Leseprobe zu Fucking Wild Beasts

Ab Prolog

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Brainfucked

Heute

Faye

Unwissenheit ist ein verdammtes Geschenk, Faye.

Als Sawyer diesen Satz zum ersten Mal zu mir sagte, wusste ich noch nicht, dass er recht behalten würde. Seit ich vor den Toren der Psychiatrie wach wurde, will ich nur eins: die Wahrheit über jene Nacht im Wald herausfinden. Über die Nacht, die mich in die Arme dieser Männer geführt und mein Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Jetzt wünschte ich, ich hätte einfach weiter in meiner naiven Blase leben können.

Ich will wieder vergessen.

Muss wieder vergessen.

Das Herz hämmert mir bis zum Hals, als ich über die Dachterrasse stürme und die anderen in der Dunkelheit zurücklasse. Ich sehne mich danach, mich wieder in Edens schützende Arme zu schmiegen. Mir von ihm beweisen zu lassen, dass ich nicht allein in dieser Welt bin, die sich auf einmal so fremd und falsch anfühlt. Mir danach von Lucien ein Lächeln aufs Gesicht zaubern zu lassen. Ich sehne mich sogar nach Sawyer, obwohl er mich immer und immer wieder mit aller Macht und allen Mitteln von sich gestoßen hat.

In der Nähe dieser drei Männer fühlte ich mich in den vergangenen Tagen wie ein komplett anderer Mensch. Ich fühlte mich freier. Mutiger. Selbstbewusster. Echter.

Und doch wurde mir gerade schmerzlich bewiesen, dass ich einem Trugbild erlegen bin. Einer Fantasievorstellung. Niemand von ihnen kann ändern, was ich wirklich bin. Was ich getan habe. Heute Nacht kann mir keiner von ihnen helfen, meine Dämonen in Schach zu halten.

»Faye, warte!« Eden heftet sich an meine Fersen, aber ich kann ihn jetzt nicht ansehen.

»Lass sie gehen, Eden«, sagt Sawyer scharf.

Der Wind pfeift so heftig über das Dach, dass sich die Haare an meinen Armen aufstellen und meine Zähne aufeinanderschlagen. Ich zittere am ganzen Körper, aber nicht wegen der Kälte hier draußen, sondern der in meinem Inneren. Die Baumkronen ragen dunkel und angsteinflößend in den bewölkten Nachthimmel, der bald Regen bringen wird.

Sobald ich die gläserne Dachluke erreicht habe, reiße ich sie auf und klettere eilig die Leiter hinab. Ich muss hier weg. Brauche einen Ort, an dem ich sortieren kann, was ich gerade erfahren habe. Und in der Nähe der drei Männer sind klare Gedanken lediglich eine Wunschvorstellung.

Hinter mir höre ich die Schritte mehrerer Personen. Ob sie mir alle folgen? Selbst Sawyer? Meine Lunge sticht bereits, weil ich noch nicht ganz genesen bin, aber ich halte nicht an. Renne weiter und weiter. Schneller und schneller. Tiefer ins Coldmind hinein. Die Gänge sind verwinkelt, und auch, wenn sie alles darangesetzt haben, den gruseligen Charme der ehemaligen Psychiatrie mit luxuriösen Möbeln und teuren Gemälden zu überdecken, haftet das Leid immer noch an den Wänden.

In jedem Stein.

In jeder Fliese.

Jeder Diele.

Ich spüre all die tragischen Geschichten der Menschen, die einst hier lebten, und will nur noch von hier verschwinden. Das alte Gemäuer hinter mir lassen und mit ihm auch all die Erinnerungen an die letzten Wochen. Weil Sawyer von Beginn an recht hatte. Ich bringe ihnen nur Schwierigkeiten.

Aber wohin sollte ich schon gehen? Wir befinden uns mitten im Wald. Mitten im Nirgendwo. Um uns herum ist nichts, bis auf die raue Wildnis des North Cascades Nationalparks. Selbst wenn ich wüsste, in welche Richtung ich gehen müsste, könnte ein Fußmarsch nach Seattle Stunden, wenn nicht sogar Tage dauern. Ich sitze hier fest und fühle mich zum ersten Mal wie eine Gefangene, obwohl ich freiwillig hier bin.

Tränen laufen über meine Wangen und verschleiern mir die Sicht. Noch immer höre ich, dass sie mir folgen, mich aufhalten wollen, bevor ich weiteren Schaden anrichten kann. Mein Schädel dröhnt, als hätte jemand einen Ziegelstein gegen ihn gedonnert, und mein Magen zieht sich in regelmäßigen Abständen heftig zusammen.

Sobald ich in der untersten Etage angekommen bin, bleibe ich stehen. Überlege, was ich tun soll, um nicht sofort gefunden zu werden. Als ich Luciens dunkle Stimme, die sonst immer so erfrischend positiv war, hinter mir höre, handle ich intuitiv. Ich renne weiter, immer tiefer ins Herz des Gebäudes hinein. Sobald ich die schwere Eisentür des Kellers geöffnet habe, husche ich in die alles verschlingende Dunkelheit.

Ich habe mir geschworen, nie wieder einen Fuß in diesen Bereich des Gebäudes zu setzen. Aber im Augenblick ist er der einzige Ort, an dem ich durchatmen kann. Unter der Erde. Fernab von dem, was mich auf dem Dach gerade so aus dem Konzept gebracht hat.

Ich lasse das Licht aus, zücke mein neues Handy und schalte die Taschenlampe ein. Der Gang, der zu den Kerkern führt, fühlt sich schier endlos an. Ich kann kaum mehr als einen Meter weit blicken. Hier werden sie mich niemals suchen, oder?

Mein Herzschlag reguliert sich allmählich und meine Lunge saugt gierig jedes Sauerstoffmolekül ein.

Atmen, Faye.

Alles wird gut.

Bevor ich die nächste Tür erreiche, bleibe ich noch einmal mitten im Gang stehen. Schließe die Augen und fokussiere mich auf die Stille. Ich höre niemanden mehr. Keine Schritte. Keine Stimmen. Erleichtert schiebe ich die Gittertür auf, taste nach dem Lichtschalter und warte darauf, dass die alten Leuchtstoffröhren über meinem Kopf flackernd angehen.

Ich befinde mich in dem Abschnitt der Psychiatrie, in dem laut Lucien damals die besonders schweren Fälle weggesperrt wurden. Eine nackte Zelle reiht sich an die nächste. Meine Finger wandern über die kalten Eisenstangen, hinter denen einst Menschen eingesperrt wurden, weil sie krank waren. Weil sie angeblich eine Gefahr für die anderen Patienten dargestellt haben. Eine Gänsehaut überkommt mich, als ich daran denke, was ich hier unten gesehen habe.

Es war auf Luciens Geburtstagsparty. Während oben die Gäste ausgelassen feierten und zu guter Musik tanzten, wurde mir alles zu viel. Also bin ich geflohen, genau wie jetzt, und hier gelandet. Zwischen den Steinwänden, die so vielen Menschen Leid gebracht haben. Mein Blick wandert zu der großen Zelle am Ende des Ganges. Der Zelle, die mein Herz sofort wieder zum Rasen bringt. Ich erinnere mich bildhaft daran, wie Sawyer, Lucien und Eden dort drin …

Kopfschüttelnd verdränge ich den Gedanken daran, trete auf die großen Eisentore zu und husche hinein. Diese Zelle ist die einzige, die nicht mehr daran erinnert, was für ein Elend hier einst herrschte. In der Mitte des Raumes steht ein gigantisches Bett, das mit einem roten Samtlaken bezogen wurde. Links daneben ist ein Spiegel angebracht, so groß, dass er die gesamte Zelle wiedergibt. Ich schließe das Tor hinter mir, wobei es quietschende Geräusche von sich gibt, und gehe auf das Bett zu. Fahre mit den Fingern über den samtigen Stoff des Lakens und frage mich, wie viele Frauen sie hier schon gemeinsam verführt haben. Eifersucht wandert durch meinen Brustkorb und mündet in meiner Kehle, die immer enger wird.

Atmen, Faye.

Alles wird gut.

Aber glaube ich diesen Bullshit wirklich? Nach allem, was ich gerade über mich selbst erfahren habe?

Ich nutze die Stille und Einsamkeit, um mich zum ersten Mal ausgiebig hier drin umzusehen. Meine Finger fahren über die hölzernen Bettpfeiler, an denen Karabinerhaken angebracht sind. Anschließend trete ich an die Spiegelfront heran und blicke mir entgegen. Meine dunkelblonden Haare kleben an meiner verschwitzten Stirn, meine Augen sind vom Weinen gerötet und die Schatten darunter sind so tief, dass ich mir sicher bin, sie ab jetzt ein Leben lang bei mir zu tragen.

Auf meiner Stirn prangt noch immer die Narbe. Der Cut reicht von meinem Haaransatz bis zu meinem rechten Ohr. Bei der Erinnerung daran, wie sanft Eden meine Wunden versorgt hat, beschleunigt sich mein Herzschlag. Wieso kann ich nicht aufhören, an sie zu denken? Wieso wünschte ich, sie wären jetzt hier bei mir, obwohl ich gerade noch vor ihnen geflohen bin? Das alles ergibt keinen Sinn. Meine Handlungen widersprechen sich, genau wie meine Gefühle. Ich sollte keine Sehnsucht verspüren. Keine Anziehung. Und doch haben mich genau diese Gefühle in ihren Klauen. Lassen mich nicht los, so sehr ich auch an den Ketten zerre. Vermutlich verliere ich allmählich wirklich den Verstand und passe besser hierhin, als mir lieb ist.

Eilig wische ich die Träne fort, die über meine Wange rinnt. Und je länger ich meinem Spiegelbild gegenüberstehe, desto weniger ertrage ich diesen Anblick. Erschöpft lasse ich mich zurückfallen, setze mich auf das Kingsize Bett und rolle mich darauf wie eine Schnecke zusammen. Den Blick auf die Zellenstangen gerichtet, die Hände über dem Herzen verschränkt, das so wehtut wie erst einmal zuvor. Meine Lider werden schwer, aber nicht weil ich müde bin, sondern weil es anstrengend ist, trotz des Lichts immer nur Dunkelheit zu sehen.

Früher lebten hier gebrochene Seelen, so wie ich eine bin.

Eine Weile suhle ich mich noch in meinem Selbstmitleid, bevor ich mich auf den Rücken drehe und beschließe, dass es keinen Sinn macht. Nichts hiervon wird etwas ändern. Ich muss die Konsequenzen für mein Handeln tragen, anstatt mich kopfüber in die Hilflosigkeit zu stürzen.

Das Öffnen einer Tür reißt mich aus meinen trüben Gedanken, und als ich mich aufrichte, jagt pures Adrenalin durch meinen Körper. Lucien steht direkt vor der Zelle, umgreift die schwarzen Gitterstangen und sieht mich so intensiv an, dass augenblicklich die Schmetterlinge in meinem Bauch zum Leben erwachen. Das hier ist so falsch. Wieso empfinde ich Freude? Wie kann ich dazu überhaupt noch in der Lage sein?

»Eins muss ich dir lassen, Chaplin.« Seine ozeanblauen Augen blitzen herausfordernd und seine stählerne Brust hebt und senkt sich schnell, weil er mich durch die kompletten drei Etagen gejagt hat. »Du bist schneller, als ich dachte.« Sein Blick wandert über meinen Körper, der sich endlich entspannt hat, seit ich das Dach verlassen habe. Hungrig ruht seine Aufmerksamkeit auf meinen nackten Beinen. »Du erinnerst dich daran, wo du hier bist, oder?«

Atemlos nicke ich.

Ich weiß, dass ich ausgerechnet in ihr Spielzimmer geflüchtet bin. Der wohl gruseligste Ort im ganzen Haus, den sie für ihre sexuellen Abenteuer benutzen.

»Lass sie, Lucien.« Eden taucht hinter ihm auf, schiebt ihn zur Seite und öffnet das Tor. Sobald er in meiner Zelle ist, will ich vom Bett aufspringen und mich in seine Arme werfen. Will von ihm gehalten werden. Beschützt werden. Aber die Angst, dass er mich für immer mit anderen Augen ansehen könnte, sitzt zu tief. Ich senke den Blick, ziehe die Beine an den Bauch und bette meinen Kopf auf die nackten Knie. Sind das meine einzigen Sorgen? Dass ihre Gefühle für mich von nun an anders sein könnten? Es gibt so viel Wichtigeres! Und doch ist mein Verstand wie blockiert.

»Willst du darüber reden?« Ich spüre, wie die Matratze unter Edens Gewicht nachgibt. Wie oft haben sie sich zu dritt auf genau diesem Bett eine Frau geteilt? Ich ertrage den Gedanken kaum und wünschte, ich hätte es nicht mitansehen müssen.

»Nein«, flüstere ich. »Ich will nicht reden. Ich will, dass die Stimmen aufhören. Ich will, dass meine Gedanken einfach sterben.«

Eden zieht die Luft scharf ein, aber ich traue mich noch immer nicht, den Blick zu heben. Viel zu groß ist die Angst vor dem, was mich erwarten könnte. Abscheu. Wut. Mitleid. Nichts davon will ich in seinen braunen Augen sehen, die sonst immer vor Wärme geleuchtet haben.

»Vielleicht sollten wir sie ablenken«, wirft Lucien in den Raum.

»Alter, siehst du nicht, dass sie vollkommen durch den Wind ist? Und du denkst wieder einmal nur daran, sie zu ficken?« Eden klingt selten wütend oder gar aggressiv, doch in diesem Moment ist es anders.

»Ich denke nicht nur daran, sie zu fi-«

»Hört auf!«, unterbreche ich beide scharf. Das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann, ist diese Diskussion. Ich hebe den Kopf, und als ich bemerke, dass Lucien jetzt vor dem Bett kniet und mich ansieht, weiß ich, was ich will. Er hat recht. Wenn ihre Worte nicht reichen, um mich abzulenken, dann muss es einen anderen Weg geben, meine Gedanken auf Stand-by zu stellen. Vielleicht macht mich das zu einem schlechten Menschen, aber wie viel schlimmer kann es schon werden?

Ich rutsche auf dem Bett ein Stück zurück, greife nach meinem Tanktop und streife es ab. Da ich keinen BH trage und es hier unten wahnsinnig kühl ist, stellen sich meine Spitzen sofort auf.

Ich muss vergessen.

Nur für ein paar Augenblicke.

Und diese Augenblicke will ich mit ihnen erleben.

»Faye, du solltest nicht …«

»Ich will aber«, unterbreche ich Eden und lasse mein Top achtlos neben dem Bett zu Boden fallen. Sie sollen mir beweisen, dass sich nichts zwischen uns geändert hat. Meine Finger wandern hinab zu den Shorts, die ich trage. Öffnen langsam den Knopf und den Reißverschluss. Ich schlüpfe mitsamt Slip aus der Shorts und sitze nun splitterfasernackt vor ihnen. Die beiden kennen meinen Körper bereits in- und auswendig. Haben jede Stelle berührt. Jede Faser zum Brennen gebracht. Mehrmals. Aber jetzt ist es anders. Jetzt kennen sie die Wahrheit über mich.

Ich beginne, mich selbst zu streicheln. Mit dem Zeigefinger fahre ich durch das Tal zwischen meinen Brüsten, wandere hinab zu meinem Bauch. Luciens Mundwinkel zucken, während Edens starr bleiben. Seine Augen sind zu Schlitzen verengt, aber wir wissen beide, dass er es ebenfalls will. Die Beule unter seiner Jeans verrät ihn, genau wie das Zucken seiner Finger, die sich immer so perfekt auf meiner Haut angefühlt haben. Eden ist ein Gentleman, aber jeder Gentleman kann bei der richtigen Frau zum Casanova werden.

»Bitte«, flüstere ich. »Bringt mich auf andere Gedanken.« Mit aller Macht versuche ich, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken, damit sie nicht sehen, wie es wirklich in mir aussieht. Wie tot ich mich im Augenblick fühle. Und wie sehr ich mich nach dem kleinsten Funken Licht sehne.

Lucien erhebt sich, und als er in seiner vollen Größe vor dem Bett steht, beiße ich mir auf die Unterlippe. Ich sehne mich nach jedem von ihnen, doch am allermeisten sehne ich mich nach ihm. Sawyer. Der Einzige, der mich immer auf Abstand gehalten hat. Der von Anfang an das Monster erkannt hat, das ich in Wirklichkeit bin. Meine Hand wandert weiter abwärts, und als ich meinen Venushügel streife, entflieht mir ein Stöhnen.

Nicht nachdenken.

Nur fühlen.

Nicht nachdenken.

Nur sein.

Das ist es, was ich will.

»Bist du dir wirklich sicher, Faye?«, will Eden sanft wissen. Gott, wie sehr ich diese warme Stimme liebe. Wie sehr ich es liebe, wenn er meinen Namen ausspricht, als wäre ich das Kostbarste auf der Welt. Vielleicht werde ich sie heute zum letzten Mal hören. Und genau deshalb brauche ich es jetzt. Auch wenn es verwerflich ist, muss ich sie noch einmal spüren, bevor ich gehen muss.

Erneut beiße ich mir auf die Unterlippe und nicke.

Eden erhebt sich, greift nach dem Saum seines schwarzen Shirts und wirft es ebenfalls zu Boden. Die beiden Männer stehen jetzt gemeinsam vor dem Bett und sehen mich voller Verlangen an.

Eine weitere Welle der Gänsehaut rollt über mich hinweg, als ich erneut das Öffnen einer Tür im Hintergrund höre. Mein Herzschlag setzt aus, meine Finger beginnen, zu zittern.

Er ist hier.

Er hat uns gefunden.

Was wird er tun?

Mich nach draußen zerren und der Polizei ausliefern? Oder ist er hier, um für mich da zu sein?

Lucien und Eden blicken hinter sich, und als Sawyer eintritt, vergesse ich wieder, was mich eben noch so aufgewühlt hat. Nichts hat mehr eine Bedeutung, weil er hier ist. Weil sie alle hier sind. Bei mir. Trotz der Wahrheit, die sie gerade über mich erfahren haben, sind sie immer noch da.

Sawyer bleibt dicht an der Tür stehen, und als die anderen zwei zur Seite treten, begegnen sich unsere Blicke. Ich sehe zwischen den drei Männern hin und her, die grundverschieden und doch im Herzen gleich sind. Ich sollte so nicht für sie empfinden, aber ich bin machtlos, wenn sie in meiner Nähe sind.

Sie stehen vor mir.

So wunderschön.

Ich sitze vor ihnen.

So verwundbar.

Flashbacks tauchen vor meinem inneren Auge auf. Davon, wie sie die blonde Frau an diesem Bett fixiert und sie gemeinsam zum Schreien gebracht haben.

Mit mir wird es anders sein.

Sie brauchen keine Seile, um mich an Ort und Stelle zu halten. Ihre hungrigen Blicke sind stärker als jede Kette aus Stahl. Und ich weiß, wenn sie mich jetzt gemeinsam verführen, komme ich vielleicht nie mehr von ihnen los. Aber ich gehe das Risiko ein.

Kapitel 1

Drei Wochen zuvor

Faye

»Fahr schneller!« Panisch drehe ich mich um, fokussiere durch die dreckige Heckscheibe von Emilys Ford Fiesta den Weg und versuche, meine Atmung zu regulieren. Das hier muss ein Traum sein. Ein verdammter Albtraum. Ich wollte doch nur einen Abend, an dem ich nicht an all das Chaos denken musste, das zurzeit mein Leben bestimmt. Jetzt ist aus dem Chaos eine ausgewachsene Katastrophe geworden. Und aus der Lagerfeuerparty im Wald wurde ein verdammter Thriller mit uns als Hauptdarsteller.

»Ich kann nicht noch schneller fahren, Faye! Die Straße ist viel zu eng«, murmelt sie, gibt aber trotzdem mehr Gas. Der Waldweg ist so holperig, dass ich unsanft von links nach rechts geschleudert werde. Mein Schädel dröhnt, seit wir die Party hinter uns gelassen haben, als hätte man ihn in einen Schraubstock gequetscht.

Ich bin nicht angeschnallt, und wenn wir jetzt gegen einen Baum fahren würden, wäre es schnell vorbei. Im Augenblick kommt mir der Gedanke nahezu verlockend vor und dass, obwohl ich eigentlich an meinem Leben und meinen Liebsten hänge. Dein kleiner Bruder braucht dich. Bei dieser Erkenntnis schnappe ich mir den Sicherheitsgurt, ziehe ihn über meine Brust und lasse ihn einrasten. Anschließend klammere ich mich Halt suchend daran fest.

Es ist stockfinster hier, nur der Weg vor uns wird von den Schweinwerfern beleuchtet. Wir befinden uns mitten im Nationalpark, um uns herum Gletscher, Stauseen und wilde Tiere, die durch die Nadelwälder streifen. Seit wir in den Wagen gesprungen sind, laufen die Tränen pausenlos über mein Gesicht. Meine Augen brennen wie Feuer, genau wie meine Kehle, die mit jedem Meter, der uns tiefer ins Nichts führt, enger wird.

»Emily«, schluchze ich und kralle mich an den inzwischen löcherigen Sitzbezügen fest. In diesem Wagen haben wir in den letzten Jahren so viele Erinnerungen gesammelt, aber auf diese hier könnte ich dankend verzichten.

Nur ein Albtraum, Faye.

Das hier passiert nicht wirklich.

Nichts hiervon ist real.

»Ich bringe uns in Sicherheit«, verspricht sie mir, aber ich glaube ihr kein Wort. Ich kenne die Frau neben mir in- und auswendig. Weiß, wie ihre Stimme klingt, wenn sie etwas voller Überzeugung sagt, und wie sie klingt, wenn sie lügt. Und das eben? Das klang nicht überzeugend, sondern wie ein schwacher Versuch, zu überspielen, was uns gerade passiert ist. Wir waren auf einer Lagerfeuerparty nahe des Rock Shelter Trails mitten in der Wildnis Washingtons, um zu feiern. Weit und breit erwartet uns keine Zivilisation, vor allem nicht in der Richtung, in die wir gerade mit achtzig Kilometer die Stunde jagen, obwohl der Weg so eng ist, dass selbst unser Kleinwagen wie ein Monster wirkt. Wir sind viel zu schnell und doch nicht schnell genug. Ich hatte von Anfang an keine Lust auf diese alberne Party, habe mich im Endeffekt aber von Emily dazu überreden lassen. Gerade verfluche ich nicht nur sie dafür, sondern vor allem mich selbst. Ich könnte in diesem Moment mit Scotty Marvel-Filme anschauen und Popcorn essen, stattdessen wird mir mit jedem Meter in dieser Rostlaube schwindeliger.

»Was, wenn sie uns kriegen, Em? Wenn uns jemand gesehen hat? Was, wenn …«

»Faye!« Emily unterbricht mich scharf. Auch ihre Stimme zittert und zeigt, wie es hinter ihrer taffen Fassade aussieht. »Ich fahre gerade wie eine Irre durch ein Gebiet, in dem ich noch nie war! Könntest du bitte … bitte aufhören, mich noch nervöser zu machen? Ich fahre uns noch gegen einen Baum!«

»Tut mir leid«, wispere ich und blicke erneut hinter uns. Die Scheinwerfer des Fords beleuchten zwar den Weg vor uns, aber hinter uns wird alles von der einnehmenden Dunkelheit der Nacht verschluckt.

Da ist keine Menschenseele.

Zum Glück.

Wir müssen schnellstmöglich so weit wie möglich von der Party weg.

»Weißt du überhaupt, wohin der Weg führt?«, frage ich atemlos und presse mir die Fäuste vor die Augen. Diese verfluchten Tränen wollen einfach nicht versiegen! Dabei muss ich unbedingt einen kühlen – und vor allem klaren – Kopf bewahren.

»Nein.« Emily brettert durch den dichten Nadelwald, nimmt eine scharfe Linkskurve und beschleunigt so stark, dass ich mir wie die Co-Pilotin eines Rallye-Autos vorkomme. Ich werde in den Sitz gedrückt und wünschte, ich könnte mich in Luft auflösen. Ich bin mir sicher, dass wir in die falsche Richtung fahren. Hier werden wir irgendwann in einer Sackgasse landen, außerdem wird der Sprit in ihrem Tank nicht ewig reichen. So oder so sind wir beide mächtig am Arsch. Durch das heftige Ruckeln bahnt sich Übelkeit in meinem Magen an, die alles nur noch schlimmer macht. Was, wenn ich aus dem geöffneten Fenster kotze, uns der Sprit ausgeht und der Gestank irgendwelche hungrigen Tiere anlockt? Laut der Aussage meines Vaters leben hier nicht nur Wölfe, Pumas und Rehe, sondern auch Bären.

Ein Schreckensszenario jagt das nächste.

Wir sind hier vollkommen falsch. Ich erwarte mit jeder verstreichenden Sekunde, dass eine Sirene einsetzt. Dass ich ein blaues Licht im Seitenspiegel des Wagens entdecke, das immer näher kommt, weil jemand auf der Party beobachtet hat, was passiert ist. Aber es bleibt dunkel und alles, was ich in diesem gottverlassenen Wald höre, ist das Röhren des Motors und Emilys schneller Atem.

Der North Cascades Nationalpark ist der unerschlossenste und verlassenste Nationalpark in den Vereinigten Staaten. Er erstreckt sich über zweitausend Quadratkilometer und mündet an der kanadischen Grenze. Hier gibt es weder eine gute Infrastruktur noch eine Zapfsäule. Mein Blick huscht zur Tankanzeige, dessen Nadel immer tiefer Richtung Reserve fällt. Wir werden hier draufgehen. Entweder das oder wir werden erwischt und … kopfschüttelnd verdränge ich den Rest des Satzes. Im Augenblick weiß ich nicht, was die bessere Option wäre. Hier in der Wildnis zu sterben oder gefangen zu werden. Der Nationalpark befindet sich einhundertfünfzig Kilometer nordöstlich von Seattle, meinem Zuhause. Gerade fühlt es sich an, als würden uns Tage von dieser lauten Stadt trennen.

»Faye, jetzt hör mir endlich zu!« Emily greift über der Mittelkonsole nach meiner Hand, die seit einigen Minuten wie wild an meinem Pullover nestelt. Ich war so in meiner Angst versunken, dass ich nicht darauf geachtet habe, was sie gesagt hat.

»Was?«, frage ich hauchend.

»Hast du dein Handy da? Wir müssen einen anderen Weg finden, der uns zurück in die Stadt bringt. Auf keinen Fall können wir wieder umdrehen und an Newhalem vorbeifahren.« Emily hat recht. Wenn wir umdrehen und an dem Platz vorbeifahren, an dem die Party stattfindet, können wir auch direkt zur Polizei fahren. Ich taste nach meinem Handy, das ich immer in der rechten Hosentasche bei mir trage, aber alles, was sich in ihr befindet, ist eine alte Packung Minzkaugummis, die sicher schon etliche Male mitgewaschen wurde, so aufgeweicht fühlt sich das Papier an.

»Wo zur Hölle ist das Scheißteil?«, frage ich mit erstickter Stimme und greife in die linke Tasche. Sobald ich die kleinen Plastiktütchen an meinen zitternden Fingern spüre, rinnen noch mehr Tränen über mein Gesicht. Wie in Trance ziehe ich die Kokaintüten aus der schwarzen Ripped Jeans und starre den weißen Stoff, der vermutlich mehrere hundert Dollar wert ist, schluckend an. Bilder blitzen vor meinem inneren Auge auf, die ich kaum ertrage. Damit ich die Drogen, die bis jetzt nur Unheil in mein Leben gebracht haben, nicht länger ansehen muss, stopfe ich die Tüten zurück in meine Tasche und denke krampfhaft nach. Wo habe ich mein Handy zuletzt gesehen? Ich bin mir sicher, dass ich es vorhin noch bei mir trug.

»Faye, dein verdammtes Handy!«

»Ich habe es nicht«, sage ich mit brüchiger Stimme.

»Wie, du hast es nicht?« Emilys Fassade bekommt die ersten Risse. Bis eben war sie diejenige, die den kühleren Kopf von uns beiden besaß, aber damit ist jetzt wohl Schluss. »Auf der Party hattest du es noch! Sag nicht, du hast es da …«

»… verloren?«, beende ich ihren Satz und beginne, nervös an meinen Fingernägeln zu kauen. Eine Angewohnheit, die Mom immer zur Weißglut treibt. Aber die Alternative ist, dass ich mir die Arme blutig kratze. Das Nägelkauen hält mich davon ab. Vielleicht sollte ich einfach anfangen zu rauchen, um die Nervosität in mir zum Schweigen zu bringen.

»Das darf nicht sein«, wimmere ich und spüre, wie die Panik erneut in mir aufwallt. Emily stellt das Radio an, vermutlich, um ihre tosenden Gedanken zu übertönen. Doch der Empfang hier ist so grottenschlecht, dass man außer einem Rauschen nichts hört. Keine Musik. Keine Stimmen. Da sind nur wir und unsere alles lähmende Angst.

»Weißt du, was das bedeutet? Wenn sie dein Handy auf der Party finden …« Sie kommt nicht dazu, den Satz zu beenden. Alles geht plötzlich so unfassbar schnell. Direkt vor uns taucht ein Tier auf und stellt sich unserem Wagen mitten in den Weg. Alles, was ich sehe, sind zwei funkelnde, angsteinflößende Augen, die mich hell aufschreien lassen.

»Emily! Stopp!« Doch es ist zu spät. Die grüngelben Augen des majestätischen Wolfs fixieren unsere Motorhaube, während ich ein Gebet Richtung Himmel ausstoße. Emily reißt in letzter Sekunde das Lenkrad herum, um dem gigantischen Tier auszuweichen, und verliert die Kontrolle über den Wagen, als er gegen etwas prallt. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Links oder rechts. Himmel oder Erde. Die Tannen um uns herum verlieren an Kontur und alles, was mich eben noch umgab, wird von der Orientierungslosigkeit verschluckt.

Der Wagen überschlägt sich, genau wie mein Herz, das noch nie so gerast hat wie in diesem Moment. Emilys Schrei erfüllt das Wageninnere, ich hingegen bekomme keinen Ton über meine Lippen. Ich schmecke Blut. Ist es meines? Oder Emilys? Ein ohrenbetäubender Lärm fegt durch die Nachtluft, gefolgt von einem metallischen Duft. Der Wagen kommt krachend zum Stehen, aber ich – ich fühle mich immer noch, als würde man mich durch die Gegend schleudern. Nur der Schmerz bleibt aus. Ich bin vollkommen unter Strom. Alles, was ich fühle, ist das Pochen hinter meinen Lidern, das neue Tränen ankündigt.

Der rechte Scheinwerfer hat den Geist aufgegeben, der linke flackert schwach. Was ich vor mir sehe, lässt mich frösteln: Direkt vor der zersplitterten Windschutzscheibe befindet sich eine riesige Tanne, um deren Stamm sich die Motorhaube des Wagens gewickelt hat.

»Faye.« Emilys krächzende Stimme reißt mich aus meinem Delirium.

Ich drehe mich in ihre Richtung, und als ich sie ansehe, steht die Zeit um uns herum vollkommen still. Ihre schwarzen Haare verdecken die Hälfte ihres Gesichtes. So schnell es mein durchgeschüttelter Körper zulässt, schnalle ich mich ab, greife nach ihrem Arm und rüttle daran.

»Emily, sieh mich an!« Haltlose Angst breitet sich in mir aus, infiltriert meinen kompletten Körper. Wieder rüttle ich an ihrem Ellbogen, aber sie reagiert nicht mehr. Ich stemme mich hoch, beuge mich über die Konsole und greife nach ihrem Kinn. Sobald ich ihren Kopf in meine Richtung gedreht und die Haare hinter ihr Ohr geschoben habe, entflieht mir ein lautes Schluchzen.

»O mein Gott!« Die Wunde an ihrer Stirn sieht selbst im Halbdunkel so schlimm aus, dass ich mir einbilde, ihren Schmerz selbst fühlen zu können. Das Blut rinnt über ihre Schläfe und tropft warm auf meine Fingerspitzen, die noch immer ihr Kinn umfassen. »Em, wach auf!«, flehe ich sie an, aber ich erhalte keine Reaktion. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Mund leicht geöffnet. An ihrer Unterlippe befindet sich ebenfalls eine Platzwunde. Ist sie mit dem Kopf gegen die halb heruntergelassene Scheibe geknallt? Und warum, um Himmels willen, wurden die Airbags nicht ausgelöst? Hat der Wagen vielleicht keine? Ich weiß, dass das Auto wahnsinnig alt und längst bereit für den Schrottplatz ist, aber das hier darf nicht passiert sein.

»Bitte, Em. Wach auf.« Ich muss einen Krankenwagen anrufen, aber wie? Mein Handy ist nicht da, weil ich es auf dieser beschissenen Party verloren haben muss! Hektisch durchwühle ich das Handschuhfach des Wagens, aber außer ein paar zerkratzten CD-Hüllen von Linkin Park und einer Haarbürste finde ich nichts darin. Ich taste Emilys Jeans ab, aber auch sie scheint kein Handy dabei zu haben. Was zur Hölle mache ich jetzt nur? Alles dreht sich so schnell, dass meine Sicht verschwimmt. Es fühlt sich an, als würde ich in einer Achterbahn sitzen, die mich von einem Looping in den nächsten schmeißt. Da ist kein Ende in Sicht. Ich gebe die Suche nach einem Telefon auf, lege meine Hände an Emilys Wange und klopfe sanft dagegen.

»Wach auf, Em. Bitte wach auf«, schluchze ich wieder und wieder. Die Party ist längst in den Hintergrund geraten. Es ist mir scheißegal, ob wir gefunden und verhaftet werden, solange jemand Emily zur Hilfe eilt, bevor sie verblutet. Hat sie noch andere Wunden? Ich lasse meinen Blick über sie gleiten, aber in dem schwachen Licht erkenne ich unterhalb ihres Bauchnabels kaum etwas.

»Faye«, krächzt sie und schlägt flatternd die Lider auf.

»Du lebst!« Noch nie habe ich eine solch intensive Erleichterung verspürt. »Du lebst«, wiederhole ich wispernd.

»So schnell wirst du mich nicht los«, erwidert sie hustend, wobei kleine Blutstropfen auf meinen Fingern landen. Am liebsten würde ich mich an sie schmiegen und einfach nur in Dankbarkeit versinken, weil sie noch atmet.

»Du …« Ein Keuchen ihrerseits, ein angehaltener Atem meinerseits. »Du blutest.« Erschöpft hebt sie ihre Hand, streichelt über meine Stirn. Aber ich schüttle nur abermals den Kopf. Mir egal, ob ich blute und dass ich vermutlich ein heftiges Schleudertrauma habe. Im Moment ist nur eine Sache wichtig: Dass Emily so schnell wie möglich in ein Krankenhaus kommt.

»Ich werde uns Hilfe holen, Em.«

»Aber …« Ihr Blick huscht zur kaputten Windschutzscheibe des Wagens. Kleine Glassplitter haben sich wie Hagel auf dem Armaturenbrett verteilt. Ein kühler Wind pfeift ins Innere und beschert mir eine Gänsehaut, die mich wie ein Mantel einhüllt. »Wir sind hier mitten im …«

»Sch.« Ich lege meinen Finger vor ihre Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen. »Du brauchst deine Kraft, hörst du? Ich lass mir was einfallen. Irgendwo wird ein Ort sein, Emily. Hier muss es Campingplätze geben!« Immerhin haben wir Sommer, und ich bin mir sicher, dass etliche Touristen auf den Wanderpfaden unterwegs sind und hier draußen übernachten. Sie werden Telefone und GPS-Tracker dabeihaben und … trotzdem habe ich keine Ahnung, wo genau wir uns befinden. Wie weit Newhalem von hier entfernt ist, geschweige denn Seattle.

»Es tut so weh«, keucht Emily und hält sich schützend den Bauch. Ich beuge mich wieder über sie, will das Licht im Wagen anschalten, aber es bleibt dunkel. Je länger ich an die Stelle starre, desto klarer werden die Konturen. Ist das ein … Ast? Ein verfluchter Ast, der sich durch die geöffnete Fensterscheibe in ihre Seite gebohrt hat? Sofort ist die Erleichterung von eben dahin. Ich lege ein letztes Mal meine Hand an Emilys feuchte Wange und gebe mir größte Mühe, nicht zusammenzubrechen. Auch wenn unsere Freundschaft mittlerweile sehr schwierig ist, darf ich sie unter keinen Umständen verlieren. Egal was in den letzten Monaten zwischen uns vorgefallen ist und wie sehr sie mich in die Ecke gedrängt hat, eine Welt ohne Emily Miller ist keine Welt, in der ich leben will.

»Ich finde jemanden, der uns hilft. Wir schaffen es hier raus! Gemeinsam.« Mit diesen Worten greife ich nach der Tür, stoße sie auf und taumle nach draußen. Ich trete nicht nur auf das Dickicht des Waldes, sondern auch auf kleine Splitter und Autoteile, die sich beim Aufprall von der Karosserie gelöst haben müssen.

Hilfe holen.

Nicht nachdenken.

Keine Zeit verschwenden.

Ein Gedanke jagt den nächsten, als ich die Tür hinter mir zuknalle und mich umsehe. Hier sind nur Tannen über Tannen, sonst nichts. Ich weiß, dass hier wilde Tiere leben, immerhin sind wir gerade einem verdammten Wolf ausgewichen, aber das spielt keine Rolle. Emily braucht Hilfe. Ich brauche Hilfe. Meine Knie geben beinahe unter mir nach, aber ich stütze mich in letzter Sekunde an einem der Nadelbäume ab und hieve mich durch die Wildnis Washingtons. Bleibe alle zwei Schritte mit den Schnürsenkeln am Boden hängen, denke aber nicht daran, anzuhalten.

Weiter.

Immer weiter.

Nicht anhalten.

Ich weiß nicht, in welche Richtung ich mich schlage und ob das, was ich vorhabe, überhaupt einen Sinn ergibt. Aber ich kann nicht tatenlos beim Auto sitzen bleiben und auf ein Wunder hoffen. Wer sollte uns ausgerechnet hier in der Pampa finden?

Meine Lunge sticht, genau wie mein Magen, der sich anfühlt, als hätte man mich verprügelt. Schwach setze ich einen Fuß vor den anderen, und als ich etwas Nasses, Warmes an meiner Wange spüre, wandern meine Finger an mein Gesicht. Emily hatte recht. Ich blute, und zwar so stark, dass mir mit jedem Meter schwindeliger wird.

»Hilfe!«, stoße ich einen Schrei aus, der mir in den Ohren wehtut. »Ist hier irgendjemand?«

Im Hintergrund höre ich das Rauschen von Wasser. Ob ich in der Nähe des Skagit Rivers bin? Ich wünschte, ich hätte einen besseren Orientierungssinn. Wünschte, ich wüsste, wo der Fluss mündet und ob ich in die richtige Richtung gehe. Aber alles, was mir bleibt, ist mein unbändiger Drang, weiterzugehen.

Ich zittere am ganzen Leib. Vom Schock, wahrscheinlich. Außerdem gibt es in diesem Nationalpark mehr als dreihundert Gletscher, die den Park im Winter unpassierbar machen und dafür sorgen, dass auch im Hochsommer eher kühle Temperaturen herrschen.

Die Tränen sind inzwischen versiegt, obwohl die Schmerzen immer unerträglicher werden. Eben im Auto fühlte es sich an, als hätte mich jemand in Watte gehüllt. Nichts tat mir weh. Aber jetzt erwischt mich der Schmerz wie eine eiskalte Welle, die mich mit sich reißt und tiefer in den Wald hineinspült.

Das Zirpen der Insekten hört sich ohrenbetäubend laut an, genau wie jedes Knacken zwischen den Bäumen. Ich hangle mich von einer Tanne zur nächsten, spüre, wie sich vereinzelte Splitter in meine Haut schieben.

Einfach weitergehen.

Nicht anhalten.

Nicht umkippen.

Ich verliere das Gefühl für Raum und Zeit. Wie weit bin ich bereits gekommen? Fünfhundert Meter? Drei Kilometer? Und wie lange ist meine Freundin schon allein, verletzt und ängstlich im Wagen? Ein Husten überkommt mich, weil ich dringend Wasser brauche, aber ich habe keine Zeit, jetzt einen Weg zum Fluss zu finden. Keine Zeit. Keine …

Meine Beine geben ein weiteres Mal fast unter mir nach, aber ich war schon immer eine Kämpfernatur. Aufgeben liegt nicht in der Familie, würde meine Mutter jetzt sagen. Der Gedanke an sie sollte mich trösten, stattdessen sorgt er nur dafür, dass ich mich noch einsamer fühle. Ob sie mich überhaupt vermissen würde, wenn ich jetzt umkippe? Ob sie nach mir suchen lassen würde? Oder wäre sie froh, wenn sie mich endlich los ist? Mehr als einmal hat sie mir an den Kopf geworfen, dass ihr Leben ohne mich leichter wäre.

Meine Schritte werden instabiler und meine Hoffnung kleiner. Kleiner und kleiner und kleiner, bis sie an den schwarzen Konturen der Nacht vollkommen zerschellt.

Meine Lunge röchelt, als ich schließlich nicht mehr gegen den Schmerz ankämpfen kann. Ich kippe nach vorn, bekomme in letzter Sekunde etwas Kaltes zu greifen und sinke zu Boden. Es ist so dunkel, dass man die eigene Hand nicht sehen kann, dafür fühle ich umso intensiver. Ist das ein Tor? Und wenn ja, was zäunt es ein? Bin ich vielleicht kurz vor dem Ziel? Ist hier jemand, der mir helfen und einen Notarzt rufen kann?

»Hilfe!«, krächze ich ein letztes Mal, bevor meine Stimme endgültig versagt.

Jammernd versuche ich, mich an der Eisenstange wieder in den Stand zu kämpfen, aber ich bin machtlos gegen die Klauen, die mich immer tiefer Richtung Erde ziehen. Als würden die Toten ihre Hände aus dem Boden schieben, um mich zu sich zu holen.

Ich kann hier nicht sterben.

Darf es nicht.

Weil es bedeuten würde, dass ich Emily im Stich lasse.

Erschöpft kippe ich zur Seite und spüre, wie das Eisen aus meiner Hand gleitet. Gekrümmt liege ich im Dreck, spüre, wie sich spitze Steine in meinen Körper bohren und mein Bewusstsein immer weiter abdriftet.

Langsam drehe ich meinen Kopf und starre nach oben in den sternenklaren Nachthimmel. Golden tanzen die längst verlorenen Punkte über mir und formen Sternbilder, die ich aufgrund meiner körperlichen Verfassung nicht erkennen kann, obwohl sie sich so tief in mein Gedächtnis gebrannt haben. Der Anblick ist atemberaubend, und doch werde ich ab jetzt nie wieder in die Sterne blicken und etwas Schönes dabei empfinden können. Sollte ich die Nacht überhaupt überstehen …

Meine Lider schlagen immer wieder auf und zu, trotzen dem Schwindel so gut es geht. Aber er ist zu stark, ich zu schwach. Ein letztes Mal betrachte ich den wunderschönen Sternenhimmel, zeichne gedanklich die vom Wind zerzausten Tannenspitzen nach und gebe mich schließlich der Dunkelheit hin.

Ich falle.

Falle und vergesse.

0