu spüren. Vielleicht waren die Straßen deshalb wie ausgestorben. An der Wand des Clubs lehnten zwei Frauen in knapper Kleidung und teilten sich eine Zigarette, aber ansonsten war niemand zu sehen. Wobei ich auch bei den beiden nicht glaubte, dass sie freiwillig hier standen.

Ich setzte einen Fuß vor den anderen und schlug den Weg zum Campus ein, der nicht weit entfernt war – höchstens zehn Minuten mit dem Auto. Doch die Schlüssel hatte Trevor und mit dem Alkoholpegel dürfte ich sowieso nicht mehr fahren. Ich hoffte nur, Cece und er wären besonnen genug, am Ende ihrer Feier ebenfalls zu Fuß zu gehen.

Mein Handydisplay zeigte mir, dass es kurz vor Mitternacht war, als ich in eine Querstraße einbog. Keine Autos waren mehr unterwegs. Dafür kam mir ein Mann entgegen, der leicht schwankte und sich an der Hauswand abstützen musste, um nicht zu stürzen. Seine Gestalt, die von zerschlissenen Kleidern umhüllt war, wurde von einer naheliegenden Straßenlaterne beleuchtet. Ein Ärmel seines Pullovers war zerrissen und legte den Unterarm frei, an dem ich Blut erkennen konnte. War er verletzt? Langsam ging ich näher ran, um dann einen großen Bogen um ihn zu machen. Er war dünn, fast ausgemergelt. Seine Augen waren glasig und lagen tief in den Höhlen. Das Gesicht war übersät mit Quaddeln. Die roten Flecken, die aussahen wie Pickel, waren überall und vermischten sich mit den Fieberblasen zu einem abschreckenden Bild. Er war krank, aber im Gegensatz zu anderen Patienten hatte er sein Leiden selbst verschuldet. Die Einstichlöcher, aus denen noch Blut tropfte, bezeugten meinen Verdacht. Er war süchtig. Heroin, wenn ich wetten müsste.

Ich schluckte nervös und beschleunigte meine Schritte, um den Junkie hinter mir zu lassen. Mein Handy steckte ich vorsichtshalber in meine Hosentasche. Es war nicht viel wert, aber genug, um sich auf dem Schwarzmarkt eine Dosis zu beschaffen.

»Ziemlich spät, findest du nicht?«, sprach er mich an, stieß sich von der Wand ab und kam auf mich zu. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, das ich nicht richtig einordnen konnte. Seine Stimme war rau und tief. Sie erinnerte mich an das Geräusch von Holz, das mit Schmirgelpapier bearbeitet wurde. Es schmerzte in meinen Ohren und bescherte mir eine Gänsehaut.
»Ich bin schon auf dem Weg nach Hause, wo mein Mann auf mich wartet.« Lüge. Man sollte nicht lügen. Aber an die zehn Gebote hatte ich mich nie gehalten. Angst kroch in mir hoch. Er kam näher. Vielleicht würde er mich in Ruhe lassen, wenn er wusste, dass ich erwartet wurde.

Er lachte und enthüllte eine Reihe gelblicher Zähne. »Du solltest nicht allein unterwegs sein.« Der Junkie ging quer auf mich zu und bald war er vor mir. Doch auch ich lief diagonal in der Hoffnung, an ihm vorbeizukommen. Ohne Erfolg. Er schnitt mir den Fluchtweg ab und durch meine Taktik ließ ich mich unbewusst immer weiter an die nächste Hauswand drängen, bis er einen Arm ausstreckte und die Handfläche an die Mauer legte, sodass ich nicht weitergehen konnte. »Hier treiben sich ungute Gestalten herum. Nicht, dass dir etwas passiert.«

Gestalten wie er. Ich schloss für eine Sekunde die Augen, als mir klar wurde, dass ich nicht weiterkam. Schnell drehte ich mich um und wollte zurücklaufen. Doch der Mann sah es kommen und drückte auch seine andere Hand an die Wand. Ich war eingekesselt und er war mir viel zu nah. Seine Pupillen waren geweitet. Der Gestank von Bier, Schweiß und Kotze stieg mir in die Nase. In meinem Magen regte sich Übelkeit. Ein schaler Geschmack lag auf meiner Zunge. Meine Magensäure kämpfte sich ihren Weg durch die Speiseröhre nach oben. Um dem entgegenzuwirken, atmete ich durch den Mund. Gleichzeitig versuchte ich, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Ich hätte im Sound bleiben sollen.

»Ich kann schon auf mich aufpassen«, wisperte ich und wollte mich unter einem seiner Arme hinwegducken, doch sein Bein versperrte mir den Weg. Ängstlich fingerte ich nach meinem Handy, um jemanden anzurufen – egal, wen. Aber so weit ließ es der Mann nicht kommen. Er packte meine Handgelenke und zog sie nach oben. Ich war Gewalt gewohnt, war praktisch mit ihr aufgewachsen, aber ich hatte mich noch nie so wehrlos gefühlt. Alles, was ich tun konnte, war um Hilfe zu rufen. Dennoch würden meine Schreie ungehört bleiben. Hier war niemand. Verflucht, ich selbst wusste nicht einmal, wie weit ich noch vom Campus entfernt war.

»Lass mich dich begleiten.« Mit seiner freien Hand fuhr er über meine Wange. Seine Nägel waren an der Spitze schwarz verfärbt. Blut klebte an seinen Fingerkuppen. Der Geruch nach Nikotin vermengte sich mit den restlichen Eindrücken. Galle stieg mir in den Mund, die ich nur mühsam hinunterschlucken konnte.

»Nein, danke. Ich werde mir einfach ein Taxi nehmen.« Ein Wimmern kam über meine Lippen. Meine Kehle war verengt. Jeder Ton schmerzte. Meine Stimmbänder rieben aneinander. Durch das Adrenalin wurde ich langsam wieder nüchtern, doch plötzlich wünschte ich, ich hätte mehr getrunken. Noch zehn Shots, oder zwanzig. Eine Alkoholvergiftung wäre besser als das hier.

»Das ist aber keine gute Idee. Du allein mit einem Fahrer. Der könnte sonst was von dir verlangen.« Der Mann schob sein Knie zwischen meine Beine, auch wenn ich die Schenkel zusammenpresste. Gewaltsam drängte er sich hindurch und drückte seinen Körper an mich.

Meine Angst wurde zur Panik. Schlagartig wurde mir eiskalt. Die Finger strichen meinen Hals entlang, bevor sie sich darumlegten und zudrückten.

»Lassen Sie mich vorbei!«, krächzte ich und begann, mit den Füßen zu strampeln, um von ihm loszukommen. Ich wand mich unter seinen Berührungen, drückte mich an die Mauer hinter mir, doch ich kam nicht weg. Die raue Fassade kratzte auf meiner freien Haut.
Wieder lachte er. Ich würgte. Der Druck an meinem Hals wurde stärker. Ich schnappte nach Luft. Mir ging der Sauerstoff aus. Meine Atemzüge wurden unregelmäßig. Dann verringerte sich der Griff, um im nächsten Moment wieder fester zu werden. Er spielte mit mir. Aus Spaß.

Warm liefen die Tränen über meine Wangen. Schwarze Punkte erschienen in meinem Blickfeld. Mir wurde schwindelig. Drei Minuten. So lange konnte der menschliche Körper ohne Sauerstoff überstehen. Drei Minuten. Nicht mehr.

»Wieso denn? Es passiert doch gar nichts. Ich will nur, dass du unbeschadet nach Hause kommst.« Seine Augäpfel waren mit roten Adern durchzogen. Die Pupillen fixierten mich, während seine Hand sich von meinem Hals löste und weiter zu meinem Busen fuhr. Doch ich bekam kaum mit, wie seine Finger sich in mein Shirt krallten und meine Brust betatschten. Ich keuchte. Viel zu schnell sog ich die Luft in meine Lungen. Ein Husten schüttelte meinen zittrigen Körper. Ich fühlte mich schwach. Müde.

»Lassen Sie mich los!«, verlangte ich erneut, aber ich hatte nicht mehr die Kraft zu schreien. Meine Stimme war dünn und brach, bevor ich den Satz beenden konnte. In meinem Kopf pochte es unangenehm, sodass seine Worte nur wie aus weiter Ferne zu mir durchdrangen.

»Du hättest nicht allein unterwegs sein sollen, Schönheit.« Der Junkie ließ seine Hand weiter nach unten gleiten. Es raschelte. Ein metallisches Geräusch erklang. Meine Gürtelschnalle gab unter seinen Bemühungen nach. Ich riss die Augen auf. NEIN! Das durfte nicht passieren. Chlamydien, Gonorrhoe, Hepatitis, HIV. Geschlechtskrankheiten waren gerade unter Drogenabhängigen weit verbreitet.

»Fassen Sie mich nicht an!«, bettelte ich heiser und im nächsten Moment schob sich eine Hand in meine Hose, um den Knopf zu öffnen. Tränen ließen meine Sicht verschwimmen. Meine Nase lief. Ich japste. Der Bund wurde nach unten geschoben. Kalte Luft drang an die Haut über meinem Becken. »Hilfe!« Ich flehte, aber meine Stimme war nicht laut genug. Mein Hals schmerzte.

»Schrei ruhig, das macht es umso schöner«, raunte der Junkie und leckte mit der Zunge über meine Schläfe. Angewidert verzog ich das Gesicht. Seine Finger fuhren über meine Hüftknochen und fanden ihren Weg in meinen Slip.

»Nein! Bitte!« Ich hielt die Luft an. Meine Augenlider fielen wie von selbst zu. Ich wollte nicht sehen, was als nächstes kam. Warmer Atem prasselte gegen meine Wangen. Ich wimmerte, wehrte mich gegen die Umklammerung, bis mich meine Kraft verließ. Meine Beine gaben unter mir nach, doch der Griff hielt mich aufrecht. Fingerkuppen glitten über meine rasierte Haut. Sie fuhren tiefer und tiefer, bis sie ihr Ziel erreicht hatten.

Ein Knall ertönte. Ich riss die Augen auf. Der Junkie versteifte sich. Der Arm in meiner Unterhose wurde schlaff. Der Druck an meinen Handgelenken verschwand. Er fiel zur Seite, seine Finger blieben kurz am Bund meiner Hose hängen, bevor sein Körpergewicht ihn nach unten zog. Er landete mit dem Kopf seitlich auf dem Asphalt. Blut floss über den Boden und hinterließ eine Lache um seinen Schädel, in dem ein Loch prangte. Es war nicht groß, aber ging genau durch die Schläfe des Mannes. Ich schrie. Seine Augen waren noch offen, sahen aber nichts mehr. Er war tot. Ich wusste es, bevor der Schütze zu der Leiche ging und gegen den Kopf trat. Schwere Stiefel gaben dem Körper einen Stoß, sodass er ein Stück weiterrollte und auf dem Rücken zum Stillstand kam. Barbarisch. Doch ich konnte kein Mitleid empfinden. Nur Erleichterung.

»Du hättest besser zuhören sollen. Sie sagte, sie will es nicht.« Ein helles Lachen erklang. Der Schütze ließ von dem Toten ab, sicherte seine Waffe und steckte sie in den Hosenbund zurück. Erst dann wandte er sich mir zu. Doch das wäre gar nicht notwendig gewesen. Ich kannte das Gelächter. Es verfolgte mich in meinen Träumen. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss. Aber was machte ER hier? Er sollte in Louisiana sein. Dort, wo er hingehörte.

0