Leseprobe zu Mr. Dealmaker

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel 1

 

Leila

 

Ich bin eine Prinzessin in einer goldenen Kutsche. Zumindest versuche ich mir das einzureden, als ich mit feuchten Händen den Lamborghini vorsichtig aus der schäbigen Autowerkstatt bugsiere. Der hagere Mann, der hinter mir das elektrische Tor wieder schließt, nickt mir noch einmal knapp zu. Ginge es nach ihm, würde ich jetzt für einen Männerkalender nackt auf den Luxuskarossen posieren, statt ohne Führerschein mit dem heiligen Baby von A nach B zu tingeln.

Ich setze den Blinker und bringe mich außer Sichtweite der ringsherum befestigten Überwachungskameras. Vorhin hatte ich mich erst darüber lustig gemacht. Diebe, die vor Dieben Angst haben. Nachdem ich die eindrucksvollen Schlitten gesehen habe, würde ich es persönlich nicht nur beim CCTV belassen.

Seufzend halte ich an der nächsten Ecke an und schalte den Motor aus. Langsam senke ich meinen Kopf und lehne Stirn und Unterarme an das edle Lenkrad.

Was tue ich hier? Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen? Mein Leben lang war ich stolz gewesen, mich von meiner kriminellen Familie abgrenzen zu können, und nun bin ich doch nicht besser als all die durchtriebenen Taugenichtse, die unseren Stammbaum bereits seit Generationen schmücken.

»Ich hasse dich«, murmele ich und verwünsche meinen Bruder mit sämtlichen miesen Ausdrücken, die mir in den Sinn kommen. Meine hollywoodreife Lage ist ganz klar seine schuld. Würde er nicht existieren, wäre ich in diesem Moment in der Bibliothek und würde entspannt Gesetzestexte wälzen. Ich würde definitiv nicht davorstehen, mich vor Panik gleich nass zu machen.

Während ich mich in den Sitz zurücklehne, denke ich kurz daran, dass ich natürlich die Option gehabt hätte, einfach alles hinzuschmeißen, oder mir einen schlecht bezahlten Job in einer versifften Bar zu angeln. Der Gedanke, selbst verantwortlich zu sein, schmerzt aber noch zu sehr, sodass ich mich direkt wieder auf meinen Dreckskerl von Bruder einschieße. In Rage haue ich zweimal auf das Lenkrad ein und erwische beim zweiten Mal aus Versehen die Hupe.

Wie ein Reh im Scheinwerferlicht friere ich für mehrere Sekunden zu einer Statue zusammen, ehe ich vorsichtig durch die Fenster spähe und mich versichere, dass niemand in der Nähe ist. Das Verkehrsaufkommen in dem Industriegebiet ist zum Glück nicht mit dem in der Innenstadt vergleichbar. Soweit ich das überblicken kann, habe ich lediglich ein paar Vögel und zwei herumstreunende Hunde aufgeschreckt. Etwas beruhigt überprüfe ich auf meinem Smartphone die Uhrzeit. Es ist immer noch früher Nachmittag, und ich habe weiterhin eine gefühlte Ewigkeit Zeit, um zu der eigentlichen Schieberwerkstatt zu gelangen. Dort, wo sie das schnittige Modell entweder in seine Bestandteile zerlegen, oder ihn komplett unkenntlich ins Ausland exportieren. Entgegen der Regel überlege ich, hier auf meinen Bruder zu warten, damit wir gemeinsam die gestohlenen Lambos auf die Reise schicken können. Allerdings ist mein Hass auf ihn zu groß, als dass ich es ernsthaft erwägen könnte.

Okay Leila, tief durchatmen. Du packst das.

Meine inneren Cheerleader schwenken begeistert ihre Pompons, und ich wiederhole im Geiste mein Mantra von vorhin: Ich bin eine Prinzessin in einer goldenen Kutsche. Einer Kutsche, wie ich sie täglich benutze. Sie ist nichts Besonderes. Die eleganten Ledersitze, das überdimensionierte Display oder das pfiffige Beleuchtungssystem mit ausgeklügeltem Farbkonzept – alles total gewöhnlich. Fast schon langweilig.

Verdammt, das Lenkrad wird bereits ein Vermögen wert sein. Wer kann sich so etwas nur leisten?

Neugierig geworden nehme ich mir die Zeit und schaue mich bedächtig um. Es ist eine Ablenkung, die ich mir eigentlich nicht erlauben sollte, dennoch tue ich es so akribisch, als würde ich einen Preis gewinnen können. Selbst das Handschuhfach ist vor mir nicht sicher. Blindlings taste ich mich einmal durch und bekomme schließlich etwas zu fassen, das garantiert nicht das Benutzerhandbuch ist.

Ja, hallo! Mein Mund verzieht sich zu einem breiten Grinsen und würde die Situation mir nicht doch noch eine gewisse Grundanspannung abverlangen, wäre ich jetzt am Sabbern. Der Typ, der mich auf dem abgegriffenen und zur Hälfte abgerissenen Foto anlächelt, sieht dermaßen heiß aus, dass ich versucht bin, das Bild einzustecken und für spezielle Abende aufzubewahren. Nicht, dass ich es nötig hätte. Okay, Lüge. Ich habe es wirklich nötig. Es ist das unbestreitbare Resultat, wenn man selbst in seiner Freizeit seine Nase nicht aus den Büchern ziehen kann und bisherige Dates nach Intelligenz und wertvollen Beziehungen zu bekannten Professoren ausgewählt hat.

Die markanten Gesichtszüge des Mannes, seine Frisur, die aussieht, als käme er direkt vom VIP-Stylisten einer großen Fernsehshow und dieser leichte, sexy Bartschatten, über den ich in Gedanken bereits mehrmals entlanggefahren bin, lassen meinen Blick nicht los. Wo lernt man solche Typen kennen? Auf den Aftershowpartys der Runway Events? Er dürfte Ende zwanzig sein. Theoretisch noch nicht zu alt für mich.

Spontan lache ich auf. Nicht zu alt für mich? Wie ausgehungert bin ich bitteschön, dass hier meine Fantasie mit mir durchgeht? Als könnte ich jeden haben. Als würde sich ein Lambo-Typ, dem die Karre gestohlen wurde, mit einer panischen Hehlerin abgeben. Aber gut, fantasieren darf man ja – auch wenn er echt verboten heiß aussieht. Ich will gerade das Foto umdrehen, da klingelt mein Handy. Vor Schreck lasse ich das Bild fallen. Während es in der Versenkung zwischen Sitz und Schaltzentrale verschwindet, bemühe ich mich zügig ranzugehen.

»Alles gut?« Mein Bruder. Seine Stimme wirkt wie eine kalte Dusche. Von den sich abzeichnenden sündigen Gedanken gibt es keine Spur mehr. Stattdessen macht sich die Realität und die damit verbundene Nervosität mit aller Macht bemerkbar.

»Ja, Pat«, knurre ich gereizt.

Nach einer Schweigesekunde setzt er wieder an: »Und, wie fährt er sich so? Möchte wetten, dass du vorher noch nie mit einem Lambo getanzt hast, habe ich recht?« Er lässt seine rhetorische Frage klingen, als müsste ich ihm dankbar sein.

»Weswegen rufst du an? Fährst du doch früher?« Meine letzte Frage klingt viel hoffnungsvoller, als ich durchblicken lassen wollte.

»Nein, alles muss nach Plan laufen, sonst erwischen die uns womöglich.« Danke, für die Erinnerung.

»Denk dran, die städtischen Highways zu meiden. Bald fängt die Rushhour an. Ich will nicht, dass du dann zwischen den Autos gefangen bist und auffällst.«

Gefangen, gefangen, gefangen, hallt es in meinem Kopf nach.

»Hallo? Bist du noch da?«

»Gleich nicht mehr«, brumme ich und schnuppere indes an meinen Achseln. Ich habe mich nicht getäuscht. Der strenge Geruch, der sich seit geraumer Zeit im Innenraum verbreitet, kommt von mir.

Ich schwöre, Angstschweiß hat eine ganz eigene Note. Normalerweise rieche ich nach Blumen, frisch gebackenem Kuchen garniert mit einer leichten Meeresbrise. Zumindest in einer perfekten Welt.

»Okay, Schwesterherz, dann störe ich mal nicht weiter. Genieß die Fahrt, wir sehen uns im Ziel.« Mein Bruder verabschiedet sich und ich lege auf.

Tief durchatmend schalte ich den Motor ein. Das Display heißt mich willkommen und bietet mir mehrere Buttons zur Auswahl.

Waren die in der Werkstatt auch schon da? Ich kann mich nur schwer an die Minuten vor der Abfahrt erinnern. Zu sehr war ich damit beschäftigt, meine grenzenlose Panik vor dem hageren Kerl zu verbergen. Ich wollte professionell erscheinen, und im entscheidenden Moment auf keinen Fall, die Bremse mit dem Gas verwechseln. Hatte natürlich nicht funktioniert. Das Geständnis, dass ich keinen Lappen habe und nur durch die paar Fahrstunden, die mir mein Bruder vor Jahren gegeben hatte, fähig bin, halbwegs heil vorwärtszukommen, hat mich ruckzuck in seiner Achtung sinken lassen. Sofern ich überhaupt von Anfang an, so etwas wie einen Status gehabt hatte. Ich habe keine Ahnung, wo ein Fahrerjob unter Hehlern in der Hierarchie rangiert. Kurz hinter dem Vertriebler, der den Kundenkontakt hat oder eher auf der Höhe des Informanten, der durch die Gegend streift und mögliche Objekte identifiziert? Nun gut, kann mir wurst sein, ich habe gerade ein viel größeres Problem als mein kriminelles Ansehen: Das Auto fährt nicht los.

Wie kann das sein? Vorhin bin ich eingestiegen und nach der peinlichen Verwechslung quasi direkt losgefahren. Was stimmt nicht? Und fuck, höre ich da eine Sirene näher kommen?

Krampfhaft umklammere ich das Lenkrad und trete das Gaspedal komplett durch. Es tut sich nichts. Habe ich vielleicht doch irgendetwas auf dem Display gemacht? Was hatte der Kerl mir bei der schnellen Einweisung aufgetragen? Rechts der Button, oder war es der daneben? Welchen sollte ich auf keinen Fall bedienen? Hundertpro waren nicht so viele Optionen vorhanden. Ich drücke auf den Nächstbesten und bin mit der Fülle an weiteren Möglichkeiten überfordert. Der Einfachheit halber navigiere ich mich wieder zum Ausgangspunkt und überfliege die kleine Schrift auf den Schaltflächen, während mein rechter Zeigefinger automatisch schon seine Auswahl trifft.

Das Auto macht einen Ruck. Ich pese nach vorne.

Spitz schreie ich auf und trete sofort auf die Bremse. Der Gurt schneidet mir in Hals und Brust, mein Kopf ruckt ungesund nach vorne und wieder zurück. Mit quietschenden Reifen komme ich zum Stehen, ehe ich meinem malträtierten Körper zum Trotz behutsam erneut Gas gebe. Ich habe es geschafft. Die Kutsche rollt wieder. Und mit ihr zwei Tränchen, die ich nicht länger bei mir behalten kann. Ich werde ein absolutes Wrack sein, wenn ich am Ziel bin.

Mich innerlich in den Arm nehmend, presse ich die Lippen aufeinander und fahre endlich aus dem Industriegebiet raus. Gott sei Dank ist von einem Einsatzwagen nichts zu erkennen. Die Sirene kann ich nur noch schwach hören.

Alles ist gut.

Ich bin eine Prinzessin in einer goldenen Kutsche.

Kapitel 2

 

Acht Stunden zuvor

Kyle

 

»Bekomme ich einen Kuss?«, frage ich aus Gewohnheit und stehe nach den üblichen drei Sekunden Wartezeit wieder auf. An guten Tagen würde nun der nasse Abdruck eines feuchten Knutschers meine Wange schmücken. Heute ist kein guter Tag.

Prüfend mustere ich meine Tochter. Ist sie über Nacht wieder in die Höhe geschossen? Vielleicht hat sie Wachstumsschmerzen und ist deswegen so mies gelaunt? Wirklich daran glauben tue ich jedoch nicht. Es ist lediglich ein Versuch, der Schuld ein Gesicht zu geben. Eins, mit dem ich umgehen kann. Am liebsten wäre mir aber eins, das ich verklagen und bis auf die Knochen bekämpfen kann. So wie die Dreckskerle, die … Tief atme ich ein und aus. In Cassys Gegenwart hatte ich mir vorgenommen, das Thema beiseitezuschieben. Mir nichts anmerken zu lassen. Es fällt mir mal leichter, mal schwerer.

Ich nicke meiner Haushälterin zu. »Ms. Freely kommt dich dann später ablösen. Danke, dass du heute etwas länger bleiben wirst.«

»Por supuesto, natürlich.« María reicht mir die schlicht gehaltene Aktentasche und nimmt meine Tochter lächelnd an die Hand.

»Okay, habt einen schönen Tag«, wünsche ich.

Die beiden schlendern zurück in den Wohnbereich. Ich warte noch, bis sie außer Sicht sind, doch Cassy blickt nicht über ihre Schulter. Heute ist wirklich kein guter Tag.

Können Kinder depressiv verstimmt sein? Ich bin zum ersten Mal Vater, alles, was ich über Kids weiß, habe ich aus Büchern. Und trotz renommierter Autoren und dem Wälzen verschiedener Studien, bin ich mir unschlüssig, ob diese Phase einfach zum Alter dazugehört oder die Zeit schon reif für einen Therapeuten ist. Fest steht jedoch, dass sich etwas ändern muss, und ich bereit bin, alles dafür zu tun, was mir möglich ist, damit Cassy diesen apathischen Zustand überwindet.

Grübelnd verlasse ich die Villa und steige in meinen neuen Lamborghini. Nachdem ich mein früheres Modell einem höheren Zweck geopfert habe, ließ ich mich vom Händler bequatschen, einen Wagen zu wählen, der mit noch mehr technischem Schnickschnack ausgestattet ist als sein Vorgänger. Das Sicherheitsupdate inklusive Trackingsoftware, das ich beim Alten erst mühsam installieren musste, ist hier schon integriert. Gerade daran denkend, prüfe ich auf meinem Handy, ob es bereits ein Signal gibt. Doch nichts. Die Typen sind wahrlich Meister ihres Fachs. Jeder Tag, der ohne ein Zeichen des gestohlenen Lamborghinis verstreicht, lässt mich an meinem Plan zweifeln. Habe ich richtig entschieden und vor allem alles korrekt umgesetzt? Heißt, keine Spuren im Wagen hinterlassen oder ihn zu offensichtlich dargeboten? Statt nach der erwarteten einen Stunde, war er erst nach vier Tagen verschwunden. Nachdem er, hoffentlich von den gewünschten Dieben, geknackt wurde, ist sofort die Trackingsoftware deaktiviert worden. Ich habe also keine Ahnung, wo er mittlerweile gelandet ist. Sollte die Aktion ein Eigentor gewesen sein, werde ich mich das nächste Mal nicht ausschließlich auf die Technik verlassen, sondern selbst einen Überwachungsposten beziehen und dann höchstpersönlich die Verfolgung aufnehmen.

Ich starte den Motor und lenke das Fahrzeug vom Grundstück. In einer Stunde beginnt der erste Termin. Wenn die Straßen frei sind, werde ich es pünktlich zum Kunden schaffen und sogar noch Zeit haben, mich ordentlich vorzubereiten. Aufgrund des Voranschreitens meiner privaten Mission ist das Berufliche in den letzten Monaten etwas in den Hintergrund geraten. Zwar bin ich als Inhaber einer gut laufenden Technologieberatung mein eigener Chef, doch mein Team kann nicht alles abfangen. Erst recht keine regionalen Vor-Ort-Treffen, die heutzutage zum Glück immer mehr der Vergangenheit angehören, und mit einer Mannschaft, die in ganz Amerika verteilt ist, sowieso kaum machbar sind. Davon abgesehen arbeite ich am liebsten von zu Hause. Da habe ich meine Ruhe und muss nicht nonstop den charismatischen Experten, für den mich viele halten, mimen.

Kurz wandern meine Gedanken zu dem anstehenden Businesstrip. In der Früh habe ich das Nötigste in den Koffer gepackt. Später muss ich ihn nur noch holen, mich versichern, dass Cassy über das Wochenende gut versorgt ist und es dann irgendwie schaffen, auf der langen Strecke nicht einzuschlafen, sodass ich morgen Vormittag bei diesem Kongress auftreten kann.

»Eingehender Anruf von Marissa«, informiert mich die sanfte Systemstimme des Lamborghinis und lenkt meine Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt.

Ich aktiviere mein Bluetooth-Headset. Ob mir meine Assistentin mitteilt, dass ich umkehren kann, weil der Kunde es sich anders überlegt hat?

 

Entgegen meiner leisen Hoffnung blieb es bei dem Meeting. Hinzu kam ein Anschlusstermin mit dem Geschäftsführer, der kurzfristig einen freien Slot in seinem vollen Kalender hatte und sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, mich genauer unter die Lupe zu nehmen. Nach den zwei Gesprächen war ich so knapp dran, dass eine anständige Mittagspause flachfiel. Auf der Fahrt zum nächsten Kunden musste ich mich daher mit einem belegten Brötchen begnügen, das absolut nicht ausreichend war.

Jetzt nach Stunden intensiver Beratungsleistung und der genötigten Annahme eines total unpassenden Werbegeschenks fühle ich mich leicht gereizt. Dass die Mitarbeiter, mit denen ich zu tun habe, keine Profis auf dem Gebiet der eingekauften Beratung sind, ist klar, andernfalls hätte man uns nicht engagiert. Doch, dass es mitunter an einer geringen Auffassungsgabe oder logischem Verständnis mangelt, stellt meine Geduld immer wieder auf die Probe.

Ich bin gerade dabei, mich von meinem letzten Termin zu verabschieden, als ich auf meiner Smartwatch sehe, dass es endlich ein Signal gibt. Der Wagen wurde lokalisiert, heißt, die Trackingsoftware ist aktiviert worden!

Komplett fokussiert auf die frohe Botschaft der App, vergesse ich nicht nur meinen Hunger, sondern auch jeglichen Anstand. Wortlos wende ich mich ab. Im Stechschritt eile ich in die Tiefgarage. Warum haben sie die Software aktiviert? Ist es eine Falle? Laut Karte ist der Lamborghini noch in der Stadt. Genauer gesagt in einem Industriegebiet, von dem es aber stark Richtung Interstate zu gehen scheint. Wenn ich Glück habe, fährt er südwärts, sodass ich mich an ihn hängen kann.

Bekomme ich heute die Informationen, die mir helfen werden, mit dem Abschaum abzurechnen?

Leila

 

In den letzten Minuten ist es am Himmel immer dunkler geworden. Ein Zeichen? Möchte er mir zu verstehen geben, was er von meiner verzweifelten Aktion hält? Das tiefe Grollen eines herannahenden Gewitters, kann ich zwar durch die super Dämpfung im Wagen kaum wahrnehmen, doch mein Gewissen sorgt nur allzu gern für einen beständigen Widerhall in meinem Kopf.

Das einzige Positive ist, dass sich der Lambo wirklich spielend fahren lässt – sofern er eben läuft.

Federleicht gleitet er über den Asphalt. Von den vielen Schlaglöchern, die die Straßen hier zieren sowie dem Motorenlärm der anderen Autos, bekomme ich fast nichts mit.

Ungeachtet der Möglichkeiten, die der Schlitten bietet, halte ich mich penibel an die Geschwindigkeitsbegrenzungen und fahre nur auf der rechten Fahrbahn. Nun gut, vermutlich bin ich sogar etwas langsamer als erwünscht unterwegs. Was kann ich schließlich dafür, wenn die Oma vor mir nur fünfzig Meilen pro Stunde fahren kann?

Halbwegs entspannt lehne ich mich im Sitz zurück und kreise mit den Schultern. Durch die verkrampfte Haltung zu Beginn werde ich morgen garantiert starke Verspannungen haben. Ob ich mir ausnahmsweise eine Massage im Einkaufszentrum gönnen soll? Nach einer durchgemachten Nacht am Schreibtisch hatte ich mich bereits das ein oder andere Mal in die fähigen Hände von Mr. Santos begeben und war nach fünfzehn Minuten intensivster Qual wie ausgewechselt gewesen. Diesmal würde ich sogar eine ganze Stunde im wöchentlichen Abo-Modell buchen und als kleinen Vorgeschmack meiner angekündigten, verdammt fiesen Rache meinen Bruder dafür zahlen lassen. Apropos verhasster Bruder, bin ich so langsam gefahren, dass er mich schon einholt?

Der orangefarbene Flitzer, der sich auf der Überholspur rasend schnell nähert, löst in mir ein Wechselbad der Gefühle aus. Einerseits fühle ich mich sicherer, nicht mehr alleine zu sein, andererseits wird Pat nicht erfreut sein, mich hier rumtuckern zu sehen. ›Wir müssen uns an die Regeln halten, sonst erwischen die uns‹, höre ich ihn in Gedanken und feile notgedrungen an einer Ausrede.

Nur, war der zweite Lambo nicht grün? Ist es wirklich mein Bruder? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vor allem nicht, als der Wagen abrupt neben mir abbremst und nun immer wieder die unterbrochenen Fahrbahnlinien quert.

Der wird mir noch eine Delle reinrammen!

Wer ist der Wahnsinnige? Einer von der Konkurrenz? Hat er mir nach Verlassen der Werkstatt aufgelauert, um das Baby unter seine Fittiche zu nehmen? Was soll ich bloß tun? Mit seinen Manövern rückt er mir bereits dermaßen auf die Pelle, dass jeden Moment unsere Außenspiegel miteinander kollidieren könnten.

Nach einer Meile nimmt mir die Oma die Entscheidung ab. In gefühlter Zeitlupe setzt sie den Blinker und zieht auf den vor uns sichtbar werdenden Ausfahrtsstreifen rüber. Bevor mich der Idiot komplett von der Straße abdrängt und ich auf dem Acker lande, gebe ich Gas. Verbissen halte ich das Lenkrad gerade. Der Tacho zeigt eine Zahl jenseits von Gut und Böse. Es fühlt sich an, als würde ich gleich abheben.

Bitte lass kein Auto vor mir auftauchen. Bitte mach, dass der Fahrer mich in Ruhe lässt. Ich will noch nicht sterben. Ich bin zu jung dafür.

Aus dem Augenwinkel erhalte ich die Gewissheit, dass es zumindest mit dem zweiten Stoßgebet nichts mehr wird. Der Gangster fährt nur wenige Meter hinter mir, sobald ich bremsen muss, bin ich erledigt. Doch auch wenn er mich nicht erwischt, wird es nicht mehr lange dauern, bis nicht nur die Baumgruppen und Felder an mir vorbeiziehen. Ob meine Eltern mich abholen kommen, wenn ich das Zeitliche segne? Bestimmt sind sie schon auf dem Weg. Ich kann fühlen, wie mein Herz rast. Vielleicht muss ich den unausweichlichen Crash oder die Kugel, die er gewiss für mich hat, nicht mehr miterleben, weil mein eigener Motor vorher den Geist aufgibt.

Hysterisch lache ich auf. Meine Sicht ist nicht mehr klar. Ist es wegen der Tränen, der hohen Geschwindigkeit oder des einsetzenden Nervenzusammenbruchs? Ich schreie. Die schrillen Laute, die ich von mir gebe, sind mit nichts auf der Welt vergleichbar.

Mein Kopf ruckt schmerzhaft zur Seite. Ich wurde gerammt. Automatisch bremse ich und reiße das Lenkrad rum. Nach unzähligen Umdrehungen um die eigene Achse komme ich neben der Fahrbahn zum Stehen.

Ich zittere unkontrolliert und schnappe wie eine Ertrinkende nach Luft. Ich lebe noch. Ich habe keinen Unfall gebaut, niemanden verletzt. Alles ist gut!

Bis auf die Kleinigkeit, dass der orange Lambo nicht weit von mir entfernt ebenfalls gehalten hat, und jetzt der Fahrer aussteigt und mit großen Schritten auf mich zustampft.

Der Mann könnte aus einem Mafiafilm stammen. Mit seiner blickdichten Sonnenbrille und dem maßgeschneiderten, dunklen Anzug, der seinen durchtrainierten Körper kaum verbirgt, ist das hier der Godfather höchstpersönlich.

Im Stakkato klopft er an meine Fensterscheibe. Unfähig zu reagieren, starre ich durch das Glas. Was wird er mit mir anstellen? Mich rauszerren und sich selbst hinter das Steuer klemmen? Unwahrscheinlich, schließlich bliebe dann sein eigener Flitzer hier stehen. Kommen gleich seine Buddys zur Unterstützung? Verdammt, sind eigentlich die Türen verriegelt?

Zwei Sekunden später kenne ich die unangenehme Wahrheit. Das schützende Blech ist weg. Breitbeinig hat sich der Typ vor mir aufgebaut und starrt mich einen Moment lang fassungslos an. Während die heiße Sommerluft an meine nackten Beine weht, nimmt er die Sonnenbrille ab. Es ist eindeutig der Godfather. Ein übrigens ziemlich gutaussehender Mafioso. Durch seine Hand zu sterben, macht die Sache ein wenig angenehmer. Ich lache spitz auf und presse dann die Lippen direkt wieder aufeinander. Der zornige Ausdruck in seinen Augen lässt mich sein Aussehen direkt wieder vergessen. Gott steh mir bei!

»Was machst du in meinem Auto?«, knurrt er aus tiefster Kehle.

»Dein Auto?«, stottere ich und schaue perplex zu ihm hoch.

»Ja, mein verdammtes Auto«, wiederholt er sich.

Ach, du liebes bisschen. Mir kommt die Fotohälfte mit dem heißen Typen wieder in den Sinn. Zu meiner Altersschätzung muss ich definitiv ein paar Jährchen addieren, vorausgesetzt er ist es wirklich.

»Na ja, wohl eher ein böser Doppelgänger«, murmele ich unüberlegt.

»Wie bitte?« Sein Gesicht kommt mir immer näher. Instinktiv weiche ich zurück, bin damit aber nicht sonderlich erfolgreich.

»Steig aus«, fordert er mit genervter Stimme.

Zittrig löse ich meinen Gurt.

»Ich habe nicht ewig Zeit, Ms.«, schnauzt er.

»Cameron«, ergänze ich automatisch. In Gedanken gebe ich mir eine ordentliche Backpfeife. Solange er keine Knarre zieht oder mich mit Schlägen niederstreckt, sollte ich mich bedeckt halten.

Unkoordiniert stolpere ich aus dem geklauten Fahrzeug.

»Ich frage also noch mal, warum fahren Sie meinen Wagen, Ms. Cameron?« Für einen Moment erwäge ich, cool und selbstsicher zu tun. Mein genuscheltes »Ist eben ein heißes Teil«, straft dem jedoch Lügen.

»Die Wahrheit bitte«, sagt er und blickt auf die Uhr.

»Ich sollte ihn zu einer Werkstatt nahe der Grenze fahren. Ich schwöre, ich habe ihn nicht gestohlen. Bitte tun Sie mir nichts.«

»Das liegt nicht in meiner Hand.« Ach du Schreck, bezieht er sich auf seinen Boss? Nein, stopp, ihm gehört schließlich der Lambo. Oder ist er trotzdem von einer Hehlerbande?

»Verziehen Sie nicht so das Gesicht. Ich habe von der Polizei gesprochen.« Er zückt sein Smartphone aus der Hosentasche.

»Bitte keine Polizei«, flehe ich. »Es tut mir leid. Bitte, ich tue alles, um es wieder gut zu machen!« Meine Beine tragen mich nicht länger, wie zwei Fremdkörper knicken sie unter mir weg.

Kyle

 

Bevor ich reagieren kann, fällt die junge Frau auf die Knie und verbeugt sich in tiefster Demut. Halluziniere ich? Küsst die mir wirklich gleich die Füße, damit ich Gnade walten lasse? Zum Henker, darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich hatte einen dummen Loser erwartet, dem ich jetzt meine Fäuste spüren lassen wollte – nicht eine völlig verängstigte Frau!

Ein Schütteln zieht durch ihren zierlichen Körper, gefolgt von einem Würgen, das mich eilig zurückspringen lässt. Das war knapp!

»Geht es Ihnen jetzt besser?«

»Wollen Sie noch die Polizei rufen?«

Kleine, das muss ich gar nicht, die wird sowieso bald hier auftauchen. Ich behalte meine Gedanken jedoch bei mir. Es ist Zeit, dem eigentlichen Grund, weswegen ich selbst hierhergefahren bin, nachzugehen.

»Kommt darauf an, erzählen Sie mir mehr über diese Werkstatt und Ihren Auftraggeber.«

Wie ein Häufchen Elend hockt sie vor mir. Die Beine beschmutzt mit Erde, das T-Shirt komplett durchnässt, das Gesicht aschfahl. Verdammt, sie muss Todesangst haben. Die Drohung der Kerle, was mit ihr geschieht, wenn sie den Lamborghini nicht fristgerecht abliefert, war sicher nicht ohne. Vielleicht sollte ich sie wieder einsteigen lassen, doch was, wenn sie der Bande von mir erzählt?

»Ich habe den Wagen in einer Werkstatt im Industriegebiet abgeholt. Mein Bruder brauchte kurzfristig einen Fahrer. Er hat wegen einer Frau«, das letzte Wort spuckt sie förmlich aus, »in Las Vegas unser gesamtes Erbe verspielt. Meine Studiengebühren: futsch. Ich hatte keine Wahl, also ich -« Sie schluchzt dramatisch auf. Unruhig verlagere ich das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Wann habe ich das letzte Mal eine Frau weinen gesehen?

»Also ist Ihr Bruder der Boss der Hehlerbande?«

»Was? Nein, nein, er ist nur eine kleine Nummer. Also ich glaube das zumindest. Er ist auf keinen Fall der Boss.«

»Wie heißt Ihr Bruder?«

Sie bleibt einen Moment still, entscheidet sich dann aber doch ihr Fleisch und Blut zu verraten.

»Pa … Paxton Cameron«, sagt sie kleinlaut.

»Und der Name des Anführers?«

»Den kenne ich nicht«, meint sie und senkt beschämt den Blick.

Ich schaue auf die Uhr. Die Zeit läuft gegen uns. Gegen mich. Die Infos waren zwar mager, dennoch glaube ich nicht, dass ich ihr weitere Geständnisse entlocken kann. Ich sollte hier schleunigst verduften. Aber kann ich mich darauf verlassen, dass sie in ihrem Zustand fähig ist, meinen Lamborghini zu fahren?

Mein Smartphone vibriert und holt mich aus meinen Gedanken. Ungehalten gehe ich ran. Es ist die Agentur, die mir seit Monaten ein Kindermädchen nach dem anderen schickt.

»Mr. McConnor, es tut uns so leid, aber Ms. Freely hat sich krankgemeldet und kann unmöglich heute ihren Dienst antreten.«

»Dann schicken Sie eine andere.«

»Nun, die Sache ist die, wir haben aktuell eine Fortbildung, zu der die eigentlich verfügbaren Nannys geschickt wurden. Das war lange geplant, und ich kann da niemanden zurückbeordern. Es tut mir wirklich sehr leid, wir haben natürlich bei einer Partneragentur angefragt, aber es sieht nicht gut aus.«

»Und was soll ich jetzt tun? Ich muss heute noch losfahren. Am Wochenende steht ein wichtiger Kongress an, und soweit ich informiert bin, haben die da keine Kinderbetreuung«, raunze ich in den Hörer.

»Wir können selbstverständlich über einen fünfzigprozentigen Rabatt für den nächsten Monat sprechen.« Als ob mir dieser gegenwärtig helfen würde. Ohne mich zu verabschieden, lege ich auf. Was soll ich bloß mit Cassy machen? Sie mitnehmen und im Hotel jemanden bezahlen, sie zu bespaßen? Aber zu Hause bleiben, ist ebenfalls keine Option. Ich kann den Veranstaltern nicht auch dieses Jahr als lang beworbener Top-Speaker absagen.

Wie von alleine tragen mich meine Schritte zu meinem Ersatzwagen. Ehe ich einsteigen kann, bringt mich das leise Schluchzen hinter mir wieder zu meinem anderen Problem. Ms. Cameron ist eindeutig nicht in der Lage, den Wagen sicher zur Schieberwerkstatt zu fahren. Ist es da nicht meine Pflicht als Initiator des Ganzen, sie in Sicherheit zu bringen? Nur habe ich eigentlich keine Zeit, mich mit ihr weiter zu befassen. ›Ich tue alles, um es wieder gut zu machen.‹ So verzweifelt, wie sie sein muss, meint sie es bestimmt ernst. Eine Idee beginnt sich zu formen. Die Lösung, wie ich sie vor dem Ärger der Bande schütze, die Polizei in die Irre führe und mein Kongress-Problem beseitigen kann.

»Können Sie gut mit Kindern?«

»Was?«

»Wegen einer Geschäftsreise brauche ich bis Montag früh ein Kindermädchen. Start ab sofort. Willigen Sie ein oder ich rufe die Polizei.« Wenn mich nicht alles täuscht, höre ich sogar schon die Sirenen, wir müssen wirklich schleunigst hier weg, sonst war alles umsonst.

»Wie kann ich sicher sein, dass Sie kein Perversling sind?« Ernsthaft? Knurrend zeige ich ihr auf dem Smartphone ein Bild mit meiner Tochter. »Also?«

»Ich mache es.« Wunderbar.

»Geben Sie mir Ihren Ausweis und Ihr Handy bitte«, fordere ich sie auf. Misstrauisch starrt sie mich an.

»Wie kann ich sonst verhindern, dass Sie mir nicht ihre Freunde auf den Hals hetzen und mein Haus ausrauben oder gleich wegrennen?« Schlimmstenfalls mit Cassy. Nein, daran darf ich nicht denken. Fürs Kidnapping scheint sie mir außerdem nicht gemacht. Die Eier, die es dazu braucht, könnten nicht ferner sein. »Keine Sorge, wenn Ihre Pflicht getan ist, bekommen Sie beides wieder.« Ich bemühe mich um meine vertrauensvollste Miene und bin erleichtert, als sie schließlich nickt.

Unbeholfen stemmt sie sich mit meiner Hilfe hoch. Wow, wie lang können die Beine einer Frau sein?

Als sie endlich steht, klopft sie sich den Dreck von ihrer knappen Hotpants und überreicht mir mit bebender Unterlippe ihren wertvollsten Besitz. Ob sie mir vertraut?

»Danke sehr, steigen Sie bitte in meinen Wagen dort drüben, ich bin gleich bei Ihnen.« Kurz schaue ich auf ihre ID-Karte. Leila Cameron, sie hat bei ihrem Namen also nicht gelogen. Während sie torkelnd zu meinem Ersatzlambo geht, stecke ich den Ausweis weg und beuge mich über den Fahrersitz meines eigentlichen Autos hin zum Beifahrersitz. Ein letzter Blick zu ihr, bestätigt mir, dass sie heil angekommen und nicht kurz vorm Ziel noch ohnmächtig geworden ist. Jetzt nestelt sie am Sicherheitsgurt rum, sodass ich die Gelegenheit ergreife und das vorhin erhaltene Werbegeschenk unbemerkt aus dem Jackett hole. Hätte ich gewusst, wie sehr mir das silberne Feuerzeug nun von Nutzen sein wird, wäre meine Begeisterung als Nichtraucher echt gewesen.

Die Sirenen sind nun deutlich zu vernehmen. Hoffentlich merkt sie es in ihrem Zustand nicht. Schnell zünde ich den Beifahrersitz an und widme mich dann dem Lenkrad und dem Fahrersitz. Sanft züngeln die Flammen über die Materialien. Mit ein bisschen Glück werden sie sich im Fahrzeug ausbreiten, ehe der Löschtrupp anrückt.

Anschließend nehme ich den Autoschlüssel an mich und mache, dass ich wegkomme.

Leila

 

Was muss ich tun, damit ich die Zeit zurückdrehen kann? Mit den Nerven total hinüber, starre ich nach vorne und kaue unkontrolliert auf meinen Lippen rum. Bin ich bei dem Fake Godfather überhaupt sicher? Was, wenn er über mich herfällt, sobald ich bei ihm bin? Süße Tochter hin oder her, jemand mit so viel Geld hat bestimmt den Bezug zur Realität verloren. Wenn er mit dem Finger schnippt, werden seine Wünsche wahr. Wie wird mein Bruder reagieren, wenn er feststellt, dass ich den Lambo nicht abgeliefert habe und nicht erreichbar bin? Wird er denken, dass ich die Hosen voll hatte und einen Rückzieher gemacht habe? Oder dass ich ihn so sehr hasse, dass ich den Wagen selbst an den nächstbesten Schieber verhökert habe?

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