Leseprobe zu Be My Man

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

Kapitel 1 – Melissa

 

23. Juli 2021, Charleston, USA

Im elterlichen Haus, gegen 19 Uhr 

 

Heute ist ein besonderer Tag, denn nach all den Jahren der Plackerei, habe ich ihn endlich in der Tasche: meinen Bachelorabschluss im Studiengang Exercise Science der University of Charleston. Die letzten Jahre habe ich in der Bibliothek hinter verstaubten Büchern verbracht und mir diesen Tag schmerzlich herbeigesehnt. Habe mir immer wieder ausgemalt, wie es wohl sein wird, die theoretischen Erfahrungen in die Praxis umzusetzen. Natürlich habe ich in all den Jahren auch viel Sport gemacht und mich bis zuletzt gesund ernährt. Außerdem habe ich vier Jahre lang in einem Sportcenter gearbeitet und so wertvolle Erfahrungen als Trainerin sammeln können. Obwohl ich die Vorlesungen gehasst habe, riss ich mich zusammen. Und das alles nur, um mir eines Tages meinen großen Traum vom eigenen, modernen Fitnessstudio in der Nähe des Hafens zu erfüllen. Zwar hat Charleston einen wunderschönen Stadtkern, der sich durch Häuser aus der Kolonialzeit auszeichnet, aber der Blick aufs Wasser hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Außerdem gibt es in der Stadt schon viele Studios und es wäre hart, sich unter der bestehenden Konkurrenz zu behaupten – besonders als Frau.  

Deshalb arbeite ich seit dem ersten Tag meines Studiums unerlässlich an einem innovativen Konzept und lege jeden Dollar, den ich im Nebenjob verdiene, stur an die Seite, um meinem Traum so schnell wie möglich näherzukommen. Doch erst einmal werde ich vom ersten September an drei Monate lang ein Praktikum bei Jenkins LifeStyle, Charlestons erfolgreichstem Unternehmen rund um Ernährungs- und Fitnesscoaching, absolvieren. Die Praktikumsplätze dort sind hart umkämpft und deshalb war es mir von Anfang an wichtig, mit guten Leistungen und viel Erfahrung aus der Bewerbermasse hervorzustechen. Während des Praktikums werde ich nicht nur meinen Horizont erweitern und mir eventuell ein paar Tricks für meine eigene Selbstständigkeit abschauen können, sondern auch erste richtige Erfahrungen sammeln. Ginge es nach mir, hätten wir schon längst September.  

Den gesamten Vormittag über war ich hibbelig und konnte meine Aufregung nicht verbergen. Erst, als die Abschlusszeremonie vorbei war und ich endlich mein Zeugnis in der Hand hielt, konnte ich mich ein wenig beruhigen. Bevor ich strahlend mit meinen Eltern nach Hause ging, hatte ich mich für den Abend mit meiner besten Freundin zum Feiern verabredet.  

Vivienne und ich haben uns am ersten Tag der Orientierungswoche zufällig kennengelernt, als ich aus Versehen meinen überfüllten Kaffeebecher über ihrem Outfit verschüttete. Während ich noch verzweifelt eine Entschuldigung stammelte, hat Vivienne laut losgelacht und gemeint, dass ich ihrem Outfit einen unvergleichbaren Look verpasst hätte und sie mir dafür äußert dankbar sei. Seit diesem Tag sind wir beide unzertrennlich und Vivienne ist wie eine Schwester für mich. Darum stand für mich von Anfang an fest, dass ich diesen besonderen Anlass mit ihr ausklingen lassen möchte. 

Den Nachmittag habe ich mit meinen Eltern verbracht. Nach dem Essen sind wir nach Hause gegangen, haben ein paar Runden Karten gespielt und uns zwischenzeitig im Pool abgekühlt. Es gab viel zu lachen. Ich liebe es einfach, wenn meine Eltern in ihrem stressigen Alltag ab und zu Zeit finden, um mit mir zusammenzusitzen und nicht an die Arbeit zu denken. Geld allein macht nicht glücklich, gemeinsame Zeit mit der Familie jedoch schon.  

 

Doch nun ist es schon neunzehn Uhr und in einer Stunde wird Vivienne hier auftauchen. Obwohl wir beide zur großen Party bei Raphael, einem reichen Studenten aus meinem Kurs, eingeladen wurden, haben wir uns dagegen entschieden. Stattdessen wollen wir uns zu zweit einen schönen Abend in unserer Lieblingsbar Gin Joint machen.  

Mit einem Lächeln gehe ich ins Bad und gönne mir eine schnelle Dusche, bevor ich meine Haare föhne und locker über die Schulter fallen lasse. Summend betrete ich mein Zimmer und bleibe skeptisch vor dem Kleiderschrank stehen. Obwohl ich mich auf den heutigen Tag gefreut habe, hielt ich es nicht für nötig, schon Tage im Voraus mein Outfit auszusuchen. Ich zähle zu den spontanen Mädels und mag es, aus meiner Laune heraus zu entscheiden. Nachdenklich lasse ich meinen Blick über die große Auswahl schweifen, bis er an einem azurblauen, knielangen Kleid hängen bleibt. Grinsend ziehe ich es hervor und halte es probehalber vor meinen Körper. Das Kleid besteht aus zwei Lagen, einer enger anliegenden und einer locker darüber fallenden. Der Ausschnitt ist mit silbernen Strass-Steinen bedeckt und um die Hüfte ist das Kleid ein wenig enger geschnitten. Entschlossen ziehe ich es an. Passend dazu wähle ich ein Paar silberner Schuhe mit niedrigem Absatz. Ich bin kein großer Fan von Make-up, daher begnüge ich mich mit etwas Puder, schwarzem Kajal, schwarzer Mascara und meinem liebsten Lipgloss. Auf Schmuck verzichte ich komplett. Bevor ich mein Zimmer verlasse, werfe ich einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Zufrieden mit dem Ergebnis drehe ich mich einmal im Kreis. Dann schnappe ich mir meine Handtasche und gehe ins Wohnzimmer, um mich von meinen Eltern zu verabschieden. 

»Wow, du siehst wirklich schick aus!«, ruft meine Mutter erfreut, läuft einmal um mich herum, bleibt vor mir stehen und mustert mich von oben bis unten. »Dieses Kleid steht dir ausgesprochen gut. Ich freue mich, dass du endlich mal etwas anderes trägst als deine Sportkleidung. Du siehst so erwachsen aus, wie eine richtige Lady. Das solltest du öfter tragen.« 

»Danke, Mom«, erwidere ich milde lächelnd und unterdrücke ein Augenrollen. Es nervt mich, dass sie immer betont, ich sei für meinen sportlichen Kleidungsstil zu alt. Aber sie meint es heute nur gut und ich möchte jetzt keinen Streit anfangen, daher gehe ich nicht weiter auf ihre Bemerkung ein.  

Nun steht auch mein Vater auf und zieht mich in eine Umarmung. »Sieh einer an, meine Prinzessin wird erwachsen«, murmelt er und hält mich eine Armlänge von sich entfernt, um mich ebenfalls genau zu mustern. »Deine Mutter hat recht. Wenn du so rumläufst, wirkst du wie eine Lady. Ich wünsche dir und Vivienne viel Spaß in der Bar und komm ja nicht zu früh nach Hause. Du bist jung, nutz das aus!« 

Lachend löse ich mich von meinem Vater und verlasse unser Haus. Keine Sekunde zu früh, denn kaum habe ich die Tür zugezogen, sehe ich meine beste Freundin um die Ecke biegen. 

»Du hast ein Kleid im Schrank?«, begrüßt sie mich ungläubig und bleibt mit entsetztem Blick vor mir stehen. »Wer bist du und was hast du mit meiner besten Freundin gemacht?« 

Lachend schüttele ich den Kopf und verschränke gespielt beleidigt die Arme vor der Brust. »Hey, ich bin eine Frau, natürlich habe ich das ein oder andere Kleid und schicke Schuhe im Schrank. Und außerdem hat es sich bis jetzt ja nicht gelohnt.« 

»Aua, das tat weh!«, ruft Vivienne theatralisch und fasst sich mit der Hand ans Herz. »Ich bin es also nicht wert, dass du dich für mich schick machst. Oh, wow, mein armes Herz.« 

Lachend hake ich mich bei ihr unter und gemeinsam verlassen wir das Grundstück. Sie hat sich ebenfalls in Schale geworfen und ein schwarzes, kurzes Paillettenkleid und schwarze High Heels angezogen. Passend zu ihren Haaren, hat sie eine pinke Handtasche gewählt.  

Zusammen laufen wir zum Gin Joint. Als wir ankommen, ist es schon ziemlich voll, doch wir haben Glück und ergattern noch einen Zweiertisch. Kaum sitzen wir, da kommt eine Kellnerin zu uns herüber und lächelt freundlich. 

»Herzlich willkommen im Gin Joint. Möchten Sie bestellen oder darf ich Ihnen erst unsere Getränke- und Speisekarte bringen?« 

»Danke«, antworte ich und erwidere das Lächeln. »Ich hätte gern einen Cuba Libre, aber nichts zu essen.«  

Mit einem Nicken notiert sich die Frau meine Bestellung, bevor sie sich mit fragendem Blick an Vivienne wendet. »Und was darf es für Sie sein?« 

»Mh.« Nachdenklich fährt sich Vivienne durch ihre Haare und, so wie ich sie kenne, überlegt, für welchen ihrer Favoriten sie sich entscheiden soll. Dann leuchten ihre Augen vielsagend auf. »Ich nehme einen Bloody Mary.«  

Lächelnd schreibt sich die Kellnerin auch Viviennes Bestellung auf und erwidert, dass die Getränke gleich kommen, bevor sie Richtung Tresen wandert.  

Erstaunt darüber, dass wir zum ersten Mal während eines Besuchs hier gesiezt wurden, wechseln wir einen Blick.  

»Meine Mom hatte recht«, schlussfolgere ich grinsend. »Sie meinte, dass ich in diesem Kleid wie eine richtige Lady aussehe. Auch du siehst in deinem Outfit erwachsen aus.« 

»Stimmt, aber ich will bloß nicht mit den Ü-Dreißig-Damen verwechselt werden! Dann bleibe ich lieber bei meiner bunten Kleidung!« Entsetzt über diese Vorstellung schüttelt Vivienne den Kopf und ich kann nicht anders als zu lachen. Vivienne ist sehr stolz darauf, dauernd auf zwanzig geschätzt zu werden, und jedes Mal schwört sie, dass sie ihr Leben lang jung bleibt. Nicht auszumalen, wie sie reagieren würde, wenn jemand sie mit Madam oder Mrs. anspricht. 

Als unsere Getränke gebracht werden, bedanken wir uns und unterhalten uns dann über unsere Zukunftspläne. Vivienne erzählt davon, wie sehr sie sich auf ihren neuen Job freut, der am Montag beginnt. Sie hat Modedesign studiert und bei einer Modekette einen für Einsteiger sehr gut bezahlten Job ergattert. Sicherlich haben ihre Vorliebe zum Bloggen über Mode und ihre Followerzahl von fünfzigtausend auf Instagram nicht unwesentlich dazu beigetragen.  

Ich hingegen will erst einmal mein Praktikum absolvieren und anschließend im teuersten Fitnessstudio der Stadt arbeiten. Der Chef hat mir unter der Voraussetzung, dass ich für mein Praktikum eine gute Referenz bekomme, eine Zusage garantiert. Allerdings will ich nur so lange dort arbeiten, bis ich genug Geld für meine Selbstständigkeit zusammen habe. 

»Dein Plan mit der Selbstständigkeit ist ja schön und gut«, meint Vivienne skeptisch und seufzt. »Aber du musst aufhören, dein ganzes Leben im Voraus zu planen. Denn rate mal, wie viel von dem tatsächlich eintreffen wird. Ehrlich, je mehr du planst, desto weniger läuft dein Leben nach deinen Vorstellungen. Das ist ein Fakt. Außerdem sind wir noch jung. Ich sag ja nicht, dass du es nie wagen sollst. Aber jetzt solltest du erst einmal leben. Genieße die Feierabende und geh mit ein paar schnuckeligen Typen aus.« 

Schnaubend schüttele ich den Kopf und verdrehe die Augen. Das ist typisch Vivienne. Für sie gehört ein aufregendes Date-Leben dazu, bis man fest gebunden ist. Es gibt kein Wochenende, an dem sie nicht irgendwo feiert und einen neuen Kerl kennenlernt.  

Doch für mich ist dieser Lebensstil nicht der richtige. Klar, ich hätte nichts gegen einen heißen Typen an meiner Seite einzuwenden. Und er wäre auch nicht mein Erster. Das Problem ist eher, dass ich hohe Ansprüche habe und bisher einfach nicht der passende Typ für eine unvergessliche Nacht dabei war. »Gäbe es den Richtigen, würde ich sicher nicht Nein sagen!«, rufe ich und bereite mich auf einen endlosen Monolog über mein prüdes Leben à la alte Jungfer vor. Ohne Alkohol halte ich das nicht aus! 

Gerade als ich meine Hand heben und neue Getränke bestellen will, sehe ich auf und schaue in die schönsten Augen, die ich je gesehen habe. Sie strahlen in einem wunderschönen Waldgrün und ich merke, wie ich in ihnen versinke.  

Fragend zieht der dazugehörige Mann seine buschigen, aber perfekt geformten Augenbrauen nach oben und seine vollen Lippen formen ein herausforderndes Grinsen.  

Verdammt, er weiß genau, wie er auf uns Frauen wirkt, darauf verwette ich meinen Hintern! In meinem Hals bildet sich ein Kloß, doch ich zwinge mich, meinen Blick weiter über sein Gesicht wandern zu lassen. Ein gepflegter Fünftagebart bedeckt seinen markanten Kiefer und ein paar widerspenstige Strähnen seiner braunen, wilden Locken fallen ihm in die Stirn. Unwillkürlich lasse ich den Blick nach unten wandern und merke, wie mein Mund trocken wird. Unter dem weißen Shirt zeichnet sich ein Sixpack ab, der seinem Bizeps zweifellos Konkurrenz macht. Bevor ich mich davon überzeugen kann, ob er untenrum ebenfalls einiges zu bieten hat, stupst Vivienne mich lachend an. 

»Na sieh mal einer an. Du hast das Flirten ja doch nicht verlernt!«  

Ihre Worte reißen mich aus meiner Trance und verwirrt räuspere ich mich. Mist, so viel Sex-Appeal sollte verboten werden! »Entschuldige, ich war etwas abgelenkt«, murmele ich verlegen und schaue ertappt in mein leeres Glas. Wo bleibt die Kellnerin eigentlich, wenn man sie braucht? 

»Das habe ich gemerkt, Süße. Ein Wunder, dass ich keinen Sabber in deinen Mundwinkeln sehe. Ehrlich, ich kann’s verstehen, der ist echt ne Granate.« 

Ich brauche keinen Spiegel, um zu wissen, dass mein Gesicht die Farbe einer Tomate annimmt. Gott, wie peinlich! »Ähm, ja, kann sein«, stottere ich hilflos und fühle mich wie ein Teenie, der zum ersten Mal für einen Jungen schwärmt. 

»Kann sein? Mädel, du kippst gleich um vor Verlangen! Geh zu ihm und sprich ihn an. Ich bin mir sicher, dass er nicht beißt. Außer, du willst es!« 

Entsetzt von ihrer Anspielung auf gewisse Filme räuspere ich mich erneut und starre sie mit großen Augen an. Klar, der Typ ist heiß. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass ich gleich mit ihm in die Kiste springe. Das habe ich gar nicht nötig! Andererseits, was spricht gegen einen kleinen Flirt?  

Entschlossen grinse ich Vivienne an und stehe auf. Mit meinem verführerischen Lächeln gehe ich zielstrebig auf den Tresen zu und setze mich direkt neben den heißen Typen. 

Kapitel 2 – Ryan 

Der Abend läuft großartig. Vor mich hin grinsend schaue ich auf meinen Drink und gratuliere mir selbst. Am Vormittag hatte ich einen äußert bedeutenden Geschäftstermin mit dem wichtigsten Hersteller von Proteinprodukten in ganz Charleston. Von diesem Gespräch hing viel ab, denn ich hatte für diese Chance ein Angebot von einem anderen Kunden abgelehnt. Zum Glück lief alles wie am Schnürchen und, wenn der Deal sich nur annähernd so gut entwickelt, wie die Prognosen es vermuten lassen, werde ich demnächst um mehrere Tausend Dollar reicher sein. Breit lächelnd hatte ich mein Büro vor zwei Stunden verlassen und bin spontan in meine Lieblingsbar, das Gin Joint, gegangen, um diesen grandiosen Tag mit ein paar Drinks ausklingen zu lassen.  

Zwar ist es ärgerlich, dass ich hier ohne meine besten Freunde Matthew und Owen sitze, aber Paul, der Barkeeper, taugt auch für eine gute Unterhaltung und seine ausgelassene Stimmung steckt an. Es ist schön, mich mit ihm auszutauschen und es freut mich, dass er und seine Frau ihr Ja-Wort erneuern wollen. Allerdings hat er, wie jeden Freitagabend, viel zu tun und muss sich um die Wünsche anderer Gäste kümmern, sodass wir nur zwischendurch ein paar Minuten plaudern. Dennoch genieße ich den Abend. Dieses Gefühl des Ungezwungenen, der Freiheit. 

Gedankenverloren lasse ich meinen Blick durch die Menge schweifen, bis ich sie sehe. Ihre grau-blauen Augen bohren sich wie Eisberge in meine und lassen meinen Herzschlag kurzzeitig aussetzen. Sie ist heiß, keine Frage, doch da ist noch etwas anderes. Ich kann nicht sagen, was es ist, aber die Intensität ihres Blicks hat etwas Unnahbares und gleichzeitig Unschuldiges, fast schon Zerbrechliches, an sich, sodass ich einfach nicht wegsehen kann. 

Vorsichtig fängt sie an zu lächeln und ihre Schüchternheit weicht einem verführerischen Grinsen. Während sie meinem Blick standhält, fährt sie mit der rechten Hand durch ihre blonden Engelslocken und wickelt eine davon um ihren Finger.  

Verdammt, will sie mich heiß machen? Denn das gelingt ihr unglaublich gut, wie mir mein Schritt ungeniert mitteilt. So ein Mist! Ich wollte doch nur etwas chillen und den ein oder anderen Drink genießen. Eine Frau abzuschleppen, stand nicht auf meinem Plan. Und doch kann ich nichts dagegen tun, fühle mich wie gefangen von ihrem Blick. Wenn das so weitergeht, werde ich die Nacht wohl nicht allein verbringen. Nicht, dass ich etwas dagegen einzuwenden hätte … 

Als könne sie meine Gedanken lesen, steht sie auf und kommt auf mich zu. »Einen Sex on the Beach, bitte«, fordert sie an Paul gewandt und dreht sich zu mir um. »Ist es nicht langweilig, so ganz allein an der Theke zu versauern und anderen dabei zuzusehen, wie sie Spaß haben?« 

Amüsiert schüttele ich den Kopf. Ist das ihre Vorstellung vom Flirten oder will sie nett sein? »Wenn man aus sicherer Entfernung hübsche Frauen beobachten kann, dann garantiert nicht«, erwidere ich, entschlossen, in die Offensive zu gehen.  

Mein Plan geht auf, denn sie fährt sich bewusst mit der Zungenspitze über ihre Lippen, beugt sich leicht nach vorn und bietet mir einen exklusiven Blick in ihr Dekolleté. O Mann, wie soll ich mich da zurückhalten? 

»Ach ja?«, fragt sie provokant. »Dann ist es also reiner Zufall, dass du dich bei der großen Auswahl hier für mich entschieden hast?« Beleidigt zeigt sie mit einer ausladenden Geste auf die verschiedenen Frauen in der Bar.  

Schmunzelnd beschließe ich, auf das Spiel einzugehen. Etwas sagt mir, dass sie normalerweise eher zurückhaltend ist und nicht offensiv flirtet. Vermutlich hat sie schon ein paar Drinks intus. Kurz flammt ein schlechtes Gewissen in mir auf, weil ich diese Situation schamlos ausnutze. Doch ich kann nichts dagegen tun: Ihr Blick, ihre Ausstrahlung, etwas an ihr zieht mich in einen magischen Bann, aus dem ich mich nicht befreien kann. »Mich für dich entschieden?«, erwidere ich lachend und ziehe meine Augenbrauen hoch. »Sorry, aber ich weiß ja nicht mal, wie du heißt. Außerdem bist du doch zu mir gekommen.« 

Sie lächelt süffisant und legt den Kopf schief, als verstünde sie meine Worte nicht. Das amüsierte Funkeln in ihren wunderschönen Augen zeigt mir jedoch, dass sie meine Reaktion richtig gedeutet hat. »Na ja, ich bin gut erzogen worden, weißt du. Und du wirkst so einsam und traurig wie ein Außenseiter. Da konnte ich doch nicht wegsehen! Ich dachte, ich sehe mal nach dir. Ich bin nur nett, das hat nichts mit Flirten zu tun.« Ihr Tonfall wirkt, als ob sie jedes Wort auch so meint. Ihre Körpersprache deutet hingegen etwas anderes an: Sie weiß, was sie in mir auslöst und nutzt es aus. 

Feixend gehe ich darauf ein und lege meine Hand auf mein Herz. »O wie nett von dir, vielen Dank. Wie würde ich es nur ohne deine Hilfe allein hier aushalten? Wie heißt denn meine Heldin?«  

Kichernd greift sie zu ihrem Glas und genehmigt sich einen großen Schluck. Dann kommt sie näher und ihr Duft, eine Mischung aus Meer und Rosen mit einem Hauch Vanille, steigt mir in die Nase. Erneut droht mein Herz auszusetzen und ich schließe für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder öffne, hält sie mir auffordernd die Hand hin.  

»Melissa, benannt nach meiner deutschen Urgroßmutter. Und wer ist der fremde Kerl, dessen Stolz ich heute Abend gerettet habe?«  

Ich schmunzele über ihren ernsten Blick und erwidere den Händedruck. »Ich heiße Ryan, benannt nach einem Namen auf einer Liste für die beliebtesten Jungennamen.«  

Nun ist es an Melissa, große Augen zu machen und sich einem Lachflash hinzugeben. »Im Ernst? Deinen Eltern ist nichts Besseres eingefallen, als sich an einer Liste zu orientieren? Hätte ich gewusst, wie gewöhnlich du bist, hätte ich mehr getrunken. Wie soll ich diesen Abend nur überstehen?« 

»Dafür kann ich sorgen«, erwidere ich lachend, als ich ihr fast leeres Glas sehe. Ich bestelle bei Paul eine weitere Runde für uns beide.  

Den ganzen Abend über unterhalte ich mich sehr gut mit Melissa und merke, dass ich mich in ihrer Nähe wohlfühle. Zu wohl. Normalerweise erfahre ich nicht so viel über die Frauen, mit denen ich flirte. Doch es gefällt mir, sie gut kennenzulernen und ihr unüberlegt zu antworten. Es ist ein schönes Gefühl, den Dingen einfach seinen Lauf zu lassen. Viele Stunden und einige Drinks später, sieht sich Melissa in dem Raum um und zuckt zusammen. 

»Was ist?«, möchte ich zögernd wissen und folge ihrem Blick, kann jedoch nichts Ungewöhnliches entdecken. 

»Meine Freundin ist verschwunden!«, ruft sie entsetzt und springt auf.  

Instinktiv folge ich ihr und gemeinsam suchen wir die Bar ab. Obwohl der Alkohol unsere Sinne stark benebelt hat, kann Melissa plötzlich wieder klar denken und droht, eine Panikattacke zu bekommen. 

»Hey, ganz ruhig.« Besorgt nehme ich sie in den Arm und streiche ihr beruhigend über den Rücken. »Deine Freundin ist erwachsen und wollte wahrscheinlich einfach nicht mehr warten, bis du zu ihr zurückkommst. Vermutlich ist sie nach Hause gegangen oder hat jemanden kennengelernt. Warum fragen wir nicht die Kellnerin, die euch bedient hat?« 

Dankbar erwidert sie die Umarmung, löst sich jedoch viel zu früh von mir. Obwohl das nichts zu bedeuten hat, löst diese Reaktion einen Stich in meinem Herzen aus. Es wäre wohl klüger, den Abend zu beenden, bevor sie mich noch mehr vereinnahmt. Doch ich will mit dem Feuer spielen. Was ist schon dabei? Ich bin Single und habe nichts zu verlieren.  

Also nehme ich sie bei der Hand und ziehe sie zu Kelly, Pauls Cousine und seit Kurzem Kellnerin im Gin Joint. »Hi, Kelly. Du hast doch Melissa und ihre Freundin bedient. Du weißt schon, die mit den pinken Strähnen. Weißt du, wo sie hin ist?«, frage ich sie nach einer kurzen Umarmung.  

Wissend sieht sie zwischen Melissa und mir hin und her und schmunzelt, wird jedoch schnell ernst, als sie Melissas verzweifelten Gesichtsausdruck sieht. »Keine Sorge, deine Freundin hat vor einer Stunde bezahlt und ist gegangen. Mit einem Blick zu euch beiden meinte sie, dass sie wohl nicht mehr gebraucht wird, und hat sich aus dem Staub gemacht.« 

Verlegen schaut Melissa zu Boden. »O Gott, und ich verfalle gleich in Panik. Wie peinlich! Danke für die Hilfe.« Leicht überfordert zieht sie ihr Portemonnaie aus der Tasche und drückt Kelly ein großzügiges Trinkgeld in die Hand, bevor sie Richtung Ausgang stürmt.  

Ich folge ihr. »Hey, kleine Drama-Queen, warte mal!« Schnell habe ich zu ihr aufgeholt. »Das war doch nicht peinlich. Jeder macht sich Sorgen um seine Freunde, das ist menschlich.« 

Kopfschüttelnd setzt sie ihren Weg fort, noch immer nicht bereit, mir in die Augen zu sehen. »Doch, es war peinlich. Vivienne ist erwachsen und hat mehr Erfahrung in Bars als ich. Ich hätte mir gleich denken können, dass sie Besseres zu tun hat, als uns stundenlang zu beobachten.« 

Ich beschleunige meine Schritte und bleibe direkt vor ihr stehen. Sie so niedergeschlagen zu sehen, verpasst meinem Herzen erneut einen Stich. Ohne zu überlegen, trete ich an sie heran und hebe mit meiner Hand ihr Kinn an. Ich will in ihren Augen, diesem tiefen Eismeer, versinken. Erneut spüre ich ihre Wirkung auf mich in meiner Hose. Schnell schlucke ich den Kloß in meinem Hals hinunter und zwinge sie sanft dazu, mich anzusehen. »Du bist nicht peinlich, sondern verdammt niedlich. Das ist ein Unterschied, falls dir das bisher nicht aufgefallen ist. Deine Freundin hat großes Glück, dass sie dir so wichtig ist.« 

Vorsichtig erwidert sie meinen Blick und ihre Augen leuchten auf. »Danke«, flüstert sie.  

Die Luft zwischen uns ist wie elektrisiert. Zeit und Raum verschmelzen, verlieren ihre Bedeutung. Die Spannung zwischen uns ist spürbar und wird unerträglich.  

Zögernd überbrücke ich den letzten Schritt und lege meine Lippen auf ihre. Gierig wie ein ausgehungertes Tier erwiderte sie den Kuss. Seufzend fahre ich über ihre Lippen, will jeden Millimeter kosten, während sie mich bereitwillig gewähren lässt. Fordernd öffnet sie ihren Mund und unsere Zungen vollführen einen leidenschaftlichen Tanz. Sie schmeckt nach Alkohol und Früchten und ehe ich mich versehe, drückt sie sich an mich. Ihre Hände wandern in mein Haar, runter zu meinem Nacken und ziehen meinen Kopf nach unten. Zeitgleich geht sie auf die Zehenspitzen und drückt sich fester an mich. Schwer atmend löse ich mich von ihr, nicht länger fähig, das Verlangen zu unterdrücken. Ich nehme sie an die Hand und ziehe sie in die Richtung meines Lieblingshotels. 

Kapitel 3 – Ryan 

Lachend holt Melissa zu mir auf. »Wohin gehen wir? Zu dir?«, ruft sie.  

»Zu weit«, erwidere ich knapp und bekämpfe das immer stärker werdende Verlangen. Das Hotel, das ich ansteuere, liegt auf der anderen Straßenseite. Hierhin ziehe ich mich gern zurück, wenn ich abends zu viel getrunken habe oder Abstand zu meinem Zuhause brauche. 

»Du bringst mich in ein Hotel?«, fragt sie halb amüsiert, halb verärgert. »Ein bisschen billig, meinst du nicht?« 

Darüber habe ich, ehrlich gesagt, nicht nachgedacht. Alles, woran ich denken kann, ist sie. Ihr Duft, die Wirkung ihrer Nähe auf mich, ihre Augen und dieses verdammt heiße Lächeln. Und daran, wie sehr mich ihr Kuss um den Verstand gebracht hat. 

»So war das nicht gemeint«, erwidere ich und muss grinsen, während ich die Tür öffne und auf die Rezeption zusteuere. »Aber du willst dich doch nicht mit dem Gebüsch zufriedengeben, oder?« 

»Um Gottes willen, auf keinen Fall!«, antwortet sie entrüstet und hakt sich bei mir unter. 

»Guten Abend, Sir«, wende ich mich höflich an den Mann hinter der Rezeption. »Meine Freundin und ich hätten gern ein Zimmer für eine Nacht. Wir haben ein wenig zu viel getrunken und sie schafft es vor Müdigkeit nicht mehr nach Hause«, erläutere ich die Halbwahrheit und lehne mich am Tresen nach vorn. 

»Soso«, erwidert der Rezeptionist lächelnd und blickt auf seinen Bildschirm. »Sie haben Glück, es ist tatsächlich noch ein Zimmer im fünften Stock frei. Sie können den Fahrstuhl benutzen.« 

Zufrieden lege ich den Arm um Melissa und schüttele den Kopf. »Vielen Dank, da bin ich aber erleichtert.«  

Nachdem ich mit meiner Karte bezahlt habe, händigt er mir den Schlüssel aus. Dankbar nehme ich ihn entgegen und dirigiere Melissa Richtung Fahrstuhl, den wir glücklicherweise für uns haben. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen auf und ab, was mir einen amüsierten Blick von Melissa einbringt.  

»Auf der Durchreise, hm?«, fragt sie und grinst. 

»Mir ist nichts Besseres eingefallen«, erwidere ich. Dann flüstere ich in ihr Ohr: »Außerdem hat der Kuss mich leider abgelenkt.« 

»Ach ja?«, flüstert sie anzüglich zurück. »Dabei geht doch noch mehr.«  

Ehe ich darauf antworten kann, zieht sie mich zu sich und drückt ihre warmen Lippen auf meine. Stöhnend gebe ich nach und muss mich beherrschen, um den Fahrstuhl nicht vorzeitig anzuhalten. Im richtigen Moment ertönt das heiß ersehnte Bing!, bevor die Tür aufgeht. Erleichtert ziehe ich Melissa aus dem Fahrstuhl und schließe die Tür zu unserem Zimmer auf. 

»Willkommen in meinem Lieblingshotel«, murmele ich und werfe den Schlüssel achtlos auf den Tisch. Ohne zu zögern, ziehe ich Melissa an mich und drücke voller Verlangen meine Lippen auf ihre. Intuitiv laufe ich rückwärts Richtung Bett, bleibe stehen und drehe uns um. Wie von selbst wandern meine Hände zum Reißverschluss ihres Kleides, das kurz darauf zu Boden fällt. Was ich sehe, gefällt mir unglaublich gut und feuert mein Verlangen weiter an. »Du bist wunderschön«, flüstere ich heiser, als ich sie für einen kurzen Moment von mir wegschiebe, um sie betrachten zu können. Ihre Haut ist makellos, leicht gebräunt und ihre schwarze Unterwäsche schmiegt sich eng an ihren sportlich-femininen Körper. Sie ist schlank, hat aber Kurven an den richtigen Stellen.  

Ich kann nicht länger warten, sonst explodiere ich. Entschlossen ziehe ich sie erneut an mich, lasse meine Hände vorsichtig an ihre Brüste wandern und befreie sie vom lästigen BH. 

»Nicht so schnell«, flüstert Melissa und schiebt mich von sich.  

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