Leseprobe zu Catch the Best Man

Kapitel 1-3

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel 1

 

Cleo, vor fünf Monaten

Seit einer halben Stunde sitze ich jetzt an dem Tresen dieser Bar und warte.
Ich warte auf ein Date!

Ist das zu fassen?

Ich meine, gibt es etwas Demütigenderes als das? Wenn ich wenigstens behaupten könnte, der Typ hätte nicht gewusst, wie ich aussehe, weil es ein Blind Date ist, und als er dann hier zum ersten Mal auf mich getroffen ist, hätte ich ihm einfach nicht gefallen und er wäre wieder gegangen. Okay, auch das wäre suboptimal, aber mein Gott! Ich bin bestimmt nicht jedermanns Typ. Kein Grund, auszuflippen! Vielleicht steht er auf wallend lange dunkle Haare? Und einen Körper wie eine Sanduhr? Große Brüste, schmale Taille, rundes Hinterteil, kurvig eben. Alles schön und gut. Dann hätte er sich bei meinem Anblick postwendend umgedreht und wäre klammheimlich verschwunden. Könnte ich ihm nicht verdenken, hätte ich bei einem Zwerg mit Schnauzer und lichtem Haupthaar vielleicht auch gemacht.

Der Punkt ist aber, der Kerl weiß ganz genau, wie ich aussehe. Auf Tinder gibt es Fotos, hallo?! Wische nach rechts und du bist im Spiel, wische nach links und du bist raus. Er und ich haben uns beide aufgrund der Fotos für rechts entschieden, gechattet, er war witzig und interessant, ich offensichtlich auch, wir haben uns verabredet. Zu diesem Date. In dieser Bar in Manhattan.

Und jetzt kommt er nicht?

Wütend trinke ich den letzten Schluck meines Cosmopolitan, schnappe meine Clutch und rutsche vom Barhocker, als mich der Kerl neben mir anspricht.

»Harter Tag?«, fragt er und schwenkt den Whiskey in seinem Glas.

Auch das noch! Sehe ich wirklich so bemitleidenswert aus?

Er allerdings sieht sehr gut aus. Typ Liam Hemsworth, groß, denn er überragt mich sogar im Sitzen um einen Kopf, muskulös unter dem weißen Hemd, stahlblaue Augen bestückt mit langen dunklen Wimpern, dichtes braunes Haar, das einen Schnitt vertragen könnte, denn als er sich lächelnd zu mir dreht, fällt ihm eine vorwitzige Strähne in die Stirn.

Ich halte inne, mustere sein Gesicht und bleibe an seinem Mund hängen. An seiner Oberlippe durchbricht eine kleine senkrechte Narbe die ansonsten perfekte Symmetrie, was ihn interessant macht.

Außerdem riecht er … exzellent, denn als er sich leicht nach vorne beugt, streift mich ein ziemlich verwirrender Duft. Fruchtig, irgendwie nach Zitrone und Orange, und trotzdem herb nach Leder, Moos, Zedernholz. Ich schnuppere unwillkürlich, und die Mischung ist so fein aufeinander abgestimmt, dass sie meine Sinne sogleich berauscht.

Trotzdem weise ich ihn zurück. Mir reicht es für heute.

»Wenn Sie ein Schaumbad in Stutenmilch, eine Hot-Stone-Massage, eine Maniküre, ein Drei-Sterne-Mittagessen, einen Afternoon-Tea und einen netten Ausklang des stressigen Tages als hart bezeichnen, dann ja«, sage ich und lächele knapp.

»Ich mag Frauen, die sich etwas gönnen. Das ist … sexy«, sagt er und sein Lächeln wird breiter. Ich verrolle innerlich die Augen, kann aber nicht leugnen, dass ich mich geschmeichelt fühle. »Bleiben Sie doch noch auf einen Drink. Vielleicht toppt er das Erlebnis mit der Stutenmilch. Dessen Vorstellung mir übrigens nie wieder aus dem Kopf gehen wird. Sie, in einer Wanne voll mit cremefarbener Flüssigkeit …«, sagt er und seine Augen wandern langsam über meinen Körper.

Ohne dass ich es verhindern kann, wird mir heiß. Scheiße, ich bin echt am Vertrocknen.
Gut, genau dafür war dieses Date ja gedacht. Der 
x-te Versuch, in dieser Stadt voller wunderschöner und genialer Singlefrauen einen Singlemann zu finden, mit dem man heißen, befriedigenden Sex hat. Und vielleicht noch etwas mehr, wenn ich ehrlich bin. Schon länger verspüre ich die Sehnsucht, endlich anzukommen. Auch wenn ich immer so tue, als wäre es mir egal, ist es mir das nicht. Glaube ich. Aber weil ich noch nie ein Feigling war, versuche ich momentan, es herauszufinden. Ob es mir fehlt, jemanden zu haben, mit dem man verregnete Sonntage im Bett verbringt. Mit dem man sich Ausstellungen in Museen ansieht, bei einem kitschigen Kinofilm hemmungslos heulen kann (obwohl das bei mir sehr unwahrscheinlich wäre, denn ich habe seit zehn Jahren nicht mehr geheult), mit dem man sich streitet und dann wieder versöhnt, ohne dass es komplett ausartet und man Angst –

»Was trinken Sie? Cosmopolitan?«, fragt der Mann und ich werfe meine Zweifel über Bord. Vielleicht ist er der Grund, warum mein Date nicht aufgetaucht ist. So ein Schicksalsding. Der Butterfly-Effekt oder wie Lav das auch immer nennen würde. Wenn eine Sache geschehen muss, damit eine andere stattfinden kann?

Ich lege meine Clutch wieder auf den Tresen, schiebe mich zurück auf den Barhocker und nicke.

Der Mann wendet sich an die Bedienung hinter der Theke, die ihn bewundernd anblickt. Beinahe bin ich versucht zu sagen: »Verdammt, Süße, ich kann es dir nicht verdenken«, verkneife es mir gerade noch so.

»Wir hätten gerne einen Cocktail«, sagt Mr. Supersexy, und bevor ich einwerfen kann, dass ich bei Cosmopolitan bleibe, redet er weiter: »Was können Sie empfehlen? Er sollte stark und doch sanft sein. Spritzig, aber nicht übermütig, elegant und intelligent, mit dem gewissen Maß an Feuer. So wie die Dame neben mir eben«, sagt er und die Bedienung und ich starren ihn ungläubig an. Ich, weil ich nicht weiß, ob ich so etwas Schwülstiges schon jemals gehört habe, sie, weil sie vor meinen Augen dahinschmilzt.

Ich entscheide mich um. Das ist mir zu viel des Guten.

»Hören Sie, ich muss doch gehen. Ich habe noch einen Ter–«

»Ach, kommen Sie schon«, würgt er mich ab. »Wir wissen beide, dass das gelogen ist. Ersparen Sie uns diese Albernheiten. Sie finden, ich trage zu dick auf? Geben Sie mir eine Minute. Nur eine Minute«, bittet er und ich hole tief Luft. Er hat Schneid, so viel steht fest.

»Eine Minute«, sage ich, der Mann grinst unverschämt hübsch.

»Mixen Sie den Cocktail Ihres Lebens. Meine Zukunft hängt davon ab«, sagt er zu der Bedienung, ohne meinen Blick zu verlieren. Herrgott, das ist wirklich … süß, denke ich noch, als er loslegt.

»Sie hassen frühes Aufstehen. Am liebsten liegen Sie an freien Tagen lange im Bett, schäumen sich einen Latte, nein, warten Sie …« Er denkt kurz nach, nickt dann. »Schwarz! Sie sind eindeutig der Typ Americano. Ohne viel Schnickschnack, pur und clean. Sie lesen gerne, am liebsten Biografien über starke Frauen. Sie sind kein Fan der neuartigen Streamingdienste. Klar, Sie machen das, laden sich die Songs runter, aber der Klang sagt Ihnen nicht zu. Sie haben nämlich Ohren wie ein Luchs und hören jeden noch so kleinen störenden Ton. Sie essen am liebsten Asiatisch, ihre Lieblingsfarbe ist Taupe, weil es so unaufgeregt ist, und ihr Name klingt irgendwie …« Er schnalzt mit den Fingern, als würde es ihm auf der Zunge liegen, richtet dann den Zeigefinger auf mich und sagt: »… französisch?«

Ich starre ihn an und muss aufpassen, dass mir nicht der Unterkiefer herunterklappt.

Woher, zur Hölle, weiß er das alles?

»Laurent. Meine Mom war Französin«, sage ich und weiß nicht einmal genau warum. »Sind Sie …« Ich schüttele verwirrt den Kopf, runzele die Stirn. »Sind Sie Mentalist oder so? Ist das ein Trick?«

Der Mann lacht, in dem Moment schiebt die Frau hinter der Theke meinen Cocktail herüber. »Bitte sehr.

Ein Moscow Mule. Ich hoffe, der beste in meinem ganzen Leben«, sagt sie und lacht nervös.

Mein großzügiger Spender bedankt sich und animiert mich, zu kosten.

»Haben Sie den schon mal probiert?«, fragt er und ich verneine. Dann greife ich nach dem beschlagenen Kupferbecher, der eiskalt ist. An meinen Lippen prallt das Kupfer so frostig auf, dass ich kurz Angst habe, kleben zu bleiben. Der frische Duft von Minze und Ingwer steigt mir in die Nase und beim ersten Schluck begrüßt der Mule meine Zunge mit seinem heißkalten Ingwer-Brennen. Eine leichte Säure macht sich breit, bevor ich den Drink den Gaumen hinabrinnen lasse und er mich mit seiner prickelnden Schärfe auf den Lippen und dem erfrischendsten Gefühl aller Zeiten zurücklässt.

Es ist, als würde ich in brütender Sommerhitze ein Glas flüssigen Winter trinken.

Okay, es ist fast Winter, in guten vier Wochen ist Weihnachten, aber hier in der Bar ist es wohlig warm. So wie in meinem Magen nach dem ersten Schluck.

»Und? Schmeckt er wie Sie?«, fragt der mir immer noch fremde Mann. »Kühl und doch heiß? Scharf und doch erfrischend? Die intensive Minze mit der bescheidenen Gurke?«, beschreibt er und ich muss lachen.

»Okay, hören Sie auf! Das ist beängstigend, wie gut Sie mich analysieren«, rufe ich aus. Die Chancen, dass dieser Abend amüsant wird, sind in den letzten fünfzehn Minuten zu meinem Glück rasant gestiegen. Ich nehme einen zweiten Schluck, der Mann klirrt sein Glas sanft gegen meinen Becher und blickt mir tief in die Augen. Das Blau in seinem Blick ist so strahlend, dass man meinen könnte, hinter seinen Pupillen wären Flutlichter versteckt.

Ich setze den Becher ab, mache es mir auf dem Barhocker bequem, weil ich das Gefühl habe, noch eine Weile zu bleiben, und wende mich ihm zu.

»Na gut. Soll ich ihren Namen erraten oder sagen Sie ihn mir einfach?«, frage ich. Der Mann zieht die Luft durch die perfekten weißen Zähne.

»Raten Sie«, sagt er.
Ich schnaube belustigt, atme ein. »William?«
Er kraust die Nase, schüttelt den Kopf.
»Richard?«
Immer noch verneint er.
»Henry?«
Er lacht. »Hat es einen bestimmten Grund, warum 
Sie die Namen der Könige von England aufzählen?«, fragt er. Ich grinse. Das fängt an, Spaß zu machen.

»Vielleicht habe ich das Gefühl, Sie tragen blaues Blut in sich?«

»Oh, das gilt nur für meine Augen, keine Sorge. Ich bin ein Normalsterblicher, ganz sicher.«

»James?«

Sein Kopfschütteln bleibt. Auch bei Michael, John, Darren und Steven. Ich werfe die Hände in die Luft, puste aus. »Erlösen Sie mich, bitte! Bevor ich noch blödere Namen für Sie finde!«, sage ich.

Der Fremde wird plötzlich ernst. »Versprechen Sie mir, dass Sie nicht wütend werden«, sagt er, ich runzle die Brauen.

»So schlimm?«, sage ich, er nickt, zuckt dann die Schultern.

»Das kommt drauf an«, sagt er.
»Auf was?«, frage ich.
»Wie lustig Sie es finden, dass ich ein vorsichtiger 
Mensch bin.«

Okay. Ich habe keinen Schimmer, von was er spricht, sehe ihn erwartungsvoll an.

Er beugt sich zu mir, wieder streift mich sein Duft, trifft mich seine Attraktivität mit voller Wucht. Es kribbelt in meinem Magen, mein Herz schlägt plötzlich schneller .

Verknalle ich mich hier gerade? Nach gefühlten zwei Sekunden? Oder ist das der Moscow Mule, der mich benebelt?

»Mein Name ist Demon. Demon Hell«, sagt er. Zuerst löst das nichts in mir aus. Bis es mir langsam dämmert.

Er ist der Rechtswischer.
Er ist mein Tinder-Date!
Aber er sieht ganz anders aus als auf den Fotos! »Sie …? Sie sind …? Sie haben mich …«, stammele 
ich, er nickt, hebt die Hände.

 

»Hör mal, Cleo, es tut mir ehrlich leid. Ich kann das erklären«, sagt er, aber ich springe schon vom Barhocker, greife nach meiner Clutch.

»Du unverschämter Mistkerl!«, fauche ich. »Kein Wunder, dass du all diese Dinge über mich wusstest! Das habe ich dir in unseren Chats erzählt!« Ich will davonstürzen, aber Demon hält mich am Arm.

»Warte kurz. Bitte«, sagt er. Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig, wenn er mich festhält.

»Was?«, schnauze ich ihn an, als ich mich umdrehe.

»Das war unfair. Ich gebe es zu. Aber ich wollte eben wissen, ob du wirklich so aussiehst wie auf den Bildern«, sagt er und macht es mit diesem Satz eher schlechter als besser.

Jetzt klappt mir doch die Kinnlade herunter. »Sag mal, spinnst du? Wir sind doch hier nicht auf dem Viehmarkt, wo man eine Frau betrachten kann, bevor man sich mit ihr … mit ihr … was auch immer! Außerdem, warum sollte ich lügen? Das ist ja eher dein Spezialgebiet!« Ich bin so wütend, dass ich laut werde. Mit einem Ruck reiße ich mich von ihm los. Wie eine Vollidiotin hat er mich neben sich sitzen lassen, mich in aller Ruhe von oben bis unten begafft, bis er beschlossen hat, dass ich seiner würdig bin? Und dann lässt er mich auch noch auflaufen, bezirzt mich mit seiner angeblichen Menschenkenntnis und ich falle voll drauf rein? Ich habe ja auf meinen Dates schon einiges erlebt, aber das schießt den Vogel ab.

 

»Lügen würde ich das jetzt nicht unbedingt nennen«, sagt Demon und winkt ab. »Immerhin habe ich dir damit den besten Cocktail deines Lebens beschert. Und bitte, was ist falsch daran, vorsichtig zu sein? Ich meine, im Netz zu betrügen ist ja mittlerweile gang und gäbe«, sagt er.

Was will er mir sagen? Dass ich hätte aussehen können wie der Glöckner von Notre Dame?

»Offensichtlich! Sonst hättest du ja keine Bilder von Stockphoto hineingesetzt! Weil du es bitter nötig hast«, lüge ich jetzt dreist und es ist mir scheißegal. Für wen hält sich der Typ? Für den Sexiest Man Alive?

Demon lacht. Er lacht allen Ernstes. Geht es arroganter?

Ja, es geht, muss ich bei seinen nächsten Sätzen feststellen.

»Mein Gott«, schnaubt er und verdreht die hübschen Augen. »Mach doch nicht so eine Geschichte daraus. Es ist doch alles glatt gelaufen. Du stehst auf mich, ich auf dich, ist ja kein Geheimnis. Wir amüsieren uns ein bisschen, landen im Bett und in vier Wochen begleitest du mich zu einer Hochzeit. Danach gehen wir getrennte Wege, hatten unseren Spaß und gut ist es«, sagt er und nippt von seinem Whiskey.

In meinem Hirn legt sich ein Schalter um. Wie ich die Schnauze voll habe von solchen Männern. Wie es mich nervt, gleich zu Beginn abzuklären, dass es nur etwas Lockeres, Unverbindliches ist. Spaß, mehr nicht.

 Hey, warum so prüde, Püppchen? Wir müssen ja nicht gleich heiraten. Die Standardsätze bindungsunfähiger Geistesgestörter.

»Wir müssen ja nicht gleich heiraten«, spricht es Demon laut aus und hier ist Schluss.

Ich greife nach meinem Moscow Mule, halte ihn über seine Hose und kippe den Inhalt über seinen zweifelsohne sehr teuren Anzug. Mitten über seinen Schritt. Demon schnappt nach Luft, als ihn das eiskalte Getränk erwischt, als ich es bis auf den letzten Tropfen über ihn schütte. Die beiden Gurkenscheiben landen zum Abschluss als nette Garnitur der Sauerei auf dem Stoff.

Ich grinse. »Ganz sicher nicht. Heiraten.«

Demon presst die Lippen aufeinander und seine Kiefermuskeln treten hervor. Mit einer wütenden Handbewegung wischt er sich die gröbste Pfütze von der Hose, fixiert mich dabei.

»Ich hatte gedacht, du weißt es zu schätzen, wenn dich ein richtiger Mann einlädt. Ich habe mich wohl getäuscht. Du bist genauso eine Zicke wie alle anderen«, sagt er, ich krame in meiner Clutch.

»Von jemandem wie dir lasse ich mich ganz sicher nicht einladen, sorry.« Mit diesen Worten knalle ich der Bedienung, die Demon ihrerseits Servietten reicht, vierzig Dollar hin.

Ich drehe mich um und gehe.

Herrgott, das war eines der schlechtesten Dates, die ich je hatte. Was ist nur los in dieser Stadt?


Kapitel 2

Cleo, heute

»Aber wenn wir an diesem Tisch die Singles mit den Kindern zusammensetzen, ist das wie ein Stigma«, sage ich nachdenklich und tippe auf den Plan auf meinem iPad. Demon nickt, während sein Blick ständig wieder über meine Schulter huscht.

»Dann wäre auch Barack Obama zufrieden, der ja mit Melania Trump, seiner neuen Freundin, zugesagt hat«, sage ich, und Demons Augen hängen an etwas hinter mir. Sein Kopf nickt immer noch, er brummt zustimmend.

Und mir reicht es. Mit diesem Mann kann ich nicht arbeiten. Beziehungsweise tue ich das ja auch nicht, sondern ich gebe mein Bestes, mit ihm gemeinsam die Hochzeit meiner besten Freundin und seines besten Freundes zu organisieren. Und ich hasse es. Ich hasse es, dass June und Ryder tatsächlich so selbstgefällig sind, sich einzubilden, ihre Liebe könnte alle Grenzen überwinden. Selbst die zwischen mir und diesem arroganten, selbstverliebten Macho!

Ich drehe mich in die Richtung, in die Demon blickt, weil er immer noch nicht reagiert. Das rothaarige Objekt seiner Begierde ist, wenn er Glück hat, volljährig, in jedem Fall vollbusig und so scharf auf ihn, dass ihr der Sabber aus den Mundwinkeln läuft.

Wenn ich es nüchtern betrachte, ist es die normale Reaktion auf ihn. Heute ist Sonntag, und Demon trägt keinen Anzug, was seiner Ausstrahlung aber keinen Abbruch tut. Das lässige, aber teure graue Longsleeve und die Stone-washed-Jeans betonten seinen muskulösen Körper, seine schlanken Hände liegen entspannt auf dem Holztisch, seine Haare laden geradezu dazu ein, sie mit den Fingern zu verwuscheln.

Rigoros klappe ich die Mappe zu, packe mein iPad und mein Handy in meine Handtasche, trinke den letzten Schluck meines Kaffees und stehe auf. Erst da erlange ich Demons Aufmerksamkeit zurück.

»Sind wir schon fertig?«, fragt er.

»Ich mit dir schon lange. Du mit ihr wohl noch nicht. Ich bespreche die Tischordnung mit June. Dir ein schönes Wochenende«, sage ich, und bevor Demon etwas erwidern kann, gehe ich. Am Tisch der Rothaarigen stoppe ich kurz, beuge mich vertrauensvoll zu ihr.

»Im Bett nennt er dich Mami. Er steht drauf, wenn du ihm vorher die Flasche gibst. Ich würde mir das gut überlegen. Er hat da so einen Komplex …«, raune ich ihr zu und drehe meinen Zeigefinger an meiner Schläfe. Dann klopfe ich auf die Tischplatte, richte mich wieder auf. »Nichts für ungut, ich wollte es nur erwähnt haben«, schiebe ich hinterher, die Rothaarige glotzt erst auf mich, dann auf Demon. Ihre Begeisterung hat merklich abgenommen.

Mit einem Lächeln auf den Lippen verschwinde ich.

Als ich nach Hause komme, ist Ryder schon wieder in Junes und meiner Wohnung. Das ist er die letzten Monate ständig, doch auch wenn ich ihn mag, wollte ich eigentlich keine WG zu dritt.

June und er suchen seit Wochen verzweifelt nach einer Lösung, was sich als schwieriger gestaltet als gedacht. June und ich haben diese Wohnung, die direkt über unserer Wedding-Agentur in Soho liegt, gemeinsam gekauft, Ryder und Demon haben ihre Wohnung im Meat Packing District gemeinsam gekauft. Jetzt sind June und Ryder verlobt, wollen heiraten und selbstverständlich zusammenziehen und wir vier stehen somit vor einer ziemlich blöden Pattsituation.

Noch dazu ist der Wohnungsmarkt in Manhattan nicht gerade der einfachste. Ich weiß nicht, wie oft June jetzt schon von einem Termin mit der Maklerin nach Hause kam und nur den Kopf geschüttelt hat, weil die Besichtigung mal wieder ein Totalausfall war .

»Hey, du bist schon wieder zurück. Das ging aber schnell«, sagt Ryder, öffnet den Kühlschrank und inspiziert den Inhalt. Er entscheidet sich für einen Jogurt, den eigentlich ich mir gekauft habe, und mit leisen Unmut sehe ich zu, wie er den Deckel abzieht und ihn genüsslich löffelt.

Er könnte wenigstens fragen.

»Oh, Cleo! Hi. Schon wieder da?«, ertönt Junes Stimme von hinten. Sie rubbelt sich mit einem Handtuch die Haare trocken, tapst zu Ryder, stellt sich auf die nackten Fußspitzen und küsst ihn. Er lässt den Joghurt Joghurt sein und vor meiner Nase beginnt die allmorgendliche Knutscherei.

Es ist ja nicht so, als würde ich es ihnen nicht gönnen. Mein Gott, es hat sage und schreibe zehn Jahre gedauert, bis sie an diesen Punkt kamen, und das ist ganz ehrlich eine kleine Ewigkeit! Aber so langsam geht es mir ziemlich auf den Zeiger. Ich räuspere mich vernehmlich, die beiden lösen sich grinsend voneinander.

 

»Hast du gut geschlafen, Junybunny?«, fragt Ryder und reibt seine Nase an der von June.

»In deinen Armen auf jeden Fall«, sagt June und reibt ihre Nase an seiner. Sie sind ein wirklich hübsches Paar, die zwei. June mit ihren kurzen, hellblonden Haaren, ihrem zarten Äußeren, und Ryder, der sie um zwei Köpfe überragt und sie praktisch unter seinen Achseln verstecken könnte. Es ist süß. Und es ist nervig.

»Ich kann das nicht mehr. Dieser Typ ist so ein Arschloch! Er boykottiert, nein sabotiert eure Hochzeit, weil er einer Rothaarigen die Klamotten vom Leib reißen will! Das ist absolut inakzeptabel!«, sage ich laut und mein Ton unterbricht das Geschmuse zwischen June und Ryder. June kommt zu mir an den Küchenblock, legt den Arm um mich.

»So schlimm?«, fragt sie mitfühlend, aber ich bin wütend. Wütend auf sie und wütend auf Ryder. Von Anfang an habe ich ihnen gesagt, dass Demon und ich das nicht tun können. Gemeinsam Trauzeugen sein. Ich habe mir bei June den Mund fusselig geredet, sie gebeten, doch einfach eine unserer anderen besten Freundinnen, Lav oder Willow, zu fragen. Aber sie besteht auf mich, und Ryder besteht auf Demon. Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand wie Demon Ryders bester Freund sein kann. Ryder ist … sanft und gutmütig und ruhig und besonnen. Demon ist … er ist … ein Arsch! Er ist der Grund, warum Frauen ein ganz bestimmtes Klischee von Männern im Kopf haben. Er erfüllt sie nämlich alle. Und noch einige mehr dazu.

»Ja. Nein. Es geht schon«, sage ich missmutig, weil ich June nicht den schönsten Tag ihres Lebens mit meinen Befindlichkeiten vermiesen will. Außerdem bin ich die PR-Managerin unserer Wedding-Agentur! Es ist mein verdammter Job, solche Dinge souverän zu organisieren! Nur eben nicht mit Demon Hell, diesem –

»Steht die Tischordnung denn? Oder brauchst du meine Hilfe?«, fragt June und schneidet sich einen Apfel.

»Wir kriegen das schon hin. Kümmere du dich um dein Kleid«, sage ich und lächele.

Dann kommunizieren wir eben per Mail, denke ich und angele nach meinem Handy.

Könntest du mir bitte eine Auflistung von Ryders Gästen machen, die auf keinen Fall an einem Tisch zusammensitzen können? Wenn du mit der Rothaarigen fertig bist?,

tippe ich und drücke auf Senden.

Keine Minute später kommt zu meiner Überraschung eine Antwort.

 

Stell dir vor, ich kann beides gleichzeitig. Die eine Hand habe ich an ihrem Hintern, die andere auf der Tastatur.

Ich schnaube. Dieser eingebildete Fatzke!

Ist nur die Frage, wie gut?

Soll ich ihr Stöhnen aufnehmen?

Verschone mich! Schick mir einfach deine Vorschläge.

Demon und Cleo: nicht an einem Tisch. Auf keinen Fall an einen Tisch!

Oh, dieser Mistkerl! Dieser blöde, blöde Mistkerl!

Meine Finger tippen auf mein Handy, als würde ich es massakrieren wollen.

Oh ja, da hast du recht! Es reicht mir schon, dass wir in derselben Stadt wandeln. Nein, warte, auf demselben Planeten! Willst du nicht vielleicht umziehen? In die Hölle oder so?

Da! Jetzt habe ich es ihm gegeben!

 

Süße, da komme ich her. Und jetzt wäre ich dir sehr verbunden, wenn du die Klappe halten würdest. Die Rothaarige ist nämlich ebenfalls kurz davor, zu kommen.

»Argh!«, rufe ich aus und werfe das Handy auf den Tresen.

June blickt von ihrem Obstgeschnippel hoch, Ryder stoppt auf dem Weg ins Bad.

»Alles in Ordnung?«, fragt er.

Nein?! Nichts ist in Ordnung? Bring mal deinen Freund zur Besinnung?

Kontrolliert hole ich Luft. »Ja. Dieses Software-Update macht mich noch wahnsinnig«, sage ich und Ryder verdreht die Augen.

»Ja, kenne ich. Meines hat zwei ganze Tage gehangen. Hey, Ladies, wie sieht’s aus? Wollen wir heute Abend einen Film ansehen? Wir könnten uns ein Thai-Curry kochen?«, schlägt er dann vor und June grinst breit. »Oh ja, Schatz! Das wäre super!«, sagt sie begeistert, meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Das heißt, Ryder wird wieder hier übernachten. Das heißt, ich werde mich wieder wie das fünfte Rad am Wagen fühlen und mich irgendwann, selbst wenn der Film noch nicht zu Ende ist, in mein Zimmer verkrümeln, weil ich ihre Kuschelei nicht mehr ertrage. Ich werde ein schlechtes Gewissen haben, weil ich mich nicht einfach für sie freuen kann, und ich werde gleichzeitig sauer sein, weil ich keinen Freiraum mehr in meiner eigenen Bude habe. Ich meine, so gut ich Ryder kenne, so wenig Lust habe ich, mich in meinem Schlafanzug und meinen dicken Wollsocken vor ihn zu fläzen.

»Wollt ihr nicht mal wieder zu Ryder nach Hause?«, frage ich beiläufig und June verzieht das Gesicht.

»Sorry, aber die Frauen, die Demon mitbringt, sind nicht gerade leise, wenn du verstehst? Ich mache da kein Auge zu, auch wenn Ryders Zimmer am anderen Ende der Wohnung liegt. Das sind solche Tussen!« Sie steckt sich einen Apfelschnitz in den Mund und deutet mit einem zweiten Stück auf mich. »Kennst du diese Weiber, die nur am Kichern sind? Egal, was Demon sagt oder tut, sie kichern! So richtig schrill und hoch.« Sie imitiert das Geräusch, ich zucke zusammen. »Ja! Siehst du! Du erschrickst auch! Ich frage mich jedes Mal wieder, wie er das aushält? Und was er mit diesen Weibsbildern will? Sie passen wirklich durch die Bank nicht zu ihm« sagt June und schüttelt den Kopf.

»Hey, die eine, die mit diesem Hund, die war der Abschuss!«, sagt Ryder von der Badezimmertür aus und beide brechen in ein Lachen aus.

»Ja! Bitte, was war das? Eine bellende Ratte?«, gluckst June.

»Demon hat vielleicht geglotzt, als sie mit dem Tier in ihrer Handtasche vor der Tür stand. Der Anblick war zum Schießen!«, grinst Ryder.

 

Meine Frage bezüglich der Übernachtung ist irgendwie untergegangen.

Ich seufze leise. Dann eben nicht.

Ich stehe auf, nehme meine Tasche und gehe zur Tür.

»Hey, willst du mit shoppen gehen? Für das Curry?«, fragt June mich, aber ich winke ab.

»Lass mal. Ich muss noch ein paar Dinge im Büro aufarbeiten. Wir sehen uns später«, sage ich und verdrücke mich nach unten in die Agentur.

Hinter mir höre ich Ryder, wie er June fragt, ob sie noch einmal duschen will, und schließe mit Nachdruck die Tür.

Auf diese Geräusche kann ich nämlich gut und gerne verzichten.

Ich bin so in den Vertrag mit einem Fachmagazin vertieft, dass ich das Klicken von Willows Kamera erst höre, als sie direkt vor mir am Tisch steht. Erschrocken blicke ich auf und Willow grinst. Die Kamera dieser Frau scheint an ihrem Auge festgewachsen zu sein. So gut wie nie sieht man Willow ohne ihr wichtigstes Accessoire, aber dafür ist sie auch einfach die Beste in ihrem Job. Gerade erst hat sie eine Auszeichnung von einem renommierten Kunstverein erhalten, der ihre Fotostrecke „Pre-Marrriage” in einer Galerie ausgestellt hat. Wir sind alle superstolz auf sie und haben diesen Preis gefeiert bis in die Morgenstunden.

»Was machst du hier? Es ist Sonntag und wir haben ausnahmsweise keine Hochzeit«, frage ich, Willow hebt die Brauen.

«Was machst du hier? Es ist Sonntag und wir haben ausnahmsweise keine Hochzeit«, fragt Willow zurück.

»Ach, ich … habe zu tun«, sage ich und deute auf die Papiere vor mir.

Willow nickt. »Gehen dir die Zuckerschnecken da oben langsam auf den Geist?«, trifft sie den Punkt.

Ich verdrehe die Augen. »Versteh mich nicht falsch, sie sind wirklich süß. Aber wir sind dauernd zu dritt. Ryder ist ständig hier, nur weil Demon seinen Schwanz nicht in seiner Hose lassen kann.«

Willow lacht kurz, dann wird sie ernst. »Du kannst ihn so gar nicht leiden, oder?

Ich suche nach Worten, will nicht jammern. »Es geht schon. Er ist … er interessiert sich nicht für die Vorbereitungen, weißt du? Ich meine, wann hat der männliche Trauzeuge das auch jemals getan? Bei der Tischordnung sagt er: Es wäre doch lustig, wenn sich ein paar Gäste die Köpfe einschlagen. Ein unvergessliches Erlebnis für jede Hochzeit. Bei den Brautpaarspielen, die ich vorschlage, sagt er: Wir sind doch nicht auf einem Kindergeburtstag. Lass die Leute trinken, das genügt schon. Bei der Auswahl der Band sagt er: Hey, wie wäre es mit Karaoke? Das kommt immer gut an.

 

Kurz gesagt: Er macht mich wahnsinnig. Also mache ich es lieber alleine«, sage ich und schiebe meinen Missmut über Demons miesen Charakter auf sein mangelndes Organisationstalent.

»Mmh. Aber sonst kommt ihr gut miteinander aus?«, hakt sie nach.

»Ja. Ja, sicher«, sage ich lahm, Willow nimmt auf der Tischkante Platz, schlägt die langen Beine in der schwarzen Jeans übereinander.

»Du kannst mir ruhig die Wahrheit sagen, ich schweige wie ein Grab, das weißt du doch«, sagt sie und grinst.

Ich halte die Luft an, puste sie dann aus. »Ich kann ihn nicht ausstehen, Willow. Er ist genau wie mein Dad! Ein Lebemann, ein Gigolo, ein totaler Macho. Er sieht jeder Frau hinterher, die uns über den Weg läuft, als wäre er den ganzen Tag auf einem Viehmarkt. Wegen ihm sehe ich nur noch Brüste, knackige Hintern, wiegende Hüften! Es ist schrecklich! Er ist arrogant und überheblich, oberflächlich und respektlos! Wie kann auch nur eine einzige Frau auf ihn hereinfallen? Kein Wunder, dass seine Verlobung geplatzt ist! Dieser Blödmann hat es nicht anders verdient!«, lasse ich mich aus und bin selbst überrascht über die Vehemenz, mit der ich diese Worte über Demon hervorstoße. »Und June ist es völlig egal! Sie lässt zu, dass dieser Typ Trauzeuge für sie und Ryder wird? Er schenkt Ryder am Junggesellenabschied mit Sicherheit eine Stripperin, die aus einer Torte springt! Nein, warte! Er schenkt ihm zwei Stripperinnen, die aus einer Torte springen!«, rufe ich laut und Willow rutscht lachend ein Stück zurück.

»Wow. Das klingt deutlich«, sagt sie.

Ich schlage die Hände vors Gesicht und luge zwischen den Fingern hervor. »So schlimm?«

Willow nickt. »Kriegst du es hin? Das ihr euch vertragt? Bis nach der Hochzeit?«, fragt sie dann mitfühlend.

Ich nehme die Hände weg, zucke die Schultern. »Ja. June ist meine beste Freundin. Und sie ist glücklich. Also werde ich seine bescheuerte Art einfach hinnehmen und die Zähne zusammenbeißen. Ich muss ihn ja schließlich nicht heiraten, nur eine Weile ertragen«, sage ich und meine es auch so.

Es gibt sicher sehr viel schrecklichere Probleme als das hier.

Glaube ich.

Kapitel 3  

Demon

Lieber Himmel! Diese Frau kostet mich den letzten Nerv! Ich tippe auf meinem Handy eine Antwort, die sie in jedem Fall zum Schweigen bringen wird, und lege es dann weg.

Scheiße, wie kann man so dauergestresst sein wie Cleo?

Wie geht das?

Sie läuft durch die Gegend wie eine straff gespannte Gitarrensaite. Alles muss besprochen, genaustens durchgeplant und aufgeschrieben werden. Die Tischordnung, die Reihenfolge der Songs, die die Band spielen soll, die mehr als albernen Braut-und-Bräutigam-Spiele, die meistens nur für peinliche Lacher bei der Gästeschar gut sind.

Nichts kann mal spontan sein.

Ich meine, jeder weiß doch, dass die Tischordnung spätestens nach dem Aperitif über den Haufen geworfen wird. Weil die Leute meistens keine Lust haben, neben demjenigen zu sitzen, neben den sie Menschen wie Cleo platziert haben. Es ist mir sowieso schleierhaft, wie Ryder und June diese dämliche Idee haben konnten, Cleo und mich als Trauzeugen zusammenzustecken. Das ist ja wie in einem dieser schlechten Hollywoodfilme mit Ashton Kutcher und irgendeiner blonden Hohlbirne als weibliche Hauptdarstellerin. Ich habe es ihm gesagt. Ich habe gesagt: »Ryder, Cleo und ich, das ist wie Feuer und Eis. Das wird nicht funktionieren.« Er hat mich nur ganz komisch angesehen und mir auf die Schulter geklopft. »Du machst das schon«, hat er gesagt, und dann ist er wieder zu June verschwunden, bei der er permanent herumhängt. Ich meine, ich kann ihn ja verstehen, die beiden sind schließlich zehn Jahre umeinander geeiert, aber es ist schon leer in unserer Bude. Und das wird es auch bleiben, denn natürlich werden die zwei sich etwas Eigenes suchen. Besser gesagt, sie tun es schon. Dann muss sowieso eine Lösung her. Vielleicht kaufe ich Ryder seinen Anteil an der Wohnung einfach ab. Geld spielt bei mir keine Rolle, ich habe meine erste Million schließlich schon mit Anfang zwanzig an der Börse gemacht.

Irgendwie muss man mir das an der Nase ablesen können, denn die Rothaarige, der Cleo noch irgendetwas zugeflüstert hat, bevor sie Hals über Kopf das Weite gesucht hat, flirtet so offensichtlich mit mir, dass es schon schamlos ist. Und sie sieht ganz klar aus wie die Kategorie Frau, deren einziges Lebensziel darin besteht, sich einen reichen Mann zu angeln.

Kurz überlege ich, was ich mit ihr anstelle. Wenn ich sie auf einen Kaffee einlade, verbringe ich die Nacht nicht allein.

Allerdings bin ich heute schon verplant.

Und diese Planung werfe ich nur in ganz besonderen Fällen über Bord.

Ist sie so ein Fall?

Ihr Blick ruht auf mir, unter ihren dichten Wimpern glitzern ihre Pupillen gierig, und nein, ich beschließe, sie ist nicht so ein Fall.

Sicher bin ich kein Kind von Traurigkeit. Und sicher ist mein Verschleiß an Bettgeschichten in die Höhe geschnellt, seit June und Ryder ein Paar sind. Ich meine, warum nicht? Wenn dein bester Freund sich endgültig aus dem Singleleben verabschiedet und du konsequent leugnest, dass dich das irgendwie beschäftigt, musst du dich eben ablenken. Mit dem, was du bevorzugst. Keine Bindung, keine Verpflichtung, keine Verantwortung. Denn das kann dazu führen, dass –

»Entschuldigen Sie, aber ich muss Sie das einfach fragen«, unterbricht die Rothaarige meine Gedanken, als sie an meinen Tisch kommt. Wenn sie jetzt etwas Originelles sagt, lade ich sie für heute Abend auf ein Date ein. »Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass sie Liam Hemsworth zum Verwechseln ähneln«, kichert sie.

Verdammt!
Das ist nicht originell, das ist dumm.
Egal. Sie hat schöne Brüste unter dem engen Strick
pulli. Und einen schönen Hintern in dem Jeansmini. »Nein. Das habe ich noch nie gehört. Darf ich Sie auch was fragen?«, gebe ich scheinbar geschmeichelt zurück, sie nickt begeistert. »Wollen Sie mit mir ausgehen?«

Ihre braunen Augen leuchten auf, weil sie nicht glauben kann, dass sie ihr Ziel so einfach erreicht, trotzdem tut sie so, als wäre sie überrascht. Sie legt die kleine Hand auf ihren immensen Vorderbau, öffnet die rosigen Lippen.

»Oh! Sie kommen wohl gleich zur Sache?«, fragt sie und tut so, als würde sie sich zieren.

Ich stehe auf, nehme meine Jacke, stecke mein Handy ein und stelle mich dicht vor sie. »Sie und ich verbringen die letzten beiden Stunden damit, uns gegenseitig zu taxieren. Meine Bekannte hat Ihnen mit Sicherheit mein angeblich schlimmstes Geheimnis verraten, und ich kann Ihnen sagen, es ist gelogen. Ich bin gut im Bett, kultiviert und ein angenehmer Gesprächspartner. Ich habe Geschmack und nur wenige Dinge sind mir für schöne Frauen zu teuer. Also falls sie Interesse haben, hier ist meine Karte. Rufen Sie mich an. Leider habe ich jetzt noch einen wichtigen Termin.« Ich fasse nach ihrer Hand, stecke ihr meine Karte zu und deute einen Kuss auf ihren Handrücken an. Sie ist kurz davor, in Ohnmacht zu fallen, als ich sie loslasse und gehe.

Und auch wenn ich einen Sieg errungen habe, fühlt es sich irgendwie leer an.

Als ich am Spätnachmittag nach Hause komme, ist Ryder ausnahmsweise da. Und eigentlich auch schon wieder weg. Er will gerade mit einer Tasche in der Hand zur Tür hinaus, als ich aufschließe.

»Hey!«, sage ich.

»Oh, hi«, sagt Ryder und dreht postwendend wieder um. Ich folge ihm, schließe die Tür.

»Du musst meinetwegen nicht bleiben. Verschwinde zu der Liebe deines Lebens, ich komme klar. Mein Sonntagsbesuch war okay heute«, sage ich lachend und werfe meine Jacke über den Barhocker am Küchentresen. Doch Ryder stellt seine Tasche ab, öffnet den Kühlschrank und holt zwei Bier heraus. Er reicht mir eines, setzt sich und kommt gleich zur Sache.

 

»Klappt das mit dir und Cleo?«, fragt er und trinkt einen Schluck.

»Oh Gott. Was tut sie? Heult sie bei euch rum?«, frage ich zurück.

Ryder schüttelt den Kopf. »Nein. Ein bisschen vielleicht.« Er grinst schief, um den Vorwurf wenigstens schick zu verpacken.

Es zieht nicht bei mir. »Hör mal, Ryder, die Frau ist echt grauenvoll. Ich meine, was habt ihr euch dabei gedacht? Du kennst mich doch gut genug, um zu wissen, dass sie und ich …«, ich wackele mit dem Kopf und hoffe, dass ich es nicht aussprechen muss.

»Dass du total auf sie stehst?«, interpretiert Ryder mein Gewackel.

Ich verschlucke mich beinahe an meinem Bier. Hustend lasse ich die Flasche sinken, verziehe das Gesicht.

»Bist du irre? Niemals!«, sage ich und breche in ein für meine Verhältnisse hysterisches Lachen aus. Dann kombiniere ich und mein Lachen verstummt abrupt. »Moment mal! Du … ihr … du und June, ihr habt das mit Absicht gemacht?«, stoße ich hervor und schlage mir die Hand an die Stirn. Dann sehe ich meinen besten Freund an, der breit grinst. Ich richte die Flasche auf ihn, kneife ein Auge zu. »Das habt ihr euch ja schön ausgedacht. Die Kitschgeschichte schlechthin. Trauzeugen verlieben sich bei den Hochzeitsvorbereitungen.« Ich lache. »Ryder! Mann! Ich meine, echt süß, dass dich der Pfeil des Amor so getroffen hat, aber du musst deinen rosaroten Zuckerguss nicht überall verteilen. Und schon gar nicht bei mir.«

Ryder sieht das wohl anders, weil er mir widerspricht. »Du täuschst dich, Demon. Gerade bei dir. Ich weiß doch, was dir mit Tara –«

Ich hebe die Hand, würge ihn an dieser Stelle ab, weil das eindeutig zu weit geht.

»Ryder, alles, was recht ist, aber es geht um deine Hochzeit und nicht um mich. Und ich will nicht verkuppelt werden. Mir geht es gut. Mir geht es blendend, okay? Ich fühle mich wohl, so wie es ist. Und Cleo und ich werden die Aufgaben der Trauzeugen tausendprozentig erfüllen. Ohne dass wir euer Liebesglück auf uns kopieren müssen. Außerdem, frag sie mal. Ich vermute, sie übergibt sich ohne Vorwarnung auf deine Schuhe.«

Damit ist das Thema der Verkupplung für mich beendet. Für Ryder nicht. Er lässt nicht locker, aber so ist er eben. Deswegen ist er mit seinen Fällen als Menschenrechtsanwalt so ein Ass. Er verbeißt sich wie ein Terrier und gibt nicht auf. Gut, vor Gericht hat er damit Menschen das Leben gerettet. Meines würde er damit –

»Cleo ist eine super Frau! Sie passt perfekt zu dir. Sie ist klug, sie ist attraktiv, sie steht auf Pizza und Bier und man kann sich zu hundert Prozent auf sie verlassen. Sie würde alles für ihre Freunde tun und erst recht für ihren Partner. Also ihren Lebenspartner. Also, du weißt schon, was ich meine. Und ich weiß, dass sie sich einsam fühlt. Besonders jetzt, wo –«

»Wow, wow, okay, Freundchen!«, fahre ich Ryder dazwischen. »Darum geht es hier? Du hast ein schlechtes Gewissen, weil du ihr June praktisch wegnimmst?« Ich stelle das Bier mit Nachdruck auf dem Küchenblock ab, beuge mich zu Ryder, der wenigstens den Anstand hat, beschämt dreinzublicken.

»Nicht so ganz«, nuschelt er.

»Raus mit der Sprache. Was ist der Grund dafür, dass du mir Cleo anpreist, als wolltest du sie an den Meistbietenden verkaufen?«, sage ich und Ryder holt tief Luft.

»Weißt du, es ist so: June und ich haben da eine Wohnung in Aussicht. Allerdings wird sie gerade noch renoviert. Sie ist echt perfekt, Demon! Absolut perfekt. Der Preis, die Lage, die Größe, einfach alles. Der einzige Haken ist«, er macht eine kurze Pause, sieht auf den hölzernen Küchentresen und kratzt mit dem Daumennagel in einem Astloch. »Sie ist erst Ende des Jahres beziehbar.«

»Und? Das klingt doch super«, sage ich, Ryder zuckt die Schultern.

»Ja, ja unbedingt. Aber hey, wir heiraten in drei Monaten. Im Juli. Und dann sind wir ein Ehepaar. Ein Ehepaar, das nicht zusammenwohnen kann? Ich meine, wie bescheuert ist das?«, fragt er mich, derweil ich jetzt die Schultern zucke.

»Sind doch nur sechs Monate«, sage ich.

»Hättest du sechs Monate von Tara getrennt leben wollen? Und mal ehrlich, das ist doch kein Zustand, für niemanden von uns. Cleo ist genervt, weil ich ständig bei ihr und June rumhänge, du bist genervt, wenn June ständig hier rumhängt. Ich meine, dabei haben wir ja theoretisch zwei Wohnungen, die uns gehören. Oder zumindest jeweils die Hälfte davon. Und da dachten wir … also … wir dachten, bis wir einziehen können, könnten wir doch …?« Er lässt den Satz offen und blickt mich mit seinen braunen Augen an, als wäre er ein verwaistes Hundebaby.

»Spinnst. Du?«, frage ich langsam und deutlich.

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