Leseprobe zu Challenge my Heart

ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

 

Kapitel 1 – Alysa

 

Sorgfältig richte ich die Vase auf dem Esstisch, lege meine Unterlagen zurecht. Das dunkle Holz glänzt gepflegt und lässt die Fläche ebenmäßig sowie neu wirken. Dabei ist dieses Haus, direkt im Stadtkern gelegen, fast hundert Jahre alt. Die Architektur von damals hat es mir angetan. Jedes dieser Gebäude ist besonders genauso wie die Stadt selbst. Neben dem Hafen sind es die Erinnerungsstücke an eine vergangene Zeit, die mich nach Charleston gebracht haben. Glücklicherweise wurden die meisten Gebäude der Kolonialzeit, die diese Stadt prägen, gepflegt und gut erhalten. Die Leute hier sind stolz auf ihre Häuser, die mit den Pastellfarben ein Zeichen der Revolution bilden.

»Das Haus ist fantastisch, so urig, aber dennoch modern.« Wie von selbst legt sich ein gewinnendes Lächeln auf meine Lippen. Die Salvators sind ein älteres Pärchen, die ihren baldigen Ruhestand am Wasser erleben wollen. Um ein passendes Zuhause zu finden, haben sie sich an unsere Maklerkanzlei gewendet. Mr. Woods, mein Boss, hat mir diesen Auftrag übergeben, da er sich auf mich verlassen kann. Immer. Ich bin die beste Maklerin der Firma. Das weiß jeder im Team. Mit einer ausschweifenden Bewegung trete ich auf die ergrauten Eheleute zu.

»Da kann ich Ihnen nur zustimmen. Diese Häuser versprühen ihren eigenen Charme.« Mrs. Salvator lächelt begeistert und drückt ihrem Mann den Arm, der daraufhin ergeben nickt.

»Gut, Miss Williams, lassen Sie uns den Vertrag durchgehen.« Nur zu gerne. Ich breite die Blätter auf dem Tisch aus, dabei weise ich Mr. Salvator den Platz direkt am Kopfende zu. Gemächlich lässt er sich darauf nieder und blickt über die Schulter hinweg zu seiner Frau.

»Bitte prüfen Sie alles in Ruhe. Wenn Sie Fragen haben, melden Sie sich einfach. Ich gehe ins Wohnzimmer, um Ihnen etwas Privatsphäre zu geben.« Beim Rausgehen nicke ich Mrs. Salvator noch mal zu und streiche den Blazer meines dunkelblauen Kostüms glatt. Das war einfach. Die Eheleute waren von Beginn an von den alten Gemäuern der Stadt angetan. Als ich dieses gut erhaltene Schmuckstück in der Kartei gefunden habe, wusste ich, das passt perfekt. Allein die strahlenden Augen, als die alte Dame vor dem Haus stand und die Fassade bewundert hat. Da war klar, es fehlt nur ein kleiner Stupser. Wie immer hat mich mein Gespür nicht getäuscht. Jetzt heißt es, abwarten. Ich darf mich nicht zu früh freuen, denn ein gewisses Restrisiko bleibt. Mein Blick schweift zu den weißen Fenstern, hinter denen sich bereits der Sonnenuntergang ankündigt. Wieder geht ein Tag zu Ende, dabei ist die Zeit viel zu schnell davongerannt. Meine Füße zwicken in den hohen Pumps. Es war ein anstrengender Tag. Erschöpft setze ich mich auf die kleine Couch vor dem Fenster und krame in meiner Tasche. Glücklicherweise steht der nächste Termin morgen erst gegen zehn Uhr an, sodass mir nachher etwas Zeit zum Entspannen bleibt. Mit einem leisen Klacken springt der runde Taschenspiegel auf, in dem ich kurz mein Make-up checke sowie meine Haare richte. Nach einem Zehnstundentag haben sich einige Strähnen aus dem strengen Pferdeschwanz gelöst. Diese liegen nun in sanften Wellen an meinem Gesicht an. Bald geschafft. Mit einem erneuten Klacken schließe ich den Spiegel und werfe ihn samt Handy zurück in die Handtasche. Es wird Zeit, nach meinen Kunden zu sehen. Bereits vom Flur aus kann ich erkennen, wie beide über dem Vertrag brüten. Doch die Miene von Mrs. Salvator wirkt entspannt.

»Sind noch Fragen offen?« Ich gehe langsam um den Tisch herum, ziehe mir dort den Stuhl am anderen Ende heraus. Das ältere Pärchen erinnert mich an meine Eltern, so hätte ihr Leben im Alter aussehen können. Sie haben auch immer so harmonisch, so glücklich gewirkt. Zumindest in meiner frühen Kindheit. Später dann nicht mehr.

»Nein, es ist alles gut verständlich«, wiegelt Mr. Salvator direkt ab und zückt den Stift. Seine Frau schenkt mir ein freudiges Lächeln. Ihr Mann setzt derweil die Unterschrift unter den Kaufvertrag, dabei wirkt er spürbar erleichtert. Kaum hat er seine Einwilligung bestätigt, stehe ich auf, um die Papiere entgegenzunehmen. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen warte ich, bis er ebenfalls aufsteht. Erst dann schüttle ich ihm fest die Hand.

»Herzlichen Glückwunsch zum neuen Zuhause!« Er nickt freudig und löst die Finger, woraufhin ich zu seiner Frau herübergehe.

»Ihnen ebenfalls, herzlichen Glückwunsch. Ich hoffe, dass Sie sich gut einleben und wohlfühlen werden.«

»Vielen Dank für Ihre Zeit, auch dafür, dass Sie uns einen Termin so spät ermöglicht haben.« Ich schenke ihr ein ehrliches Lächeln, trete aber zeitgleich einen Schritt zurück.

»Natürlich. Der Kanzlei Woods liegen ihre Kunden am Herzen.« Den Vertrag verstaue ich sicher in meiner Aktenmappe. Dabei achte ich sorgfältig darauf, den Reißverschluss komplett zu schließen. Sodass kein Blatt der wichtigen Dokumente verloren geht.

»Melden Sie sich doch in ein paar Wochen und berichten Sie mir, wie Sie sich eingelebt haben.« Ich reiche Mr. Salvator die Schlüssel. Erst dann mache ich auf dem Absatz kehrt. Meine Schritte klackern auf dem alten Holzboden. Doch die Eheleute sind zu sehr mit ihrem neuen Eigenheim beschäftigt, als dass sie mein Abgang interessieren würde. Für mich wiederum zählen nur die wenigen Blätter in der Mappe, denn sie bedeuten einen neuen Abschluss. Ein weiterer Schritt auf meinem Berufsweg, und eine kleine Provision für die erfolgreiche Vermittlung. Doch die knapp zweihundert Dollar sind nur ein winziger Bonus. Mir geht es vielmehr um meinen Ruf als Maklerin. Die Beste der Kanzlei und somit auch die Einzige zu sein, der der alte Woods die Firma übergeben kann. Schließlich redet er bereits seit einem Jahr davon, dass seine Gedanken in Richtung Ruhestand gehen. Es kann also nicht mehr lange dauern. Wenn es so weit ist, bin ich da und mache den nächsten Sprung auf der Karriereleiter – mein eigenes Unternehmen. Dabei waren meine Eltern von Beginn an gegen meinen Wunschberuf. Sie haben nicht eine Minute an mich geglaubt. Wie gerne würde ich ihnen das vorhalten. Seht her, ich bin erfolgreich. Das habe ich ganz allein geschafft. Doch was würde das ändern? Sie haben mich nie wirklich geliebt, nur meinen Nutzen bei ihrem Geschäft. Für mich gab es nie eine richtige Familie. Aber das ist in Ordnung, ich komme gut klar, ganz allein.

Kapitel 2 – Owen

 

Es hat etwas Vertrautes, hierher zurückzukehren. Ein bisschen fühlt sich Charleston an wie zu Hause. Mehr als Durham jedenfalls, die Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich habe kein Problem mit meiner Heimat, doch dieses verschlafene Nest hat sich immer so abgeschieden und ruhig angefühlt. Mich zieht es da eher zu Standorten, wo mehr los ist, so wie eben Charleston. Trotzdem versuche ich an den wichtigsten Tagen im Jahr zu meiner Familie zu fahren. Aber mein nächster Besuch wird warten müssen, wahrscheinlich bis Weihnachten, denn zuvor habe ich anderes im Kopf, Projekte, die ich hier realisieren möchte.

Mit Schwung stoße ich die Tür zur dunklen Kneipe auf. Es ist Monate her, seit ich das letzte Mal hier war, und doch hat sich nichts verändert. An den Wänden stehen Regale aus dunklem Holz, in denen sich Flaschen der besten Spirituosen verbergen. Lediglich durch dünne Gittertüren davor geschützt, dass jemand einfach zugreift. Dieses breite Sortiment an Getränken setzt sich an der Bar fort. Hinter dem Barkeeper ist die gesamte Wand mit Regalen bestückt, in denen die teuren Flaschen ordentlich aufgereiht stehen. Egal, was man im Gin Joint auch trinken möchte, sie haben es da. Die Gänge zwischen den Tischen sind so schmal, dass man sich an anderen Gästen vorbeidrängen muss. Doch gerade dadurch erhält die Bar eben ihre Gemütlichkeit. Die dunklen Möbel sowie die ebenso schwarze Holzvertäfelung verleihen der kleinen Kneipe selbst am helllichten Tag ihren Charme, so ein bisschen wie ein verborgener Ort. Im hinteren Teil bei den Sitzbänken an der Wand finde ich Ryan und Matt. Die beiden waren meine Mitbewohner während meines Studiums. Aber im Gegensatz zu mir sind sie der Stadt treu geblieben. Ich wollte mich nach der Prüfung einfach als Makler etwas ausprobieren und mir die Ostküste ansehen. Neben den vielen Städten mit ihrer unterschiedlichen Architektur habe ich so auch einige Frauen kennengelernt. Dadurch, dass ich ungebunden war, konnte ich aber schnell verschwinden, wenn es mit ihnen kompliziert wurde. Noch so ein Vorteil. Doch nach zwei Jahren hat sich die Freude gelegt. Ich habe genug Rücklagen angespart, um hier etwas aufzubauen. Außerdem möchte ich mein zukünftiges Leben an einem festen Platz bestreiten. Meine Studienstadt erscheint mir dafür perfekt, vor allem, da Ryan und Matt noch immer hier verweilen.

»Hey! Na, lange nicht gesehen!« Ich lasse mich neben Ryan auf die dunkle Lederbank gleiten und winke mit einem Fingerzeig die Kellnerin heran. Die beiden haben sich in den zwei Jahren fast gar nicht verändert. Doch bevor wir ins Gespräch kommen, steht die kleine Bedienung neben mir. Sie sieht mich mit strahlenden Augen an. Ihr interessierter Blick gilt allerdings nicht allein mir, sondern auch meinen Kumpels. Oh Kleine, glaub mir, du schaffst maximal einen von uns.

»Ein Ale bitte«, entreiße ich sie ihren Fantasien, wodurch sich ihre Augen wieder auf mich richten. Dabei färben sich ihre Wangen leicht rosa. Wie unschuldig. Ob sie das wohl wirklich ist?

»Natürlich. Kommt sofort.« Sie huscht davon und verschwindet bei den Gästen an der Bar, sodass ich mich nun meinen Freunden zuwenden kann. Matt sitzt mir mit locker verschränkten Armen gegenüber, dabei mustert er mich mit wissendem Blick.

»Kaum zurück, aber bereits am Frauen aufreißen?« Doch ich winke ab. »Keine Sorge, deswegen bin ich nicht hier.« Er beugt sich nach vorne, sodass seine Rolex mit einem dumpfen Klopfen auf der Tischplatte aufkommt.

»Warum bist du denn wieder zurück?« Ich zucke mit den Schultern, während ich mich gleichzeitig aufrichte. Ryan sieht derweil abwartend zwischen uns beiden hin und her. Obwohl er augenscheinlich gelangweilt wirkt, vermute ich, dass ihn meine Rückkehr genauso beschäftigt wie Matt.

»Ich will sesshaft werden, hier, in Charleston.« Ryan lehnt sich auf der Bank zurück, sodass sein Rücken an der Wand aufliegt.

»Wer hätte das gedacht, Owen Hill kehrt nach Charleston zurück, um zu bleiben.« Matt weicht ein Stück von der Tischkante zurück, da die Kellnerin mit meinem Bier zurückkehrt.

»Darf es sonst noch was sein?«, fragt sie schüchtern, doch wir winken alle ab.

»Nachdem ihr beide hier anscheinend eure Heimat gefunden habt, dachte ich, dass es auch für mich ein gutes Plätzchen wäre.« Ich nippe an dem kühlen Bier und genieße den derben Geschmack auf meiner Zunge.

»Als Makler kann ich theoretisch überall arbeiten. Warum also nicht hier?« Meine Freunde nicken zustimmend, erwidern aber nichts.

»Dann lasst uns darauf anstoßen. Wir drei wieder vereint in Charleston.« Die beiden heben ihre Krüge, sodass wir diese über der Tischmitte zusammenstoßen.

»Auf eine erfolgreiche Zukunft in Charleston Harbor«, verkündet Ryan, nachdem wir alle einen Schluck getrunken haben. Seine grünen Augen liegen dabei auf mir und scheinen immer noch unsicher, ob man mir glauben kann. Doch es ist die Wahrheit. Ich bin kein Durchreisender. Unsere Studienzeit hier in Charleston war eine super Zeit. Das waren die besten Jahre meines Lebens. Was gäbe es also Besseres, als gemeinsam mit den Kumpels in die Zukunft zu starten?

»Nun erzählt aber mal. Wie ist es euch in den letzten zwei Jahren ergangen?« Jetzt ist es an mir, mich entspannt zurückzulehnen, während ich lausche, was es bei ihnen Neues gibt.

 

***

 

Es hat gutgetan, den beiden nach der langen Zeit wieder mal persönlich gegenüber zu sitzen. Wir haben uns zwar über Nachrichten sowie Anrufe ausgetauscht, doch ein gemeinsames Bierchen ist etwas anderes. Am Ausgang vom Gin Joint liegen wie gewohnt die örtlichen Zeitungen, und kurz überfliege ich die Titelseiten. Doch wie so meist kann ich nichts Besonderes entdecken, jedenfalls auf den ersten Blick. Denn in dem Moment als ich die Türklinke umgreife, hat mein Kopf anscheinend erst das Gesamtbild verarbeitet, dass mich zurück zum Stapel treibt. Ich greife nach dem Blatt ganz links. Dort sehe ich mir die kleine Anzeige direkt neben dem Hauptartikel an.

Es ist offiziell, Robert Woods, der Geschäftsführer der Maklerkanzlei Woods, setzt sich zur Ruhe. Wer wird wohl seine Nachfolge antreten?

Diese wenigen Zeilen kommen mir vor wie ein Zeichen. Bis eben wusste ich noch nicht, wie ich mich hier als Makler platziere. Doch so eine Kanzlei wäre eine gute Investition. Mit einem Team in meinem Rücken, das sich um die kleinen Anliegen kümmert, kann ich mir viel einfacher einen Namen machen. Außerdem hat dieser Woods sicher eine beachtliche Kundenkartei, die er mir für den richtigen Preis sogar mitvermacht. Ich greife eine Zeitung vom Stapel und bezahle sie über das Kästchen an der Seite. Wollen wir doch mal sehen, was sich über Woods und seine Kanzlei so aufspüren lässt. Bevor ich mich mit ihm zu einem Gespräch treffe, sollte ich schließlich herausfinden, um was ich hier verhandle.

Kapitel 3 – Alysa

 

 Mit einem dumpfen Schlag fällt die Wohnungstür hinter mir ins Schloss, als ich gerade unser lichtdurchflutetes Wohnzimmer betrete. Kurz halte ich inne und lausche. Doch von Vici ist nichts zu hören, daher rufe ich nach ihr.

»Ja, in der Küche«, schallt es mir sogleich als Antwort entgegen. Grinsend werfe ich die Pumps von den Füßen und laufe hinüber zur kleinen Küchenzeile der WG. Seit fünf Jahren wohne ich mit Victoria Davis zusammen, die inzwischen zu einer guten Freundin geworden ist. Dabei ist unsere Wohngemeinschaft reiner Zufall gewesen. Sie hat eine Mitbewohnerin gesucht und ich eine Bleibe. Bereits beim ersten Gespräch haben wir uns super verstanden, sodass ich drei Tage später hier eingezogen bin.

»Hast du Hunger?« Vici steht am Herd. Sie scheint eine Art Gemüsepfanne zuzubereiten.Ich schüttle den Kopf.

»Nein, ich habe mir mittags was vom Bäcker geholt.« Sie sieht kurz zu mir herüber, wendet sich dann aber wieder der Pfanne zu.

»Los, sprich schon. Du hast doch irgendetwas zu erzählen.« Wie sie mich doch immer durchschaut. Ich tapse über die kalten Fliesen und setze mich schließlich auf den kleinen Tisch in ihrem Rücken.

»Der alte Woods hat heute offiziell verkündet, dass er sich noch diesen Monat zur Ruhe setzt«, sage ich freudig grinsend. Vici dreht den Kopf zu mir. Dabei streicht sie sich eine nicht vorhandene Strähne aus dem Gesicht. Ihre Haare sind in einem dunklen Braun gefärbt und so kurz, dass sie gerade mal die Haarspitzen hinter das Ohr streichen kann.

»Ach, sieh mal an. Ist es endlich so weit?!« Sie weiß genau, wie lange ich bereits auf diese Bekanntmachung warte. Seit vier Jahren arbeite ich unentwegt daraufhin, die Kanzlei zu übernehmen, endlich scheint der Zeitpunkt greifbar. Mit einem Klacken schaltet sie den Herd ab und dreht sich schließlich komplett zu mir um. Sie trägt eine luftige Hose und ein enges, weißes Top, sodass ihre gebräunte Haut nur noch mehr strahlt. Doch was ihren Look wirklich ausmacht, ist die breite Kette mit bunten Blüten, die ihren Hals funkeln lässt. Vici liebt auffällige Statementketten, selbst wenn der Trend lange vorüber ist. Aber wer macht sich schon was aus Trends?

»Los, erzähl«, fordert sie, womit sie mich der Gedanken entreißt »Wann geht Woods, und wie geht es dann weiter?«

»Das hat er noch nicht gesagt. Allerdings werde ich in den nächsten Tagen mal das Gespräch suchen, um klarzustellen, dass er mir die Kanzlei übergibt.« Sie hebt mahnend den Finger.

»Du musst es verlangen! So wie du dich die letzten Jahre abgeschuftet hast, ist das das Minimum.« Damit hat sie nicht unrecht. Dennoch ist es kein guter Weg, etwas direkt so vorauszusetzen. Jedenfalls nicht bei so einem alteingesessenen Makler wie Woods. Er gehört zu den Menschen der alten Schule. Jene, die viel Wert auf das Erscheinungsbild legen. Allein deswegen besteht ein Großteil meiner Garderobe aus schicken Kostümen und Pumps. Lockere Kleidung zum Ausgehen oder für zu Hause – davon habe ich nur ein paar Einzelstücke.

»Das werde ich, ganz sicher. Es ist ja nicht so, als gäbe es wirklich eine Auswahl. Die anderen beiden sind schließlich nicht mal ansatzweise so erfolgreich beim Vermitteln.« Sie hebt die Hand, sodass wir uns abklatschen.

»Genau so kenne ich dich.« Doch dann verengt sie die Augen und macht schließlich eine scheuchende Handbewegung.

»Jetzt aber runter vom Tisch, ich will da essen.« Ich zucke nur mit den Schultern und hüpfe schwungvoll herunter.

»Mach das, es wird eh Zeit, dass ich aus den Klamotten rauskomme.« Auf eine Erwiderung warte ich nicht. Sondern laufe flotten Schrittes davon direkt zu meinem Zimmer. Ich habe den größeren Raum am Ende des Gangs bekommen, da Vici sich in dem kleineren Raum tatsächlich wohler fühlt. Zwischen unseren Zimmern liegt noch das Bad. Dieses ist der einzige Raum ohne Fenster, aber der Ausblick beim Duschen wird sowieso überbewertet. Dafür ist die Aussicht in meinem Schlafzimmer umso schöner. Wir wohnen im dritten Stock eines Neubaus nur zwei Querstraßen vom Hafen entfernt. Durch die Anordnung der Häuser um uns herum kann ich allerdings einen schmalen Streifen vom Fluss sehen. Allein das freut mich jeden Tag. Zwar ist dadurch auch die Miete etwas höher als weiter im Stadtkern, aber das ist es mir wert. In meiner Kindheit in York war ich so weit vom Meer entfernt, dass es mir fast wie ein Märchen erschien. Meine Eltern waren zudem eher Menschen, die sich für Wälder und Berge begeisterten. Deswegen bestand der Urlaub meist aus Wanderungen, statt aus Strandurlaub. So kommt es, dass ich das Meer erst gesehen habe, als ich vor fünf Jahren hierhergezogen bin. Im selben Moment habe ich mich in diese blaue Unendlichkeit mit ihren sanften Wellen verliebt.

Zügig schlüpfe ich aus meinem grauen Rock und hänge diesen gemeinsam mit dem passenden Blazer sorgfältig auf. Lediglich die Bluse nehme ich mit ins Bad, wo sie in der Wäsche landet. Vor dem Spiegel löse ich den strengen Zopf am Hinterkopf. Erleichtert atme ich auf, als die Spannung an der Kopfhaut nachlässt. Mit der Hand lockere ich meine hellbraunen Haare etwas auf, sodass sich die leichten Wellen auffächern. An den Dresscode als seriöse Maklerin habe ich mich längst gewöhnt, dennoch ist es eine Erleichterung, abends auf einen entspannten Look umzusteigen. Vielleicht wäre das ja eine gute Anpassung als neue Chefin? Eine Kleiderordnung ist sicherlich von Vorteil, doch man könnte diese etwas lockern. Offene Haare oder eine schicke Hose statt einem Rock, wäre als Frau auch mal angenehm. Es wird wirklich Zeit, dass eine Frau den Laden modernisiert. Natürlich in langsamen Schritten, aber der Fortschritt kommt. Ich kann es immer noch nicht glauben. Nach Jahren der Schufterei rückt der Chefsessel endlich in greifbare Nähe.

Kapitel 4 – Owen

 

Der Vorteil als freier Makler ist es, recht einfach an die exklusivsten Wohnungen heranzukommen. Nur eine Nacht musste ich im Hotel übernachten, bevor ich eine passende Bleibe für mich gefunden habe. Es ist zwar kein Penthouse, doch die riesige Wohnung am Murray Boulevard macht dennoch etwas her. Voll möbliert mit hochwertiger Einrichtung sowie einer Aussicht direkt auf den Fluss. Kein Wunder, dass es mich auf den Balkon zieht, als die ersten Sonnenstrahlen diesen erwärmen. Meinen Laptop stelle ich auf dem schmalen Tisch ab. Zuerst gönne ich mir aber ein paar Minuten, in denen ich den Ausblick genieße. Sanfte Wellen brechen an der Brüstung des Boulevards, hinter der sich die weite Bucht erschließt. In der Ferne kann ich die Umrisse von James Island erkennen. Wobei die Sonne sich bereits im Meer spiegelt und die Sicht erschwert. Nach einigen Sekunden drehe ich mich allerdings um, denn es wird Zeit für meine eigentliche Aufgabe. Die Homepage der Kanzlei Woods ist schnell gefunden, doch die Informationen dort sind spärlich gesät. Genauso auch in der digitalen Presse. Entweder dieser Woods hat tatsächlich eine komplett reine Weste. Oder er weiß seine Verfehlungen verdammt gut zu verbergen. Doch ich brauche ein Ass, damit ich in der Verhandlung die Oberhand gewinne. Da kommt mir ein Gedanke. Mit flinken Fingern wähle ich die Nummer einer alten Freundin, die bereits nach dem zweiten Klingeln abnimmt.

»Hallo Hill, ich hätte nicht erwartet, dass du mich jemals wieder anrufst.« Mary Campbell ist eine verdammt heiße Französin, die sich darauf spezialisiert hat, Informationen zu sammeln. Sie zieht seit Jahren ihre Kreise in der High Society der Ostküste, was nicht zuletzt an ihrem durchtrainierten Körper liegt. Wie sagt man so schön – sie hat genau die richtigen Kurven. Selbst ich bin einst ihren Reizen erlegen und habe die Nacht mit ihr mehr als genossen. Allerdings fordert Mary für ihre Gesellschaft Informationen. Welche von der Sorte, die sie später gewinnbringend verkaufen kann.

»Ich ehrlich gesagt auch nicht. Doch ich habe tatsächlich etwas, für das ich deine Dienste gebrauchen kann.« Ich kann ihr breites Grinsen förmlich hören. Sicher sieht sie gerade die Dollarnoten winken.

»Ich bin ganz Ohr«, säuselt sie fröhlich und scheint augenblicklich aufmerksam. Eine Raubkatze, die schnurrt, ist dennoch gefährlich. Das sollte man besser nie vergessen.

»Robert Woods. Ich brauche ein paar, sagen wir mal, schlüpfrige Infos über ihn. Bekommst du das hin?« Sie kichert überheblich und ihre Fingernägel klackern, weil sie vermutlich auf dem Display herumtippt.

»Wollen wir doch mal sehen. Er ist der Chef einer Maklerkanzlei in Charleston. Ein alter Sack mit reichlich Kohle unter dem Hintern.« Das sind keine Auskünfte, die ich nicht auch ohne sie herausgefunden hätte.

»Das hilft mir nicht«, brumme ich beiläufig, sodass sie wieder lauter wird.

»Was sind dir die Infos denn wert?« Auch wenn ihre Stimme zuckersüß klingt, ist Mary eine knallharte Geschäftsfrau. Sie hat es perfektioniert, reiche Männer um den Finger zu wickeln. Doch, statt sich wie ein Callgirl anzubieten, hat sie ein Tauschgeschäft daraus gemacht, dass ihr bei ihrem aktuellen Reichtum wesentlich mehr einbringt.

»Fünftausend Dollar.« Ich setze mein Angebot bewusst niedrig an, da ich vermute, dass Mary hier noch einiges nachfordern wird. Wie erwartet schnalzt sie sogleich mit der Zunge und murrt.

»Zehntausend. Mindestens. Sollten sich brisante Fakten auftun, legst du noch mal fünftausend drauf.« Fünfzehn Riesen für ein paar Auskünfte zu einem unscheinbaren Firmenboss? Das nenne ich mal einen teuren Spaß. Allerdings habe ich nicht viele Möglichkeiten. Entweder Mary findet etwas, oder ich muss ohne Überzeugungshilfe starten. Einmal atme ich tief durch, bevor ich einwillige.

»Also gut. Aber wenn du nichts findest, siehst du auch keinen Penny von mir.« Erneut erklingt ihr überhebliches Lachen.

»Keine Sorge, jeder hat etwas zu verbergen.« Mit dieser Antwort legt sie auf ohne Verabschiedung. Doch Mary hält nicht viel von freundlichen Gesten. Sie ist ein sehr direkter Mensch. Ohne das Telefon wegzulegen, wähle ich die nächste Nummer und warte geduldig ab. Es klingelt fast eine Minute, bis sich eine freundliche Frauenstimme meldet.

»Schönen guten Tag. Bitte verbinden Sie mich mit Mr. Woods.« Die Dame scheint einen kurzen Augenblick zu zögern. Doch nach meinem Anliegen zu fragen, traut sie sich auch nicht. Sodass es schließlich in der Leitung klackt, und ich kurz darauf eine tiefe Männerstimme vernehme.

»Woods. Wer ist da?« Etwas kann man sein Alter tatsächlich anhand der Stimme erahnen.

»Owen Hill. Hallo Mr. Woods. Ich habe gelesen, dass Sie in den Ruhestand gehen. Ihre Kanzlei benötigt dadurch ja einen neuen Besitzer.« Am anderen Ende erklingt ein tiefes Einatmen, so als richte er sich gerade auf.

»Das ist nur zum Teil korrekt. Ich habe bereits eine Nachfolgerin ins Auge gefasst. Meine Kanzlei ist also versorgt.« Er räuspert sich, worauf sein Ton abweisend wird.

»Wenn Sie von der Presse sind, dann ist dieses Gespräch auch hiermit beendet. Ich gebe keine weiteren Auskünfte zu meiner Nachfolge.«

»Nein, ich bin kein Pressemensch«, stelle ich schnell klar.

»Ich bin in den letzten Jahren als freier Makler an der Ostküste unterwegs gewesen. Dabei war ich sehr erfolgreich, wie Sie nach einer kurzen Internetrecherche feststellen werden. Allerdings möchte ich nun in Charleston ein Unternehmen aufbauen. So kam ich auf Sie.« Ich hasse es, mich erklären zu müssen. Doch bei Woods werde ich mit einfachem Geldwedeln vermutlich nicht weit kommen. So wie ich ihn vom ersten Eindruck her einschätze, ist er ein Mann der alten Schule, der seine Firma in guten Händen wissen will. Daher muss ich ihm klarmachen, dass ich genau der Richtige bin, um sein Unternehmen weiter voranzubringen.

»Verstehe. Nun, ich habe eigentlich nicht darüber nachgedacht, meine Firma einem Fremden zu übergeben.« An der Art wie er die Worte ausspricht, höre ich allerdings, dass er der Idee nicht ganz abgeneigt ist.

»Dann würde ich vorschlagen, wir lernen uns kennen und sprechen einmal persönlich darüber.« Ich klappe den Laptop vor mir zu und stehe auf. Mit einem Arm auf die Brüstung gestützt, lausche ich Woods Antwort.

»Das klingt vernünftig. Sagen wir Freitag um vierzehn Uhr im Oak. Sie zahlen.« Ich grinse breit bei seinen letzten Worten. Ein Geschäftsmann durch und durch. Die Rechnung gleich mir zuzuschieben, ist ein schlauer Schachzug.

»Sehr gerne. Dann bis Freitag.« Ich lege auf und verfolge erneut die sanften Wellen des Wassers. Eventuell ist die Kanzlei eine neue Herausforderung für mich. Dennoch möchte ich mich dieser stellen. Nur so kann ich mein eigenes Unternehmen aufbauen, über mich hinauswachsen. Was hat das Leben denn sonst für einen Sinn?

 

Kapitel 5 – Alysa

 

Nur das Wochenende trennt mich von meinem Ziel. Alysa Williams, Chefin des Immobilienbüros Woods. Ob ich es besser in Kanzlei Williams umbenenne? Ein Schritt nach dem anderen. Erst mal muss ich mich in meine neue Position eingewöhnen sowie den Kollegen beweisen, dass ich als Boss etwas tauge.

»Woods hat dir zugesagt, dass du die Kanzlei überschrieben bekommst?« Vici holt mich mit ihrer Rückfrage aus meinen Tagträumen. Sie steht neben dem Fenster und betrachtet sich in dem großen Standspiegel.

»Ja, wortwörtlich. Ich habe ihn direkt am Dienstag gefragt. Da hat er es mir bestätigt. Ich bin die beste Maklerin der Kanzlei. Er kann sich niemand Qualifizierteren für den Posten vorstellen.« Das Ganze war noch mit seinem freundlichen, fast väterlichen Ausdruck verknüpft. Mein Ego wurde dadurch zusätzlich gepusht. Dass ich damals mit meiner ersten Maklerstelle direkt bei Woods gelandet bin, war ein Glücksfall. Er war der beste Lehrer, den ich haben konnte.

»Das ist einfach – wow. Ich weiß nicht, was ich dazu sonst sagen soll.« Ihr breites Lächeln strahlt mir über ihr Spiegelbild entgegen. Nur zu gerne lasse ich mich von ihrer Freude anstecken, schließlich sind es nur noch ein paar Tage bis zu dem großen Moment. Obwohl ich mir auch unterbewusst Sorgen mache. So ein Chefposten bringt viel Verantwortung mit sich. Mein Job als Maklerin ist dann zweitrangig. Vielmehr geht es um große Deals und ganz viel Verwaltungskram. Was, wenn ich als Chefin versage? Die Kollegen verlassen sich auf mich, schließlich ist das ihr Lebensunterhalt. Das ist ein enormer Druck, der ab Montag dann auf mir lastet. Bisher habe ich das Risiko dahinter immer verdrängt, doch gerade bahnt es sich seinen Weg.

»Erde an Alysa! Hörst du mir überhaupt zu?« Erschrocken zucke ich zusammen. Doch Vici wischt meine geistige Abwesenheit einfach mit einer Handbewegung hinfort. Das sollte ich wohl auch mit der schlagartig auftretenden Verunsicherung tun. Heute gehen wir erst mal feiern. Deswegen ist meine Freundin auch in meinem Zimmer. Wir machen uns gemeinsam bereit für eine wilde Partynacht. Es ist schon viel zu lange her, dass wir aus waren, und da wir auch noch etwas zu feiern haben, verbinden wir das direkt.

»Was meinst du?«, fragt sie mich. Ich betrachte ihr Outfit im Spiegel. Sie hat sich für hautenge Jeans entschieden. Kombiniert mit hohen, roten Lackpumps und ein ebenso knallrotes Top. Dieses ist von Fransen übersät, die bei jeder Bewegung mitschwingen, und ihren tiefen Ausschnitt betonen.

»Du siehst verdammt scharf aus«, kommentiere ich ihre Wahl, was ein teuflisches Grinsen auf ihre Lippen zaubert.

»Genau das ist der Plan. Es ist nämlich Zeit für etwas Spaß.« Auffordernd hebt sie die Augenbrauen, was ich nur abwinke.

»Tu dir keinen Zwang an. Aber du kennst die Regeln, immer zu ihm, nie zu uns.« Das ist die eiserne WG-Regel. Wenn wir uns einen Mann aufreißen, dann schleppen wir diesen niemals zu uns ab. Nicht nur weil wir uns nicht gegenseitig beim Sex zuhören wollen, sondern auch, damit die Kerle nicht wissen, wo wir wohnen. Daher geht es immer zu denen, und natürlich melden wir uns regelmäßig beieinander.

»Selbstverständlich.« Sie legt beschwörend ihre Hand auf die Brust und tritt dann vom Spiegel zurück.

»Nun zu dir. Was ziehst du an?« Bisher stehe ich noch in meiner schwarzen Spitzenunterwäsche gehüllt vor dem Schrank. Wie immer fällt mir die Auswahl unfassbar schwer. Dabei bin ich gar nicht eitel, sondern einfach nur einfallslos. Im Endeffekt gibt es sowieso nur vier Teile, aus denen ich wählen kann. Der restliche Inhalt meines Schranks besteht aus Kostümen für die Arbeit sowie bequemen Klamotten für zu Hause.

»Ich habe keine Ahnung«, presse ich genervt hervor. Dabei lasse ich mich rücklings auf das Bett fallen. Von dort aus verfolge ich, wie Vici zum Schrank herübergeht, um darin herumzustöbern. Allerdings wird auch sie es nicht schaffen, mir ein extravagantes Kleid herbeizuzaubern. Schließlich bin ich nicht Cinderella, und sie ist keine gute Fee. Manchmal eine böse Hexe? Vielleicht. Aber eine Fee, ganz sicher nicht.

»Ich habe eine Idee!«, verkündet sie überschwänglich und springt in Richtung ihres Zimmers davon. Da ich keine große Hoffnung hege, bleibe ich einfach liegen. Es dauert nicht lang, bis sie zurückkehrt.

»Wie wäre es damit?« Ich drehe den Kopf in ihre Richtung und setze mich mit einem Ruck auf. In ihrer Hand hält sie ein Kleid, das komplett aus schwarzer Spitze gefertigt wurde. Im ersten Moment wirkt es durchsichtig, doch beim genaueren Hinsehen wird ersichtlich, dass ein hautfarbenes Hängerchen die wichtigsten Stellen verhüllt. Lediglich die Arme sind davon unbedeckt. Dieses Kleid sieht verdammt sexy aus. Ein bisschen verrucht, vor allem aber total heiß.

»Du bist doch eine Fee!«, brülle ich, wobei ich ihr das filigrane Stück Stoff aus der Hand nehme.

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