Leseprobe zu Saving Love

Kapitel 1 & 2

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel 1

Schweiß.

Alles, was ich spürte, war das kalte Nass auf meiner glühenden, bebenden Haut. Ich hatte Angst. Aber nicht jene Angst, die ich vor acht Jahren verspürt hatte. Nein, diese Angst war anders. Sie war vermischt mit Reue und Trauer, aber auch mit Vorfreude. Ich war dabei, einen neuen Schritt zu wagen, mein Leben neu zu definieren – und das war mir vollkommen fremd.

Ich saß in Lukes kleiner Wohnung in Rugby, wäre aber lieber in meinem Bett. Gemütlich unter der Bettdecke versteckt, wo mich niemand fand und ich keine Fehler machen konnte. Doch diese Zeiten mussten ein Ende nehmen, sonst würde ich niemals erfahren, was das Leben sonst noch so Schönes bereithält.

Eine halbe Stunde Fahrzeit hatte ich gebraucht, um zu Luke zu gelangen. Sechzehn Jahre gelebt in Angst, vier Jahre versteckt in einer Beziehung – insgesamt zwanzig Jahre, um zu merken, dass es im Leben um mehr geht, als Erwartungen zu erfüllen und perfekt zu sein.

»Was ist denn los, Lace?«, fragte Luke und riss mich aus meinen Gedanken. Mit zittrigen Händen saßen wir auf seiner kleinen Couch. Seine Augen waren weit aufgerissen, er ahnte, was ich ihm zu sagen hatte. Und als ob es nicht schon schwierig genug war, musste er auch noch diesen unschuldigen Hundeblick aufsetzen, den ich so hasste.

»Ich weiß nicht mehr, wie das weitergehen soll«, antwortete ich und starrte auf meine Hände im Schoß.

Kitty, seine Katze, sprang auf das Sofa und legte sich zwischen uns. Zum ersten Mal war ich diesem Tier dankbar, dass es da war und verhinderte, dass Luke noch näher rückte. Ich hatte Katzen irgendwie noch nie groß leiden können.

»Was meinst du damit?«

Als ich in seine Augen blickte, sah ich, wie Panik in ihm aufkeimte. Für kurze Zeit spielte ich wirklich mit dem Gedanken, in seine Arme zu fallen und alles beim Alten zu belassen. Doch das tat ich nun schon seit über einem halben Jahr und ich wollte ihm nichts mehr vormachen. Ich wollte mir nichts mehr vormachen.

»Ich weiß nicht. Ich dachte, wir könnten das gemeinsam herausfinden«, log ich und warf dann den Blick wieder zu Boden.

»Also ich weiß, was ich will, und das bist du! Ich muss über so einen Mist nicht reden!« Seine Stimme nahm einen pampigen Unterton an – er war beleidigt.

Seufzend schloss ich kurz die Augen und bereitete mich innerlich auf die unausweichliche Diskussion mit ihm vor. »Wir sehen uns kaum noch -«

»Ja, weil wir so weit auseinander wohnen, du mich nicht sehen willst oder keine Zeit hast«, schnitt er mir das Wort ab. Punkt für ihn.

»Aber es macht uns beiden nichts aus, verstehst du das denn nicht? In einer Beziehung sollte man doch immer in der Nähe des anderen sein wollen, Sehnsucht haben. Aber uns kümmert es nicht, wenn wir uns mal nicht sehen.«

Mit einem Mal griff Luke über Kitty hinweg nach meiner Hand und verscheuchte somit die schützende Mauer, welche mir eigentlich dabei helfen sollte, standhaft zu bleiben. »Ich weiß, die Situation mit unserem Studium ist nicht einfach, aber das überstehen wir auch zusammen! In ein paar Jahren, wenn wir mit der Uni fertig sind, können wir endlich zusammenziehen und eine Familie gründen!«

Bei seinen Worten wurde mir kotzübel. Er verstand einfach nicht, was ich ihm zu sagen versuchte. Es lag nicht an unserer Wohnsituation, an der fehlenden gemeinsamen Zeit oder dem Wunsch, bei ihm zu sein. Die Wahrheit war, dass ich die Distanz zu ihm wirklich genoss. Seit einem Jahr studierten wir nun schon in getrennten Städten – er Wirtschaftswissenschaften in Rugby und ich bildende Kunst in Northampton –, und bekamen uns deshalb kaum noch zu Gesicht. Genau in dieser Zeit hatte ich gemerkt, dass ich Luke nicht mehr liebte, dass ich ihn nicht vermisste. Ich wollte noch nicht an das Gründen einer Familie denken, ich wollte mich noch nicht binden. Mein ganzes Leben lang war ich an meine Angst gebunden gewesen, hatte nichts riskiert und die Abenteuer und Erfahrungen nur so an mir vorbeiziehen lassen. Vor einem Jahr hätte ich die Vorstellung, mit Luke zusammenzuleben, zu heiraten und Kinder zu bekommen, noch wunderschön gefunden, doch da wusste ich auch noch nicht, was mir in meinem restlichen Leben wirklich gefehlt hatte.

»Luke«, hauchte ich erschöpft, woraufhin er nur hektisch den Kopf schüttelte und sich an meinem Handgelenk festkrallte, »ich kann das einfach nicht mehr. Ich brauche Zeit für mich, um herauszufinden, was ich vom Leben möchte.«

»Das können wir doch zusammen herausfinden!«, flehte er. »Ich gebe dir all die Zeit, die du brauchst. Habe ich dir jemals Druck gemacht?«

»Nein, aber -«

»Ich habe dir bei allem geholfen, war immer für dich da. Schau doch nur, was wir gemeinsam überstanden haben!«

Allmählich spürte ich einen unausweichlichen Druck hinter meinen Augen. Ich hatte gewusst, dass es so kommen würde, hatte gewusst, dass Luke nicht so einfach lockerlassen würde. Ja, er war immer für mich da gewesen und ja, er hat mir aus einer schlimmen Zeit herausgeholfen, wofür ich ihm mein Leben lang dankbar sein würde. Doch im letzten Jahr hatte ich auch gemerkt, dass Luke nur ein hilfloser Schrei nach Liebe gewesen war. Eine Person, bei der ich mich sicher und geborgen fühlen wollte. Ein Märchenprinz, der mich vor all den Risiken und Gefahren des Lebens beschützte. Und so traurig es auch war, eine Beziehung sollte nicht auf Angst oder dem Wunsch nach Schutz aufgebaut sein. Eine Beziehung sollte keine Festung sein, in der man sich ein Leben lang vor den Gefahren der Welt versteckt.

»Möchtest du nicht auch mal etwas erleben? Meinst du nicht auch, dass es mehr auf der Welt zu entdecken gibt, als jedes Wochenende einen Filmabend zu machen und um halb zehn im Bett zu sein?«, fragte ich schließlich und erntete einen verwirrten Blick.

»Für mich sind diese Stunden echte Erlebnisse, weil ich sie mit dir erleben darf«, hauchte er liebevoll. Innerlich verdrehte ich die Augen.

»Ich meine, wirklich was erleben. Ausgehen, etwas riskieren.« Er kräuselte bei meinen Worten die Nase. »Oder irgendetwas Verbotenes tun, etwas klauen, zu -«

»Du möchtest etwas klauen?« Seine Augen waren weit aufgerissen, er war sichtlich schockiert.

»Nein, das war nur ein blödes Beispiel«, seufzte ich und vergrub dann das Gesicht in den Händen.

»Ich dachte immer, du machst dir nichts aus Partys und solchem Zeug. Du hattest Angst davor, wolltest nie rausgeh-«

»Ja!«, entgegnete ich ihm genervt. »Aber genau das war der Fehler! Ich muss mich meiner Angst langsam mal stellen, um herauszufinden, was ich vom Leben will. Woher soll ich wissen, dass mir diese Dinge nicht gefallen, wenn ich sie noch nie ausprobiert habe?«

Lukes Blick wurde ein wenig weicher. In seinen Augen stand das Wasser, doch langsam zeichnete sich auf seinem Gesicht ein sanftes Lächeln ab. »Dann lass uns diese Dinge gemeinsam erfahren.«

Hastig zog ich die Hand weg, welche er immer noch im Griff hatte, und stieß einen erschöpften Seufzer aus. »Du verstehst es wirklich nicht.«

»Doch, du möchtest ausgehen, dann gehen wir zusam-«

»Nein, nein!« Entnervt krallte ich mich in meinen Haaren fest. »Darum geht es doch gar nicht. Es geht um mein ganzes Leben! Ich möchte einfach mal leben, ohne Angst zu haben, ohne über die Konsequenzen nachzudenken und es anderen recht zu machen. Ich muss es endlich mal mir recht machen, muss lernen, mir zu vertrauen, auch wenn das heißt, dass ich mich dadurch von meinem gewohnten Umfeld lösen muss, dass ich andere verletzen muss. Doch diesen Weg muss ich alleine gehen.«

Bei meinem letzten Satz zuckte Luke zusammen, als hätte ich ihn soeben geohrfeigt. Für einen kurzen Moment blinzelte er in die Leere neben mir, überdachte meine Worte, bis schließlich wütende Falten zwischen seinen Brauen sichtbar wurden und er meine Nachricht endlich verstand. Hektisch stand er auf und hastete in sein Zimmer. Er war sonst ein sehr ruhiger Mensch und hatte mir noch nie einen Grund dazu gegeben, vor ihm Angst zu haben – dafür war er viel zu lieb , und trotzdem bekam ich bei seinem Anblick nun eine leichte Gänsehaut.

Ich wusste doch selbst nicht, was ich wollte. Im Moment machte mir dieses ›Bis dass der Tod uns scheidet‹ jedenfalls eine Heidenangst. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen, mein Leben zu verschwenden und in der Zukunft auf eine Zeit zurückzublicken, in der ich nichts erlebt und mich nur versteckt hatte. Mein Erzeuger hatte mir den Großteil meines Lebens genommen, doch ich ließ nicht zu, dass er mir nun auch meine Zukunft nahm. Er hatte kein Recht, meine Angst zu steuern, er hatte kein Recht, zu bestimmen, was ich in meinem Leben verpasse. Die Zeit des Versteckens endete jetzt. Ich brauchte Spaß, brauchte Fehler, aus denen ich lernen kann, brauchte Risiken und Abenteuer, um endlich zu mir selbst zu finden. Wie sollte man ordentlich eine Beziehung führen können, wenn jene zu sich selbst gar nicht existent war?

Nachdem ich ein paar Minuten ins Leere gestarrt hatte, rappelte ich mich auf und klopfte leise an seine Zimmertür. Ehe ich öffnete, wartete ich ein paar Sekunden. Er lag auf seinem Bett, den Rücken mir zugewandt und tippte irgendetwas in sein Handy. Ich blieb im Türrahmen stehen.

»Kannst du bitte etwas dazu sagen?«, hauchte ich vorsichtig.

»Was soll ich dazu sagen?«

»Irgendetwas.« Ich kam mir so blöd vor, fühlte mich hier plötzlich fehl am Platz und wäre am liebsten der Situation entflohen. Doch das gehörte nun mal dazu. Wenn ich mein Leben umkrempeln und meinen eigenen Bedürfnissen nachgehen wollte, waren solche unangenehmen Situationen nun mal unausweichlich.

»Ich habe alles für dich getan, war immer für dich da und habe dir alles gegeben, was ich konnte.« Er setzte sich auf. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Stimme gebrochen, was mich umgehend selbst zum Weinen brachte. »So dankst du mir dafür?«

Ein lauter Seufzer drückte sich durch meine enge Kehle. Luke hatte recht, er war der beste Freund, den man sich wünschen konnte. Jedes Mädchen wäre froh gewesen, ihn zu haben. Er war perfekt, nur eben nicht für mich.

»Luke, ich werde dir niemals die Liebe geben können, die du mir gibst«, presste ich hervor, musste mich dabei am Türrahmen abstützen.

»Das musst du doch auch nicht, ich möchte einfach nur dich. Du musst mir gar nichts geben!«

»Im Moment ist es mir aber wichtig, herauszufinden, was ich mir selbst geben muss, um glücklich zu werden. Ich muss mich einfach mal auf mich selbst konzentrieren.«

Laut weinend schmiss er sich in die Kissen und vergrub das Gesicht darin. Sein Körper bebte, er heulte wie ein kleines Kind, und ich musste den Drang unterdrücken, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu nehmen. Ich wollte irgendetwas sagen, irgendetwas tun, um ihn zu beruhigen. So verzweifelt hatte ich ihn noch nie gesehen. Er weinte ununterbrochen und löste in mir das schrecklichste schlechte Gewissen aus, das ich jemals gehabt hatte. Ich hasste es, Menschen zu verletzen, die mir wichtig waren. Luke war mir wichtig, denn auch wenn er nicht der Richtige für mich war, war er doch trotzdem immer mein bester Freund gewesen.

Plötzlich machten sich Wörter in meinem Mund breit. Wörter, von denen ich wusste, dass ich sie sofort bereuen würde. Wörter, die falsch waren, die gelogen waren, seine Situation aber im Moment vielleicht bessern würden – und ich konnte sie nicht aufhalten.

»Was hältst du von einer Pause?«, fragte ich und wollte mir im selben Moment verärgert die Faust gegen die Stirn stoßen. »Vielleicht bessert sich ja meine Situation, wenn wir erst mal nur eine Pause einlegen?«

Ich wusste, sie würde sich nicht bessern, und ich hätte mich dafür ohrfeigen können, dass ich schon wieder einknickte.

Luke sagte nichts, weinte aber auch nicht mehr und schaute etwas erleichtert zu mir auf. Ich spürte, dass er von der Idee genauso wenig begeistert war, allerdings gab sie ihm ein Stück weit Hoffnung. Hoffnung, die ich zu einem späteren Zeitpunkt wieder zunichtemachen musste.

Er antwortete nicht, schaffte es nur, sanft zu nicken, und vergrub anschließend wieder das nasse Gesicht in seinen Kissen.

»Ich melde mich dann«, versprach ich ihm leise und ging ein paar Schritte rückwärts. Erst als er mich nicht mehr sehen konnte, vergrößerte ich meine Schritte und eilte zur Tür. Als ich an der frischen Luft war, hatte ich das Gefühl, endlich wieder atmen zu können. Erschöpft sackte ich auf den Fahrersitz und lehnte die Stirn an das Lenkrad.

Alles wird gut, versuchte ich mich zu beruhigen. Es war die richtige Entscheidung.

Ja, ich liebte Luke schon lange nicht mehr, und ja, ich musste nun anfangen, an mich zu denken, meine eigenen Bedürfnisse zu erforschen. Und doch, ihn so zu sehen, bereitete mir einen solch tiefen Schmerz in der Magengrube, dass ich kaum mehr atmen konnte. Und das Schlimmste war, ich war noch nicht fertig mit ihm. Nein, denn so schwach, wie ich war, schwatzte ich ihm diese lächerliche Pause auf und machte ihm dadurch nur noch mehr Hoffnungen.

Wütend hämmerte ich meine Stirn ein paar Mal ans Lenkrad. Wie würde ich aus dieser Situation nur wieder herauskommen? Wie würde ich es übers Herz bringen, mich endgültig von ihm zu lösen? Ich war einfach zu schwach, hatte zu wenig Selbstbewusstsein dafür und brauchte in diesen Dingen dringend Nachhilfe.

Für kurze Zeit starrte ich auf seine Haustür und spielte mit dem Gedanken, noch einmal auszusteigen und die Beziehung nun doch endgültig zu beenden. Dann hätte ich es wenigstens hinter mir. Doch ich schaffte es nicht. Der Sitz krallte sich an mir fest, wollte mich nicht gehen lassen.

Vier Jahre waren wir zusammen gewesen. Wer hätte damals gedacht, dass unsere Beziehung irgendwann mal in die Brüche gehen würde? Nun, ich glaube, niemand. Denn ich erinnerte mich noch gut an die Zeit, in der jeder behauptet hatte, wir wären das perfekte Pärchen, mit perfekten Aussichten auf eine wundervolle Hochzeit und wundervolle Kinder. Das waren die Erwartungen der anderen, die ich zu erfüllen versucht hatte. Doch was waren meine Erwartungen?

Wollte ich überhaupt perfekt sein?

Wollte ich überhaupt irgendwann mal heiraten? Kinder bekommen? – Ich wusste es nicht.

Luke und ich hatten langweilige Vorstellungen unserer Zukunft. Wir stellten uns nur das vor, was man von uns erwartete. Was die Gesellschaft von uns erwartete. Unternahmen nie etwas Aufregendes oder Außergewöhnliches, was zu Beginn auch eigentlich genau der Grund gewesen war, weshalb ich mich in ihn verliebt hatte. Denn Luke stellte kein Risiko dar, er war meine Sicherheit, würde mich niemals so verletzen, wie es mein Erzeuger getan hatte. Doch außerhalb dieser Sicherheit musste es doch mehr geben. Dinge, von denen ich mich bisher strikt ferngehalten hatte, weil sie ein Risiko darstellten oder Stärke von mir verlangten. Und ich war nicht stark – noch nicht.

So hart es für Luke und so angsteinflößend es für mich auch war, diesen Kampf musste ich alleine kämpfen. Der Kampf gegen meine Angst. Der Kampf gegen mein bisheriges Ich. Der Kampf gegen meine Vergangenheit.

Und der Kampf, endlich wieder von ganz allein auf die Beine zu kommen.

 

Kapitel 2

Den Rest der letzten Woche meiner Semesterferien verbrachte ich fast ausschließlich im Far Cotton Boxing Club. Ich hatte ihn mir deshalb als Trainingsort ausgesucht, weil ich mich hier – anders als in herkömmlichen Fitnessstudios, in denen noch andere Trainingsarten angeboten wurden – nur aufs Boxen konzentrieren konnte und niemanden kannte, weil er etwas außerhalb von Northampton lag.

Vor einem Dreivierteljahr hatte ich angefangen, regelmäßig trainieren zu gehen. In einem guten halben Jahr würde mein Erzeuger aus dem Gefängnis entlassen werden und darauf wollte ich vorbereitet sein. Ich wusste zwar, dass er meiner Mutter und mir nicht näher als zweihundert Meter kommen durfte, fühlte mich aber mit dem Gedanken, dass ich im Notfall einige Tricks kannte, viel sicherer. Ich wollte keine Box-Wettkämpfe bestreiten und auch kein muskulöser Hulk werden, nur ein bisschen Dampf ablassen und mich zur Not verteidigen können, mich nicht verstecken müssen, oder ängstlich durch die Straßen irren mit dem Gefühl, dass er mir irgendwann auflauern könnte.

Weil mein ehemaliger Trainer Buck sich letztes Semester dazu entschieden hatte, die Welt zu bereisen, musste ich mich erst mal selbst beschäftigen, bis sich ein neuer Trainer gefunden hatte. Atemlos ließ ich vom Boxsack ab und überprüfte meine Bandagen, als ich auch Freitagabend wieder im Studio war. Eine hatte sich etwas gelockert, weshalb ich sie mit Hilfe meiner Zähne enger zog. Dabei machte sich allmählich der Schmerz in meinen Fingerknöcheln bemerkbar. Dunkle Flecken rankten dort und bohrten sich tief in meine Nerven. Die Trainingspause in den Wochen der Semesterferien hatte mir nicht gutgetan, ich musste die verlorene Kraft schleunigst wieder aufbauen. Leider neigte ich dazu, im Training die Kontrolle zu verlieren. Wenn ich versuchte, Dampf abzulassen, steigerte ich mich mit jedem weiteren Schlag in meine Wut noch weiter hinein, weswegen es eigentlich nicht gerade von Vorteil war, ohne Trainer an den Boxsack zu treten. Doch gerade die Situation mit Luke, mein Frust und die Wut auf mich selbst ließen mich momentan nicht runterkommen, und auch wenn ich stets wieder in meinen Tunnelblick verfiel und mir dabei selbst Schmerzen zufügte, war ich am Ende des Trainings doch meist so kaputt, dass mir jegliche Kraft fehlte, noch weiter über meine Probleme nachzudenken. Kurzfristig also eigentlich eine gute Lösung – auf langfristige Sicht machte ich mir damit jedoch nur noch mehr Probleme. Drum hoffte ich umso mehr, bald wieder einen Trainer zu finden.

Erschöpft trat ich am späten Abend aus der Umkleidekabine, um mich auf den Nachhauseweg zu machen. Voller Vorfreude auf einen Abend auf der Couch griff ich nach meiner Tasche und wollte gerade den Flur passieren, da hörte ich aus dem Trainingsraum ein leises Ächzen. Verwundert blieb ich stehen und blickte zurück zur Tür. Normalerweise war ich stets die letzte, die das Studio benutzte. Neugierig lugte ich durchs Schlüsselloch und entdeckte einen Kerl, von dem ich mir fast sicher war, ihn noch nie hier gesehen zu haben. Ich konnte nicht viel erkennen, doch das, was ich sah, genügte, um meine Stirn noch fester gegen die Tür zu drücken. Schnelle Arme zappelten vor dem Boxsack und schlugen immer wieder ins harte Leder. Arme, deren Bizeps so groß waren, dass ich schlucken musste. Angestrengt versuchte ich, ihn durchs Schlüsselloch noch weiter zu mustern, und erkannte, dass seine Haare hellbraun und kurz, seine Augen dunkel und die Haut leicht gebräunt waren. Wenn ich mich nicht täuschte, wirkte er fast genau so wütend, wie ich mich fühlte, wenn ich trainierte. Sein Blick war düster, sein Ächzen tief und männlich. Als er vom Boxsack abließ und sich mit dem Zipfel seines Shirts übers Gesicht fuhr, bekam ich beim Anblick seiner Bauchmuskeln eine Gänsehaut. Ich hatte schon viele muskulöse Männer in diesem Studio zu Gesicht bekommen, auch jene, die definitiv muskulöser waren als er, weswegen ich mir nicht erklären konnte, warum gerade sein Sixpack mir jegliches Denkvermögen raubte. Laut keuchend – so laut, dass es mir eine Gänsehaut bereitete -, lief er zu seiner Tasche und zog sich das Shirt über den Kopf. Ich bekam nur seinen Rücken zu sehen, doch das genügte, um mir jegliches Denkvermögen zu rauben. Wer zur Hölle war dieser schöne Neuling? War er neu in der Stadt? Vielleicht aus Abington oder –

»Miss Roberts?« Die Stimme des Hausmeisters ließ mich hochschrecken. Ich stieß mit dem Kopf gegen die Klinke, taumelte und suchte Halt an der Tür. Blöd nur, dass ich sie damit aufstieß und samt schwerer Tasche in den Trainingsraum fiel.

Ein kurzer Blick reichte, um zu wissen, dass sich mein schöner Neuling vollkommen überrumpelt zu mir umgedreht hatte und mich entsetzt musterte. Schöne Scheiße.

In der Hoffnung, er hätte mein Gesicht nicht lang genug gesehen, um es sich merken zu können, rappelte ich mich auf, nuschelte ein leises »Entschuldigung« und flüchtete aus dem Studio. Hoffentlich würde ich ihm nie wieder begegnen.

Montagmorgen wurde ich von einem dumpfen Schlag geweckt, der aus mir ein lautes Grummeln hervorlockte.

»Aufstehen, Lace!«, trällerte Ellen und riss die Vorhänge auf. »Wir kommen sonst an unserem ersten Tag noch zu spät.«

Blinzelnd sah ich auf meine Uhr. Shit! Sie hatte recht. Durch den ganzen Stress mit Luke hatte ich völlig vergessen, mir einen Wecker für heute zu stellen, und nun hatte ich nur noch eine halbe Stunde Zeit, mich fertig zu machen.

Blitzschnell schälte ich mich aus dem Bett und rannte durch den Flur in Richtung Bad.

»Scheißescheißescheiße!«, murmelte ich, während ich in der Kurve zur Badezimmertür fast ausrutschte.

Während ich meine Zähne putzte, wiederholte ich die Willkommensrede der neuen Studenten in meinem Kopf. Für meine Mitbewohnerinnen Hailey, Ellen und mich begann heute das dritte Semester, für die neuen Studenten allerdings erst das erste, und ich hatte mich freiwillig dafür gemeldet, den Neuen meine Erfahrungen in Form einer Rede mitzuteilen.

Hastig trug ich ein leichtes Make-up auf und band meine hellbraunen Haare zu einem Dutt. Dann zog ich mir einen engen, knielangen Rock mit einer weißen eleganten Bluse an und warf mir ein lockeres Jackett über. Normalerweise kleidete ich mich in der Uni etwas legerer, doch zur Begrüßung der neuen Studenten wurde erwartet, dass ich die Uni seriös darstellte.

Hailey und Ellen warteten bereits im Auto, als ich mir spitze High Heels überzog und schnell noch Ballerinas zum Wechseln einpackte. Fünf Minuten hatten wir noch, bis die Vorlesungen begannen und die neuen Studenten empfangen wurden. Ich eilte, so schnell ich mit den Schuhen konnte, die Treppe zur Haustür hinunter und ließ mich schließlich auf den Rücksitz von Ellens Wagen fallen. Zum Glück wohnten wir nur drei Minuten von der Uni entfernt.

»Sorry!«, keuchte ich, als Ellen wendete und vom Parkplatz fuhr.

»Bei uns brauchst du dich nicht zu entschuldigen«, sagte sie und lachte. »Ich komme regelmäßig zu spät. Ich hoffe nur für dich, dass sie nicht lange auf dich und deine Rede warten müssen.«

Ich schnaubte und kramte meinen Handspiegel aus der Tasche, um mich noch einmal zu betrachten. Ein paar Strähnen fielen aus dem Dutt heraus und ich zupfte sie zurecht.

»Wird schon schiefgehen«, beruhigte mich Hailey und zwinkerte mir zu. »Die haben an ihrem ersten Tag in der Uni doch sowieso alle die Hosen voll, da werden die deine Hektik sicherlich nicht bemerken.«

»Hoffentlich sind da ein paar schnuckelige Hosenscheißer dabei«, fügte Ellen hinzu und wackelte mit den Augenbrauen.

Ellen war das komplette Gegenteil von Hailey. Sie glaubte nicht an die Liebe, setzte ihren Fokus lieber auf guten Sex, leckere Drinks und viele Partys. Da sie Kunstgeschichte studierte, belegte sie viele meiner Kurse, und so hatten wir uns auf Anhieb angefreundet. Hailey hatten wir kennengelernt, als wir sie vor einem Dreivierteljahr völlig allein und weinend auf dem Mädchenklo der Uni entdeckt hatten. Es hatte sich schnell herausgestellt, dass sie ihre Mitbewohnerin Rachel mit ihrem Freund Brandon zusammen im Bett erwischt und auf dem Campus noch niemanden außer den beiden gekannt hatte. Unter gar keinen Umständen hatte sie länger mit diesem Miststück, wie sie Rachel seitdem nannte, zusammenwohnen wollen und sich umgehend auf Wohnungssuche gemacht. Da Ellen sowieso schon seit Wochen überlegt hatte, noch eine Mitbewohnerin aufzunehmen, war sie bei uns untergekommen. Und so wurden wir zu den besten Freundinnen überhaupt.

Hailey verdrehte die Augen. »Denkst du auch mal an etwas anderes? Du bist echt schlimmer als jeder Kerl.«

»Sieh es doch mal so«, begann Ellen grinsend und deutete in Haileys Richtung. »Vielleicht ist da ja jemand für dich dabei. Jemand, der dich aus deiner Melancholie herausholt und dein Herz wieder zusammenflickt.«

Hailey boxte ihr schmunzelnd in die Seite, als Ellen sich auf eine ironische Art und Weise den Handrücken an die Stirn hielt. »Keine Angst, ich nehme dir schon niemanden weg.«

»Hey, kannst du mich hier rauslassen?«, meldete ich mich dazwischen, als wir an der Eingangshalle der Uni vorbeifuhren. Sofort hielt Ellen an und verärgerte mit ihrem abrupten Stoppen den Autofahrer hinter uns. Doch das kümmerte sie nicht. Während Hailey und ich Problemen und Streit lieber ganz aus dem Weg gingen, machte sich Ellen überhaupt nichts aus der Meinung anderer – eine Eigenschaft, die ich mir unbedingt selbst aneignen wollte.

»Wir sehen uns später in der Mensa«, verabschiedete sie sich von mir und warf mir mit Hailey zusammen einen Luftkuss zu. Ich tat es ihnen gleich und schwang mich aus dem Wagen.

Als ich in die Eingangshalle stürmte und an der Tür zur Aula ankam, fiel mir auf, dass nirgends irgendwelche Menschenmassen zu sehen waren. Scheiße! Die Begrüßung hatte also schon angefangen.

Leise öffnete ich die Tür zur Aula, in der die vertraute Stimme von Rektorin Filler zu mir hervordrang. »… eine große Freude, dass sie sich dafür bereit erklärt hat, Ihnen etwas über den Studienalltag an der University of Northampton zu berichten. Meine Damen und Herren, bitte begrüßen Sie Lacey Roberts.«

»Scheiße!«, fluchte ich mit der eigentlichen Absicht, dies gedanklich zu tun.

Plötzlich starrten mich hunderte Augen an und folgten meinem Gang, als ich schnellen Schrittes vom hinteren Teil der Aula zur Bühne eilte. Man sah mir sicherlich an, dass ich bereits völlig unvorbereitet in den Tag gestartet war, und auch Rektorin Filler blickte überrascht von der Bühne auf mich hinab. Eigentlich kannte sie mich als vorbereitete, immer pünktliche Studentin.

Als ich auf der Bühne ankam, hastete ich zu ihr und schüttelte ihre Hand, die sie mir entgegenstreckte.

»Ihr Knopf vom Jackett«, flüsterte sie mir noch mit einem aufgesetzten Lächeln zu, bevor sie sich zu den anderen Professoren im hinteren Teil der Bühne gesellte.

Verwundert sah ich an mir hinab und bemerkte, dass mein Jackett falsch zugeknöpft war. Mit hochrotem Kopf versteckte ich mich hinter dem Rednerpult und versuchte, die Knöpfe zu öffnen. Doch das Tuscheln begann mittlerweile lauter zu werden und es gab kein Zurück mehr.

»Sehr geehrte Damen und Herren des Rektorats, sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Verwaltung, liebe Erstsemester«, fing ich schließlich laut an, meinen zerknüllten Zettel vorzulesen. »Ich bin Roberts -«

Gekicher ertönte, woraufhin ich erschrocken auf meinen Zettel starrte. Hatte ich das gerade wirklich gesagt?

»Roberts«, stammelte ich und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. »Lacey Roberts.«

Während der Saal sich langsam beruhigte, wurde ich hingegen immer unruhiger. Das fing ja gut an! Beschämt rieb ich meine Schweißnassen Hände an meinem Rock ab, fuhr dann fort.

»Im Namen aller Studenten der University of Northampton darf ich euch ganz herzlich begrüßen. Es ist mir eine Ehre, heute vor euch sprechen zu dürfen.« Lüge. »Vor einem Jahr saß ich genau dort, wo ihr gerade sitzt: auf einem Stuhl, voller Unwissen, was die Zukunft für mich bereithält.«

Nervös konzentrierte ich mich die nächsten Minuten auf die Wörter auf meinem Blatt Papier, die in meinen zittrigen Händen an manchen Stellen kaum mehr lesbar waren. Immer wieder ertönte ein wackeliges »Ähm« aus meinem Mund und ich versprach mich nicht nur einmal. Als ich dann endlich zum Ende kam, war ich mehr als erleichtert.

»Danke schön«, beendete ich meine Rede schließlich und nickte einmal dem Publikum und einmal der Belegschaft zu. Applaus ertönte und ich stöckelte erleichtert in Richtung Treppe.

Obwohl mein Herz immer noch raste, war ich doch ziemlich stolz, die Rede halbwegs professionell hinter mich gebracht zu haben. Meine Dozenten und auch Rektorin Filler schienen zufrieden mit mir zu sein, was ein selbstsicheres Gefühl in mir hinterließ. Euphorisch lief ich durch die Gänge zurück zu meiner Tasche, die ich am Eingang abgestellt hatte, dachte gerade an meine nächste Vorlesung, als mich jemand am Handgelenk packte und mich aus meinen Gedanken riss. Hastig drehte ich mich um und –

Scheiße!

Vor mir stand ein groß gebauter Mann mit breiten Schultern. Ein Mann, an den ich mich nur zu gut erinnerte, schließlich hatte ich ihn erst vor ein paar Tagen wie eine Irre durchs Schlüsselloch im Boxstudio beobachtet und mich anschließend so sehr blamiert, wie man sich nur blamieren konnte. Urplötzlich gingen meine Wangen in Flammen auf. Erinnerte er sich überhaupt an mich? So neutral, wie er mich ansah, wohl kaum.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte ich noch etwas holprig, um die peinliche Situation zu überspielen und so normal wie möglich zu wirken.

Von jetzt auf gleich zuckten seine Mundwinkel, was mich dazu brachte, ihn näher zu mustern. Seine Bartrasur war etwas überfällig und kurze Stoppeln rankten auf seinen Wangen. Die Haare waren an den Seiten kurzrasiert, während sie nach oben hin länger wurden und mit etwas Gel zurechtgestylt waren. Er trug eine schwarze Jeans, ein lockeres Hemd und eine Lederjacke darüber. Während alle anderen Erstis sich fein und hübsch gemacht hatten, Kostüm und Anzug trugen, lief er hier mit Lederjacke herum und machte sich rein gar nichts aus seinem lockeren Auftreten.

Mit offen stehendem Mund starrte ich ungewollt auf seine vollen Lippen, die sich mittlerweile zu einem anzüglichen Lächeln gezogen hatten. Mit einem Mal war meine ganze Entschlossenheit, mein vollkommenes Denkvermögen verschwunden und auch meine soeben gewonnene Selbstsicherheit löste sich langsam in Luft auf.

»Oh, da wäre so einiges, was du für mich tun könntest.«

Etwas perplex zog ich eine Grimasse und war mir erst unsicher, ob ich ihm schüchtern entgegenlächeln oder verwirrt losstottern sollte. Mit so einer Antwort hatte ich nicht gerechnet. Und war ich von seinem Äußerlichen eben noch so angetan, machte mich nun sein Kommentar ziemlich wütend. Böse funkelte ich ihm entgegen und machte schließlich augenverdrehend kehrt. Die neue Lace war stark, sie war selbstsicher und ließ sich von nichts aus der Fassung bringen. Selbst nicht von einem Typen, der sie ganz eindeutig ziemlich anmachte.

Doch Mr Lederjacke hatte andere Pläne für mich. Sanft aber bestimmend fasste er an meine Schulter und wirbelte mich wieder in seine Richtung. Für kurze Zeit verlor ich fast das Gleichgewicht und stieß gegen seinen Oberkörper. Der Duft seines Aftershaves flog mir in die Nase und bescherte mir ein leichtes Schwindelgefühl. Als könnte er meine Schwäche für ihn an meinem Gesicht ablesen, sah er mich wieder mit diesem gierigen Lächeln an – und was dieses Lächeln mit meinem Körper machte, war im Moment mehr als fehl am Platz.

»Kannst du mir sagen, wo die Toilette ist?«, fragte er schließlich überraschenderweise.

Skeptisch hob ich die Brauen und prüfte seinen Blick, doch ich konnte keinen Sarkasmus darin erkennen und nickte schließlich. Als ich meine Tasche über die Schulter geworfen hatte, winkte ich ihn mit mir aus der Aula heraus, dann deutete ich in einen Gang.

»Dort hinten links«, erklärte ich, ohne ihn anzusehen, und drehte mich zum Gehen um.

»Okay, wollen wir?«

Wie bitte?

Ich blieb so abrupt stehen, dass mir meine Tasche von der Schulter rutschte. Völlig perplex verharrte ich in dieser Position und spürte seinen Blick auf meinem Nacken. Oder lag er vielleicht doch auf meinem Hintern? Schließlich drehte ich mich fassungslos um und blickte wütend in ein breit grinsendes Gesicht.

»Was ist los? Freitag hast du noch ziemlich scharf auf mich gewirkt.« Erschrocken schnappte ich nach Luft. Er erinnerte sich also doch an mich und schien daran deutlich Spaß zu haben.

»Ich …«, stotterte ich teils wütend, teils beschämt. Was genau hatte ich an ihm nochmal so toll gefunden? »Ich war nicht … ich meine, das war ein Missverst-«

»Ganz ruhig«, unterbrach er mich mit einem tiefen Lacher und wandte sich zum Gehen. »Das war nur ein Spaß.«

Kopfschüttelnd entfernte er sich von mir. Weil ich immer noch ziemlich fassungslos und beschämt war, blickte ich ihm mit offen stehendem Mund nach. Fehler. Denn er drehte sich am Ende des Gangs doch nochmal um, unterdrückte ein Grinsen und ließ seinen Blick langsam über meinen Körper gleiten.

»Es sei denn«, begann er und öffnete einladend die Tür zur Toilette, »du möchtest unbedingt.«

Erschrocken schnappte ich nach Luft und presste die Lippen aufeinander. Ich konnte nicht verhindern, dass meine Wangen Feuer fingen und ihm damit nur noch mehr Genugtuung einbrachten. Panisch überlegte ich zu protestieren, ihm irgendwie nochmal zu erklären, dass ich kein Interesse daran hatte, mit ihm mitzugehen, merkte aber schnell, dass er mich wieder nur verarscht und sichtlich Vergnügen an meiner Verwirrtheit und der für mich peinlichen Situation hatte.

Also drehte ich mich schließlich verärgert um und stapfte mit seinem Lachen im Rücken nach draußen.

So ein Arschloch.

»Du hast uns noch gar nichts von deinem Gespräch mit Luke erzählt«, meinte Ellen, als wir unsere Tabletts auf einem Tisch der großen Mensa abstellten. Es war noch nicht viel los, wir drei waren immer die Ersten.

Zwei Wochen waren es jetzt schon her, dass ich mich von Luke getrennt – nein, eine Pause mit ihm eingelegt hatte, und bisher hatte ich nur mit Mum darüber geredet. Ellen und Hailey waren bis letzten Samstag unterwegs gewesen, weswegen ich ihnen heute davon erzählen würde.

»Ja, alles gut«, sagte ich. »Er war ziemlich fertig, weswegen ich ihm letztendlich doch nur eine Pause vorgeschlagen habe.«

Hailey nickte verständnisvoll. »Ja, nimm ein bisschen Abstand von ihm, vielleicht entwickeln sich deine Gefühle ja wieder mit der Zeit.«

Mein Blick wanderte zu Ellen, die mich durchdringend anstarrte. Sie kannte die Wahrheit, sie war nicht so optimistisch veranlagt wie Hailey, die fest an die Liebe glaubte und mich schon bald wieder in Lukes Armen sah. Skeptisch zog sie die Brauen zusammen und folterte mich mit ihrem enttäuschten Blick. Seitdem sie von meinen abfallenden Gefühlen für Luke und meinem Wunsch nach Abenteuern wusste, fieberte sie rastlos darauf hin, mich als Single in ihrem Partyleben endlich willkommen zu heißen. Sie wusste, dass es ein Fehler war, mit Luke eine Pause einzulegen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich ihm schon vor einem halben Jahr den Laufpass gegeben. Doch ich war eben nicht so stark und selbstsicher wie sie, und auch wenn ich sie mir mit ihrer Scheißegal-Einstellung als Vorbild nahm, musste ich mich doch erst mal langsam vortasten.

»Wir werden sehen«, winkte ich hastig ab und beendete damit das Gesprächsthema. Ich machte mir selbst schon genug Vorwürfe, da musste ich mir Ellens nicht noch anhören.

»Wie waren sonst eure Semesterferien?«, fragte Hailey schließlich nach einer längeren Pause, in der auch Ellen endlich den Blick von mir abwandte und das Thema Luke schließlich ruhen ließ.

»Langweilig«, seufzte Ellen. »Ich habe die meiste Zeit im Fat Angel gekellnert und sonst nur meinen Onkel in London besucht.«

»Bei mir war’s auch nicht unbedingt spannender. Ich war bei Mum und habe Zeit mit Nachdenken verbracht.«

Haileys Augen weiteten sich interessiert. »Nachdenken worüber?«

»Na ja, ihr wisst ja, dass ich schon länger unglücklich in der Beziehung mit Luke war.« Ihr Nicken forderte mich auf, weiterzureden. »Das ist nicht die ganze Wahrheit gewesen. Ich bin auch mit mir unglücklich und habe beschlossen, mich zu ändern. Ich möchte das Semester als eine andere Person beginnen.«

»Die da wäre?« Hailey verzog skeptisch das Gesicht und auch Ellen hing laut mampfend an meinen Lippen.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte ich mit einem Schulterzucken. »Ich glaube, ich möchte einfach entspannter, lockerer werden. Möchte herausfinden, was ich vom Leben möchte, unvernünftig sein, nicht nur zu Hause rumhocken, sondern mal etwas erleben.«

»So gefällst du mir«, jubelte Ellen und klatschte in die Hände.

Hailey schien noch nicht ganz überzeugt und warf ihren Blick stirnrunzelnd auf den Teller. »Denkst du, das ist die richtige Entscheidung? Ich meine, was ist mit deiner Angst?«

Ich schluckte, denn ich hatte befürchtet, dass sie das Thema ansprechen würde. Hailey und Ellen wussten über die Geschehnisse mit meinem Erzeuger Bescheid. Ich hatte es ihnen grob erzählt, damit sie verstanden, weshalb ich so war, wie ich nun mal war. Warum ich mich so lange nicht von Luke hatte lösen können, obwohl ich nun schon seit Jahren unglücklich gewesen war. Warum ich mich selten unter Menschen traute und nie irgendwelche Risiken eingegangen bin. Warum ich unter Panikattacken litt und Boxstunden nahm, um sicherer und stärker zu werden. Das letzte Jahr war es vor allem Hailey gewesen, mit der ich zu Hause am meisten Zeit verbracht hatte. Wir hatten schöne Filmabende veranstaltet, zusammen gelesen oder gekocht, während Ellen ausgegangen war. Ich hatte die Zeit mit ihr genossen und würde diese ruhigen Abende mit ihr auch weiterhin nicht missen wollen. Doch der Grund, warum ich nicht auch mal mit Ellen ausgegangen war, mich einfach mal ins Unbekannte gestürzt hatte, lag viel tiefer, und ich wollte diese Angst ein für alle Mal besiegen. Schließlich half es mir nichts, wenn ich körperlich an Stärke aufbaute, mich psychisch aber überhaupt nicht traute, zuzuschlagen.

»Versteh das bitte nicht falsch«, erklärte ich hastig und schob einen Lacher hinterher. »Ich verbringe gerne ruhige Abende mit dir und möchte das auch weiterhin, aber jetzt, wo die Entlassung von ihm … immer näher rückt … Ich weiß nicht, ich möchte einfach nicht mehr mit dieser Angst leben und selbstsicherer werden, nicht auf die Meinung anderer hören und lernen, mir selbst zu vertrauen. Dafür muss ich der Angst ins Auge blicken.«

Endlich tauchte auf ihrem Gesicht wieder ihr altbekanntes schüchternes Lächeln auf. Weil mir der Gedanke an meinen Erzeuger schon wieder jeglichen Nerv raubte und ich nicht weiter über das Thema sprechen wollte, winkte ich schließlich hastig ab. »Ich weiß auch nicht. Vielleicht ist das auch nur eine Phase. Ich möchte mein Leben einfach neu gestalten und nicht nach meinen Ängsten oder den Meinungen anderer leben. Ich entscheide ganz allein, was ich tun will und wie ich es tun will!«

»Wie willst du es denn?«

Schockstarre. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als ich einen warmen Atem und eine nur zu vertraute Stimme an meinem Ohr hörte. Plötzlich stieg mir wieder der würzige Geruch eines bestimmten Aftershaves in die Nase und katapultierte mich zurück in mehr als nur eine peinliche Situation.

Hastig drehte ich mich um und sah Mr Lederjacke, aka den schönen Neuling, vor mir stehen.

»Hast du nichts Besseres zu tun, als mich mit irgendwelchen schwachen Anmachsprüchen zu nerven?« Diesmal blieb ich nicht an seinem markanten Gesicht hängen, diesmal verschlug es mir nicht die Sprache. Ganz egal, wie gut er auch aussah, seine Art war unausstehlich.

»Anmachen?« Er lachte und hob überrascht die Brauen. »Das war keine Anmache, du hast mir einfach nur eine zu gute Vorlage gegeben.« Während meine Wangen erneut Feuer fingen, kramte er aus seiner Tasche einen Zettel. »Ich wollte dir eigentlich nur das hier wiedergeben. Hast du vorhin verloren.« Er warf einen Blick auf das Papier, das ich sofort als meine Rede identifizierte. »Roberts. Lacey Roberts.« Ein Funkeln tauchte in seinen Augen auf, als er mich an die peinliche Situation erinnerte, in der ich versehentlich meinen Nachnamen zuerst genannt hatte. »Das bist du doch, oder?«

Schnaubend riss ich ihm das Papier aus der Hand und funkelte ihn böse an. Und erneut entfernte er sich mit diesem unausstehlichen Grinsen von mir, das mich wütend und schwach zugleich machte. Fassungslos sah ich ihm nach, wusste nicht, wie er es schon wieder geschafft hatte, mich so in Verlegenheit zu bringen. Wollte er mich wirklich nicht anmachen? Oder ärgerte er mich wieder nur? Wollte ich überhaupt von ihm angemacht werden? Bis vor kurzem vielleicht schon, doch jetzt? Eigentlich nicht, oder? Aber warum beschäftigte mich seine Aussage, dass es keine gewesen wäre, dann so sehr?

»Hallo, Erde an Lace!«, hörte ich es dumpf zu mir vordringen.

Langsam entfernte ich mich von der Erinnerung an seine tiefe Stimme in meinem Nacken und wurde hellhöriger gegenüber der Gegenwart.

»Mh?«, murmelte ich und blickte in Ellens neugieriges Gesicht.

Sie zog eine Grimasse und schmunzelte. »Na, dich hat es ja ganz schön erwischt.«

»Lace, der Typ ist ein Arsch«, versuchte Hailey mir vorsichtig klarzumachen, als hätte ich den beiden gerade meine Liebe zu ihm gestanden.

»Ich weiß, dass er ein Arsch ist.« Mein gleichgültiges Schulterzucken überzeugte die zwei eher weniger.

»Wer war das denn überhaupt und woher kannte er deinen Namen?«, fragte Ellen neugierig und lehnte sich über den Tisch.

Im Schnelldurchlauf erzählte ich ihnen von meiner peinlichen Begegnung mit ihm im Studio und meiner holprigen Rede, woraufhin sie mich liebevoll auslachten.

»Du hast aber schon recht mit deinem Geschmachte«, warf Ellen zwinkernd ein. »Er ist wirklich heiß.«

»Und unausstehlich«, fügte ich hinzu, weil es mich urplötzlich nervte, dass ich ihn so attraktiv fand und er dies ganz genau wusste.

»Unausstehlich ist gut. Mit denen kann man meist den größten Spaß haben. Ist in deiner Situation vielleicht gar nicht so schlecht, Lace.« Ellen wackelte mit ihren Brauen und grinste breit, woraufhin Hailey und ich nur schmunzelnd die Augen verdrehten.

»Ja ja, wenn du meinst!«, winkte ich ab, steckte mir eine Pommes in den Mund und musste angewidert feststellen, dass sie bereits kalt geworden war. Naserümpfend schob ich den Teller fort und klopfte das Salz von meinen Händen. »Kommt! Ich habe keine Lust mehr, über ihn zu reden oder nachzudenken. Außerdem fangen gleich die nächsten Vorlesungen an.«

Ellens allwissende Lächeln verfolgte mich noch eine Zeit lang. Mir entging nicht, dass sie sich auf die Unterlippe biss.

Sie kannte mich eben besser, als mir manchmal lieb war.

 

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