Leseprobe zu Above Pink Clouds

Kapitel 1-4

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Aria

In den letzten sieben Tagen ist mir die krumme Decke des Fallbury Fever sprichwörtlich auf den Kopf gefallen. Seitdem ich mit diesem horrenden Scheck aus der Bank kam und anschließend den Vertrag mit diesem mehr als zwielichtigen Biker eingegangen bin, verschanze ich mich im Motel. Bis heute. Heute ist der Tag, an dem ich endlich wieder guten Gewissens dieses muffige Zimmer verlassen kann, ohne aus Paranoia auf jedes noch so kleine Detail meiner Umgebung achten zu müssen. Ungeduldig starre ich auf meine Armbanduhr und stoße einen Seufzer aus.

Dieser Maddox ist jetzt schon eine halbe Stunde zu spät. Das gibt definitiv einen Punkt Abzug bei der Bewertung im Internet. Mein vibrierendes Handy lenkt mich von meiner Warterei ab. Ich lese den Spitznamen meiner Schwester, woraufhin in meiner Brust gleich zwei Dinge geschehen: Zum einen macht mein Herz einen Sprung, weil ich schon seit einer Woche nicht mehr mit ihr gesprochen habe, zum anderen habe ich jedes Mal Angst davor, dass eines Tages unser Vater am anderen Ende der Leitung sitzen könnte. Die Sehnsucht nach meiner Schwester siegt und lässt mich annehmen.

»Katie? Ist es bei euch nicht schon mitten in der Nacht?«, begrüße ich sie und lasse mich theatralisch aufs Bett plumpsen. Es wird Zeit, dass ich mir bald eine Wohnung suche, wenn ich nicht will, dass ich mit vierundzwanzig bereits heftige Rückenprobleme bekomme. Wenn ich so mobil wie eine Oma mit Krückstock bin, könnte eine brenzlige Situation mit anschließender Flucht urkomisch werden. Oder tragisch.

»Ja, aber ich wollte dich sehen. Können wir videotelefonieren? Bitte!« Der flehende Unterton in ihrer warmen Stimme jagt Stress durch meinen Körper.

»Katie, du weißt doch …«

»Ja, schon klar. Ich soll noch nicht wissen, wo du bist. Verstanden. Trotzdem will ich dein Gesicht sehen. Es ist jetzt vier Monate her. Was, wenn du dich inzwischen in einen hässlichen, stinkenden Ork verwandelt hast und deine Möpse so ganz ekelige Haare bekommen haben?«

Bei der detaillierten Beschreibung kann ich nur den Kopf schütteln. Ich würde meiner Schwester selbst gern mal wieder ins Gesicht sehen … aber das Risiko ist zu hoch, oder?

»Komm schon, Schwesterherz. Du willst es doch auch. Ich werde nicht anhand deiner Nase erkennen können, wo du bist. Außerdem habe ich mir gestern das Gesicht piercen lassen und ich will deine Meinung hören«, sagt sie kess und meine Schutzmauer beginnt zu bröckeln. Dieses kleine Biest weiß genau, wie sie mich rumkriegt.

»Na gut. Ich ruf dich an. Aber nur, wenn er nicht zu Hause ist.«

»Ist er nicht. Vater ist vor fünf Stunden zu einem Meeting aufgebrochen und hat mir gesagt, dass er nicht vor dem Morgengrauen zurück sein wird.« Ich kann mir denken, welche seiner Geschäfte die ganze Nacht andauern. Oft werden in dieser Zeit Leichen verscharrt. »Außerdem wird er mein zweites Handy nie und nimmer finden. Ich habe das beste Versteck der Welt gefunden und dich zusätzlich in meinem Handy als Valentina abgespeichert. Doppelt safe, sozusagen.« Ich liebe es, dass sie all diese Geheimnisse für mich in Kauf nimmt, ohne wirklich zu wissen, wieso.

»Okay, bis gleich!« Ich lege auf, schiebe mich gegen das quietschende Bettende und richte meine Perücke, bevor ich Katie per Video anrufe. Sie nimmt nach einer Sekunde ab, und als die Verbindung bei diesem schrecklich miesen WLAN endlich aufgebaut ist, schießen mir Tränen in die Augen. Katie liegt auf ihrem Bett und streckt mir ihre Zunge raus. Wie kann man jemanden nur so schmerzlich vermissen? Seit vier Monaten bin ich jetzt von Zuhause und Katie fort, aber es fühlt sich an, als wären Jahre vergangen, seit ich sie zuletzt gesehen habe.

»Verarscht! Ich lasse doch nicht mein Gesicht piercen!«

»Du kleine Ziege!«, erwidere ich lachend. »Es hat mir gefehlt, dich zu sehen.«

»Und mir hat es gefehlt, dich zu sehen. Sag mal, sind das deine echten Haare?« Katie rappelt sich auf, setzt sich genau wie ich gegen das Kopfende ihres Prinzessinnenbettes und betrachtet mich wie ein Kunstwerk in einem Museum. Ich zupfe an den schwarzen Strähnen der Perücke und ziehe sie mir vom Kopf. Darunter ist es ohnehin viel zu heiß geworden in der letzten halben Stunde, in der ich wie ein Spanner am Fenster hinter dem Vorhang stand und darauf wartete, dass mein Held auf zwei Reifen hier aufkreuzt. Der, wohlgemerkt, schon vierzig Minuten zu spät ist. Bald gibt es zwei Sterne Abzug.

»Da ist ja mein blonder Engel«, feixt Katie. »Aber warte mal.« Sie verengt die Augen zu kleinen Schlitzen, als könne sie dadurch besser sehen. »Trägst du Kontaktlinsen?«

Ich nicke. »Aria Turner hat halt schwarze Haare und eisblaue Augen!«

»Mir fehlen deine grünen.« Plötzlich wirkt Katie nicht mehr ganz so lebenslustig wie zuvor. Schatten tanzen über ihr puppenhaftes Gesicht und ich kann mir an einem Finger abzählen, woher diese Schatten rühren: Ich habe die Augen unserer Mutter mit billigen farbigen Kontaktlinsen aus der Drogerie überdeckt.

»Hey, Katie. Alles ist gut, hörst du? Ich bin kurz davor, mir endlich ein eigenes Leben aufzubauen. Und du wirst in wenigen Wochen achtzehn, dann kannst du mich besuchen kommen.« Ich weiß zwar immer noch nicht, wie wir das anstellen sollen, ohne dass unser Vater davon Wind bekommt, aber darum kann ich mich auch noch kümmern, wenn es so weit ist. Im Moment zählt nur, Katie aufzumuntern. Ihre noch kindlich schöne Miene weicht auf und ihr Blick wird ganz warm.

»Darauf freue ich mich schon. Wo ist deine Kette?« Als sie Mutters Rubin anspricht, überrollt mich das schlechte Gewissen wie eine fette Lawine. Katie weiß, dass ich seit Mutters Tod keinen Tag ohne diese Kette an meinem Hals verbracht habe.

»Sicher verwahrt. Die Stadt hier ist ziemlich … gefährlich. Ich möchte nicht, dass sie mir gestohlen wird.« Lügnerin! Ich hasse es, meiner Schwester so dreist ins Gesicht zu lügen, doch ich kriege es nicht übers Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

»Ist vermutlich auch besser so. Und jetzt zeig mir erst mal dein Zimmer!«

»Glaub mir, das willst du nicht sehen«, weise ich sie ab. Meine kleine Schwester war leider noch nie sonderlich gut darin, sich abwimmeln zu lassen.

»Vergiss es, zeig mir, wo du haust!«

Ergeben hebe ich die Hand, krabble vom Bett herunter und gebe meiner Schwester eine kleine Privatführung durch die zwanzig Quadratmeter reinen Horrors. Ich zeige ihr die pissgelben Fliesen im Bad, die Risse in den Wänden, die mehr als staubigen Vorhänge, den fleckigen Teppichboden und anschließend dieses Monster von Bett. Nicht weil es sonderlich groß ist, sondern weil mich dessen Federn jede Nacht erdolchen, als hätten sie nichts Besseres zu tun. Meinen Rücken zu schonen beispielsweise.

»Wow, Schwesterherz. So viel Klasse hätte ich dir ja gar nicht zugetraut«, zieht Katie mich auf, woraufhin ich ihr meinen frisch lackierten Fingernagel zeige.

»Ich mir auch nicht«, erwidere ich lachend. Im Hintergrund ertönt das tiefe Röhren eines Motorrads, das mich sofort innehalten lässt. Mein Blick schießt zum Fenster. Das Motorengeräusch kommt näher, also stürme ich zu den muffigen Vorhängen hinüber. Ob er das ist?

»Was ist? Hast du eine eingemauerte Leiche in deinem Zimmer entdeckt? Verweste Ratten?«

»Meinen Bodyguard«, antworte ich murmelnd, schiebe sachte den schweren Stoff zur Seite und schiele nach draußen in die Mittagshitze. Tatsächlich. Auf dem Parkplatz des Fallbury Fever steht jetzt ein Monster aus schwarzem Chrom, und darauf sitzt ein Kerl in Lederkluft.

»Du hast jetzt also echt einen Bodyguard?«, hakt Katie gespannt nach. Fehlt nur noch, dass sie sich eine Portion Popcorn in der Mikrowelle macht.

»Jetzt anscheinend schon. Der Typ konnte in den letzten Tagen noch nicht.« Neugierig warte ich darauf, dass er den Helm von seinem Kopf nimmt, damit ich einen Blick auf sein Gesicht erhaschen kann. Sobald der Mann elegant von seiner Maschine gestiegen ist, verschlucke ich mich an meiner eigenen Spucke. Dieser Kerl ist ein verdammter Riese! Lange Beine, die in einer zerrissenen, schwarzen Jeans stecken. Mehr als breite Schultern und definierte, sehnige Arme, die unter einem schwarzen Shirt verborgen liegen. Dazu dieselbe Lederkutte, die auch sein Boss und dieser schlaksige Typ bei Safety and Honor getragen haben.

»Und? Ist er heiß?« Katie ist mittlerweile so dicht an die Kamera herangekommen, dass ich nur noch ihre grünen Augen und die perfekt geschwungene Nase sehen kann.

»Auf dem Foto war er es. Aber er hat seinen Helm noch nicht abgenommen.«

»Darf ich mal einen Blick auf ihn werfen? Bitte, Schwesterherz!« Katie schiebt schmollend ihre Unterlippe nach vorn, sodass ich kaum anders kann, als ihrem Wunsch nachzugeben. Ich drehe die Kamera, schiebe den Vorhang noch mehr zur Seite und gewähre ihr einen Blick auf das männliche Exemplar, das jetzt lässig an seiner Harley lehnt und endlich den Helm abnimmt. Zum Vorschein kommen braune, leicht lockige Haare, die ihm wild in die Stirn hängen. Er ist zu weit entfernt, um seine Gesichtszüge genauer erkennen zu können, aber das, was ich sehe, reicht bereits. Dieser Mann ist noch heißer als auf dem Verbrecherfoto, das ich im Büro dieses Bikerbosses letzte Woche gesehen habe.

Katie stößt einen anerkennenden Pfiff aus. »Heiliges Kanonenrohr. Der Typ soll dich in den nächsten Tagen beschützen?«

»Anscheinend«, entgegne ich gefesselt. Mein Blick verharrt auf diesen straffen Unterarmen, die im Sonnenlicht perfekt zur Geltung kommen.

»Von dem würde ich mich auch gern beschützen lassen«, seufzt meine Schwester in den Hörer. Ich drehe die Kamera wieder um und schüttle ermahnend den Kopf. »Du bist zu jung für solche Gedanken, also hüte deine Zunge, Fräulein!«

»Ich werde achtzehn, Schwesterherz. In dem Alter hattest du schon deinen zweiten Freund«, erinnert sie mich. Die Jungs, die ich gedatet habe, waren lediglich auf heißen Sex aus. Große Gefühle waren da nicht im Spiel.

»Das ist was ganz anderes. Ich habe nur die Lage gecheckt, damit ich dir jetzt guten Gewissens sagen kann, dass du noch warten kannst. Die Männer rennen nicht weg.« Ich schenke meiner Schwester einen Luftkuss, den sie mit einem Augenrollen quittiert.

»Nun geh schon raus zu deinem Hot-as-Hell-Bodyguard. Und schreib mir, wenn du mit ihm gesprochen hast. Ich will jedes noch so kleine, schmutzige Detail über ihn wissen.«

»Wird erledigt«, verspreche ich ihr und lege auf. Ich verschweige Katie vorerst, dass der Boss dieses Mannes eine eindeutige Warnung ausgesprochen hat. Wer weiß, vielleicht wollte er mich ja bloß einschüchtern? Ich kann mir kaum vorstellen, dass dieser Mann da draußen auf dem Parkplatz, der vermutlich jede in Fallbury haben könnte, kein Wort mit Frauen wechselt.

Ich feuere mein Handy aufs Bett, streiche mein knappes gelbes Sommerkleid glatt und straffe die Schultern. Anschließend verlasse ich zum ersten Mal seit Tagen diese beengenden Quadratmeter und würde gern einen Luftsprung machen. Die Mittagssonne Arizonas lässt den Asphalt flimmern, und als ich mich dem Parkplatz nähere, auf dem mein angeheuerter Bodyguard auf mich wartet, werden meine Knie auf einmal ganz weich. Was passiert hier gerade? Mich überkommt eine Nervosität, die absolut fehl am Platz ist. Mit mehr oder minder erhobenem Haupt gehe ich über den Parkplatz auf Maddox zu und lasse meinen Blick noch einmal über ihn gleiten, solange er mich noch nicht entdeckt hat.

Er trägt schwarze Motorradboots, die sicher schon mehr als eine Rippe mit einem Tritt gebrochen haben. Seine Haare schimmern im Sonnenlicht wie Haselnussschokolade und die Aura, die diesen Mann umgibt, ist elektrisierend. Als er mich bemerkt, verkrampft er sich sichtlich.

Die Muskeln an seinen Armen spannen sich bis zum Zerreißen an und er gibt sofort seine lässige Haltung auf. Jetzt steht er vor mir, nur noch wenige Meter entfernt, und starrt mich nieder. Ich spüre, wie ich mitten auf diesem sonst leer gefegten Parkplatz zu schmelzen beginne und mich mit dem heißen Asphalt unter mir verbinde.

»Hi«, beginne ich das Gespräch und möchte mir am liebsten sofort eine Kugel verpassen. Hi? Etwas Besseres fällt dir wirklich nicht ein?

»Ich bin Aria.« Ich bin kein kleines Püppchen, das sich von dem großen, bösen Wolf einschüchtern lässt! Außerdem habe ich schon schlimmere Dämonen in meinem Leben besiegt. Meinen Vater zum Beispiel. Ich koste meinen Triumph über ihn jeden Tag aufs Neue aus und freue mich bereits darauf, mir an der schützenden Seite dieses menschlichen Schrankes ein neues Leben aufzubauen. Eines, das ganz weit von Moskau entfernt stattfinden wird.

»Du bist Maddox, richtig? Ich habe mit deinem Boss gesprochen«, starte ich einen neuen Versuch, eine Konversation mit ihm zu suchen. Fehlanzeige. Dieser Typ bleibt regungslos vor mir stehen, ohne auch nur die geringste Andeutung eines freundlichen Lächelns von sich zu geben. Seine Lippen sind zu einer harten Linie zusammengepresst, seine grauen Augen wirken in Wirklichkeit noch viel einnehmender als auf dem Foto in seinem Aktenordner. Seine Gesichtszüge sind genauso hart wie der Rest seines Körpers, der wie in Stein gemeißelt vor mir steht. Langsam wird mir das Schweigen seinerseits unangenehm. Hat der Boss doch nicht nur Blödsinn von sich gegeben? Spricht dieser Kerl echt nicht mit Frauen? Mit gar keinen?

»Also, wie wird das Ganze jetzt ablaufen?« So leicht gebe ich nicht auf. Ich trete ein paar Schritte auf ihn zu, doch mit jedem Zentimeter, den ich ihm näher komme, verspannt er sich noch mehr. Seinen mattschwarzen Helm hat er an den Lenker seiner monströsen Harley gehängt. Das Gesamtbild ist perfekt. Der nahezu kratzerfreie Lack, in dem sich die Sonne spiegelt. Seine Lederkluft, die ihm etwas Verwegenes verleiht. Die Kälte in seinen Augen. Wären wir hier bei einem Biker-Shooting, würde er eine fünf von fünf für den authentischen Auftritt bekommen. Aber er ist hier nicht bei einem Shooting, sondern bei mir! Seiner Klientin, die eine Menge Kohle für seinen Schutz zahlt!

»Okay …« Ich massiere meine Schläfen nachdenklich, in der Hoffnung, dass mir eine bahnbrechende Idee kommt, wie ich diesen Kerl zum Sprechen bringen kann, aber mein Kopf ist wie leer gefegt. Sobald ich die Augen schließe, sehe ich sein Gesicht trotzdem. Spüre seine Präsenz auf meinen nackten Oberarmen, die mir eine Gänsehaut beschert. Fühle seinen eiskalten Blick auf mir.

Was zur Hölle soll ich jetzt tun?

Meinen letzten Mut zusammenkratzend hebe ich mein Kinn an und marschiere auf ihn zu. Augen zu und durch. Als ich vor ihm stehen bleibe, trennen uns nur noch wenige Zentimeter voneinander. Die Luft um uns herum glüht, und es fühlt sich an, als würde ich verbrennen. Nicht wegen der Strahlkraft der Sonne, sondern wegen seiner Nähe.

»Lass uns von vorn starten. Mein Name ist Aria Turner und ich freue mich darauf, dich kennenzulernen.« Ich halte ihm euphorisch meine Hand hin, aber der Typ regt sich noch immer nicht. Lediglich das schnelle Heben und Senken seines Brustkorbes kann ich allzu deutlich wahrnehmen. Wieso, um Himmels willen, atmet er so schnell? Hat er gerade einen Halbmarathon hinter sich? Eine Verfolgungsjagd? Bekommt er einen Herzinfarkt?

Maddox ist so ein Riese, dass ich meinen Kopf in den Nacken legen muss, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Seine Lippen rühren sich ebenfalls keinen Millimeter. Seine Augen sind in der Realität noch umwerfender. Der dichte, schwarze Wimpernkranz umgibt seine stahlgrauen Iriden und lässt sie noch heller wirken. Wir sind einander so nah, dass ich unweigerlich seinem Duft ausgesetzt bin. Seinem verdammt betörenden Duft. Er riecht nach einer Mischung aus Leder, Zedernholz und Benzin. Aufregend und irgendwie attraktiv.

»Dein Boss hat also die Wahrheit gesagt«, murmle ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Mist, wieso ging ich davon aus, dass der Kerl mich nur foppen wollte? Er hat mir klar und deutlich zu verstehen gegeben, worauf ich mich bei diesem Kerl einlasse. Wieso habe ich diesen Vertrag trotzdem unterschrieben? Ich weiß ja nicht einmal, ob dieser Kerl überhaupt die richtige Motivation hat, mich vor meinem Vater und seinen Lakaien zu beschützen.

Mein Mund wird mit jeder Sekunde trockener, in der wir hier auf dem Parkplatz brutzeln und uns einfach nur anstarren. Eines muss ich diesem Maddox ja lassen: Er hat blicktechnisch ein ziemliches Stehvermögen. Er hat seine Augen, seit ich vor ihm stehe, nicht einmal von meinem Gesicht genommen. Im Moment weiß ich nur nicht, ob mir das gefällt oder ob es mir Angst machen sollte. Alles an diesem Mann schreit nach Kriminalität. Nach Hass. Nach Wut. Genau die Dinge, die ich im Kampf gegen meinen Vater brauche.

Um uns herum ist es mucksmäuschenstill. Weder hört man ein Auto in der Ferne, noch sind da Menschen in unserer Nähe, die mir zur Hilfe eilen könnten, wenn Maddox entschließt, dass er mich nicht beschützen, sondern zerfleischen will. Genau diese Vibes gehen nämlich gerade von ihm aus.

»Wow, ich bin selten sprachlos, aber ich weiß nicht so recht, was ich mit dir machen soll. Wir sollten uns einen Plan für die nächsten Wochen überlegen«, murmle ich und merke, dass meine Überforderung langsam ihr Limit erreicht. Instinktiv greife ich nach seiner Hand, um mich ein letztes Mal zum Idioten zu machen und mich ihm vorzustellen. Doch bevor ich seine schlanken Finger berühren kann, geht alles blitzschnell. Maddox schlägt meine Hand weg, packt mich an den Schultern, dreht mich in Richtung seiner Harley und presst meinen Oberkörper auf die Sitzbank seiner Maschine. Ich beginne wild zu zappeln und um mich zu treten, doch der Griff dieses Kerls ist wahnsinnig fest.

»Was zur Hölle soll das?«, murmle ich undeutlich, weil er mein Gesicht gegen das Leder der Sitzbank drückt, das in den letzten Minuten hier in der prallen Sonne feurig heiß geworden ist. Meine Wange schmerzt höllisch aufgrund der Hitze. »Lass mich, verdammt noch mal, los!«, keife ich – jedoch erfolglos.

Maddox löst sich nicht von mir, stattdessen beugt er sich über mich, hält meine Arme wie ein Polizist hinter meinem Rücken gefangen und denkt nicht daran, mich freizulassen. Mit einer Hand umfasst er meine dünnen Handgelenke, mit der anderen greift er in den Halfter seines Gürtels und zieht seine Knarre. Ein Schrei entflieht mir, der verstummt, als er meinen Kopf mit der schwarzen Waffe wieder fester aufs Leder drückt.

Keuchend schließe ich die Augen und bete dafür, dass ich einfach aufwache. Das hier kann unmöglich gerade passieren, oder? Ich bezahle einen Kerl für meinen Schutz und er zieht hier diese alberne Show ab? Was denkt der Idiot sich eigentlich? Ich bin meinem Vater sicher nicht entkommen, um anschließend auf dem Parkplatz eines ranzigen Motels mitten am Tag durch die Hand eines Bikers zu sterben.

»Lass. Mich. Los!«, fauche ich ihn schließlich an. Mir egal, dass sich ein Waffenlauf direkt an meinem Kopf befindet. Meine Glieder schmerzen, und wenn er mein Gesicht noch länger ins heiße Leder drückt, wird dieses alberne Spiel deutliche Spuren hinterlassen.

Der Berg von Mann hat sein Knie zwischen meine nackten Schenkel geschoben, und als ich einen sanften Druck an meiner Mitte spüre, schießt ein Prickeln in meinen Unterleib, das ich gern mit einer Schrotflinte verjagen würde. Aber ich bin machtlos. Auf verquere Art und Weise turnt es mich an, sein Bein an meiner empfindlichen Stelle über dem dünnen Slip zu spüren, während wir beobachtet werden könnten und ich den Lauf seiner Waffe fühle. Was zur Hölle stimmt nicht mit mir?

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich vergessen habe, meine Perücke aufzusetzen. Seit ich hier in Fallbury bin, bin ich nie ohne aus dem Haus gegangen. Dieser Kerl hinter mir hat mir anscheinend ordentlich die Sinne vernebelt. Anders kann ich mir nicht erklären, dass es einen winzigen Teil in mir gibt, der sich vorstellt, wie es wäre, wenn er das Kleid über meinen Hintern schieben und mich entblößen würde.

»Wenn du nicht willst, dass ich deinem Boss sage, was du hier für eine Scheiße abziehst, solltest du mich loslassen!«, warne ich Maddox, der ein tiefes, gänsehauterregendes Knurren von sich gibt. Er ist also wirklich der große, böse Wolf … und hat eine Wirkung auf mich, die ich keinem Mann auf dieser Welt mehr geben wollte.

Allmählich löst er seinen Polizeigriff und springt zurück, als hätte er sich urplötzlich an mir verbrannt. Was zum Teufel stimmt mit diesem Kerl nicht? Ich bin durch die Geschäfte meines Vaters vielen kaputten Männern begegnet, aber keiner davon war ansatzweise so wie er. Fluchend stemme ich mich auf, drehe der Maschine den Rücken zu und funkle ihn wutentbrannt an. Maddox hält noch immer seine Knarre in der Hand. Seine schlanken Finger umklammern den Griff so fest, dass seine Knöchel weiß hervortreten. In seinen Augen liegt eine Mischung aus Zorn und … Angst? Das ist nicht möglich, oder? Wieso sollte ein Mann seiner Statur Angst vor einem Winzling wie mir haben? Außerdem ist er derjenige, der bewaffnet ist!

»Was zur Hölle sollte das? Ich habe dich bezahlt, damit du mich beschützt! Nicht, damit du mich mit deiner Knarre bedrohst! Weißt du eigentlich, wie viel Geld ich deinem Boss auf den Tisch geknallt habe?«

Wenn ich dachte, dass er mir jetzt, wo wir uns körperlich gefährlich nahe gekommen sind, antworten würde, habe ich mich getäuscht. Noch immer kleben seine Lippen fest aufeinander und er scheint nicht im Sinn zu haben, mir heute noch zu antworten. Langsam kann mein Geduldsfaden dem Druck nicht mehr standhalten.

»Weißt du was? Nimm deine lächerlichen Probleme, schwing deinen Arsch auf dein Bike und dann verschwinde. Da kann ich mich besser selbst beschützen!«

Maddox tritt mit großen Schritten auf mich zu, schiebt mich unsanft zur Seite, steigt auf seine Maschine und setzt seinen Helm auf. Anschließend lässt er das Motorrad fauchend zum Leben erwachen. Dieser Mistkerl verschwindet wirklich! Mit einem Satz schießt die Maschine über den Parkplatz und ist Sekunden später verschwunden.

»DU VERDAMMTER IDIOT!«, schreie ich ihm hinterher, aber außer dem Geruch nach Benzin und dem Kribbeln zwischen meinen Beinen lässt Maddox Knight nichts zurück.

Aria

Fluchend marschiere ich zurück ins Motelzimmer, donnere die Tür hinter mir zu und schnappe mir das Handy vom Bett. Sobald ich die Nummer dieser Verbrecherfirma im Internet gefunden habe, rufe ich sie an. Zu meinem Erstaunen dauert es nur wenige Freizeichentöne, bis der Boss höchstpersönlich abnimmt. Ich dachte immer, diese Biker wären den ganzen Tag damit beschäftigt, durch die Gegend zu fahren und Menschen um Schutzgeld zu erpressen.

»Ich will einen anderen Bodyguard!«, falle ich direkt mit der Tür ins Haus.

»Dir auch einen schönen Tag, Süße.« Das Schmunzeln in seiner dunklen Stimme macht mich fuchsteufelswild.

»Gebt mir einen anderen Mann. Dieser Maddox hat sie nicht mehr alle!«

»Erzähl mir was Neues, Süße. Ich kann dir keinen meiner anderen Männer geben. Wir sind ausgebucht«, erwidert er zu meinem Pech. Wild laufe ich im Zimmer auf und ab, dabei vehement ignorierend, wie nervig der Boden unter meinen Sandalen knarzt.

»Dann muss ich vom Vertrag zurücktreten. Auf der Ostseite der Stadt gibt es sicherlich auch Sicherheitsfirmen. Firmen, die gute Männer haben, die ihren Job auch wirklich ernst nehmen!«

»Süße, die lächerlichen Smugs auf der Ostseite wissen nicht einmal, wie man Schutz buchstabiert. Von diesen Hänflingen wird dich niemand beschützen können. Du wolltest jemanden ohne Skrupel, du hast ihn bekommen. Arrangiere dich damit und dann können wir eine lukrative Geschäftsbeziehung pflegen.« Seine Stimme lässt keine Widerworte zu, doch so leicht gebe ich nicht nach. Auch wenn ich ihm in einer Sache recht geben muss: Skrupel scheint dieser Maddox nicht zu haben. Und stark ist er auch. Verdammt stark … Wieder prickelt es zwischen meinen Schenkeln und ich verfluche mich dafür, dass dieser Vollidiot eine solche Wirkung auf mich hat, nachdem er mir fast die Lichter ausgepustet hätte.

»Ich will jemanden, der mich beschützt. Niemanden, der mich mit seiner Waffe bedroht!«

»Er hat dir seine Beretta gezeigt?«, fragt der Kerl amüsiert. Was ist daran bitte so lustig? Ich finde es nur krank.

»Ja. Und ich bin mir sicher, dass er kurz davorstand, abzudrücken!«

»Was hast du angestellt?«

»Ich? Gar nichts! Ich wollte mich nur bei ihm mit einem Handschlag vorstellen«, erwidere ich scharf. Kaum zu glauben, dass der Typ direkt mir die Schuld in die Schuhe schieben will. Mein Wutlevel steigt sekündlich an.

»Hast du ihn berührt?«

»Nein. Noch nicht …«

»Aber du wolltest es. Ich habe dir doch klare Anweisungen gegeben: Fass ihn nicht an. Quatsch ihn nicht voll. Dann ist er der beste Mann für deine Bedürfnisse.« Diese Biker scheinen ihren Verstand weggekokst zu haben, anders kann ich mir das hier nicht erklären. Ganz sicher ist Maddox nicht der Mann, der all meine Bedürfnisse befriedigen kann.

»Spielt ohnehin keine Rolle mehr, weil er verschwunden ist.«

»Er ist was?« Zum ersten Mal in diesem Telefonat wirkt er wütend. Seine Stimme ist scharf wie die Klinge eines frisch geschliffenen Messers.

»Ja. Er ist gerade eben verschwunden.« Dass ich ihm nahezu befohlen habe, zu gehen, behalte ich für mich. Erschöpft lasse ich mich aufs Bett fallen, wische mir den Schweiß von der Stirn und lege meine Hand kühlend auf meine Wange. Noch immer spüre ich das heiße Leder auf meiner Haut … sein Knie an meinem Slip. Seine Hände, die mich gefangen halten.

»Dieser Bastard! Keine Sorge, Süße. Ich werde ihm schon klarmachen, was auf dem Spiel steht, wenn er seinem Job nicht nachkommt. Spätestens heute Abend wird er wieder da sein. Halte dich einfach an die Regeln und dann sind alle Parteien glücklich.« Oh, das kann er so was von vergessen. Dieser Maddox denkt, dass er mit mir umspringen kann wie mit einer Marionette? Falsch gedacht. Mein Vater hat viel zu lange meine Fäden gezogen! Er will nicht, dass ich ihn anspreche? Kann er haben. Nicht.

Maddox

 

Mein Puls befindet sich immer noch an seinem Peak, als ich durch die Straßen unserer Stadt rausche. Hauptsache, weit weg von dieser verfluchten Aria Turner. Fünf Sekunden und sie hat direkt meine Regeln gebrochen. Hat der Präs ihr keine Einweisung gegeben? Normalerweise weiß jede Frau, worauf sie sich bei mir einlässt, aber diese kleine Mistgöre hat einfach darauf geschissen. Sie hat nicht nur mit mir gesprochen, sie wollte mich auch anfassen, ohne dass ich es erlaubt habe.

Noch jetzt spüre ich ihren zierlichen, zerbrechlichen Körper unter meinem. Sie zitterte entweder vor Geilheit oder aus Angst vor meiner Waffe. In mir ist so viel Wut, dass ich dringend ein Ventil brauche, wenn ich nicht das ganze Clubhaus zerlegen soll. Razors Boxsack wird heute ordentlich einstecken müssen, das steht fest.

Mir war von Anfang an klar, dass dieser Auftrag Bullshit ist. Dass es kein Universum gibt, in dem diese Konstellation gutgehen würde. Ich soll eine hilflose Frau beschützen? Dass ich nicht lache. Ich will ihr wehtun. Ich will ihre dünnen Arme und straffen Schenkel brechen und sie danach geknebelt in der Prärie aussetzen.

Sobald ich auf das Gelände des Quartiers fahre, entspanne ich mich etwas. Hier fühle ich mich … machtvoller. Da draußen verliere ich allzu schnell die Kontrolle. Über mich. Über die Situationen. Über … einfach alles. Das Einzige, was ich immer im Griff habe, ist mein Bike.

Wütend feuere ich meinen Helm auf die Sitzbank, auf der sie bis eben noch herumzappelte. Wäre sie so devot gewesen wie die kleine Nutte von letzter Woche, hätte ich ihr allzu gern das gelbe Kleid über den Arsch geschoben und sie auf meiner Harley gevögelt. Aber Aria Turner könnte sich niemals an meine Regeln halten. Ich kann Frauen einschätzen. Weiß meistens innerhalb weniger Augenblicke, ob eine Frau unterwürfig genug ist, damit ich sie in meine Nähe lassen kann.

Diese Frau ist das komplette Gegenteil davon. Sie ist wie ein fucking Tsunami, der im Sekundentakt Scheiße in Form von Worten über die Stadt spült. Über meine Stadt.

Ich lasse meine Harley im Innenhof zurück, stapfe auf das Clubhaus zu und werde von einer Wand aus stickiger Luft empfangen. Gerade als ich die Schlafzimmer ansteuern will, werde ich zurückgerissen. Unser Präs drückt mich kraftvoll gegen den Tresen und funkelt mich hasserfüllt an.

»Was zur Hölle machst du hier? Du solltest bei deinem Auftrag sein und der kleinen Russin den Arsch retten.« Russin also. Ihren Akzent habe ich sofort bemerkt, aber ich war zu sehr darauf fokussiert, sie nicht umzulegen, als dass ich ihn hätte einsortieren können. Harald hat den Kragen meiner Lederkutte fest im Griff.

»Ich mach den Scheiß nicht. Schick jemand anderen hin, ich bin raus!«, fauche ich ihn an und versuche, seine Hand zu lösen. Keine Chance. Sein Griff ist fester als jeder Schraubstock. Er wird mich nicht gehen lassen, solange er seinen Vortrag nicht gehalten hat.

»Du bist raus, wenn ich es sage. Und ich sage dir jetzt, dass du deinen Arsch zurück auf dein Bike schwingen und zu diesem Motel fahren wirst. Das ist keine Bitte, das ist ein Befehl.«

»Ich scheiß auf deinen Befehl. Hast du der Fotze nicht gesagt, worauf sie sich einlässt? Dass sie mir nicht zu nahe kommen soll?«

»Doch. Aber sie scheint … eigensinnig zu sein.« Ein Lächeln umspielt seine Lippen, das so gar nicht zu dem Muskelpaket passt. Außerdem ist es unangemessen.

»Eigensinnig? Ich nenne es lebensmüde. Sie kann froh sein, dass sie noch atmet und keine Blutlache auf dem Parkplatz ist«, zische ich.

Harald drückt mich noch stärker gegen den Tresen, holt mit der anderen Hand sein Butterfly heraus und deutet mit dessen Klinge auf meinen Kehlkopf. Anschließend wandert er zu meinem Patch auf der Brust. Er fährt dessen Umrisse quälend langsam nach.

»Ich weiß, wie viel dir die Saints bedeuten. Dass wir deine Familie sind. Wenn du nicht willst, dass ich dir den Patch als Road Captain abnehme, dann wirst du diesen Auftrag durchführen. Du wirst der Kleinen den Arsch küssen. Du wirst sie quatschen lassen, wenn sie ihr Maul nicht zubekommt. Und du wirst nicht die Kontrolle verlieren, wenn sie dir zu nahe kommt. Sieh es als Art … Herausforderung an.«

»Herausforderung? Was zum Teufel soll das? Willst du mich therapieren?«, speie ich. Ich habe normalerweise Respekt vor Harald Cane, aber heute geht er zu weit. Niemand kann mich therapieren. Niemand wird jemals dafür sorgen, dass ich Frauen nicht abgrundtief verabscheue.

»Wer weiß? Wäre vielleicht nicht schlecht, wenn du deinen Scheiß endlich in den Griff bekommst. Wir haben immer Rücksicht auf dich genommen, Mad. Wenn du weiterhin unser Road Captain sein willst, dann musst du dich zusammenreißen. Ich brauche dich zu 110%.« Er lässt von mir ab, steckt sein Messer wieder ein und dreht sich um. Ohne mich noch einmal anzusehen, marschiert er in Richtung Sanctuary. »Und jetzt fahr zurück ins Fallbury Fever und arbeite

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