Leseprobe zu Cruel Boss – Er wird dich lieben

Ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel 1: Domenico

Sollte es mich nicht überraschen? Oder zumindest schockieren? Vielleicht sollte ich auch wehmütig auf das Dokument sehen, das vor mir auf meinem Schreibtisch lag und offenkundig zur Beerdigung von Francesco Santis einlud. Mit dicker schwarzer Tinte war die Einladung gedruckt worden, die über Umwege ihren Weg zu mir gefunden hatte. Ein weiteres Mitglied des Santis-Clans war tot. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass irgendwer es auf die Familie abgesehen hatte. Zuerst starb die Mutter der Santis-Kinder, weil sie sich selbst das Leben nahm, um von ihrem Mann wegzukommen. Dann erschoss sich der jüngere Bruder beim Russisch Roulette selbst. Und nun das … ein Mord. Grundsätzlich nichts Ungewöhnliches bei der Mafia, immerhin konnte ich selbst die Anzahl der Männer nicht zählen, die durch meine Hand umgekommen waren. Doch das hier war anders. Es war kein Eindringling im Haus der Santis gewesen. Niemand, der ihnen hätte schaden wollen. Und dennoch war das Oberhaupt jetzt tot. Er hinterließ drei Kinder und ein millionenschweres Erbe, stand in großen Buchstaben im untersten Absatz. Ich seufzte. Kinder. Das hörte sich falsch an. Tarrant und Lynn waren Kinder – Alessios und Antonios Kinder, um genau zu sein -, aber Davide, Isabella und Aurora waren erwachsen, auch wenn Aurora knapp zehn Jahre jünger war als ich.

»Du solltest aufhören, auf den Zettel zu starren, bevor er in Flammen aufgeht. Es ist beängstigend. Du machst das schon seit Stunden.« Alessio stieß sich von der gegenüberliegenden Wand ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein dunkles Haar war zerwühlt, als wäre er gerade erst aus seinem Ehebett gestiegen, nachdem Lyra mit ihm fertig geworden war. Oder er mit ihr. Doch seitdem war einige Zeit vergangen. Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie er in mein Büro spaziert war, als gehörte es ihm und mir grinsend die Beerdigungseinladung überreicht hatte.

»Und du siehst mir seit Stunden dabei zu. Um wen von uns sollte ich mir nun Sorgen machen?« Es war ein Scherz, wenn auch kein guter. Wir beide waren wohl nicht ganz normal, keiner bei der Mafia, und mein Bruder am allerwenigsten, aber um uns sorgte ich mich tatsächlich nicht. Nein, es ging um das Mädchen von nebenan, das mich dazu brachte, meine Arbeit zu vernachlässigen und immer wieder von dem Zettel zum Fenster und wieder zurückzusehen. Wenn ich durch die Scheibe blickte, konnte ich das riesige Anwesen der Familie Santis sehen. Es war pompös und noch größer als unseres, obwohl sie weniger Geld besaßen als wir. Doch für die Santis war es immer ein Statussymbol gewesen, während es für uns nur ein Haus war. Ein wichtiges, aber bei uns ging es eher um die Menschen, die darin wohnten. Meine Brüder, Alessio und Antonio, die mich immer unterstützt hatten und gleichzeitig meine besten Freunde waren. Lyra – Alessios Frau -, die unermüdlich dafür sorgte, dass die Witze meines jüngsten Bruders sich in Grenzen hielten. Sie erdete ihn und zwang ihn, nicht ständig ein Vollidiot zu sein. Und Alice, die nicht nur der warmherzigste Mensch war, den ich kannte, sondern auch die Schwester für mich geworden war, die ich nie gehabt hatte. Diese Menschen waren meine Familie und das würden sie auch bleiben, egal in welchem Gebäude wir lebten.

»Was werden wir tun?« Alessio ließ die Schultern sinken und sah ebenfalls auf den Zettel hinab, der auf meinem Schreibtisch lag. Eine Falte bildete sich über seiner Nase, als er die Augenbrauen zusammenzog. »Ich weiß, wir mussten sie loswerden, aber ich dachte nicht, dass sie sich selbst zerstören würden.« Seine Stimme nahm eine düstere Färbung an, dabei hätte ich am liebsten losgelacht. Wir mussten sie loswerden. Das war untertrieben. Diese Arschlöcher hatten uns das Leben zur Hölle gemacht. Sie hatten Alice entführt, Lyra an Menschenhändler verkauft und behandelten auch ihre eigene Belegschaft wie Dreck. Frauen waren bei ihnen nichts wert, weshalb Elvira Santis – Auroras Mom – ihrem Leben lieber selbst ein Ende bereitet hatte, als nur einen weiteren Tag mit ihrem Mann verbringen zu müssen. Es wäre ein würdiges Ende gewesen, wenn eine von ihnen Francesco eine Lektion erteilt hätte und er daran verreckt wäre. Doch so war es nicht gekommen. Stattdessen hatte jemand ihn abgestochen. Hinterrücks in seinem Schlafzimmer. Einfach so.

»Egal, wer ihn am Ende umgebracht hat, die ganze Belegschaft ist somit in Gefahr«, sprach ich aus, was er wahrscheinlich schon wusste. Es musste ein Verräter gewesen sein oder ein Spitzel und vermutlich war er in diesem Moment im Santis-Haus und wartete nur darauf, den Nächsten aus der Linie zu töten. Oder war wirklich nur Francesco das Ziel? Es war schwer vorstellbar, aber vielleicht hatte auch jemand eine persönliche Rechnung mit ihm offen gehabt. So wie ich. Mir hatte er nie etwas getan, doch mit jedem Jahr, das Aurora älter wurde, wurden die Male stärker. Blaue Flecken, Schnitte, Narben. Und die Tränen. Fuck, die Tränen, die im Licht der Sonne schimmerten und sie wunderschön aussehen ließen. Doch sie sollte nur wegen mir und vor Glück weinen und nicht wegen ihres Dads. Ich wollte ihn dafür leiden lassen. Aber das blieb mir nun verwehrt. Irgendwer hatte mir diese Chance genommen. Niedergeschlagen stützte ich mich auf der Tischplatte ab.

Alessio sah sich in meinem Büro um, obwohl er es besser kannte als irgendjemand sonst. Dann grinste er. »Und? Das geht uns nichts an. Wir sind sie los. Lass uns eine Party schmeißen.« Er lachte, aber es klang nicht so fröhlich wie sonst, was entweder daran lag, dass er kaum noch zum Schlafen kam, oder er die gleichen Bedenken hatte wie ich. Die Santis waren harte Gegner gewesen, aber wir hatte sie gekannt. Wir wussten nicht, welche Probleme uns blühen würden, wenn irgendwer den Platz von Francesco einnahm.

»Francesco war ein Arschloch …«, begann ich und erhob mich aus meinem Stuhl. Ich konnte nicht mehr länger hier sitzen, sonst würde ich wirklich noch durchdrehen, dabei war ich der Letzte, der sich das leisten konnte. Auf meinen Schultern lag die Verantwortung für unseren gesamten Clan. Ein Aufenthalt in der Psychiatrie wäre auch eher etwas für Alessio. Ich musste stark sein und bleiben. Egal, wie oft ich an Aurora dachte. An ihr schmales Gesicht mit der kleinen Stupsnase und den Tränen, die von der Spitze auf den Boden tropften. Fuck! Nicht schon wieder.

»Das ist noch nett ausgedrückt«, rief Alessio dazwischen und schnalzte abfällig mit der Zunge. Die Furche über seiner Nase wurde noch tiefer. Das konnte auch das Lächeln auf seinen Lippen nicht ausbügeln, auch wenn es eigenartig war, dass er gleichzeitig glücklich und besorgt aussah. Doch jetzt ging es schließlich nicht mehr nur um ihn. Nein, es ging auch um Lyra und das Baby, das sie erst vor einem Monat bekommen hatte.

» … aber dort leben Menschen, Alessio. Leute, die es sich nicht ausgesucht haben, bei ihm bleiben zu müssen. Wir können sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Du kanntest den alten Santis, selbst wenn er tot ist, kann er noch Schaden anrichten.« Und das würde er. Hatte er genau genommen schon. Er hatte seine Leute zu einem Leben in Sklaverei verdammt – sogar über seinen Tod hinaus. Für ihn waren sie Gegenstände. Dinge, die ihm gehört hatten und deshalb vererbte er sie. Es war widerlich. Fahrig fuhr ich mir übers Gesicht und unterdrückte ein Gähnen. Ich musste mir dringend angewöhnen, früher ins Bett zu gehen, oder später aufzustehen.

»Es geht um sie, richtig?« Alessio trat näher an mich heran und legte mir über den Schreibtisch eine Hand auf die Schulter, sodass ich seinem Blick nicht ausweichen konnte. Deshalb versuchte ich, meine Miene so starr wie möglich zu halten. Doch ich schaffte es nicht. Ich war müde. Die letzten Wochen und das Kindergeschrei hatten auch mich um meinen Schlaf gebracht. Außerdem hatte ich mehr Arbeit, als ich allein bewältigen konnte. Es war anstrengend und hörte nicht auf. Es war, als hätten es sich unsere Händler zur Aufgabe gemacht, mich zur Weißglut zu treiben. Ständig platzten unsere Deals, irgendwer wurde verhaftet oder verstarb, weil sie dumm genug waren, sich von unseren Feinden erwischen zu lassen. Es war zum Kotzen. Also log ich nicht. Diesmal zumindest. Wenn ich bei meinen Brüdern nicht ehrlich wegen dieser Sache sein konnte, bei wem sonst? Sie würden mich nicht verurteilen, richtig? Ja, Aurora war genau genommen unsere Feindin, aber … ich schaffte es trotzdem nicht, sie nicht zu wollen.

»Ich habe sie seitdem nur einmal wiedergesehen und das war kurz vor deiner Hochzeit. Sie hatte sich extra herausgeschlichen, um Alice mit Lyras Haaren zu helfen, aber wenn Francesco sie erwischt hat, dann … Wenn sie noch lebt …« Vielleicht tat sie es nicht mehr. Wahrscheinlich hatte Francesco sie töten lassen, oder es vielleicht sogar selbst getan, nachdem er von Auroras Hilfe bei Alice´ Rettung erfuhr. Und ich? Jagte nun einem Gespenst hinterher, weil mein kaltes Herz bei dem Anblick ihrer Tränen zum ersten Mal wieder aufgetaut war. Dabei gab es genug hübsche Frauen, die sich mir an den Hals warfen. Jede von ihnen hätte ich in mein Bett mitnehmen können. Doch stattdessen wollte ich das Mädchen mit den rabenschwarzen Haaren und den blutroten Lippen, mit denen man sie besser Schneewittchen genannt hätte.

»Sobald Davide den Clan übernimmt, ist sie tot.« Alessio legte den Kopf schief und verzog zerknirscht die Mundwinkel. Anscheinend hatte auch er noch vor Augen, wie Aurora zur Waffe griff und ihrem eigenen Bruder ins Bein schoss, damit wir Alice befreien konnten. Ja, Davide war wütend auf seine Schwester gewesen. Er wollte Blut sehen und wenn das bisher noch nicht passiert war, weil Francesco noch andere Pläne mit ihr im Sinn gehabt hatte, dann wäre es spätestens so weit, wenn er das Erbe antrat. Und das würde er. Es sei denn, jemand ließ sich auf das kranke Spiel von Francesco ein.

»Eben.« War ich dumm genug, das mitzumachen? Ich wusste es nicht. Für Aurora vielleicht, aber es sprach so viel dagegen. Irgendwas musste Francesco geplant haben, richtig? Sonst wäre niemand bereit, seinen Erben das anzutun und sie zu verscherbeln wie defekte Geräte.

Alessio schnaubte und ich war mir fast sicher, dass er sich gerade Davide in unserem Folterkeller vorstellte, und wie er ihm mit einem Messer langsam das Fleisch von den Knochen schälte. Vielleicht würde er seine Rache wenigstens irgendwann bekommen. »Aber? Es ist ja nicht so, als könnten wir etwas dagegen tun. Davide ist der einzige Sohn und …«

»Und sein Padre hat ihn gehasst. Er hielt ihn für unwürdig.« So unwürdig, dass er sogar einem Fremden lieber den Clan überlassen hätte als ihm. Die ultimative Strafe für einen geächteten Sohn. Ursprünglich hätte Henry den Clan übernehmen sollen, doch er hatte sich vor knapp einem Jahr lieber das Gehirn beim Kampf mit Alessio weggeschossen. Ich hatte gedacht, dass Francesco dann auf den nächsten Erben umschwenken würde, doch stattdessen war beim Zettel für die Beerdigung auch noch ein Ausschnitt aus einem Testament dabei gewesen. Schon beim Lesen hatten sich bei mir alle Haare im Nacken aufgestellt und auch jetzt bekam ich eine Gänsehaut bei dem Gedanken, dass jemand dazu fähig war, seiner eigenen Familie das anzutun. Ich schüttelte Alessios Arm ab und drehte mich von ihm weg zum Fenster, durch das ich Aurora früher beobachtet hatte. Durch die Scheibe konnte ich direkt auf die kleine Steinbank sehen, auf der sie immer gesessen und geweint hatte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen bei der Erinnerung.

»Na und? Er ist tot.« Alessio grinste. Er wurde es anscheinend nicht müde, das immer und immer wieder zu sagen. So als könnte er es immer noch nicht glauben. Dabei gab es keinen Zweifel. Irgendjemand – der wirklich keinen Sinn für Pietät hatte – war sogar so dreist und hatte ein Bild mitgeschickt, auf dem Francesco zu sehen war. Blutüberströmt und mit einem Messer im Rücken. So musste er wohl gefunden worden sein.

»Aber er hat ein Testament gemacht.« Ich seufzte. Und was für eines. Keine Ahnung, ob derjenige, der für seinen Tod verantwortlich war, davon wusste, welchen Schaden er angerichtet hatte.

Obwohl es mir schwerfiel, wandte ich meinen Kopf wieder meinem Bruder zu und verdrängte das Bild von verweinten Augen, das in meinem Kopf herumspukte. Aber das war immer noch besser, als mir starre, leere Pupillen vorzustellen.

»Und? Mach es nicht so spannend, Dom«, drängte Alessio und fuhr sich durch die Haare, sodass einzelne Strähnen vor seine Augen fielen. Sie waren gerötet. Seine Pupillen waren kleiner als Stecknadelköpfe. Er musste dringend in ein Bett.

»Er verkauft den Clan an den Meistbietenden.« An uns, zumindest wenn wir es wollten. Niemand hatte so viel Geld wie unsere Familie. Wenn wir ihn wirklich übernehmen wollten, würde ihn uns niemand streitig machen. Aber wollte ich das? In den letzten Stunden war diese Frage alles, über das ich nachdenken konnte. Und Aurora. Immer wieder Aurora. Sollten wir ihren Clan übernehmen oder nicht? Wenn niemand ihn wollte, würde er am Ende doch an Davide gehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass kein anderer Clan Interesse daran hatte, eine so alte und bekannte Mafiafamilie zu vereinnahmen, war so gering, dass ich nicht einmal einen Dollar darauf verwetten würde. Wie ein Tier, gefangen im Käfig, begann ich hinter dem Schreibtisch auf und ab zu gehen. Ich fühlte mich plötzlich gefangen, rastlos, als wäre ich eingesperrt ohne Ausweg. Es war ein beschissenes Gefühl.

»Was? Er verkauft den Clan? Ist das sein Ernst? Wie kann er das tun? Da geht es um die Zukunft seiner Familie. Damit macht er sie zu Freiwild.« Alessio riss die Augen auf. Sein Mund klappte auf. Unglaube stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er rieb sich über die Stirn, als wäre es dann leichter, die Informationen in den Kopf zu bekommen. Ich verstand ihn gut. Auch ich hatte Angst, mein Schädel würde gleich platzen.

»Das will er«, bestätigte ich und dachte wieder an die letzten Zeilen auf dem beschissenen Auszug des Testaments. Er hatte sie alle verkauft und das nicht, weil er musste, sondern, um sie ein letztes Mal zu quälen. Ich erschauderte. Wie viele Tränen würde Aurora vergießen, wenn sie davon erfuhr? Oder hatte sie wirklich Glück und war schon tot, sodass sie es nicht mehr miterleben musste?

»Wie meinst du das?« Alessio beugte sich zum Schreibtisch. Er hatte die Nachricht also nicht gelesen, bevor er sie mir überbracht hatte, genau wie es sich für einen Underboss gehörte. Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass ich es ihm erzählen würde. Und Antonio ebenfalls.

»Aurora lebt vielleicht noch. Ihr Dad hat ihre Jungfräulichkeit mit ins Testament geschrieben und verkauft sie ebenfalls. Wenn er diese Scheiße erst aufgesetzt hat, nachdem Henry gestorben ist, besteht die Möglichkeit, dass es ihr gutgeht.« Ich blieb stehen, schob den Auszug des Testaments vor ihn hin, damit er es selbst lesen konnte. Er fuhr mit dem Finger die krakelige Schrift nach, die in schwarzer Tinte geschrieben worden war.

»Worauf wartest du dann noch?«, fragte Alessio, als er fertig war und hob seinen Kopf, um mich wieder ansehen zu können. Wut huschte über sein Gesicht. Doch mir war nicht ganz klar, gegen wen sie sich richtete. Francesco, der es gewagt hatte, wirklich alles seinen Feinden anzubieten, obwohl er gewusst hatte, dass wir bezahlen und danach alle umbringen könnten? Oder mich, weil ich noch überlegte, ob wir die Santis vor diesem Schicksal bewahren sollten?

»Sie wird mich hassen.« In Gedanken stellte ich mir wieder Auroras Gesicht vor. Die langen Wimpern, die ihre Augen umrahmten und das blasse Muttermal an ihrer Schläfe. Das Glimmern, das sie immer umgab, als wäre sie ein Engel, ließ sie in diesem Moment so real wirken. Würde sie verstehen, warum ich das tat, obwohl ich wusste, wie sehr sie frei sein wollte? Wäre sie dankbar, dass ich sie davor bewahrte, zu einem Fremden gehen und mit ihm leben zu müssen? Oder würde sie mich verachten, weil ich ihr die Chance nahm, selbst zu entscheiden?

»Besser, sie hasst dich hier, als dass sie irgendwo bei einem anderen Clan vergewaltigt und ermordet wird.« Alessio legte die Stirn in Falten und ging hinüber zur linken Ecke, in der ein silberner Wagen voller Glaskaraffen stand. Sie waren alle gefüllt mit Alkohol. Zumindest waren sie heute Morgen noch voll gewesen. Inzwischen waren sie zur Hälfte geleert. Verdammt, ich sollte aufhören, meine Probleme in Alkohol zu ertränken. Am Ende wurde ich wirklich noch wie Dad, der jeden Tag gearbeitet hatte und damit erst aufhörte, als aufgrund des Alkohols die Buchstaben vor seiner Sicht verschwammen. Aber er hatte wenigstens die Ausrede gehabt, dass Mom gestorben war. Was war meine Ausrede? Genau, ich hatte keine. Er würde wahnsinnig enttäuscht sein, wenn er auf seiner Insel, auf die er sich nach seinem Ruhestand zurückgezogen hatte, davon hörte, wie ich jämmerlich als Boss versagte.

»Es ist viel Geld«, gab ich zu bedenken. Und das stimmte. Sicher, wir hatten es, aber deshalb sollten wir es uns dennoch gut überlegen. Ich wollte keine voreiligen Entschlüsse fassen und mich am Ende falsch entscheiden. Doch mir wurde mehr und mehr klar, dass es hier keine richtige Entscheidung gab. Kaufte ich den Clan nicht, verdammte ich Aurora zu einem Leben als Sexsklavin für irgendjemanden, dem es egal war, ob sie sich schlussendlich umbrachte wie ihre Mom. Tat ich es doch, holte ich unsere Feinde in unsere Mitte. Es war eine Zwickmühle und ich hatte zum ersten Mal keine Ahnung, was ich tun sollte. Das Gefühl kannte ich nicht. Und wenn ich ehrlich war, mochte ich es auch nicht. Ich hatte die Kontrolle. Immer. Ich schüttelte den Kopf. Ja, diesmal war es anders. Zum Kotzen.

»Wir haben es, also worum geht es hier wirklich?« Alessios Blick brannte sich in meinen, während er, ohne zu blinzeln, auf meine Antwort wartete. Verdammt, er hatte mich durchschaut. Ich suchte händeringend nach Ausreden, um den Clan nicht zu kaufen. Leider fand ich auch genug. Es sprach so viel dagegen und das Einzige, das dafürsprach, war meine kranke Obsession gegenüber dem Mädchen von nebenan. Ich hatte sie schon immer beobachtet und je älter ich wurde, desto schlimmer wurden die Vorstellungen, was ich mit ihrem Körper anstellen könnte. In jeder einzelnen sah ich, wie sich ihre bleiche Haut rot verfärbte und am Ende dicke Tränen des Glücks über ihre Wangen liefen, während sie sich mir hingab und sich unter mir wand.

»Jemand hat ihn umgebracht, Alessio. Einer seiner eigenen Männer und da wir nicht wissen wer, holen wir uns einen Mörder in die eigenen vier Wände, wenn wir den Santis-Clan übernehmen. Vor ein paar Monaten wäre das noch kein Problem gewesen, aber jetzt …« Ich verstummte. Jetzt war alles anders. In den letzten zwei Jahren hatte sich alles geändert. Angefangen hatte es mit Alice´ Einzug und nun waren wir nicht mehr die drei Graza-Söhne, die jede Nacht eine andere abschleppten. Nein, wir waren eine Familie.
»Oh mein Gott! Die Kinder!«, rief Alessio aus, als ihm klar wurde, worauf ich hinauswollte. Schock mischte sich in seine Miene. Seine Augen wanderten unruhig hin und her, als würde er nach einer Lösung suchen. Doch genau wie ich kannte er keine. Als hätte er als frischgebackener Daddy nicht schon genug Probleme. Seine Tochter war gerade erst ein paar Wochen alt.

»Ich würde niemals meine Nichte und meinen Neffen in Gefahr bringen.« Und ich meinte es tatsächlich so. Auch wenn die kleine Lynn mir schlaflose Nächte bereitete und Alice´ Sohn Tarrant – der passenderweise nach dem Hutmacher aus Alice im Wunderland benannt war – mir meinen Pudding wegaß, so liebte ich die beiden dennoch abgöttisch. Weil sie mich immer zum Lächeln brachten, egal wie hart mein Tag gewesen war. Und weil sie das untrügliche Zeichen dafür waren, dass meine Brüder endlich gefunden hatten, was ihnen jahrelang gefehlt hatte.

»Nicht einmal für sie?« Alessio nahm sich eine der Karaffen und drehte eines der sauberen Gläser richtig herum, um sich einzuschenken. Die braune Flüssigkeit schwappte ins Glas und er hörte erst auf, als es bis zum oberen Rand gefüllt war. Erst dann stellte er die Glaskaraffe an ihren Platz zurück, hob den Drink an seine Lippen und schüttete sich den Alkohol in den Rachen. Alles auf einmal, bis kein Tropfen mehr übrigblieb.

»Frag mich das nicht. Die Familie kommt zuerst.« Das tat sie immer. Dad hatte uns das schon beigebracht, als wir noch nicht einmal laufen konnten. Es war unser Kodex. Und wir hielten uns daran. Jeder von uns würde für den anderen sein Leben geben. Das machte uns unter den Clans einzigartig. Wir waren nicht nur durch Blut und Loyalität verbunden, sondern durch Liebe.

»Aber wir wären keine Familie, wenn es sie nicht gegeben hätte. Sie hat meiner Frau das Leben gerettet und wir lassen sie nicht sterben. Tu es, Dom!«

Blitzschnell drehte ich meinen Kopf zur Tür, als ich die Stimme von Antonio erkannte. Und tatsächlich stand er im Türrahmen und lauschte unserer Unterhaltung. Wie viel er bereits mitbekommen hatte?

»Was ist mit Alice und Lyra? Ich könnte mir niemals verzeihen, wenn …«, begann ich zweifelnd und wollte erneut alle Argumente bringen, die dagegensprachen. Doch er hatte recht. Sie hatte Alice gerettet. Ohne sie würde es Tarrant gar nicht geben und nun sollte ich sie im Stich lassen? Sah so meine Dankbarkeit aus? Verflucht! Ich hätte sie schon vor Monaten da rausholen sollen. Auch gegen ihren Willen. Doch sie wollte nicht weg. Für mich absolut unverständlich. Andererseits hatte sie noch eine Halbschwester, die sie vermutlich nicht verlassen wollte. Isabella. Francesco hatte sie mit einer seiner vielen Liebschaften gezeugt. Vermutlich vor den Augen von Auroras Mom, um sie noch mehr zu quälen.

»Könntest du dir verzeihen, wenn Aurora etwas passiert?«, unterbrach Antonio mich und schüttelte den Kopf, als würde er seine eigene Frage beantworten wollen. »Bruder, mir würde im Traum nicht einfallen, dich zu kritisieren. Seit du die Position als Boss übernommen hast, laufen die Geschäfte besser als je zuvor, aber …« Er stoppte. Ein Seufzen kam über seine Lippen. Hilfesuchend sah er zu Alessio, doch der war dazu übergegangen, sich ein weiteres Glas einzuschenken und so zu tun, als würde er es nicht sehen.

»Was?«, bohrte ich nach. Sicher, wir hatten umwerfende Zahlen, aber er log dennoch. Vieles ging schief. Das war zwar bei Dad auch der Fall gewesen, aber er hatte schneller reagiert. Besser. Ich war noch zu neu in dem Job und hatte ständig das Gefühl, irgendwelche Fehler zu machen.

Antonio räusperte sich und setzte erneut zu sprechen an. »Es fällt auf, Domenico.« Seine Stimme nahm einen rauen Unterton an. Er wich meinem Blick aus. »Du arbeitest und arbeitest und arbeitest und selbst wenn du nicht arbeitest, bist du hier in deinem Arbeitszimmer und starrst aus dem Fenster in der Hoffnung, sie zu sehen. Wir wollen uns ja nicht in dein Liebesleben einmischen, aber …« Er holte tief Luft und diese Möglichkeit nutzte ich, um ihn abzuwürgen. Ich wollte es nicht hören. Dachte er wirklich, ich wusste das nicht? Aber was sollte ich denn machen? Ich konnte ja schlecht alles stehen und liegen lassen, um … ja, was? Die Frau fürs Leben zu finden? Nur weil das bei ihnen funktioniert hatte, musste es auf mich nicht zutreffen.

»Dann tut es nicht! Außerdem habe ich kein Liebesleben.« Und ich wollte auch keines, richtig? Richtig! Nur leider wurde ich die kleine Stimme in meinem Hinterkopf nicht los, die Auroras Namen flüsterte. Immer und immer wieder.

»Genau das ist das Problem.« Alessio lachte schallend und nippte an seinem nächsten Drink, während er aus der Ecke kam und sich neben Antonio stellte. Sie bildeten eine Front. Auch wenn ich wusste, dass sie nur das Beste für mich wollten, war es hart, sie zusammenstehen zu sehen. Sie waren ein Team. Sie verstanden sich auf eine Weise, die ich nicht nachvollziehen konnte. Ich wusste nicht, wie es war, eine Frau so stark zu begehren, dass ich sie schon vor dem Frühstück dreimal ficken musste, um aus dem Bett zu kommen. Ich wusste auch nicht, wie es war, wenn ein Kind in der Frau heranwuchs, die man liebte. Mein Kind. Das waren Dinge, die sie verband. Und schlagartig wurde mir klar, dass ich nicht eifersüchtig auf ihre Verbindung zueinander war, sondern auf ihr Leben. Ich beneidete sie dafür. Ich wollte, was sie hatten.

»Also soll ich was? Sie kaufen und hoffen, dass sie versteht, wie wichtig es mir war, ihr Leben zu retten?« Ich lachte und hoffte, meine Stimme brachte es so lächerlich rüber, wie ich es empfand. Doch statt in mein Lachen einzustimmen, tauschten Alessio und Antonio einen langen Blick, bevor sie wieder mich ansahen.

»Ja«, sagten sie zeitgleich und hoben beide die rechte Augenbraue an, sodass sie beinahe aussahen wie Zwillinge. Das Lachen blieb mir im Hals stecken und wurde zu einem riesigen Kloß. Sie waren bereit das Risiko einzugehen. Weil sie sich das für mich wünschten. Sie reichten mir die Hand, ich musste sie nur nehmen. Dennoch zögerte ich immer noch. Endlich war Ruhe eingekehrt und nun würde ich alles aufwirbeln, weil ich besessen von einer Frau war, die ich kaum kannte.

»Das wird eine Katastrophe. Und zwar keine kleine, ist euch das klar?«, fragte ich und ließ den Kopf hängen. Ich war so müde und das Pochen hinter meiner Stirn wurde stetig schlimmer. Vielleicht hatten sie recht und ich sollte aufhören, mir Sorgen zu machen. Aber ich konnte es nicht. Mein Blick fiel auf das Testament. Damit hatte das Unheil begonnen. Ich wünschte, ich hätte es nie bekommen. Doch ich konnte es nicht mehr ändern. Also würde ich den Santis wohl heute Nachmittag einen Besuch abstatten.

»Oh bitte! Ich hab gesehen, wie ihr euch jahrelang angeschmachtet habt. Ich fresse einen Besen, wenn das nicht klappt.« Alessio grinste von einem Ohr zum anderen, während er mir aufmunternd zunickte. Er war optimistisch. Wenigstens einer von uns. Ich dachte immer noch, dass es ein großer Fehler war. Und meine Annahme sollte sich schon bald bestätigen.

»Hoffentlich hast du recht.«

Kapitel 2: Aurora

Ich starrte auf den hölzernen Sargdeckel und wartete darauf, dass ich irgendwas empfinden würde. Trauer oder Schmerz. Aber da war nichts. Ich war einfach nur leer. Wie ein Gefäß, das jahrelang gefüllt wurde und zersprang, sodass es plötzlich wieder den Inhalt verlor. Dennoch fühlte ich warme Tränen, die über meine Wange perlten und meine Schminke verwischten. Inzwischen musste meine blasse Haut verschmiert sein und die Hämatome, die ich sorgfältige überdeckt hatte, schimmerten bestimmt schon in allen Farben durch meine aufgelegte Maske. Doch es kümmerte mich nicht. Jetzt nicht mehr. Mich würde niemand anschreien, weil ich weinte. Denn genau das wurde in diesem Moment erwartet, während ich zusah, wie der Sarg in die Erde gelassen wurde. Um mich herum waren alle in Tränen ausgebrochen, aber wie ich waren sie Heuchler. Niemand würde den Mann vermissen, der endlich unter die Erde kam und schon in wenigen Wochen nur noch Madenfutter sein würde. Ob er sich so seinen Abgang vorgestellt hatte? Vermutlich nicht. Aber obwohl er sich immer wie ein Gott aufgeführt hatte, war er doch nur ein Mensch gewesen und wir alle konnten nicht wählen, wie unser Ende aussehen sollte. War er in den Himmel gekommen? Hoffentlich, sonst würde ich ihn irgendwann in der Hölle wiedersehen und darauf konnte ich gut verzichten. Außerdem war er ein ehrfürchtiger Mann gewesen. Zumindest hatte er das immer behauptet. Und er hatte gebetet. Immer. Jeden Tag. Wenn er sich an Mom verging oder mich schlug, betete er danach um Vergebung für die Sünden, die wir laut ihm begangen hatten. Nur am Tag, als sie sich umbrachte, betete er nicht. Weil es die größtmögliche Sünde war.

»Was werden wir jetzt tun?« Isabella stand zittrig neben mir und streckte eine Hand nach mir aus, die ich sofort ergriff. Auch sie weinte, wodurch ihre blauen Augen leicht verschwommen wirkten, während sie mich ansah. Sie waren etwas dunkler als meine und sahen somit denen von Dad viel ähnlicher. Wie musste es für sie sein, jedes Mal, wenn sie in den Spiegel blickte, ihn zu sehen. Oder wenigstens einen Teil von ihm.

»Gar nichts. Es geht weiter wie bisher«, beschwichtigte ich sie und rieb mit dem Daumen über ihren Handrücken. Ihre Finger waren eiskalt und viel zu dünn. So wie alles an ihr. Überall traten ihre Knochen weiß unter der blassen Haut hervor und erinnerten mich daran, dass sie noch vor wenigen Tagen im Keller gehaust und nur etwas zu essen bekommen hatte, wenn Dad nicht vergaß, ihr etwas zu bringen. Oder wenn ich es schaffte, die Wachen abzuhängen, um Lebensmittel hinunter zu schleusen. Vielleicht war ihr Teint deshalb so kränklich. Ihr mussten wahnsinnig viele Nährstoffe fehlen. Und das Sonnenlicht. Nach Dads Tod war das Erste, was ich getan hatte, sie mit in den Garten zu nehmen. Aber wirklich wohl fühlte sie sich nicht. Wie auch, wenn wir von mehreren Gästen kritisch beäugt wurden. Bei jeder Bewegung, jedem lauten Ton zuckte Isabella zusammen. Mitleid stieg in mir auf. Nicht, dass ich es an der Oberfläche viel besser gehabt hätte. Aber ich erinnerte wenigstens nicht an ein Skelett.

»Nichts ist so, wie es war. Alles hat sich verändert.«

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