Leseprobe zu Kill me if you can

Kapitel 1-3

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Vorwort

 

Seit die Bilder laufen lernten, sind wir Menschen von Filmen wie der »Pate« mit Marlon Brando oder »Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia« mit dem Schauspieler Robert De Niro fasziniert. Die Verkörperung des Bösen und einer in viele Bereiche der Gesellschaft übergreifende Macht üben auf die außenstehenden Beobachter einen unerklärlichen Reiz aus. Die eleganten und vermögenden Bad Boys wecken geheime Sehnsüchte. Das Publikum oder die Leser der Geschichten erleben gebannt, wie die Gegner gnadenlos aus dem Weg geräumt werden. Irgendwann flimmert der Abspann mit dem Wort »Ende« über den Bildschirm.
oder die letzte beschriebene Seite des Buches ist 
erreicht. Doch wir, die Teil des Systems sind, bleiben damit ein Leben lang verbunden. Ein Entkommen aus dem Gefüge des Clans gibt es nicht. Zumindest nicht lebendig.

  Eins

 

CESARE

 

 Zufrieden und entspannt streckte ich mich auf dem voluminösen Boxspringbett aus. Die sexy Blondine tippelte gerade ins Bad, um sich das Sperma von ihren üppigen Silikonmöpsen abzuduschen. Wie konnte man seinen Nachmittag besser verbringen, als es einer willigen Bitch heftig zu besorgen? Mir fielen im Moment wenig Alternativen ein.

Im Allgemeinen war der Tag zu meiner Zufriedenheit verlaufen. Der Termin mit Furio Giunta, dem ältesten Sohn des gleichnamigen Clans, ging problemlos und zügig vonstatten. Einer ihrer Mitglieder hatte ohne Rücksprache in unserem Territorium gewildert und Drogen auf den Straßen New Jerseys verkauft. Was diesen Vollidioten dazu motivierte, erschloss sich mir nicht. Es gab klare Regeln, abgesteckte Gebiete und jeder hatte sich daran zu halten. Es handelte sich um größere Mengen Koks und so schlug der Patron ein persönliches Treffen vor. Niemand von uns hatte Interesse, die alten und blutigen Streitigkeiten erneut zu befeuern.

Furio hatte mich überzeugt, dass der Kerl ohne Wissen der Familie agiert hatte. Anstatt eines Batzen Gelds trug er nun ein Neun-Millimeter-Geschoss im Kopf.

Die Blondine war ein kleines Geschenk on the top.

Das Treffen mit Furio hatte für meinen Geschmack viel zu früh stattgefunden, da mir ein paar Stunden Schlaf fehlten. Aber beim Sex hatte ich mein fehlendes Sportkontingent ausgeglichen. Die Blondine in der Doggy-Stellung zu nehmen, die perfekte Position, um sich auszutoben. Sie war jung und deshalb noch antörnend eng und verstand es, nachdem ich sie trocken gefickt hatte, ohne Beeinträchtigung ihre Möse mit Gleitgel feucht zu halten. Es waren die kleinen Tricks, die ich ebenfalls von unseren Huren erwartete.

Sie kam aus dem Bad zurück und hockte sich auf die Bettkante. »Na, Süßer, ich kann dich gern noch ein bisschen mehr verwöhnen.«

Für eine Sekunde checkte ich, ob sich bei mir etwas regte und kam zu dem Schluss, es bei der einen Nummer zu belassen.

»Nein, alles bestens.« Trotzdem wanderten ihre Finger über meinen muskulösen Bauch, bis hin zum Rand des weißen Lakens, das ich um die Hüften geschlungen hatte. Ich hob eine Augenbraue und meine Nasenflügel bebten abrupt. Wenn ich eines nicht mochte, dann dass sich jemand über meine Ansagen hinwegsetzte. Ohne Vorwarnung packte ich sie fest am Arm. »Was habe ich gesagt?«, knurrte ich.

»Okay, okay, es tut mir leid«, lenkte sie erschrocken ein.

»Ja, ja«, brummte ich und griff nach dem Bündel Geldscheine, das verschlossen mit einer aus Platin bestehenden Geldklammer auf dem Nachttisch lag. Mit einer nicht abzusprechenden Überheblichkeit zog ich zwei Einhundert-Dollar-Noten heraus und warf sie neben mich. »Ein kleines Trinkgeld und nun hau ab.«

Schweigsam und eilig folgte sie meinem Wunsch und verließ nach wenigen Minuten das Hotelzimmer. Sie war nur eine Hure, die für Furio anschaffte und da bedurfte es keines rücksichtsvollen Verhaltens. Fickfleisch und Geldquelle trafen es auf den Punkt.

Die eigenen Frauen behandelten wir Benedettis mit Respekt, legten ihnen die Welt zu Füßen, solange sie sich an die Gepflogenheiten hielten. Diese ließen sich kurz und knapp zusammenfassen: Sie hatten sich nicht in unsere Geschäfte einzumischen und verhielten sich in allen Lebenslagen diskret. Die überwiegende Zahl der Ehefrauen kümmerte sich um die Kinder und genoss das Privileg, ein Leben in Luxus zu führen.

Unter diesem Regime wuchs ich auf und glaubte bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr, dass mein Vater sein Vermögen ausschließlich mit dem Handel von Immobilien verdiente.

Die Wahrheit versteckte sich in einem Konvolut aus semi-legalen Grauzonen. Immobilien, ja. Handel, ebenfalls. Alles dazwischen – Auslegungssache.

Die Nacht zuvor hatte ich in meinem Casino verbracht. Geplant hatte ich lediglich, das Geld einzusammeln, aber wie so oft kam es anders. Es kribbelte in meinen Fingern, mich an einer Pokerrunde Texas Holdem ohne Limit zu beteiligen. Meine ausgeprägte Spiel- und Wettleidenschaft ließ sich nicht leugnen. Letztendlich verzockte ich Geld, was ich sowieso wieder eintrieb, denn sämtliche Wettbüros standen unter unserem Schutz. Eine der vielfältigen Vorteile in der Hierarchie des Benedettis Clans weit oben zu stehen.

Aufgrund der anstrengenden letzten Stunden breitete sich eine Schläfrigkeit aus. Da es keinen Grund gab, sich zu hetzen, holte ich mir einen Whiskey aus der Minibar, nahm den Revolver vom Nachttisch und legte ihn direkt neben mich. Außerhalb meiner vier Wände schlief ich ausschließlich mit der Waffe in Griffweite. Feinde konnten überall lauern. Mein Leben als Benedetti blieb trotz aller Macht gefährlich.

Mit einem zufriedenen Seufzer schaltete ich das Fernsehgerät ein. Banale und leichte Fernsehkost war genau das Richtige zum Entspannen. Bei einem Nachrichtenkanal hielt ich inne. Die Reporterin stand vor einem Haus und im Hintergrund blinkten die Blaulichter von etlichen Rettungs- und Polizeiwagen. Bei der Vielzahl der regionalen Fernsehsender gab es immer einen, der über einen Überfall, eine Schießerei und dergleichen berichtete.

Müde nippte ich an dem Glas und verteilte den Whisky in der Mundhöhle, um das Aroma auszukosten. Ich wusste schon, warum ich stets in diesem Hotel abstieg. Jede Kleinigkeit erfüllte meine hohen Ansprüche.

»Toni Galli, der der europaweit agierenden Mafia zugeordnet wird, soll letzte Nacht seine Ehefrau Samantha Galli, in einem Streit getötet haben.«

•••

 

Bei dem Namen Galli schoss ich in die Höhe. »What the fuck!« Eilig griff ich zur Fernbedienung und stellte den Ton lauter. Mit gerunzelter Stirn verfolgte ich die Worte der Reporterin. »Was für ein Idiot.« Der Ärger über so viel Dummheit breitete sich schlagartig aus.

»Nach ersten Informationen aus Insiderkreisen stand eine Trennung des Paares an und im Zuge dieser Auseinandersetzungen ist die Streitigkeit eskaliert.«

»Ich wusste es! Dieser Volltrottel …« Mit einem erbosten Schrei donnerte ich das Glas auf den Boden.

Wenn es etwas gab, was niemand, absolut niemand tun durfte, war es die Aufmerksamkeit der Presse zu erwecken.

Damit brach Galli einen Kodex, der die Familien zusammenhielt und unsere Geschäfte schützte:

Erstens: keine öffentlichen Konfrontationen mit rivalisierenden Organisationen.

Zweitens: Gegner, die aus dem Weg geräumt werden mussten, professional entsorgen, da wir natürlich im Fokus der stets ermittelnden Behörden standen. Es gab tatsächlich vereinzelte Hardliner, die sich mit dem Einkommen eines Cops zufriedengaben.

 

Drittens: keine unnötige Aufmerksamkeit in der Presse erregen.

Genervt nahm ich das Handy und drückte die eingespeicherte Nummer meines Vaters, der sich umgehend meldete.

»Hast du diese Scheiße gesehen?«, fiel ich sofort mit der Tür ins Haus, da ich vermutete, dass er bereits davon wusste.

»Ich habe es immer gesagt, Frauen außerhalb der Familie taugen nichts.« Seine Stimme hatte den von uns allen gefürchteten Unterton angenommen.

»Was gedenkst du zu tun?« Meine gelassene Stimmung war vollends verschwunden und ich wanderte im Zimmer hin und her. Dass ich dabei die Glasscherben im Blick behalten musste, steigerte die Wut über so viel Dummheit.

»Tja …« Er räusperte sich. »Tonis plötzliches Ableben würde vermutlich noch mehr Staub aufwirbeln.«

Ich atmete tief ein und aus. »Wir verschaffen ihm einen guten Anwalt, der das mildeste Urteil fällt, dann muss er nur ein paar Jahre in den Knast.«

»Ja, Sohn, das erscheint mir der sinnvollste Weg. An seiner Integrität gibt es keinerlei Zweifel.«

»Das sehe ich ähnlich, insbesondere da sein Bezirk vergrößert wurde.«

»Deshalb verstehe ich nicht, dass er dermaßen die Nerven verliert.« Die Stimme meines Vaters blieb grimmig. Vor ein paar Jahren hätte er Toni direkt und eigenhändig abgeknallt. Doch auch er hatte mittlerweile erkannt, dass sich die Zeiten änderten, und es in manchen Fällen besser war, auf andere Mittel zurückzugreifen. Insgesamt betrachtet blieb es ein Ärgernis.

Am meisten regte es mich jedoch auf, dass ich aus meiner entspannten Stimmung herausgerissen worden war. Dafür allein hatte der Wichser einen Tritt in den Arsch verdient.

In Anbetracht der Ereignisse beschloss ich, zurück nach Jersey zu fahren. Vermutlich herrschte eine aufgebrachte Atmosphäre im inneren Zirkel. Ein kühler Kopf wie meiner war definitiv gefragt.

 

Zwei 

GIULIANA

 

E s hatte beinahe Tradition, dass sich die Ehefrauen des Familienclans in der Villa Benedetti versammelten, sobald sich ein

familiäres Glück oder Drama abspielte. Von beiden gab es stets ausreichend. Überraschende Todesfälle waren regelmäßig zu beklagen und mit Nachwuchs wurde ebenfalls nicht gegeizt. An diesen Tagen saßen wir dann gemeinsam im Wohnzimmer, diskutierten und lamentierten über das neuste Stück Familiengeschehen.

Selbstverständlich kamen alle in Begleitung ihrer Sprösslinge. Ich hatte offen gestanden Probleme mit der stetig schreienden und heulenden Kinderschar. Der Gedanke, eigene Kinder zu bekommen, verursachte unangenehmes Magengrummeln. Mit fünfundzwanzig kratzte ich allerdings an der Erwartungsgrenze.

Es war kurios genug, dass ich studieren durfte, Frauen arbeiteten nicht außerhalb der Einflussnahme der Benedettis. Jedoch änderte dies nichts an meiner Situation, dass ich bald Ehe, Haushalt und Kinder als mein Leben bezeichnen sollte. Der liebe Gott hatte mich mit der Schönheit der jungen Gina Lollobrigida gesegnet, an Anwärtern fehlte es mir gewiss nicht. Meine potenziellen Ehemänner gaben sich aufgrund des Engagements des Patrons und seiner Frau Maria Gracia dazu die berühmte Türklinke in die Hand. Aber was konnte ich dafür, dass ich mich nicht verliebte? Den vagen Verdacht, der die Ursache begründete, schob ich konsequent zur Seite.

Mein Blick glitt über die quengelnden Kleinkinder zu unseren Füßen und denen, die weiter hinten im Raum spielten, hin zu den Säuglingen, die in den Armen ihrer Mutter schliefen. Wenn ich den Patron nicht verärgern wollte, musste ich mich sehr bald damit arrangieren.

Wie immer saßen die Ehemänner separat, um sich zu besprechen. Nicht nur ein Mal fragte ich mich, warum die Polizei von Jersey die Option, sämtliche hochrangige Mafiosi mit einem Schlag festzunehmen, nicht nutzte. Das Gedankenspiel behielt ich selbstredend für mich.

Der Grund für unser heutiges Zusammentreffen: Samantha Galli.

Ihr Todesfall polarisierte. Jede der anwesenden Ladys gab ihren Senf dazu. Die Tränen und das Geheule wirkten überzogen und unecht. Egal, ob man Mitte vierzig war oder bald an die sechzig reichte.

»Ist das nicht furchtbar, was da passiert ist?« »Wieso haben wir nichts bemerkt?«
»Was wird nur aus den Kindern?«
»Wir müssen uns um sie kümmern.«
Meinem Naturell entsprechend hielt ich mich im

Hintergrund und übernahm die Bewirtung. Bei solchen Zusammenkünften gab es italienisches Gebäck, Pasta, warme und kalte Vorspeisen, auch genehmigten sich die Damen den einen oder anderen Prosecco. Die Esskultur der italienischen Heimat war geblieben, die traditionellen Rezepte weitergegeben, da änderten tausende von Meilen, die zwischen unserem Ursprungsland und den USA lagen, nichts. Obwohl ich lediglich ein einziges Mal Italien besucht hatte, fühlte ich mich im Grunde meines Herzens mit Kalabrien verbunden. Dass ich die Sprache passabel beherrschte, freute insbesondere die ältere Generation.

Neugierig wartete ich, ab welchen Zeitpunkt das Mitleid um die Verstorbene ins Gegenteil umkippte. Wenn sie eines verstanden, dann war es zu lästern.

»Na ja, Samatha hat ihn sehr oft provoziert.« Ah, es geht los!

»Was das alles für Kreise mit sich zieht. Mein Mann ist bereits ganz besorgt.«

»Ich habe es schon vor Jahren gesagt, dass Toni die Frau nicht hätte heiraten dürfen.«

Obwohl sich die Traditionen der ersten italienischen Einwanderer langsam aufweichten und unser ursprüngliches Viertel Little Italy ein multikulturelles Gesicht bekam, blieben die Familien bevorzugt unter sich. Eine Heirat mit einer Außenstehenden beäugten insbesondere die Älteren kritisch. Sie vertraten die Meinung, dass sie nicht die erforderlichen Werte besaßen, um sich in dem notwendigen Maß zu integrieren.

»Wieder einmal bestätigt es sich, dass Außenstehende nicht mit unserer Mentalität umgehen können.« Bei solchen Sprüchen rollte ich die Augen, und jedes Mal biss ich mir auf die Zunge, um nicht eine Diskussion heraufzubeschwören. Maria Gracia, die Hausherrin, hatte mir ausdrücklich nahegelegt, diese Themen zu meiden. Meine Herkunft, wer meine Eltern gewesen waren, all diese Dinge blieben ein Tabuthema. Ich hielt mich daran, da ich ihr zu Dank verpflichtet war.

 

»Sie hat ihren Haushalt nicht ordentlich geführt.«

»Ich habe gehört, dass sie sich trennen wollte.« Die Liste der negativen Äußerungen ließe sich beliebig verlängern und das Mitleid fokussierte sich ab einem gewissen Zeitpunkt auf den Ehemann.

Die regelmäßige, unverblümte Feindseligkeit gegenüber eingeheirateten Frauen ging an mir nicht spurlos vorüber. Wenngleich meine Ausgangslage eine andere war.

Mit fünf Jahren nahmen mich die Benedettis in ihr Haus auf, nachdem meine Eltern bei einem tragischen Unfall auf ihrer Jacht tödlich verunglückten. Dass ich mich an dem Tag nicht an Bord aufgehalten hatte, verdankte ich einem Kindergeburtstag. An viel mehr erinnerte ich mich nicht.

Nachdem mir auf kindliche Weise beigebracht wurde, dass Mum und Dad nun im Himmel auf einer ganz bestimmten Wolke lebten und von da aus auf mich achteten, nahm ich den Verlust an. Wieso ausgerechnet die Familie Benedetti mich zu sich holte, hinterfragte ich bis heute nicht. Mir fehlte lange die Herzenswärme meiner Mutter, die auch eine Maria Gracia nicht vollständig ersetzen konnte. Der Patron schied für solche Zuwendungen aufgrund seines Naturells gänzlich aus. Das gelang ihm nicht mal bei seinen leiblichen Kindern.

Genoss ich bislang mein Leben als verwöhntes Einzelkind, musste ich mich urplötzlich mit zwei älteren Brüdern herumschlagen. Dass mich alle süß und niedlich fanden, und ich in den Kleidchen wie eine Prinzessin aussah, nutzte ich schamlos aus. Maurizio, mit seinen neun Jahren, wurde von dem vierzehnjährigen Cesare dominiert, der bereits als Jugendlicher die Rolle des Erstgeborenen auslebte. Seit jeher fürchtete ich mich vor ihm, was ich ihm gegenüber mit kindlichem Angstgebrüll kundtat. Lediglich die extra meinetwegen eingestellte Nanny ergriff meine Partei und tröstete mich.

Wenn es niemand sah, zeigte ich ihm Grimassen und stolzierte mit erhobenem Kopf an ihm vorbei. Er hasste mich und ließ keine Gelegenheit verstreichen, mich zu drangsalieren. Gehässig zog er an meinen geflochtenen Zöpfen, versteckte mein Lieblingsstofftier und erfand Lügengeschichten, die ein negatives Licht auf mich werfen sollten. Cesare verfügte über eine unerschöpfliche Fantasie, um mir das Leben zu erschweren. Tapfer hielt ich mit meinen Prinzessinen-Attributen dagegen und verzeichnete mindestens dieselbe Anzahl von Siegen.

Im Teenageralter verhöhnte er meine spargeldünnen Beine und die langen Arme, die proportional nicht zum Rest des Körpers passten. Damit hatte er einen wunden Punkt getroffen und ich verließ die Siegerspur. Wenn dieser Mistkerl mich mit seinen dunklen Augen fixierte, lief es mir von da an eiskalt den Rücken herunter. So stellte ich mir einen typischen Killer vor. Düster, aber mit dem gewissen Etwas.

Erwartungsgemäß wurde er der Hero an unserer Highschool, alle Mädchen träumten davon, mit ihm auszugehen, auf seine Poolpartys eingeladen oder zumindest von ihm beachtet zu werden. Natürlich war ihm der Status bewusst und er nutzte das aus. Er war ein Luxus-Arschloch geworden. Rückblickend betrachtet hatte ich von ihm nichts anderes erwartet. Je schlechter er seine Freundinnen behandelte, desto mehr jammerten sie ihm hinterher. Sie hingen an seinen Lippen, hofften, diejenige zu sein, in die er sich verliebte. Es spielten sich Dramen ab, die Daily Soaps ähnelten.

Dass ich davon erfuhr, lag daran, dass ich Cesare belauschte, wenn er mit seinen Kumpels abhing. Die Spitzelei betrachtete ich, damals als Siebenjährige, als ein Abenteuer, um so meine immense Neugier zu stillen und um Material für einen erforderlichen Gegenangriff zu sammeln.

Das Blatt wendete sich für mich, nachdem meine Pubertät ihren Höhepunkt erreichte. Urplötzlich veränderte sich mein Blickwinkel, was mir einen gehörigen Schreck versetzte. Obwohl Cesare alles andere als nett zu mir war, kribbelte es in der Magengegend.

Das, was ich aufschnappte, die aufgeregten, kichernden Unterhaltungen mit meinen Freundinnen und die ausgeliehenen Pornofilme aus dem Bestand diverser Väter waren erste Berührungspunkte mit dem Thema Sex. Eine widersprüchliche Zeit, in der die Gefühlswelt wie bei einem Kaleidoskop wild umherschwirrte. Die unvermittelt auftretenden, feuchten Träume lösten einen wahren Schock bei mir aus. Es war aussichtslos, das, was sich in Körper, Geist und Seele abspielte, zu begreifen. Das Gefühlswirrwarr vermischte sich mit der Realität und die wiederum mit den Traumbildern. So wie in jener Nacht, zwei Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag.

Wie jeder Teenager entzog auch ich mich gern den familiären Verpflichtungen, was sich immer als recht schwierig gestaltete. Im Hause Benedetti gab es klar definierte Regeln, an die wir uns alle zu halten hatten. Insbesondere das gemeinsame Abendessen nahm einen hohen Stellenwert ein.

Maria Gracia und Francesco waren an diesem Abend jedoch ausgegangen und somit fiel die Pflichtveranstaltung des Essens aus. Zwar bewohnten wir eine Villa mit viel Platz, in der sich jeder zurückziehen konnte, aber das Wissen, dass ich allein war, fühlte sich cool an. Ungestört mit den Freundinnen telefonieren, laut Musik hören oder stundenlang Videos anschauen zählten zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. An dem Abend beschloss ich, ein Schaumbad zu nehmen. Ich liebte den überdimensionalen Jacuzzi Pool. Wie Julia Roberts in Pretty Woman hatte ich meinen iPod an und sang ebenso schief mein Lieblingslied.

Aus heiterem Himmel hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, und behielt recht. Mir rutschte das Herz in die nicht vorhandene Hose.

»Arrghhh … was machst du hier?« Obwohl ich im Schaum versank, hielt ich mir reflexartig die Arme vor die Brüste.

»Dir Gesellschaft leisten ….« Cesare stand nur mit einem Badelaken um die Lenden vor mir und grinste breit.

»Raus hier!«, keifte ich und bewarf ihn mit Schaumwolken.

»Sei doch nicht immer so zickig. Ich beiße nicht.« Der freundliche Ton irritierte mich. Ohne ein weiteres Wort ließ er das Handtuch fallen.

»Oh mein Gott«, presste ich hervor und die Röte schoss mir ins Gesicht. »Du bist nackt«, fuhr ich sinnbefreit fort. »… und … und du hast ein steifes … also …«

»Ja, einen harten Schwanz«, ergänzte er ungerührt.

Er stand einfach da und alles drehte sich vor Aufregung. Was hatte er vor?

Selbstverliebt und sich seiner sicher stieg er zu mir in die Badewanne. »Ein gemeinsames Bad vor dem Sex ist herrlich.« Entspannt lehnte er sich zurück.

»Vor … äh … dem was?«

»Ich weiß, dass du noch Jungfrau bist, und ich dachte, das sollten wir ändern.« Es hörte sich aus seinem Munde an, wie das natürlichste Ereignis der Welt.

»Ja. Nein. Vielleicht nicht heute, oder doch?« Pure Verwirrung breitete sich aus. Oh mein Gott, Cesare will mit mir schlafen. Er ist ja schon süß. Was mache ich nur?

Zunächst tauchte ich erst einmal unter. Durch die Aufregung schluckte ich jedoch Wasser und schoss japsend hoch.

»Giuliana, du weißt genau, dass mir niemand widerspricht. Auch wenn du es immer wieder versuchst.« Sein Blick fing mich ein und ich schmolz dahin.

»Heißt das, ich habe keine andere Wahl?«, flüsterte ich und merkte, wie sich ein heftiges Kribbeln einstellte.

»Ich weiß, dass du es willst.« Dabei spielte er an seinem Glied herum, das in voller Pracht aus dem Wasser ragte.

»Mhmm …« Mir fehlten die Worte.

»Dein Zimmer ist gemütlich und jede Prinzessin wäre neidisch.«

»Ja«, hauchte ich.

Mit klopfenden Herzen nahm ich seine Hand und wir stiegen aus der Wanne.

»Es wird ein aufregendes Erlebnis, deinen wunderschönen Körper zu verwöhnen.« Seit wann gehörten Schmeicheleien zu seinem Wortschatz?

Mit nur zwei Badelaken begleitet liefen wir Hand in Hand den Flur entlang zu meinem Zimmer. Einen besseren Ort für das erste Mal gab es nicht.

Die nächsten Stunden erlebte ich in einem Rausch der Sinne. Meine Schüchternheit war wie weggeblasen und ich gab mich ihm vollends hin. Die Küsse schmeckten süß, die Hände, mit denen er meinen Körper streichelte, die Lippen, die jeden Zentimeter Haut berührten …

»Giuliana, du wirst den ersten Orgasmus mit mir erleben.« Meine Atmung, der Puls- und Herzschlag beschleunigten sich und zum allerersten Mal erlebte ich, wie sich eine nasse Scheide anfühlte.

»Ich lecke dich, dabei dringe ich tief mit der Zunge in dich ein, spiele mit deiner Klitoris.«

»Ja …« Es war zum x-ten Male nur ein Hauchen.

 

Die Stimme versagte. Mit gespreizten Schenkeln präsentierte ich ihm meine Jungfräulichkeit.

Das Spiel der Verführung beherrschte er perfekt. Jede Faser meines Körpers schrie nach dieser Welle der Befriedigung. Die Explosion … Ich spannte den Unterleib an, hob und senkte das Becken und schaffte es nicht länger, das lustvolle Stöhnen zu unterdrücken.

»Ja, ja … oh ja, mein Gott, ist das geil!«, hörte ich mich seufzen und riss abrupt die Augen auf. Das Herz hämmerte wie wild gegen die Brust und ich fiel in eine Art Schockstarre. Der Schweiß strömte aus sämtlichen Poren. Erst jetzt realisierte ich, dass meine Hand zwischen meinen Schenkeln lag, und zwei meiner Finger dort steckten, wo noch vor wenigen Sekunden Cesares Zunge ein unbändiges Feuer in mir entfacht hatte.

Ich schloss die Augen und rollte mich wie ein Igel auf meinem Bett ein. Wieso in aller Welt tauchte mein verhasster Bruder in dem Traum auf? Ein Drama … nie wieder würde ich ihm unbefangen gegenübertreten können.

Die paradoxen Gefühlswallungen Cesare gegenüber sorgten bei mir für beträchtliche Verwirrung. Es hatte sich unglaublich realistisch angefühlt. Ein Desaster!

 

War ich verliebt? Wenn ja, war es eine Katastrophe. Das durfte nicht sein. Ein Gefühl, welches ich mir verbot und nie, nie zulassen würde. Die kommende Nacht lag ich mit aufgerissenen Augen auf dem Rücken und starrte an die Decke. Dabei versuchte ich, alle Kräfte zu bündeln, um nicht einzuschlafen. Wer nicht schläft, kann nicht träumen.

Langfristig gesehen kein von Erfolg gekröntes Projekt.

Glücklicherweise wiederholte sich der Albtraum nicht.

Um mich zu schützen legte ich mich heftiger denn je mit ihm an und steigerte meine Zickigkeit auf ein grenzwertiges Ausmaß. Er stand nicht nur einmal kurz davor, mir eine zu knallen. Mit zunehmenden Alter gingen wir uns aus dem Weg. Cesare stieg ins Familiengeschäft ein, ich kümmerte mich um meinen Abschluss und die Uni. Jeder machte sein Ding.

Obwohl der Mythos Immobilienhandel beharrlich aufrechterhalten wurde, eröffnete sich mir sukzessive die bedrohliche Wahrheit unseres Business. Die immer wiederkehrenden Fernsehberichte über Überfälle und Morde, die der Mafia zugewiesen wurden, bestärkten meine Vermutung. Im Grunde war es ein unausgesprochenes Geheimnis.

 

Ob Cesare darin verwickelt war? Ob er ebenfalls Menschen ermordet hatte?

Ich stellte mir vor, wie er mit eiskalter Miene und den dunklen Augen das Opfer fixierte. Keine Regung, wenn er zielte, konzentrierte Körperanspannung und eine absolute Fokussierung. Was empfand er dabei? Diese Frage beschäftigte mich.

Er übte trotz aller innerer Gegenwehr eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf mich aus. Seine unnahbare Ausstrahlung faszinierte mich. Ein unterschwelliges Kribbeln, insbesondere zwischen meinen Schenkeln, verbot ich mir weiterhin konsequent.

Dass ich mich von einem Teenager mit unproportionierten Gliedmaßen zu einer Frau mit weiblichen Rundungen entwickelt hatte, nahm er sowieso nicht wahr.

  

Drei 

CESARE

 

  

In einer Organisation wie der unseren gab es eine in Stein gemeißelte Hierarchie. Die Vorstellung, aufgrund meines Familienstatus sofort in eine höhere Rangstufe einzusteigen, erwies sich als Trugschluss. Mit einem High School Diplom verfügte ich definitiv über mehr Bildung als die meisten Mitglieder, die in ihrem Leben kaum die Schulbank gedrückt hatten. Bis auf wenige Ausnahmen nahmen sie alle den klassischen Weg eines Kriminellen. Viele schafften es nicht über den Rang eines Soldaten, wie es in unseren Kreisen hieß, hinaus.

»Du wirst Silvio April, den Capt’n der südlichen Stadtteile, begleiten und bist ihm weisungsgebunden«, offenbarte mir mein Vater eines Abends kurz nach meinem Abschluss und es gelang ihm, dass mir in seiner Gegenwart wieder einmal die Worte fehlten.

Er saß wie so oft in seinem Büro in der Villa hinter einem wuchtigen Schreibtisch, den er aus Italien importiert hatte. Die Intarsien im Mahagoniholz, die filigrane Verarbeitung, repräsentierten den Status, den er als Clanchef innehatte. Auf die Frage dessen Herkunft erwiderte er lediglich, dass es sich um ein Geschenk eines ehemaligen Geschäftspartners aus einer Stadt nähe Palermo handelte. Dass sich jemand freiwillig von einer solchen Antiquität trennte, schloss ich aus.

»Das ist nicht dein Ernst.« Entrüstet sprang ich auf. Seine dunklen Augen, die ich von ihm geerbt hatte, blitzten mich mahnend an. Sofort setzte ich mich wieder. Der Respekt ihm gegenüber kannte keine Grenzen.

»Ich möchte, dass du weißt, wie es auf der Straße zugeht«, begründete er die Entscheidung. »Du bist bislang in Watte gepackt worden und hast keine Ahnung von dem, was sich im Hintergrund abspielt.«

»Ein Ausbildungsberuf als Mafiosi ist mir neu.« Den Sarkasmus zu unterdrücken, gelang mir jedoch nicht immer.

Vater lehnte sich in seinem Stuhl zurück und um die Mundwinkel zuckte es. »Wenn du es so nennen möchtest, mein Sohn.« Die Stimmlage ließ mich zusammenzucken. »Dass du Grün hinter den Ohren bist, beweisen mir deine Worte.« Er machte eine Pause und fuhr eher gelangweilt fort. »Das zeigt mir, dass du entweder noch nicht so weit bist oder völlig ungeeignet.«

Das hatte gesessen. Betreten sah ich ihn an. Francesco Benedetti schaffte es, mir mit wenigen Sätze jegliche Illusion zu rauben oder mir das Gefühl zu geben, ein Nichts zu sein. Die Kieferknochen bewegten sich und meine Hände fühlten sich abrupt feucht an. Unsere Blicke trafen sich. Erneut wurde mir bewusst, weshalb er seit Jahren die uneingeschränkte Macht und den Respekt des Clans besaß. Seiner Dominanz traute sich niemand zu widersetzen.

Der frühere Eigentümer des wertvollen Schreibtisches hatte dies wohl anders gesehen. Und dafür bezahlt.

»Ich sehe, Cesare, wir verstehen uns.« Damit war für ihn alles gesagt. »Du wirst mir dankbar sein.«

»Vermutlich …« Statt dynamisch aufzuspringen, erhob ich mich schwerfällig und verließ mit zwiespältigen Gefühlen das Büro. Ab dem morgigen Tag würde ich die reale Welt unseres Business kennenzulernen.

Zunächst durfte ich für Silvio den Fahrer spielen. In der Rangfolge stand er drei Ebenen unter dem Patron.

 

Nach vielen Jahren treuer Ergebenheit, Loyalität und Fleiß erlangte er vor nicht allzu langer Zeit endlich die Vollmitgliedschaft. Das bedeutete, lukrativere und eigenverantwortliche Geschäftszweige zu verwalten und die damit verbundene Aufgabe, den bislang vorhandenen Umsatz zu vergrößern. Silvio war es gelungen, die Schutzgelder von den Restaurants und Bordellen in kurzer Zeit zu steigern. Wie er das erreicht hatte, blieb ihm überlassen. Den Respekt unserer »Kunden« erlangte er durch seine nicht zimperliche Vorgehensweise, ausstehende Zahlungen einzutreiben. Neben der angestrebten Vollmitgliedschaft erhielt er das Privileg, einen illegalen Spielclub zu führen. Er wurde Capt’n, rekrutierte Soldaten, ließ sie für sich die Drecksarbeit machen und steigerte auf dem Weg die eigenen Einkünfte. Das System funktionierte nach dem Prinzip einer Pyramide und mit 19 Jahren begann ich ganz unten.

Im Laufe des Lebens geschehen oftmals Ereignisse, die einen letztendlich prägten.

Nach drei Monaten und um einige Erfahrungen reicher erhielt ich einen Anruf von Silvio. Ein einfacher Handlanger wie ich musste stets erreichbar sein. Leider machte man bei mir keine Ausnahme.

Verschlafen und wenig motiviert nahm ich das Gespräch an. Vier Uhr in der Früh, na herzlichen Glückwunsch!

»Ich brauche dich in der Logistik bei der Müllentsorgung. Es gab Probleme.« Neben den Immobilienhandel stiegen wir vermehrt in das lukrative Geschäft der Abfallwirtschaft ein. Stets im Hinterkopf abgehört zu werden, verständigten wir uns mit verschlüsselten Formulierungen.

»Ah ja … können die sich nicht eine humanere Zeit für ihren Scheiß aussuchen«, brummte ich und schwang mich mit verhaltener Motivation aus dem Bett. Die Verschlüsselung bedeutete, dass es einen Toten gegeben hatte, der schnellstmöglich entsorgt werden musste. Das geschah auf sehr unterschiedliche Weise: vergraben, im Hudson River versenken oder die Leiche in Säure auflösen. Mir stellte sich mit einem flauen Gefühl die Frage, ob an einem Stück oder in Einzelteilen.

»Wo muss ich hinkommen?«

»Erstmal ins Büro.« Damit legte er auf. Die Telefonate von den Handys blieben aufgrund des bereits genannten Grundes kurz.

Wenig später parkte ich meinen Wagen im Hinterhof des unauffälligen Geschäftshauses, das wir als Treffpunkt nutzten. Offiziell gab es ein Bistro und Büroräume für die reguläre Tätigkeit in der Disposition sowie Administration für den Umbau von Häusern. Neu dazugekommen waren die »Büros« für den legalen Part der Abfallwirtschaft. Der Benedetti-Clan legte seit jeher den Fokus darauf, die gesetzestreue und saubere Fassade aufrechtzuerhalten. Dass das FBI und halb Jersey von dem Schauspiel wusste, war auch uns bekannt. Niemandem gelang es jedoch, bis zum heutigen Tag uns etwas Illegales nachzuweisen. Die, die es versucht hatten, verunglückten tragisch oder wurden wieder auf Linie gebracht.

»Unser Freund Corado hat es dieses Mal zu weit getrieben. Es hat seine Verlobte erwischt«, empfing Silvio mich.

»Warum kümmert er sich nicht um seine eigene Scheiße?« Verärgert zündete ich mir eine Zigarette an. »Er wird langsam zum Problem.« Immer noch müde ließ ich mich auf einen Stuhl fallen und blies den Rauch geräuschvoll aus.

»Er hat die Nerven verloren, was weiß ich. Angeblich wollte sie ihn abziehen und hat ihm mit den Bullen gedroht. Er ist sonst ein guter Junge.« Silvio, der weiterhin für den miserablen Geschmack seiner bunten Hemden bekannt war, saß lässig auf der Kante eines Tisches und zündete sich ein Zigarillo an.

»Weshalb nimmst du diesen Penner ständig in Schutz? Der kokst mehr, als dass er sich um das Geschäft kümmert.«

Er hob die Hände. »Du weißt doch, Familie geht über alles.« Man sah ihm die Zerrissenheit an. Dennoch blieb Blut dicker als Wasser.

»Bis zu einem gewissen Maß gestehe ich das jedem zu.« Missmutig rieb ich mir durch mein unrasiertes Gesicht. »Hatte sie tatsächlich Kontakt zur Polizei oder lediglich gepokert?«

»Sie war eine dumme Schlampe und allein die Drohung ist eine Schande.«

»Warum lässt er sich auf solche Flittchen ein?« Mir erschloss sich nicht, wieso Corado leichtsinnigerweise Informationen weitergab, die ihn erpressbar machten.

»Wenn ich das wüsste.« Silvio seufzte.
»Wo ist es passiert?«
»Bei ihm zu Hause, ist wohl ’ne große Sauerei.

Deshalb brauchen wir den Lieferwagen und entsprechende Putzmittel.«

»Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.« Ich versuchte, locker zu bleiben. Er musste nicht wissen, dass sich mir bereits bei dem Gedanken an das, was uns bevorstand, der Magen umdrehte. »Lass uns losfahren, ich will nicht die ganze Nacht damit verbringen.«

•••

 

Corado öffnete uns die Tür mit blutverschmierten Händen und Klamotten, vor Panik zitternd und bleichem Gesicht. Beim Betreten der Wohnung wehte mir ein widerlicher und metallischer Geruch entgegen.

»Fuck, so eine Scheiße … sie ist völlig durchgeknallt …«, stammelte er und zog hektisch an einer Zigarette.

»Wo?«, fragte Silvio knapp. Wir folgten ihm ins Schlafzimmer. »Riesen Schweinerei.«

Die junge Frau lehnte an der Wand. In einem erschreckend großen Radius tropfte und rann Blut daran herunter. Die Einschusswunde hatte ihren Oberkörper zerfetzt.

»Eine vierundvierziger Magnum hat mächtig Wums«, kommentierte ich die Sauerei, da ich die Waffe auf dem Bett entdeckte. »Völliger Kontrollverlust.« Leider verfügte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht über die Befugnis, Loser wie ihn aus der Organisation zu entfernen, deshalb hielt ich mich mit weiteren Kommentaren zurück.

Hatte ich mir gewünscht, dass das Zerstückeln einer Leiche an mir vorüberging, wurde ich enttäuscht. Silvio hatte vorgesorgt und Plastikanzüge mitgebracht. Um die Identität des Opfers zu verschleiern, trennten wir die Hände und den Kopf vom Leichnam ab, um sie an einer anderen Stelle zu vergraben, im Hudson River oder auf dem Meer zu entsorgen. Dass ich mir später die Seele aus dem Leib kotzte, behielt ich für mich. In meiner Rolle durfte ich keinerlei Schwäche zeigen.

Diese richtungsweisende Nacht vergaß ich nie, und es dauerte eine Zeit, bis die Bilder ihren Horror verloren. Durch die Aktion überwand ich jedoch die gesunde Hemmschwelle gegenüber dem Tod. Der Schritt, selbst zu töten, ließ nicht lange auf sich warten. Den Finger am Abzug, den Druckpunkt spüren und konzentriert durchziehen, bis sich der Schuss löste, hatte ich mir schwieriger vorgestellt. Die Wertschätzung eines Menschenlebens verlor sich, denn die, die ich hinrichtete, hatten es verdient.

Das, was mich störte, war der Lärm und das Ohrensausen beim Abfeuern. Deshalb benutzte ich für die geplanten Exekutionen stets einen Schalldämpfer.

Heute, mit fünfunddreißig, bin ich in einer Position, in der ich vorgebe, wer sich damit herumschlägt, eine Leiche zu entsorgen. So ändern sich die Zeiten.

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