Leseprobe zu Bad Lovers

Kapitel 1-3

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Vorwort

 

Hallo!
Schön, dass du zu uns gefunden hast. Nein, hier

spricht nicht der Badboy. Hier spricht jemand viel Gefährlicheres. Jemand, der dir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Jemand, den du nicht zum Feind haben möchtest.

Ich weiß, meine Moralvorstellung unterscheidet sich von deiner. Und ich liebe meine Art und Weise, zu leben.

Du willst mich kennenlernen? Möchtest erfahren, wer hinter diesen Zeilen steckt? Dann lies weiter, tauche ein in meine Welt, in der ich den bösen Männern den Kopf verdrehe. Nicht andersherum.

Solltest du aber ein Problem mit Waffen, Gewalt, Blut und Sex haben, dann leg das Buch lieber weg. Es wird eine derbe Wortwahl geben und niemand nimmt ein Blatt vor den Mund. Hier erwartet dich keine rosarote Liebesgeschichte. Hier erwarten dich Bonnie und Clyde.

Bist du bereit?


Eins

 

 

 

Später
»Bist du endlich soweit?« Mia riss meine Badezimmertür auf und starrte mich an.

»Kennst du das Prinzip von Anklopfen?« Hatte man nicht mal in seiner eigenen Wohnung ein bisschen Privatsphäre?

Doch Mia bewegte sich keinen Zentimeter, stattdessen formte ihr Mund ein stummes ›Wow‹.

Amüsiert zuckte ich mit den Mundwinkeln. »Dachtest du, dass ich einfach mein Bürooutfit anziehe und mitkomme? Vergessen, dass ich die berüchtigte Partymaus Linda Miller bin?«

Abwehrend hob sie ihre Hände vor die Brust. »Doch, doch. Aber wir arbeiten jetzt schon – puh, wie lange? Drei Jahre? Na ja, so lange schon zusammen und so, so … aufgedonnert …«, sie trat einen Schritt zurück und ließ ihren Blick von oben nach unten und wieder an mir rauf wandern, »… habe ich dich noch nie gesehen! Wir waren nicht einmal zusammen unterwegs.«

 

Nickend schwang ich den Puderpinsel über das Gesicht. Das Partyleben lag weit hinter mir und das hatte seine Gründe. Mia war damals kein Teil meines Lebens, was wahrscheinlich auch besser so war. Es reichte, wenn ich mich selbst in den Abgrund zog.

Sie lehnte sich mit der Schulter gegen den Türrahmen. »Nachdem ich dich förmlich anflehen musste mitzukommen, hätte ich nicht erwartet, dass du am Ende so aussehen wirst. So verdammt heiß!«

Und wie sie sich vor ein paar Tagen ins Zeug legte. Doch tausend Versprechen, dass dieser Typ der eine war, und ein langer Beautytag im Lakeview Hotel später musste ich einfach nachgeben. Was tat man nicht alles für seine beste Freundin?

Mia zwirbelte ihre blonden Locken zwischen den Fingern. »Ich bin so aufgeregt. Endlich lernst du meinen Jackson kennen.«

Ich konnte es nicht verhindern, meine Augen rollten quasi von allein. Vielleicht lag es daran, dass ich diese Art von Liebe noch nie gespürt hatte, aber diese ganze Nummer mit dem Traummann lag mir einfach nicht. Männer konnte man auch so haben, ohne den Beziehungsstress drum herum.

 

Nervös fummelte sie an ihrer Armbanduhr herum. »Wir sollten echt langsam los.«

Ein letztes Mal fuhr ich mit dem roten Lippenstift über die Lippen, rieb sie aneinander und formte einen Kussmund. Perfekt. Und damit meinte ich nicht nur den Mund. Meine braunen Haare trug ich offen. Sie schmiegten sich in weichen Wellen an die Schultern, nur die Spitzen berührten den Stoff des Kleides an meinem Rücken. Das kurze Schwarze, ein Klassiker, und doch wurde es nie langweilig. Der tiefe V- Ausschnitt betonte mein Dekolleté und brachte die Kette mit den goldenen Initialen perfekt zur Geltung. Ich hatte sie vor ein paar Jahren zum 25. Geburtstag bekommen. Fehlten nur noch die Schuhe. Und was passte da besser als meine liebsten High Heels. Mattschwarz, silberner Absatz. Ich war viel zu lange nicht mehr ausgegangen. Das letzte Mal trug ich sie, als …

Meine Brust füllte sich mit einer bleiernen Schwere, raubte mir die Luft. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor und doch schmerzte die Erinnerung an diesen letzten Abend noch immer so sehr, als wäre es gestern gewesen.

Mias Handy brummte und riss mich aus den Gedanken. Kichernd tippte sie auf dem Bildschirm herum. Heute war kein Platz für Trauer. Schultern straffen und los geht’s. Die Vergangenheit konnte jetzt einfach nur Vergangenheit bleiben.

 

Ich schnappte Mias Hand und zog sie aus dem Badezimmer heraus durch den schmalen Flur, direkt Richtung Fahrstuhl. Mit einem breiten Lächeln zwinkerte ich ihr zu. »Es kann losgehen, stell mir deinen Jackson vor.« Nicht, dass ich es mir doch nochmal überlegen würde.

Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. »Da ist noch etwas, Linda …«

So wie sie aussah, konnte das nichts Gutes sein. »Raus mit der Sprache.«

Erneut wickelten ihre Finger eine Locke nach der anderen auf und ließen sie wieder zurück an Ort und Stelle springen. »Also, Jackson meinte, dass es für dich ja voll doof wäre, so allein mit uns beiden. Und deshalb …«, ihr Blick glitt an die Decke, »und deshalb bringt er auch einen Freund mit.«

Die Worte schossen so schnell aus ihr heraus, dass ich einen Moment brauchte, um sie zu verstehen. Erklärte sie mir gerade, dass wir gleich ein Doppeldate hatten? »Das ist nicht dein Ernst. Mia, du weißt, dass ich keine Lust auf so was habe.« Ich fuhr durch meine Haare, legte sie hinter die Schultern. Mir fehlten weder Blind Dates noch irgendwelche Verkupplungsversuche. Männer suchte ich mir selber aus.

 

 

Mia erkannte meine Stimmung sofort und hob beschwichtigend ihre Hände vor die Brust. »Ich weiß, ich weiß. Aber vielleicht ist das eine tolle Chance, jemanden kennenzulernen. Jemand, der mehr als nur eine Nacht bleibt«, schief lächelte sie mich an, »versuch es doch mal.«

Warum musste jede Frau einen Mann suchen, der länger bleibt? Kann es nicht auch mal gut sein, wenn man nicht das Verlangen nach dem Prinzen auf dem weißen Pferd hat? Einfach nur das unkomplizierte Leben genießen!

Ich drehte mich von ihr weg. Mein Blick fiel direkt in einen der runden Spiegel über der Kommode im Eingangsbereich. Tief schaute ich mir selbst in die Augen, versuchte die Lösung in mir zu finden. Ich könnte alles absagen, mich auf die Couch legen, einen Film anschauen. Aber Mia freute sich seit Tagen auf diesen Abend. Und um mein Styling wäre es irgendwie auch schade.

Das Signal des Fahrstuhls ertönte. Zeit, eine Entscheidung zu treffen.

Für Mia. »Gut«, ich wand mich ihr zu. »Lass uns gehen. Aber keine peinlichen Verkupplungsversuche!«

Lachend hüpfte sie auf und ab. Sie war immer etwas zu aufgedreht. Genau aus diesem Grund mochte ich sie so sehr. Ganz egal, wo sie auftauchte, es herrschte gute Laune. Vielleicht lag es auch daran, dass sie nichts von der kriminellen Unterwelt Fremonts wusste.

 

Unser Chauffeur James fuhr zielsicher durch den abendlichen Verkehr von Fremont Hill. Die hellen Laternen zogen an uns vorbei und erhellten immer wieder den dunklen Innenraum des Autos. So langsam kamen wir der belebten Innenstadt näher.

Ich schaute zu Mia, sie strahlte über das ganze Gesicht. »Das wird ein ganz toller Abend.«

Ihr Wort in Gottes Ohren. »Sicher.«

Sie grinste noch breiter. Ehrlicherweise überraschte es mich, dass das überhaupt ging.

Mit einem leisen Surren fuhr die dunkle Trennscheibe im Auto herunter. »Wir sind mitten in der Innenstadt, Ladys. Wo genau soll ich euch rauslassen?«

»Halten Sie einfach hier«, ergriff Mia das Wort. »Den Rest vom Weg laufen wir!«

Wie bitte? Die Innenstadt war riesig.

James nickte zufrieden und parkte das Auto am Straßenrand.

Keine Sekunde später sprang Mia heraus und riss suchend ihren Kopf hin und her.

»Soll ich warten oder rufen Sie mich an?«

 

Zu gern wollte ich sagen, dass er warten sollte. Doch dieser Abend würde nicht annähernd so schnell enden, wie ich es erhoffte.

»Fahren Sie nach Hause, James, wir rufen an.«

Er nickte erneut und die dunkle Scheibe fuhr wieder herauf.

Ich schnappte mir die silberne Clutch und stieg ebenfalls aus. Sofort griff Mia meine Hand und zog mich hinter sich die Straße hinauf.

Eine Bar nach der anderen zog mit grell leuchtender Reklame an uns vorbei. Doch an keiner hielten wir an. »Wo treffen wir deinen Mister One denn?«.

Mia blieb so abrupt vor mir stehen, dass ich sie beinahe umgerannt hätte. »Halt dich fest: im Rogue. Ich meine, im ROGUE! Er hat es mir vor zwei Tagen erzählt. Wie bitte hat Jackson dort noch einen freien Tisch bekommen?«.

Das war eine sehr gute und vor allem berechtigte Frage. Mein Nacken begann zu kribbeln, für einen Moment packte mich die Nervosität. Ich war schon unzählige Male im Rogue, aber wie der Name sagt, trafen sich da eben am liebsten Schurken. Egal wie gesetzeswidrig dein Vorhaben auch sein mochte, die Geschäfte dafür wurden im Rogue geschlossen. Zwischen feiernden, unwissenden und skrupellosen Killern.

Trotzdem schmeckte das Essen dort fabelhaft und machte das Restaurant zu einem Schmuckstück der Stadt. Vor allem zu einem ausgebuchten Schmuckstück. Es war schier unmöglich, kurzfristig einen Platz zu bekommen. Außer man hieß Miller.

Wer war also dieser Jackson, dass er dort einen freien Tisch ergattern konnte? Er musste ein großes Tier in der Unterwelt sein und das bedeutete, dass meine beste Freundin mit einem verdammten Kriminellen ausging. Allein der Gedanke kitzelte meinen Würgereiz.

»Das Rogue, toll«, presste ich hervor.
»Mein Jackson wollte eben nur das Beste.«
Scheint so. Trotzdem ließ mich die innere

Unruhe einfach nicht mehr los, selbst meine Fingerspitzen begannen zu prickeln. Seit geraumer Zeit bekam die Company immer wieder Drohbriefe. Was, wenn Jackson über Mia an mich herankommen wollte? Die Unterwelt von Fremont war kein beständiger Ort. Und seitdem der Mafiaclan und der Vikings Motorradclub ihren Streit wieder aufgenommen hatten, wurde es nicht leichter. Was, wenn …?

Okay. Stopp. Das ist paranoid!

Tief atmete ich ein und aus. Ruhe bewahren, rational denken. Dennoch: Vorsicht ist besser als Nachsicht. »Mia, können wir kurz sprechen?«

Noch immer strahlte sie von einem Ohr zum anderen und suchte die Gegend nach ihrem Herzblatt ab.

»Was hast du denn Jackson alles über mich erzählt?«

Grinsend blickte sie zu mir. »Natürlich nur die guten Storys!«

Ich rang mir ein Lächeln ab. »Und was genau? Also hast du ihm meinen Namen gesagt? Du weißt ja, dass der immer für etwas Aufsehen sorgt.«

Mia senkte den Blick. »Na ja, jetzt, wo du es erwähnst …« Ihre Finger knackten, so sehr knetete sie sie durch. »Sei mir nicht böse, okay? Ich habe ihm noch nicht deinen Namen gesagt. Ich meine, er weiß, wo ich arbeite und irgendwie …«, ihr Blick glitt gen Himmel und wieder zu mir zurück. »Ich wollte nicht, dass er mich für einen totalen Workaholic hält. Meine beste Freundin ist meine Chefin. Das klingt total nach Workaholic! Es tut mir so leid!« Sie hob die Schultern. »Und er hätte dich sicher im Internet gesucht und … na ja … ich wollte dich heute richtig vorstellen!«

Erleichtert atmete ich auf. Auch wenn sie sich dafür schämte, war das ein perfektes Schlupfloch für mich. »Oh nein, Mia, alles gut. Ehrlich gesagt, ist es mir sogar ganz recht, wenn er nicht weiß, wer ich bin. Vielleicht können wir es erstmal dabei belassen? Du hast schon recht, über mich steht nicht nur Gutes in den Zeitungen.« Geschweige denn im Internet. Ich strich ihren Arm auf und ab. »Heute kann ich ja … Jenny sein.«

Mia runzelte die Stirn und kam ein paar Schritte näher. »Jackson liest nicht unbedingt Klatschzeitungen. Und selbst wenn, seit Jahren bist du raus aus diesem Mist. Ich meine es ernst mit ihm. Er soll dich kennenlernen und nicht Jenny.« Mit jedem Wort zogen sich ihre Augenbrauen weiter und weiter zusammen.

Trotzdem wollte ich kein Risiko eingehen, konnte es einfach nicht. »Bitte! Du hattest deine Gründe und ich habe eben meine. Wenn ich ihn besser kenne, dann können wir alles aufklären.«

Ihre Lippen waren ein schmaler Strich, der rosa Lippenstift war kaum noch zu sehen. »Wie du willst.«

Ich griff nach ihrem Handgelenk, um sie an mich zu ziehen. Wir sollten jetzt nicht streiten. »Mia, ich …« Das Vibrieren meines Handys unterbrach uns.

Freudlos schnaubte sie auf. »Bitte sag nicht, dass es die Kanzlei ist.«

Ich zog es aus meiner Clutch und schüttelte augenblicklich den Kopf. »Tim«, antwortete ich knapp.

Ich hoffe, alles ist gut. Habe James frei gegeben, hole euch dann später ab. xxx

Lächelnd starrte ich auf den Bildschirm. Ja, Tim war mir sogar lieber als James. Er war genau der richtige, um diesen Doppeldate-Abend mit einem guten Glas Wein zu verarbeiten. Oder gleich ganz zu vergessen. Vielleicht wurden meine Gebete erhört und dieses Date endete schneller als gedacht. Dann könnten wir den Spätburgu…

»JACKSON!«

Völlig erschrocken zuckte ich zusammen, drückte mir eine Hand gegen die Brust. Mein Puls schoss sicher gerade weit über einen gesunden Bereich hinaus.

»Oh, hallo, Liebling! Ich habe dich so vermisst!«

Mia packte seine Oberarme und drückte sich an ihn. Sie hatte nicht gelogen, er sah gut aus in dem schwarzen Hemd und der lässigen Jeans. Seine langen braunen Haare waren zu einem kleinen Dutt im Nacken zusammengebunden. Der dunkle Vollbart bildete einen Kontrast zu Mias blonden Locken.

Doch meine Neugier galt eher dem Mann neben ihm, meinem Blind Date. Dem anfänglichen Protest zum Trotz musste ich zugeben, dass dieser hier nicht schlecht aussah. Vielleicht sogar mehr als nicht schlecht. Unsere Blicke kreuzten sich, für einen Moment hielt ich inne. Noch nie hatte ich solche blauen Augen gesehen.

»Darf ich vorstellen, das sind Jackson und Parker.«

 

Mit einer ausschweifenden Armbewegung deutete Mia auf die beiden Männer. »Und das ist … Jenny, meine beste Freundin.«

Ich lächelte und gab jedem einzeln die Hand.

»Es freut mich, dich kennenzulernen, Jenny.« Jacksons Hand war ein bisschen schwitzig. Den hat es scheinbar ganz schön erwischt mit seiner Mia. Kaum hatte er mich losgelassen, griff er bereits wieder nach Mias Fingern. »Komm, ich hab einen wundervollen Tisch für uns reserviert.« Und schon gingen sie ins Rogue hinein.

Parker und ich blieben wie angewurzelt voreinander stehen, schauten noch immer einander an. Da war etwas in seinem Blick. Kannten wir uns? Irgendwo hatte ich ihn schon mal gesehen, oder? Doch bevor ich in den tiefsten Erinnerungen graben konnte, fuhr er sich durch seinen Dreitagebart, drehte sich um und drängelte sich ebenfalls ins Rogue hinein.

Das Lokal war wie immer sehr gut besucht. Glücklicherweise tätigte ich nur selten persönliche Termine, sodass mich hier kaum jemand erkennen sollte. Und mein letzter Besuch war so lange her, es durfte mich einfach niemand erkennen!

Die Musik im Club hüllte uns ein, die Bässe vibrierten in meinem ganzen Körper. Das Rogue teilte sich in zwei Bereiche. Um in das Restaurant zu kommen, musste man durch den Club.

Ich war seit Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen. An der Decke hingen noch immer unzählige Neonröhren, welche den ganzen Raum in ein mystisches violettes Licht tauchten. Eine Menge Leute drängten sich um die schwarz schimmernde Bar, hinter der sich eine Säule mit tausenden Mosaiksteinen befand, die das farbige Licht brachen. Ein Kellner mixte kunstvoll Cocktails, warf den silbernen Shaker nach oben, fing ihn wieder auf, nur um dann eine klare Flüssigkeit in ein langstieliges Glas zu schütten. Eine Kellnerin drückte sich an mir vorbei und blieb erst vor den halbrunden weißen Ledersofas stehen. Auf der Schulter balancierte sie ein Tablett mit einem Champagnerkübel, den sie gekonnt auf einen der säulenartigen Tische stellte. Auch dieser war über und über mit den kleinen Steinchen versehen. Die Leute jubelten, als der Barkeeper den Drink am Ende flambierte. Ich konnte mich kaum entscheiden, wo ich zuerst hinschauen sollte.

Eine Gruppe junger Frauen kippte sich einen Shot nach dem anderen runter. Während ein Mann weiter hinten seinen Kopf in den Nacken legte und sich den grünlichen Schnaps direkt in den Rachen goss.

Die Musik wurde lauter, die Masse an Menschen kam in Bewegung. Das Lachen, das Tanzen, alles hier steckte mich mit dieser Partylaune an, die ich schon lange nicht mehr fühlen konnte.

Es war nicht alles schlecht damals, es gab auch tolle Partys. Wahnsinnige Nächte. Ohne Drogen.

»Das erste Mal hier?« Parkers warmer Atem tanzte auf meinem Nacken, schickte eine Gänsehaut über mich.

Moment mal. Ich bin stehengeblieben. Inmitten der Massen starrte ich idiotisch lächelnd vor mich hin, beobachtete die Leute. Überhaupt nicht komisch. »Nein. Ich war nur länger nicht mehr hier.« Wo ist Mia hin? Mit den Augen suchte ich den Club ab und entdeckte sie mitten in einer Menschentraube. Jackson führte sie immer tiefer ins Rogue hinein. Ich riss mich von all den Eindrücken los, ließ Parker stehen und drängelte mich vorbei an stilvoll gekleideten Menschen und solchen, die weniger Wert auf ordentliche Kleidung legten.

Gerade erreichten Jackson und Mia die Verbindungstür zum Restaurant, als ich endlich hinter ihnen zum Stehen kam. Er stemmte sich dagegen und öffnete die gläserne Tür. Lange schwarze Vorhänge, mit goldenen Ornamenten bestickt, legten sich mit der Tür zur Seite und gaben den Weg frei. Wir gingen in das Restaurant hinein und nach Parker fiel die Tür mit einem dumpfen Geräusch zu. Schlagartig wurde die Musik leiser. Alles genauso wie früher.

 

Die dunklen Holzdielen auf dem Boden, die samtig roten Wände, die schlichten Holztische mit den schwarzüberzogenen Lederstühlen. Die Gedanken daran, welche Geschäfte mein Vater hier getätigt hatte, ließen meine Mundwinkel zucken. Nichts hatte sich verändert. Und doch war alles anders.

Jackson deutete auf einen der Tische. »Ladys und Parker«, grinsend nickte er ihm zu, »hier ist unser heutiger Platz.«

Begeistert klatschte Mia in ihre Hände. »Oh, wir haben sogar einen am Fenster!«

Mein Blick glitt zu ihr. Ob ihre Mundwinkel langsam weh taten? Sie tänzelte an mir vorbei und rutschte auf einen der Stühle direkt an der schmalen Glasfront.

Jackson nahm ihr gegenüber Platz, sodass ich mich neben meine Freundin setzen konnte.

»Ich bin so froh, dass wir hier sind. Jackson, ich wollte schon immer mal ins Rogue! Und dann auch noch einen Fensterplatz. Es ist der Wahnsinn!« Verträumt blinzelte sie ihn an und verflocht ihre Finger mit seinen.

Oh Gott. Beinahe gleichzeitig atmeten Parker und ich schwerfällig aus. Dieser Abend würde lang werden.

Keine Sekunde später kam eine Bedienung und legte beiläufig die schlichten Speisekarten auf unseren Tisch. Gerade als sie gehen wollte, schaute sie auf und stockte in ihrer Bewegung. Sie blickte mir direkt in die Augen. »Oh, wir hatten Sie nicht erwartet. Soll ich dem Chef Bescheid sagen, dass Sie da sind?«

Auch das noch, jetzt hat sie mich erkannt. Obwohl ich wusste, dass es längst zu spät war, legte ich eine Hand so an die Stirn, dass die Bedienung mein Gesicht nicht mehr sehen konnte. Was jetzt?

Einerseits würde ich Pietro sehr gerne wiedersehen, andererseits würde er meinen Namen quer durch das Lokal brüllen und uns eine Überraschung nach der anderen auftischen.

Als Kind war ich zu gerne mit meinem Vater bei Pietro im Diner essen. Es lag genau gegenüber dem Gebäude der Miller Company. Allerdings waren wir dort wohl die einzigen Gäste und so schloss er es und eröffnete später das Rogue. Wesentlich erfolgreicher.

Leicht hob ich den Blick, ohne den Schutz durch meine Hand aufzugeben. Sie stand noch immer neben mir und würde nicht gehen, ehe ich antwortete. Na gut. Tief holte ich Luft und wollte gerade etwas sagen, als Parker das Wort ergriff. »Nein, aber richten sie Pietro Grüße aus.«

Schnell nickte die junge Frau und schaute dann wieder zu mir.

Warum gab sie sich denn nicht mit der Antwort zufrieden? Und warum wollte der Typ Pietro grüßen? Ich wagte es nicht, sie direkt anzuschauen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Parker die Stirn runzelte und zwischen mir und der Bedienung hin und her blickte.

Ohne ein Wort zu sagen, nickte ich und schnappte mir eine der Speisekarten. Die Frau ging, Gott sei Dank! Fast musste ich aufseufzen, aber das hätte die ganze Situation noch absurder gemacht. Außerdem geisterte ein Gedanke durch meinen Kopf: Woher kannte er Pietro? Es wurde immer kurioser. Erst der spontane Tisch im Rogue, dann Grüße an den Chef. Die Bedienung hatte nicht nur mich erkannt. Wer die beiden auch waren, sie hatten ganz sicher Dreck am Stecken. Und wer sich mit Mia anlegte, hatte mich automatisch zum Feind. Das wollte niemand in Fremont.

Mein Blick glitt zu ihr und Jackson. Noch immer spielten sie mit ihren Händen und hatten nur Augen füreinander. Scheinbar waren sie in eine andere Welt getaucht. Eine rosarote. Ich vergrub mich hinter der Karte, studierte förmlich die einzelnen Gerichte vor mir. Wir würden essen, zahlen und dann einfach wieder verschwinden. Morgen würde ich die beiden durchsuchen, kein Geheimnis blieb vor mir sicher. Und wenn ich …

Ich zuckte zusammen, mein Herz setzte einmal aus. Wie aus dem Nichts drückte eine Hand meine Speisekarte nach unten. Seit wann war ich so schreckhaft? Und was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Mit schmalen Lippen schaute ich auf, direkt in das Gesicht meines unfreiwilligen Blind Dates.

Parker fixierte mich, als würde er durch mich hindurchsehen können. Seine Augenbrauen zuckten, doch er wand den Blick nicht ab.

Ich schluckte. Seine Augen hatten eine so tiefblaue Farbe, dass man sich darin verlieren konnte. Aber dafür war ich die falsche Frau. Es war etwas Anderes, etwas, was sich in meinen Kopf drehte und wendete, doch ich konnte es einfach nicht greifen.

Nach ein paar Sekunden reichte es mir. »Ich weiß, dass ich gut aussehe, aber das ist doch etwas aufdringlich. Lass mich wenigstens erst mal was zu essen bestellen. Danach kannst du gerne weiter gaffen.« Mit Schwung entriss ich ihm meine Speisekarte.

Seine Mundwinkel zuckten. »Mir kommt es so vor, als würden wir uns kennen.« Erneut drückte er die Karte nach unten, um mich besser sehen zu können.

Mit schmalen Augen hob ich den Blick und schaute ihn an. Auch ich hatte die Vermutung, dass wir uns schon mal begegnet waren. Doch selbst an einen One-Night-Stand mit diesen Augen hätte ich mich erinnern können. Ich wand mich ab. »Wir kennen uns nicht«, entgegnete ich kurz und lehnte mich in meinen Stuhl zurück.

»Aber du kennst Pietro. Was bedeutet, dass du im Rogue bekannt bist. Und was das bedeutet, brauche ich sicher nicht näher zu erklären?« Immer noch fixierte er mich mit seinem durchdringenden Blick. »Und so oft, wie ich im Rogue bin, kenne ich die Leute hier.« Er lehnte seinen Oberkörper nach vorn, seine Hände wanderten auf meine Tischhälfte.

Doch es beeindruckte mich nicht mal annähernd so sehr, wie er es sich erhoffte. Diesmal zuckten meine Mundwinkel. Er war also öfter hier, gut zu wissen. Und doch kannte er nicht alle, sonst wüsste er ja, wer ich bin. Die CEO der Anwaltskanzlei Miller Company und damit Nachfolgerin meines Vaters Rasmus Miller. Wir vertraten hauptsächlich die kriminelle Unterwelt und leisteten das volle Programm, um wirklich jeden vor einer Strafe zu bewahren. Nach und nach baute mein Vater die Company zu einer riesigen Kanzlei auf und nach etwas mehr Zeit und vor allem Geld waren auch legale Anwälte wie Mia dazugekommen. Durch sie schützten wir unser öffentliches Ansehen. Tief im Inneren war es allerdings dunkel und schmutzig.

Doch das alles ging diesen Parker vor mir nichts an. Er selbst musste kriminell sein und so langsam nervten mich seine Fragen gewaltig. Mit dem falschesten Lächeln, das ich zaubern konnte, grinste ich ihn an. »Ich war früher oft auf Partys unterwegs. Junge hübsche Frauen kommen hier ganz gut rein. Pietro kenne ich ni…«

Noch bevor ich das letzte Wort ausgesprochen hatte, wurde auf einmal ein riesiger, rosaroter Erdbeermilkshake vor mir abgestellt.

Zwinkernd schaute mich die Bedienung an. »Liebe Grüße von Pietro.«

Laut lachte Parker auf und strich mit einem Finger durch die Sahnehaube des Shakes. Ohne die Augen von mir abzuwenden, leckte er genüsslich über seine Fingerkuppe.

Die Hitze schoss in meine Wangen. Unfähig, den Blick loszureißen, hielten mich seine Augen gefangen. Hielt er mich gefangen.

»Li… Jenny! Du hast mir nicht gesagt, dass du auf der Speisekarte Milkshakes gefunden hast. Du weißt, wie sehr ich sie liebe.« Mias schrille Stimme rüttelte mich förmlich wach.

Was war das denn bitte? Ein paar Mal musste ich blinzeln, um wieder im Hier und Jetzt anzukommen. »Du kannst ihn gerne haben, es ist sicher eine Verwechslung. Die Bedienung hat ihn mir einfach hingestellt.«

Mia packte das hohe Glas und zog gierig die süße, rosa Flüssigkeit durch den Strohhalm in ihren Mund.

 

»Möchtest du auch mal kosten?«, fragte sie Jackson und er grinste ihr verführerisch entgegen.

»Ich möchte alles an dir kosten, Baby«, flüsterte er leider viel zu laut und Mia kicherte nervös los.

Und Schwupps waren sie zurück in ihrer rosaroten Blase. Unheimlich.

»Es gibt hier keine Milkshakes.« Parkers Stimme war leise und doch überlaut in meinem Kopf.

Noch einmal würde ich mich nicht so gehen lassen. »Scheinbar schon.« Ohne ihn weiter zu beachten, vertiefte ich mich wieder in die Speisekarte.

 

 

Zwei 

 

»Das Essen war so lecker, danke mein Schatz.« Mia grinste über beide Ohren hinweg ihren Jackson an.

So langsam war mein Level an Kitsch mehr als erreicht. Genervt wandte ich den Blick ab und verdrehte die Augen.

»Für dich nur das Beste, mein Liebling.«

Angespannt atmete Parker aus, rieb sich über die Stirn.

So ging das schon die ganze Zeit beim Essen. Wie zwei verliebte Teenager turtelten sie wild herum. Selbst wenn Jackson mit Parker redete, hingen seine Augen an Mia. Wenigstens ließ der mich während des Essens in Ruhe. Diese kitschigen Frischverliebten neben mir und ein nervtötendes Blind Date vor mir hätte ich zusammen nicht überlebt.

Jackson räusperte sich und schaute zu Parker. »Wir sind gleich wieder da. Mia will sich mal mein Bike ansehen.« In Windeseile schnappte er ihre Hand und verschwand mit ihr durch die Verbindungstür zum Club. Nur die wackelnden Vorhänge bezeugten, dass sie eben noch da waren.

Mit offenem Mund starrte ich ihnen hinterher. Ließ Mia mich jetzt einfach hier mit diesem Typen sitzen?

»Bike ansehen. Klar«, murmelte Parker und bestellte sich per Handzeichen ein weiteres Bier. Auch er wirkte sichtlich genervt von der Situation und ich konnte ihn total verstehen.

Er nahm sein Bier entgegen und nickte der Bedienung zu, die bereits zum nächsten Tisch ging.

»Möchtest du noch was trinken?«
»Wodka.« Da musste ich nicht zweimal überlegen. Er hob das Glas an den Mund und stockte. Mit

großen Augen schaute er über den Rand zu mir.
Als hätte ich ihm gerade erzählt, dass ich ein Ufo gesehen habe. Sein Gesichtsausdruck war zu komisch

und brachte mich tatsächlich zum Schmunzeln.
»Soll das ein Scherz sein?«
Sah ich so aus, als würde ich scherzen? »Nein, 
anders halte ich diesen Abend nicht mehr aus.« Ich winkte die Bedienung an unseren Tisch.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, ergriff Parker das Wort. »Zwei Wodka.«

»Belvedere«, fügte ich grinsend hinzu.

Parker lachte laut auf, schüttelte immer wieder den Kopf.

Mir war klar, dass ich mich verraten hatte. Belvedere Wodka war selten in den Bars zu finden. Eine Flasche kostete über 100 Dollar, aber es war nun mal der Beste.

»Also gut, wer bist du? Ein verwöhntes Partygirl? Ich könnte schwören, ich kenne dich«, sein Finger deutete direkt auf mich, »und rede dich nicht raus, du warst bereits mehr als einmal hier. Belvedere Wodka so selbstverständlich zu bestellen? Und die Sache mit Pietro? Oder arbeitest du hier?« Die Fragen sprudelten aus ihm heraus.

Ich grinste. »Weder das eine, noch das andere.« Kurz bedankte ich mich bei der Bedienung für die zwei Wodka. Obwohl, verwöhntes Partygirl hätte vor ein paar Jahren definitiv gepasst. Bevor … na ja, bevor dieser eine Tag kam, war ich jeden Abend in einem anderen Club und das Rogue gehörte dazu.

Parker nahm sein Glas und hob es an. Ich tat es ihm gleich, klirrend stießen unsere Gläser aneinander.

 

»Auf das Unbekannte«, sagte er leise und trank den Shot in einem Zug aus.

»LM«, sagte Parker nach einer Weile und durchbrach die Stille zwischen uns.

Wie bitte? Woher will er denn plötzlich meine Initialen wissen?

Er lehnte sich nach vorn, lächelte mir siegessicher entgegen. »Deine Kette. LM. Jenny ist dann wohl nicht dein richtiger Name.«

Meine Fingerspitzen wanderten am Dekolleté entlang, erfühlten die feinen goldenen Buchstaben. Ohne eine Regung zu zeigen, erwiderte ich seinen Blick. So lange ich nicht wusste, wer er war, blieb mein Name ebenfalls unter Verschluss. Dafür war die Lage viel zu unsicher. »Oder es sind die Initialen meines Freundes?«

Er schnaubte. »Toller Freund, der dich gemeinsam mit deiner besten Freundin auf ein Doppeldate lässt.«

Erzwungenes Blind Date trifft es wohl eher. »Ehrlich gesagt war das sehr spontan.«

Seine Augen verengten sich. Wieder lehnte er sich nach vorn zu mir, seine Finger berührten beinahe meine. »Spontan hin oder her. Ich hätte dich über die Schulter geschmissen und eigenhändig hier rausgetragen.«

 

Meine Mundwinkel zuckten. »Vielleicht kennt er mich einfach zu gut und traut sich nicht.« Nun lehnte auch ich mich nach vorn, darauf bedacht, ihn nicht zu berühren. Und doch strömte die Hitze seiner Haut bis an meine Fingerspitzen. »Du würdest es bereuen.«

Schief grinste er mich an. »Manchmal muss man Risiken eingehen.« Seine Zunge fuhr über die Lippen. »Ich bin mir sicher, dass ich keine Sekunde bereuen würde.« Stechend blaue Augen fixierten mich.

»Du würdest dich wundern.« Meine Kehle trocknete aus, ich brauchte dringend mehr Wodka.

Parker unterbrach den Blickkontakt und stand auf. Schwallartig entwich mein Atem. Hatte ich die Luft angehalten? Mit großen Schritten ging er zur Theke, lehnte sich locker dagegen. Eine Bedienung sprach ihn an, er antwortete etwas, augenblicklich wurde sie rot.

Ob er sie fragte, wer ich bin? Sie hatte mich ganz sicher erkannt. Wenn ich jetzt ruhig aufstehen und Richtung Toiletten gehen würde, könnte ich durch die Küche verschwinden.

Gerade als mein Plan im Kopf Form annahm, drehte sich Parker um und kam mit einer Flasche Belvedere Wodka an den Tisch zurück. Er füllte unsere Gläser erneut und grinste mich an. Sein Lächeln war … einfach wunderschön.

 

Was? Der Wodka stieg mir schneller in den Kopf, als ich dachte.

»Auf Jenny.« Er hob sein Glas und wir stießen an.

Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Was hatte er vor? Mich betrunken zu machen und dann rauszufinden, wer ich bin? Da hätte er auch die Bedienung fragen können.

»Wollte sie dir meinen Namen nicht verraten?« Mein Kinn nickte in die Richtung der jungen Frau hinter der Theke.

»Ich habe sie nicht gefragt«, wieder füllte er unsere Gläser auf und schob mir meins entgegen, »Wo bleibt denn da die Spannung?«

Heiß lief der Wodka in meinen Magen hinab. »Gar nicht neugierig?« Ich war es.

»Ehrlich gesagt ist es mir egal. Du weißt ja auch nicht, wer ich bin.« Trotzdem spannte sich sein Kiefer an. Es schien doch an seinem Ego zu kratzen.

»Und das stört dich ganz sicher nicht?«

Seine linke Schulter zuckte. »Ist das nicht so bei Blind Dates?«

»Vielleicht.« Aber nicht so. Nicht mit diesem Hintergedanken, wer von uns beiden gefährlicher war. Wer von uns beiden eher den Untergrund fürchtete.

Wieder hob er sein Glas nach oben. »Wir sind zwei Unbekannte und trinken zusammen.«

•••

 

»Einmal hatte Pietro eine Schaumparty im Rogue organisiert. Es war die Hölle! Er beschwerte sich wochenlang über den Schaum und wie lange er alles trockenwischen musste.« Lachend hielt ich mir den Bauch, als ich Parker von dem Abend berichtete. »Das größere Problem war aber, dass eine Gruppe Frauen Konfettikanonen mithatte. Man konnte noch ewig die Papierschnipsel in den Ecken finden.«

Auch Parker stimmte ein. »An so was kann ich mich nicht erinnern.«

Mittlerweile saßen wir nebeneinander, mein Rücken dem Fenster zugewandt. Immer wieder stießen unsere Knie aneinander und jedes Mal fühlte es sich ein Stück besser an.

Ich lehnte mich zu ihm und berührte seinen Oberarm. »Vielleicht standest du ja nicht auf der Gästeliste.«

Dramatisch drückte Parker seine Hände gegen den Brustkorb. »Autsch, das tat weh.«

Ich lachte auf, fiel mit meiner Stirn an seine Schulter. »Ich bin mir sicher, mit deinem netten Lächeln hätte dich der Türsteher vorbeigelassen.«

Er riss die Augen auf. »Nettes Lächeln? Ist das alles?«

»Oh, braucht da jemand Bestätigung?« Ich schaute zu ihm auf. Wann waren wir uns so nah gekommen?

 

Sein Atem streifte meinen Hals. »Die bekomme ich für gewöhnlich ins Ohr gestöhnt.«

Das war zu viel! Ich presste die Lippen zusammen, doch konnte nicht an mich halten. Laut prustete ich auf, lehnte mich wieder in meinem Stuhl zurück. »Zieht das bei Frauen sonst?«

Er legte den Kopf schief. »Gelegentlich.«

»Ich fass es nicht.« Erneut füllte ich unsere Gläser. »Na dann, auf Schaum, Konfetti und schlechte Flirtversuche.« Wir stießen zu derb an und der Wodka kippte rechts und links über.

»Schlechte Flirtversuche? Das überhöre ich jetzt mal.« Parker zwinkerte mir zu und brachte mich nur erneut zum Lachen. Doch sein Blick schweifte durch das Restaurant, es war noch immer sehr gut besucht, obwohl es bereits sehr spät sein musste. »Ich glaube übrigens, dass unsere Freunde uns hier sitzen gelassen haben.«

Ich schob die zwei leeren Wodkaflaschen zur Seite und öffnete die dritte. »Aber Mia schaut sich doch nur mal Jacksons Bike an«, erwiderte ich ironisch.

Parker schnaubte auf. »Jaja! Wohl eher seinen Auspuff.«

Mein Bauch schmerzte vom Lachen. Obwohl es wohl eher dem Alkohol geschuldet war, wurde Parker mir immer sympathischer. Aus irgendeinem Grund fühlte es sich gut an, hier mit ihm zu sitzen und zu trinken. Ungezwungen, unkompliziert. Anscheinend mussten Dates nicht immer so anstrengend sein.

Die Verbindungstür zwischen Club und Restaurant wurde geöffnet und die Musik strömte für eine kurze Zeit laut in das Lokal hinein. »Komm!« Ohne weiter darüber nachzudenken, packte ich entschlossen Parkers Hand, drückte mich an ihm vorbei und zog ihn hinter mir her.

Wir drängelten uns zwischen den tanzenden und schwitzenden Menschen hindurch. Erst mitten auf der Tanzfläche blieb ich stehen und fing an mich im Takt der Musik zu bewegen, Parkers Blick fest auf mir. Instinktiv bewegten sich meine Hüften und ich schloss die Augen. Ich schwang die Arme nach oben und begann mit der Musik zu verschmelzen. Die Bässe begleiteten jeden einzelnen meiner Muskeln und ich wog förmlich mit den Melodien hin und her. Tanzen war schon immer mein Element. Ich genoss die Blicke, genoss selbst den feinen Schweißfilm auf meiner Stirn. Es war ein Stück Freiheit inmitten all der Zwänge und Regeln des Lebens.

Fingerspitzen streiften meine Taille. Ich öffnete die Augen, sah direkt in seine, ließ mich von dem blauen Strudel gefangen nehmen. Federleicht begannen sich seine Hände an mir zu bewegen.

Ich schloss den Abstand zwischen uns, umfasste seinen Nacken. Die schweißnassen Härchen störten mich nicht. Nichts störte mich an diesem Mann. Sein Gesicht senkte sich, alkoholgeschwängerter Atem stieß gegen meine Wange. Doch kurz, bevor er mich küssen konnte, drehte ich den Kopf zur Seite. So einfach würde ich es ihm nicht machen. Meine Hände fuhren in seine Haare und ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um flüchtig seinen Hals zu küssen. »Wir sollten die Flasche Belvedere mitnehmen.«

Die kühle Abendluft schlug uns entgegen, als wir das Rogue verließen. In der einen Hand hielt Parker die Flasche Belvedere, in der anderen meine. Und wenn ich ehrlich bin, hätte ich ihm am liebsten hinter der nächsten Ecke die Kleider vom Leib gerissen.

Er zog mich an sich. »Ich nehme an, du zeigst mir nicht deine Wohnung.«

Lachend schüttelte ich den Kopf. »Weder zu dir, noch zu mir. Wie war das nochmal? Zwei Unbekannte.« Ich genoss die Wärme, die sein Körper ausstrahlte. Mein Kleid war für diese nächtlichen Temperaturen eindeutig zu kurz.

»Beenden möchte ich diesen Abend aber noch nicht.« Sanft hauchte er einen Kuss in meinen Nacken. Ich hob den Blick und schaute in seine Augen. »Der Abend ist erst beendet, wenn wir beide schwit-

zend und nackt nebeneinanderliegen.«

 

Parker grinste schief. »Da sind wir ja einer Meinung.«

Kurz überlegte ich. Im Lakeview Hotel hatte meine Familie dauerhaft eine Suite reserviert. Allerdings erreichten wir die kaum zu Fuß und wir waren beide zu betrunken, um zu fahren. »Im Lakeview Hotel habe ich eine Suite«, sagte ich und seine Augen weiteten sich.

»So langsam werde ich doch neugierig, wer du bist«, entgegnete er und löste sich von mir. Taumelnd kam er am Bordstein zum Stehen, streckte seinen Arm aus und winkte ein Taxi heran.

Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal in einem Taxi gesessen und nicht James angerufen hatte.

Nur kurze Zeit später standen wir gemeinsam in der totenstillen Hotellobby des Lakeview Hotels. Scheinbar checkten nicht viele Leute mitten in der Nacht in das Vier-Sterne-Hotel ein.

»Warte am Aufzug, ich regle das.« Kichernd schob ich Parker in Richtung der Fahrstühle. Er umfasste meine Taille und zog mich zu sich, doch ich befreite mich und ging eilig zum Empfang. Noch immer kichernd. Wie eine verdammte Sechszehnjährige!

»Miss Miller, wir wünschen Ihnen einen guten Abend. Möchten Sie einchecken?«, fragte mich der ältere Mann hinter dem Tresen und ich nickte.

»Nur eine Nacht?«
Wieder nickte ich.
Er tippte etwas in seinen Computer und schob

dann die Schlüsselkarte über den Tresen. »Wir wünschen einen schönen Aufenthalt.«

»Den werde ich haben.« Schnell schnappte ich mir die Karte und eilte zu den Aufzügen.

»Kurz habe ich überlegt zu lauschen«, flüsterte Parker und schob mich in den Aufzug hinein. »Welche Etage?«

Entschlossen drückte ich auf die 30 und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.

»Komm her.« Gierig zog er mich an sich. Mein Rücken wurde gegen die kühle Wand des Fahrstuhls gepresst. Seine Hände umschlossen mein Gesicht. »Ich warte keine 30 Stockwerke ab.«

Unsere Lippen knallten aufeinander. All das Kribbeln und knistern zwischen uns entlud sich mit diesem einen Kuss. Sein Mund war weich und schmiegte sich zart an meinen. Nur der Bart kratzte an meiner Oberlippe. Es dauerte nicht lange, bis wir verlangend aneinanderhingen. Seine Hände wanderten meinen Körper herab und schoben das kurze Kleid nach oben. Ruckartig nahm er mich hoch und ich schlang die Beine um seine Hüfte. Bereits jetzt konnte ich seine Erektion an mir spüren. Von mir aus konnten wir es gleich hier in diesem Fahrstuhl tun.

Er tastete an meinem Rücken entlang, suchte nach dem Reißverschluss des Kleides. Ich griff nach dem Kragen seines Hemds, begann einen Knopf zu öffnen, doch scheiterte maßlos. Meine Finger zitterten wie verrückt. Gerade, als er den Verschluss zwischen meinen Schultern fand, ruckelte der Fahrstuhl.

Ping.

Ein einziger Ton. Leise und unüberhörbar. Und doch brachte er uns beide direkt wieder ins Hier und Jetzt.

30. Etage.

Ich löste meine Lippen von seinen. Unsere Atmung ging so abgehackt, als wären wir die 30 Stockwerke hochgerannt. In High Heels.

»Wir sind da«, hauchte ich und er setzte mich ab. Schnell zupfte ich am Saum des Kleids und deutete auf die Tür des Fahrstuhls. Er führte direkt in die Suite herein.

Parkers Blick zuckte zwischen mir und dem leeren Foyer hin und her. »Na wenn das so ist.« Er drehte sich wieder zu mir herum und schmiss mich über seine Schulter. »Ich hab gesagt, dass ich es nicht bereuen werde.«

Vor Schreck kreischte ich auf. »Parker!« Doch der ließ sich nicht beirren und trug mich mitten in die Suite hinein. Der Wodka stieg in mein Hirn und ich kicherte wie ein pubertierendes Mädchen.

Bereits im Eingangsbereich war der Boden mit hellen Marmor ausgelegt. Die hohen weißen Wände waren mit verschiedenen Gemälden verziert. Nachdem wir an den hellen Kommoden vorbeigelaufen waren, standen wir mitten im Wohnzimmer. Der gesamte Raum wurde durch eine riesige Fensterfront eingerahmt. Der Stonelake lag schwarz unter uns, in einzelnen Hochhäusern rund um den Park brannte noch Licht. Die Stadt lag zu unseren Füßen.

»Das Schlafzimmer …«, begann ich, doch ich kam nicht weit, da Parker mich bereits auf das anthrazitfarbene Sofa warf. Einzelne weiße und schwarze Kissen fielen herab, verkeilten sich zwischen der Couch und den Sesseln daneben.

»Ich brauche kein Schlafzimmer«, flüsterte er und legte sich auf mich.

Ohne Zeit zu verschwenden, küsste er mich. Seine Zunge streifte meine Lippen und ich öffnete bereitwillig den Mund. Unwillkürlich stöhnte ich auf, als seine Hände an meinen Seiten entlang strichen.

Er schob den Saum des Kleides nach oben, fuhr mit seinen Fingern über die nackten Oberschenkel. Nur wenige Zentimeter weiter, nur noch ein Stückchen, dann würde er endlich meine Mitte erreichen. Doch seine Berührung brach ab.

 

Sein Mund wanderte an meinem Kiefer entlang, über den Hals. Seine weichen Lippen berührten mein Schlüsselbein, das Dekolleté. Jeder einzelne Kuss fühlte sich wie tausend kleine Stromschläge auf der Haut an. Ich wand mich unter seinem Gewicht. Es machte mich wahnsinnig, ihm so nahe zu sein.

»Zieh dein Kleid aus.« Mit halbgeschlossenen Augen schaute er in meine und gab mich frei. Die Beine leicht auseinander stand er vor mir, schaute auf mich herab.

Ich setzte mich auf. »Hilfst du mir?«

Seine Augenbrauen zuckten in die Höhe. Ein Knie zwischen meinen Beinen abgestützt, beugte er sich an mir vorbei.

Ich rutschte an ihn heran, spürte seine Jeans an meiner Körpermitte. Nur mit allergrößter Kraft hielt ich die Hüfte still, widerstand der Versuchung, mich an ihm zu reiben.

Seine Finger tasteten nach dem Reißverschluss. Warmer Atem strich über meinen Hals. In Zeitlupe öffnete er das Kleid, schob die Träger von den Schultern und entblößte meinen Oberkörper. »Du bist wunderschön.«

Eine Gänsehaut wanderte meinen Nacken entlang, breitete sich auf den Rücken aus. Meine Atmung zitterte. Ich stand auf, ließ das Kleid endgültig an mir herabgleiten. Die schwarze Spitzenunterwäsche zeichnete sich von meiner hellen Haut ab.

Parker ließ sich auf die Couch fallen und betrachtete mich. Seine Augen wanderten über mein Dekolleté, über meinen Bauch, bis zwischen meine Beine. Meine Brustwarzen versteiften sich von ganz allein.

Ich befeuchtete meine Lippen. Sonst gefielen mir solche Musterungen nicht besonders. Der Alkohol ließ mich wohl so manche Dinge lockerer sehen.

Mit einem lasziven Hüftschwung ging ich auf ihn zu und setze mich rittlings auf ihn. Meine Augen hingen verlangend an seinen Lippen. Voll und so fantastisch geschwungen, umrahmt von den kleinen, dunkleren Härchen. Ich konnte es kaum abwarten, sie auf der Haut zu spüren.

Meine Hände wanderten seinen Oberkörper hinab, bis zu seiner Hose. Ich öffnete den Knopf seiner Jeans, zog den Reißverschluss langsam nach unten.

»Du quälst mich«, hauchte er.

Meine Mundwinkel zuckten. »Na dann will ich dich von deinen Qualen erlösen.« Ich schob die Hand in seine Hose, griff nach seiner Erektion.

Stöhnend legte er seinen Kopf in den Nacken, schloss seine Augen.

Ich fuhr über seinen Schaft, streichelte die Eichel. Er fühlte sich wundervoll an. Prall und fest. Ich umfasste ihn, fuhr immer wieder an seiner Härte auf und ab. Ein einzelner heißer Tropfen benetzte meine Finger, doch ich machte unbeirrt weiter. Zu sehen, wie er auf mich reagierte, zu spüren, welche Macht ich gerade über ihn hatte, es berauschte mich. Selbst wenn ich nicht wusste, wer er wirklich war. Ich zog meine Hand zurück und ließ sie wieder nach oben zu seiner Brust wandern.

Ein enttäuschtes Seufzen verließ seine Lippen und er öffnete wieder seine Augen.

»Eins nach dem anderen«, hauchte ich in sein Ohr und begann das Hemd aufzuknöpfen. Zaghaft öffnete ich die beiden oberen Knöpfe und legte eine Seite des Kragens über seine Schulter. Mit jedem Zentimeter Haut offenbarten sich immer mehr seiner Tattoos. Ich wollte alle entdecken, selbst die kleinsten Linien. Wollte sie mit meiner Zunge erkunden, an ihnen entlangfahren, ihren Ursprung finden. Und wenn es die ganze Nacht dauern würde.

Meine Lippen senkten sich auf seine Schulter, neckten sein Schlüsselbein, während seine Hände in meinen Haaren verschwanden.

Ohne die Berührungen zu unterbrechen, öffnete ich die restlichen Knöpfe. Mein Mund fuhr über seinen muskulösen Oberkörper. Begierig schaute ich empor in Parkers Augen.

Gott, ich will diesen Mann so sehr.

Ich wanderte weiter hinab, fuhr mit der Zunge das große Tattoo inmitten seines Brustkorbs nach. Stöhnend legte er seinen Kopf in den Nacken, biss sich auf die Unterlippe.

Dieses Tattoo war wirklich groß und … es kam mir bekannt vor. Ich löste mich ein wenig von ihm, versuchte zu verstehen, was ich da sah. Das konnte nicht sein.

Ein Wappen mit einem großen keltischen V darin. Links und rechts waren Flügel zu sehen. Und darunter stand O’Neil.

Moment.
Parker.
O’Neil.
»Parker O’Neil.« Meine Stimme war nicht mehr als

ein Flüstern. Im selben Moment begann sein Körper leicht zu vibrieren. Ich schaute auf seine Brust, dann in sein Gesicht. Er lachte. Kaum merklich, nur ganz leise, aber er lachte.

»Du musst das nicht so ehrfürchtig flüstern, Baby.«

Wie vom Blitz getroffen, richtete ich mich auf und starrte ihn an. Saß ich gerade halbnackt auf dem King der Vikings? Nein. Es gab sicher noch mehr Parker O’Neils. Aber wahrscheinlich keinen weiteren mit diesem Tattoo.

Fuck.
Meine Gedanken drehten sich. Die Erregung, der 
Alkohol. Ich versuchte, klar zu denken. Jackson. Dann ist er auch ein Viking. Mia! Verdammt.

Parker bemerkte mein Zögern und richtete sich auf. Seine Augen fuhren an mir auf und ab. »Scheinbar weißt du jetzt, wer ich bin.« Er atmete immer noch schwer, als wäre er eben einen Marathon gerannt.

Ich erhob mich. Konzentrier dich, Miller!

Anziehen. Erstmal anziehen. Mein Blick suchte den Boden ab. Wo war mein Kleid? Da. Ich griff danach, versuchte, oben von unten zu unterscheiden. Hundertmal drehte und wendete ich den Stoff in der Hand, bis ich es endlich über den Kopf zog und es wieder meine Haut bedeckte. Das alles konnte nicht wahr sein. Ein schlechter Witz!

»Mach meinen Reißverschluss zu.« Kühl durchschnitt meine Stimme die hitzige Situation.

»Sonst habe ich eher eine andere Wirkung auf Frauen.« Ohne zu zögern, stand er auf und schloss den Verschluss des Kleids. Seine Fingerspitzen strichen zaghaft über meine Hüfte, doch ich sprang förmlich nach vorn.

»Kein Fan von uns?«, versuchte Parker zu scherzen und ließ sich wieder auf die Couch fallen.

Ich drehte mich um. Mein Blick wurde von dem Tattoo auf seiner Brust angezogen. »Ist Jackson auch ein Viking?« Sicher war er einer. Hatte er nicht Mia sein Bike zeigen wollen? Gott, wie blind war ich?

Meine Knie wurden weich und ich setzte mich auf den kleinen Couchtisch ihm gegenüber. Ich würde lieber stehen, aber der Alkohol wirkte noch immer. Oder diese verdammte Erkenntnis.

»Ja«, antwortete Parker knapp und schaute mich fragend an. »Hast du Angst vor mir?«

Freudlos lachte ich auf und hob eine Augenbraue.

»Scheinbar nicht«, stellte er fest und knöpfte das Hemd wieder zu. »Gut. Nachdem du weißt, wer ich bin, wer bist du?« Mit gerunzelter Stirn schaute er sich in der Suite um.

Auch mein Blick glitt durch den Raum. Wir hatten nicht mal das Licht angemacht. Der Mond schien fahl durch die große Fensterfront und erhellte das Zimmer.

Beinahe gleichzeitig sahen wir mein Familienfoto. Seit wann steht das denn bitte da? Papa musste es dort beim letzten Mal hingestellt haben. Toll.

Parkers Augen weiteten sich. »Du bist Rasmus’ Tochter«, stellte er trocken fest.

 

 

Drei 

 

 

 

Der Viking Motorradclub war eine große Verbrecherbande. Sie hatten das gesamte Drogengeschäft von Fremont Hill fest in ihrer Hand. Nicht ein weiterer Dealer konnte jemals Fuß fassen, entweder wurde er vertrieben oder beseitigt. Ich hatte schon ein paar Vikings vor dem Gefängnis bewahrt, aber nie hatte ich mit Parker O’Neil persönlich zu tun, ihrem Anführer.

Zum Glück hatte ich das Tattoo so schnell entdeckt. Es wäre mehr als nur unprofessionell, mit dem King der Vikings zu schlafen. Ich führte eine riesige Anwaltskanzlei. Am Ende würde jemand an meinem Urteilsvermögen zweifeln.

Und trotzdem saßen wir uns noch immer gegenüber und schauten uns an. Keine Ahnung, warum ich ihn nicht einfach rausgeworfen hatte. Und noch viel weniger verstand ich, warum er nicht bereits gegangen war.

Parker ergriff als erster das Wort, durchbrach die Stille. »Ich wusste, ich kenne dich, Linda Miller

Die Art und Weise, wie er meinen Namen sagte, löste einen wohligen Schauer in mir aus. »Ich hatte auch so etwas im Gefühl, Parker O’Neil.«, entgegnete ich und wandte den Blick ab. Ich muss ihn rauswerfen.

»Wo ist eigentlich die Flasche Wodka?« Er grinste. Der Themenwechsel kam überraschend.

Ich schaute mich kurz um, zuckte mit den Schultern und verfiel in ein unfreiwilliges Lachen. »Keine Ahnung. Wahrscheinlich im Taxi.«

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Grinsen. »Ich brauche nämlich gerade dringend was Starkes.«

Oh ja, das war eine gute Idee. »Ich auch.« Mit dem Kinn nickte ich in Richtung der Bar hinter dem Sofa. »Bedien dich.«

Parker nickte und ging um die Couch herum. Lässig schnappte er sich ein Glas, schenkte sich einen Bourbon ein und kippte ihn runter.

Dann noch einen.
Und noch einen.
Sein Blick fixierte mich. Warum musste er nur so

unheimlich schöne Augen haben? Ich schluckte. Die Begierde schlich wie eine Raubkatze durch meinen Körper, verscheuchte fast alle Zweifel, jagte nur einem Ziel hinterher. Er zwischen meinen Beinen. Unwillkürlich presste ich die Oberschenkel zusammen. Ich musste ihn jetzt rausschmeißen, sonst würde das kein gutes Ende nehmen.

»Gut«, begann er und stellte das Glas vor sich ab. »Du ziehst jetzt das Kleid wieder aus und legst dich genau wie eben auf die Couch.«

Perplex blinzelte ich einige Male. »Drehst du völlig durch?«, entgegnete ich barsch und stand ebenfalls auf. Was sollte das? War es ihm total egal, was das für Konsequenzen hätte?

»Zwei Unbekannte. Für diese eine Nacht.« Mit großen Schritten ging er auf mich zu, kam nur knapp vor mir zum Stehen. Fest packte er meine Handgelenke und zog mich an sich heran. Meine Fingerspitzen berührten den dünnen Stoff seines Hemdes, ertasteten sein heftig pochendes Herz darunter.

Parker neigte den Kopf, fuhr mit seiner Nase durch meine Haare. »Ich weiß nicht wieso, aber ich muss dich einfach berühren.«

Sein Atem, seine Worte. Sie schmiegten sich um mich, jagten einen Schauer über meine Haut. Doch in mir schrie alles, zu verschwinden. Wirklich alles? Meine Beine schienen zu streiken, bewegten sich nicht einen Zentimeter.

 

Wortlos ging er um mich herum. Seine Hände glitten an meinem Rücken empor, legten meine Haare nach vorn über die Schultern. Den Reißverschluss hatte er doch gerade erst geschlossen. »Ich bin mir sicher, dir geht’s genauso.«

So gern ich ihm widersprechen würde, mein Körper erzählte etwas ganz Anderes. Der Stoff des BHs scheuerte an meinen steifen Brustwarzen, allein die hauchzarte Berührung meiner Haare vibrierte durch mich hindurch.

Er ließ einen Finger an meinem nackten Rücken entlangfahren, spaltete das Kleid weiter auf.

Ich stöhnte, gab mich seinen Lippen im Nacken hin. So federleicht. Wie ein einziger Schmetterling.

Die Träger rutschten von den Schultern, offenbarten erneut meinen Oberkörper. Parker strich das Kleid weiter an mir herab, bis es fast lautlos zu Boden fiel. Der schwarze Stoffhaufen umrandete meine Knöchel.

Ich schluckte.
Gab es überhaupt noch ein Zurück?
Wie ein scheues Reh stieg ich aus dem Kleid

heraus und schaute über meine Schulter direkt in Parkers blauen Augen.

In seinem Blick lagen nicht nur Alkohol und Erregung. Ich sah mehr. Viel mehr. Begierde, Sehnsucht, Anziehung.

 

Keine Ahnung, was mir mehr Angst machte. Das oder die Tatsache, dass er der verdammte King der Vikings war.

Seine Hände legten sich um meine Hüfte. Er trat an mich heran, schmiegte sich perfekt an meinen Rücken. Seine Erregung drückte gegen meinen Po.

Mein Puls hämmerte in den Ohren, jeder Muskel spannte sich unter seinen Berührungen an.

Fingernägel kratzten über meine nackte Haut, den Bauch, empor zu den Brüsten. Ich keuchte auf, ließ mich gegen seinen Oberkörper fallen.

Er schob die Körbchen des BHs herunter, entblößte meinen Busen. Meine harten Spitzen reckten sich ihm entgegen. Zwischen Daumen und Zeigefinger packte er sie, begann sie langsam zu drehen. Alle Sinne spielten verrückt, tanzten kreuz und quer in meinem Kopf. Die Grenze zwischen falsch und richtig verschwamm. Ohne Vorwarnung drückten seine Finger zu, kniffen die Knospen so fest er konnte.

Ich schrie auf, griff haltsuchend um mich, bis ich mich an die Gürtelschlaufen seiner Jeans krallte. All meine Nervenenden fingen Feuer.

Gott, ich will ihn. So sehr.

Ruckartig drehte ich mich herum und schlang meine Arme um seinen Nacken. Unsere Lippen knallten aufeinander. Es war anders als im Fahrstuhl.

 

Fordernder. Intensiver. Seine Zunge schob sich grob hervor, eroberte meinen Mund.

Seine Hände waren überall, schickten eine Gänsehaut nach der anderen über mich. Alles in mir schrie nach ihm. Da war nur noch er.

Er griff an meinen Rücken, öffnete den BH, schleuderte ihn davon. Etwas fiel scheppernd zu Boden, doch wir ignorierten es. Es war uns egal. Da war nur noch sein Körper an meinem.

Seine Zähne gruben sich in den Ansatz meiner Brüste, neckten jeden Millimeter der Haut, bis er endlich sein Ziel erreichte. Er saugte, leckte und biss in die Brustwarzen.

Mein Kopf fiel zurück in den Nacken. Seine Zunge auf mir zu spüren, ließ alles in mir erbeben. Es machte mich völlig wahnsinnig. Ich packte seine Haare, drängte ihn näher an mich.

Doch er löste sich von mir. Seine Gürtelschnalle klapperte, den Blick noch immer starr auf mich gerichtet.

Wie ein Magnet zog er mich an sich. Nicht einen Moment wollte ich ohne Körperkontakt bleiben. »Lass mich dir helfen.«

Ich konnte einfach nicht widerstehen. Meine Fingerspitzen wanderten unter den Bund seiner Hose, ertasteten seine Lust. Die Vorfreude, ihn endlich kosten zu können, wuchs ins Unermessliche. Nur noch im Slip ließ ich mich kniend vor ihm nieder, packte seine Jeans und zog sie herunter.

Meine Augen wanderten an ihm entlang. Die dunkelblonden Haare, der gestutzte Bart. Das Hemd, halb geschlossen, offenbarte einzelne Linien auf seiner Haut.

Und direkt vor mir glänzte es. Sein Glied streckte sich mir entgegen. Hauchzart hinterließ ich einen Kuss auf seiner Eichel. Meine Zunge umspielte die zarte Spitze, probierte den ersten Tropfen. Hatte ein Mann jemals so gut geschmeckt?

Parker stöhnte auf, seine Augen fielen zu, während er immer wieder über meinen Kopf strich. Nicht drängend. Nicht fordernd. Diese Zärtlichkeit hatte ich nicht erwartet. Nicht von ihm.

Ich öffnete den Mund und nahm ihn tief in mir auf. Trotz seiner Größe passte er so gut zwischen meine Lippen. Sein herber Geruch stieg mir in die Nase, raubte mir den Verstand. Mein Unterleib bebte. Alles in mir bebte. Immer wieder umschloss ich seine Härte, saugte an ihm, ließ meine Zunge um ihn herumwandern.

Ich schaute auf. Anders als erwartet, blickte Parker direkt zu mir, wandte die stechend blauen Augen nicht eine Sekunde lang ab. So wie er mich ansah, es machte mich verrückt. Auf eine Art und Weise, die viel zu intensiv war.

 

Gerade, als er erwartungsvoll in meinem Mund zu zucken begann, umgriff er meine Schultern und zog mich herauf. Ich krallte mich in sein Hemd. Ich wollte ihn fühlen. An mir, auf mir, in mir.

Ich stieß gegen seinen Brustkorb und drückte ihn zurück, bis er rückwärts auf die Couch fiel. Halbnackt und schwer atmend schaute Parker zu mir auf.

Der Abbruch unsere Berührungen übergoss sich wie ein Eimer kaltes Wasser über mich, verschaffte mir einen Moment Klarheit. Nun zögerte ich doch und versuchte trotz der bittersüßen Erregung, einen klaren Gedanken zu fassen.

Was tue ich hier? Vor mir liegt Parker O’Neil. Der King der Vikings. Nackt. Hart. Und ich hatte ihm gerade einen geblasen. Das alles war falsch. Und doch fühlte es sich in jedem einzelnen Augenblick so richtig an.

Unsere Blicke verfingen sich, schienen stumm miteinander zu sprechen. Auch in ihm tobte ein Konflikt. Ein Kampf um Begierde und Vernunft. Warum hoffte ich so sehr, dass seine Erregung gewinnen würde? Und wie würde ich mich entscheiden? Oder hatte ich das längst?

Parkers Augenbrauen zogen sich zusammen. Er richtete sich auf, griff meine Hand und zog mich rittlings auf seinen Schoß. Scheinbar hatte er eine Entscheidung getroffen.

 

»Denk nicht so viel nach«, hauchte er an meine Lippen und küsste mich erneut mit einer solchen Zärtlichkeit, die ich keinem Viking der Welt zugetraut hätte.

Meine Gefühle fuhren Achterbahn. Das unsagbare Verlangen nach ihm, der Alkohol, die Tatsache, dass er ein O’Neil war.

Seine Zähne an meinem Hals ließen mich sofort alle Zweifel vergessen. »Ich will dich, Linda.«

Und ich ihn, auch wenn allein der Gedanke absolut falsch war. Ich suchte seinen Blick. Ruhig fuhren meine Fingerspitzen über sein Gesicht, strichen durch seinen Bart, zeichneten die Konturen seiner Lippen nach.

Er schloss die Augen, schien jede Berührung zu genießen.

»Was machen wir hier, Parker?«, flüsterte ich und zog ihn wieder zu mir heran. Keinen Moment länger wollte ich ohne seine Lippen sein. Es war eine Sucht. Und ich würde mich ihr hingeben, für diese eine Nacht.

Ich packte sein Hemd, knöpfte es so schnell auf, dass ich befürchtete, es zu zerreißen, und streifte es von seinen Schultern. Für nicht mal eine Sekunde ließ er von mir ab und schmiss es rückwärts von der Couch. Das große Vikings-Tattoo strahlte mir entgegen.

 

Schrie mich an, zeigte mir all die Konsequenzen. Doch ich wollte sie nicht hören. Es war mir egal. Parker griff um mich und wirbelte uns herum. Er

war nun über mir, nackt. Schutzlos.
Seine Hand zog eine brennende Spur auf meinen

Bauch hinab, schlich sich unter die Spitze meines Höschens.

Ich wölbte mich ihm entgegen, wollte seine Finger spüren, ihn spüren.

Laut stöhnte ich auf. Endlich. Seine Fingerspitze umkreiste meinen Kitzler, ließ alles in mir erzittern. Mein ganzer Unterleib schien sich elektrisch aufzuladen. Ich wand mich unter seinen Berührungen, krallte mich an seine nackte Schulter.

Bis seine Hand verschwand. Etwas ratschte.

Ich öffnete die Augen und folgte dem Geräusch. Das war nicht sein Ernst! »Parker!«

Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er das schwarze Stückchen Stoff empor. »Brauchst du heute eh nicht mehr.«

»Du bist …« Parker erstickte meine Worte in einem Kuss, ließ seine Finger wieder in mich wandern. Die Wut verflog genauso schnell, wie sie kam, räumte ihren Platz für die Hitze in mir. Seine Zunge streifte meine Lippen. Ich öffnete sie, empfing ihn. Er schmeckte nach Bourbon. Viel zu teurem Bourbon.

»Du schmeckst gut.« Ich lächelte.

 

Parker löste die Hand von meiner Mitte, führte seinen Finger an die Lippen. »Du auch.«

Das war zu viel. Seine Worte stiegen mir zu Kopf. Ich stieß ihn zurück, setzte mich rittlings auf ihn.

Parkers Augen weiteten sich, wanderten über meinen nackten Körper. Allein sein Blick reichte, um mich aufstöhnen zu lassen.

Dieser Mann bedeutete meinen Untergang.
Und es war mir egal.
»Warte.« Parker suchte mit seiner Hand den Rand

der Couch ab.
Was war bitte jetzt noch so wichtig? Ich griff in

meine Haare, begann meine Mitte auf ihm zu kreisen. »Worauf?«

Etwas fiel zu Boden, doch er tastete immer weiter. »Da.« Ein Kondom.

Wenigstens hatte einer von uns noch nicht zu viel Wodka im Hirn. Ich hob die Hüfte an, spürte, wie er das Gummi überzog. Seine Finger streiften meine Scham, ließen mich aufseufzen.

Unser Blick kreuzte sich. Länger, als er sollte. Länger, als er es bei anderen Männern tat. Er war eben nicht wie die anderen. Kein dahergelaufener Typ.

Weniger nachdenken.

Quälend langsam ließ ich mich auf ihm nieder. Spürte seine Härte in mich gleiten.

 

Scharf sog er die Luft ein, krallte sich an meinen Oberschenkeln fest.

Gott, er fühlte sich so gut an. Er war so unfassbar gut. Seine halbgeschlossenen Augen, seine muskulöse Brust, dieses Sixpack.

Mein Becken begann zu kreisen, nahm ihn vollends in sich auf. Immer wieder hob ich die Hüfte an, nur um mich umso schneller auf ihn herabzulassen.

Ich schloss die Augen, mein Puls tanzte im Takt meiner Begierde. Das hier sollte nie wieder aufhören.

Parkers Griff wurde fester, seine Hände wanderten zu meinem Po. Fingernägel gruben sich in die nackte Haut.

»Fuck, Linda.« Mein Name ging in einem Stöhnen unter. Ich spürte seine Lust tief in mir pochen.

Doch ich behielt die Geschwindigkeit bei, wollte jeden Moment auskosten. Wollte immer wieder spüren, wie er mich dehnte, wie er gegen mich stieß.

Bis ich fiel. Ein Kribbeln kämpfte sich an meinen Zehenspitzen bis zum Bauch herauf. Umschloss die Brüste, wanderte über das Schlüsselbein, berührte meinen Nacken, tanzte auf der Kopfhaut. Immer wieder stöhnte ich seinen Namen, stützte mich rückwärts auf seinen Beinen ab.

Meine Muskeln spannten sich enger um ihn, verlangten auch nach seinem Höhepunkt. Und wurden nicht enttäuscht. Ein Zucken durchfuhr seinen Körper, seine Lider flatterten, schlossen sich ganz sanft. Lange dunkle Wimpern ruhten auf seiner Wange.

Stille hüllte uns ein. Nur die unregelmäßigen Atemzüge erfüllten den Raum. Hallten von den Wänden wieder. Überlaut.

Ich konnte den Blick nicht losreißen. Seine tätowierte Brust, dieses starke muskulöse V, welches direkt auf sein Glied deutete. Selbst nach dem Orgasmus trieb sein Anblick meinen Puls in die Höhe.

Parker verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Seine Zunge fuhr über die Lippen. Zu gern hätte ich über seinen Mund geleckt. »Gefällt dir, was du siehst?«

Und wie. Seine Worte holten mich aus der Starre. Ich stieg von ihm herab und legte mich auf die Couch. Er entfernte das Kondom, knotete es zu und warf es neben das Sofa. Das klatschende Geräusch ließ mich fast kichern. Der Alkohol war noch immer allgegenwärtig.

Ich rutschte an ihn heran, meine Hand ruhte auf seinem Bauch. Noch immer atmeten wir beide wie zwei Marathonsieger. »Ist ganz in Ordnung.«

Sein Brustkorb vibrierte unter mir. »Das kann ich so nicht zurückgeben. Du bist viel mehr als nur ganz in Ordnung.«

Warum ließen mich seine Worte grinsen? Sicher der Wodka.

 

 

 

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