Leseprobe zu Wie Stimmen im Wind

Kapitel 1,2, 3 & 4

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel Eins

Giulia

Vorwärts.
Mühsam atmete ich ein paar Mal tief

durch, ehe ich meinen Rucksack zurück auf die Schultern hievte. Ein leises Jammern entrang sich meiner Kehle, als sich der Schmerz meines Rückens in meine Beine und Füße ausbreitete. Ich brauchte dringend eine Pause, einen Ort, an dem ich mein Zelt aufschlagen konnte. Doch dafür musste ich noch ein bisschen weiter. Auch wenn dieser Waldweg ziemlich verlassen wirkte, war die Gefahr einfach zu groß, auf Menschen zu treffen.

Also vorwärts. Einfach weiter. Zwei der vielen Motivationssätze, die ich mir nun schon seit zwei Wochen gedanklich zurief, um nicht zusammenzubrechen und aufzugeben. Zugegeben, ich hatte schon öfters verzweifelt auf einem Stein oder zwischen hohen Bäumen gesessen und war kurz davor gewesen, mein Leben in Chicago fortzuführen. Doch sobald ich mir die Vorstellung jenes Lebens ins Gedächtnis rief, war jeder Schmerz plötzlich vollkommen irrelevant. Aufgeben war also nicht. Egal, wie orientierungslos ich mittlerweile war, egal, wie oft ich das viel zu große Stück Papier namens Landkarte auch verflucht hatte, egal, wie hungrig mein Magen knurrte, und egal, wie wenig Wasser ich noch übrighatte. Lieber hungerte ich, als umzukehren.

Ich schnaufte. Die dicht beieinanderstehenden Bäume boten zwar reichlich Schatten, doch die Hitze der Sommersonne drang trotzdem zu mir durch. Ich durfte mich nicht beschweren. Schlimmer wäre es, wenn es kalt und regnerisch gewesen wäre. Dann hätte ich diese Reise, diese Flucht nicht machen können. Ich lief ohne wirkliches Ziel. Von Chicago über Indiana und Texas, immer weiter in Richtung Osten, in die Natur, in die Ruhe. Vielleicht war Tennessee mein Ziel, vielleicht gab es aber auch gar keines. Vielleicht irrte ich mein Leben lang weiter durch die Gegend, ohne jemals meinen Platz zu finden.

Das laute Schreien einer Krähe schlängelte sich durch die hohen Bäume hindurch und drang zu mir hervor. Neugierig blieb ich für eine Sekunde stehen und reckte den Hals, um zwischen den vielen Ästen etwas erkennen zu können. Natürlich war der Vogel schon längst verschwunden und weit und breit war kein Tier zu sehen, trotzdem verharrte ich mit dem Blick auf dem friedlichen Panorama aus dichten Baumstämmen und moosbedeckten Steinvorsprüngen. Sehnsüchtig atmete ich die ruhige, ungestörte Atmosphäre tief ein, als könnte ich dadurch ein Stück Frieden in mir speichern. Als könnte ich mir diese Ruhe mitnehmen und sie als Schutz vor all meinen Panikattacken nutzen. Ich wünschte, es wäre so einfach.

Eine kleine Windböe kam auf und schob einen lockeren Ast zur Seite, um den Sonnenstrahlen Zugang zu meiner Nasenspitze zu gewähren. Als auch der Wind meine Haut erreichte, spürte ich, wie heiß mir wirklich war. Ich musste weiter. Weiter, um irgendwo meinen Wasserhaushalt aufzustocken, weiter, um endlich ruhen und neue Kraft tanken zu können. Nur eine leise Brise wehte und raschelte in den Blättern. Geräusche wie diese waren nun seit Wochen mein Zuhause, meine Heimat, und zauberten trotz der Erschöpfung ein leichtes Schmunzeln auf meine Lippen.

Als würde der Rucksack dadurch leichter werden, klammerte ich meine Hände an die Riemen und konzentrierte mich auf den vielen Kies unter meinen Füßen. Eigentlich hatte ich nicht viel bei mir. Ein paar Wechselklamotten, eine Karte, ein Zelt und anderweitige Dinge, die man in der Wildnis brauchte. Darunter mein liebstes Utensil: ein altes Taschenmesser meiner Mutter. Auch wenn ich mich in der verlassenen Natur sicher und wohl fühlte, hielten die Panikattacken dennoch keinen Abstand zu mir. Ich wusste, dass es absurd war, an diesem Ort einem Menschen zu begegnen – seit meinem letzten Einkauf in Louisville vor weniger als einer Woche hatte ich keine Menschenseele mehr gesehen, und auch davor hatten sich meine sozialen Kontakte auf wilde Chipmunks und laute Singvögel reduziert –, doch wenn ich es dann doch ab und zu mal hinter mir knacken hörte oder in die dunkle Nacht horchte und mir sicher war, dass mich jemand beobachtete, war es unmöglich, das Messer in der Tasche zu lassen.

Als die Sonne immer tiefer sank, stieg der Weg hingegen an. Mühsam stemmte ich mich gegen die Steigung. Mittlerweile hatte ich keine Kraft mehr, um mich der wunderschönen Natur zu widmen. Nein, mein Blick galt nun ganz allein meinen Fußspitzen, war fest auf den Boden gerichtet. Natürlich hatte ich mich vorher auf diesen Trip vorbereitet, ein Buch nach dem anderen gelesen. Doch letztendlich war das Praktische dann doch eine ganz andere Liga als das Theoretische. Schweißtreibend, schmerzhaft, anstrengend – und dennoch lange nicht so schlimm wie mein Leben in Chicago.

Mit verzerrtem Gesicht wagte ich einen Blick in die Umgebung. Rechts neben mir fiel der Wald einen mäßigen Hang hinab, links stieg er. Wo führte der Weg mich hin? Weit und breit war mir in den letzten Stunden keine einzige Menschenseele begegnet, kein Auto, kein anderer Wanderer oder Fahrradfahrer.

Ich ließ meinen Rucksack von den Schultern gleiten und fischte meine Flasche hervor, ließ einen halben des letzten Liters in meinem Magen verschwinden. Scheiße! Ich brauchte wirklich frisches Wasser und der Essensvorrat wurde auch knapp. Zwei mickrige Milchbrötchen schlummerten noch in den Tiefen meines Rucksacks. Ich wollte sie mir für später aufheben.

Atemlos ließ ich vom Flaschenhals ab und blickte mich erneut um. Erst jetzt nahm ich am Ende des Hangs ein Glitzern wahr. Zwischen den vielen Bäumen konnte ich erkennen, dass die Sonne sich in etwas spiegelte. Ein vergessenes Stück Plastik? Nein, es war viel zu groß, viel zu weitflächig. Es war … ein See!

Sofort sprang ich auf, griff nach meinem Rucksack und stieg vorsichtig den Hang hinab. Und ehe ich groß darüber nachdenken konnte, schmiss ich meine Sachen ans Ufer, streifte Hose, Shirt und Schuhe ab und sprang samt Unterwäsche in das kühle Nass. Wohltuend erfrischte es meine Muskeln, meine Sinne. Wie eine Irre löste sich aus meiner Kehle plötzlich ein lautes Lachen, als ich mich auf den Rücken schmiss und mich vom Wasser tragen ließ. Die Baumwipfel beugten sich über mich, über den See. Ich lächelte ihnen zu, dankte ihnen für ihre Gesellschaft und die schützende Ruhe, die sie ausstrahlten. Ob der See in der Umgebung bekannt war? Ob in der Umgebung überhaupt Menschen lebten und Orte angesiedelt waren? Ich wusste es nicht.

Ich wusste nicht mal genau, wo ich überhaupt war, was mein Lächeln verblassen ließ. Langsam schwamm ich zurück zum Ufer, um mein Lager aufzuschlagen. Hier unten war ich weit genug vom Weg entfernt und doch nah genug, um meinen Kurs wieder aufnehmen zu können. Doch als erstes musste ich herausfinden, wo ich war. Wenn ich morgen keinen Ort fand, an dem ich meinen Wasservorrat aufstocken konnte, musste ich wohl oder übel den See als Quelle nutzen.

Mit meiner Karte setzte ich mich ans sonnige Ufer, um trocknen zu können. Doch egal, wie sehr ich dieses Stück Papier auch drehte, ich konnte beim besten Willen nicht entschlüsseln, welches dunkelgrüne Fleckchen meines war. Ich fand Louisville auf der Karte. Von der Entfernung her müsste ich eigentlich schon längst in Tennessee stehen. Vorausgesetzt ich war in die richtige Richtung gelaufen und mein Schritttempo war nicht das einer Schildkröte. Ich setzte meinen Finger auf die Karte, dort, wo dick und fett Louisville stand, und fuhr damit den Weg entlang, von dem ich mir fast sicher war, dass ich ihn genommen hatte. Nach der geschätzten Entfernung, die ich gelaufen war, verharrte ich und suchte nach einem See in der Nähe. Doch davon gab es gleich mehrere.

Seufzend lehnte ich mich zurück an einen Baumstamm und sog die Atmosphäre in mir auf. Diese Ruhe war alles, was ich immer gebraucht hatte, und doch spürte ich selbst hier stets leise Panik in mir schlummern, die nur darauf wartete, wieder ausbrechen zu können. Ob ich sie jemals würde auslöschen können? Ein Rascheln, gefolgt von einem stumpfen Knall, ertönte hinter mir. Panisch sprang ich auf und taumelte ins Wasser, fiel dabei auf meinen Po und robbte tiefer in den See, als würde das etwas bringen. Das Rasen meines Herzens verbreitete eine stechende Hitze in meiner Brust. Wie ein Buschfeuer begann mein Inneres zu brennen und schnürte mir jegliche Luft ab. Nicht einmal das kühle Wasser konnte etwas dagegen tun.

Atemlos blickte ich mich um und erkannte erleichtert, dass nur mein Rucksack umgekippt war.

 

Niemand wollte mich angreifen, ich war alleine, er war nicht hier.

Seufzend vergrub ich das Gesicht in den nassen Händen, versuchte es zu kühlen und wieder runterzukommen. Ich wusste, dass ich mir früher oder später Hilfe holen musste, sollte ich nicht bald eine Quelle oder einen Markt finden. Ich konnte nicht alles alleine schaffen, auch das wusste ich. Doch was half mir dieses Wissen, wenn mein Körper sich schlichtweg querstellte, wenn meine Angst größer als die Vernunft war?

Wie konnte ich lernen, anderen zu vertrauen, wenn ich nicht mal mir selbst traute?

 

 

Scott

Blueberry scharrte nervös mit den Hufen. Dass sie Schmerzen hatte, konnte man deutlich erkennen. Beruhigend streichelte ich ihr über die Nüstern, während Dr. Mellory ihre Wunde tackerte und einen Druckverband befestigte, doch meine eigene Nervosität machte es nicht besser.

»Das dumme Ding hat sich sicherlich am Zaun verletzt«, hörte ich Harvey hinter mir sagen.

Ich verdrehte die Augen. Vor einer halben Stunde war ich vom Präsidium nach Hause gekommen, da hatte Blueberry schon gelahmt und geblutet. Zum Glück wohnte Dr. Mellory am Stadteingang und somit nur wenige Minuten von der Farm entfernt. Er war sofort gekommen und hatte dadurch schlimmere Entzündungen der Wunde noch rechtzeitig verhindern können.

»Scott, du kannst den Zaun im Anschluss ja mal absuchen«, fügte mein Onkel noch hinzu und wollte sich dann wieder entfernen, um sich anderer Arbeit zu widmen. Er interessierte sich kaum für die Pferde, denn sie hatten auf der Farm für ihn keinen Nutzen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wären die Pferde schon längst verkauft worden.

»Ich glaube kaum, dass es am Zaun lag.« Ich drehte mich nicht um, konnte aber trotzdem genau hören, dass Harvey im Stalltor stehengeblieben war. Wahrscheinlich musterte er mich nun abfällig oder verdrehte die Augen.

»Ach, das glaubst du?« Er lachte spottend.

Als ich mich zu ihm umdrehte, hatte er die Hände in seine Hüfte gestemmt und die Brauen erwartungsvoll in die Höhe getrieben.

»Ja«, antwortete ich mit fester Stimme. »Und ich weiß, dass du die Wahrheit ebenfalls kennst. Blueberry hat eine Stichwunde, keine Schürfung.«

Dr. Mellory rappelte sich auf und räusperte sich unsicher. Er hatte Harveys und meine Auseinandersetzungen schon öfters mitbekommen. Es war kein Geheimnis, dass unser Verhältnis seit Jahren zerrüttet war, doch auch ich war der Auffassung, dass unsere Meinungsverschiedenheiten nicht unbedingt immer jeder mitbekommen musste, und ging meinem Onkel daher strickt aus dem Weg.

Einer der Gründe, weshalb ich seit meinem Abschluss als Deputy im Police Department arbeitete. Wirklichen Spaß hatte ich an meiner Arbeit nicht. In einem Ort wie Coker Creek kam es außer einem Süßigkeitendiebstahl einer Sechsjährigen und einer entlaufenen Kuh zu keinen aufregenden Verbrechen. Trotz allem hielt mich die Arbeit bei der Polizei von der Farm ab und ich konnte neue Luft schnuppern. Blöd auf dem Revier herumzusitzen oder durch die Gegend zu streifen, war mir meist doch lieber, als mir von meinem Onkel Tag für Tag anzuhören, was für ein Nichtsnutz ich doch war.

»Bleib mir fern mit deinen Hirngespinsten«, raunte er mir entgegen. Mit Hirngespinsten meinte er mein Misstrauen dem neuen Vorarbeiter Jakub gegenüber, den Harvey vor kurzem eingestellt hatte. Er war immer schlecht drauf und wirkte in seiner launischen Art nicht wirklich so, als hätte er etwas für die Tiere übrig. Seine Arbeit führte er viel zu hektisch aus, fuchtelte mit seiner Mistgabel gefährlich nahe an den Pferden herum, wenn sie nicht schnell genug Platz machten. Ehrlich gesagt hatte ich nur darauf gewartet, dass mal etwas passierte. Doch Harvey wollte davon natürlich nichts wissen.

»Harvey, schau dir die Wunde doch an«, bat ich ihn auf die ruhige Art. »Du weißt, wie Jakub drauf ist.«

Dr. Mellory räusperte sich erneut. Erst jetzt bemerkte ich, dass er seinen Koffer schon wieder gepackt hatte. »Die Verletzung ist zum Glück nicht so groß, aber sie muss trotzdem erstmal geschont werden. Koppelgang mit den anderen Pferden ist vorerst tabu. Die erste Woche hat sie strickte Stallruhe, danach können Sie langsam anfangen, sie zehn Minuten am Tag zu führen.«

Ich bedankte mich herzlich bei ihm und blickte ihm dann nach, als er förmlich aus dem Stall flüchtete. Von Harvey bekam er nur ein Nicken, dann wandte dieser sich wieder an mich und kam langsam auf mich zu.

»Scott, was soll das?« Seine Frage klang herablassend. »Sonst scherst du dich einen Scheißdreck um die Farm, bist den ganzen Tag auf dem Präsidium, also kümmere du dich um deinen Kram und lass mich meine Arbeit machen!«

Wütend presste ich die Lippen aufeinander und starrte ihn verbissen an. Es lag in meiner Hand, ob ich gegen seine Worte anging oder einfach meine Klappe hielt. Ich entschied mich für Letzteres und blickte meinem Onkel nach, als er zurück in den Hof lief. Es war besser so. Harvey war ein sturer alter Mann und ich hatte vor langer Zeit aufgehört, gegen ihn anzugehen. Auch wenn ich ihm zu gerne mal meine Meinung gegeigt hätte, auch wenn seine Worte so schmerzten. Doch ich wusste, meine Bemühungen wären umsonst, weswegen die einzige mir ersichtliche, sinnvolle Lösung es war, ihm einfach aus dem Weg zu gehen. Man konnte es ihm sowieso nicht recht machen. Ich konnte es ihm nicht recht machen. Egal, ob ich auf der Arbeit war oder auf der Farm aushalf.

Blueberry stupste mir in den Rücken, weil sie meine Unruhe zu spüren schien. Ich drehte mich um und ließ meine Stirn auf ihre Nüstern sinken, schloss für einen Moment die Augen. Jetzt war sie es, die mich zu beruhigen versuchte. Harveys Worte konnten schmerzen, was aber irgendwie noch viel mehr schmerzte, war seine Gleichgültigkeit den Pferden gegenüber. Er wusste, wie viel sie mir bedeuteten. Er wusste, wie viel sie Mum bedeutet hatten. Sie waren eines der wenigen Dinge, die mir von meinen Eltern geblieben waren. Nur Grandma, Bonnie und die Farm waren noch Gründe, warum ich nicht schon längst abgehauen war. Für Harvey war die Farm das Wichtigste und er war der festen Überzeugung, dass man sich als männlicher Nachfahre gefälligst ebenfalls um die Farm kümmern müsse. Das tat ich auch. Ich half, wo ich konnte, denn ob Harvey es glaubte oder nicht, dieser Ort war mir ebenso wichtig. Doch mein Heim war längst nicht mehr das warme Zuhause, das es einst mit meinen Eltern gewesen war. Die Zeit hatte einen dunklen Schatten auf die Farm geworfen.

Ausgelaugt stellte ich Blueberry zurück in ihren Stall und holte dann auch noch die anderen Pferde von der Koppel. Es war sowieso viel zu heiß. Eigentlich hatte ich mir meinen Freitagabend anders vorgestellt, mal wieder mit Ruby und Bonnie zusammen essen gewollt, doch das Gespräch mit Harvey und die Sorge um Blueberry hatten mir meinen Feierabend mal wieder ziemlich verbittert. Also trat ich zurück an meinen Wagen und entfernte mich von der Farm.

Die Scheibenwischer quietschten, als ich versuchte, den vielen staubigen Sand von meiner Windschutzscheibe zu entfernen. Sie wurden schon viel zu lange nicht mehr benutzt und schrien bei diesem viel zu heißen und trockenen Wetter förmlich nach Regen. Scheibenwischwasser musste auch neu aufgefüllt werden, aber das konnte ruhig mal das Police Department erledigen. In diesen heruntergekommenen Dienstwagen hatte ich schon genug Geld und eigene Arbeit investiert.

Der Scheinwerfer meines Wagens vermischte sich mit den letzten Sonnenstrahlen des Tages. Unsere Farm lag außerhalb der Stadt, umgeben von Wald. Um zur großen Landstraße zu kommen, die mich in den Ort brachte, musste ich erstmal durch ein langes Waldstück. Aufgewühlt fuhr ich in Richtung Stadtgrenze und hielt am Ortseingang an einer Tankstelle. Als der Motor verstummte, lehnte ich mich zurück und schloss für einen Moment meine Augen.

›Sonst scherst du dich einen Scheißdreck um die Farm, bist den ganzen Tag auf dem Präsidium, also kümmere du dich um deinen Kram und lass mich meine Arbeit machen!‹

Ich hörte die Worte meines Onkels noch genau in meinem Inneren.

Wut stieg in mir auf. Reue, Verzweiflung und Schmerz folgten. Hastig lehnte ich mich über den Beifahrersitz und kramte eine Schmerztablette aus dem Handschuhfach. Ich schluckte sie in einem Rutsch herunter, damit der brennende Schmerz auf meiner Haut endlich nachließ, und atmete dann erschöpft durch. Dabei fiel mein Blick auf den Himmel. Der Mond wurde schon am dunkelvioletten Himmel sichtbar. Abnehmender Vollmond. Dass ich fasziniert von diesem Anblick war, konnte ich nicht behaupten. Vielmehr suchte er mich heim, belächelte mich, denn jedes Mal aufs Neue erinnerte er mich an die Nacht, in der Mum und Dad von uns gegangen waren. Die Nacht, in der mein eigenes Leben eigentlich auch geendet haben sollte. Bonnie und Grandma Ruby waren die Einzigen, die mich noch am Leben hielten.

Meine kleine Schwester hingegen hatte solchen Lebenswillen, dass er meist für uns beide reichte. Manchmal merkte ich aber auch bei ihr, dass sie litt. Nicht in erster Linie wegen Mum und Dad, sie war zu jung gewesen, um sich noch richtig an sie zu erinnern. Vielmehr wegen des Zerwürfnisses zwischen Harvey und mir. Dies war einer der vielen Gründe, weshalb ich ihr auch keinen einzigen Wunsch abschlagen konnte. Dass sie morgen mit mir schwimmen gehen wollte, hatte ich bisher mit einem »Mal sehen« abgewimmelt, doch nachdem ich sie nun schon an diesem Abend hängengelassen hatte, war mir klar, an welchem Ort ich wohl den morgigen Tag mit ihr verbringen würde. Der Wickfield Lake war eigentlich nicht zum Schwimmen gedacht. Um ehrlich zu sein war es sogar verboten, das wusste ich als Deputy besonders genau. Doch in diesem See hatte selbst ich in Bonnies Alter schon mit meinen Eltern gebadet, es herrschten keine Strömungen und sowieso war er so abgelegen, dass keine Menschenseele vorbeikommen und uns erwischen würde. Und wer sollte das von der Polizei schon sein? John etwa? Der streifte doch lieber durch die Orte, wollte gesehen und bewundert werden. In dem abgelegenen Waldstück weit außerhalb von Coker Creek gab es niemanden, vor dem er mit seiner Uniform und dem dicken Streifenwagen protzen konnte.

Es war schon dunkel, als ich schließlich wieder in den steinigen Weg einbog, der mich zur Farm führte. In der Ferne sah ich schon die Scheune und Grandmas altes Wohnhaus. Im Wohnzimmer brannte noch Licht, sie machte sich sicherlich wieder Sorgen um mich und konnte nicht schlafen. Als ich an der Koppel entlangfuhr, verlangsamte ich mein Tempo, um vielleicht doch irgendwo ein Loch oder einen spitz herausragenden Gegenstand, an dem sich Blueberry verletzt haben könnte, zu entdecken. Doch ich konnte beim besten Willen nichts erkennen.

Leise trat ich auf die alten Holzstufen der Veranda, von denen die weiße Farbe bereits abblätterte. Bedacht übersprang ich die zweite Stufe, weil ich wusste, dass sie schon immer ein so lautes Knarzen von sich gab, das keiner im Haus überhören würde. Vor ein paar Jahren hatte ich mich in den Keller des Hauses zurückgezogen, dessen Treppen direkt im Hausflur lagen. Doch noch bevor ich meine Boots abstreifen konnte, wurde ich abgefangen.

»Scott?« Grandma saß im Wohnzimmer in ihrem altbekannten Ohrensessel, dessen Polster schon so durchgesessen war, dass sie darin richtig versank.

Ich steckte den Kopf durch die Tür, woraufhin sie sich mühevoll hochstemmte. Sie trug ihr übliches geblümtes Nachthemd, das bis zu ihren Füßen reichte. In ihrem Gesicht prangte ein warmes Lächeln, doch ihre Augen waren müde und traurig.

»Wie geht es Blueberry?«

Super. Sie hatte den Streit zwischen Harvey und mir mitbekommen. Wahrscheinlich hatte Harvey seine Launen nicht unter Kontrolle halten können und sich lauthals über mich ausgekotzt. Als würde Ruby nicht schon genug leiden, als hätte sie nicht schon genug Sorgen und Mühen, die Familie zusammenzuhalten. Gerade vor ihr und Bonnie versuchte ich stets gut mit Harvey klarzukommen, doch mein Onkel war da längst nicht so beherrscht wie ich.

»Ich glaube, es geht ihr ganz gut«, versicherte ich ihr und lächelte warm, damit sie sich nicht noch mehr sorgte, damit sie nicht sah, wie niedergeschlagen ich wirklich war. Doch wem machte ich etwas vor? Ruby konnte Gefühle, wie Sorgen, Trauer und Wut, aus meilenweiter Entfernung riechen. »Sie hat Glück gehabt. Die Wunde ist nicht so tief. Aber dass sie erstmal nicht mit auf die Koppel darf, wird ihr nicht guttun.«

Ruby nickte. Sie kannte sich mit Tieren bei weitem nicht so gut aus wie Harvey und ich. Zwar lebte sie ihr Leben lang schon auf dieser Farm, war aber immer mehr den Pflanzen und dem Gemüse in ihrem Garten zugetan gewesen. Grandpa hatte sich stets um den Rest der Farm gekümmert, bis dies nach seinem Tod Harvey und mein Dad übernommen hatten. Bis dahin hatte es im Stall neben den Rindern und Schweinen nur zwei Pferde zu Nutzzwecken, wie dem Rindertreiben, gegeben. Erst als Mum mehr Verantwortung auf der Farm hatte übernehmen dürfen, hatte sie den Rest der Pferde angeschafft, und von da an waren sie von Nutztieren zu Familienmitgliedern geworden.

»Harvey meinte, der Zaun ist vielleicht irgendwo kaputt …« Ihre Stimme war zaghaft und fragend. Sie wusste genau, was meiner Meinung nach der wahre Grund für die Verletzung war, und wollte jetzt, gutmütig wie sie war, die Streitschlichterin spielen. Für einen Moment schloss ich die Augen, nahm dann meinen Hut vom Kopf und fuhr mir erschöpft durch die Haare.

Als sich Harveys und meine Auseinandersetzungen nach dem Tod meiner Eltern verschlimmert hatten, hatte ich mich öfters bei Grandma ausgekotzt, mit der Hoffnung, sie könnte ihren Sohn zur Vernunft bringen. Doch mittlerweile wusste ich, dass das niemand konnte, und ich wollte Ruby nicht noch mehr aufbürden, als sie sowieso schon trug.

»Ja, wahrscheinlich«, antwortete ich also nur und nickte zustimmend. Sie presste mitfühlend die Lippen aufeinander, senkte dann den Blick.

Natürlich nahm sie mir meine Antwort nicht ab, wusste, dass ich mittlerweile lieber schwieg und mich fernhielt, als nochmal den Mund aufzumachen. Wenn Harvey sich nicht zurückhalten konnte, dann musste ich diesen Part übernehmen.

»Geh jetzt schlafen.« Liebevoll drückte ich ihr kurz einen Kuss auf die Schläfe, woraufhin sie mir durch die hellbraunen verschwitzten Haare wuschelte und schmunzelte.

Und während ich schließlich mit leeren und doch so vollen Gedanken im Bett lag und aus dem kleinen Fenster in der oberen rechten Ecke starrte, fragte ich mich, welche Auseinandersetzungen der morgige Tag bringen würde. Mein freier Tag. Ein Tag, an dem ich mich nicht ins Präsidium flüchten konnte.

Wickfield Lake, dachte ich und rief mir Bonnies strahlendes Gesicht vor Augen. Wickfield Lake – dies würde mein morgiger Zufluchtsort sein.

 

 

Kapitel 2

Giulia

Alles war dunkel. Alles schwarz. Augen auf, Augen auf! Wieso wurde es nicht hell? Wieso war meine Lampe nicht an? Wo war ich? Durfte ich schreien? Durfte ich mich bewegen? So viele Fragen und keine Antworten. Ich tappte im Dunkeln.

Jetzt war ein fester Griff an meinem Oberschenkel zu spüren. Zu fest, es schmerzte. Alles schmerzte. Und ich konnte nichts sehen. Ich wollte das nicht. Ich wollte das nicht!

»Ich will das nicht«, hauchte ich irgendwo unverständlich. Niemand konnte es hören, niemand war da, der mir helfen konnte.

Irgendwas drückte mich zu Boden, dann war da plötzlich ein stechender Zug an meinen Haaren. Schmerz. Ich war umgeben von Schmerz. Und doch, mich zu bewegen schien unmöglich. Es war, als würde ich auf mich hinabsehen und nichts unternehmen können, einfach zusehen müssen.

Hol doch Hilfe!, dachte ich – oder sagte, rief ich es? Ich glaubte nicht, denn aufschreien war mir unmöglich. Aufschreien war mir verboten. Selbst als irgendetwas mein Handgelenk verdrehte, bekam ich nicht den Mund auf. Ich sagte nichts, ich unternahm nichts. Es war meine Schuld. Ganz allein meine Schuld.

Sparsam trank ich einen Schluck meines restlichen Wassers. Ich brauchte wirklich dringend neues, denn obwohl die Sonne noch gar nicht aufgegangen war, war es schon jetzt um kurz nach fünf brüllend heiß. Ich konnte mir gut vorstellen, wie erbarmungslos sie in wenigen Stunden auf mich herab scheinen würde. Da konnten selbst die dichten Ahorn- und Walnussbäume nicht mehr aushelfen.

Mühsam rappelte ich mich auf, um meine Sachen zusammenzupacken. Sobald die Sonne sich zeigte, wollte ich weiter. Doch kaum stand ich auf den Beinen, wurde mir mächtig schwarz vor Augen. Mein Kreislauf streikte und das lag entweder an meinem mangelhaften Wasserhaushalt oder war dem nachhallenden Schwindel meines heutigen Alptraums zu verdanken.

Ich war am Seeufer aufgewacht, mein Fuß hatte im Wasser gelegen. Scheinbar war ich geschlafwandelt. Seit Jahren gehörten solche Träume zu meiner Nachtroutine. Ich hatte gehofft, dass ich sie hier loswerden könnte, doch es schien so, als würden sie mich niemals verlassen wollen. Gegen drei war ich dann wach geworden und hatte mich ausgelaugt zurück in mein Zelt neben meine hell leuchtende Taschenlampe verfrachtet. Schlafen war von da an unmöglich gewesen.

Ich rollte meine Isomatte zusammen und fischte die getrockneten Klamotten von einem Ast. Meine Haare bändigte ich mit einem großen Haargummi. Sie waren von meinem gestrigen Badegang gewellt und standen zu allen Richtungen ab. Schließlich fischte ich gähnend meine Karte aus dem Rucksack und versuchte mich erneut daran, sie zu lesen. Vergeblich. Selbst wenn ich recht hatte und mich an der vermuteten Stelle darauf befand, brachte mich das nicht wirklich weiter, denn der nächste Ort lag meilenweit entfernt. Ich war umgeben von Grün – so wie ich es mir gewünscht hatte. Nur dass ich dies im jetzigen Moment wirklich gar nicht so cool fand.

Gut, dann musste ich halt meilenweit laufen. Etwas anderes blieb mir nicht übrig. Da musste ich nun durch. Seufzend packte ich die Karte zurück in meine Tasche, dann ließ ich mich ein letztes Mal unter einem Baum nieder, um mich vor der heutigen Wanderung nochmal auszuruhen. Ich war erschöpfter als sonst. Auch wenn ich normalerweise an wenig Schlaf gewöhnt war, hatte mir die letzte Nacht doch extremer zu schaffen gemacht.

Unwillkürlich strömten mir all die Details meines Alptraums in den Kopf. Sie verhöhnten mich, lachten mich aus. Angespannt kniff ich die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, versuchte im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht in den Schrecken vergangener Tage einzutauchen. Doch es half nichts. Also klammerte ich mich an meine letzte Hoffnung, an mein letztes Beruhigungsmittel.

Ich griff nach meinem Rucksack und fischte mein Notizbuch hervor, um meiner Mutter einen Brief zu schreiben. All unsere Konversationen hielt ich darin fest, all meine Worte, meine Gedanken, meine Gefühle teilte ich ihr seit Jahren über meinen Stift mit. Nur ihr. Wenn sie jemand anderes las, würde ich mich verletzlich machen. Wäre ich dem ausgesetzt, was er mit meinen Worten, mit mir machen würde. Mich erfrieren lassen, in Flammen stecken, auslachen oder mir zu nahe kommen. Und das durfte nicht passieren.

So saß ich nun hier, widmete mich meinen Gedanken und ließ sie auf Papier zu Tinte werden.

Versuchte hoffnungsvoll, meine Ängste in mein Notizbuch zu kleben, es einfach zuzuschlagen und sie darin zu verbannen. Und während der Wind um mich herum sein Lied zwischen den raschelnden Blättern anstimmte und die Bäume sich sachte hin und her wogen, versank ich in der Natur, wurde eins mit ihr. Eins mit mir und den Worten, die ich erzählte.

»Oh mein Gott, ist das kalt!«
Die Stimme eines Kindes drang zu mir hervor und

ließ mich hochschrecken. Panisch blickte ich mich um, analysierte die Situation. Die Sonne knallte durch die Blätter hindurch auf meine Haut und ich saß immer noch am Fuße des dicken Baumstammes. Mist! Ich musste wohl eingeschlafen sein.

Erschrocken duckte ich mich, als erneut ein lautes Lachen ertönte, und griff in meine Hosentasche, um meine Armbanduhr hervorzukramen. Verdammte Scheiße! Wir hatten wirklich schon halb elf! Wie zur Hölle hatte ich nochmal so lange schlafen können? Auf dem harten Boden?! In der prallen Sonne?!

Jetzt aber los, sonst würde ich wirklich noch vollkommen dehydrieren. Leise zog ich mir den Rucksack auf die Schultern und trat dann etwas näher an die Stimmen heran. Durch die vielen Äste sah ich ein junges blondes Mädchen in einem geblümten Badeanzug knöcheltief im Wasser stehen. Ich schätzte es auf zehn, vielleicht elf. Für kurze Zeit spielte ich mit dem Gedanken, seine Eltern einfach zu fragen, ob sie etwas zu trinken haben oder mich in den nächsten Ort mitnehmen können. Ich meine, wenn sie ein kleines Kind dabei hatten, dann waren sie sicherlich harmlos …

Ich stockte und fuhr zurück hinter einen dicken Baumstamm, als ein junger Mann hinter den Ästen hervortrat und sich an das Ufer stellte. Er trug lange dunkle Jeans, ein blaukariertes und langärmliges Hemd und abgewetzte Cowboyboots, was sehr widersprüchlich war, denn wir hatten sicherlich 35 Grad in der Sonne. Heimlich musterte ich ihn näher. War er der Vater dieses Mädchens? Konnte ich mir nicht vorstellen, denn er war sicherlich nur ein paar Jahre älter als ich. Während ich ihn mir näher ansah, seine sportliche Statur musterte und beobachtete, wie er seinen Hut kurz anhob, um sich durch die hellbraunen Haare zu fahren, begann mein Inneres zu rebellieren. Es war zu gefährlich, ihn anzusprechen, weshalb ich mich schließlich dagegen entschied, ihn um Wasser oder eine Fahrt zum nächsten Supermarkt zu bitten. Zumal er einen Polizeiwagen fuhr – sicherlich war es verboten, hier wild zu campen, und am Ende fing ich mir noch eine Strafe ein. Nein, danke!

So leise wie möglich entfernte ich mich wieder von den beiden und versuchte den Hang hinauf zum Weg zu steigen. Laub raschelte unter mir, doch das bemerkten die beiden zum Glück nicht. Schließlich hätten diese Geräusche auch von einem Tier kommen können. Gerade als ich über eine große Wurzel springen wollte, um dann mit zwei letzten Schritten zum Weg zu gelangen, blieb ich mit dem Fuß hängen und spürte meinen Knöchel knacken. Reflexartig jaulte ich kurz auf, schlug mir dann noch das Knie blutig.

Super. Dieses Geräusch kam eindeutig von keinem Tier.

Die Stimmen der beiden verstummten. Ein panischer Blick in ihre Richtung verriet mir, dass sie zwischen die Bäume spähten und mich schließlich entdeckten.

»Alles in Ordnung?« Seine Stimme war tief und sachlich, die Stirn hatte er in Falten gelegt und musterte mich mehr überrascht als besorgt.

Ohne etwas zu antworten, stand ich mit rasendem Herzen auf und robbte mich hoch zum Weg. Doch mit jedem Schritt, den ich tat, vertiefte sich der Schmerz in meinem Knöchel nur noch mehr. Tränen stiegen mir in die Augen, während ich hastig weiterhumpelte. Tränen vor Ärger, Angst und Verzweiflung. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, mein Wasser war leer und nun war auch noch mein Knöchel verstaucht. Was aber schlimmer war: Ich bekam Panik. Nicht wegen den brenzlichen Umständen, in denen ich mich befand. Nein, es war die Aufmerksamkeit dieses Typs, der Kontakt zu ihm, sein Blick. Denn obwohl er mich keineswegs anzüglich gemustert hatte, lösten die Blicke eines Mannes doch immer noch Sorgen in mir aus.

Wahrscheinlich humpelte ich ganze zehn Minuten den Weg entlang, versuchte, der Panik zu entfliehen. Irgendwann ließ ich mich schmerzerfüllt auf einem großen Stein nieder und blickte die bisher gelaufene Strecke zurück. Sein Wagen war noch deutlich zu erkennen. Wenn ich jetzt schon vollkommen aus der Puste war, wie sollte ich dann den Rest noch schaffen?

Vorsichtig löste ich meinen Schuh vom Fuß und betrachtete meinen Knöchel. Er war blau angelaufen und leicht geschwollen. Voller Wut stieg mir mein ganzes Blut in die Schläfen und löste dort starken Schwindel aus. Reiß dich zusammen! Du bist selbst dran schuld!, rief ich mir in Gedanken zu und hievte mich wieder auf meinen gesunden Fuß. Halb humpelnd, halb springend setzte ich meinen Weg fort, versuchte der Panik zu entfliehen. Ein leiser Schluchzer löste sich aus meinem Mund, doch meine trockene Kehle schmerzte dabei so sehr, dass ich den nächsten einfach hinunterwürgte. Am liebsten hätte ich geschrien. Einfach geschrien, dadurch meine Mutter geweckt, damit sie mich dann aus diesem schrecklichen Traum retten konnte. Doch dies war kein Traum. Dies war die Realität. Eine Realität, die ich mir selbst ausgesucht hatte.

Plötzlich hörte ich hinter mir das Geräusch eines Anlassers, dann brummte ein Motor auf. Hastig weiteten sich meine zugekniffenen Augen und ich lauschte. Folgten sie mir? Mühevoll versuchte ich mich zusammenzureißen, normal zu laufen, damit er nicht erneut auf die Idee kam, nach mir zu fragen. Vielleicht war es Zufall, dass sie nun auch wieder abfuhren. Vielleicht würden sie nur an mir vorbeifahren und mich hier lassen. Hier alleine. Wollte ich das wirklich?

»Hey!«, rief eine junge Männerstimme, bei der mir sofort jegliches Blut in den Adern gefror, gleichzeitig aber irgendwie auch zu kochen begann. »Ist alles in Ordnung? Du blutest.«

Die Lust, mich einfach zur Seite zu drehen, während er neben mir herfuhr, ihn mir nochmal näher anzusehen und seine Stimme erneut in meinen Ohren zu haben, zerrte an mir. Doch sie zerriss mich ebenfalls. Denn auf der anderen Seite schrie meine Angst und flehte mich an, abzuhauen, ihn abzuweisen oder ihn einfach stur zu ignorieren, den Blick nach vorne gerichtet zu halten und weiterzuhumpeln. Vielleicht würde er dann weiterfahren, dann musste ich mich wenigstens nicht entscheiden.

»Wir können dich zum Doktor bringen«, ertönte plötzlich die helle Stimme des kleinen Mädchens, bei der mein Herz umgehend weich wurde.

Wie von selbst stoppte ich, spähte in die Richtung der beiden, weil ich mich nicht traute, richtig hinzusehen, und schüttelte sachte den Kopf. »Es ist schon alles in Ordnung. Vielen Dank!«

»Bist du sicher?« Hörte ich da ein Lächeln in seiner Stimme? Ein spottendes Lächeln? Ich wusste es nicht, setzte stur meinen Weg fort und versuchte, nicht allzu wehleidig zu wirken. »Du scheinst nicht wirklich zu wissen, wo du bist, oder?«

Ja, eindeutig, da war Spott in seiner Stimme. Und ja, eindeutig hatte ich keine Ahnung, wo ich war.

»Komm doch.« Wieder das Mädchen. Wieder diese liebliche, in Sorge getränkte Stimme, die all meine Sinne beruhigte. »Dr. Fitzgerald ist wirklich gut. Er kann dir helfen. Es tut auch gar nicht weh, jedenfalls bei mir nie!«

Ein leichtes Lächeln tauchte auf meinem Gesicht auf. Wie konnte jemand so süßes etwas mit so einem blöden Typ zu tun haben? Am liebsten hätte ich die beiden weiter ignoriert, doch ihre Stimme klang so besorgt, dass ich es nicht übers Herz brachte. Also blieb ich erneut stehen, drehte mich zu ihnen um und blickte schließlich direkt in seine Augen. Nicht in ihre. In seine. Und – verdammter Drecksmist – wie sehr ich mich dafür hätte ohrfeigen können. Denn nun hing ich dort fest, und obwohl ich schon Luft zum Antworten geholt hatte, blieb sie mir elendig im Rachen stecken. Ein Teil von mir begann zu zittern, wurde nervös und panischer, je länger ich ihn ansah, ein kleiner anderer Teil, der mit jeder Sekunde explosionsartig zu wachsen schien, wollte die Zeit anhalten und die Tiefe seiner dunkelgrünen Iris noch weiter erforschen.

Er räusperte sich, woraufhin ich nach Luft schnappte. Dadurch, dass meine Lungen aber bereits prall gefüllt waren, hörte sich das Ganze wie ein seltsames Würgen an. Super.

»Du musst dir keine Sorgen machen. Ich brauche keinen Doktor«, antwortete ich schließlich dem Mädchen, nachdem ich mich wieder gefasst hatte, und schenkte meine Aufmerksamkeit nun bewusst nur ihr. Ihre blonden Löckchen hingen ihr wild ins Gesicht, an ein paar Stellen tropfte noch etwas Wasser ab und fiel auf ihre Wangen. Genau wie seine, waren auch ihre Augen grün, ihre Nase mit zarten Sommersprossen bedeckt. Bei meiner Antwort blickte sie protestierend zu dem Mann an ihrer Seite, welcher seinen Blick mittlerweile gelangweilt durch die Frontscheibe schweifen ließ und mir kaum mehr Beachtung schenkte. Als hätte er ebenso wenig Lust, mir seine Hilfe anzubieten, wie ich, sie anzunehmen.

»Steig ein.«

Wie bitte? Seine Stimmlage war so eintönig und mürrisch, dass sein Hilfsangebot mittlerweile einem Befehl nahekam. Verblüfft und verärgert runzelte ich die Stirn und blickte ihn fassungslos an. Das merkte er, formte seine Lippen dann zu einem frechen Schmunzeln und drehte seinen Kopf schließlich zu mir, dabei verschwanden seine Augen im Schatten seines Cowboyhuts und ich war mir für kurze Zeit sicher, dass sie sich in tiefes Dunkelgrün – fast schwarz – färbten.

»Oder willst du weiter irgendwo ins Nirgendwo wandern?« Er deutete aus der Frontscheibe in genau die Richtung, in die ich hatte weiterhumpeln wollen.

Genervt presste ich die Lippen aufeinander. Jetzt wollte ich ihn erst recht stehenlassen, jetzt wollte ich erst recht nicht seine Hilfe annehmen. Ihm diese Genugtuung geben, dass er recht und ich keinen blassen Schimmer hatte, wo ich war, wie schlimm es um meinen Knöchel stand und wie zur Hölle ich an Wasser kommen sollte.

Wasser. Gerade als ich ihm irgendeinen guten Spruch drücken wollte, über den ich erst noch nachdenken musste, fiel mein Blick auf den Schoß der Kleinen. Sie trug einen Rucksack bei sich, aus dessen Öffnung der Hals einer vollen Wasserflasche ragte. Ich musste so intensiv und gedankenversunken drauf gestarrt haben, dass sich plötzlich eine Hand um den Hals schlang und mir die Flasche entgegenhielt.

»Durst hast du auch noch?« Jetzt wirkte er nicht mehr spottend, sondern irgendwie genervt. Als wäre er enttäuscht darüber, wie naiv und unerfahren ich doch war und dass ich trotzdem diese Reise machte. Gut, verirrt, verletzt und halb verdurstet sind keine Zustände, auf die man stolz sein konnte.

Vorsichtig hob ich den Arm und kam mit der Hand der Flasche und damit auch seinen Fingern näher. Bloß nicht berühren, dachte ich mir und spürte, dass meine Glieder am Beben waren. Entweder wegen der Dehydrierung oder vor Aufregung. Ich tippte auf Letzteres.

»Danke«, hauchte ich kaum hörbar, weil ich mich schämte, eigentlich immer noch wütend auf ihn war und meine trockene Kehle mir zu schaffen machte. Dann setzte ich die kühle Flaschenöffnung endlich an meine Lippen und genoss, wie sich wohltuende Feuchtigkeit in meinem Hals und schließlich in meinem Körper verteilte.

»Also in diese Richtung wirst du nichts als Wald und Felder finden. Da kannst du lange nach einem Arzt oder einem Supermarkt suchen, selbst wenn du unsere ganze Flasche leer trinkst.« Seine Stimme wurde von diesem erfrischenden Gefühl, das sich in mir breitmachte, überschattet. Erst bei seinen letzten Worten merkte ich, dass ich den kompletten Wasservorrat der beiden ausgetrunken hatte. Erschrocken nahm ich die Flasche von meinen Lippen und blickte mit aufgerissenen Augen ins Auto.

»Entschuldigung!« Meine Wangen fingen Feuer und ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Dass mein Knöchel angeknackst war, hatte ich zu dem Zeitpunkt irgendwie vollkommen vergessen, und merkte ich leider erst wieder, als ich vor Scham einen Schritt zurücktrat und sofort schmerzerfüllt zusammenzuckte.

»Okay, sei vernünftig und steig jetzt ein. Du musst zu einem Arzt, sonst überlebst du hier nicht. Jedenfalls nicht unter den Umständen.« Irgendwo hörte ich das Klicken einer Autotür, dann spürte ich plötzlich einen festen Griff an meinem Oberarm, der mich auf den Beinen hielt.

Mein erster Instinkt war, ihn abzuschütteln, denn er war zu nahe. Viel zu nahe. Doch in dem Moment, in dem ich mich erschrocken lösen wollte, feuerte mein Knöchel einen weiteren explosionsartigen Schmerz durch mein komplettes Bein, dass ich kaum Möglichkeiten dazu hatte, nochmal über meine Entscheidung nachzudenken. Also krallte ich mich an der Autotür fest, die er nun öffnete, und krabbelte auf den Beifahrersitz. Ein verwunderter Blick durchs Auto verriet mir, dass das junge Mädchen bereits auf den Rücksitz geklettert war. Ehe ich mich wieder richtig beruhigen konnte, setzte sich der Wagen auch schon wieder in Bewegung.

»Danke«, flüsterte ich und lehnte mich mit geschlossenen Augen gegen die Lehne, versuchte mir einzubilden, dass ich hier nicht gerade im Auto irgendeines Wildfremden saß, der mich dazu auch noch berührt hatte.

»Hier!« Ich öffnete die Augen und sah, dass mir das Mädchen ein Taschentuch entgegenhielt. Weil ich nicht sofort reagierte, deutete sie auf mein blutendes Knie. Stimmt, das war ja auch verletzt.

»Ich bin Bonnie, Bonnie Collister. Und das ist mein Bruder. Und wie heißt du?«

Bruder also. So, wie ich es mir schon gedacht hatte. Ehrlich gesagt beruhigte mich dieses Wissen etwas. Ein großer Bruder eines so süßen Mädchens würde mir sicherlich nichts tun. Hoffentlich.

»Sof-« Ich stockte und räusperte mich, ehe ich nochmal von vorne begann. »Giulia Moreno.«

»Ich bin Scott.« Bei seiner Stimme zuckte ich innerlich wieder zusammen. Nicht weil sie großartig furchteinflößend war – ganz im Gegenteil: Sie war ruhig, irgendwie rauchig und ein Hauch von Erschöpfung klang in ihr mit. Vielmehr verwunderte es mich, dass er mir seinen Namen nannte. Dass er überhaupt nochmal mit mir sprach, war unerwartet.

»Bist du auf der Durchwanderung?«

Wow, noch ein weiterer Satz. Und diesmal eine Frage sogar.

»Ja.« War das nicht offensichtlich?
»Wie lange bist du schon unterwegs?«
»Seit zwei Wochen.«
Ein Blick in Scotts Richtung verriet mir, dass er

kaum merkbar die Brauen hob. Wieder Spott oder wirkliches Staunen?

»Und woher kommst du?«, fragte er dann nach einer längeren Pause, in der ich mir eigentlich sicher war, dass unsere Unterhaltung nun beendet war.

Was geht dich das an?, hätte ich am liebsten geantwortet, doch auch Bonnie hing mir so interessiert an den Lippen, dass ich es nicht über mich brachte, pampig zu reagieren.

»Du stellst aber viele Fragen«, antwortete ich schließlich nach langem Überlegen.

»Nun, Coker Creek ist eine kleine Stadt mit neugierigen Einwohnern.«

Erst jetzt wandte ich den Blick aufmerksam aus dem Fenster und entdeckte die vielen weiten Wiesen und Felder voll mit Mais, Raps und anderen Getreidesorten. Hier und da sah man immer mal wieder eine Rinderherde oder einfach nur ein weites Stück Natur, das mir den kompletten Atem raubte. Coker Creek also?

»Wo genau liegt Coker Creek?«, fragte ich vorsichtig, woraufhin er erst erschrocken, dann lachend sein Gesicht verzog.

»Du hast echt gar keine Ahnung, wo du bist?«
Ja, streu noch Salz in die Wunde. »Nein.«
»Aber dass du in Amerika bist, weißt du?«
Ich verdrehte die Augen und legte mit warnendem

Blick den Kopf zur Seite. Noch so einen Spruch und ich würde mich nicht mehr zusammenreißen können.

Zum Glück lachte er schließlich. Ein leises und kurzes Lachen, das mich überraschte. Noch mehr überraschte es mich aber, dass mir sein Lachen irgendwie gefiel, wo er mich doch die letzten Minuten nur genervt hatte.

»Coker Creek liegt in Tennessee.«

Tennessee. Ich hatte es erreicht. Das indirekte Ziel, das doch eigentlich nie mein Ziel sein sollte. Denn Ziel bedeutete immer Ende. Ich wollte nicht ans Ende denken, ich wollte noch nicht zurück. Doch vielleicht war mein angeknackster Knöchel ja ein Zeichen. Vielleicht war es ein Zeichen, dass es an der Zeit war, meine Flucht zu beenden. Doch ich war noch nicht soweit.

 

Kapitel 3

Harvey

Mein Blick legte sich auf die Waldspalte in der Ferne, in der der sandige Weg verschwand, der sich von der Landstraße durch den Wald direkt zur Farm schlängelte. Gleich würde der kleine Laster von Maurice zwischen den Bäumen hervorfahren und das Material für den neuen Weidezaun der Rinder liefern. Hoffte ich zumindest. Wir hatten elf Uhr ausgemacht und ich hasste Unpünktlichkeit. Angespannt warf ich einen Blick auf meine Uhr und trat einen Schritt vor, als könnte ich damit tiefer zwischen die Bäume blicken und herausfinden, wo Maurice sich rumtrieb. Das Holz knarzte unter meinen Stiefeln. Unsere alte Veranda brauchte dringend mal ein paar Erneuerungen. Genauso wie das stockende Tor der alten Rinderscheune, die ich für den neuen Bullen etwas ausgebaut hatte, die vielen Schlaglöcher im Weg und die verstopften Wasserleitungen im Pferdestall. Und jetzt setzte sich noch die Zaunerweiterung für die Rinderherde auf diese lange Liste unerledigter Aufgaben. Wenn Scott nicht ständig auf dem Revier herumhängen und sich stattdessen etwas mehr auf der Farm einbringen würde, wäre jene Liste vielleicht gar nicht so lang. Wieso er genau hier in Coker Creek als Deputy Sheriff durchstarten wollte, hatte ich noch nie verstanden. Reinste Zeitverschwendung war das. In diesem Dorf passierte doch nie etwas. Hier auf der Collister Farm hingegen wartete viel Arbeit, die wegen ihm liegenblieb.

Und dann waren da noch Mum und Bonnie. Noch bis vor ein paar Jahren hatte meine Mutter Ruby bei vielem helfen können. Sie hatte die Buchhaltung gemacht, Futterbestellungen erledigt und sich um das Gemüsebeet gekümmert. Doch seit sie letztes Jahr einen Schlaganfall erlitten hatte, gab es ein von mir selbst erteiltes Arbeitsverbot. Ganz zu ihrem Missverständnis, denn laut ihrer Aussage wäre das ja gar kein richtiger Schlaganfall gewesen und sie hätte noch genug Kraft und wäre fit genug, um mit anzupacken. Von ihrem Gemüsebeet konnte ich sie daher leider nicht abhalten, aber zum Glück packte Bonnie dort mit an. Stur wie ein Esel war die Frau. Das lag den Collisters wohl im Blut.

Ungeduldig trat ich nun auf die Stufen der Veranda und bahnte mir meinen Weg in Richtung Scheune, um Maurice etwas entgegenzukommen. Wir hatten schon drei nach und er war immer noch nicht zu sehen. Sobald ich aus dem Schatten des Verandadachs trat und der staubige Sand sich auf meine Boots legte, zog ich meinen Hut tiefer ins Gesicht, um mich vor dieser Bullenhitze zu schützen. Wir brauchten dringend mal wieder etwas Regen. Diese Sommerdürre hatte die letzten Jahre schon einige Farmer in der Gegend in den Bankrott gestürzt. Auch bei uns war die Kasse knapp, doch zum Glück hatten wir von Eve, meiner Schwägerin, ziemlich viele Rücklagen geerbt, die uns über Wasser hielten. Sie stammte aus wohlhabender Familie und ihre Eltern hatten ein Depot für ihr von Geburt an geplantes Jurastudium angelegt. Doch Eve hatte andere Pläne gehabt. Als sie meinen Bruder Phil kennenlernte, schmiss sie all jene ihrer Eltern über den Haufen und beschäftigte sich von da an lieber mit unserer Farm. Die Pferde hatten es ihr besonders angetan – diese Liebe hatte Scott von seiner Mutter geerbt.

Ich dachte jeden Tag an sie. Die Leidenschaft und die Fröhlichkeit der beiden, die sie in die Arbeit hier gesteckt hatten, wurde von allen sehr vermisst und ihr Verlust legte sich in stummer Trauer über die Farm. Sogar die Tiere spürten das. Es war, als hätten sie alles Glück und alle Freude mit sich in den Tod genommen. Gerade deshalb lag mir diese Farm so am Herzen, gerade wegen Phil wollte ich sie aufrechterhalten. Seit vier Generationen war sie im Besitz meiner Familie, doch ich merkte, dass sie immer mehr zusammenbrach. Was würde daraus werden, wenn ich nicht mehr da war? Scott interessierte sich einen Dreck dafür und Bonnie war noch zu jung, um zu erben. Der Gedanke, dass mein Zuhause in die Hände irgendeines Großunternehmers kam, schmerzte noch schrecklicher als der Gedanke an den Tod.

Endlich tauchte Maurices Lieferwagen in der Ferne auf. Meine Zigarette landete im Sand und verschwand unter meinem Stiefel. Dann vergrub ich meine Hände in den Hosentaschen und schlenderte weiter zur Scheune, an der nach wenigen Momenten nun auch Maurice anhielt.

»Harvey, alter Freund!«, rief er, bevor er beide Beine aus dem Wagen schwang und geschickt die Tür hinter sich zuwarf.

Ich nickte ihm einmal zu. »Du bist zu spät.«

»Ach, hab dich nicht so«, lachte er und lief zur Ladefläche. »Du bist viel zu unruhig. Entspann dich doch mal.«

Ich ging auf seine Gelassenheit nicht weiter ein, denn es nützte sowieso nichts, ihm noch etwas von Pünktlichkeit und Manieren zu erzählen. Als Optimist nahm er immer alles langsam und entspannt in Angriff, hatte immer einen guten Spruch auf den Lippen und sowieso wirkte seine Welt immer heile und schön. Ich konnte mit dieser positiven Einstellung nichts anfangen.

»Hast du das Material?«

Maurice warf einen Blick auf die Ladefläche, als er sie öffnete, dann blickte er mich an und lächelte breit.

»Na klaro! Die Teile sind alle da, nur müssen sie einzeln geliefert werden, aber das haben wir ja schon am Telefon besprochen. Ich habe jetzt erstmal die Zaunpfähle, die Bänder und die Isolatoren. Die Tore werden noch geliefert. Wann kommt denn der Bulle?«

»In drei Wochen.«

Maurice verzog das Gesicht und kratzte sich am Kopf. »Soll ich dir nicht doch helfen?«, fragte er dann vorsichtig, weil er sicherlich ahnte, dass die Zeit knapp werden würde.

»Nicht nötig.«
Maurice musterte mich aufmerksam. Ich wusste

genau, was in seinem Kopf vorging. Der alte Mann schafft das doch sicherlich nicht alleine.

Ich wusste, dass die nächsten Wochen hart werden würden. Härter als sonst. Doch was blieb mir anderes übrig? Seitdem unser letzter Bulle vor einem halben Jahr gestorben war, hatten wir unsere Zucht einstellen müssen. Dann im Frühling kam der große Sturm und zerstörte sämtliche Zaunpfähle der Rinder. Da der Zaun der Pferdekoppel zum Glück erst erneuert worden war, überlebte er größtenteils. Doch um die Rinderzucht – eines der wichtigsten Geschäfte unserer Farm – aufrechtzuerhalten, war klar, dass nicht nur ein neuer Bulle, sondern auch ein neuer Zaun hermusste. Und um dort die beste Qualität zu erhaschen, konnte ich mir schlichtweg keinen weiteren Vorarbeiter leisten. Es musste klappen, ich musste es schaffen. Und wer wusste schon, ob Scott nicht vielleicht am Ende doch etwas mit anpackte. Die meiste Zeit war der Junge ja doch sehr hilfsbereit, doch wenn er diesen dummen Job nicht hätte, könnte er noch mehr anpacken, mir noch mehr helfen. Ich wusste, was er von mir dachte. Ich wusste, dass er dachte, ich würde ihm die Schuld für den Tod seiner Eltern geben. Und ich wusste auch, dass ich nicht gerade viel tat, um dieses Missverständnis aufzuklären, ihm zu zeigen, dass dieser Gedanke absurd war und er und Bonnie mein Ein und Alles waren. Meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen, war mir schon immer schwergefallen, und diese Art färbte seit dem Tod seiner Eltern auf Scott ab. Die Freude fehlte, die Wärme seiner Mutter und die Ruhe seines Vaters. Ich war ihm dabei keine große Hilfe, machte ihn nur noch kälter, als er es sowieso schon war, auch das wusste ich. Und es schmerzte. Es schmerzte gewaltig.

Maurice nickte schließlich und schlug mir lachend auf die Schulter. Bei dem Aufprall durchfuhr mich ein stechender Schmerz und ich musste mich zusammenreißen, nicht aufzujaulen. Bloß nichts anmerken lassen.

»Ich weiß doch, dass mein Freund das schafft«, rief Maurice laut und lachte. Ich stimmte mit ein, verfiel dadurch aber in starkes Keuchen. Meine Brust ging in Flammen auf und ein schmerzhaftes Feuerwerk brannte in meiner Lunge. Zum Glück schaffte ich es noch rechtzeitig, den Hustenanfall nicht ausarten zu lassen.

»Alles in Ordnung?«, fragte Maurice grinsend. »Hast dich wohl verschluckt, was? Alter Mann!«

»Ja …«, stammelte ich leise und quälte mich zu einem Lächeln. »Alles gut.«

Und mit dem Schmerz in meiner Brust, der Tag für Tag schlimmer wurde, wuchs auch der Schmerz, Scott mehr und mehr zu verlieren. Ich wusste, dass die Zeit knapp war. Ich wusste, dass ich mit ihm reden musste. Bevor es zu spät war.

 

 

 

Kapitel 4

Scott

Die Jalousien der Fenster formten das pralle Sonnenlicht zu dünnen Linien und versuchten, einen Teil davon draußen zu behalten. Doch trotz allem kam es mir in dem kleinen Wartezimmer von Dr. Fitzgerald noch heißer vor als draußen. Ich sank tiefer in den Stuhl und schnaufte unauffällig. Meinen freien Tag hatte ich mir anders vorgestellt, als jetzt hier in diesem stickigen Raum auf irgendein naives Mädchen zu warten, das definitiv keine Ahnung hatte, auf was für eine Wanderung es sich da eingelassen hatte. Doch was hätte ich denn anderes tun sollen? Bonnie das Herz brechen? Giulia ihrem Schicksal überlassen und ignorieren, dass sie wahrscheinlich wirklich früher oder später zusammengebrochen wäre, wenn sie weiter orientierungslos durch die Gegend geirrt wäre? Nein, so ein Mistkerl war ich nun auch wieder nicht.

Bonnie hatte seit ihrem Aufschrei nicht mehr aufgehört, über sie zu sprechen. Sie sorgte sich über jeden humpelnden Käfer und jede schwankende Fliege. Der See und das Schwimmen, auf das sie sich tagelang gefreut hatte, wurden mit Giulias Verletzung plötzlich nebensächlich, und während ich mit meinen Gedanken eigentlich schon wieder an einem völlig anderen Ort gewesen war, hatte sie mich zum Auto gezerrt.

»Sie blutet. Sie muss zum Arzt«, hatte Bonnie gesagt und nicht aufgehört, an mir zu ziehen. Wenn ich alleine gewesen wäre, würde ich nun sicherlich nicht hier sitzen. Ein Nein hätte mir gereicht. Obwohl ich zugeben musste, dass ich früher oder später dann wahrscheinlich doch nach ihr gesucht hätte – um mein Gewissen zu reinigen, versteht sich. Ich hatte wenig Lust darauf, für das Elend eines weiteren Menschen verantwortlich zu sein.

»Denkst du, sie wird wieder gesund?«, fragte Bonnie neben mir und holte mich somit aus meinen Gedanken zurück. Erschöpft rappelte ich mich auf und lächelte ihr zu.

»Na klar, Süße.«

 

Ihre Miene war in Sorge getränkt, sie zappelte ungeduldig auf ihrem Stuhl herum. Ich fuhr ihr durch das zerzauste Haar und gab ihr einen Kuss auf den Kopf.

»Dr. Fitzgerald gibt ihr bestimmt einen Verband. Vielleicht lässt sie mich darauf unterschreiben!« Ein Strahlen breitete sich kurzzeitig auf ihrem Gesicht aus, verblasste aber sofort wieder. »Was wird dann mit ihr passieren?«

Ich presste die Lippen zusammen, weil ich darauf selbst keine Antwort wusste. Dr. Fitzgerald würde sie sicher nicht auf wundersame Weise wieder so zusammenflicken können, dass sie ihre Wanderung fortsetzen könnte. Vielleicht konnte sie in ein Hotel? Doch wo zur Hölle gab es hier in der Nähe ein Hotel? Diese Gegend war nicht für Touristen gemacht. Coker Creek war langweilig und klein und der nächste Ort meilenweit entfernt.

In dem Moment öffnete sich die Tür der Ärztin und Giulia kam humpelnd heraus. Komischerweise schnellte mein Körper wie von selbst in die Höhe und blickte erwartungsvoll auf ihren verbundenen Fuß, während sie sich bei Dr. Fitzgerald bedankte. Bonnie sprang sofort von ihrem Stuhl auf und nahm Giulia an die Hand, als würde sie sie schon ewig kennen. Mir fiel auf, dass diese bei der Berührung kaum merklich zusammenzuckte und für eine Sekunde erstarrte.

 

Vielleicht hatte sie eine Keimphobie? Als ich ihr vorhin am Wagen auch wieder auf die Beine hatte helfen wollen, hatte sie noch extremer reagiert. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein.

»Ihr Knöchel ist verstaucht, sie braucht viel Ruhe.« Dr. Fitzgerald wandte sich nun an mich. »Das sollte sich aber bei guter Kühlung und ausreichend Erholung in ein, zwei Wochen wieder gebessert haben.«

Ich nickte nur, weil ich keinen blassen Schimmer hatte, was ich mit dieser Information anfangen sollte. Ein Blick zu Giulia verriet mir, dass sie nur geistesabwesend ins Leere starrte. Wahrscheinlich hatte sie den gleichen Gedanken wie ich: Wo sollte sie die nächsten zwei Wochen ausreichend Kühlung und Erholung bekommen?

»Wenn es sich nicht bessert, kommen Sie bitte nochmal vorbei.« Nun wandte sie sich wieder direkt an Giulia, die nur angespannt die zusammengepressten Lippen zu einem Lächeln verzog, und verabschiedete sich schließlich von uns.

Als wir die Praxis verließen und Bonnie sie, so gut sie konnte, stützte, herrschte eine noch angespanntere Stimmung zwischen uns als zuvor.

»Vielen Dank für eure Hilfe«, sprach Giulia schließlich mit entschlossener Stimme und ließ dann Bonnies Hand los, »aber ich werde nun alleine zurechtfinden müssen.«

 

»Aber Dr. Fitzgerald hat gesagt –«, begann Bonnie protestierend, doch ich kam ihr dazwischen.

»Weißt du, wo du unterkommen kannst?« Giulia legte den Kopf schief, als würde sie nicht verstehen. Ich deutete auf ihren Fuß. »Soll ich dich irgendwo hinfahren, wo du dich die nächsten zwei Wochen ausruhen kannst?«

»Das ist nicht nötig. Ich finde schon einen Ort.« Welche andere Antwort hatte ich denn auch erwartet? Diese Frau war stur wie sonst was.

Traurig und erwartungsvoll blickte meine Schwester an mir hoch, als Giulia sich wieder umdrehte und vollgepackt weiterhumpelte. Bonnie war das Ebenbild meiner Mutter – nicht nur äußerlich. Auch innerlich erinnerte sie mich täglich an ihr großes Herz und zeigte mir jedes Mal aufs Neue, was die richtige Entscheidung war. Und diese war, Giulias Sturheit mit meiner eigenen zu begegnen. Denn das konnte ich schließlich am besten.

»Du kommst erstmal mit zur Farm und dann überlegen wir weiter«, antwortete ich, öffnete den Wagen und ließ den Rest Bonnie erledigen. Diese rannte erfreut zu Giulia und zog an ihrer Hand.

»Nein, das ist wirklich nett, aber ich kann das nicht –«

»Wo willst du sonst hin? Tut mir leid, dass diese Wanderung vielleicht nicht nach deinen Plänen verläuft, aber mit dieser sturen Einstellung verreckst du da draußen.«

Okay, der Ton war vielleicht etwas zu forsch, doch er schien zu wirken. Giulia starrte mich durchdringend an. Als müsste sie ernsthaft darüber nachdenken, welche Option besser war. Bei mir einzusteigen oder in Kauf zu nehmen, eventuell zu sterben. Und während sie das tat, bemerkte ich in ihren eigentlich so kalten Augen plötzlich etwas Verletzliches. Nicht jene Verletzlichkeit, die ich durch ihren verstauchten Knöchel zu Gesicht bekommen hatte. Nein, was ich hier für einen Bruchteil einer Sekunde wahrnahm, war tiefe innere Gebrochenheit – und ich begann ernsthaft in Erwägung zu ziehen, dass ihre Entscheidungsunsicherheit vielleicht doch gar nicht so unberechtigt war.

»Tut mir leid«, hauchte ich und fuhr mir übers schweißnasse Gesicht. »Ruby, meine Grandma, macht dir sicher etwas Warmes zu Essen. Du kannst deinen Knöchel kühlen, dich etwas ausruhen und reichlich trinken. Danach kannst du immer noch weiterwandern, wenn du das unbedingt möchtest, aber so bist du vollkommen entkräftet.«

Ihr Blick wanderte zu Bonnie, die immer noch ihren Arm umklammerte. Dann tauchte ein erschöpftes Lächeln auf ihren Lippen auf, so erschöpft, wie sich meines auch anfühlte.

 

»Danke«, hauchte sie schließlich zum fünften Mal an diesem Tag und ließ sich dann endlich wieder im Wagen nieder.

Während der Fahrt dachte ich über meine heutige To- Do-Liste nach. Ja, ›frei‹ bedeutete in meinem Fall eigentlich nie wirklich frei. Zwar musste ich heute nicht aufs Revier und durfte mir den Vormittag mit Bonnie vertreiben, doch auf der Farm gab es immer genug zu tun und ich wusste ganz genau, was Harvey davon hielt, dass ich meine heutigen freien Stunden nicht vollkommen der Arbeit auf der Farm gewidmet hatte. Ich hatte wenig Lust, mich erneut mit ihm auseinanderzusetzen und mir anzuhören, was für ein Nichtsnutz ich war. Daher widmete ich mich, sobald wir zu Hause waren, am besten sofort seinem kaputten alten Truck, der Versorgung der Tiere und der Reifeprüfung des Mais, damit mein Onkel erst gar nicht auf die Idee kam, wieder zu meckern. Obwohl er sicherlich, auch wenn ich alle Arbeit der Farm übernehmen würde, immer einen Grund zum Meckern finden könnte. Es war unmöglich, ihm etwas recht zu machen.

Mein Blick flog zu meiner Rechten. Giulias Ausdruck war angespannt und unnahbar wie die ganze Zeit schon. Und doch schnellten ihre Augen immer wieder unauffällig über die Wiesen und Felder, die an uns vorbei rasten. Begeisterung versteckte sich in ihrem Blick und ich fragte mich, woher sie wohl kam. Sicherlich war sie ein Großstadtmädchen. Was sie an diesem Fleckchen Nichts aber so begeisternd fand, war mir ein Rätsel. Coker Creek war meine Heimat und ja, die Gegend war wunderschön, doch das Stadtleben stellte ich mir eindeutig aufregender vor.

Als wir von der Landstraße in den dunklen Waldweg einbogen, wurde ihre Haltung wieder etwas steifer. Angespannt klammerte sie sich an den großen Rucksack, der auf ihrem Schoß lag.

»Wir sind gleich da!« Bonnie tauchte zwischen unseren Sitzen auf und deutete in Fahrtrichtung. »Siehst du da vorne? Da endet der Wald. Na ja, jedenfalls dieser Wald. Weißt du, wir wohnen nämlich auf einer großen Lichtung. Sozusagen ein riesiges Loch im Wald. Wirklich riesig, weit und breit sind wir umzingelt von Bäumen.«

Noch bevor sie ihren Redeschwall beenden konnte, endete der lichtgeschützte Waldweg und die Sonne prallte uns wieder mit ihrer vollen Wucht entgegen. Und so wie die Sonne begann nun auch Giulias Gesicht zu strahlen. Wir fuhren an unserem alten Cottage am Waldrand vorbei, dann passierten wir das Maisfeld. Von weitem konnte man schon die Scheune und Rubys altes Wohnhaus erkennen und mir entging nicht, dass Giulia beides mit zusammengekniffenen Augen fixierte. Als wir dann an der Koppel entlang geradewegs auf das Haus zu fuhren und Arrow – Mums Hengst – neben uns her galoppierte, formten sich ihre Lippen zu einem großen Lächeln. Das größte und vielleicht auch einzige Lächeln, das ich bisher von ihr zu Gesicht bekommen hatte, und der Fakt, dass sie es wegen den Pferden trug, machte sie mir direkt ein Stück sympathischer.

»Ihr wohnt ja auf einer richtigen Farm.« Nun wandte sie sich von der Fensterscheibe ab und blickte mich staunend an.

Ich runzelte die Stirn. Jap, eindeutig Stadtmädchen. »Was ist denn keine richtige Farm?«

Sie kam nicht mehr zum Antworten, denn in dem Moment lehnte sich Bonnie aus dem Fenster und rief nach unserer Großmutter, die auf der Veranda stand. Sammy bellte laut, noch bevor wir zum Stehen kamen, und steckte schwanzwedelnd seine Schnauze zur Beifahrertür rein. Ein prüfender Blick über das Gelände verriet mir, dass Harvey nirgends zu sehen war. Wahrscheinlich machte er sich gerade am Weidezaun zu schaffen.

Wie selbstverständlich nahm ich Giulia den Rucksack vom Schoß und drehte mich dann zur Veranda, auf der Bonnie Grandma scheinbar schon alles zu erzählen schien. Als ich in ihre Richtung laufen wollte, warf sie mir einen warnenden Blick zu und forderte mich stumm dazu auf, umzudrehen und Giulia zu helfen. Ja, gut, wirklich Gentlemanlike war das nicht gewesen, doch in dem Thema war ich sowieso nicht der Beste und Giulia selbst war ja auch nicht wirklich offener gewesen.

Doch da Ruby nun mal meine Grandma war, drehte ich mich schließlich doch um und bot dem humpelnden Mädchen meine Hand an. »Geht’s?«

Doch – wie zu erwarten – zuckte sie vor meiner Hand davon und winkte ab. »Ja.«

Na schön, dachte ich mir, drehte mich wieder zum Haus und lief schulterzuckend in Rubys Richtung.

Diese schüttelte nur schmunzelnd den Kopf, klopfte mir dann aber liebevoll auf die Schulter, ehe ich ins Haus trat.

»Nimm ihm das nicht übel. Er ist nicht immer so ein Griesgram«, hörte ich noch Ruby lachen, als sie Giulia in Empfang nahm. »Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Ruby. Komm erstmal rein ins kühle Haus. Ich mach dir eine Suppe – oder möchtest du erstmal duschen? Etwas trinken? Na, wie auch immer, wichtig ist, dass du dich erstmal setzen kannst.«

Ein Schmunzeln huschte über mein Gesicht, als ich vom Flur hinausspähte und Giulias überforderten Ausdruck sah.

 

»Ich hoffe, ich mache Ihnen keine großen Umstände. Ich werde so schnell wie möglich wieder verschwinden, versprochen!« Giulias Versuch sich zu erklären, scheiterte, als Ruby erneut auf sie einredete und ihr erklärte, dass sie sich keine Gedanken machen müsste.

Mein Reiz, endlich im Keller zu verschwinden, verstärkte sich, als Ruby und Bonnie Giulia ins Haus führen wollten. Ich hatte genug anderes zu tun, als mir weiterhin dieses Frauengeschnatter anzuhören. Also kramte ich meine dreckige Arbeitsjeans heraus, zog mir ein altes Hemd von meinem Vater über und warf dann noch eine Schmerztablette ein. Als ich wieder hoch in den Flur trat, hallte Rubys Stimme lauthals aus dem Wohnzimmer heraus. Auf meinem Weg nach draußen blieb ich an der Tür stehen und beobachtete das Schauspiel einen Moment. Giulia saß auf einem Sessel und bekam von Ruby einen Eistee gereicht, währen Bonnie ihren Fuß in Eis einpackte. Auf ihrem Gesicht klebte ein überfordertes Lächeln. Ich konnte ihr sofort ansehen, dass sie sich redlich unwohl mit all der Hilfe fühlte.

»Ich kümmere mich jetzt um die Pferde.« Meine Stimme ging in dem Geschehen unter. Weder Ruby noch Bonnie schenkten mir in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit. Nur Giulia hob den Blick, musterte meine dreckige Arbeitskleidung eine Sekunde lang und ich war mir fast sicher, dass sie als Stadtmädchen gleich die Nase rümpfen würde. Doch dann lächelte sie und ihre Augen bekamen dasselbe sehnsüchtige Strahlen, das sie schon zuvor beim Erblicken der Pferde getragen hatte.

»Scott, wer ist das Mädchen da bei Ruby?« Harveys Stimme tauchte hinter mir auf, als ich Jacks Futtertrog gerade mit Hafer füllte.

Ich warf meinen Blick in den Hof, zuckte dann mit den Schultern und setzte meine Arbeit fort. »Eine Durchwanderin, die sich verletzt hat. Bonnie hat drauf bestanden, ihr zu helfen«, erklärte ich kurz und knapp, weil ich wusste, dass er sich sowieso kaum dafür interessierte. Dieser fischte eine Zigarette aus seiner Hose, lauschte naserümpfend dem leisen Getuschel der Frauen und zündete sich die Todespfeife an. Ich schüttelte innerlich den Kopf.

»Du musst wieder reiten«, brachte er schließlich ganz trocken hervor und trat an die Wasserleitung, an der er wohl bis vor kurzem noch gearbeitet hatte.

»Ich reite nicht mehr, das weißt du.« Stur schob ich den Futterwagen zurück ans Silo.

»Irgendwer muss es tun.« Harveys Stimme war ein Nuscheln und ich musste mich nicht zu ihm umdrehen, um herauszufinden warum. Er hatte seine Zigarette zwischen die Lippen gepresst, wie er es so oft tat, wenn er die Hände zum Arbeiten nutzte. Dass er das Rauchen einfach mal sein ließ, war scheinbar noch nie eine Option für ihn gewesen. »Nächsten Monat kommt der neue Bulle, dann brauchen wir Ordnung, damit er nicht alles aufmischt. Jemand, der die Rinder zusammentreibt.«

Angespannt presste ich die Lippen aufeinander, drehte mich schließlich zu ihm um. Harvey schraubte mühevoll an der Wasserleitung, da die Tränken der Pferde seit Tagen nicht mehr richtig funktionierten.

»Wenn du es nicht tust, dann kümmere dich darum, dass jemand anderes sie reitet«, fügte er dann noch verbittert hinzu. Dabei schaute er mich kein einziges Mal an. Das tat er schon lange nicht mehr, jedenfalls nicht richtig. Ich seufzte unbemerkt, denn in diesem Punkt hatte Harvey ausnahmsweise mal recht. Bevor unser letzter Bulle verstarb, hatte Billy – ein älterer Herr aus dem Ort – das Rindertreiben übernommen. Leider durfte er nach einem kürzlichen Bandscheibenvorfall kein Pferd mehr besteigen, was hieß, dass ich schleunigst nach einem Ersatz suchen musste. Ich war der Einzige in der Familie, der mit den Pferden wirklich etwas am Hut hatte, für den sie nicht nur Nutztiere waren und der sie normalerweise auch ritt. Normalerweise. Diese Leidenschaft hatte ich allein mit meiner Mutter geteilt – für die gebürtigen Collisters kamen Pferde immer nur für die Arbeit zu Nutzen. Doch seit ihrem Tod konnte ich das einfach nicht mehr.

Harvey jaulte leise auf, dann fluchte er und fasste sich an sein kaputtes Knie.

»Lass mich das machen«, schlug ich vor und nahm ihm die Zange aus der Hand. Harvey stöhnte nur, krallte sich dann wieder an seinen Zigarettenstummel und humpelte in Richtung Haus. Enttäuscht sah ich ihm hinterher. Die Stille zwischen uns machte mich langsam aber sicher kaputt.

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