Leseprobe zu Don´t kiss the groom

Lesezeit: circa 10-20 Minuten

Prolog 2008

 

Emma, 13 Jahre

 

»So was wie Liebe gibt es nicht. Du kannst jemanden gernhaben, du kannst mit jemandem Spaß haben und du kannst verletzt werden, wenn du dein Herz nicht schützt«, sage ich schulterzuckend.

Summer schüttelt ihren Kopf und streichelt mir liebevoll über meine Schulter.

»Nein, sag so etwas nicht. Liebe gibt es und vor ihr kannst du dich nicht schützen. Manchmal tut Liebe weh, aber sie ist das Schönste, das es gibt. Liebe kann dich beflügeln, sie kann dich tanzen lassen und sie sorgt dafür, dass du dich lebendig fühlst. Sie ist so wie die Schokostreusel auf dem Vanilleeis, verstehst du Emma?«

Natürlich verstehe ich, was Summer mir erklären will, doch ich schüttle demonstrativ meinen Kopf.

»Sieh dir Mum einmal an. Sieh, was die Liebe aus ihr gemacht hat. Oder Dad, er ist einfach abgehauen. Wenn das Liebe ist, dann will ich mein Eis ohne Streusel.« Nachdenklich atme ich tief ein und wieder aus.

»Nicht die Liebe ist schuld, das musst du mir glauben. Du findest eines Tages deinen Prinzen. Er wird dich verzaubern und dir helfen, wieder an die Liebe zu glauben. Mit ihm werden die grauen Tage viel bunter, es wird dir Spaß machen, mit deinem Prinzen im Regen zu tanzen und du wirst keine Angst haben, wenn du dich traust, zu fühlen«, versichert Summer ein weiteres Mal und reicht mir ein Eis mit Schokostreuseln, das sie hinter ihrem Rücken hervorgeholt hat.

»Bis dahin verwöhne ich dich mit so viel Eis und Streuseln, dass du mir endlich glauben wirst, dass es für jedes Mädchen einen Prinzen gibt!«

Kapitel 1

 

Emma – 2021

 

 »Denkst du wirklich, dass du die Richtige für den Job bist?«, zweifelnd betrachtet mich Sophia, zieht dabei ihre Stirn in Falten und drückt sich von der Küchenanrichte ab. Meine jüngere Schwester muss immer in Bewegung sein, vor allem dann, wenn sie diskutiert. Dabei nutzt sie am liebsten Hände und Füße, um ihr Gegenüber zu überzeugen. Doch mit ihren Überzeugungsversuchen beißt sie bei mir auf Granit. Ich weiß sehr genau, was ich will und was eben nicht.

»Warum denn nicht? Jill braucht jemanden, der ihr in der Agentur unter die Arme greift, und ich, ich brauche einen gut bezahlten Job, bis ich etwas in einer Anwaltskanzlei gefunden habe.«

»Aber Emma, du bist nicht gerade romantisch angehaucht«, versucht Sophia zu erklären und wird bei meinem skeptischen Blick jedoch sofort zurückhaltender. »Ich meine nur, du glaubst doch nicht an die Liebe, an die Ehe und all die Sachen«, stellt sie fest und mustert mich anschließend unsicher. »Oder?«, fragt sie und versucht, doch einen kleinen Hauch Romantik in mir zu finden.

Kopfschüttelnd verneine ich ihre Frage.

»Nein, ich glaube nicht an das Konzept der Liebe. Sie ist einfach eine kluge Erfindung der Natur. Ein Schachzug, um das Überleben unserer Spezies zu sichern, aber es kann ja nicht schaden, in das Business des Heiratsmarktes hineinzuschnuppern.«

Ich ziehe einen Haargummi aus der Tasche meiner Sportleggings und binde damit meine langen blonden Haare zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen. Für mich die perfekte Frisur für eine ausgedehnte Laufrunde an diesem warmen Sommerabend.

»Wobei kann es nicht schaden?«, fragt Sophia neugierig und nippt an ihrem Wasserglas, während sie mich keine Sekunde aus den Augen lässt.

»Na ja, dann habe ich eben gleich Kontakt zur Kundschaft von morgen. Von irgendetwas müssen Scheidungsanwälte schließlich auch leben«, sage ich locker. Sophia verschluckt sich an ihrem Wasser und muss wild loshusten. Entsetzt betrachtet sie mich mit ihren dunklen Augen und wirkt, als hätte ich ihr gerade die Beichte des Jahres unter die Nase gerieben. Es tut mir ja leid, wenn ich sie enttäuschen muss und keine Romantikerin bin so wie sie selbst. Der Liebe habe ich vor Jahren abgeschworen. So lebt es sich einfacher. Ich weiß, woran ich bin und kann dadurch nicht verletzt werden.

»Sag mir, dass du nicht so denkst! Bitte nimm mir nicht den letzten Glauben daran, dass sich ein kleiner Teil in dir nach der wahren Liebe sehnt«, bittet Sophia fast flehend.

Theatralisch verdrehe ich meine Augen und muss ein Kichern unterdrücken, weil Sophia immer noch husten muss.

»Ich will dich wirklich nur ungern enttäuschen, aber ich denke eben nicht, dass es diese wahre Liebe, diese Seelenverwandtschaft, wirklich gibt.«

Sophia schüttelt ihren Kopf und seufzt auf.

»Ich denke, es gibt nette Begegnungen, es gibt Spaß und es gibt Freunde, aber ich denke nicht, dass diese eine Person existiert, die dein Seelenverwandter ist.«

Völlig ungläubig betrachtet mich Sophia mit einem skeptischen Blick.

»Summer hat auch ihr großes Glück mit Alexander gefunden«, protestiert sie. »Gerade Summer sollte doch der beste Beweis dafür sein, dass es die wahre Liebe gibt. Die beiden sind so glücklich zusammen, ihre Hochzeit war märchenhaft und Alexander vergöttert sie«, schwärmt Sophia vom Glück unserer ältesten Schwester und will immer noch nicht aufgeben.

»Ja, Summer hat Glück und ich freue mich für sie. Vielleicht ist Summer die Ausnahme. Ich wünsche es ihr und du wirst auch noch dein Glück finden – und ich, ich bin gar nicht auf der Suche nach Mr Right«, stelle ich schulterzuckend und mit einem neckischen Grinsen fest.

Ich gehe Richtung Vorraum und schlüpfe dort in meine Turnschuhe. Natürlich habe ich es mir gut überlegt und ich weiß, dass es bestimmt Bessere als mich für diesen Job geben könnte. Aber Jill braucht eben dringend jemanden in ihrer Hochzeitsagentur. Eine ihrer Mitarbeiterinnen ist kurzfristig ausgefallen und da komme ich ins Spiel. Denn ich brauche einen Job, bis ich eine freie Stelle in einer Anwaltskanzlei gefunden habe. Eine so schlechte Wahl bin ich außerdem gar nicht, rechtfertige ich mich selbst. Ich bin gut darin, Dinge zu organisieren, ich kann überzeugend sein, ich finde Lösungen und ich bin kreativ, und nur weil ich der Liebe abgeschworen habe, heißt das ja noch lange nicht, dass ich das romantische Konzept der Liebe und all die teuren Dinge, die eine Hochzeit erst zu einer Traumhochzeit machen, nicht an den Mann – in diesem Fall an die zukünftige Braut – bringen kann.

Ich spüre Sophias Blick auf mir, während ich mir meine Schnürsenkel binde und mich schließlich wieder aufrichte.

»Sophia, ich werde meinen Job großartig machen, und keine Sorge, ich werde keiner zukünftigen Braut meine Meinung einimpfen und schon gar nicht eine Hochzeit crashen«, sage ich scherzend. »Und zu mir, ich bin nicht auf der Suche nach einer Kröte, die ich küssen kann und die sich in einen Prinzen verwandelt, ich bin sehr zufrieden so, wie es ist.«

Ich küsse Sophia auf ihre Wange und bin kurz davor zu gehen, als mich Sophias Räuspern noch einmal stoppen lässt.

»Ähm, Emma, es war nicht die Kröte, es war ein Frosch!«

»Was meinst du?«, frage ich irritiert und lasse die Türklinke noch einmal los, um mich zu ihr umzudrehen.

»Na, im Märchen, es war ein Frosch, der sich in einen Prinzen verwandelt hat, keine Kröte, außerdem wurde er nicht geküsst, sondern gegen eine Wand geklatscht und hat sich dann in einen Prinzen verwandelt, das solltest du vielleicht wissen«, meint Sophia und betrachtet mich mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid. Ihre Augenbrauen wandern dabei ein Stück nach oben und kleine Sorgenfalten bilden sich auf ihrer hübschen Stirn.

»Na gut, dann eben der Frosch. Sophia, es ist alles gut. Ich bekomme das schon hin und wenn es sein muss, zieh ich mir am Wochenende jede Menge schnulzige Komödie mit dir rein, bis du dir ganz sicher bist, dass ich es nicht vermasseln werde.«

»Auch meinen Lieblingsfilm?« Hoffnungsvoll betrachtet mich Sophia, bis ich schließlich bejahend nicke.

»Ja, auch den, versprochen. Bis später und lern du jetzt noch fleißig für deine Prüfung, bevor du dir dein hübsches Köpfchen meinetwegen zerbrichst. Heute Abend werden wir ausgehen und Spaß haben.«

 

***

 

Damit laufe ich die Stockwerke unseres Wohnhauses hinunter, anstatt den Lift zu nehmen. Vor dem Haus biege ich in die 60. Avenue ein und laufe Richtung eines kleinen Parks, der nicht weit von der Universität entfernt liegt. Hier habe auch ich Jura studiert, bis ich vor zwei Monaten mein Studium erfolgreich abgeschlossen habe. Seitdem bin ich auf der Suche nach einer passenden Kanzlei, in der ich arbeiten kann. Alexander, Summers Ehemann, hat mir eine Stelle in seinem Imperium angeboten, doch ich möchte Privates und Geschäftliches strikt voneinander trennen. Da bin ich sehr konsequent und möchte keine Ausnahme machen. Ich will den Leuten beweisen, dass ich wirklich etwas draufhabe und nicht wegen irgendwelcher Verbindungen einen Job als Anwältin bekommen. Bei Jill ist es etwas anderes, auch wenn sie meine Freundin ist. In ihrer Wedding-Planner-Agentur werde ich nur so lange aushelfen, bis ich einen anderen Job bekommen habe. Außerdem hat mir Summer all die Jahre schon genug geholfen. Sie war mein sicherer Hafen, mein Anker und meine engste Vertraute neben Sophia. Sie kümmerte sich um mich und meine Schwester, weil unsere Mutter es selbst nicht schaffte. Nicht schaffte – weil für sie Drogen, Alkohol und Männer stets an erster Stelle standen. Für meine Mutter waren meine Schwestern und ich viel mehr eine Last als eine Freude. Mütterliche Gefühle waren ihr fremd. Leider kann ich mich kaum an eine Zeit erinnern, in der Mum nicht dem Alkohol verfallen war. So weit meine Erinnerungen zurückreichen, war meine Kindheit vom Alkoholkonsum meiner Mutter geprägt. Meinen eigenen Vater kenne ich nicht. Ich weiß kaum etwas über ihn. Er soll irgendwo hier in dieser riesigen Stadt leben und noch vor meiner Geburt das Weite gesucht haben, genauso wie die Väter von Sophia und Summer. Keine von uns kennt ihren leiblichen Vater, es gab immer nur uns drei. Wenn ich nicht einmal für meinen eigenen Vater wichtig genug war, dass er blieb oder mich zumindest kennenlernen wollte, warum sollte ich dann für irgendeinen anderen Mann einen so hohen Stellenwert erhalten? Die Enttäuschung darüber, dass es so ist, wie ich vermute, kann ich mir getrost ersparen. Und Enttäuschungen habe ich in meiner Kindheit schon genug erlebt. Ich weiß eben wie die meisten Männer ticken. Dank meiner Mutter und ihrem Männerverschleiß habe ich unzählige Exemplare kennengelernt. Ich durfte ihnen dabei in allen ihren schrecklichen Facetten begegnen. Da gibt es die Typen, die gleich von Anfang an ihr grausames Gesicht zeigen. Diese Sorte versucht nicht einmal sich zu verstellen. Hier wirst du für jeden falschen Blick sofort bestraft. Du hast Angst, etwas falsch zu machen, weil du weißt, was dich erwarten wird. Dafür schmieren sie dir keinen Honig ums Maul und du wirst weniger enttäuscht als bei der zweiten Sorte. Die zweite und schlimmste Sorte aber sind die, die alle täuschen, weil sie so tun, als wären sie tatsächlich welche von den Guten. Sie sind am Anfang zuckersüß, sie wirken nett und freundlich. Du vertraust ihnen, beginnst sie zu mögen und sie in dein Leben zu lassen. Die Enttäuschung ist hier noch viel schlimmer, wenn sie schließlich ihr wahres Gesicht zeigen, und das werden sie. Das tun sie alle. Irgendwann zeigen sie, wer sie wirklich sind, egal wie nett und freundlich sie wirkten. Es geht rau her bei Männern dieser Sorte. Schläge und Erniedrigungen stehen bei ihnen an der Tagesordnung. Am widerlichsten sind die, die nicht einmal vor Kindern haltmachen. Die, die sich nachts in dein Bett schleichen. Beim Gedanken daran überfällt meinen Körper Jahre später noch immer eine Gänsehaut. Zum Glück war Summer damals da und hat mich vor diesem Schwein gerettet, noch bevor er seine schmutzigen Hände an mich legen konnte. Sie zwang Mum, ihn vor die Tür zu setzten, ansonsten hätte sie die Polizei gerufen. Das Gute an solch einer Kindheit ist, dass man abstumpft. Dinge verlieren an Bedeutung und man wird härter. Das ist einer der Gründe, warum ich mich seit Jahren mit One-Night-Stands und lockeren Treffen begnüge. Wenn ich keinen Mann an mich heranlasse, kann er mich erst gar nicht in die Enttäuschung stürzen. Mein Weg ist nicht für alle nachvollziehbar und das muss er auch gar nicht sein. Ich bin zufrieden so, wie es ist. Ich habe meine Schwestern und meine beste Freundin Jill, das reicht mir, um glücklich zu sein.

Ich schüttle die Gedanken an früher ab, konzentriere mich auf die Musik aus meinen Ohrstöpseln und erfreue mich an der schönen Umgebung. Wenn ich durch den Park laufe, habe ich manchmal das Gefühl, ich würde irgendwo auf dem Land leben. In meiner Fantasie beame ich mich an einen fernen Ort. Ich sehe Berge, den Strand, das Meer und ich spüre die Freiheit. Das Wetter ist traumhaft schön, die Luft ist warm, aber nicht unerträglich heiß, wie es oft sonst im Juni schon der Fall sein kann.

Doch plötzlich überkommt mich ein eigenartiges Gefühl. Ich drehe mich um und blicke in alle Richtungen. Ich habe den Eindruck, irgendjemand würde mich beobachten, so als hätte ich einen Schatten, der mich verfolgt. Dieses Gefühl hatte ich in der letzten Zeit öfter, doch immer, wenn ich mich umdrehe, ist da niemand. Manchmal glaube ich, ich bilde mir das Ganze nur ein. Dazu kommen die anonymen Anrufe, die selbst dann nicht endeten, als ich meine Telefonnummer wechselte. Wer auch immer versucht, mich zu verunsichern, muss auch derjenige sein, der meine aktuelle Nummer herausgefunden hat. Das Ganze ist ziemlich unheimlich, aber ich werde mich davon bestimmt nicht unterkriegen lassen. Ich habe schon genug in meinem Leben erlebt. Wer auch immer mich fertig machen will, kennt meine wahre Stärke nicht.

Das Laufen tut mir gut und bringt mich auf andere Gedanken. Vorbei an dem kleinen See, den Bänken und den Tischen, an denen sich die ältere Generation zum täglichen Stelldichein trifft, laufe ich weiter Richtung Spielplatz, von dem mir lautes Kinderlachen entgegenkommt. Ich biege bei der kleinen Gabelung ab und laufe zurück in Richtung unserer Wohnung.

Kurz vor der Straßenkreuzung ziehe ich mein Handy aus meiner Hosentasche und stelle eine Playlist für die restliche Strecke ein. Musik war es immer schon, die mich motivierte und mich dazu brachte, über meine Grenzen hinauszuwachsen.

 

Ich vergewissere mich, dass die Ampel grün ist, laufe los und stecke mein Handy in meine Hosentasche zurück.

Plötzlich geht alles ganz schnell. Ich hebe meinen Blick wieder, sehe einen Truck, der versucht, vor mir zu bremsen. Ich höre die quietschenden Reifen des Fahrzeugs, das eine Vollbremsung hinlegt, und fühle mich wie erstarrt, nicht fähig, mich von der Stelle zu bewegen. Es sind nur Millisekunden, doch plötzlich packt mich jemand ruckartig von hinten und zieht mich blitzschnell auf den Gehweg zurück. Der Truck vor mir bleibt erst auf dem Zebrastreifen stehen, und ich weiß, hätte mich, wer auch immer, nicht gerade von hier weggezogen, dann wäre … doch ich kann meinen Gedanken gar nicht zu Ende denken, als eine dunkle Stimme von hinten in mein Ohr dringt.

»Alles in Ordnung?«, kommt es nun endlich bei mir an, doch ich bin immer noch nicht fähig zu antworten und das liegt nicht vorrangig an dem Schock über das, was gerade eben fast passiert wäre. Die Stimme meines Retters beschert mir eine Gänsehaut, die meinen ganzen Körper entlangwandert. Mechanisch drehe ich mich um und muss dann zum ersten Mal in meinem Leben schwer schlucken, weil mein Herz plötzlich in einer Geschwindigkeit schlägt, die mir den Atem raubt.

Wunderschöne dunkelblaue Augen mustern mich eindringlich. Augen in einem Blau, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe. Er hat ein wunderschönes Gesicht, dunkelbraune Haare und einen dunklen Dreitagebart.

»Alles in Ordnung?«, möchte der Mann erneut wissen und lässt seine Hand wieder von meiner Schulter gleiten, während sein Blick keine Sekunde von mir abschweift.

»Danke«, bringe ich gerade so heraus und räuspere mich, um meiner Stimme mehr Kraft einzuhauchen.

»Ich war wohl genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort«, sagt er völlig selbstlos und steigt auf meiner imaginären Treppe unwillkürlich mindestens noch zwei Stufen höher. Verstand an Herz – Männer gibt es nur für ein paar schöne nette Stunden, erinnere ich mich und reiße meinen Blick von seinen faszinierenden, blauen Augen los.

»Danke noch mal«, wiederhole ich mich und versuche, die Fassung über meinen Körper zurückzubekommen.

Das hektische Treiben New Yorks setzt wieder ein, Menschenmassen strömen über die Straße, schieben und drücken uns beiseite. Der Fremde und ich behindern immer noch den halben Gehweg. Der Truckfahrer ist bereits davongedüst und hat sich aus dem Staub gemacht. Doch ich fühle mich immer noch vollkommen überrumpelt und unsicher wie noch nie zuvor in meinem Leben.

»Also«, beginne ich und deute Richtung Straßenübergang. »Ich muss dann nach Hause, danke noch mal für meine Rettung«, sage ich und setze zum Gehen an, als er mich an meiner Hand daran hindert.

Ich lasse meinen Blick erneut an ihm auf- und abwandern. Der unbekannte Retter trägt einen dunkelblauen Anzug und sieht aus wie ein Geschäftsmann, der hier gerade einen Termin hatte. Er dürfte eine Spur älter sein als ich. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig. Doch was meinen Hormonen gerade so zusetzt, ist die Tatsache, dass er verdammt attraktiv ist. Ich spüre, wie meine Wangen zu glühen beginnen.

Was ist das für eine schräge Begegnung?

»Erfahre ich noch deinen Namen?«, möchte er wissen, nachdem er wieder von mir abgelassen hat.

Seine Augen beginnen zu strahlen und ein neckisches Grinsen legt sich auf seine schönen Lippen.

»Meinen Namen – ja, ich, ich bin Emma«, sage ich und strecke ihm meine Hand entgegen.

»Luke«, sagt er mit seiner dunklen männlichen Stimme, die erneut dafür sorgt, dass eine Gänsehaut meinen Körper überfällt.

Es fühlt sich fast wie ein elektrischer Blitz an, der meinen ganzen Körper durchzuckt, als sich unsere Hände berühren. So ein eigenartiges Gefühl hatte ich noch nie – und so ein Gefühl will ich definitiv nicht spüren.

»Also, ich muss weiter«, sage ich hastig, löse meine Hand aus unserer Berührung und laufe los.

Ich laufe und laufe, versuche, nicht nachzudenken und mich auf keine Fall nach ihm umzudrehen.

Kapitel 2

 

Emma

 

»Alles klar?«, möchte Sophia wissen, nachdem ich gerade eben fast einen halben Liter Wasser getrunken und danach einen tiefen Atemzug genommen habe.

Stumm nicke ich und versuche, mir nichts anmerken zu lassen über das, was gerade eben passiert ist. Eine so eigenartige Begegnung hatte ich in meinen ganzen fünfundzwanzig Lebensjahren noch nicht. Da war etwas zwischen uns, etwas, das ich ganz sicher nicht spüren möchte. Das ich nicht spüren will, weil es plötzlich viel zu viel in mir regte. Ein unheimliches Gefühl, das in meiner Magengrube endete. Fast wie ein Kribbeln, das da spürbar war und noch immer spürbar ist. Bestimmt liegt das an dem Schock, weil mir mein Leben in der allerletzten Sekunde gerettet wurde. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir. Es lag definitiv an dem Schock

Ja, das war definitiv der Grund, beruhige ich mich und erkläre mir alles mit einem Ausstoß an Adrenalin, das durch meinen Körper geschossen ist. Davon habe ich doch schon oft gehört. Menschen, die unter Schock stehen, können schon einmal weiche Knie bekommen. Natürlich könnte man das auch als Schmetterlinge im Bauch erklären und dieser Unbekannte hatte wirklich schöne Augen …

»Emma?«, fragt Sophia erneut und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich schüttle meinen Kopf, so als wolle ich meine Gedanken wieder ordnen, und lächle schließlich, um mir nichts anmerken zu lassen.

»Ja, doch, alles in Ordnung. Ich hatte gerade eben nur echt verdammtes Glück.«

»Was ist denn passiert?«, möchte sie wissen und lehnt sich an der Küchenanrichte neben mich.

»Ein Truckfahrer hat die rote Ampel nicht gesehen und erst in letzter Sekunde gebremst. Ich hatte echt Glück, es hat nicht viel gefehlt und ich wäre über den Haufen gefahren worden. Da war ein Mann und er hat mich vor dem Truck gerettet,« erzähle ich kopfschüttelnd.

Sophias Blick ist voller Besorgnis. »Weißt du, wie froh ich bin, dass es dir gut geht?« Sophia schlingt ihre Arme um mich und zieht mich in eine enge Umarmung. »Ich habe dich lieb«, schnieft sie und löst sich erst nach gefühlt zehn Minuten wieder von mir.

»Ich habe dich auch lieb, Sophia«, versichere ich und streichle liebevoll über ihren Rücken »Und jetzt denken wir nicht mehr daran. Ich werde noch schnell unter die Dusche hüpfen, in einer Stunde müssen wir los, um rechtzeitig bei Alexanders Party zu sein.«

»Ach, und Emma«, stoppt mich Sophia, bevor ich ins Badezimmer gehen möchte.

»Ja?«

»Sieh mal, die Blumen hier wurden für dich abgegeben.« Sophia deutet auf einen Strauß Rosen, der im Wohnzimmer in einer Vase steht.

»Von wem die wohl sind?« Neugierig mustere ich die Blumen und ziehe eine Karte aus dem Strauß heraus. In letzter Zeit bekomme ich häufig kleine Aufmerksamkeiten, ohne dass sich der Absender zu erkennen gibt.

 

Ich denke jede Minute an dich, ich kann nicht genug von dir bekommen. Du fragst dich sicher, von wem die Blumen sind, ich bin dir schon so lange nah und ich wünschte, du würdest meine Liebe erwidern!

Dein Mister Unbekannt

 

»Und, von welchem deiner Verehrer ist die Karte? Spann mich nicht so auf die Folter!«, beschwert sich Sophia und stupst mir in meine Rippen.

»Sei nicht so neugierig, Schwesterherz. Die Rosen sind nur von einem Freund«, sage ich augenverdrehend und stecke die Karte wieder zurück.

Nicht der erste Versuch eines One-Night-Stands, mich zu mehr zu überreden. Doch da bleibe ich meiner eigenen Regel treu, egal von wem die Karte auch immer ist.

»Das spielt doch sowieso keine Rolle, du kennst meine Regeln«, sage ich schulterzuckend und lasse Sophia samt den Blumen im Wohnzimmer allein zurück, um ins Badezimmer zu gehen.

 

Nachdem ich die letzten Monate jeden Abend im Sky Seasons, einer Bar, als Aushilfe gejobbt habe, bin ich froh, am Montag in Jills Agentur zu starten. Sie hat mich diese Woche schon geschult und mit allem Wesentlichen vertraut gemacht. Dank ihrer genauen Einarbeitung bin ich sicher, für Montag gut vorbereitet zu sein – da kann mich nichts mehr aus dem Konzept bringen.

Ich drehe das Wasser in der Dusche auf, steige zuerst mit einem Zeh und schließlich mit meinem ganzen Körper darunter, lasse das warme Wasser auf meine langen blonden Haare treffen und schließe meine Augen. Für einen kurzen Moment lasse ich meiner Fantasie freien Lauf, als ein Bild von diesem Luke auftaucht. Der ominöse Mann, mein Retter von heute, spukt mir erneut im Kopf herum. Seine blauen Augen, die je nach Lichteinfall und Mimik dunkler oder heller wirkten und dann noch seine sinnlichen Lippen. All das sorgt dafür, dass mein Herz einen weiteren Takt schneller klopft.

Was ist nur los mit mir?, frage ich mich, als mein Handy im Badezimmer piepst und mich aus meinen Gedanken holt.

Reiß dich zusammen, Emma, sage ich zu mir und verbiete mir jeglichen Gedanken an ihn.

Ich wasche meine Haare und wickle anschließend ein Handtuch um meinen Kopf. Von draußen dringen Wortfetzen von unserem Mitbewohner und wahrscheinlich einer seiner Bekanntschaften zu mir ins Badezimmer herein. Ich schlüpfe in meinen Bademantel und entriegle mein Handydisplay, um die Nachricht zu lesen.

 

Nachricht:

von: Adrian

an: Emma

Hallo schöne Frau, ich habe lange nichts mehr von dir gehört. Was hältst du von einem Kinobesuch morgen Abend?

Adrian

 

Nachricht:

von: Emma

an: Adrian

Kino klingt gut, such einen Film raus. Ich bin dabei! XO Emma

 

Adrian – das klingt nach einem schönen und bestimmt aufregenden Abend und ein bisschen Spaß ist ganz sicher nicht verkehrt. Für einen lockeren Abend ist Adrian genau der Richtige. Wir kennen uns seit dem Studium und ihm liegt es mindestens genauso wie mir, Gefühle und Vergnügen voneinander zu trennen. Das hat er in der letzten Zeit vorbildlich gezeigt. Wir hatten im letzten Jahr ein paar Treffen, die über die normale Freundschaftslinie hinaus gingen, und doch sind wir zu meinem Glück weiterhin gute Freunde. Gute Freunde, die dem jeweils anderen angenehme Dienste erweisen. Eine lockere Affäre, wenn man es so nennen will, und eine Affäre ist immer besser als eine richtige Beziehung. Vor allem, weil sie unverbindlich ist und auf nichts hinauslaufen wird.

Ich style meine blonden Haare und trage Make-up auf. Für den heutigen Abend im Club darf es auch etwas mehr sein. Meine dunklen Augen betone ich mit einem Lidschatten und meinen Wangenknochen verleihe ich etwas Glanz. Nachdem mein Make-up sitzt, schlüpfe ich in mein Lieblingskleid und bin bereit für den heutigen Abend. Die ganze Woche freue ich mich schon auf die Party und vor allem darauf, meine Schwester und meine Freundin Jill wiederzusehen. Sie alle sind beruflich sehr eingespannt und ich bekomme sie weniger zu Gesicht. Summer und Alexander waren jetzt längere Zeit mit einem Wohnmobil ganz unkonventionell unterwegs. Die beiden haben die innige Zweisamkeit sehr genossen und ich bin gespannt auf die Geschichten, die sie zu erzählen haben werden. Obwohl Alexander zu den wohlhabendsten Menschen in Amerika gehört, ist er so bodenständig geblieben.

Noch einmal drehe ich mich vor dem Spiegel und bin ganz zufrieden mit meinem Erscheinungsbild. Ich freue mich wirklich sehr auf den Abend mit meinen Schwestern und kann es kaum erwarten, wieder einmal auszugehen.

 

***

 

Die Party ist bereits in vollem Gange, als Sophia und ich eintreffen. Vor dem Club hat sich eine große Schlange gebildet, in der die Feierwütigen auf ihren Einlass warten. Immer dann, wenn die Türen des Clubs aufgehen, dringt uns laute stimmungsvolle Musik entgegen. Es ist ein lauer Sommerabend, einer, an dem du das Gefühl hast, es pulsiert vor Leben in der Stadt, die niemals schläft. Von einem der Security-Mitarbeiter werden wir an der Menschenmenge vorbeigelassen und sofort in den Club geführt.

Drinnen ist die Stimmung bereits auf ihrem Höhepunkt. Vor allem Freunde und Geschäftspartner von Alexander und Summer sind eingeladen, um den Abend ordentlich zu feiern.

Nachdem wir den Club betreten haben, sehe ich sofort Summer, die strahlend auf uns zukommt. Summer, Sophia und ich – wir waren immer schon ein Dream-Team und ich könnte mir ein Leben ohne meine Schwestern nicht vorstellen.

»Summer, schön dich zu sehen«, sage ich und schließe meine ältere Schwester in meine Arme.

Ich drücke mich liebevoll an Summer, wobei mich ihre blonden Locken an meiner Nase kitzeln und ich atme ihren ganz besonderen Duft ein.

»Du siehst toll aus«, stelle ich pfeifend fest, als ich mich wieder von ihr gelöst habe.

Summer trägt ein Kleid, das mit goldenen Pailletten bestickt ist und ihren Rücken frei lässt. Ihre wunderschönen Locken fallen darüber und ihr glückliches Strahlen lässt auch mein Herz hüpfen. Nichts stimmt mich glücklicher, als meine Schwestern glücklich zu sehen. Vor allem Summer hat es mehr als verdient. Sie hat sich damals um uns gekümmert und so etwas wie die Mutterrolle für Sophia und mich übernommen. Wenn Summer nicht für uns da gewesen wäre, dann wüsste ich nicht, was aus uns geworden wäre. Summer war es, die uns das Gute zeigte, die uns Liebe erfahrbar machte und die dafür sorgte, dass wir genug lernten, etwas Ordentliches zu essen hatten und das Gefühl von Familie spürten. Lange war mir nicht bewusst, was Summer alles für uns aufgab. Ihre Schulbildung, eine ordentliche Ausbildung und ein eigenes Leben. Sie kümmerte sich um uns, arbeitete jahrelang als Escort-Dame und lebte am Existenzminimum, nur um uns ein besseres Leben zu bieten.

Doch dann meinte es das Schicksal gut mit ihr. Sie und Alexander fanden nach Jahren der Trennung wieder zusammen. Er rettete sie und gab ihr all die Möglichkeiten, die sie sich immer erträumt hatte.

»Alexander schmeißt wirklich die besten Partys«, sage ich anerkennend, nachdem sich auch Sophia und Summer begrüßt haben, und lasse meinen Blick begeistert im Raum umherwandern.

Die Location könnte stylischer nicht sein. Der ganze Club ist in einem edlen Goldton gehalten, dessen Farben sich in allen Bereichen widerspiegeln. Angefangen von der Tischdekoration, über die Wandgestaltung bis zu den goldenen Schirmchen, mit denen die Cocktails optisch verschönert werden.

»Das liegt ihm wirklich«, sagt Summer schmunzelnd.

»Oh mein Gott«, entkommt es Sophia kreischend. »Ist das nicht Tyler Gerrit, der DJ schlechthin?«

»Ja, das ist Tyler, er ist ein Freund von Alexander«, bestätigt Summer, worauf Sophias Augen noch größer werden.

»Nein, im Ernst? Alexander kennt Tyler Gerrit?« Völlig baff blickt Sophia erneut zur Bühne. Summer und ich können unser Schmunzeln nicht zurückhalten.

»Ich kann dir gerne später ein Treffen mit ihm organisieren«, schlägt Summer vor.

»Summer, du bist die Beste. Ich möchte ihn unbedingt treffen, ich bin ein Riesenfan«, kreischt Sophia erneut aufgeregt und wirbelt Summer in eine freudige Umarmung.

Genau dafür liebe ich die beiden – Summer, die versucht, andere glücklich zu machen, und dafür immer schon so selbstlos war, und Sophia, die mit ihren dreiundzwanzig Jahren ihr Herz auf ihrer Zunge trägt und vor lauter Lebensfreude sprudelt.

»Hallo ihr beiden«, begrüßt uns Alexander freundlich und legt seinen Arm liebevoll um Summer.

Es ist so schön zu sehen, wie verliebt die beiden auch ein Jahr nach ihrer Hochzeit immer noch sind.

»Wir sehen uns dann später noch, wir sollten uns noch ein bisschen um die anderen Gäste kümmern«, schlägt Summer vor, nachdem uns die beiden kurz von ihrem Abenteuer erzählt haben. Die Reise muss laut Summer richtig toll gewesen sein. Mit dem Wohnwagen sind sie die gesamte Küste abgefahren und haben einsame Strände nur für sich allein genossen.

»Und wir erkunden jetzt mal diesen großartigen Club«, werfe ich ein und schnappe mir Sophia.

Neben einem großen Bereich zum Tanzen gibt es einige Stehtische, eine Bar, die sich über den gesamten Club erstreckt und die Bühne, auf der der DJ sein Können zum Besten gibt. Eine Tatsache, aufgrund der ich Sophia heute bestimmt nicht mehr weit von der Bühne wegbekommen werde. Beschwingt bewegt sie sich zur Musik, hat zu ihrer Verstärkung nun Lola, Alexanders Schwester, an ihrer Seite, die mindestens genauso sehr für den DJ schwärmt wie meine jüngere Schwester.

Neben Summer, Alexander, Sophia und Lola, kann ich nun endlich meine beste Freundin Jill erkennen, die schnurstracks auf mich zumarschiert und mich mit einem Kuss auf meine Wange begrüßt.

Jill hat Feuer und dafür liebe ich sie. Sie ist seit acht Jahren an meiner Seite. Mit Jill habe ich mehr erlebt, als ich meinen Schwestern erzählen kann. Sie kennt mich in- und auswendig. Sie kennt meinen Hang zu One-Night-Stands genauso gut, wie meine innerliche Angst vor Nähe. Sie ist das komplette Gegenteil von mir und das nicht nur optisch. Durch ihre lateinamerikanischen Wurzeln hat sie wunderschöne dunkle Augen und dunkelbraune Haare. Sie glaubt an die Liebe, an die Ehe und an das Glück, das zwei Menschen zusammen finden können. Nicht umsonst ist sie stolze Besitzerin eines Wedding-Planner-Büros und organisiert die schönsten Hochzeiten. Mit ihren sechsundzwanzig Jahren ist sie so organisiert, wie es manche mit über dreißig noch nicht schaffen würden zu sein, und sie kennt alle Tricks, um aus einer Hochzeit eine Traumhochzeit zu machen. Sie hat auch Summers und Alexanders Hochzeit, die richtig märchenhaft war, organisiert.

Jill weiß, dass ich nicht an die Liebe glaube. Dennoch weiß sie meint Talent, Dinge zu organisieren, zu schätzen. Eine Fähigkeit, die in ihrem Business benötigt wird. Sie brauchte dringend jemand, der ihr unter die Arme greift, bis sie eine zusätzliche Assistentin gefunden hat.

»Du siehst toll aus, Emma!«, stellt sie fest und blickt an mir auf und ab.

»Und du erst«, sage ich lachend und drücke ihr noch einen Kuss auf ihre Wange.

»Na ja, wenn man schon einmal zu einer Party wie dieser eingeladen wird, dann muss man sich doch ein bisschen in Schale werfen«, meint Jill lächelnd.

»Lass uns tanzen«, schlage ich vor und ziehe Jill mit mir mit.

Die Tanzfläche ist gut gefüllt und die lockere Stimmung ist spürbar. Das Gefühl und der Beat springen sofort über. Der DJ ist begnadet, er wählt genau die richtigen Lieder, die uns beide in Tanzstimmung bringen. Mit Jill ist es einfach, wir verstehen uns blind und sie gehört neben meinen Schwestern zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Jill und ich tanzen ausgelassen zusammen. Wir bewegen uns zum Rhythmus der Musik und singen viel zu laut mit – genau so, wie ein toller Abend unter Freunden sein soll. Wir lassen unsere Körper vom Beat der Musik übernehmen, ich spüre, wie Lust in meinem Körper überschwappt. Ein Gefühl, sich richtig lebendig zu fühlen, und genauso ausgelassen tanzen wir zusammen. Diese Energie, dieses Pulsieren, die Menschenmenge, die feiert und happy ist, waren immer schon ansteckend, und ich liebe es. Ich liebe dieses Gefühl, wenn dieser Funke auf einen überspringt und man Teil dieses Ganzen wird. Dann gelingt es mir, für einen Moment alles rund um mich zu vergessen und ganz in das Leben einzutauchen.

 

»Ich brauche dringend mal eine Pause«, meint Jill nach unserem Tanz-Workout und wischt sich den imaginären Schweiß von ihrer Stirn. Eine Pause könnte wirklich nicht schaden und ich sehne mich nach einem guten Getränk.

»Gut, da bin ich dabei und gegen einen weiteren Cocktail habe ich auch nichts einzuwenden. Du musst mir außerdem unbedingt noch von deinem geheimen Lover erzählen.« Herausfordernd zucke ich mit meinen Augenbrauen und lächle neckisch.

»Emma, er ist nicht mein Lover.«

Wieder grinse ich und zucke mit meinen Schultern. »Na ja, er könnte aber dein Lover werden.«

»Im Ernst, er ist süß und mehr weiß ich noch nicht von ihm«, sagt Jill schulterzuckend.

»Ernsthaft?«, echauffiere ich mich gespielt und verdrehe theatralisch meine Augen. »Ehrlich, sprich ihn an, du hast nichts zu verlieren.«

»Nein, nein, das auf keinen Fall, aber du kennst mich. Mir liegt es, anderen ihren schönsten Tag im Leben zu bescheren, aber was mich angeht, bin ich wohl einfach zu schüchtern, und dabei glaube ich sehr wohl an die wahre Liebe«, verteidigt sich Jill und nippt an ihrem Cocktail. »Und außerdem«, sagt sie amüsiert »habe ich meine Unschuld zu verlieren.«

Das ist ein alter Hut zwischen uns. Jill ist mit ihren sechsundzwanzig Jahren immer noch Jungfrau und sie würde die Sache gerne hinter sich bringen. Doch jedes Mal, wenn sie einen Typen trifft, hat sie etwas an ihm auszusetzen. Sie ist wohl auf der Suche nach einem Prinzen, den es im echten Leben aber einfach nicht gibt. Es gibt keinen Kerl ohne Macken und damit muss man sich abfinden. Ab dem Zeitpunkt der Akzeptanz lebt es sich wahrlich einfacher.

Als es bereits nach Mitternacht ist, und Jill und ich mittlerweile aufgehört haben unsere Cocktails zu zählen, tippt mir plötzlich jemand auf meine Schulter.

Zuerst reagiere ich nicht, weil ich heute mindestens schon zehnmal mit derselben Tour angemacht wurde, doch wer auch immer hinter mir steht, gibt nicht auf und tippt mir erneut auf meine Schulter. Gegen Spaß habe ich im Grunde gar nichts einzuwenden, doch irgendwie mangelt es da heute an Männern, die mich wirklich reizen würden.

In meinem Kopf überlege ich mir bereits einen Spruch, um, wen auch immer, abzuweisen, als ich mich umdrehe und dann plötzlich IHN entdecke.

 

Mr Mich-in-seinen-Bann-ziehend persönlich – LUKE.

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