Leseprobe zu Isle of Darkness

Lesezeit: circa 10-20 Minuten

Vorwort

 

Kommst du mit mir auf die isle of darkness? Bist du bereit, dich entführen zu lassen? Gibst du die Kontrolle ab?
Lässt du zu, dass ER deine Grenzen neu steckt? Wenn du mit Themen wie Phobien, suizidalen Gedanken, Wa
!en und Gewalt nicht klarkommst, dann bleib der Insel lieber fern.
Denn wenn du einmal dort bist, gibt es kein Zurück.

Sieh nicht nur mit den Augen.
Sieh mit dem Herz und dem Verstand.
Sieh mit deinen Händen und mit deinen Lippen. Sieh mit deinem Instinkt.
Erst dann wirst du erkennen,
wofür deine Augen blind sind.

Für die, die mich so sehen, wie ich wirklich bin

BREXEN

(Prolog)

19.12.2016

Ich verlor die Kontrolle. Etwas, das mir niemals passierte und mir eine Heidenangst einjagte. Das hier war nicht geplant. Ganz im Gegenteil. Genau diesen Moment hatte ich immer vermeiden wollen.

Aber ihr Geruch. Der Duft nach Blumen und Leichtigkeit an einem warmen Sommertag, der mir von ihrer weichen Haut direkt in die Nase wehte. Ich konnte nicht aufhören. Und ich wollte es auch gar nicht mehr. Nicht, nachdem ich die Grenze des Unmöglichen bereits überschritten hatte. Da gab es diese Mauer zwischen uns, die ich mit jedem Mal, wenn ich sie ansah, höher gezogen hatte. Doch in dem Augenblick, in dem meine Finger erstmals ihre weiche Haut berührt hatten, war jeder mühsam gesetzte Stein mit einem gigantischen Knall gesprengt worden. Und Scheiße nochmal, ich hatte nur diese eine Chance. Es würde kein zweites Mal geben.

»Oh … mein …«, weiter kam ihr samtiges Stöhnen nicht, denn ich schob einen zweiten Finger in ihre engen Wände und ließ meine Lippen auf das zarte Fleisch an ihrem Hals gleiten. Ihr warmer Rücken presste sich an meine Brust und ich fühlte ihren hastigen Atem an meinem Oberkörper. Ihren Herzschlag und die Nervosität ihres Körpers zu spüren, löste eine gigantische Explosion an Gefühlen in meiner Brust aus, die niemals hätte gezündet werden dürfen. Ich schloss die Augen und vergrub mein Gesicht in ihrem Hals. Nahm mit der Zunge alles auf, was ihre Haut zu geben hatte. Gott, sie schmeckte noch besser, als sie roch.

Das und die Gewissheit, ihr als Einziger zu geben, wonach sie sich wirklich sehnte, brachte mich an den Rand meiner Zurückhaltung. Jeden Augenblick würde ich ihr den kurzen Rock vom Leib reißen und mich in ihr versenken. Hier, sichtbar für jeden, der scharf darauf war. Ob ich es durfte oder nicht, spielte mit jedem weiteren Stoß eine kleinere Rolle. Scheiße, dieser Fick würde es wert sein, dafür zu sterben.

Ich löste die Spange an ihrem Hinterkopf und die wilden Locken kitzelten mich an der Nase, während sie sich auf ihrem Rücken ausbreiteten. So tief ich konnte, atmete ich ihren Duft ein, um ihn für die Ewigkeit zu speichern. Ich würde ihn nie wieder so nah bei mir haben können. Niemals.

Dieser Moment hier in der hintersten Ecke des verruchtesten Clubs, den ich je besucht hatte, war alles, was uns blieb. Ich wusste das. Sie hatte keine Ahnung. Wie immer lief sie blind in ihr Verderben. Ein kleiner lieblicher Fisch in einem Becken voller Haie, der immer und immer wieder in die falsche Richtung schwamm. Das bewies dieser Augenblick der Begierde mehr denn je.

Ich schob ihr Haar zur Seite und biss sanft in ihren Nacken. Sie stöhnte lauter. Seufzte und versuchte, ihren Kopf auf die Seite zu drehen, um mich anzusehen und mir ihre Lippen anzubieten. Doch das durfte ich nicht zulassen. So gern, wie ich sie auch auf jede erdenkliche Weise kosten wollte. Sie durfte niemals erfahren, wer ich war. Denn wenn wir uns jemals ins Gesicht blicken würden, bedeutete das für einen von uns den Tod.

KYLEE

31.08.2020

 

 

Oh Mann. Dieser Tag will einfach kein Ende nehmen.

»So ein Mist!«, fluche ich leise vor mich hin, während das Spritzwasser eines vorbeifahrenden Autos meine Pumps flutet. Nur mit größter Mühe weiche ich ein paar Touristen aus, die sich auf dem Gehweg im Kreis drehen und höchstwahrscheinlich den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Immerhin befindet sich die Westminster Cathedral, zu der die meisten Touris in dieser Umgebung wollen, direkt hinter uns.

Die alte Ledertasche meines Dads zerrt an meiner Schulter und ich umklammere den Riemen, während der Regenschirm nicht ansatzweise seinen Job erfüllt. Das Wasser scheint von allen Seiten zu kommen. Ich merke, wie meine akkurate Hochsteckfrisur sich langsam, aber sicher auflöst und sich die ersten Strähnen auf meiner Stirn durch die Feuchtigkeit kräuseln. Doch das ist dem Wetter vollkommen egal. Der Wind zerrt auch am letzten Rest meiner Frisur und die Regentropfen peitschen gegen meine nackten Beine.

Ohne es zu wollen, muss ich Aiden in Gedanken recht geben. Ich sehe seine hochgezogene Augenbraue beim Frühstück regelrecht vor mir. ›Unter einen Rock gehört eine Strumpfhose‹, hatte er gesagt, seine Tasse ordentlich gespült und in den Schrank geräumt, während meine wahrscheinlich jetzt noch auf dem Frühstückstresen steht.

Allerdings fragt sich, ob mich ein bisschen Nylonstoff bei diesem Unwetter hätte retten können. England bedient mit dem heutigen Tag sämtliche Wetterklischees. Beinahe muss ich darüber lachen, dass ich so dumm war und den ganzen Tag nur in meinem albernen Kostüm herumlaufe, während die Touristen bestens mit Outdoorschuhen und wasserdichten Jacken ausgestattet sind.

Das Piepen meines Smartphones reißt mich aus den Gedanken, während ich die Victoria Street mit schnellen Schritten hinunterflitze. Ich hasse es, zu spät zu sein. Und doch bin ich es. Immer. Ausnahmslos.

Den Regenschirm mit der Wange gegen meine Schulter geklemmt, habe ich die Hand frei, um mein Handy aus der Tasche meines Blazers zu fischen. Es ist bereits die vierte Nachricht, die Aiden mir hinterlassen hat. Mein Daumen ist zu nass, um eine Antwort auf das Display zu tippen, daher tausche ich Schirm gegen Handy. Schon nach dem ersten Klingeln nimmt mein Verlobter ab.

»Bitte sag mir, dass du an die Blumen gedacht hast und bereits in einem Cab sitzt.«

»Dir auch einen schönen Tag«, seufze ich in mein Smartphone und scheitere bei dem kläglichen Versuch, mit dem Fuß einen Fahrer herbeizuwinken. Immer wieder rutscht mir die Tasche mit meinen Unterlagen von der Schulter und der Lederriemen schneidet in meine Handfläche.

»Sorry Kyles. Du weißt, wie nervös es mich macht, wenn unsere Eltern an einem Tisch sitzen. Wie lief’s mit Andrew?«

»Wie spät ist es?«, umgehe ich seine Frage und presse meine Wange gegen das Telefon, um am Taxistand endlich auf mich aufmerksam zu machen. Die Wahrheit ist: Ich habe weder an die Blumen für seine Mutter gedacht noch wird ihm gefallen, was mein Chef zu meinem neuesten Projekt gesagt hat. Aber es ist nicht der richtige Moment, auch nur eins von beidem zu beichten. Denn ja, ich weiß, wie sehr er es hasst, unsere Eltern zusammenzubringen. Mir geht es genauso. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, eine Verbindung zwischen den sich völlig fremden Familien herstellen zu müssen. In der Regel endet das Ganze so, dass ich zu viel rede und Aiden damit nerve, weil seine Eltern es nicht leiden können, wenn ich mehr zu sagen habe als er. Meine Eltern nehmen die Treffen hin. Meine Mum ist immer ganz entzückt, weil die Atkinsens nun einmal eine wohlhabende, angesehene Familie sind. Doch meinem Dad ist das genauso unangenehm wie mir.

»Es ist gleich fünf. Dein Termin war schon um zwei. Wo steckst du den ganzen Tag? Deine Eltern werden jede Sekunde hier sein und meine Ma hat schon hektische Flecken, weil der Braten trocken werden könnte.«

Während ich schon fast die Hoffnung auf ein freies Taxi aufgegeben habe, schließe ich kurz die Augen, um mich nicht unnötig aufzuregen. Aidens Mum und ich sind nicht gerade beste Freundinnen.

»Das wäre natürlich eine Katastrophe«, zische ich eine Spur zu zickig.

»Kylee, komm schon. Du weißt, sie meint es gut.«

»Einem Vegetarier Schweinebraten vor die Nase zu stellen hat nichts mit ›es gut meinen‹ zu tun.«

»Also, wann wirst du hier sein?«

Er hat die Sache mit dem Themenwechsel ebenso gut drauf wie ich. Allerdings bin ich darin die Meisterin.

»Andrew will die Callen-Story ganz groß rausbringen. Es wird ein mehrteiliger Bericht. Ich bekomme seine volle Unterstützung, um alles zu tun, was nötig ist.«

Schon beim letzten Wort nagt das schlechte Gewissen an mir. So sehr ich mich über die Entscheidung meines Bosses freue, jetzt gerade lasse ich die Bombe nur platzen, um Aiden eins auszuwischen. Der Schweinebraten seiner Mum gegen die Mafiastory seiner Verlobten. Quid pro quo für Fortgeschrittene.

»Das kann nicht sein Ernst sein! Hast du ihm von dem anonymen Informanten erzählt?«

Großartig! Ich habe mir gerade ein erstklassiges Eigentor geschossen.

»Nein«, murmele ich leise in mein Smartphone und ziehe die Schultern hoch. Der Wind fegt über den Vorplatz der Victoria Station und ruiniert den letzten Rest meiner Frisur. Außerdem zittere ich bereits seit Stunden vor Kälte. Warum kann es Ende August nicht ein bisschen schöneres Wetter sein?

»Kylee. Du musst mit der Sache aufhören. Das ist gefährlich. Warum bestärkt Andrew dich noch in diesem Irrsinn? Du könntest über den Backpacker berichten oder die Sache mit den Schafen.«

Ich weiß, er hat recht. Doch ich kann nicht. Seit ich vor drei Wochen mit den Recherchen zu der Familie Callen begonnen habe, bin ich wie besessen.

Schon immer habe ich eine Vorliebe für düstere Themen, doch eine ganze Serie über das organisierte Verbrechen Londons zu schreiben, ist wie ein Hauptgewinn. Das ist ein erster Schritt auf meiner Karriereleiter. Als Jüngste im Team muss ich sehen, dass ich mithalten kann. Und das schaffe ich sicher nicht mit einem Artikel über einen Schafzüchter aus Colchester.

Doch es liegt nicht nur allein daran. Die Machenschaften dieses Clans ziehen mich fast schon magisch an. Ich kann es nicht erklären, aber ich will alles über diese Familie wissen. Ich will diejenige sein, die aufdeckt, was tief unter dem Deckmantel der Vertuschung ruht.

Jeder kennt die offensichtlichen Fakten. Eine reiche Familie, die Kontakte zum Königshaus hat und ganz oben mitspielt. Die Callens haben, was unsere Gesetze anbelangt, einen Freifahrtschein. Fragt sich nur, warum. Im Grunde ist der Bevölkerung klar, dass sie korrupt unterwegs sind und sich auf illegale Geschäfte konzentrieren. Doch keiner spricht es aus. Sämtliche Machenschaften dieser Familie werden seit Jahren unter den Teppich gekehrt. Immer mal wieder haben kleinere Zeitungen darüber berichtet, aber nie ließ jemand die ganz große Bombe platzen.

Die Callens sind so etwas wie die Corleones Londons – nur dass keiner einen Patenfilm darüber dreht, sondern eine kleine Journalistin Namens Kylee Hawthorn versucht, ihre erste richtige Geschichte zu publizieren. Und ich bin dicht dran. Das spüre ich. Ich werde eine Riesenstory schreiben, die mich in die Münder der ganz großen Zeitungen bringen wird.

Ich weiß, vieles gilt als Mythos und wird völlig überspitzt dargestellt. Aber ich bin dennoch überzeugt, dass diese Familie die Zügel unseres Landes fest in ihren Händen hält. Und ich werde es auch beweisen.

Beinahe hätte ich Aiden am anderen Ende der Leitung gänzlich vergessen, doch sein lautes Stöhnen lenkt meine Aufmerksamkeit zurück auf unser Gespräch.

»Es waren doch nur Tipps. Das bedeutet gar nichts«, versuche ich uns beide zu beruhigen. Ja, auch mich macht die Sache mit dem Informanten leicht nervös. Vor allem, da er unsere Adresse zu kennen scheint. Ich bin jedoch nicht die erste Journalistin, die den Durchbruch aufgrund von Insider-Tipps schafft. Von allein wäre ich wahrscheinlich nie darauf gekommen, einen Artikel über die Callens zu schreiben.

Doch als ich vor wenigen Wochen einen Umschlag in unserem Briefkasten fand, war meine Neugierde sofort geweckt. Nicht nur reines Interesse, nein, es wurde zu einer richtigen Sucht. Stundenlang habe ich die Fotos von Nelson Callen angestarrt. Habe im Internet recherchiert und auf weitere Umschläge gehofft. Und sie kamen in den darauffolgenden Tagen. Immer wieder Fotos vom Boss des Clans. Verschiedene Aufnahmen, die ihn zusammen mit Herren hohen Ranges aus dem Königshaus zeigen. Eine Woche später erhielt ich Bilder, auf denen Isaac Callen, der jüngste Sprössling der Familie, zu sehen ist. Deutlich kann man darauf erkennen, dass er auf Hinterhöfen Geschäfte abwickelt. Aus allen Fotos gehen deutlich seine Aufenthaltsorte hervor: Clubs und Bars und ein Haus in East End.

Ich nahm die zugesteckten Informationen als klare Aufforderung. Vielleicht gab es jemanden in ihren Reihen, der aussteigen wollte. Manchmal gaben auch Ermittler ihre Recherchen an Journalisten weiter, um die Verdächtigen unter Druck zu setzen. Fakt ist, niemand weiß so genau, wo die Callens sich aufhalten oder gar Geschäfte betreiben. Niemand außer mir.

Und darum kann ich nicht aufhören. Ich werde diese Geheimnisse lüften.

»Das bedeutet«, stöhnt Aiden weiter, »dass du dich auf dünnem Eis bewegst.«

»Wie gut, dass ich eine hervorragende Eisläuferin bin«, wage ich einen Scherz, aber er ist nicht wirklich empfänglich für solche Späße.

Allerdings interessieren mich seine Zweifel in diesem Fall recht wenig. Ich habe Blut geleckt und will mehr herausfinden. Ich beschäftige mich vor allem mit Isaac Callen.

Der Weiberheld flutet täglich die sozialen Medien. Ein klassischer verzogener, reicher Arsch, der zu denken scheint, ihm gehöre die Welt. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie er die Mädels mit seinem unverschämten Richkid-Lächeln um den Finger wickelt. Ich bin für so etwas nicht empfänglich, aber ich denke, an ihn kommt man noch am besten heran.

»Können wir vielleicht später darüber reden?« Aiden senkt die Stimme. Ich möchte schwören, seine Mutter steht neben ihm. Ich kann spüren, wie er sich verändert, wenn sie in der Nähe ist.

»Wir können uns das auch sparen, denn ich werde die Story schreiben. So oder so.«

Mir ist klar, dass er nichts erwidern wird, und damit ist die Unterhaltung für mich beendet. Denn es ist so, wie ich sage. Ich muss diese Story bringen.

Schon nach ein bisschen Recherche hat mich das Callen-Fieber gepackt. Ich komme nicht mehr von dem Gedanken los, die Geheimnisse rund um diese Familie zu lüften. Und nichts und niemand wird mich davon abbringen.

»Kylee«, sagt er mit leiser Stimme, »lass uns später reden.«

Doch meine Entscheidung ist längst gefallen.

Heute habe ich Andrew meine bisherigen Ergebnisse vorgelegt. Im Gegensatz zu Aiden, der gehofft hat, dass meine Recherchen mit diesem Gespräch enden, war mein Chef begeistert und hat mich sogar richtig ermutigt. Ihn kümmert weder meine Sicherheit noch woher meine Informationen kommen. Andrew leitet das London-Magazin nur mit einem einzigen Ziel – verkaufen!

Vor den bunten Lichtern eines Donutladens entdecke ich endlich ein freies Taxi und atme erleichtert aus, während Aiden am anderen Ende genervt seufzt.

»Na toll«, stößt er aus, ohne weiter auf die Callens-Geschichte einzugehen. »Es hat geklingelt. Deine Eltern sind da.«

Es ist typisch für Aiden und mich, einen Bogen um die Themen zu machen, bei denen wir uns nicht einig sind. Das ist das Rezept unserer Beziehung – und bisher scheint das zu funktionieren. Immerhin wird er mich im Dezember, an unserem dritten Jahrestag, heiraten.

»Ich bin gleich da«, lüge ich und hoffe, dass er die Hintergrundgeräusche nicht hört. Von hier brauche ich noch mindestens dreißig Minuten bis zu Aidens Eltern. Zu meinem Glück erreiche ich North Kensington, ehe es dunkel wird. Auch wenn es wahrscheinlich einer Apokalypse gleichkommt, dass ich ohne Blumen und dazu klitschnass beim Dinner seiner Eltern auftauche. Sechs Meilen, um mir eine passende Ausrede zurechtzulegen. Denn Aidens Mum zu erklären, dass ich keine Blumen besorgen konnte, weil es keine Option ist, in der Dunkelheit allein unterwegs zu sein, würde lediglich zu weiteren Diskussionen führen.

Jetzt gerade bin ich erleichtert, nur noch wenige Schritte vor mir zu haben, bis ich endlich in einem Auto sitze.

Nach meinem Termin mit Andrew bin ich stundenlang durch die Stadt geirrt und habe diese Bar gesucht, die auf einem der Informantenfotos zu sehen war. Laut meinen, ich nenne es Ermittlungen, hält sich der Callen-Sprössling hier regelmäßig auf. Doch ich hatte Pech. Alles, was mir der Tag gebracht hat, sind nasse Klamotten und schlechte Laune. Mir ist eiskalt und ich will nur noch sitzen. Meine Beine zittern vor Kälte. Binnen der nächsten dreißig Minuten muss ich zudem irgendwie meine Haare wieder in Ordnung bringen, um nicht als schlechteste zukünftige Schwiegertochter aller Zeiten aufzukreuzen. Immerhin habe ich keine Blumen, mit denen ich punkten kann. Und auch sonst finden sich nicht viele Punkte auf der Pro-Kylee-Liste. Die Kontra-Liste ist dafür vermutlich ziemlich lang.

»Bis gleich. Beeil dich«, knurrt Aiden und ich bin sicher, er hat meinen Bluff durchschaut. Das tut er meistens, doch sagen würde er niemals etwas dazu. Dafür ist er zu nett und zu rücksichtsvoll.

Augenrollend schiebe ich das Smartphone zurück in meine Tasche und will die Tür des Wagens öffnen, als ein schwarzer Lieferwagen mit rasanter Geschwindigkeit angerauscht kommt und direkt neben mir auf den Gehweg donnert.

Ich will auf die Seite ausweichen, doch ehe ich mich versehe, starre ich auf den schwarzen Lack, der keine Armlänge vor mir zum Stillstand gekommen ist. Ich drehe mich herum, will instinktiv weglaufen, doch da höre ich bereits, wie eine Schiebetür aufgerissen wird. Noch ehe ich rennen kann, zerrt von hinten jemand an meinem Arm.

Es geht alles so schnell, dass ich erst kapiere, was hier gerade passiert, als mir jemand einen schwarzen Sack über den Kopf stülpt und ich den Boden des Lieferwagens hart unter mir spüre. Wie ein Stück Vieh wurde ich in den Innenraum gestoßen. Mein Herz rast! Der Platz vor der Victoria Station ist um diese Uhrzeit voller Menschen. Es muss doch jemand bemerken, was hier mit mir passiert. Ich will schreien, laut auf mich aufmerksam machen, doch es ist zu spät. Die Tür fällt ins Schloss. Und noch ehe ich irgendwie reagieren kann, fährt das Auto so schnell los, dass ich gegen die Wand des Lieferwagens gepresst werde. Ich will mich aufrichten, mir den Sack vom Gesicht ziehen, der mir die Sicht nimmt und mir das Atmen erschwert, doch jemand packt meine Handgelenke und das Geräusch von sich schließenden Kabelbindern raubt mir die Fassung. Ich schreie und heule dabei. Das ist ein Albtraum! Das kann nur ein Albtraum sein!

»Hey!«, kreische ich, »nehmt das ab!«

Meine Hände auf dem Rücken fixiert, falle ich bei jeder Kurve gegen hartes Metall. Doch am Furchtbarsten ist der Sack über meinem Kopf.

Es gibt für mich nichts Schlimmeres als die Dunkelheit. Auch nicht, in einem Lieferwagen am helllichten Tag entführt zu werden. Nichts sehen zu können stellt für mich das denkbar schlimmste Szenario dar. Selbst der Tod klingt attraktiver. Ich werfe den Kopf hin und her, doch ich kann nichts erkennen. Da ist nichts. Nur Finsternis. Mein Puls rast und ich habe das Gefühl, mein Herz explodiert jede Sekunde in meiner Brust. Die Feuchtigkeit des Regens vermischt sich mit dem Schweiß, der mir grundsätzlich aus den Poren tritt, wenn ich in Panik gerate.

»Lasst mich raus!«, wage ich einen erneuten Versuch und strampele mit den Beinen, so fest es nur geht. Noch immer kann ich nicht fassen, was hier gerade geschieht.

Mein ganzer Körper befindet sich in einer Schockstarre. Ich kann nicht reagieren. Kann nichts sagen. Meine Kehle ist dermaßen zugeschnürt, dass ich kaum noch Luft bekomme.

Im nächsten Moment werden meine Arme gepackt und ich keuche auf, weil mein Rücken gegen einen warmen, großen Körper gepresst wird. Ein herber Duft steigt mir in die Nase und ich halte inne.

»Bitte!«, flehe ich. Mit aller Kraft versuche ich, mich zappelnd aus dem Griff zu befreien.

»Stopf ihr das Maul, Brex«, ertönt eine kalte Männerstimme. Sie scheint aus der Fahrerkabine zu kommen.

»Nein, bitte«, flehe ich. Meine Beine rutschen auf dem glatten Boden immer wieder weg und der Kerl hinter mir fixiert meine Arme nur noch fester. Ich spüre seinen Atem dicht an meinem Nacken und mir wird schlecht. Ich weiß nicht, ob es an der Tatsache liegt, dass ich verschleppt werde oder weil ich nach wie vor nichts sehen kann. Die vergangenen Minuten fühlen sich so unwirklich an. Mein Verstand befindet sich in einem Ausnahmezustand und ich kann nicht klar denken. Wenn es nur vor meinen Augen nicht so schwarz wäre! Ich kann die Dunkelheit nicht ertragen. Das Gefühl, jeden Augenblick zu hyperventilieren, konnte ich lange Zeit umgehen, doch jetzt erwischt es mich mit voller Kraft. Immer wieder schlucke ich Galle hinunter, die sich meine Kehle hinaufkämpft.

Ich versuche, mich auf meine Atmung zu konzentrieren, aber der feste Griff, in dem ich mich befinde, macht es mir unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Ganz ruhig, Honey. Ich hab dich«, flüstert eine tiefe Stimme in mein Ohr. Etwas sticht mich in den Oberarm und im nächsten Moment breitet sich Taubheit in meinen Gliedern aus. Der schnelle Atem legt sich. Es fühlt sich an, als sei ich nicht mehr in meinem Körper, sondern könne mich dabei beobachten, wie ich langsam ruhiger werde.

Scheiße! Was passiert hier mit mir?

Lediglich ein einziger Gedanke schafft den Weg durch das Chaos in meinem Kopf: Jetzt werde ich noch später zum Essen erscheinen.

Dann wird es dunkel und zum ersten Mal in meinem Leben macht die Finsternis mir keine Angst. Im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, ich schwebe.

 

 

 

KYLEE

Schlagartig öffne ich die Augen und muss gegen die Helligkeit anblinzeln. Sofort entspannen sich meine Schultern ein bisschen. Doch das Hochgefühl wegen der Sonne, die mir durch die dreckige Fensterscheibe entgegenscheint, währt nicht lange.

Die Erinnerung fährt mir wie ein Blitz durch die Knochen und lässt mich zusammenzucken. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist die Victoria Station. Der Lieferwagen und dann diese Stimme in meinem Ohr. Immer und immer wieder höre ich den dunklen tiefen Bass, der bis in meinen Bauch vibrierte, während er mir ins Ohr flüsterte.

Ich wurde entführt!

Hastig blicke ich auf meine Hände. Sie sind nicht mehr gefesselt, aber meine Handgelenke weisen deutliche Spuren auf. Ich streiche darüber und rutsche dabei in die hinterste Ecke des Raumes, um mich umzusehen.

Wo zur Hölle bin ich gelandet? Die Sonnenstrahlen sind das einzig Freundliche in diesem Zimmer. Der Steinboden und die gemauerten Wände wirken kalt und feucht und ich schlinge automatisch die Arme um meinen Oberkörper. Dabei spüre ich einen leichten Druck im Oberarm und schiebe meinen Blazer auf die Seite, um meinen Arm zu überprüfen. Irgendetwas hat mich gestochen. Oder vielmehr irgendwer. Die Erkenntnis über die Ereignisse lassen Übelkeit in mir aufsteigen, aber ich schlucke, um sie zu verdrängen.

Mit Schmerzen in jedem einzelnen Knochen rappele ich mich von der bunt gestickten Decke auf, die unter mir ausgebreitet ist, und nehme jeden Zentimeter meiner Umgebung unter die Lupe. Die schwere Holztür und das dreckige Fensterchen erinnern schwer an eine Gefängniszelle. Mit zwei Schritten bin ich bei der winzigen Scheibe und sehe hinaus.

Gerade noch rechtzeitig, um mein Schluchzen zu unterdrücken, lege ich mir eine Hand auf den Mund und taumele ein paar Schritte rückwärts.

Doch noch ehe ich verarbeiten kann, dass ich weit weg von London sein muss, wird die Tür aufgestoßen und ich presse mich mit dem Rücken gegen die kalte Steinwand.

Ich möchte die Augen zukneifen. Nicht hinsehen. Doch zwei stechend grüne Augen haben mich bereits gefangen genommen. Wie durch ein unsichtbares Band halten sie den Blickkontakt aufrecht. Sie sind so grün wie die Wiesen, die ich aus der Fensterscheibe sehen konnte. Und so tief wie der Ozean, der jetzt, nachdem ich ihn mit eigenen Augen gesehen habe, auch deutlich zu hören ist. Im Sekundentakt brechen die Wellen gegen die Klippen, auf denen das Haus steht, in dem ich mich befinde. Ich bin weit weg von zu Hause und ich habe keinen Schimmer, was mit mir passiert.

»Alles klar?«, fragt der Mann, der den Türrahmen vollständig ausfüllt, und ich kann ihn nur anstarren. Seine Stimme. Es ist der gleiche brummende Ton wie der aus dem Lieferwagen.

»Es gibt wohl keine dümmere Frage, die man einem Entführungsopfer stellen kann«, antworte ich mit fester Stimme, auch wenn mir innerlich zum Heulen zumute ist. Hätte er mich töten wollen, wäre ich längst tot, und ich war noch nie die Art Frau, die sich schnell unterkriegen lässt.

Einen Moment lang blickt er mich an. Er ist groß und sieht verdammt stark aus. Meine Chancen, an ihm vorbeizukommen, gehen gegen null. So viel ist klar. Das rot karierte Flanellhemd spannt über den massigen Schultern. Und sein Gesicht besteht eigentlich nur aus diesen tiefen, funkelnden Augen. Der Rest wird von einer schwarzen Mütze verdeckt, die ihm bis tief in die Stirn reicht und an den Seiten nahtlos in den dichten Bart übergeht, der seinen Mund vollständig versteckt.

Sein Blick gleitet über meinen Körper und ich schlinge die Arme noch fester um mich. Dieser Ausdruck in seinen Augen. Wie die dunklen Brauen sich unter der schwarzen Mütze zusammenziehen und er mich mit undurchdringlicher Miene ansieht. Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus und wandert über meinen Rücken bis in die Beine.

»Du solltest aus den Klamotten raus«, knurrt er und beendet so diesen eigenartigen Moment des Starrens. Mit dem Kinn deutet er auf einen kleinen, fein säuberlich gefalteten Stapel Klamotten auf der Decke, auf der ich stehe.

»Ich denk gar nicht dran«, zische ich und presse anschließend die Lippen fest aufeinander, um nicht zu heulen.

Aiden ist der Meinung, eines Tages würde mein loses Mundwerk mich in Schwierigkeiten bringen. Ob er dabei an einen Kerl wie ihn hier gedacht hat, wage ich zu bezweifeln. Aiden.

Erneut sehe ich zum Fenster. Die Sonne steht hell am Himmel. Es muss ein neuer Tag angebrochen sein. Oder mehrere?

»Auch gut«, knurrt mein Entführer. Mir entgeht trotz des Bartes nicht, wie sein Mundwinkel zuckt, doch ehe ich den Ausdruck auf seinen Lippen deuten kann, dreht er mir den Rücken zu und lässt mich in meiner Zelle stehen. Diesmal bleibt das dicke Türblatt offen und mein Instinkt rät mir, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Kurz warte ich, bis seine Schritte verklungen sind. Keine Ahnung, ob das eine gute Idee ist, aber ich werde es nur auf eine Weise herausfinden. Daher atme ich noch einmal tief durch und hechte anschließend durch die Tür.

Ich brauche nur einen Augenblick, um mich in dem schmalen Flur mit den niedrigen Decken umzusehen. Die Wände und Böden sind aus Stein gemauert. Dunkle Balken ziehen sich durch den Gang.

Niemand zu sehen. Mein Herz klopft mir bis zum Hals. Auch die Eingangstür ist nicht verschlossen. Durch den großen Spalt dringen die Sonnenstrahlen in den düsteren Eingangsbereich. Auf Zehenspitzen, damit meine Pumps keine Geräusche auf dem Steinboden erzeugen, strecke ich den Kopf heraus und schirme dabei mit einer Hand die Helligkeit ab, auf die ich so sehr gewartet habe, die mir aber dennoch in den Augen sticht.

Eigentlich bin ich gut geübt in hohen Schuhen, doch Schwindel übermannt mich bei jedem Schritt und mir ist kotzübel. Keine Ahnung, was dieser Typ mir gespritzt hat, aber es befindet sich definitiv noch etwas davon in meinem Körper.

Eine Woge frischer Luft erfasst mich, als ich das Haus schließlich verlasse.

Viel Orientierung braucht es nicht. Alles, was ich sehe, sind Wiesen. Satte, grüne Wiesen, die sich wie ein flauschiger Teppich vor mir ausbreiten. Rechts und links gehen sie dort, wo der Horizont sie berührt, in Klippen über, die geradewegs ins Meer führen. Also bleibt mir nur eine Richtung. Geradeaus.

Ein Geräusch lässt mich herumfahren.

Mein Entführer steht weit genug von mir entfernt unter einem kleinen Vordach und zündet sich in aller Seelenruhe eine Zigarette an. Unsere Blicke treffen sich. Er hat den Kopf zur Seite geneigt und es ist erst der Schein des Feuerzeugs, der sein Gesicht in anderes Licht taucht. Anschließend legt sich Nebel vor seine grünen Augen, der es mir ermöglicht, mich seinem Blick zu entziehen.

Ich könnte rennen.

Ja, ich sollte definitiv rennen! Ich bin schnell und gehe zweimal in der Woche joggen. Meine Kondition ist nicht die schlechteste.

Langsam mache ich einen Schritt nach dem anderen rückwärts und versuche, irgendetwas anderes auszumachen außer Wiesen und Meer. Denn auf den freien Flächen bin ich ihm ausgeliefert. Das Haus steht auf einer kleinen Anhöhe und in zwei Richtungen führt es mit nur wenigen Schritten über die Klippen. Der einzige Ausweg ist der über die Wiesen direkt hinter mir. Sie führen einen Hügel hinauf. Wer weiß, ob er ein Gewehr besitzt und mir in den Rücken schießt, wenn ich renne. Scheiß drauf.

»Erspar uns diesen Mist, Honey.« Sein tiefer Bass geht mir durch Mark und Knochen, während er den Rauch in die kalte Luft pustet. Langsam, aber sicher entferne ich mich immer weiter von ihm. Dabei stelle ich die alles entscheidende Frage.

»Wo bin ich?« So sehr ich mir wünsche, meine Stimme bliebe stark – sie kippt bei den letzten Silben.

»Nicht wichtig.«

Ich bleibe stehen.

»Nicht wichtig?« Ich will nicht heulen. Wirklich nicht. Aber, das ist nicht wichtig? Warum? Weil ich sowieso sterben werde?

Ich hasse die Art von Frauen, die in den Büchern, die ich nur zu gerne lese, in Tränen ausbrechen, sobald etwas nicht so läuft, wie sie es wollen. Doch jetzt gerade kann ich nichts dagegen tun, dass dicke Tropfen über meine Wangen kullern. Wenn man eine Geschichte liest, ist es einfach zu denken ›Tu das nicht‹ oder ›Denk nach, Mädchen, anstatt zu heulen‹. Allerdings ist es etwas ganz anderes, wenn man mitten im Nirgendwo wach wird, ohne zu wissen, warum. Allein mit einem Entführer, der aussieht wie die Holzfäller-Version von Herkules. »Ich will sofort wissen, wo ich hier bin. Und warum? Was wollen Sie von mir?«

Außer einem kurzen zornigen Blick hat er nichts für mich übrig. Er stößt sich mit dem Fuß, den er gegen die Wand gelehnt hatte, ab und kommt einen Schritt auf mich zu. Der Rauch seiner Zigarette verweht mit dem Wind und gibt seinen düsteren Blick frei. Instinktiv weiche ich zurück.

Ich muss hier weg. So viel steht fest. Und zwar dringend. Ohne weiter nachzudenken oder gar auf eine Antwort zu warten, mache ich auf dem Absatz kehrt und laufe los. Erst über den feinen Schotter auf dem Vorplatz, der zum Haus gehört, durch den Eingang in der kleinen Mauer, die das Grundstück umzäunt, und schließlich über die Wiesen in Richtung des Hügels. Egal wohin, Hauptsache weg.

Ich bin eine hervorragende Journalistin. Ich habe es gelernt zu kombinieren und unter Druck zu arbeiten. Meine Chancen sollten gut stehen, einen Weg zu finden, aus dieser Situation herauszukommen. Ich muss mich nur konzentrieren. Und laufen. Kontinuierlich setze ich einen Fuß vor den anderen und versuche, meine Atmung zu regulieren.

Wo es ein Haus gibt, gibt es sicher auch ein zweites. Ein Fahrzeug oder gar eine Stadt. Ich muss nur lange genug suchen, dann werde ich einen Ausweg finden. Aufgeben ist keine Option. Daher renne ich immer weiter, so schnell meine Füße es zulassen.

Außerdem wird Aiden nach mir suchen oder suchen lassen. Heutzutage verschwindet niemand mehr einfach so von der Bildfläche. Es gibt Überwachungskameras überall rund um die Victoria Station. Und es muss doch jemand gesehen haben, wie ich in das Auto gezerrt wurde. Der Wagen wird ein Kennzeichen gehabt haben. Man kann GPS verfolgen. Mein Handy. Oh mein Gott! Mein Handy!

Sofort greife ich im Laufen in meine Blazertaschen. Wahrscheinlich ein bisschen naiv, kurz daran geglaubt zu haben, es sei noch da. Alles, was ich ertaste, ist mein kleines Notizbuch mit dem Kugelschreiber daran, in dem ich all meine Recherchen festhalte. Mit dem Ärmel wische ich die Tränen von meinen Wangen, die sich im Wind kalt anfühlen. Die Sonne hat nicht mehr genug Kraft, um gegen die Meeresluft anzukommen, und es bleibt einfach nur saukalt.

Meine Absätze versinken bei jedem Schritt im weichen Gras, doch ich laufe unbeirrt weiter. Ziehe den Blazer vor meinem Körper zusammen und vergewissere mich immer wieder mit Blicken über die Schulter, dass der Fremde mir nicht folgt.

Aus mittlerweile sicherer Entfernung kann ich sehen, wie seine riesige Statur vor dem kleinen Haus steht und mir nachsieht. Ich verstehe das nicht. Warum folgt er mir nicht? Wieso entführt mich jemand, nur um mich dann wieder gehen zu lassen? Ist das Teil eines kranken Spielchens? In welchem Albtraum bin ich hier gelandet?

Ohne es zu merken, beschleunigen sich meine Schritte wieder. Ich bleibe nur noch ein einziges Mal stehen, um mir die Schuhe von den Füßen zu zerren, dann renne ich, so schnell es meine Kondition zulässt. Meine Lunge brennt und ich schwitze trotz des eisigen Windes, während ich immer weiter die Hügel hinaufrenne, die vom Haus wegführen.

Oben angekommen, stütze ich die Hände auf die Oberschenkel und stoße zwischen meinem hektischen Atem ein hysterisches Lachen aus. Wald!

Nur noch über eine Wiese, auf der ein paar Schafe grasen, bis die flache Landschaft in einen Wald übergeht. Dort wird er mich nicht finden. Ich kann mich verstecken. Häuser und Menschen suchen und zurück nach Hause fahren.

 

Lieber Aiden,

falls du das hier liest, hat wenigstens mein Notizbuch zu dir zurückgefunden. Es ist das goldene, das du mir letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hast. Ich wurde entführt! Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich unvorsichtig war. Es tut mir leid, dass ich zu spät war und die Blumen für deine Mutter nicht gekauft habe. Und es tut mir leid, dass ich es nicht schaffe, hier wegzukommen. Ich habe versucht, einen Weg nach Hause zu finden. Seit Stunden laufe ich um mein Leben, aber ich finde einfach keinen Ausweg. Wäre ich doch nur früher aufgebrochen, dann wäre all das nicht passiert. Du hast einmal zu mir gesagt, meine Unpünktlichkeit würde mich eines Tages etwas Wichtiges kosten. Ich glaube, dass es jetzt so weit ist. Ich hätte öfter auf dich hören sollen. Hätte mir mehr Mühe geben sollen. Es tut mir leid …

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Es wird dunkel, Aiden. Es wird dunkel. Es wird dunkel…

Ich will einfach sterben! Meine Hoffnung und den letzten Rest Energie habe ich schon vor Stunden gegen einen Baum gekotzt.

Es gibt hier absolut nichts. Nichts außer mir und dem Kerl mit dem fiesen Blick. Mir ist nichts geblieben außer meinem dämlichen Notizbuch. Doch meine Hände zittern zu stark, um mehr als die paar lächerlichen Zeilen an meinen Verlobten zu schreiben.

Ich bin den ganzen Tag gelaufen, aber außer Wald, Wiesen, Steine und Meer habe ich nichts gefunden.

Ich bin wirklich kein Mensch, der schnell aufgibt. Aber ich kann nicht mehr. Meine Füße bluten. Es ist eine Mischung aus den Blasen durch meine Pumps und den Disteln, die sich in meine nackten Fußsohlen gebohrt haben.

Seit ich heute Vormittag blind drauflosgerannt bin, habe ich mich bereits zweimal übergeben und es fühlt sich an, als sei kein Tropfen Feuchtigkeit mehr in meinem Körper. Aber neben all diesen Dingen gibt es eine Sache, die mich in den letzten Minuten buchstäblich in die Knie zwingt.

Es wird dunkel!

Ich kann unmöglich hier draußen allein in der Dunkelheit bleiben.

Schon seit ich denken kann, ist die Finsternis mein größter Feind. Es gibt nichts und tatsächlich auch niemanden, der mir mehr Angst einjagt. Und als ob es nicht schon schlimm genug wäre, auf öffentlicher Straße entführt und verschleppt zu werden, sehe ich mich nun zum ersten Mal schutzlos meiner Panik ausgeliefert.

Denn ich habe kein Licht.

Nichts, was ich gegen den Druck in meiner Brust tun könnte. So weit meine Füße mich tragen, gibt es hier nur ein einziges Haus.

Bislang habe ich immer mit meiner Angst gelebt.

Mit Ängsten ist es doch so: Wenn es eine Möglichkeit gibt, sie zu vermeiden, lässt man sie, wo sie sind. Sie sind da. Stumme Begleiter, die man mit der Zeit zu akzeptieren lernt.

Ich weiß nicht, warum mich diese Panik plagt. Sie war von klein auf da. Meine Eltern haben das immer akzeptiert. Als kleines Mädchen besaß ich grundsätzlich mehr Nachtlichter als alle Kinder in Greenwich zusammen. Mir ist es vierundzwanzig Jahre lang geglückt, der Dunkelheit aus dem Weg zu gehen. In unserer Wohnung gibt es ein Dutzend Lampen mit Bewegungsmeldern und ich habe es stets vermieden, in der Nacht allein unterwegs zu sein. Ich bin damit durchgekommen. Bis heute.

Denn die Dämmerung taucht die sattgrünen Wiesen in einen dunklen Grauton und die Sonne hat mich schon vor langer Zeit im Stich gelassen. Die Dunkelheit kroch so schnell zwischen den dichten Kiefern und Waldbirken hindurch, dass ich mich zurück auf die weiten Weideflächen gekämpft habe, auf denen mich nur noch das letzte Licht des Tages vor einer Panikattacke bewahrt.

Ich erlaube mir, einen Moment stehenzubleiben. In der Ferne erkenne ich das Haus, in das ich nie wieder zurückkehren wollte. Friedlich liegt es da und erhebt sich aus der rauen Natur. Den ganzen Tag bin ich stramm marschiert und doch fand ich nur diese Mauern, in denen ich heute Morgen aufgewacht bin.

Ich spüre die Haut an meinen Beinen nicht mehr und meine Kiefer klappern unaufhörlich gegeneinander. Ob vor Angst oder Kälte – ich weiß es nicht mehr zu unterscheiden. Seit Stunden kann ich nicht mehr weinen. Wahrscheinlich weil meine Augen so ausgetrocknet sind wie der Rest von mir.

Der Mond hat sich als dünne Linie sichelförmig an den Himmel geschlichen und der Polarstern ist bereits über dem gemauerten Häuschen mit dem spitzen Dach zu erkennen.

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Es gibt nur zwei Möglichkeiten für mich. Entweder ich springe über die Klippen am Rand der Wiesen ins Meer und bereite diesem Horrorszenario ein für alle Mal ein Ende oder aber ich gehe zurück. Zurück zu ihm.

Es ist sinnlos. Ich kann diese Entscheidung unmöglich treffen. Das ist, als ob ich zwischen einem Erdbeben und einem Hurrikan entscheiden müsste. Klar ist nur, wohin ich auch gehe, ob ich mich der Dunkelheit stelle oder meinem Entführer. Bei einer Sache bin ich mir sicher – beides hat die Macht, mich zu zerstören.

 

 

BREXEN

Die Ruhe, die ich für gewöhnlich auf Eilean Ross verspüre, bleibt bei diesem Besuch aus.

Die Sonne verschwimmt mit dem Ozean inzwischen zu einer orangefarbenen Masse und ich ziehe den Reißverschluss meiner Jacke höher. Die Stadtweicheier würden es wahrscheinlich als arschkalt bezeichnen, doch in mir steckt ein Highlander. Der Wind kann nicht rau genug sein für meinen Geschmack.

»Scheiß drauf«, seufze ich und schnippe die Zigarette nicht mal zur Hälfte aufgeraucht über die Klippen. Eigentlich rauche ich selten. Immer nur dann, wenn ich angespannt bin. Und ich hasse es, wenn das Nikotin auf meiner Zunge mich daran auch noch erinnert. Obgleich ich heute keine Erinnerung brauche. Ich weiß, wieso ich unruhig bin.

Kylee Hawthorn.

Die Frau, die mein Leben fest in ihrer Hand hält.

Wahrscheinlich ist sie längst gesprungen und hat uns beiden damit eine Entscheidung abgenommen. Ich kann es ihr nicht verdenken. Wäre ich mutig genug, hätte ich mir vor Jahren eine Kugel in den Kopf gejagt und dem Theater ein Ende bereitet.

Ein schriller Pfeifton in meiner Hosentasche durchbricht das Kreischen der Möwen und ich verdrehe die Augen, ohne aufs Display zu sehen. Ich hasse es, wenn der kleine Hosenscheißer sich an meinem Telefon vergreift.

»Was soll dieser bescheuerte Klingelton, du Penner?«

»Witzig, oder?«, grunzt Isaac, doch ich höre sofort, dass es nicht die richtige Zeit ist, um zu scherzen. Er klingt trotz seiner Worte nicht wie der kleine verzogene Bengel, den ich in ihm sehe. Immer öfter kommt der Geschäftsmann in ihm durch … und das kotzt mich richtig an.

»Was willst du, Isaac?«

»Ist sie endlich tot?«

»Mann, ich hab gesagt, ich kümmere mich darum, also geh mir nicht auf den Sack.«

»Wir hätten sie direkt in der Stadt töten sollen. Mir gefällt dieses Versteckspiel nicht.«

»Tja, da ich derjenige bin, der sie beseitigen muss und nicht du, interessiert es mich einen Scheiß, ob dir das gefällt.«

»Ich will Nelson Ergebnisse präsentieren. Er soll endlich damit abschließen können. Die Sache mit der Kleinen nervt ihn.«

Allein, dass Isaac seinen Vater beim Vornamen nennt, spricht Bände über ihre Beziehung. Isaac gehört – genau wie ich einst – zu den Rekruten des Callen-Clans. Und obwohl er Nelsons leiblicher Sohn ist, bekommt er weder einen Vertrauensvorschuss noch einen Verwandtschaftsbonus. Im Gegenteil. Nelson setzt hohe Erwartungen an das Engagement seines Sohnes. Immerhin wird er eines Tages seine Geschäfte übernehmen.

Die Finger meiner freien Hand krallen sich in das Innenfutter meiner Jackentasche. Ich bin kurz davor, mir eine neue Kippe anzuzünden. Er soll damit abschließen können. Dass ich nicht lache.

»Sag ihm einfach, ich kümmere mich darum.« Anders als Isaac habe ich mir das Vertrauen des Chefs schon vor langer Zeit erarbeitet. Seit er mich bei sich aufgenommen hat, tue ich alles, um in seiner Gunst zu stehen. Dafür genieße ich Nelson Callens volle Unterstützung und bin seit drei Jahren sein engster Vertrauter. Er weiß, dass ich ihn nicht enttäusche. Niemals. Zumindest bislang, denn Kylee Hawthorn aus dem Weg zu räumen ist nichts im Vergleich zu der Drecksarbeit, die ich in der Vergangenheit für ihn erledigt habe. Sie ist kein einfaches Ziel auf einem Stück Papier. Ein Name und ein Polaroid-Foto, das es zu beseitigen gilt. Kylee ist ein Teil von mir. Doch das wissen weder Isaac noch sein Vater. Und sie selbst schon gar nicht.

»Brex, das ist das erste Mal, dass er mich etwas allein in die Hand nehmen lässt. Verkack’s nicht.«

»Hör mal zu, du Grünschnabel«, knurre ich und mache mich auf den Weg zurück zum Haus. Wenn die kleine Miss Hawthorn sich nicht ins Meer gestürzt hat, wird sie sicher schon auf mich warten, um mir die Augen auszukratzen. Aufgeben gehört ganz sicher nicht zu ihren Charaktereigenschaften. Und um ehrlich zu sein, kann ich es kaum erwarten. »Sag mir nicht, wie ich meinen Job zu erledigen habe, ist das klar? Ich habe schon für deinen Dad gearbeitet, da hast du noch in die Windeln gekackt. Also halt’s Maul und kümmere dich um deinen Scheiß. Oder willst du es lieber selbst erledigen?«

Ich mag Isaac wirklich. Er ist wie ein Bruder für mich. Und genau wie ein kleiner lästiger Bruder strapaziert er meine Nerven.

Für einen Moment sagt keiner etwas, bis er irgendwann ins Telefon stöhnt.

»Ich hab Schiss, Mann.«

»Ich weiß«, seufze ich zurück. Der kleine Callen ist kein schlechter Kerl. Er hat lediglich seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden und einfach keine Eier in der Hose, um sich gegen seinen Vater zu behaupten. »Verlass dich auf mich.«

»Wo hast du sie hingebracht?«

»Tut nichts zur Sache.«

»Brex!«

»Besorg dir ein Mädchen, Kleiner. Schütt dir die Hucke voll und überlass die Arbeit den großen Jungs.«

Zum ersten Mal, seit ich hier bin, erscheint ein träges Lächeln auf meinem Gesicht. Isaac gehört meiner Meinung nach nicht in die Geschäftswelt seines Dads. Der Junge hat viel zu viele Flausen im Kopf. Nelson sollte ihn auf ein College weit weg schicken und ihn seinen Weg gehen lassen. Doch er setzt all seine Energie in den einzigen Sohn, der ihm geblieben ist. Und dem ist Isaac nicht gewachsen.

Das vom Sommer gestärkte Gras streicht im Wind um meine Beine, während ich mit dem letzten Licht des Tages zurück zum Haus gehe.

»Ich hasse dich«, schnaubt er ins Telefon, doch ich kenne ihn besser.

»Tust du nicht«, lache ich, diesmal richtig. Der kleine Scheißer liebt mich mindestens genauso wie ich ihn. Auch wenn wir das beide niemals zugeben würden.

»Meldest du dich, sobald es erledigt ist?« Isaacs Stimme klingt ungewöhnlich zurückhaltend. Eigentlich ist er der Typ mit der großen Klappe, der immer einen lockeren Spruch reißt. Ich kenne ihn lange genug. Mord steht nicht auf der Liste an Dingen, zu denen er bereit ist. Uns ist beiden klar, dass er mir nur deswegen den Job gegeben hat. Mein Gewissen nagt an mir, weil er nur die halbe Geschichte kennt, aber darum kann ich mich gerade nicht kümmern. Ich muss mir erstmal selbst klarwerden, wie es weitergeht.

»Gib mir vorher noch die Gelegenheit, ein paar Dinge mit der Kleinen zu regeln. Dann melde ich mich.«

Kylee ist nicht grundlos auf Eilean Ross. Nur weiß ich noch nicht, für wen von uns beiden dieser Trip schlecht ausgehen wird.

»Willst du mir nicht doch sagen, wo ihr seid?«

»Wiedersehen, Isaac«, brumme ich ins Smartphone und lege ohne eine Antwort auf.

Die Tür schon fast in greifbarer Nähe, starre ich noch immer auf mein Handy.

Sicher ist sicher.

Mit diesem Gedanken entferne ich die Rückseite und nehme die SIM-Karte heraus. Isaac und ich spielen im gleichen Team, doch ich kenne seinen Vater. Und am Ende jeder Geschichte ist Blut dicker als Wasser. So viel habe ich in den vergangenen Jahren gelernt.

Der Topfdeckel, den ich von außen gegen die Eingangstür gelehnt habe, ist unverändert. Das bedeutet, Miss Hawthorn ist nicht im Haus.

Bevor ich mich bücke, um das gusseiserne Teil aufzuheben, marschiere ich noch ein letztes Mal zur Vorderseite des Hauses. Dort ist sie heute Morgen über die Hügel davongerannt. Wie ein scheues Reh, das geradewegs in die Flinte des Jägers gesehen hat. Wahrscheinlich hatte sie die Hoffnung, auf Zivilisation zu stoßen.

Sie hat keine Ahnung, dass wir beide die einzigen Menschen im Umkreis von vielen Meilen sind. Der Ozean trennt sie und mich vom Rest der Welt. Dennoch ist es nicht genug Abstand, den ich zwischen sie und unsere Welten bringen kann.

Die Inseln vor Tarbat Ness sind allesamt unbewohnt. Hier auf Eilean Ross steht das einzige Haus. Mein Haus. Die Leute gehen davon aus, es sei seit vielen Jahren unbewohnt, und ich lasse sie in dem Glauben. Ich repariere im Außenbereich nur das Nötigste und vermeide es, gesehen zu werden.

Die Instinkte der Menschen sind schwach. Sie glauben nur das, was sie sehen. Eine dreckige Fensterscheibe, ein rostiges Schloss an der Tür und schon stempeln sie das Haus als Ruine ab. Kein Mensch ahnt, dass ich immer mal wieder hier wohne. Zumindest zwischen den Jobs, die ich zu erledigen habe. Ich liebe die Einsamkeit und die Ruhe der Highlands. Diese Gegend wird für immer mein zu Hause sein.

Hier draußen gibt es nur mich und die Natur. Und seit Neuestem eine kleine Journalistin auf der Flucht. Zumindest solange sie sich noch nicht den Möwen zum Fraß vorgeworfen hat.

Es sollte mir egal sein, ob sie wiederauftaucht. Von dieser Insel kommt sie ohne mich nicht lebend herunter. Sie hat nur diese beiden Möglichkeiten: mich oder den Tod. Und ich bin sicher, sie wählt richtig.

Warum ich trotzdem wie ein Idiot in meinem Vorgarten stehe und über die Hügel starre, ist mir selbst ein Rätsel. Ich will es lieber nicht lösen. Ich stecke schon viel zu tief in der Scheiße.

Ich ziehe mir die Mütze noch weiter in die Stirn und zerre die Zigarettenschachtel aus meiner Jackentasche. Aber noch bevor ich das Feuerzeug anzünde, kneife ich die Augen zusammen und versuche, meinen Blick auf die östlichen Weiden zu fokussieren.

Im Schutz der Dunkelheit erkenne ich sie. Kylee. Den Wildfang mit den Sommersprossen auf der Nase und der frechen Zunge. Ich würde ihre weiblichen Kurven unter Tausenden von Frauen erkennen. Sie ist nicht besonders groß und auch nicht übermäßig schlank. Sie ist perfekt.

Ich stecke die Zigarette zurück in die Schachtel und warte. Sie läuft eigenartig. Beinahe als sei sie betrunken. Mit schief gelegtem Kopf versuche ich zu erkennen, warum sie so schwankt, doch ehe sie näherkommen kann, sackt ihr Körper einfach in sich zusammen. Sofort laufe ich los.

»Fuck«, knurre ich und hüpfe mit einem Sprung über die kleine Mauer, die mein Urgroßvater seinerzeit um sein Haus gezogen hat. Bei jedem meiner Schritte versuche ich, langsamer zu laufen. Wenn sie tot ist, bevor ich ankomme, umso besser. Dann hat sich die Sache erledigt und alle können wieder ruhig schlafen. Dennoch beschleunige ich, als ich ihren leblosen Körper im feuchten Gras ausmache. Sie sieht beschissen aus. Ihre Füße und Beine sind dreckig, getrocknetes Blut klebt an ihrer Haut. Das Gesicht ist kreidebleich und Schweiß steht auf ihrer Stirn.

Ohne zu zögern lege ich ihr einen Arm unter den Kopf, den anderen schiebe ich unter die Kniekehlen und hebe sie hoch.

Vielleicht muss sie sterben. Aber sie hier verrecken zu lassen wie ein verwundetes Tier ist selbst für einen Typen wie mich eine Nummer zu hart. Also drücke ich ihren kalten Körper dicht an meinen eigenen und laufe zurück zum Haus. Immer wieder öffnet sie die Augen, während meine Stiefel das hohe Gras streifen. Doch ihr Körper ist zu schwach für jegliche Gegenwehr. Wie ein Kind schmiegt sie sich an meine Wärme und driftet wieder davon.

Sie so dicht an mir zu spüren, den Duft ihrer Haare zu riechen, weckt Erinnerungen, die ich mir verbiete. Und doch komme ich nicht gegen die Emotionen an, die ihre Nähe in mir auslöst.

Sie sollte nicht hier sein. Ich sollte nicht hier sein. Und schon gar nicht sollte es mich kümmern, dass ihre Beine zittern und ihre Kiefer unkontrolliert aufeinanderschlagen. Lass sie einfach liegen.

So einfach würde sich das Problem wohl nie wieder von selbst lösen. Die Nächte hier draußen sind kalt. Sie würde einfach erfrieren.

»Fuck«, knurre ich ein weiteres Mal vor mich hin, während ich sie fester gegen meine Wärme presse. Das Geräusch des auf dem Grundstück liegenden Kies unter meinen Sohlen vermischt sich mit ihrem hastigen Atem. Ich kann es nicht. Ganz gleich, wie gerne ich sie einfach sterben lassen würde. Es geht nicht. Mit einem Fuß stoße ich die Tür auf, der Topfdeckel fällt dadurch scheppernd zu Boden. Kylee zuckt kurz zusammen und murmelt etwas Unverständliches vor sich hin.

Behutsam trage ich sie durch den nicht beleuchteten Flur und gehe die Stufen hinauf. Mittlerweile ist es dunkel, doch ich bewege mich sicher durch das enge Treppenhaus und ducke mich blind durch den Türrahmen zum Wohnzimmer. Ich habe gelernt, mich in der Finsternis zu bewegen, kenne jeden Winkel dieses Hauses. Dafür benötige ich meine Augen nicht. Ich verlasse mich auf meine Sinne und sie haben mich bislang nie getäuscht.

Kylee stöhnt erbärmlich auf, während ich sie auf die weichen Kissen meiner Couch lege. Keine Ahnung, ob sie verletzt ist oder Schmerzen hat, doch offensichtlich fehlt ihr irgendetwas.

In der Stille der Insel sind das Bibbern und die jämmerlichen Geräusche, die sie von sich gibt, überdeutlich zu hören.

»Hey«, murmele ich und in der Hocke klatsche ich ihr mehrmals gegen die Wangen. Dabei greife ich blind nach der Wasserflasche, die ich heute Nachmittag auf dem Tisch hinter mir abgestellt habe. Ich erfasse sie sofort und taste mit der anderen Hand nach Kylees Gesicht. »Trink etwas.«

Die Flasche an ihren Lippen, kann ich hören, wie sie schluckt. Gerade als ich aufstehen will, krallt sie sich an meiner Jacke fest. Nicht auf diesen kleinen Überfall vorbereitet, komme ich ins Straucheln und lande auf den Knien vor ihr.

»Nicht. Bitte! Nicht gehen«, heult sie und zerrt meinen Oberkörper dichter heran. Zum ersten Mal wünsche ich mir, es gäbe ein Licht in diesen Räumen, denn ohne ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht deuten, was hier abgeht. »Licht«, fleht sie und gibt mich noch immer kein Stück frei. Langsam scheint sie zu sich zu kommen, doch sie zappelt und rutscht auf dem Sofa hin und her wie eine Irre.

»Es gibt kein Licht«, antworte ich und komme mir vor wie ein Idiot.

»Ich brauche Licht«, schreit sie und ihre Fingernägel bohren sich inzwischen in das Fleisch meiner Hände. Sie dreht vollkommen durch. Heult und kreischt und ich knie da wie der letzte Depp und starre sie in der Dunkelheit an. Ich habe mit einigem gerechnet, aber hiermit ganz sicher nicht.

Langsam haben meine Augen sich an die Finsternis gewöhnt, doch ihre Panik würde selbst ein Blinder erfassen.

Ohne länger darüber nachzudenken, ziehe ich sie vom Sofa auf meinen Schoß und fixiere mit einem Arm ihre Beine. Den anderen lege ich fest um ihren Oberkörper, so dass sie keine Chance hat, sich aus meinem Griff zu befreien. Ich habe keinen Schimmer, was gerade mit ihr los ist, aber sie wird einen von uns verletzen, wenn sie so weitermacht.

Entgegen all meiner Pläne lege ich meinen Kopf auf ihren und flüstere immer und immer wieder »Sch« in ihre wilden Locken. So lange, bis ihr Körper nach Ewigkeiten endlich ruhiger wird und sie schließlich einschläft.

Ihr gleichmäßiger Atem sollte mich beruhigen. Doch das tut er nicht. Mit ihr herzukommen, war ein Fehler. Ich dachte, ich könnte alles irgendwie geradebiegen, doch ich rase mit Vollgas mitten ins Verderben. Und sie zerre ich mit. Keine Ahnung, worauf ich gehofft hatte. Auf ein Wunder? Wahrscheinlich. Denn in der Realität ist es nun einmal so, dass ich bereits jetzt ihr schlimmster Albtraum bin. Und dabei weiß sie gar nichts. Sie hat keine Ahnung von den Schatten, die sie schon ihr Leben lang begleiten.

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