Leseprobe zu Red Devils – Bastards of Louisiana

Prolog

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Prolog: Lore

»Holt sie zurück!«

Ich hörte die Schreie hinter mir und zuckte zusammen, bevor ich noch schneller weiterrannte. Meine nackten Fußsohlen jagten über den erhitzten Beton und kribbelten unangenehm. Kleine Steinchen bohrten sich bei jedem Schritt in meine ungeschützten Füße. Verdammt, ich hätte daran denken sollen, mir Schuhe anzuziehen. Aber dafür hatte mir die Zeit gefehlt. Ich wollte einfach nur weg. So schnell wie möglich. Sie durften mich nicht erwischen. Niemals. Aber wohin sollte ich? Vor mir erstreckte sich kilometerweit nur die offene Straße, auf der ich ein leichtes Opfer wäre. Also blieb mir nur die andere Möglichkeit. Der angrenzende Wald. Entschlossen raste ich ihm entgegen und tauchte in das Meer aus Bäumen ein. Äste zerbrachen unter meinem Gewicht und gaben ein widerliches Knacken von sich. Feuchte Blätter blieben an meinen Füßen kleben und verursachten ein saugendes Geräusch, wann immer ich die Beine vom Boden hob. Der Geruch nach frischer Erde kroch mir in die Nase, während ich gierig Sauerstoff in meine Lungen sog. Tränen verschleierten meine Sicht, während ich mich durch das Dickicht kämpfte. Zweige kratzten über meine Oberarme, das Gesicht und blieben an meiner Kleidung hängen. Doch ich ignorierte den Stoff, der unter der Spannung nachgab und lief einfach weiter, bis mein Shirt mehrere Löcher aufwies und ich auf einen Waldweg kam, den ich hinunterrasen konnte.

»Findet sie!«, schrie wieder jemand hinter mir. Diesmal klang die Stimme näher. Viel zu nah für meinen Geschmack. Aber ich konnte meine Schritte nicht noch einmal beschleunigen. Schon jetzt zog sich ein schmerzhaftes Pochen durch meine Oberschenkel. Meine Muskeln verkrampften sich. Die Lunge protestierte. Ich atmete viel zu schnell, sodass es in meiner Seite stach. Viel länger würde ich diese Verfolgungsjagd nicht aushalten. Das wusste ich. Aber ich durfte nicht aufgeben. Also kratzte ich die letzten Kraftreserven zusammen und ignorierte die schwarzen Flecken, die durch meine Sicht tanzten.

»Lasst mich in Ruhe!«, rief ich über meine rechte Schulter und bog an einem Baum ab, dessen Stamm in der Mitte gespalten war. Der Boden unter mir wurde uneben. Wurzeln ragten aus der Erde und erschwerten mir das Laufen, genau wie die geschwollenen Stellen an meinen Fußsohlen. Das Fleisch schmerzte bei jeder Berührung. Ich biss mir auf die Zunge und bemühte mich, ruhiger zu atmen, um den Qualen entgegenzuwirken, aber es half nicht. Ich wurde immer langsamer. Meine Bewegungen stockten, sodass ich an einer Wurzel hängenblieb. Ich verlor das Gleichgewicht und fiel. Mein Kinn knallte zuerst auf den Boden, gefolgt vom Rest meines Körpers. Ich versuchte noch, meinen Fall mit den Händen abzubremsen, aber es gelang mir nicht. Ein Stich jagte durch meine Handgelenke und meine Zahnreihen kollidierten miteinander. Warme Flüssigkeit sammelte sich in meinem Mund. Der Geschmack nach Eisen breitete sich auf meiner Zunge aus. Blut. Ich blutete. Es dauerte eine Weile, bis ich es realisierte, doch dann wurde ich mir dem Pochen meiner Wange bewusst. Ich musste mich unbeabsichtigt selbst gebissen haben. Erneut stiegen mir Tränen in die Augen. Das durfte alles nicht wahr sein. Ich schluchzte, während ich mich unter Schmerzen aufrappelte und mich suchend nach Schutz umsah. Aber hier war nichts. Außer Bäumen. Und sie waren zu viele. Ob sie mich alle jagten wie eine Gruppe Jäger das Wild? Ich wollte es gar nicht wissen. Lieber rannte ich wieder los. Doch schon nach wenigen Metern bemerkte ich die Veränderung. Bei jedem Schritt gab mein Knie nach. Mein Magen zog sich zusammen. Nein, nicht auch das noch. Verzweifelt sah ich an mir hinab. Blut lief meinen Unterschenkel entlang. Fuck!

»Lore! Wo bist du?« Tooths Stimme ertönte hinter mir und sorgte dafür, dass ich wieder schluchzen musste. Er war zu nah und viel schneller als ich. Schon jetzt hörte ich seine Schritte, die über den Waldboden liefen. Obwohl ich nicht unsportlich war, waren sie alle trainierter als ich. Was hatte ich auch erwartet? Dass ich wirklich weglaufen konnte? Hatte ich nichts gelernt in all den Jahren? Man entkam den Devils nicht, wenn sie einen wollten. Sie holten ihre Feinde immer wieder ein. Deshalb waren sie an der Spitze. Sie waren der größte und angesehenste Motorradclub in ganz Louisiana. Und nun war ich ihre Beute. Sie würden mich erlegen und ausweiden, um mich anschließend zu verspeisen. Nichts würde mehr von mir übrigbleiben, bis auf verblassende Erinnerungen.

Ich startete einen letzten Versuch doch noch wegzurennen, aber auch wenn das Adrenalin, das durch meine Blutbahnen schoss, den Schmerz dämpfte, war mein Knie dennoch nicht zu gebrauchen. Ich würde nur wieder hinfallen und am Ende von allen umzingelt werden, während ich mich vor Schmerzen auf dem Boden wand. Nein, das sollte nicht passieren. Aber was blieb mir anderes übrig als die Flucht? Fieberhaft dachte ich nach, bis Tooth in Sichtweite kam. Reflexartig sprang ich hinter den nächsten Baum, bevor er mich entdecken konnte, und drückte mir die Hand auf den Mund. Meine Finger pressten sich gegen meine Lippen und ich hörte auf zu atmen, als er immer näherkam. Und er war nicht allein. Skull, der seit kurzem Dad als Präsident der Devils abgelöst hatte, war bei ihm. Suchend sahen sie sich um und passierten dabei den Baum, hinter dem ich mich zitternd versteckte. Stumm liefen mir die warmen Tränen über die Wangen und die Finger. Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Das Blut rauschte in meinem Kopf. So laut, dass ich kaum Rivens Stimme vernahm, als er Skull und Tooth einholte.

»Lore, komm zurück!«, rief er und sah den Vizepräsidenten fragend an, als könnte Tooth ihm sagen, wo ich abgeblieben war. Doch Tooth zuckte nur mit den Schultern, wobei sein Blick verzweifelt wirkte. Sicher, meine Schwester – seine Frau – würde ihm den Arsch aufreißen, wenn ich spurlos verschwand. Sie würde mich vermissen. Nicht sehr, aber doch etwas. Und sie würde auch mir fehlen. Mehr, als ich in Worte fassen konnte. Genau wie ihre Tochter Elle. Ich rammte meine Schneidezähne in meine Unterlippe, um nicht zu schluchzen. Ja, ich würde sie unheimlich vermissen. Doch ich konnte dennoch nicht zurückgehen. Ich durfte es einfach nicht.

»Lore!«, schrie Skull wieder und ich spannte jeden Muskel in meinem Körper an, als er kurz langsamer wurde und einen Schritt in meine Richtung trat. Ich schloss für einen Moment die Augen und zog den Bauch ein, um das Risiko zu verringern, hinter dem Baum gesehen zu werden. Dabei war das Blödsinn. Bis auf meine Organe war nicht mehr viel da, das ich einziehen könnte. Ich war abgemagert. Meine Rippen waren durch das Shirt zu erahnen, die Haare waren spröde und meine Nägel brüchig. Aber mein Magen verlangte nicht nach Nahrung. Eigentlich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr.

Ein Knacken erklang. Nicht weit von uns entfernt. Dann wurde es still, bevor wieder ein Ast in der Nähe zerbrach. Skull blieb stehen. Erleichterung überschwemmte mich. Noch mehr Tränen rannen über mein Gesicht.

»Skull! Da hinten!«, rief Riven und gleich darauf erklangen wieder Schritte, die sich von mir entfernten. Ich wartete noch, bis ich sie nicht mehr hören konnte. Erst dann traute ich mich, die Hand von meinem Mund zu nehmen und neuen Sauerstoff tief in meine Lungen zu saugen. Teufel sei Dank! Mein Brustkorb hob sich und verdrängte die Schwärze, die vor meinen Augen waberte. Die Anstrengung und das fehlende Essen forderten ihren Tribut, doch noch war es nicht vorbei. Skull, Riven und Tooth waren zwar weg und jagten vermutlich irgendeinem Reh hinterher, aber irgendwo mussten noch die anderen sein.

Vorsichtig sah ich mich um, während ich hinter dem Baum in Deckung blieb. Erst als ich nichts sah, trat ich einen Schritt aus meinem Versteck und schlug den Weg ein, aus dem ich gekommen war. Wenn alle im Wald verstreut waren und nur die Frauen im Hauptquartier warteten, hatte ich vielleicht die Chance, unbemerkt auf den Parkplatz zu kommen, meine Maschine zu holen und abzuhauen, bevor mich jemand erwischte. Und selbst wenn meine Schwestern mich sahen, würden sie mich gehen lassen. Richtig? Sie mussten es einfach.

Ich schritt zügig über den Waldboden und achtete darauf, nicht unnötig Lärm zu machen, obwohl ich mein rechtes Bein immer ein Stück nachziehen musste. Von außen musste ich ein erbärmliches Bild abgeben, aber darüber würde ich mir erst Gedanken machen, wenn ich in der nächsten Stadt war. Weit weg von den Devils. Genauso wie über die Fragen, wie ich an Geld kommen sollte. Doch zuerst musste ich aus diesem Wald raus. Irgendwie.

Stille breitete sich aus, in der mein keuchender Atem überlaut an den Baumstämmen widerhallte, aber ich kam gut voran. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Bäume immer weniger wurden und ich mich dem Ausgang näherte. Fast hatte ich es geschafft. Nur noch ein paar Meter und ich wäre frei. Ich verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln, doch so schnell es kam, verblasste es auch wieder, als ein Räuspern hinter mir erklang, das mir verdeutlichte, dass ich diesen Wald nicht allein verlassen würde.

»Lore!« Tiefer Bariton ertönte und zog die Buchstaben in die Länge, als würde er sie streicheln. Ich erstarrte. Nein! Jeder! Bitte! Jeder, nur nicht er! Doch es war unverkennbar. Die vollen Töne konnten nur einem Mitglied der Devils gehören: Scar.

Ich erstarrte für einen Augenblick und neue Tränen bahnten sich ihren Weg an die Oberfläche. Kurz war ich versucht, wegzulaufen, doch wir beide wussten, dass ich das nicht konnte. Scar war der Road Captain. Er kannte alle Wege und er musste sich auch im angrenzenden Wald auskennen. Er würde mich auch finden, wenn ich mich versteckte. Und ich war sowieso nicht schneller als er. Verdammt! Ich saß in der Falle.

»Lore, hiergeblieben!«, verlangte er und ein Knirschen war zu hören, als er die Distanz zwischen uns verringerte und mir immer näherkam, bis sich eine Hand um meinen Unterarm schlang. Obwohl er mich mit festem Griff hielt, war die Berührung sanft. Es war paradox. Genau wie seine warmen Finger, die nicht zu der Kälte in meinem Inneren passen wollten. Schmerz breitete sich in mir aus, aber diesmal lag es nicht an den Verletzungen. Nein, die Qualen kamen direkt aus meinem Herzen, das sich am liebsten vor seine Füße übergeben hätte, um dem Gift zu entgehen, das mich innerlich verrotten ließ. Ich wollte nicht von ihm berührt werden. Er sollte einfach gehen. Das war es, was er schließlich am besten konnte. Ich versuchte, den Überraschungsmoment für mich zu nutzen und mich von ihm loszureißen, doch er hatte schon damit gerechnet und sein Griff wurde noch fester. Seine Fingerkuppen bohrten sich schmerzhaft in meine Haut.

»Du musst mit mir zurückkommen«, murmelte er und lehnte sich gegen mich, sodass ich seinen schweren Atem an meinem Nacken fühlen konnte. Ich schauderte. Jedes Härchen auf meinem Körper stellte sich erwartungsvoll auf. Wie oft hatte er das gemacht, während er mich gefickt hatte? Viel zu oft. Und auch jetzt reagierte alles in mir auf diese Geste. Ich wollte mich an ihn lehnen und mich in seine Arme kuscheln, bis der Schmerz nachließ und die Tränen versiegten. Doch das war nicht möglich. Nicht mehr. Alles hatte sich verändert. Er war zwar immer noch der Mann, der mein Herz zum Schmelzen brachte, doch jetzt war er auch derjenige, der mich in meine persönliche Hölle zurückbringen würde und das konnte ich einfach nicht ertragen. Ich wollte es nicht. Also bemühte ich mich erneut, von ihm loszukommen. Vergeblich. Wut stieg in mir auf. Konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen? Es war so knapp. Noch wenige Minuten und ich hätte den Devils den Rücken gekehrt. Für immer. »Hör auf dich zu wehren, Lore!«

Wärme schoss in meinen Unterleib. Nein, das war verdammt schlechtes Timing. Wie konnte er es wagen, mir Befehle zu erteilen? Aber was hatte ich erwartet? Er war nicht besser als der Rest der gewissenlosen Biker, die versuchten, über mein Leben zu bestimmen.

»Wieso? Damit Dad mich verkaufen kann wie ein Stück Fleisch?«, fauchte ich und drehte meinen Kopf in seine Richtung, damit ich ihn ansehen konnte, während ich ihn zusammenstauchte. Dass es ein Fehler war, erkannte ich sofort, als seine dunklen Augen sich in meine brannten. Die verschiedenen Brauntöne mischten sich miteinander, bewegten sich wie ein Fluss und schienen zur Pupille immer dunkler zu werden. Ich liebte diese Augen, weil sie alles sagten und nichts. Auch jetzt schien ein Feuer in ihnen zu brennen, während Scar gleichzeitig durch mich hindurchsah. Einzig und allein die roten Lider verrieten, dass ihn die Situation ebenfalls nicht kaltließ. Wie viel er heute schon gesoffen hatte? Irgendwann würde er sich noch umbringen, wenn er so weitermachte.

»Das ist nicht Jugdes Absicht.« Scars Stimme war nur noch ein Flüstern, während er mich musterte und mit der freien Hand über meinen Oberarm strich, auf dem unzählige Kratzer waren, die in der Zwischenzeit aufgehört hatten zu bluten. Die Wunden waren nicht tief und nichts im Vergleich zu meinem Knie, doch es brannte dennoch, als er darüberstrich, sodass ich zurückwich. Schmerz zeichnete sich auf Scars Zügen ab, bevor er seine Miene wieder unter Kontrolle bekam und die Hand sinken ließ, mit der er mich eben noch gestreichelt hatte. Sofort vermisste ich seine Zuwendung, auch wenn ich wusste, dass es falsch war. Und ich hasste mich dafür. So sehr. Weil ich schwach war. Ich konnte die Gefühle einfach nicht im Keim ersticken, egal wie sehr ich mich anstrengte, ihn nicht mehr zu wollen.

»Als würdest du jemals etwas gegen ihn sagen.« Ich schnaubte, jedoch hörte es sich durch meine Tränen eher wie ein Schluchzen an. Mein Hals brannte. Der Mund war staubtrocken. Ich hatte unheimlichen Durst und der Geschmack von Blut, der immer noch an meiner Zunge klebte, verstärkte den Wunsch nach Wasser. »Er ist nicht einmal mehr der Präsident und dennoch kriecht ihr ihm alle in den Arsch.« Ich klang verbittert. Ein wenig wie das Krächzen einer Krähe, die in der beschissenen Kälte des Winters kein Essen fand. Aber ich schaffte es auch nicht, einen anderen Ton anzuschlagen. Dad war seit Wochen nicht mehr Präsident und auch wenn ich es Skull nicht zugetraut hätte, war er ein guter Nachfolger für ihn geworden. Leider ließ er zu, dass Dad sich dennoch immer wieder einmischte, wenn ihm etwas nicht passte. Oder es um mich ging. Womit wir beim gegenwärtigen Problem waren.

»Er will nur das Beste für dich, Lore.« Beruhigend wollte Scar mich anlächeln, doch durch die Narben in seinem Gesicht sah es eher wie eine Grimasse aus. Trotzdem war er für mich schöner als jeder andere Mann es je sein könnte. Ich wusste nicht genau, woran es lag. Vielleicht an den Muskeln, die seinen ganzen Körper überzogen oder den Tätowierungen, die jede Stelle seiner Haut zierten, aber Scar war zu meiner persönlichen Perfektion geworden. »Du brauchst Hilfe.« Nein, ich brauchte ihn. Verstand er das nicht? Wie konnte er seelenruhig vor mir stehen, wenn meine ganze Welt auseinanderbrach?

»Ach, und eine erzwungene Ehe soll dabei helfen?« Ich erhob stolz das Kinn. Ich weinte wie ein kleines Kind, dem sein Lolli geklaut wurde, aber ich wollte mir wenigstens die Illusion bewahren, dass ich stark genug war, um ihm entgegenzutreten, obwohl seine Gleichgültigkeit meine Seele verkümmern ließ. Warum störte es ihn nicht? War es ihm wirklich egal, dass uns die Chance auf eine gemeinsame Zukunft genommen wurde?

»Isalie und Alea sind glücklich verheiratet. Er will das auch für dich.« Scar wandte den Blick ab und visierte einen Punkt hinter mir, um mich nicht weiter ansehen zu müssen. Vielleicht war es auch besser so, denn in mir regte sich ein Monster, das ihn anschreien wollte. Ja, meine Schwestern waren glücklich, aber ich war nicht wie sie. Ich konnte mich nicht von meinem Mann schlagen lassen und so tun, als ob ich darauf stehen würde, oder ausblenden, dass der Typ, der mich fickte, Zähne von echten Menschen sammelte. Und selbst wenn ich es gekonnt hätte, war keiner der Biker lange genug bei mir geblieben, um mir die Sicherheit zu geben, die ich brauchte. Und ich hatte es versucht. Das hatte ich wirklich. Egal, ob Skull oder Riven oder einer der anderen. Mit jedem von ihnen hatte ich gevögelt, und wofür? Damit Dad mich gern hatte, wenn ich einen Biker heiratete? Genau das Gegenteil war passiert. Dad kümmerte sich einen Scheiß um mich seit … Ich biss mir auf die Zunge, als sich Kummer in meiner Brust ausbreitete. Seit Moms Tod. Ich musste es nur oft genug denken, damit ich es endlich glauben konnte, dass ich sie verloren hatte. Dabei stimmte es nicht ganz. Eigentlich hatte Dad sich schon vorher nicht mehr um mich geschert.

»Aber Alea und Isalie hatten eine Wahl«, erwiderte ich und wischte die Tränen von meinem Gesicht. Eine, die ich nicht hatte. Sie hatten selbst entschieden, dass sie ihr Leben mit Skull und Tooth verbringen wollten. Verdammt, eine Zeit lang sah es sogar danach aus, als würde Isa nicht bei Tooth bleiben und jetzt hatten sie eine Tochter. Niemand hatte den beiden einen Typen vor die Nase gesetzt, den sie nicht … »Ich liebe ihn nicht.« Und das hatte ich auch nie. Meine Stimme klang tonlos, als ich es sagte, aber das machte es nicht weniger wahr.

Scars Kinnpartie verhärtete sich. Er strich sich durch die schwarzen Haare, die ihm daraufhin ins Gesicht fielen. Das Lächeln war aus seinen Zügen verschwunden. In seinen Augen blitzte es, aber ich wusste nicht, ob er wütend wurde, oder er das Gespräch einfach leid war. »Du warst mit ihm am längsten zusammen. Ghost ist kein schlechter Mann.«

Nein, das hatte ich auch nicht behauptet. Ein halbes Jahr hatte er meine Art ertragen und war nie aggressiv geworden, egal welche Kommentare ich abgelassen oder unberechtigten Vorwürfe ich ihm gemacht hatte. Doch dann hatte er Gruppensex mit mehreren Mädchen vor meinen Augen, um mir klarzumachen, dass wir kein Paar mehr waren. Ich wusste nicht einmal mehr, auf welcher Party es gewesen war, aber danach hatte ich endlich verstanden, dass er nichts mehr von mir wollte. Wie alle anderen hatte er eine Weile mit mir gefickt und mich danach fallen gelassen. Skull, Riven, Oneshot, Ghost … Sie alle hatten das. Wieso hatte ich geglaubt, bei Scar könnte es anders sein?

Und jetzt sollte ich Ghost heiraten, um Dad keine Schande mehr zu machen? Klar, wäre ich verheiratet, würde sich niemand mehr trauen, mich als ein Flittchen zu bezeichnen. Aber damit würde ich als ungeliebte Exfreundin mit mehreren Bikerkindern enden, die niemand wirklich wollte. Selbst Ghost wollte diese Ehe nicht. Hätte er zugestimmt, wenn Dad nicht der frühere Präsident gewesen wäre? Vermutlich nicht. Aber das Schlimmste war, dass ich dann tagtäglich bei den Devils wäre und Scar sehen müsste. Den Rest meines Lebens. Während er sich ein Mädchen aussuchte – vielleicht eine süße Hangaround – und sie beim Frühstück küsste oder ihr abends den Arm um die Schulter legte. Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Nein, das schaffte ich nicht. Ich würde es nicht überleben.

»Ich will das nicht«, flüsterte ich und schniefte leise, bevor ich das Gesicht bittend verzog. So sollte mein Leben nicht aussehen. Ich wollte nicht werden wie Mom. »Lass mich einfach gehen. Ich komme nie wieder. Es wird keiner erfahren, wenn du mich gehen lässt.« Ich schloss die Distanz zwischen uns und lehnte meine Hände gegen seine Brust, während ich die Unterlippe vorschob und ihn mit Tränen in den Augen ansah. Keine Ahnung, wohin ich gehen würde, aber selbst in irgendeinem Kaff zu versauern, war eine bessere Alternative als mich jeden Tag zu quälen.

Scars Pupillen weiteten sich. Seine Lippen öffneten sich einen Spalt. Er sog scharf die Luft ein. Kurz schweifte sein Blick durch die Gegend, als würde er sichergehen, dass wir immer noch allein waren. Wir waren es. Zum Glück. »Du bist nicht unsere Gefangene, Lore. Du gehörst zur Familie.«

»Nein, ich gehöre schon lange nicht mehr hierher.« Nicht, seit Dad meine Mom ins Gästehaus abgeschoben und dann noch dafür gesorgt hatte, dass sie ermordet wurde. Schön, er hatte sie nicht selbst getötet, aber er hätte es verhindern müssen und das hatte er nicht, weil sie ihn nicht mehr interessiert hatte. Dabei hatte sie alles geopfert. Sie hatte sich in alle Richtungen verbogen, damit er sie gernhatte, aber für ihn war sie immer nur die zweite Wahl gewesen. Wenn er sie wenigstens richtig hätte gehen lassen, hätte sie sich irgendwo ein neues Leben aufbauen können, aber nein, er hatte sie bei den Devils behalten, falls er irgendwann doch noch einen Fick für die Nacht brauchte. »Und wie willst du es sonst nennen? Wenn ich frei bin, wieso darf ich dann nicht gehen?«

»Ich kann dich nicht ziehen lassen«, antwortete Scar ausweichend und schlang auch noch seine andere Hand um mein freies Handgelenk, sodass ich meine Arme nicht mehr bewegen konnte. Somit konnte ich auch nicht meine Fäuste von seinem Brustkorb nehmen, in dem sein Herz viel zu schnell schlug. Erstaunt öffnete ich die Hände und legte meine Finger auf sein Shirt, unter dem ich die große Narbe erahnen konnte, die sich von seinem Hüftknochen über sein Schlüsselbein bis zum Schulterblatt zog.

»Wieso nicht?« Ich leckte über meine Lippen, um sie anzufeuchten, doch danach kam mein Mund mir noch ausgetrockneter vor. Der kühle Wind fegte zwischen unseren Körpern hindurch, während ich zu ihm aufsah und auf eine Antwort wartete. Die einfach nicht kam.

Scar blieb still und starrte mich an. Seine Schultern hoben und senkten sich bebend. Die Muskeln an seinem Oberkörper waren zum Reißen gespannt. Seine Backenzähne mahlten aufeinander und gaben ein knirschendes Geräusch von sich, das in meinen Ohren schmerzte, sodass ich froh war, als er endlich aufhörte und schluckte. Sein Adamsapfel sprang an seinem Hals auf und ab, bis er tief durchatmete und doch noch meine Frage beantwortete. »Weil ich alles tun würde, um dich nicht zu verlieren.«

Ein Sturm aus Gefühlen fegte über mich hinweg und riss die Mauern, die ich sorgsam um mein Herz aufgebaut hatte, fort. Ziegel für Ziegel trug der Blizzard davon, bis es ungeschützt war und seine Worte sich in mein Innerstes bohren konnten. »Ich liebe Ghost nicht«, wiederholte ich und konnte mich nicht mehr zurückhalten. Laute Schluchzer drangen aus meiner Kehle. Tränen liefen wie Sturzbäche aus meinen Augen und mein Körper bibberte so stark, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor. Doch Scar merkte es, ließ meine Handgelenke los und schlang stattdessen seine Arme um mich. Seine großen Pranken lagen stark an meinem Rücken und drückten mich an sich. Beruhigend streichelten sie über meine Haut.

»Ich weiß, ich weiß«, murmelte er in mein Haar und setzte einen Kuss auf meinen Scheitel. »Aber mich wolltest du nicht.« Scar ließ mich los und trat einen Schritt zurück, sodass er mich wieder ansehen konnte. Somit war ich frei. Ich hätte die Chance ergreifen und weglaufen können, aber ich wäre nicht weit gekommen, also versuchte ich es gar nicht. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte mein Körper nicht reagiert. Ich wollte nicht von ihm weg. Lieber wollte ich mich wieder in seine Arme schmeißen.

»Das ist eine Lüge!«, schrie ich und verstummte gleich darauf, als ich mich wieder daran erinnerte, dass wir nicht allein in diesem Wald waren. Ängstlich sah ich mich um, aber keiner schien mich gehört zu haben. Sie mussten immer noch andere Teile der Gegend nach mir absuchen.

Eine Hand an meinem Kinn ließ mich wieder zu Scar sehen. Seine Finger hielten mein Gesicht gefangen, sodass ich keine andere Wahl hatte, als ihn anzustarren. Er hatte die Stirn in Falten gelegt und ein herausfordernder Ausdruck trat in seine Miene. »Wie willst du es dann nennen?«

Dummheit. So würde ich es nennen. Und Angst. Jede Menge davon. Aber das konnte ich ihm schlecht sagen. Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, wie Mom zu werden oder ihn zu verlieren. Und was hatte ich am Ende erreicht? Es grenzte schon fast an Ironie. Ich trug Moms Kleidung, war das ungeliebte Miststück der Devils und wartete nur noch darauf, dass ich starb.

»Ich habe Mom verloren und wollte nur ein paar Tage mal nicht die Schlampe des MCs sein. Und jetzt …« Meine Stimme brach. Ich schloss die Augen. Mein Herzschlag setzte einen Moment aus. Ich konnte nicht mehr. Warum quälte er mich so? Bitte! Ich wollte nicht mehr hier sein. Wieso ließ er mich nicht gehen? Wo war mein Stolz und das Feuer geblieben? Früher hatte ich immer einen guten Spruch auf den Lippen, doch nun war mein Kopf wie leergefegt. Alles war schwarz. Es war, als hätte mein Leben alle Farben verloren und ich musste mich in der grauen Masse zurechtfinden, aus der es keinen Ausweg gab.

»Jetzt was?«, bohrte Scar nach und sorgte dafür, dass ich wieder die Augen öffnete. Ich hatte erwartet, Kälte in seinem Gesicht zu sehen, doch stattdessen blickte mir derselbe Schmerz entgegen, der auch in mir wütete.

»Jetzt willst du mich nicht mehr«, krächzte ich und fühlte, wie mir Blut in die Wangen schoss. Es kratzte an meinem Stolz, es laut auszusprechen. Hatte ich in letzter Zeit nicht genug meines Hochmuts eingebüßt? Mit jeder Sekunde, die verstrich, verwandelte sich die Königin in mir mehr zu einer kleinen Magd. Es zeigte mir wieder einmal, wie wenig ich in den Augen der Devils wert war.

»Ich werde dich immer wollen, Lore.« Scar zog mein Kinn näher zu sich, bis sich unsere Lippen beinahe berührten. Ich spürte seinen Atem, der sich mit meinem vermischte, und sog den Geruch nach Alkohol in mich ein. Er umgab Scar und begleitete ihn ständig, auch wenn er immer nach noch etwas anderem roch. Diesmal war es die herbe Note eines Whiskys, der mich umströmte. Ob er eine ganze Flasche getrunken hatte, um seine Gefühle zu betäuben? War das der Grund, weshalb er zuließ, dass ich praktisch an Ghost verkauft wurde, obwohl er behauptete, mich bei sich haben zu wollen?

»Warum lässt du dann zu, dass er das mit mir tut? Wie kannst du zusehen, während er mich küsst? Was wirst du tun, wenn er meine Beine auseinander drückt, um mich zu ficken?« So wie du es immer getan hast, weil ich mir nichts Schöneres vorstellen konnte, als dich in mir zu haben. Die Trauer in mir schien ihren Höhepunkt zu erreichen und drohte, mich von innen heraus zu zerreißen. Ich kämpfte gegen die Dunkelheit, die nach mir griff, doch das Bild vor meinen Augen verschwamm. Scars Anblick rückte in weite Ferne bei der Vorstellung von Ghost, der mich aufs Bett drückte und sich in mich rammte, während ich schrie und mein Körper nach Scar verlangte. Mir wurde schwindelig. Mein Magen rebellierte. Nein, lieber würde ich sterben, als das erleben zu müssen.

»Wo ist sie, verflucht!« Skulls Stimme drang wie durch Watte zu mir durch und das Geräusch von herannahenden Schritten ertönte. Dennoch dauerte es eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte. Panisch schüttelte ich den Kopf und konzentrierte mich auf den Mann vor mir, der mir so nah war, dass ich die feinen Linien seiner Gesichtstätowierung sehen konnte.

»Bitte, Scar!«, flehte ich und lehnte meine Stirn an seine, um ein letztes Mal die Wärme zu genießen, die von ihm ausging. Seine Hand verschwand von meinem Kinn und tauchte an meiner Hüfte wieder auf. Mit einem Ruck zog er mich an sich. Meine Brüste drückten sich gegen seinen Oberkörper. Ich keuchte, als seine Lippen meine streiften. Es war nur ein kurzer Moment. Ich fühlte es kaum, doch es reichte, um einen wohligen Schauer durch meinen Unterleib zu jagen. »Wenn du mich gernhast, dann lass mich gehen.«

»Ich habe dich nicht gern«, wisperte Scar und seine Augen verdunkelten sich, während er weitersprach, bis sie schwärzer als die Nacht waren. »Ich liebe dich, Kratzbürste.« Wieder streifte sein Mund meinen und als ich nicht protestierte, verschloss er seine Lippen mit meinen. Seine Pranke krallte sich in meinen Hintern und presste meine Mitte an seinen Körper. Flatternd schlossen sich meine Lider. Wie von selbst fanden meine Finger seinen Nacken und drückten Scar näher zu mir, während seine Zunge meine Unterlippe entlangfuhr. Instinktiv öffnete ich meinen Mund und gewährte ihr Zutritt. Scar nahm keine Rücksicht, als er mich in Besitz nahm. Seine Zunge war zu forsch, der Druck seiner Hände zu fest und die Lippen knallten schmerzhaft auf meine. Es war nicht liebevoll, obwohl ich wusste, dass er auch ganz anders konnte. Der Kuss war hart. Verzweifelt. Und dennoch viel zu schnell wieder vorbei. Noch bevor ich es wirklich realisieren und mich entspannen konnte, riss er seinen Mund von meinem und sah mich mit geröteten Wangen an. Schweiß perlte über seine Schläfe und zeigte die Anstrengung, mit der er sich zurückhielt. Dabei hätte er es nur verlangen müssen und ich hätte mich an den nächsten Baumstamm gelehnt, um mich von ihm besteigen zu lassen.

»Es tut mir leid.« Scars Hände verschwanden von meinem Körper und er trat wankend mehrere Schritte vor mir zurück, als würde er sich selbst nicht vertrauen, mich nicht wieder zu küssen, solange ich in Reichweite war. Doch die angedeutete Beule in seiner Hose wollte nicht wirklich zu der Trauer passen, die sich nun auf seinem Gesicht abzeichnete. Langsam schüttelte er den Kopf, während sein Blick mich um Vergebung anbettelte. Verwirrt sah ich ihn an, bis er erneut den Mund öffnete und ich verstand, dass meine Zeit abgelaufen war. »Aber ich kann dich nicht verlieren. Niemals.«

Ich blinzelte. Einmal. Zweimal. Ich wusste nicht, wie lange es dauerte, bis die Erkenntnis mein Gehirn erreicht hatte und ich die Augen aufriss. Doch im selben Moment gaben meine Knie unter mir nach. Ich fiel und blieb diesmal einfach am Boden liegen.

»Skull! Ich hab sie gefunden.«

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