Leseprobe zu Cold Eyes – Wir dürfen uns nicht lieben

Kapitel 1 & 2

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Die Monster, sie schlafen. In ihre Höhlen verkrochen, ruhen sie und warten auf das nächste Leben, das sie zerstören können.

Kapitel 1: Fenella

Juli 2021

Zu gern würde ich meine Bluse ausziehen und die Sonne nur in meinem schwarzen Top meine nackten Schultern berühren lassen. Stattdessen bleibe ich kurz stehen und halte lediglich mein Gesicht ins helle Licht. Niemals würde ich mich öffentlich auf dem Campus in einem knappen bauchfreien Top zeigen.

Endlich ist der Sommer über die Highlands gekommen und der raue Wind legt sich. Dieser Winter hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt.

Ich umklammere die Bücher vor meiner Brust noch fester und schließe für einen Moment die Augen. Wärme breitet sich in meinem Körper aus.

Aber ganz gleich, wie heiß der Tag auch werden mag, mein Herz erreichen diese Temperaturen nicht. Dort herrscht eisige Kälte, die nichts auf der Welt jemals wieder erwärmen kann. In meiner Welt gibt es nur noch Dunkelheit. Feuchte, kalte Tage ohne die Aussicht auf Wärme und Licht. Ganz gleich, wie das Wetter für alle anderen ist.

»Fenella.« Abrupt öffne ich die Augen.

Mein Name ist so gut wie nie zu hören auf dem Campus. Zumindest nicht laut, denn mir entgeht nicht, wie die anderen Studenten hinter vorgehaltener Hand über mich reden. Sie verachten mich dafür, dass ich nicht so bin wie sie. Keine teuren Markenklamotten. Keine aufgeknöpften Blusen oder roter Lippenstift. Spätestens seit Hunter fort ist, bin ich das seltsame einsame Mädchen innerhalb der Cluaran-Mauern. Es ist nichts mehr von mir geblieben außer einer leeren Hülle. »Wir müssen reden.«

Ehe ich mich in irgendeiner Form zur Wehr setzen kann, zerrt Kester mich am Oberarm zwischen die Gebäude. Hier im Schutz der dicken Wände ist es schattig. Doch es ist nicht die Temperatur, die die Härchen auf meinen Armen sich aufrichten lässt. Es ist der Ausdruck in dem düsteren Gesicht des Lion-Bosses. Denn das ist Kester nun mal. Er ist der inoffizielle Chef des Colleges. Wie immer ganz in Schwarz gekleidet mit seinen stechenden Augen, die einen ohne ein Wort in die Knie zwingen können.

Er führt die Lions an, und auch wenn ich ihn seit meiner Kindheit kenne, ist er ein Fremder für mich. Und das soll auch so bleiben. Dennoch entziehe ich mich weder seinem Griff noch funkele ich ihn wütend an. Ich tue das, was ich immer tue. Ich ignoriere ihn.

»Was glaubst du, wie lange du noch unbemerkt vor meiner Nase herumlaufen kannst? Langsam geht mir die Geduld aus.«

Ich presse die Lippen fest aufeinander, um nichts Dummes zu sagen. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass es in der Regel besser ist, meine Gedanken für mich zu behalten. Allerdings ist das genau das, was Kester offensichtlich nicht will. »Es wird Zeit, dass du den Mund aufmachst, Kleine. Denn ganz gleich, wie gut wir uns kennen, ich habe keine Scheu, nachzuhelfen, wenn es nicht anders geht.«

Jetzt sehe ich ihn doch an. Und ich hoffe, er erkennt den abfälligen Blick, mit dem ich ihn bedenke. Das ist es, was ich an den Lions verachte. Sie haben keinerlei Skrupel, Gewalt anzuwenden. Ständig drohen sie damit, um ihren Willen zu bekommen.

Wir kennen uns nicht wirklich. Er hat keine Ahnung, wer ich bin.

Doch ich habe keine Angst. Wenn er denkt, er könne mir wehtun, hat er sich getäuscht. Um einen Menschen zu verletzen, muss dieser in der Lage sein, etwas zu fühlen, und damit habe ich schon vor langer Zeit abgeschlossen.

In dem Augenblick, in dem ich frische Erde auf das Grab meines Bruders geschaufelt habe.

In jenem Moment, in dem ich einen Teil von mir beerdigen musste.

Denn Hunter hat alles mitgenommen.

Meine Stärke.

Meine Sicherheit.

Meine Liebe.

Ohne ihn war ich verloren. Meinen Dämonen schutzlos ausgeliefert. Zurückgeblieben ist am Ende ein verbittertes, scheues Mädchen, das nicht mehr weiß, wo es hingehört. Aber das ganz sicher nie und nimmer ein Lion werden will. Jetzt noch weniger als jemals zuvor.

Noch immer fechten Kester und ich ein stummes Duell aus, doch schließlich lässt er seufzend von mir ab. Ich weiß, wie verzweifelt er ist. Ich kenne die Strukturen der Lions und weiß, unter welchem Druck er steht. Er will mich unbedingt in seinen Reihen, doch noch viel dringender muss er sich gegen Abtrünnige durchsetzen. So verlangen es die Regeln. Er denkt, ich könne etwas bewirken, wenn ich die Lions unterstütze. Er ist der Meinung, ich gehöre dazu. Nur deswegen kümmert er sich um mich. Ich möchte wetten, menschlich bin ich ihm so egal wie eine zerquetschte Fliege auf der Windschutzscheibe seines protzigen Wagens. Mir wiederum sind seine Beweggründe vollkommen egal. Ich kann auf all seine Bemühungen gut und gerne verzichten.

»Hunter ist jetzt fast zwei Jahre tot, Fenella. Du musst langsam nach vorne sehen. Selbst wenn ich es dir einräumen würde, einfach weiter so zu tun, als wärst du eine normale Studentin – unsere Väter akzeptieren das ganz sicher nicht mehr lange. Du hast eine Aufgabe zu erfüllen und jetzt, da Hunter weg ist …«

Zum ersten Mal seit ich denken kann, funkele ich Kester wütend an und blase alle Luft meiner Lunge durch aufgeblähte Nasenflügel. Er soll es ja nicht wagen, über meine Familie zu sprechen. Und schon gar nicht über den Tod meines Bruders.

Nicht er.

Denn alles ist seine Schuld.

An ihm liegt es, dass Hunter nicht mehr bei mir ist. Und allein er ist schuldig für alles, was ich seither erleben musste. Die Hölle. Ich musste allein durch die finstere Hölle marschieren ohne eine rettende Hand. Noch immer spüre ich das Feuer des Teufels an meinen Armen und Beinen. Und vor allem in meiner Seele. Dort lodert es den ganzen verfluchten Tag und versucht mich zu zerstören. Das allein schreibe ich auf Kesters Rechnung. Wäre er nicht gewesen, dann wäre all das nie passiert.

Ich hätte noch einen Bruder.

Eine Familie.

Ein Leben.

Jede Nacht im Traum sehe ich, wie Kester meinem Vater entschuldigend die Hand auf die Schulter legt, während ich weinend in den Armen meiner Mutter stehe. Ich werde den Ausdruck in seinem Gesicht in Kombination mit dem Geruch der Leichenhalle niemals vergessen. Niemals. Allerdings ist es nicht nur Hunters Tod.

Ja, meinen Bruder zu verlieren war grauenvoll. Doch erst an den Tagen danach habe ich mich selbst vollends verloren. Und nun wandele ich wie eine Tote zwischen den Lebenden, ohne meinen Weg aus der Dunkelheit zu finden.

Meist komplett in Schwarz gekleidet, symbolisiert Kester für mich den Tod. Er ist die rechte Hand des Teufels, dem ich niemals entgegenkommen werde, solange das Herz in meiner Brust noch Blut durch meinen Körper pumpt.

Kester weicht ein Stück zurück und fährt sich stöhnend durch die schwarzen Haare. Dabei fällt mein Blick auf das Löwentattoo auf seinem Handrücken. Das gleiche, das mein Bruder auf seinem Unterarm getragen hat. Ein Wahrzeichen. Das Zeichen, das ihn das Leben gekostet hat. Voller Abscheu blicke ich darauf.

Ich verstehe nicht, wie junge Menschen, denen die Welt offensteht, sich so mit einer fragwürdigen Verbindung identifizieren können, von der jeder weiß, dass sie früher oder später das Leben der Mitglieder fordert. Einer Bruderschaft, in der Ehre nicht ehrenhaft ist, sondern den Tod bedeutet.

Nur wegen eines bescheuerten Erbes? Weil unsere Väter Lions sind und wollen, dass wir in die gleichen kriminellen Machenschaften verstrickt sind wie sie? Auch sie sind nur ein Produkt dessen, was wiederum ihre Eltern von ihnen verlangt haben. Deswegen soll ich mit Waffen und Gewalt durch die Straßen ziehen und anderen Kriminellen den Garaus machen?

Ich pfeife auf den Status der Lions. Ich verachte sie. Es ist mir vollkommen egal, wie viel Macht die Bruderschaft hat. Sie beherrscht nicht nur das Cluaran-College. Nein, ihnen gehört quasi das ganze verdammte Land und sie genießen Narrenfreiheit, ganz gleich, was sie tun. Ich finde das abscheulich.

Verbrecher – das sind die Lions für mich.

Das musste ich schon sehr früh lernen und habe es akzeptiert, so lange, bis sie mir mein eigenes Leben genommen haben.

Mein Vater und sein Bruder gehörten viele Jahre zu den Höchsten der Verbindung und haben ihre Geschäfte nicht gerade vor uns verheimlicht. Ich habe das wahre Gesicht der Lions öfter gesehen, als mir lieb ist, und ich werde dieses dämliche Tattoo nie im Leben tragen. Ich bin kein Lion. Und ich will niemals einer werden.

»Fertig?«, frage ich trotzig und recke kaum merklich das Kinn. Eine für mich ungewöhnliche Geste und Kester weiß das. Ich sehe die Verwunderung in seinen Augen sofort.

»Nächste Woche ist die Abschlussfeier. Ich geh mal davon aus, du fährst nicht nach Hause? Deine Schonfrist ist vorbei, Prinzessin. In den Semesterferien wird Reid dich in alles einweisen.«

Seine Augenbraue wandert in die Höhe, weil ich ihn mit großen Augen anstarre. Allein die Vorstellung, die Semesterferien in Glasgow zu verbringen, bringt mich mehr aus dem Konzept als das dämliche Ultimatum, das Kester mir heute nicht zum ersten Mal stellt.

Eigentlich ist er kein Typ für zweite Chancen. In meinem Fall ist der Grund dafür sein schlechtes Gewissen. Ein letzter Funken Menschlichkeit, den er verspürt, wenn er mich ansieht. Wenn er durch meine Augen in die meines Bruders blickt. Allein deshalb behandelt er mich mit dieser für ihn untypisch sanften Manier. Uns ist das beiden klar. Doch keiner spricht es aus.

Genauso wenig, wie er meine Beweggründe nicht hinterfragt, warum ich meine Eltern niemals besuche. Kester kennt meine Familie. Er weiß, dass meine Mutter eine liebevolle Frau ist und mein Vater alles tun würde, um seine Familie zu beschützen. Doch wie alle sieht er nicht richtig hin. Er erkennt es nicht, das Monster, das sich vor vielen Jahren unter meinem Bett versteckt hat. Das Monster, das immer und überall lauert, ganz gleich, wohin ich gehe.

Und ohne Hunter hatte ich nie eine reelle Chance, ihm zu entkommen. Es gab keinen Ort, an den ich vor ihm fliehen konnte. Was einmal mein Zuhause, meine Heimat war, ist nun ein roter Fleck auf der Landkarte für mich. Ich kann nicht mehr zurück nach Glasgow. Niemals. Dafür schlucke ich die bittere Pille, dass meine Mum beide Kinder verloren hat, als mein Bruder starb. Seine Beerdigung war das letzte Mal, dass ich meine Eltern gesehen habe. Es war der Tag, an dem ich alles hinter mir gelassen habe. In erster Linie mein Leben.

Meine Mum und ich telefonieren jeden Abend und skypen viel. Aber ich schaffe es nicht, über den riesigen Schatten zu springen, um nach Hause zurückzukehren. Hier auf dem College in meinem kleinen Studentenzimmer mit Blick auf die grünen Hügel fühle ich mich sicher. Sicher vor Erinnerungen und Erlebnissen, an die ich nie wieder denken möchte.

Zumindest, solange Kester mir nicht nachstellt und versucht, mich unter Druck zu setzen.

»Ich bin während der Ferien nicht hier«, höre ich mich selbst sagen. Keine Ahnung, wo das herkommt, aber ja, wenn hierbleiben bedeutet, mich mit Reid abzugeben, bin ich lieber woanders. Egal wo. Kesters rechte Hand hat kein Gewissen. Er ist grausam und kaltblütig, und lieber sterbe ich, als zehn Wochen mit ihm zu verbringen. Überhaupt will ich keine Zeit mit den Lions verbringen. Sie dürfen die Wahrheit in meinem Gesicht niemals erkennen. Genauso wenig wie meine Eltern. Wenn ich allein bleibe, ist es für alle das Beste. Niemand außer mir sollte mit den Dingen leben müssen, die mich belasten.

Kester sieht genauso überrascht aus, wie ich mich fühle. Doch jetzt, wo ich den Satz erst einmal ausgesprochen habe, verleiht er mir eine Menge Mut. »Du wirst also noch ein paar Wochen auf mich verzichten müssen.« Und ohne ihm noch einmal in die stechenden Augen zu sehen, mache ich einen Bogen um den finsteren Kerl und trete zurück ins Sonnenlicht.

Bei jedem Schritt werde ich schneller.

Flucht. Das war schon immer mein Mittel der Wahl. Schweiß tritt auf meine Stirn, während ich über den Kiesweg zum Hauptgebäude laufe. Die kleinen Steinchen fliegen in alle Richtungen, weil ich inzwischen renne. Ich muss so schnell es geht Abstand zwischen mich und Kester bringen. Abstand zwischen mich und meine Erinnerungen und am besten zwischen mich und meine Zukunft. Allerdings gibt es keinen Ort, an den ich gehen kann.

Ich bleibe so abrupt stehen, dass ich beinahe auf dem Kies ausrutsche. Nur in letzter Sekunde kann ich mich fangen und ein leichtes Grinsen umspielt meine Mundwinkel. Es fühlt sich fremd an. Doch ich habe eine brillante Idee. Ich weiß jetzt, wohin ich gehen werde.

Auf die Isle of Sin.

Kapitel 2

»Und du bist sicher, dass du nicht doch mitkommen willst? Es geht kaum Wind heute, sicher kann man toll schwimmen.«

Meine Freundin Kylee schiebt ihre Unterlippe nach vorne, was wirklich ulkig aussieht und mich unwillkürlich zum Lächeln bringt. Ein Umstand, der eher selten vorkommt. Erst recht seit ich vor einer Woche das Cluaran-College verlassen habe. Seit ich haltlos zwischen den Wellen treibe ohne Anker, der mich hält.

»Ganz sicher. Die Hitze ist nicht meins«, lüge ich und sehe dabei auf den Boden, aus Angst, sie könnte die Wahrheit in meinen Augen erkennen. Denn eigentlich mag ich den Sommer. Die Wärme der Sonne, die auf meine Haut trifft, und der laue Wind, der durch meine Haare streicht. Ich liebe den Sand zwischen den Zehen und die Wellen, die sanft meinen Körper streicheln. Dennoch habe ich keinerlei Interesse daran, mit Kylee und ihrem Freund an den Strand zu gehen. Der Typ ist mir einfach nicht geheuer.

Als ich vor exakt einer Woche auf der Insel Eilean Ross im schottischen Nordosten angekommen bin, hatte ich die Hoffnung, hier einen Unterschlupf vor all meinen Problemen zu finden. Doch Kylee ist nicht mehr die, die ich vor einigen Monaten kennengelernt habe. Als ich sie das erste Mal gesehen habe, suchte sie Unterschlupf auf dem College. Bei ihrer Ankunft am Cluaran war sie ein einsames scheues Mädchen. Schwanger. Auf der Flucht vor ihren Eltern. Ich habe nie hinterfragt, wie sie auf unserem College gestrandet ist oder warum Kester sie dort akzeptiert hat. Es war unwichtig. Denn zum ersten Mal seit Hunters Tod gab es jemanden, mit dem ich reden konnte.

Unsere erste Begegnung war nur ein filmreifes Über-den-Haufen-rennen wie aus einer schlechten Komödie. Schüchtern haben wir beide unsere Entschuldigung genuschelt und sind im Eiltempo unserer Wege gegangen. Auch am nächsten Abend traf ich sie in der Bibliothek. Wir lächelten uns zu, wohl wissend, am Vorabend recht peinlich auseinandergegangen zu sein. Nach zwei weiteren Tagen, an denen wir zwischen den gleichen Regalen herumschlichen, bot ich ihr die Hälfte von meinem Schokoriegel an und wir kamen ins Gespräch. Wir hatten direkt eine Verbindung zueinander. Da war etwas, das uns zusammenbrachte. Wie ich liebt Kylee die Literatur. Damit fing alles an, doch schnell wurde daraus eine tiefere Freundschaft. Vielleicht nicht so wie bei anderen Mädels, die nächtelang zusammenhocken und sich ihre Fußnägel lackieren. Dafür waren wir beide nicht bereit. Aber wir trafen uns in der Bibliothek oder gingen am Campus spazieren. Meist am späten Abend, um weder den anderen Studenten noch Kester und seinen Jungs über den Weg zu laufen. Unsere Gespräche waren meine Highlights der Woche. Sie haben mich aus einem Tief befreit, aus dem ich allein sicher nicht wieder herausgekommen wäre. Unsere Verbindung ging nicht tief genug, um die Vergangenheit des anderen zu durchleuchten, aber tief genug, um uns das Leben etwas leichter zu machen. Vor allem da wir ein Ziel teilten – am College unbemerkt zu bleiben.

Wir haben nie darüber gesprochen, warum sie ausgerechnet bei den Lions Zuflucht gesucht hatte. Ich war nicht mal sicher, ob sie überhaupt von der Bruderschaft wusste, und ehrlich gesagt, wollte ich es lieber gar nicht wissen. Umso weniger unsere Freundschaft mit den Schattenseiten des Cluaran-Colleges zu tun hatte, desto besser. Ich habe ihr auch nie von Hunter oder meiner sogenannten Bestimmung, ein Lion zu sein, erzählt.

Wir waren zwei einsame Seelen unter Hunderten von Menschen. Sie hat es für mich erträglich gemacht, dort zu sein. An dem Ort, an dem ich ohne Hunter verloren war. So wie überall auf der Welt. Wenn ich mit ihr an ihrem Roman arbeiten durfte oder wir zusammen Babyklamotten genäht haben, war mein Schmerz auszuhalten. Doch im März kam dieser gut aussehende Kerl und sagte, ihr Freund sei gestorben. Alles ging so schnell und ehe sie mir irgendetwas erklären konnte, ging sie fort. Auf eine Insel, von der sie mir einige Male erzählt hatte. Wir haben uns auch danach noch Briefe geschrieben, doch sie hat mir nie erzählt, was all das tatsächlich zu bedeuten hatte. Wahrscheinlich ist es meiner Vergangenheit zu verschulden, dass ich nie weiter nachgehakt habe. Mord und Totschlag sind schon immer feste Bestandteile meines Lebens gewesen.

Jedenfalls habe ich damit gerechnet, auf eine alleinerziehende, traurige Kylee zu stoßen, doch diese existiert nicht mehr. Überhaupt erinnert der Wirbelwind vor mir in keiner Weise an das traurige Mädchen aus dem Ostflügel.

Die neue Kylee ist lebensfroh und abenteuerlustig. Sie trägt knappe Klamotten und lacht den ganzen Tag, wenn sie nicht gerade mit ihrem angsteinflößenden Typen rummacht.

Die Situation ist seltsam. Natürlich freue ich mich, dass sie glücklich ist. Sie hat es verdient nach all den Monaten, in denen sie gelitten hat. Wahrscheinlich bin ich tief in meinem Inneren einfach neidisch. Es war schön, meine Traurigkeit mit jemandem teilen zu können. Nicht der einzige Mensch auf der Welt zu sein, der sich vor dem Leben versteckt. Denn das ist es, was ich tue. Ich flüchte vor der Realität.

Am College dachte ich, wir ständen uns nah, doch seit ich hier bin, in ihrem Haus, habe ich den Eindruck, wir sind uns so fern wie nie zuvor. Ein Gefühl sagt mir, ich sollte nicht hier sein. Ganz gleich, wie sehr sie sich bemühen, gute Gastgeber zu sein. Denn das sind sie wirklich. Brexen – Kylees neuer Freund – ist nett. Knurrig, ja, und wirklich angsteinflößend auf den ersten und auch auf den zweiten Blick. Aber er hat keine Sekunde gezögert, mich freundlich aufzunehmen.

Ich weiß allerdings weder, in welcher Verbindung er genau zu Kylee steht, noch woher die beiden sich kennen. Ich habe es anfangs gewagt, nachzufragen, doch Kylee hat mich mit eigenartigen Ausreden und Geschichten abgespeist, die ich ihr keine Sekunde lang abgenommen habe. Irgendwas schwebt durch die alten Gemäuer dieses Hauses, was mir nicht gefällt.

Brexens Anwesenheit und die Fremdheit, die von Kylee ausgeht, machen mich unruhig. Ich kann so gut wie gar nicht schlafen. Es gibt keinen Schlüssel an der Tür zu meinem Zimmer und ich wage es nicht, danach zu fragen. Ich will nicht, dass sie denken, ich hätte etwas zu verbergen, oder mich als psychotisch Gestörte einstufen. Auch wenn ich genau das bin.

Alles in allem wird die Stimmung zwischen uns jeden Tag gedrückter. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht hier sein sollte. Anfangs dachte ich, ich sei das bekannte fünfte Rad am Wagen, aber mittlerweile bin ich sicher, es steckt mehr dahinter. Ich werde das Gefühl nicht los, dass ihnen meine Anwesenheit in irgendeiner Form, die ich noch nicht verstanden habe, Unbehagen bereitet.

»Fenella«, seufzt Kylee und streicht mir über meine nackten Oberarme. Ich erschaudere bei ihrer Berührung. Warum, weiß ich nicht. Es ist einfach ein Gefühl. »Was ist denn los mit dir? Du hast Urlaub. Entspann dich.«

»Ich bin entspannt.« Die weitere Lüge bleibt mir beinahe im Hals stecken. Doch mein Lächeln zumindest ist halbwegs ehrlich, denn ich möchte Kylee nicht verletzen. Sie hat mich herzlich aufgenommen. Bei meiner ersten Andeutung, ich brauche dringend Urlaub, hat sie mich ohne zu zögern eingeladen. Sie haben mir ein kleines Gästezimmer im Erdgeschoss eingerichtet, in dem wir gerade stehen. Genau über mir befinden sich die Küche und das Wohnzimmer. Kylee und Brexen schlafen mit Kearon ganz oben unter dem Dach. Durch jedes Fenster sieht man hinaus aufs Meer, und morgens, wenn die frische Luft hineinweht, kann man die Wellen hören und das Salz auf den Lippen beinahe schmecken. Außer meinem Zimmer und dem Bad befinden sich auf dieser Etage keine Wohnräume und ich habe größtenteils meine Ruhe.

Doch Entspannung will sich beim besten Willen nicht einstellen. Nicht, solange es so seltsam ist. Und weil ich Hunter vermisse. Weil dunkle Schatten mich verfolgen und in endgültige Dunkelheit einhüllen wollen. Seit ich hier bin schlimmer denn je. Am College war ich abgelenkt. Volle Stundenpläne mit einer Vorlesung nach der anderen. Abgabetermine und so viel Lektüre, dass ich gar nicht hinterherkam. Mein Alltag hat mir kaum Zeit gelassen, nachzudenken. Doch hier gibt es nicht viel außer meiner kaputten Vergangenheit und meiner ungewissen Zukunft, an das ich denken kann. Ich weiß nicht, was ich tun soll, und es gibt niemanden, mit dem ich darüber reden kann. Vielleicht hatte ich vor, mich meiner Freundin ein für alle Mal anzuvertrauen. Endlich alle Last abzuwerfen, die ich seit so langer Zeit allein auf meinen schmalen Schultern tragen muss. Ich weiß mit jedem weiteren Tag, dass ich sie nicht mehr lange halten kann.

Doch unsere Distanz und ihr großer, volltätowierter Freund hindern mich daran, mich ihr zu öffnen. Wenn ich in seine Augen sehe, erkenne ich etwas, das ich schon viel zu oft gesehen habe. Ich traue ihm nicht. Dafür habe ich schon zu viele grausame Menschen in meinem Leben getroffen. Ein Blick in den Spiegel reicht aus, um zu wissen, dass jeder Mensch etwas verbirgt, das niemals gefunden werden soll.

»Du weißt, dass du mit mir reden kannst, wenn dich etwas belastet, oder?« Kylee ist nicht leicht zu täuschen. Sicher spürt sie, dass zwischen uns etwas vor sich geht, über das wir nicht reden. Ihr wird inzwischen klar sein, dass es mir nicht um einen Urlaub ging.

Doch eine innere Stimme rät mir, dass ich ihr entgegen meiner Pläne besser nichts von allem, was mich belastet, erzählen sollte. Ich mochte sie, gerade weil sie mit dieser Seite meines Lebens nichts zu tun hatte. Doch seit ich hier bin, bin ich mir plötzlich unsicher. Ich weiß nicht, ob die Vermutung, sie könne mit den Lions unter einer Decke stecken, nur ein Hirngespinst meines erschöpften Verstandes ist oder mein Instinkt besser funktioniert, als ich dachte. Aber immer häufiger frage ich mich, wer meine Freundin wirklich ist. Was hat sie zum Cluaran getrieben und wer ist der düstere Kerl an ihrer Seite?

»Es ist wirklich alles gut«, heuchele ich und bin Kearon dankbar, der sich in seinem Kinderwagen regt und unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Sofort hellen Kylees braune Augen sich auf und sie löst sich von mir, um nach ihrem kleinen Sohn zu sehen. Das Baby ist wirklich niedlich. So wunderschön und unschuldig. Mit seinen kleinen speckigen Ärmchen und Beinchen. Wenn er einen ansieht und die kleinen Grübchen auf seinen Wangen erscheinen, weil er lächelt, dann steht kurzzeitig die Welt still.

Allerdings kann ich ihn nicht auf den Arm nehmen, ohne schmerzlich daran erinnert zu werden, dass ich niemals mein eigenes Kind in den Händen halten werde. Wie könnte ich? So viele Stunden habe ich meine Mutter stumm dafür angeklagt, dass sie mich mit dieser schweren Bürde auf die Welt gebracht hat. Sie wusste, ihre Kinder hätten niemals eine Wahl. Die Kinder von Arthur Young müssen Lions werden. Genau wie seine Enkel auch. Meine Kinder würden wie ich und Hunter nie eine Wahl haben. Das steht außer Frage.

»Ihm steht die ganze Welt offen«, lasse ich meinen Gedanken freien Lauf und streichele über seine nackten Füße, die noch viel zu klein sind, um durchs Leben zu gehen.

Als Kylee nicht antwortet, sehe ich zu ihr, doch ihre langen dichten Locken, die ihr Gesicht einrahmen, versperren mir den Blick in ihre Augen. »Oder nicht?«, hake ich daher nach.

Mit einer Hand schiebt sie sich ihre Mähne in den Rücken und nimmt den Kleinen aus seinem Wagen, dessen Gesicht immer röter wird, weil er unzufrieden quengelt.

»Doch«, erwidert meine Freundin verzögert, allerdings erhasche ich für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick hinter die unbekümmerte Sommerfassade. Noch ehe ich nachhaken kann, sehe ich im Augenwinkel einen Schatten. Wie immer, wenn er den Raum betritt, ziehe ich den Kopf leicht zwischen die Schultern. Brexen ist ein einschüchternder Mann. Groß und breit gebaut. Er füllt beinahe den ganzen Türrahmen aus. Mit einer Hand stützt er sich am oberen Rahmen ab. Seine harte Fassade wird etwas weicher, sobald sein Blick auf seine Freundin und ihr Baby fällt. Vor drei Tagen bei einem Spaziergang habe ich Kylee gefragt, ob es ihr nichts ausmacht, dass er nicht der Vater ist. Sie hat nur gelächelt, sich bei mir eingehakt und gesagt, ich solle mir keine Sorgen machen. Alles sei so, wie es sein soll. Was auch immer das bedeuten mag. Egal, wie oft ich daraufhin noch versucht habe, Näheres über die beiden in Erfahrung zu bringen, sie haben sämtliche Versuche mit ungeschickten Ablenkungsmanövern abgeblockt.

»Können wir?«, fragt er und ich sehe konsequent auf meine rosa lackierten Fußnägel. Ich kann ihn schlecht ansehen. Die vielen Tattoos, der stechende Blick. Er erinnert mich an vieles, für das ich nicht bereit bin.

»Ja klar. Wir können. Fenella bleibt hier. Du musst also mit uns Vorlieb nehmen.« Kylee schnurrt beinahe wie eine Katze, wenn sie mit ihm redet. Mehr als einmal habe ich mich gefragt, ob er sie deshalb Kitty nennt.

»Nur zu gerne.« Kurz sehe ich zu Brexen, der oberkörperfrei nur in einer schwarzen Badeshorts dasteht und mich mit diesem undurchdringlichen Blick mustert. Meine Erfahrung als Tochter eines Lion-Oberhauptes sagt mir – er traut mir genauso wenig wie ich ihm.

***

Durch meine geschlossenen Augenlider scheint das helle Licht der Sonne und lässt bunte Lichter vor meinem inneren Auge tanzen. Ich weiß, dass Kylee und Brexen zum nördlichen Strand wandern wollen. Das tun sie öfter und in der Regel bedeutet das, sie sind mindestens zwei Stunden weg. Nur deswegen habe ich mich in einen roten Bikini getraut, den ich vor Jahren in einer Spontanaktion gekauft habe und bis heute nie getragen habe.

Während die Möwen über mir kreischen, genieße ich die Brise auf meiner Haut, die das Meer hinauf auf die wunderschöne Terrasse weht. Es ist offensichtlich, warum es den beiden hier so gut gefällt. Es ist die Ruhe. Die Gewissheit, allein zu sein. Ungeschminkt, ohne die Angst im Nacken, jemandem zu begegnen, den man nicht sehen will. Hinzu kommt die faszinierende Natur. Die Mischung aus rauen Klippen, unberührten Wäldern und feinen Sandstränden. Eilean Ross ist ein traumhafter Ort. Eine kleine Insel vor der Küste Portmahomacks, die noch unberührt ist von Menschenhand. Natürlich bis auf dieses Haus, das direkt auf den Klippen liegt und das einzige Gebäude weit und breit ist. Viele Menschen können sicher nicht verstehen, warum Kylee und Brexen so abgeschieden von der Zivilisation leben. Immerhin verzichten sie auf jeglichen Luxus und müssen für jeden Liter Milch eine lange Bootsfahrt in Kauf nehmen. Ich finde das beneidenswert. Ohne andere Menschen gibt es auch niemanden, der einen angreifen oder verletzen kann.

»Na, wen haben wir denn hier?«, reißt mich eine fremde Stimme aus meinen Gedanken und gleichzeitig aus meinem Liegestuhl. Vollkommen erschrocken springe und schreie ich auf. Ein fremder Typ schiebt sich vor mein Blickfeld und ich versuche verzweifelt nach meinem Handtuch zu greifen, das ich für alle Fälle direkt neben mir auf den Tisch gelegt hatte. Er macht einen Schritt auf mich zu und ich taumele panisch rückwärts. Alles geht so schnell und doch habe ich das Gefühl, ich kann in Slow Motion dabei zusehen, wie ich mit meinem Handtuch die Glaskaraffe und mein Glas vom Tisch fege und anschließend das Gleichgewicht verliere. Ich schwanke bedrohlich, will mich an irgendwas festhalten und erwische nur den nicht gerade stabilen Liegestuhl, der, anstatt mir Halt zu geben, mit mir nach hinten kippt. Unsanft lande ich auf dem Hintern und sofort spüre ich die Scherben, die sich in meine Handflächen bohren.

»Wow«, stößt der Fremde aus und will mir schmunzelnd zu Hilfe kommen. Sein Körper schiebt sich vor die tiefstehende Sonne, er hält mir die Hand hin und zum ersten Mal sehe ich sein Gesicht.

Und halte inne.

Ich kenne ihn.

»Das nenn ich mal ’ne Begrüßung«, witzelt er. Mir entgeht nicht, wie er sich bemüht, ein Lachen zu unterdrücken.

»Du bist Isaac«, stoße ich aus und nehme meine Hände von den schwarzen Terrassenplatten. Ich kenne den Typ, der mich wortwörtlich zu Fall gebracht hat. Isaac. Soweit ich weiß, ist er Kylees Cousin.

Mit schmerzverzehrtem Gesicht sehe ich weiter ihn an statt meine Verletzung. Der Schmerz ist stechend und ein feuchtes, warmes Gefühl breitet sich auf meinen Handballen aus, doch ich will es nicht sehen. Ich hasse Blut. Blut ist mein schlimmster Trigger.

Sein Ausdruck wird ernster, dann legt er den Kopf auf die Seite und kneift seine Augen etwas zusammen. Sie sind blau. So blau wie Hunters und meine. So blau wie … Ich schüttele den Gedanken an meinen ältesten Feind ab und versuche den Schmerz zu ignorieren, der bei der kleinsten Bewegung auf dem harten Boden in meinen Hintern schießt.

»Ich kenne dich. Du warst mit Kylee auf dem Cluaran.« Bei der Erkenntnis weicht er ein Stück zurück und ich kann seine Aversion sehr gut nachvollziehen. Die Studenten vom Cluaran-College sind entweder reiche verzogene Gören oder gehören den Lions an. Oder beides gleichzeitig, was den Worst Case bedeutet.

»Fenella«, stöhne ich und wage nun doch einen Blick auf meine Hände. Wie erwartet bluten die Schnitte und ich wende angewidert das Gesicht ab.

»Komm«, sagt Isaac und zieht mich an den Ellbogen auf die Beine. »Ich helfe dir.«

Sobald ich wieder sicher auf meinen Flip-Flops stehe, wird mir bewusst, dass ich nichts weiter trage als meinen knappen Bikini. Darum lege ich die weniger blutende Hand um meinen Oberkörper, was total bescheuert ist, weil ich mich damit nur zum Affen mache, anstatt meine Haut zu verstecken. Isaac zieht eine Augenbraue nach oben und lässt seinen Blick arrogant an meinem Körper hinabwandern. Meine Brüste sind nicht sonderlich groß und das Oberteil bedeckt alles Wesentliche, und doch komme ich mir vor, als wäre ich komplett nackt.

»Es geht schon«, presse ich hervor. So schnell ich kann, ducke ich mich an ihm vorbei und versuche mich aus dieser Situation herauszubringen.

»Hey! Nicht so schnell.« Blitzschnell umfasst er mein Handgelenk und fixiert mich an Ort und Stelle. Noch von meinem Sturz ganz außer Atem, schnappe ich nach Luft, weil seine Berührung so unerwartet kommt. Aber anders als gedacht, lässt er mich daraufhin nicht los, sondern zieht mich näher zu sich. »Wohin so eilig, Schneewittchen? Lass mich das sehen.«

Seine stahlblauen Augen, die sich bis gerade noch in meine gebohrt haben, senken sich und wandern über meine Brüste. Nach wie vor versuche ich diese notdürftig mit einem Arm zu verdecken und schnell geht sein Blick weiter zu unserer Berührung. Er dreht meine Hand so in seiner, dass wir beide freien Blick auf die Schnittwunden haben. Doch ich bemerke den Schmerz kaum. Viel mehr ist mein Körper damit beschäftigt zu begreifen, wie dicht dieser Mann – komplett in Schwarz gekleidet – vor mir steht. Seine Nähe bringt mich vollkommen aus dem Konzept. Isaac ist groß und schmal gebaut, aber das T-Shirt mit den kurzen Ärmeln spannt über seinen Oberarmen. An der rechten Innenseite blitzt ein Tattoo hervor, doch ich kann nicht erkennen, was es ist, weil seine Stimme meine Erkundung unterbricht.

»Das ist nicht besonders tief, aber wir sollten das reinigen, um sicherzugehen, dass keine Splitter mehr in der Haut stecken.«

Ich hebe zaghaft den Kopf, um ihm in sein markantes Gesicht zu sehen. Goldene Locken hängen ihm so tief ins Gesicht, dass sie seine Wimpern berühren. Er schiebt sie mit der freien Hand aus der Stirn, damit auch er mich besser ansehen kann.

Ein Umstand, der meine Nervosität nicht gerade mildert. Sofort senke ich den Kopf gen Boden. Ein Jammer, dass ich meine schwarzen langen Haare in einem hohen Dutt trage. In Situationen, in denen ich mich unwohl fühle, bin ich dankbar, wenn sie sich wie ein Vorhang um mein Gesicht legen und mich vor dem Rest der Welt verstecken. Aber natürlich musste ich mich ausgerechnet an dem Tag, an dem ein höllisch gut aussehender Kerl auf der einsamen Insel auftaucht, im freizügigsten Outfit, das ich besitze, mit hochgebundenen Haaren auf die Terrasse trauen. Auch wenn es sicher nicht nett gemeint war, Isaac nennt mich wohl nicht ohne Grund Schneewittchen. In der Regel zeige ich mich vor niemandem derart unbedeckt. Meine Haut ist schneeweiß im Vergleich zu seiner. Auf bittere Art und Weise musste ich viele Jahre lernen, dass es sicherer für mich ist, keine Begehrlichkeiten zu wecken.

Ich kann mich nur allzu gut an den Tag erinnern, an dem ich meiner Mum von Onkel Fearghas Annäherungsversuchen erzählen wollte. Natürlich habe ich erst mal so getan, als ginge es um eine meiner Freundinnen – der älteste Trick aller Zeiten. Doch bevor ich überhaupt irgendetwas erklären konnte, hat sich ein Satz in mein Herz gebrannt, mit dem sie mich abgespeist hat. ›Wenn deine Freundin eins von den Mädchen ist, die ihre Brüste für jedermann zur Schau stellen, aber nicht damit leben können, wenn sie daraufhin angesehen werden, dann muss sie an ihrem Verhalten arbeiten, Fenella.‹

So einfach war die Geschichte für sie. Ich weiß, dass sie es nicht böse gemeint hat und keine Ahnung hatte, worauf ich eigentlich hinauswollte. Dennoch zweifelte ich an mir. Von Stund an trug ich keine weit ausgeschnittenen Shirts oder kurzen Röcke mehr. Nach einer Weile bedeckte ich mich von Kopf bis Fuß. Überraschung – es hat nichts gebracht.

»Hier.« Ich habe nicht mal bemerkt, dass ich die Augen geschlossen habe. Ich tue das gern. Wer hat als Kind nicht daran geglaubt, dass man unsichtbar wird, wenn man selbst nichts mehr sehen kann. Ich hoffe hin und wieder immer noch darauf.

Als ich sie jetzt wieder öffne, hält Isaac mir mein Handtuch hin und entlässt mich endlich aus seinem Griff.

»Danke«, flüstere ich. Ohne zu zögern halte ich mir den von der Sonne aufgewärmten Frotteestoff vor den Körper und drücke einen Zipfel gegen meine noch immer blutenden Hände. »Ich sollte reingehen.«

Schwer atmend fixiere ich einen Punkt vor mir. Eine kleine abgeplatzte Ecke in einer der Terrassenplatten. Ich kann ihn nicht noch einmal ansehen.

»Brexen finde ich wo?«, hakt Isaac nach, als ich an ihm vorbeihechten will. Der schwache Wind weht seinen Duft zu mir herüber und sorgt dafür, dass ich am liebsten noch einmal die Augen schließen möchte. Er riecht herb nach Parfüm, aber auch frisch nach Wäsche und … ich weiß nicht … Leben?

»Spazieren, aber sie sind sicher gleich zurück.«

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, stürme ich ins Haus und schließe die Badezimmertür hinter mir. Auch hier gibt es keinen Schlüssel und es macht mich wahnsinnig, mich nicht einsperren zu können.

Erst als ich das kalte Türblatt an meinem nackten Rücken spüre, atme ich tief ein und aus. Ganz gleich, was ich mir vorgestellt habe, als ich aufgebrochen bin, um Kylee zu besuchen. Männer wie Brexen oder Isaac standen sicher nicht auf meiner Must-have-Liste für diesen Sommer. Was rede ich … eher für dieses Leben.

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