Leseprobe zu Very Bad Kings

Lesezeit: circa 10-20 Minuten

TRIGGERWARNUNG

 

Jeder Satz in diesem Buch könnte dein Gehirn ficken. Und ein paar werden es definitiv tun.

Sei gewarnt.

JAXON

Wir spielen ein Spiel. Wir sind grausame Bastarde, denen ein Menschenleben nichts bedeutet, und spielen ein Spiel. Du bist unser Einsatz. Und du und du und du. Ich setze deinen hübschen Kopf auf das schwarz-weiße Brett und lasse dich den gegnerischen König schlagen.

Vielleicht bist du mein Läufer.
Mein Turm.
Mein süßes Pferdchen.
Vielleicht bist du auch meine Königin. Wer weiß?

GAME OVER

Sie kommen wie Hunde auf mich zu. Wie Wölfe, deren Augen aufs Töten abgerichtet sind. Fünf von ihnen, fünf, die sich so sehr voneinander unterscheiden wie die Dunkelheit vom Licht und doch eines gemeinsam haben.

Sie begehren etwas.

Sie dürsten nach etwas.

Nach Rache.

Nach Vergeltung.

Nach mir.

Fünf Augenpaare fixieren mich, fünf dunkle Gesichter, verborgen von den schwarz-goldenen Masken der Kings, die nur bei dreien von ihnen die Augenpartie und Lippen offenbaren. Jeder Mund ist auf andere Weise verführerisch zu einem Lächeln verzogen.

Ich sitze in der Falle.

Sie haben gewonnen.

Der Stuhl, an den ich gekettet bin, lässt sich nicht über den Boden bewegen.

Ich muss fliehen, doch sie kommen näher.

So nah, bis ich ihren Atem hören kann.

So nah, bis ihr verführerischer Duft meine Sinne betäubt.

Der Mittlere von ihnen tritt vor, fasst grob in mein Haar, zerrt meinen Kopf zurück und nähert sich meinen Lippen. Mit einem Finger fährt er über meine Wange, und es fühlt sich an, als würde er mich mit einer Klinge streicheln. 

»Du hast verloren«, züngelt Jaxon. Seine Stimme ist die eines Jägers auf der Pirsch. Leise und gefährlich, und so schön, dass ich wieder und wieder in seine Falle laufen würde, bis in meinen Tod hinein. »Warum bist du nicht gelaufen, als du es noch konntest? Hat man dir nicht beigebracht, dass Schach endet, sobald die Dame geschlagen wurde? Scheint, als hätte man versäumt, dich darüber aufzuklären. Dabei ist das eine der besten Universitäten des Landes.«

Gelächter fließt durch den Raum wie ein Regenschauer, der mich überspült. Ich bin nicht allein. Nicht allein mit diesen fünf schwarzen Gestalten, nein. Der gesamte Hörsaal ist gefüllt. Wir haben ein Publikum, eine gesichtslose Ansammlung aus sensationslüsternen Studenten, die es nicht mehr erwarten können, bis ich endlich falle.

Aber das werde ich nicht.

Nichts und niemand wird mich dazu bringen, Kingston vor meinem Abschluss zu verlassen.

Meine einzige Chance darauf, aus meinem Leben mehr zu machen als die Hölle, die es einmal war. Die es jetzt noch ist, seitdem die Kings versuchen, mich zu zerstören.

Aber ich werde keinen einzigen dieser Bastarde gewinnen lassen.

»Du siehst aus, als hättest du noch immer keine Angst vor uns«, raunt Jaxon und kommt meinem Gesicht näher, sodass ich die Elektrizität spüre, mit der er mich seit jeher in Anspannung versetzt. Für einen kurzen Moment blitzen die Erinnerungen an seinen heißen Körper auf, daran, wie er sich in mir versenkt. Als läge mein Kopf wieder zwischen seinen Händen, während er jede einzelne Regung meiner Miene genauestens studiert. Während er beobachtet, was Reece und Sylvian mit mir tun und wie heiß es mich macht … Und dann denke ich an alles, was er mir angetan hat, und bin wieder geheilt.

»Doch, ich habe unfassbare Angst vor euch«, erwidere ich in gespielter Furcht mit der Stimme, die ihn auch jetzt um den Verstand bringt. Jedes Mal, wenn ich ihn herausfordere, ringt er um Fassung.

Ich habe längst verstanden, dass Jaxon mich umso mehr verderben will, wenn ich mich ihm widersetze. Nicht nur verderben: Er versucht mich emotional zu töten.

Und er hätte es fast geschafft.

»Schade, dass Kingston dir nicht mal Anstand beibringen konnte. Du weißt doch eigentlich«, schnalzt Jaxon, »dass man nicht lügt, kleine Belle.«

»Oh, ich habe nur vom Meister der Täuschungen gelernt, weißt du?« Ich kann es nicht lassen, ihn zu provozieren.

Da sitze ich, gefesselt auf einem Stuhl, eine Schar schaulustiger Studenten um mich herum, konfrontiert mit fünf Bastarden, die meine Seele bei lebendigem Leib verschlingen wollen, und provoziere Jaxon Tyrell. 

Den King unter den Kings.

Den Throninhaber der Elite.

Mein Untergang in menschlicher Form.

Meiner und der Hunderter anderer Frauen, die so dumm gewesen sind, ihm zu verfallen.

Jaxon Tyrell.

Vielleicht bin ich also doch lebensmüde. Habe ich noch immer nicht gelernt, dass niemand ihm etwas an der Kingston Universität entgegensetzen sollte, der weiter hier studieren will?

Jaxons eisblaue Augen verengen sich. Sein Gesicht ist das einzige, in dem ich trotz Maske lesen kann, als würde er mir bei helllichtem Sonnenschein begegnen. Ich kenne Jaxon Tyrell. Zu gut.

Alle anderen verschwimmen in der gesichtslosen Menge hinter ihm. Jeder, der nicht erkannt werden will, hat sich getarnt. Trägt einen Schal vor dem Gesicht. Oder eine dunkle Kapuze in die Stirn gezogen.

Ob Harper unter den Zuschauern ist?

»Beinahe hättest du dieses Spiel gewonnen, Belle«, sagt Jaxon nun lauter und tritt zurück. »Ich bin beeindruckt. Und fast ein wenig traurig, dass wir uns von dir verabschieden müssen. Es war so knapp.« Er zeigt die Spanne mit Daumen und Zeigefinger in die Höhe. »Und verdammt unterhaltsam. Ich möchte nichts von dem missen, was die letzten Monate passiert ist.«

Während mein Herzschlag zu rasen beginnt, weil ich Jaxons Arroganz kaum zu ertragen weiß, wird im hinteren Teil des Hörsaals das Licht eingeschaltet. Und dann der gesamte Gang erleuchtet. 

Die Zuschauer, diese feigen Idioten, rücken in die Reihen zurück, um im Lichtkegel nicht erkannt zu werden, als drei Frauen durch die obere Tür treten.

Drei maskierte Frauen. Mein Herz bricht in dem Moment, als mir klar wird, wer erschienen ist.

Da kommen sie, meine Gegnerinnen, meine Rivalinnen. Jede erzeugt auf andere Weise einen Stich in meinem Herzen. 

Sie sind jeweils in ein weiß schimmerndes Abendkleid gehüllt, das ihren schlanken Figuren schmeichelt. Sie alle drei sind wunderschön. Makellos und wunderschön. Wäre da nicht ihr Charakter, der sie hässlicher macht als jeden anderen in diesem Raum.

Sylvian und Reece lösen sich von den Kings, gehen zu den Frauen und holen sie zu sich in die Mitte.

Sie haben mich verraten.

Jeder auf seine eigene Weise.

Sie haben mich Jaxon Tyrell ausgeliefert und wollen jetzt gemeinsam mit ihren verlogenen Auserwählten meinem Ende zusehen!

»Oh, bist du etwa traurig, dass Sylvian sich für eine andere entschieden hat?«, fragt Jaxon mich, als er meinen Blick bemerkt. Blitzschnell beugt er sich an mein Ohr, redet aber in normaler Stimmlage weiter, damit ihn jeder hören kann. »Wie konntest du jemals glauben, er würde Abschaum wie dich wählen?«

Seine Worte treffen mich so hart, dass ich gegen meine Tränen ankämpfe. 

Das Publikum johlt, als Jaxon plötzlich meinen Stuhl zurückstößt und ich panisch schreie, weil ich mich nicht abfangen kann. Aber er hält mich im letzten Moment zurück, bevor ich auf dem Boden aufkomme, fasst um meine Lehne und löst die Schnalle des Gürtels, mit der ich am Stuhl gefesselt worden bin. Dann lässt er mich das letzte Stück fallen und ich muss mich mit beiden Ellenbogen auf dem Boden abstützen. Gekrümmt liege ich vor ihm.

»Lauf«, raunt er mir zu und dieses Mal hört ihn niemand außer mir. Aus seiner Stimme ist jeglicher Glanz gewichen, er will nicht mehr spielen. Jetzt will er nur noch Vergeltung.

Mein Blick geht zu Reece, geht zu Romeo und dem anderen King, dessen Namen ich nicht kenne. Zayn? Die drei starren mit ihren vergoldeten Masken ausdruckslos zurück. Sie werden Jaxon helfen, so viel ist mir klar. Sie werden alles tun, um ihren Anführer zufriedenzustellen.

Und er wird erst zufrieden sein, wenn ich endgültig am Boden liege.

Wenn es echte Ketten sind, die mich an Ort und Stelle halten.

Wenn ich blute.

Wenn ich schreie vor Leid.

»Heute Abend werde ich laufen«, flüstere ich Jaxon zu. »Aber sobald der erste Kurs im neuen Semester beginnt, bin ich zurück.«

Jaxons attraktives, gemeißeltes Gesicht wandelt sich in eine hasserfüllte Fratze. »Das wagst du nicht.«

»Niemand, nicht einmal du, wird mich davon abhalten können, die Chance meines Lebens zu ergreifen. Ihr habt euch den falschen Gegner für euer Spiel ausgesucht. Damit ich nicht zurückkomme, müsst ihr mich schon töten.«

In Jaxons Augen tritt ein Ausdruck, der so weit weg von dem eines Killers nicht mehr ist, deswegen rutsche ich über den Boden davon. Er würde mich töten, das weiß ich längst. Also muss ich dafür sorgen, dass er es nicht tun kann, ohne Probleme zu bekommen.

Ich würde ein einziges Problem für ihn werden.

Für sie alle hier.

Ein letztes Mal blicke ich mich im voll besetzten, schummrig beleuchteten Saal um, sehe erst in Jaxons Gesicht, dann in das verhüllte von Sylvian, der demonstrativ seine Hand mit der seiner Prinzessin verschränkt. Es ist, als würde allein diese Geste einen Pfahl in mein Herz treiben. 

Reece wirkt gelassen wie eh und je, und es tut mir fast leid, ihm den Kampf anzusagen. Bin ich erst einmal sein Feind, wird er bestimmt nicht mehr so … nett sein.

»Wir sehen uns im neuen Semester!«, rufe ich, ernte eine Menge Buhrufe, begegne acht hasserfüllten Augenpaaren, dann ergreife ich die Flucht. Ich fliehe.

Aber nur, um mit besseren Waffen zurückzukehren.

Diesen Krieg werde ich erst noch beginnen, ihr Bastarde!

Und kein Einziger von euch wird jemals wieder mein Herz gewinnen!

 

JAXON

Hallo, Schönheit. Willkommen in Kingston. Ehrfürchtig sieht sie aus, nicht wahr? Diese Universität, von unseren Urahnen gegründet, damit Menschen wie du und ich Wissen vermittelt bekommen, das uns niemand sonst beibringen könnte.

Falsch gedacht. Kingston ist kein Ort für verarmte Stipendiatinnen wie dich, um sich dem Studium über Wirtschaft, Philosophie, Politik oder Wissenschaft zu widmen.

Das Einzige, was du lernst, ist das Überleben zwischen Menschen wie uns.

Der Elite.
Aber glaub mir.
Die Unterrichtsstunden werden hart.
Und wenn du deine Hausaufgaben nicht anständig

machst, Belle, müssen wir dich leider bestrafen …

 

 

MABLE

Das Taxi wirkt wie ein Alien zwischen den schwarzen Limousinen. Ein gelber Farbtupfer, der sich nicht vermischen will und die Szenerie aus Bentleys und BMWs entstellt. Noch nie habe ich so viele teure, extravagante Wagen auf einem Fleck gesehen. Oder Chauffeure, die Türen öffnen, Pagen, die Koffer auf vergoldete Wagen laden, und modisch gekleidete junge Erwachsene, die sich von ihren reichen Eltern in Poloshirts und Hosenanzügen verabschieden. 

Das Taxi schiebt sich durch den Stau auf der Straße. Die Reihe aus Luxuskarosserien will einfach nicht enden. Nervös falte ich das Blatt mit der Wegbeschreibung meines Wohnheims in der Hand und halte Ausschau nach Studenten, die nicht danach aussehen, als gingen sie auf dem Rodeo Drive shoppen. Ist denn niemand, der an dieser Universität studiert, normal?

»Haus 17, Ma’am?«, fragt mich der Fahrer mit starkem Südstaatenakzent und ich nicke. Wir könnten nicht weiter weg von Texas sein. »Dann halte ich da vorne.«

Wieder nicke ich, als er den Blinker setzt und darauf wartet, dass gleich drei Pagen die zehn Koffer einer Studentin über die Straße schieben, die mit einem Handy in der Hand telefonierend neben ihnen hergeht, als hätte sie noch nie zuvor in ihrem Leben einen Koffer überhaupt berührt.

Kaum ist die Gruppe über die Straße, rauscht ein roter Sportwagen mit heulendem Motor an uns vorbei, bremst direkt vor der Front des Taxis und fährt in die einzig freie Parklücke weit und breit.

Ein Student mit azurblauem, engem Shirt und goldbraunem Haar steigt aus und wirft einen flüchtigen Blick in unsere Richtung, bevor er sich an die Blondine mit den drei Koffern wendet, die ihn kreischend wie ein Groupie befällt und begrüßt.

»Arschloch«, murmle ich und beobachte, wie die Hände des Typen unter den kurzen Rock des Mädchens gleiten. An seinen Fingern trägt er protzige Siegelringe und alles an ihm stinkt nach Geld wie ein Misthaufen nach Gülle.

»Ich kann hier nicht stehen bleiben, Ma’am«, sagt der Fahrer von vorn und lächelt mich entschuldigend an. Er parkt eine halbe Meile weiter am Ende der Reihe aus Limousinen und schaltet das Taxameter aus. »Macht 28 Dollar fünfzig, Ma’am.«

Ich gebe ihm dreißig, auch wenn ich mir Trinkgeld eigentlich nicht leisten kann.

Der Fahrer steigt aus und weckt in mir für einen Moment das Gefühl, genauso wie die anderen ankommenden Erstsemester Hilfe zu erhalten. Doch er tut nichts weiter, als meine vielen Taschen, die zwei Tüten und den kaputten Koffer auf den Bürgersteig zu laden, bevor er mir auf die Schulter klopft und grußlos weiterfährt. 

Ich stehe da, am Rande der feinen Gesellschaft, mit mehr Gepäck, als ich tragen kann, und muss mindestens eine halbe Meile zu meinem Wohngebäude zurücklaufen.

Das ist kein Problem. Die Euphorie, an der Kingston University – der mit Abstand renommiertesten Universität des Landes – angenommen worden zu sein, überschattet das dumpfe Gefühl, nicht hierherzugehören.

Ich hänge mir zwei Taschen über, greife nach dem Koffergriff, nehme zwei Tüten in die Hand und gehe den Bürgersteig entlang. Mein restliches Gepäck lasse ich vorerst zurück, weil ich es schlicht allein nicht tragen kann. Kaum habe ich die erste Gruppe Eltern passiert, die ihre Schützlinge in die Arme schließen, spüre ich Blicke auf mir.

Mit erhobenem Kopf versuche ich so zu tun, als würden mir die abschätzigen Lippenbewegungen, das angewiderte Rollen von Augen und das betonte Mitleid in den Mienen der Erwachsenen entgehen. Stur gehe ich weiter, fühle mich aber mit jedem Schritt mehr wie eine Verurteilte, die zu ihrem Schafott läuft. Auch wenn das Quatsch ist. Ich bin in Kingston angenommen worden, weil ich hart dafür gearbeitet habe.

Warum sollte ich mich deswegen schlecht fühlen?

Von Weitem sehe ich den roten Sportwagen, vor dem sich ein paar Studenten versammelt haben. Ich versuche mich auf diesen Punkt in der Ferne zu konzentrieren, während ich weiterlaufe, den Koffer schleppe, die Schmerzen in meiner Hand von der einschneidenden Tüte ignoriere. 

Niemand bietet mir seine Hilfe an. Nicht, dass ich es erwartet hätte, aber der Märchen liebende Teil in mir hätte es sich gewünscht. Als ich endlich vor dem roten Wagen angekommen bin, lasse ich die Tüten und den Koffer los und gönne mir eine Pause. Hier muss ich abbiegen und den Fußweg durch den Park nehmen. Es sind nur noch ein paar Schritte.

»Oh, seht mal. Eine Obdachlose aus der Stadt.« Die hohe Stimme kommt aus der Studentengruppe. Ein paar von ihnen blicken in meine Richtung, lächeln mich müde an und wenden sich wieder ab. Die Blondine, die gesprochen hat, betrachtet mich, als wäre ich ein Zootier, eine andere Spezies, die sich hierher verirrt hat. »Wie süß sie ist, oder? Vielleicht sollten wir ihr ein paar Dollar geben, damit sie sich eine neue Tüte kaufen kann. Ihre wird jeden Moment reißen.«

Ein paar Frauen, die die Blonde umstehen, lachen mich aus.

»Clarisse, lass sie doch in Ruhe«, ruft ihr eine der Studentinnen zu, die sich in den Armen eines muskulösen Mannes räkelt und ihre Lippen abfällig verzieht, als sie meinen Blick bemerkt. »Sie ist es nicht mal wert, dass du sie ansiehst

Ich setze ein freudloses Lächeln auf, bücke mich wieder und greife erneut nach meinen Sachen. Kaum bin ich zwei Schritte gegangen, löst sich die Blondine aus der Gruppe und stellt sich mir in den Weg.

»Du gehörst hier nicht her, Aschenputtel«, zischt sie und verengt ihre hübschen Augen zu schmalen Schlitzen. Ihr Charakter kann ihr bildschönes Äußeres nicht zunichtemachen. Ein makelloses Gesicht, das einer Puppe gleicht, eine Figur, die ebenso sportlich wie elegant ist. Sie trägt eine züchtige Bluse und einen kurzen Rock. Und jetzt fällt mir wieder ein, dass sie diejenige war, die den Typ, der unsere Parklücke blockierte, begrüßt hat. »Verschwinde dorthin, wo du hervorgekrochen bist.«

Clarisse. Dieser Name passt zu ihr.

Mein Mund fühlt sich trocken an, als ich darum kämpfe, etwas zu erwidern. Ein kluger Spruch, ein schlagfertiges Paroli, warum fällt mir bloß nichts ein? Es ist nicht leicht, vor all diesen reichen Leuten zu sprechen, die mich ansehen, als würden sie mich hassen. Auch wenn ich mir hundertmal vorgestellt habe, was ich tun werde, wenn das hier passiert, fühlt es sich in Wirklichkeit viel schlimmer an.

Die Leere in meinem Kopf will sich einfach nicht zu Worten formen, also bleibt mir nur, einen Schritt zur Seite zu machen, um einfach an der Fremden vorbeizugehen. Ich hätte damit rechnen müssen, dass sie es mir nicht so leicht macht, aber ihre Brutalität überrascht mich doch. Clarisse kommt mir absichtlich einen Schritt entgegen und stößt mich. So beladen, wie ich bin, verliere ich das Gleichgeweicht und stürze.

Der Inhalt meiner Tüten verteilt sich über den Bürgersteig und Gelächter brandet um mich herum auf. Mit hochrotem Kopf rapple ich mich wieder auf, suche meine Sachen am Boden zusammen und merke erst, dass ich an der rechten Hand durch eine Schürfwunde blute, als sich mein neuer Schreibblock rot verfärbt. Verdammt. Tränen brennen mir in den Augen, und ich halte den Kopf gesenkt, stolpere mit dem, was ich schnell habe greifen können, vorwärts und lasse meinen Koffer zurück. Ich muss in mein Zimmer. Das ist das Wichtigste. 

Vielleicht sind die Studenten, bis ich zurückkomme, in ihre eigenen Apartments – ja, es gibt so gut wie keine einfachen Wohnheimzimmer in Kingston – verschwunden.

Zum Glück folgt mir niemand von ihnen, als ich durch die Tür zu Gebäude 17 trete. Ein strenger Geruch nach billigen Putzmitteln empfängt mich, und der Flur sieht aus, als würde er seit Jahren nicht bewohnt. Mit mir wurden neun weitere Stipendiaten in das Förderprogramm der Tyrell-Stiftung aufgenommen. Wo sind sie?

»Hallo?«, frage ich vorsichtig, doch niemand reagiert. Das Gebäude scheint verwaist zu sein. Als ich meine Zimmertür gefunden habe, teste ich den Schlüssel, den ich mir eben im Hauptgebäude abgeholt habe. Er passt und ich trete ein. Die Tür war nicht abgeschlossen und mein Zimmer ist nicht leer.

Auf einem der zwei Betten sitzt der Sportwagen-Typ. Den Kopf in den Nacken gelegt, die Beine weit gespreizt und eine zierliche Frau dazwischen, die ihm einen bläst.

Vollkommen erstarrt stehe ich da und sehe ihnen zu. Es ist, als könnte ich nichts anderes tun. Dastehen. Zusehen. Das Mädchen dabei beobachten, wie ihre Lippen schnell und ruckartig über den Schwanz des Typen gleiten. Ich habe mich bisher von Männern ferngehalten, um nie das erleben zu müssen, was meiner Mutter geschehen ist, aber ich bin mir sicher, dass der Typ ziemlich gut bestückt ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ich jemanden beim Sex erwische. An Samstagabenden kann man im Trailerpark häufig Freier beim Vögeln mit unseren Nachbarinnen beobachten.

Aber das hier ist anders.

Der gesamte Kerl ist anders.

Sein azurblaues T-Shirt ist locker hochgezogen und entblößt den trainierten, makellos gebräunten Bauch darunter. Die Siegelringe an seinen Händen wirken nicht protzig, sondern elegant, und sein Haar fängt das Sonnenlicht golden schimmernd ein, sodass seine entspannte Miene wie die eines Engels wirkt.

Da das hier mein Zimmer ist und ich meine Sachen unbedingt ablegen muss, räuspere ich mich, damit sie mich bemerken.

Es ist, als würde sich die Luft im Raum verändern, als der Typ die Augen öffnet. Er nimmt mich mit seinem Blick auf so intensive Weise gefangen, dass sich eine Gänsehaut auf meinen Armen bildet. Dann hebt er die Hand, legt sie um den Nacken der Frau vor sich und hält sie dominant fest. Sie wimmert, als er ihren Kopf auf seinen Schoß drückt und mich dabei mit seinem Blick fixiert.

Ich bemerke ein Strahlen in seinen Augen, das Aufleuchten von Lust. Seine Lippen öffnen sich sinnlich, und seine Hüfte zuckt, während ein kalter Schauer über meinen gesamten Rücken läuft. Dieser fremde Typ kommt und sieht mich dabei an, als wäre ich es, die in ihm diese Gefühle erzeugt. Und als wäre das Mädchen, das zwischen seinen Beinen hockt, nur Beiwerk.

Er sinkt nach seinem Orgasmus zurück, lässt die Studentin los und lächelt mich schief an. »Gibt es in dem Loch, wo du herkommst, keine Türen?«

»Was?«, frage ich perplex.

Das Mädchen weicht vor ihm zurück, wirft mir einen schüchternen Blick zu und wischt sich über den Mund. Kniend bleibt sie vor ihm sitzen, wie es die Frauen im Trailerpark tun, wenn ihre Freier wollen, dass sie die Devote spielen. 

»Ob du so etwas wie Türen nicht kennst?«, wiederholt der Schönling seine Frage und bleibt schamlos mit geöffneter Hose vor mir sitzen. »Sonst würdest du wissen, dass man anklopft, bevor man einen Raum betritt, oder?«

Jetzt, da er vollkommen unbedeckt ist, kann ich seine beachtliche Länge feststellen. Feucht und nass glänzt sein Schaft und bindet meine Aufmerksamkeit, als hätte ich nie zuvor ein männliches Geschlechtsteil gesehen.

»Und Schwänze kennst du wohl auch nicht?«

Ich beiße mir auf die Zunge und richte den Blick zur Decke. »Das ist mein Zimmer. Ich würde gerne meine Sachen reinbringen.«

Kein Laut ist zu hören. Ich versuche so zu tun, als wären die beiden nicht da, und lege meine Bücher, die ich in den Armen trage, auf das zweite Bett. Als ich mich wieder zur Tür wenden will, höre ich seine Stimme.

»Geh.«

Aus irgendeinem unbestimmten Grund weiß ich, dass er nicht mich meint. Aber ich habe ebenfalls nicht vor, zu bleiben, und greife nach der Türklinke.

»Dich meinte ich nicht.«

Mit glühend rotem Kopf drehe ich mich um, während das Mädchen – eine schlanke Asiatin in einem knappen Sommerkleid – an mir vorbeihuscht. »Das ist mir klar«, erwidere ich mit fester Stimme. »Das Letzte, was ich tun würde, ist von jemandem wie dir Befehle entgegenzunehmen.«

Der Fremde hebt eine Braue, richtet sich mit einem Schwung zu voller Größe auf und schließt seinen Gürtel. Dabei blitzen die Ringe an seinen Händen im Sonnenlicht auf. »Ist das so, ja?«, fragt er mit rauer Stimme, die in meinem Magen ein unangenehmes Kribbeln auslöst, und kommt auf mich zu.

Auch wenn ich krampfhaft nach einem Satz suche, den ich ihm an den Kopf werfen kann, rollt sich meine Zunge zusammen und ich bringe kein Wort hervor. Wieder bleibt mir nichts als Flucht.

»Das heißt, du wirst mir nicht den Schwanz lutschen, nur weil ich es dir sage?«, fragt er mit noch tieferer Stimme.

Seine Frage ist so unverschämt und sein Verhalten widert mich so sehr an, dass ich Lust bekomme, ihm wehzutun. Ich habe früh gelernt, wie man sich gegen Männer wehrt.

Doch als ich mich ein weiteres Mal umdrehe und ihn ansehe, ist es, als würde für einen Moment alles stillstehen.

Er lächelt mich unter seinen langen Wimpern hervor an und mein Herzschlag setzt aus. 

Vielleicht ist das einfach nicht mein Tag. Vielleicht habe ich zu wenig Wasser getrunken oder die vielen superreichen Studenten draußen auf der Straße haben meine Synapsen verschmelzen lassen. Aber da stehe ich und kann für einen Moment nichts anderes tun, als diesen Fremden anzusehen. Es ist, als würde ein Strahlen von ihm ausgehen. Als würde er die Umgebung reflektieren wie glasklares Wasser. Seine Augen sind so blau wie das Meer und sein Lächeln so einnehmend wie ein warmer Sommermorgen. Da ist plötzlich ein Gefühl, das in mir entsteht, ein Flimmern der Sehnsucht, die Gewissheit, dass dieser Mann aus dem Märchen entsprungen ist, von dem mir meine Mom als Kind erzählt hat.

Ein Retter.

Ein Prinz.

Ein Versprechen, das ewig hält.

Sein Gesicht wirkt wie gemeißelt. Markante Wangen- und Kieferknochen geben die Form für seine gerade Nase und die sinnlichen Lippen. Er sieht wirklich aus wie ein Engel. Ein gefallener.

»Nein, werde ich nicht«, murmle ich eine Antwort auf seine Frage, die ewig her zu sein scheint. Als er einen weiteren Schritt auf mich zumacht, um die unsichtbare Grenze der höflichen Distanz zwischen uns zu überwinden, weiche ich zurück und stoße gegen die Tür.

Obwohl der Typ definitiv ein Arschloch ist, fällt es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Seine gesamte Statur strotzt nur so vor Männlichkeit. Seine Bewegungen sind bestimmt, sein Muskelspiel definiert und seine modische Kleidung rundet sein Erscheinen zu einem perfekten Bild ab.

Mein Mund wird trocken, als er eine Hand nach mir ausstreckt. Ich bleibe stehen, werde von der Energie erfüllt, die seine Nähe in mir auslöst, versuche mich selbst dazu zu bringen, ihn von mir zu stoßen, erwarte gleichzeitig, dass er mich packt – als er an mir vorbeigreift und die Tür erneut öffnet.

»Schade. In deinem Mund würde ich bestimmt gleich ein zweites Mal kommen.«

Ich gehe zur Seite, damit er durch die Tür gehen kann. »Träum weiter.«

»Tue ich.« Sein Lächeln weitet sich zu einem schiefen Grinsen und er zieht die Tür auf. Bevor er allerdings hindurchgeht, blickt er mich noch einmal an. Seine Miene verändert sich. Der Ausdruck auf seinen bildschönen Zügen wird abschätziger und in seinen Augen entsteht ein gefährliches Blitzen. »Wie heißt du?«

»Mable«, schießt es aus mir hervor und ich beiße mir auf die Zunge. Warum antworte ich diesem Typen überhaupt irgendetwas und behandle ihn nicht wie Luft?

»Amabelle Weaver?«, spricht er meinen vollen Namen aus.

Verwundert öffne ich den Mund. Woher kennt er meinen Namen?

»Ich bin Jaxon. Jaxon Tyrell.« 

Mein Atem stockt.

»Mein Vater finanziert dir dein neues Luxusleben und ich werde es dir zur Hölle machen. So wie du aussiehst, hältst du es keine Woche durch. Vor allem nicht, wenn du mir nicht ab und an einen bläst. Überleg es dir, Belle, ob du nicht doch Befehle von mir entgegennehmen willst.« Sein Mund verzieht sich zu einem diabolischen Lächeln, bevor er die Tür ganz aufreißt, dadurch verschwindet und sie hinter sich zuknallt.

0