Leseprobe zu Cruel Boss

Lesezeit: circa 10-20 Minuten

Kapitel 1: Alice

»Das ist alles deine Schuld«, fauchte ich und hob meinen Stöckelschuh vom klebrigen Boden. Ob die Flüssigkeit, an der ich hängenblieb, das Erbrochene von gestern oder nur ein Drink in einer absurden Farbe war, konnte ich nicht sagen. Aber es war mir auch egal. Beides wäre absolut ekelerregend. Genau wie der beißende Geruch, der sich durch den Club zog und selbst in die hintersten Winkel vordrang, sodass ich nirgendwo frei Luft holen konnte. Es war widerwärtig und ich atmete durch den Mund, um dem Gestank entgegenzuwirken, bis mir einfiel, dass ich so nur schneller die Viren und Bakterien einatmete, die hier auf neue Wirte warteten. Ich war mir fast sicher, mir schon eine Geschlechtskrankheit einzufangen, indem ich nur im Crack stand. 

»Meine Schuld? Ich habe Geburtstag und wollte ihn mit dir verbringen«, beschwerte Lyra sich und wich einem Typen aus, der an ihr vorbeitorkelte und sie beinahe umrannte. Obwohl sie mit dem funkelnden Kleid, das ihr nicht einmal über den Hintern reichte, und den gelockten Haaren kaum zu übersehen war. Schon seit wir durch die Tür gekommen waren, hatte sie alle Blicke auf sich gezogen, auch wenn ich bezweifelte, dass auch nur einer dieser Männer genug Klasse hatte, um es wert zu sein, mit ihr ein Wort zu wechseln. Sie war die beste Studentin an der Uni und sogar intelligenter als einige der Professoren. Sie musste nicht einmal dafür lernen, während ich meine Nase die letzten Wochen in Bücher gesteckt hatte, um überhaupt eine Chance darauf zu haben, die kommenden Klausuren zu bestehen.

»Und deshalb schleppst du mich in diesen Schuppen? Hätten wir nicht zuhause bleiben und für die Abschlussprüfungen lernen können?« Hätte ich nicht einfach nein sagen können? Ich hasste den Abend jetzt schon. Das schwarze Kleid, das Lyra mir geborgt hatte, war mir viel zu eng und drückte meine Brüste nach oben. Außerdem fiel es mir schwer, in den hohen Schuhen zu gehen. Dass bei jedem Schritt der Absatz wie angeschweißt auf dem Bodenbelag kleben blieb, verbesserte das nicht. Frustriert seufzte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. So konnte mir wenigstens niemand mehr in den Ausschnitt glotzen.

»Entspann dich, Lizzy!« Lyra lachte und strich sich eine ihrer blauen Strähnen hinters rechte Ohr, das von der Spitze bis hinunter zum Läppchen mit Steckern verziert war. Der Schmuck hatte den gleichen Ton wie ihre Augen, die an flüssiges Silber erinnerten und mich flehend ansahen. Richtig, dieser Blick war es gewesen, der mich dazu gebracht hatte, unsere Wohnung zu verlassen. Sie war traurig und einsam, auch wenn sie versuchte, es hinter einer Fassade aus Fröhlichkeit zu verstecken. Die letzten Monate hatten sie hart getroffen. Sie hatte abgenommen und das Strahlen, das sie sonst umgab, fehlte. Jeden Tag war es dunkler geworden, bis es irgendwann ganz verschwunden war. Und langsam hatte ich das Gefühl, sie würde sich immer weiter auflösen, bis nichts mehr von ihr übrig war. Dabei fehlte mir das Mädchen, das sie einst gewesen war. Vor dem Tod ihrer Mom, vor dem Verrat ihres Dads und vor Bazz. Jetzt war sie nur noch ein Abklatsch davon und stürzte sich ins Partyleben. Ein Leben, in das ich nicht passte. Egal, wie sehr ich es versuchte. »Es ist nur eine Nacht. Deshalb fällst du nicht gleich durch«, scherzte sie und zwinkerte mir zu, während sie begann, ihre Hüften im Takt der lauten Musik zu wiegen. Ich hörte diese Lieder nicht und hätte unmöglich sagen können, von wem es war, doch der Rhythmus war perfekt zum Tanzen, was erklärte, warum die Tanzfläche überfüllt war und sich schweißgetränkte Körper aneinanderpressten, um noch irgendwie vor den DJ zu passen.

»Nein, aber vermutlich lande ich splitterfasernackt und zerstückelt im Wald, sodass ich gar nicht zur Prüfung antreten kann.« Ich schnaubte. Vielleicht hätten wir nicht ins Kino gehen und uns einen Horrorfilm ansehen sollen, bevor sie mich an einen Ort wie diesen schleppte. Hier wartete sicher kein Traumprinz an der nächsten Ecke, dafür tummelten sich hier alle Menschen, die nirgendwo sonst in Maryland einen Platz hatten. Drogenbarone, Waffenkuriere und irgendwo würde ich unter den Gästen sicherlich einen Kinderschänder finden, wenn ich lange genug suchte. Aber Lyra liebte das Risiko. Sie hatte genug von der gehobenen Gesellschaft, die ihr nichts als Schmerz brachte, sodass sie sich hier wohlfühlte und von den Männern, die sich im Untergrund bewegten, angezogen wurde. Ich bekam eine Gänsehaut. Für mich war das nichts. Ich wollte das Jura-Studium hinter mich bringen und danach raus aus Baltimore in irgendein Dorf. Vielleicht würde ich Maryland sogar ganz hinter mir lassen und den Schrecken, den ich erlebt hatte. In meiner Kehle wurde es eng. Nein, heute war nicht der richtige Zeitpunkt, um daran zu denken, auch wenn es der Hauptgrund dafür war, dass ich mich zwischen diesen zwielichtigen Gestalten unwohl fühlte.

»Du übertreibst. So schlecht ist es doch gar nicht.« Lyra ließ ihren Blick über die Menschenmenge wandern und stoppte erst, als sie die Bar entdeckte, an der es überraschend leer war. Sofort eilte sie in die Richtung. »Ich besorg uns erstmal ein paar Getränke«, rief sie mir auf halbem Weg zu und quetschte sich durch zwei tanzende Pärchen, die sich so stark aneinander rieben, dass ich befürchtete, sie würden sich gleich vor allen die Kleider vom Leib reißen und miteinander Sex haben.

»Kein Alkohol für mich«, schrie ich ihr nach und betete, sie würde mich durch den Bass, der aus den Lautsprechern dröhnte, verstehen, damit ich ihr nicht folgen musste. Bisher hatte ich es geschafft, niemanden zu berühren und ich würde auch weiterhin alles daransetzen. Aber das Glück meinte es heute nicht gut mit mir und ich musste mich ebenfalls durch die Massen kämpften, um meine Worte zu wiederholen, sodass sie mich hörte.

Lyra drehte sich schwungvoll zu mir und streckte mir zeitgleich ihre Zunge entgegen, bevor sie gespielt tadelnd mit dem Kopf wackelte. »Du bist eine Spießerin, Lizzy. Mach dich locker! Wie lange ist die Sache mit Hogan schon Vergangenheit? Fünf Jahre oder sind es schon sechs?«

Sieben, aber wer zählte schon mit? Ich vermisste ihn nicht. Keine Sekunde. Und ich wusste, dass es ihm genauso ging. Ich wollte Karriere machen. Er wollte ein dummes Blondchen ohne eigenes Einkommen. Wir wären niemals zusammen glücklich geworden. Egal, ob er mit meiner damaligen Zimmergenossin gevögelt hätte oder nicht.

»Du brauchst Spaß.« Lyra drehte sich schwungvoll herum und warf lässig ihre Haare zurück. Anschließend warf sie einem vorbeigehenden Typen einen Luftkuss zu, der sie mit leuchtenden Augen anstarrte, bevor einer seiner Freunde ihn weiterzog.

»Ich habe Spaß mit meinen Büchern im Studentenwohnheim, Lyra«, erinnerte ich sie und zog damit wieder ihre Aufmerksamkeit auf mich, auch wenn sie dem großen Dunkelhaarigen nachsah, der viel zu edel aussah, um in diesem Club zu sein. Er trug einen Anzug, der perfekt auf seinen breiten Schultern saß. Maßgeschneidert vielleicht. Und seine schwarzen Strähnen waren zurückgegelt. »Du gehst jedes Wochenende aus, hättest du dann nicht einen Abend aussetzen können?« Oder mich wenigstens in einen Club bringen können, in dem es nicht von Verbrechern wimmelte? Aber genau deshalb war ich ja mitgekommen. Es grenzte an ein Wunder, dass Lyra bei ihren Sauftouren noch nichts passiert war. Doch als ich gehört hatte, dass sie heute zum ersten Mal ins Crack wollte, wusste ich, sie würde nicht unversehrt zurückkommen. Allein hätte sie sich auf irgendeinen Typen eingelassen und wäre mit ihm mitgegangen. Dabei hatte Lyra ein wahnsinnig schlechtes Gespür dafür, wer ihr etwas Böses wollte. Also würde ich auf sie aufpassen und wenigstens darauf achten, dass sie nicht mit einem völligen Freak im Bett landete.
Lyras Bewegungen stoppten. Das Grinsen verschwand von ihrem Gesicht. Die Muskelpartie um ihren Kiefer spannte sich an. Ihr Ton war hart, als sie sprach. »Warum? Damit Bazz wieder vor meiner Tür antanzen und mir Honig ums Maul schmieren kann, bevor er die nächste Bitch an der Tanke fickt? Ich verzichte.« Sie leckte sich über die Lippen und verzog die Augen zu Schlitzen, bis sie beinahe denen eines Reptils glichen. »Dann such ich mir lieber hier einen süßen Kerl aus und vernasche ihn, bevor ich heulend in meinem Bett einschlafe. Also, mit oder ohne Alkohol?« Ihre Stimme wurde höher und höher, sodass es in meinen Ohren wehtat. Aber noch schmerzlicher waren die Trauer und die unterdrückte Wut, die sich auf ihrem Gesicht abzeichneten. Sie hasste ihn, weil sie ihn liebte. Bazz hatte sie zerstört, ihr den letzten Rest gegeben und dennoch knickte sie immer wieder ein, wenn er zu ihr zurückkam. Mitleid stieg in mir hoch. Ich konnte sie verstehen. Ich hatte nicht halb so sehr an Hogan gehangen wie sie an Bazz, doch als er mich betrog, hatte es an meinem Stolz gekratzt. Ich hatte mich und meine Qualitäten infrage gestellt, mich mit anderen Frauen verglichen und in Selbstmitleid gebadet. Für sie musste es noch tausendmal schlimmer sein. Vielleicht brauchte ich den Alkohol und die Party nicht, aber sie auf jeden Fall. Ich ließ die Schultern sinken und setzte ein Lächeln auf. Sie hatte einen tollen Geburtstag verdient.

»Mit«, gab ich mich geschlagen und verdrehte gespielt genervt die Augen, was Lyra zum Lachen brachte. Ein Drink würde mich nicht umbringen und danach würden wir ins Wohnheim zurückkehren.

»So ist’s richtig.« Lyras Züge entspannten sich und sie nickte mir erfreut zu, bevor sie sich wieder umdrehte und in der Menge verschwand. Mittlerweile war ein Gedränge an der Bar, sodass sie einige Zeit brauchen würde, um uns Getränke zu organisieren. Also lehnte ich mich an die Wand hinter mir und versuchte, nicht aufzufallen. Leider war das als Frau im Crack schwierig, weil die meisten Gäste Männer waren.

»Deine Freundin hat recht, Schönheit. Ein nettes Ding wie du sollte nicht nüchtern sein«, sprach mich auch prompt der erste Spinner an und sah mir dabei nicht einmal in die Augen. Sein Blick klebte an meinem Dekolleté und seine Hände griffen nach meinen Hüften. »Schon gar nicht mit diesen Titten.«

»Und lass mich raten, du willst mir jetzt zeigen, wie geil Alkohol ist, weil du dir selbst schon die Gehirnzellen weggesoffen hast?« Ich wich seinen Griffeln aus und drückte mich noch weiter an die Wand, während ich nach Lyra Ausschau hielt, doch ich konnte sie nicht entdecken. Verflucht, ich hätte sie doch begleiten sollen. Doch nun war es zu spät. Eilig schlich ich mich an der Mauer entlang, um von dem Typen wegzukommen, aber er ließ mich nicht gehen. Seine Hand schloss sich schmerzhaft fest um mein Handgelenk und zog mich zu sich zurück, sodass ich wieder vor ihm stand. Dann stützte er seine freie Hand neben meinem Kopf ab und kesselte mich somit ein. Panik flackerte in mir hoch, als mir klar wurde, dass er mir den Fluchtweg versperrte. Ich konnte nicht zurück mit der Wand im Rücken, nicht nach vorn, wenn ich nicht gegen ihn laufen wollte und die Seiten schirmte er sorgsam ab. Zähneknirschend musterte ich ihn. Er stank nach billigem Wodka und Erbrochenem. Dazu mischte sich ein Parfüm, das ich nicht einordnen konnte, und im Zusammenspiel mit den anderen Gerüchen Brechreiz verursachte. Es kratzte in meinem Hals und mir drehte sich der Magen um. Das Gefühl wurde noch schlimmer, als ich auf seine Fingernägel sah, die eingerissen waren und unter denen ich Schmutz und Dreck erblickte. Über das Aussehen konnte man streiten, auch wenn er mit den blonden Zotteln, die dringend geschnitten und gewaschen gehörten, nicht meinem Typ entsprach. Geschmäcker waren schließlich verschieden. Doch wenn es um Hygiene ging, gab es keine Diskussion und er hatte eine Dusche nötig oder besser zwei. Schweiß lief ihm über die Stirn und rollte seine Schläfe entlang, dabei zerfloss die Schmutzschicht, die über seiner Haut lag. Er wankte und atmete aus dem Mund, in dem ich eine Reihe braun-grauer Zähne sehen konnte. Außerdem lallte er und verriet somit, wie viel er schon getrunken hatte. Der gelbliche Schleier über seinen Augen zeigte, dass er auch nicht zum ersten Mal über die Stränge schlug. Ob er Alkoholiker war? »Oder lernst du stattdessen lieber höfliche Umgangsformen? Zum Beispiel, dass man fremde Gespräche nicht belauscht«, sagte ich fest und versuchte, mich loszureißen, während ich gleichzeitig die Luft anhielt. Mir war schlecht. Aus seinem Mund kam mir der Geruch eines verrottenden Tieres entgegen. Doch obwohl er betrunken war, verstärkte er den Griff und ließ mich nicht los. Seine Fingerkuppen bohrten sich in mein Fleisch und ich zischte vor Schmerz, bis die Qual schlagartig nachließ und Adrenalin meine Arterien flutete. Ich schluckte. Warum hielt er mich weiter fest? Ich war stehen geblieben. Wieso ließ er nicht los?

»Nein, ich hatte eigentlich vor, nett zu sein und dir einen Drink zu spendieren, aber wenn du es lieber auf die harte Tour willst, lässt sich das einrichten.« Der Kerl lachte und enthüllte dabei noch mehr von den hässlichen Stummeln, die irgendwann einmal Zähne gewesen sein mussten. Seine Zunge hatte einen leichten Lilaton und war mit dunklen Adern durchzogen. Ich erschauderte, als seine Worte zu mir durchdrangen und mir klar wurde, was er damit sagen wollte. Wie in Zeitlupe ließ ich meinen Blick nach unten wandern, bis ich die Beule in seiner Hose sah. Ich würgte. Ich konnte es nicht verhindern. Magensäure schwappte nach oben und suchte sich seinen Weg meine Speiseröhre hinauf. Doch bevor ich erbrechen konnte, beugte sich der Mann weiter vor und leckte über meine Wange. Ich schrie auf und zappelte wie ein Aal auf dem Trockenen.

»Was soll das heißen? Hast du den Verstand verloren?«, rief ich, doch meine Stimme hatte den bestimmten Ton verloren. Stattdessen klang ich verängstigt und zittrig. Und angewidert. »Lass mich gefälligst los, du Spinner!« Wo blieb Lyra nur? Sollte sie nicht langsam zurückkommen? Doch als ich an dem Kerl vorbeisah, konnte ich ihre Gestalt immer noch nicht ausmachen. Dafür ein Paar tiefblauer Augen, die zu mir und meinem Kerkermeister blickten. Doch bevor ich mir den Rest des Spanners ansehen konnte, zog der Widerling vor mir an meiner Hand und sorgte dafür, dass ich einen Schritt nach vorn ging. Mein Oberkörper fiel gegen seinen und er grinste dreckig. Der Puls schnellte in die Höhe und mein Herz pumpte doppelt so schnell wie gewöhnlich. Angst kroch in mir hoch, legte sich um meine Organe und zog sie zusammen, sodass ich glaubte, ich würde innerlich zerquetscht werden. In meiner Brust wurde es eng, während er sein Knie zwischen meine Beine drängte. Ich schwankte aufgrund der plötzlichen Änderung meines Gleichgewichts, doch seine Hand hielt mich so fest umklammert, dass ich nicht umfallen konnte. »Nimm sofort deine Hände von mir!«, schrie ich und presste meine Schenkel zusammen. Aber er war viel stärker als ich. Für ihn war es ein Leichtes, meine Knie mithilfe seines Beins auseinander zu zwingen. Ich wimmerte ängstlich. »Bitte!«, setzte ich hinterher und hoffte, er würde mich loslassen. Doch er tat es nicht. Ganz im Gegenteil, die Beule in seiner Hose wurde härter und er begann seinen Unterleib an mir zu reiben. Geistesgegenwärtig hob ich einen Fuß und hämmerte den Absatz meines Schuhs gegen seinen Knöchel. Doch er fühlte es scheinbar gar nicht, denn er reagierte nicht darauf.

»Zier dich nicht so, Schätzchen. Es tut auch gar nicht weh.« Sein Ton verursachte mir erneut eine Gänsehaut und langsam hatte ich Angst, die Härchen würden für immer aufgestellt bleiben. »Mach einfach die Beine breit, dann passiert dir nichts.« Er streckte die Zunge aus seinem Mund und leckte über meinen Hals. Ich spürte seinen Speichel auf meiner Haut und riss die Augen auf. Wieder musste ich würgen.

Er drängte mich gegen die Wand, sodass ich mich nicht mehr rühren konnte und griff nach dem Saum meines Kleides. Sofort versteifte ich mich. Nein! Nein, das durfte nicht passieren. NEIN! Innerlich schrie alles in mir, dass ich mich wehren musste, aber ich wusste nicht, wie. Er war so stark und durch den Alkohol schien er keinen Schmerz zu fühlen. Ich zeterte und schrie, aber niemand kam, um mir zu helfen, auch wenn ich immer wieder die blauen Augen vor mir aufblitzen sah, die mich interessiert beäugten. Warum tat denn niemand etwas?

Der Typ schob mein Kleid Zentimeter für Zentimeter nach oben. Ich japste und trat wieder nach ihm, doch diesmal sah er es kommen und wich meinem Absatz geschickt aus. Kälte machte sich in mir breit, als seine Finger meinen Slip streiften. Ich hatte schon Sex. Jede Menge sogar. Zugegeben, nicht besonders guten, aber Hogan hatte oft Zeit im Bett mit mir verbracht. Vermutlich, weil wir sonst nichts gemeinsam hatten außer unserer Vorliebe für Sex. Dennoch verkrampfte ich mich, als diese widerlichen Hände mich berührten. Sie streichelten über meine Oberschenkel, kratzten über meinen Hintern und schlüpften anschließend unter den Stoff meines Höschens. 

»Verflucht, lass mich los!« Ich strampelte, schlug mit der Stirn nach ihm und fletschte die Zähne, um ihn im Notfall zu beißen, doch mit einem Ruck drehte er mich um, packte beide Handgelenke und drückte mich mit dem Gesicht gegen die Mauer. Der Verputz fühlte sich rau auf meiner Wange an. Er presste seine Beule gegen meine Kehrseite und zog meinen Kopf an den blonden Locken zurück. »Du tust mir weh«, schrie ich, als sich ein paar Strähnen aus meiner Kopfhaut lösten. Sofort pochten die Stellen und Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche, sodass ich nur noch verschwommen sah. Auch wenn es wehtat, drehte ich den Kopf und suchte nach Lyra. Wieder erfolglos. Ich schluchzte, während ich in die Augen des Spanners blickte, der mit starrem Gesichtsausdruck das Geschehen von seinem Platz verfolgte. Doch aus Gründen, die ich selbst nicht benennen konnte, fühlte ich mich besser, weil ich wusste, dass er hier war und zusah. Er würde nicht zulassen, dass dieser Mann mich in einem Club voller Menschen vergewaltigte, richtig? Wie lang würde er warten, bis er eingriff? Würde er überhaupt eingreifen? Ich betete, dass er es tun würde. Mit den breiten Schultern und den muskelbepackten Oberarmen, die selbst während er saß eine gewaltige Erscheinung boten, würde es für ihn ein Leichtes sein, meinen Angreifer in die Flucht zu schlagen. Ich bemühte mich, so mitleiderregend wie möglich auszusehen, damit mir schneller geholfen wurde, doch als das Schwein hinter mir seine Finger tiefer gleiten ließ und von meinem Hintern zu meinen Schamlippen fuhr, wurde mir klar, dass ich nicht länger warten konnte. Ich musste etwas tun. Sofort. Kurz befürchtete ich, meine Angst würde mich lähmen, doch ich nahm all meinen Mut zusammen und drückte meinen Körper nach hinten, um mich aus dem Griff zu befreien. »Mein Freund wird dich dafür umbringen«, zischte ich meinem Peiniger zu und war stolz, dass meine Stimme stark klang, auch wenn ich mich nicht so fühlte. Ich hoffte einfach, dass es ihm zu viel Aufwand wäre, gegen meinen ausgedachten Freund zu kämpfen und mich zu unterwerfen, weil ich mich mit Händen und Füßen wehrte. Doch damit lag ich falsch.

»Dein Loverboy kann einen Scheißdreck gegen mich ausrichten. Heute Nacht mache ich mit dir, was ich will. Egal, wie sehr du nach ihm schreist.« Das Ekel pinnte mich wieder an die Wand und seine Hände schoben mein Kleid noch höher, bis er meinen BH erreichen konnte. Ich spürte seine Finger, die unter den Bügeln eintauchten und nach meinem Fleisch griffen. Ein fahler Geschmack lag auf meiner Zunge, den ich ihm gern entgegengespuckt hätte. Aber ich wollte ihn nicht reizen, denn egal, wie tapfer ich das Kinn reckte, ich hatte Angst. So sehr wie noch nie in meinem Leben. Ich wollte nicht, dass er mich berührte, oder dass er meinen Slip zur Seite schob, um seinen stinkenden Schwanz … Ich blinzelte gegen die Tränen und nahm erleichtert wahr, dass ich wieder klarer sehen konnte. Leider schloss das meinen Peiniger mit ein, der mich mit einer Gier anstarrte, die meine Angst in nackte Panik umschlagen ließ. Ich wollte einfach nur, dass er von mir abließ und ging. Er sollte mich nicht mehr anfassen. Das war alles, was ich wollte. War das zu viel verlangt? Und ich wollte mich auch nicht mehr so fühlen. Wie ein Stück Fleisch, das jeder haben konnte. Ich unterdrückte ein Schluchzen. Niemals dachte ich, ich würde das Mädchen sein, das sich in so einer Situation wiederfand.

»Wieso schreien? Er beobachtet uns doch schon«, behauptete ich und nickte in die Richtung der blauen Augen, weil mir nichts anderes einfiel. Es war ein Risiko, das wusste ich. Wenn die beiden sich kannten, würde der Vergewaltiger wissen, dass ich log und seine Drohung in die Tat umsetzen. Aber ich setzte alles auf eine Karte und betete, dass Gott mir helfen würde. Nur ein einziges Mal, weil er davor nie etwas für mich getan hatte. Außerdem sah der Kerl mit den muskulösen Oberarmen, die in einem schwarzen Hemd gekleidet waren, nicht so aus, als würde er sich mit der Schande eines Mannes abgeben, der mich begrapschte. Und ich sollte wirklich Glück haben.

»Antonio«, hauchte das Ekelpaket und ließ schlagartig von meinen Brüsten ab, sodass mein Kleid an mir hinabfiel und wieder meinen Körper bedeckte. Erleichtert atmete ich aus. Dennoch klopfte mein Herz weiterhin gegen meine Rippen, als wollte der Muskel die Knochen brechen. Doch auch dem Scheißkerl schien plötzlich unwohl zu sein. Er schluckte und drehte mich an der Schulter herum, sodass ich ihm gegenüberstand. »Das ist dein Freund?« Er zeigte in die Richtung des Spanners, dessen Augen sich weiteten, als ihm klar wurde, dass wir über ihn sprachen. Dennoch verloren seine Iriden nicht das interessierte Glitzern, das ich nicht richtig einordnen konnte. War er an mir interessiert? Oder hätte er gern gesehen, wie das Schwein mich vögelte? Ich hoffte Ersteres, sonst würde mein Plan in sich zusammenbrechen. Dennoch gab es kein Zurück. Der Dreckskerl hatte anscheinend Angst vor dem Spanner und das würde ich zu meinem Vorteil nutzen, um ihn loszuwerden. Für immer. Und dann würde ich mir Lyra schnappen und von diesem Ort verschwinden, ohne jemals wiederzukommen.

Die Augenbrauen des Vergewaltigers zogen sich zusammen und ein gehässiges Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. »Antonio Graza? Niemals!«, murrte er und griff wieder nach meinem Unterarm. Aber so sicher schien er sich nicht zu sein. Bedenken lagen in seiner Stimme und sein Blick schweifte zwischen mir und dem Fremden hin und her, während er scheinbar überlegte, ob er mir glauben sollte oder nicht. Er überlegte und überlegte, während die Zeit verstrich und ich immer nervöser wurde. Wo blieb Lyra nur? Doch sie kam nicht, also musste ich höhere Geschütze auffahren und beten, dass es funktionierte. Würde das Muskelpaket mich wegstoßen, wenn ich zu ihm ging? Ob er eine Freundin hatte? Lächerlich, natürlich hatte er die. Ein Mann wie er war bestimmt nicht allein. Aber zurzeit war seine Angebetete nirgendwo zu sehen, also hoffte ich, er würde den Wink verstehen und mir helfen.

»Lass mich los, dann beweise ich es dir«, schlug ich vor und war überrascht, als die Finger um meinen Arm tatsächlich verschwanden. Auffordernd sah mich das Schwein an und deutete dann auf … wie hatte er ihn genannt? Antonio?

Zögerlich schlich ich um den Vergewaltiger herum und überlegte, ob ich einfach weglaufen konnte. Würde er mir folgen? Und selbst wenn nicht, was würde aus Lyra werden, wenn ich ging? Ich schloss einen Moment die Augen, um meine Gedanken zu sortieren, aber egal, welches Szenario ich im Kopf durchspielte, nichts führte daran vorbei, dass ich zu meinem Beobachter ging. Also setzte ich einen Fuß vor den anderen und überbrückte die Distanz zwischen uns. Mit jedem Schritt, den ich ihm näherkam, klopfte mein Herz schneller und ich nahm mehr Details an ihm wahr. Er war nicht einfach nur ein Muskelpaket, sondern eine Statue. Zumindest hätte er sich wahnsinnig gut in einem Museum gemacht mit dem kantigen Gesicht, den dunklen Haaren und den Tätowierungen, die überall unter seiner Kleidung hervorblitzten. Sein Hemd stand drei Knöpfe offen und gab die Sicht auf einen Schriftzug frei, den ich noch nicht entziffern konnte. Er strich mit seinen Fingern darüber, als er sah, wie ich meine Augen darauf richtete. Fragend zog er eine Augenbraue nach oben und grinste schief, während er die Hand immer weiter nach unten wandern ließ, bis sie auf seiner … War das eine Waffe? Schockiert blieb ich stehen, nur um zu merken, dass ich bereits vor ihm angekommen war. Aber ja, ich erkannte einen Revolver, wenn ich ihn sah und das war definitiv einer. Schnell warf ich einen Blick nach hinten, nur um sicherzugehen, dass der Vergewaltiger sich noch nicht abgewandt hatte und wirklich, er stand noch dort und wartete mit verschränkten Armen. Verdammt! Schön, dann hatte er eine Waffe. Na und? Ich hätte auch eine mitgenommen, wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartete, oder? Trotz dieses Arguments fühlte ich mich unwohl. Ich hasste Waffen seit Dads Tod. Niemand sollte die Macht haben, ein ganzes Leben mit einer einzigen Kugel auszulöschen. Aber der Mann würde nicht auf mich schießen, nur weil ich ihm unangekündigt die Zunge in den Hals steckte, richtig? Also nahm ich all meinen Mut zusammen und verkniff mir die Flucht.

»Kann ich helfen, Bellezza?«, raunte eine tiefe Stimme und stahlblaue Augen bohrten sich in meine. Ihr Besitzer legte den Kopf leicht schief und öffnete sacht den Mund. Das war meine Chance. Kein Zögern. Kein Bereuen. Jetzt oder nie.

»Ja«, hauchte ich und legte meine Lippen im nächsten Augenblick auf seine, während ich immer wieder das Wort »Bellezza« in meinem Kopf wiederholte. Ich hatte keine Ahnung, was es bedeutete, aber sobald er es aussprach, verliebte ich mich in die sanften Töne, mit denen er über die Silben streichelte. Wie es sich anhören würde, wenn er meinen Namen so aussprach? Die Härchen in meinem Nacken stellten sich bei der Vorstellung auf.

Ein Kribbeln zog sich durch meine Mitte, während mein Mund begann, sich sanft zu bewegen. Kurz versteifte das Muskelpaket sich. Er sog scharf die Luft ein, doch dann lockerten sich seine Muskeln wieder und er erwiderte den Kuss. Und wie er das tat. Er presste seine Lippen gegen meine. Der Geschmack nach altem Whisky und Methanol vertrieb den fahlen Belag auf meiner Zunge und der Geruch nach Zigaretten umhüllte mich. Er schloss mich in eine Blase ein und schirmte mich von allem anderen in diesem Club ab. Die flackernden Lichter, der Nebel und die Musik rückten in den Hintergrund. Aber nicht nur die Geräusche, Gerüche und Menschen um mich erschienen mir weit weg, sondern auch meine eigenen Gedanken. Mein Kopf, der ansonsten immer gefüllt war mit Lernaufgaben, Problemen und Erinnerungen, die ich nicht loswurde, war wie leergefegt. Da war nichts mehr außer den Lippen, die mich küssten, die Zähne, die an mir knabberten und die Nase, die über meine streichelte. Wobei, das stimmte nicht ganz. Eins war da noch. Das Ziehen in meinem Unterleib, das noch nie so intensiv war wie in diesem Moment. Es erfüllte meine Mitte mit Hitze, bis ich glaubte, in Feuer zu stehen. Ich keuchte. Antonio knurrte. Seine Hand legte sich auf meinen Hintern und zog meinen Körper weiter in seine Richtung. Die Absätze unter mir wankten, sodass ich das Gleichgewicht verlor und überrascht nach vorn fiel. Instinktiv streckte ich die Arme aus und legte sie ihm um den Hals, um mich abzustützen, doch das war gar nicht nötig. Er fing mich auf, drückte meine Schenkel nach oben und ich landete sitzend auf seinem Schoß. Seine Finger krallten sich in meinen Hintern und er stöhnte, während er den Kuss übernahm. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich nicht mehr das Sagen, obwohl ich angefangen hatte. Er bestimmte, wie tief er mich küsste, wann sich unsere rauen Zungen berührten und welchen Abstand unsere Körper einnahmen. Spoileralarm: Gar keinen. Er drückte mich so eng wie möglich an sich, bis sich die Knöpfe seines Hemdes schmerzhaft durch den dünnen Stoff meines Kleids bohrten. Aber ich ignorierte es, genau wie die Tatsache, dass ich vor einem Typen geflohen war, nur um in den Armen eines anderen zu landen. Doch am liebsten wäre ich für immer an genau dieser Stelle geblieben. Es fühlte sich unglaublich an. Sein starker Körper umfing mich. Ich spürte, wie sich Flüssigkeit zwischen meinen Schenkeln sammelte, und ich begann, mich auf ihm zu bewegen, um mehr Reibung zwischen uns zu verursachen. Bis ich merkte, dass die Härte, an der ich mich rieb, nicht sein Schwanz war. Etwas Kühles streifte meinen Slip. Metall. Die Waffe. Der Zauber, der mich umgeben hatte, verflog und ich erstarrte in der Bewegung. Antonio fiel es sofort auf. Er löste seine Lippen von mir, verstärkte jedoch den Griff um meinen Hintern, sodass ich nicht aufstehen konnte. Wie in Zeitlupe rollten sich seine Pupillen nach unten, bis er den Griff der Waffe erblickte. Ein Grinsen bildete sich auf seinen Zügen.

»Hast du deinen Mut verloren, Bellezza?«

0