Leseprobe zu Chase

Kapitel 1, 2 & 3

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

 

Prolog

Mia

Ich habe dich zerstört.
Deine Familie hat dich verstoßen.
Deine Freunde haben sich von dir abgewendet. Und du verstehst nicht warum.
Du weißt nicht warum.
Du weißt nicht wie.
Du hast keine verfickte Ahnung, was hier passiert. Du bist einsam. Du quälst dich.
Du spielst das Unschuldslamm – doch das nehme ich dir nicht ab.
Ich verachte dich für alles, was du mir angetan hast. Dafür musst du büßen.
Für immer.

Eins

Chase

»Was ist das?«
»Was ist was?«

Absolut unbeeindruckt von seinem üblichen Ich-bin-total-angepisst-Blick grinse ich Adler

hämisch an. »Na, das.«

»Na, was?!« Genauso gebieterisch wie so ein

bescheuerter Imperator sitzt er auf seinem ledernen Chefsessel an seinem hochherrschaftlichen Massivholz-Schreibtisch und starrt mich beharrlich an, ohne meinem Fingerzeig zu folgen. Wahrscheinlich kotzt es ihn gerade ziemlich an, dass sein Badass-Getue wie immer keinen großen Effekt auf mich macht.

Nicht mein Problem.

Er soll sich gar nicht wundern, wenn ich ihn und seinen angepissten Augenaufschlag nicht mehr ernst nehmen kann. Langsam nutzt sich das echt ab. Bei Thorne, der alten Pussy, zeigt dieses Getue eventuell noch Wirkung. Der Typ ist aber auch gefühlt gerade erst fünfundzwanzig geworden und sieht zu Adler auf, als sei dieser sein wahrgewordener feuchter Traum von einem Mentor. Und das, obwohl Thorne die größten Probleme mit Autoritäten hat.

So wie ich.

So wie ich empfindet er das dringende Bedürfnis, jeden zu provozieren, der sich provozieren lässt. Nur bei Adler reißt er sich zusammen.

Im Gegensatz zu mir.

Dabei lässt unser Boss sich gerne provozieren. Ziemlich sogar.

Ich grinse ihn noch breiter an. »Das in dem schwarzen Glitzerding.«

»Das schwarze Glitzerding nennt man Schachtel, Chase.«

»Und?«

»Was willst du schon wieder, du kleiner Pisser?!« Blitzartig springt er auf die Füße und umrundet mit einem wütenden Schnauben den Schreibtisch, der übrigens eigentlich Blair Ramirez gehört. Bloß hat Adler alles, was sie betrifft, innerhalb von wenigen Tagen für sich vereinnahmt. Nicht nur die Frau selbst, die ihn offen gesagt bis aufs Blut hassen sollte. Er hat auch ihren gesamten Besitz für sich beansprucht. Alles, wofür sie steht.

Es ist alles seins.
So ist er. Was er besitzen will, reißt er an sich.
Es ist krank.
Aber genau das bewundere ich an ihm.
Allerdings hat er ein echtes Aggressionsproblem.

Und das reizt mich. Das reizt mich sehr.
Lachend mache ich einige Schritte rückwärts und

hebe ergeben die Hände über den Kopf. »Bleib ruhig, Boss.«

Nur eine Handbreit bleibt Adler vor mir stehen und durchbohrt mich mit seinem stechenden Augenpaar. »Geh mir nicht auf den Sack, Chase. Das ist mein verdammter Ernst.«

»Okay. Ich verstehe.« Sofort lasse ich das zugegeben ziemlich dämliche Grinsen aus dem Gesicht fallen und kehre innerhalb von Sekundenbruchteilen die Seite von mir heraus, mit der man zumindest ansatzweise etwas anfangen kann. »Die Schachtel … Da geht’s um Blair, richtig?«

Fast rechne ich damit, dass Adler mir allein schon aus Prinzip einen Kinnhaken verpassen wird – das wäre bereits der zweite in dieser Woche. Allerdings funkelt er mich lediglich einen weiteren Moment lang an und flippt mir dann vollkommen unerwartet den Zeigefinger gegen die Stirn.

Irritiert zucke ich zurück.

Krass. Der Typ hat in den Untiefen seines schwarzen Herzens tatsächlich eine Portion Humor versteckt. Womöglich war sein halber Wutausbruch eben sogar gespielt. Ein verzweifelter Versuch seinerseits, den Respekt aus mir herauszukitzeln, der ihm gebühren sollte.

Recht hat er.

»Natürlich. Es geht immer um Blair. Ich habe das Gefühl, mein gesamtes beschissenes Leben dreht sich nur noch um diese Frau.«

Willkommen im Club, Alter.

Frauen. Glücklicherweise dreht sich mein Leben nicht um Blair Ramirez. In dem Fall hätte Adler mich längst umgelegt.

»Also willst du ihr Sextoys schenken?« Das hämische Grinsen findet seinen Weg zurück in mein Gesicht.

Prompt baut er sich wieder vor mir auf und verschränkt mit einem verblüfften Stirnrunzeln die Arme vor der Brust. »Wie kommst du darauf?«

Ich zeige zum Schreibtisch. »Na, ein schwarzglitzernder Karton. Ich kann mir nichts anderes außer Sextoys vorstellen, was man in einer solchen Verpackung vorfinden würde.«

Adlers Kopf folgt meinem Fingerzeig, als wüsste er in der Tat nicht, wovon ich rede – oder als müsste er sich davon überzeugen, dass diese bescheuerte Schachtel wirklich existiert. »Sie kommt von Blair.«

»Blair schickt dir Sextoys?« Überrascht lache ich auf.

»Nein«, knurrt er drohend. »Sie hat mir ihre Haarspange per Express schicken lassen.«

»Was für eine Spange denn? Ist das … irgendein ekelhaftes Spiel, das nur verliebte Pärchen verstehen?« Noch während meiner Aussage stutze ich irritiert. »Meinst du etwa … das Ding, das das Nervengift enthielt? Was …? Hat sie sich umentschieden und will dich doch kaltmachen?«

Das bringt mich tatsächlich etwas aus dem Takt. Antonio Ramirez hat seine eigene Tochter dazu gebracht, tagein tagaus mit einer verdammt hässlichen Libellenspange herumzulaufen, in dessen Hohlkörper sich ein pulverförmiges Zeug verbarg, das sich bei Luftkontakt in ein schwertoxisches Gas verwandelt und alle Umstehenden innerhalb von Sekunden tötet.

Nach wie vor bin ich nicht vollständig davon überzeugt, dass Blairs Gefühle gegenüber Adler aufrichtig sind. Sie könnte genauso gut eine Art Schläferzelle sein, die nur auf einen Befehl vonseiten ihres Vaters wartet, die halbe Stadt in die Luft zu jagen.

Nichtsdestotrotz macht meine Schlussfolgerung keinen Sinn. Adler hat ihr die Spange abgenommen und das Nervengift meines Wissens entfernen lassen –

vor allem, um seine Zusammensetzung zu analysieren und herauszufinden, ob es sich um einen neuen Kampfstoff handeln könnte, von dessen Existenz wir bisher nichts ahnten.

Eigentlich haben wir unsere Mittel und Wege, um über jeden Schritt der Waffenlobby und des Kriegsministers informiert zu sein. Auch bei anderweitigen, externen Forschungen sind wir normalerweise auf dem neusten Stand.

Diesmal waren wir es nicht.

Angespannt balle ich die Hände zu Fäusten. Mein Vorhaben, Adler mit meinen Provokationen an die absolute Schmerzgrenze zu treiben, hat sich unverzüglich in Luft aufgelöst.

Ich bin fokussiert. Alles in und an mir macht sich dazu bereit, in den Krieg zu ziehen. Am Ende zählt doch nur meine Loyalität gegenüber meines Bosses.

Na, okay. Verwirrt bin ich trotzdem. »Wie ist sie denn überhaupt so schnell an die Spange herangekommen? Ich hatte gehofft, dass sich sämtlicher Scheiß zwischen euch beiden geklärt hat. Trotz des Brandings, das du ihr verpasst hast. Ich kapiere bis heute nicht, wieso sie es so ganz ohne Nervenzusammenbruch hingenommen hat.«

»Entspann dich. Sie hat mir eine Botschaft zukommen lassen.« Adler lässt einen Mundwinkel zucken, begibt sich wieder zu seinem Imperator-Thron, greift in die Box und holt einen Zettel heraus, etwa in der Größe eines Post-its. Als ich vor den Schreibtisch trete, hält er ihn mir direkt vor die Nase.

»Ich soll mich entspannen? Machst du Witze?« Ein klein wenig hastig entreiße ich ihm den Zettel und habe Schwierigkeiten, die Sauklaue zu entziffern: Ich vertraue dir. 

Schön für Blair.

»Langsam solltest du mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich keine Witze mache, Chase.«

Gepflegt ignoriere ich sein unverwechselbares Adler-Gebrumme, das er in der Regel von sich gibt, um uns Schatten auf Abstand zu halten. Eine seiner größten Horrorvorstellungen ist wohl, dass wir anfangen, ihn nicht mehr als unseren Boss anzusehen, sondern als großen Bruder, oder was auch immer. »Für eine Frau hat sie eine verdammt hässliche Handschrift.«

Ich will ihm die Notiz zurückgeben, aber er winkt augenrollend ab. »Die Rückseite, du Vogel.«

Neugierig lasse ich eine Augenbraue emporschnellen und drehe den Zettel um. Ich gehöre dir. Das klingt doch schon viel besser. »Ah ja. In Schönschrift. Fehlt nur noch ein Herz anstelle des i-Punktes.«

Mit einem eingeschnappten Schnauben nimmt er mir die Notiz wieder weg. »Fick dich, Chase.«

»Oh, okay. Du bist echt zartbesaitet, was deine kleine Rica betrifft.« Ja, ich treibe es gerne auf die Spitze. Vor allem bei Arschlöchern wie Adler, die eine verdammt kurze Zündschnur haben.

Wenn wir uns in einem Comic befänden, würde er jetzt nämlich nach und nach blutrot anlaufen, bis ihm schließlich der Dampf aus den Ohren schießt. Vielleicht würde er sogar wortwörtlich an die Decke gehen.

Hier, in der Realität, lässt er lediglich die Kiefermuskeln zucken und durchbohrt mich mit besagtem Adler-Blick. »Wenn ich nicht wüsste, dass du diesen Bullshit bloß von dir gibst, damit ich dir meine Faust in die Fresse ballere, würde ich dir diesen Gefallen auch tun.« Kopfschüttelnd lässt er sich auf dem ledernen Imperator-Thron nieder. »Allerdings habe ich einen Rat für dich: Such dir eine Domina, damit die dich mal so richtig gründlich auspeitscht. Oder gründe einen Fight Club. Aber lass mich mit deinem Borderline-Scheiß in Ruhe.«

»Gerne. Unten im Club? Seitdem du das El Paso an dich gerissen hast, wird die Stammklientel ohnehin dauerhaft wegbleiben. Allen voran die bescheuerten Rich Kids aus dem Norden.« Mit verschränkten Armen schlendere ich zu einem der Fenster und schaue direkt in den von einer drei Meter hohen Mauer umgebenen Hinterhof. »Ist auch besser so. War eh nur eine Frage der Zeit, bis Sny’s verzogene Kackbratze von einem Sohn hier aufschlägt.« Teilnahmslos lasse ich mein Augenmerk über meinen Range Rover und Adlers Raptor schweifen, die wir dort geistesgegenwärtig abgestellt haben. Am Straßenrand vor dem Eingang des El Pasos wären sie sicher nicht so gut aufgehoben.

Sofern man – egal aus welchem Grund – seinen Wagen loswerden will, muss man ihn nur hier irgendwo in der Gegend stehenlassen und schon verschwindet er wie von Zauberhand.

Na ja. Habe ich zumindest gehört. Allerdings ist meine Motivation ziemlich begrenzt, herauszufinden, ob dieses Gerücht auch der Wahrheit entspricht.

Zufrieden mustere ich den glänzenden Lack der beiden Fahrzeuge und daraufhin den ungewohnt gepflegten Zustand des Grundstücks: Noch nie habe ich einen derart hygienisch sauberen Hinterhof gesehen. Erst recht nicht im südlichen New Juarez. Von den eigentlich vorprogrammierten Ratten, Kakerlaken und streunenden Katzen, die sich an übervollen Müllcontainern bedienen, keine Spur.

Hier habe ich das Gefühl, dass die besagten – grundsätzlich gähnend leeren – Müllcontainer ausschließlich zu Dekorationszwecken dastehen. Quasi als ein Must-have eines Nachtclubs. Ich bin mir sogar sicher, dass sie in regelmäßigen Abständen von innen und außen mit Sagrotan geschrubbt werden.

 

Fehlt echt nicht mehr viel, bis jemand anfängt, in diesem Hinterhof einen aparten Feng Shui Garten einzurichten. Ich weiß bloß nicht, ob sich so ein Garten mit der texanischen Hitze verträgt. Auch heute ist es schon wieder so brütend heiß draußen, dass die Luft zu flirren beginnt, als ich meinen Blick auf die grau verputzte Mauer hefte. Nichts mit Feng Shui. Oder Garten. Die Pflanzen würden bei Luftkontakt umgehend zu Asche verbrennen.

»Blair wird damit klarkommen müssen, dass ich meine Geschäfte ab sofort von hier aus regele. Dementsprechend wird sich der Kundenstamm ändern. Das gesamte Ambiente wird sich verändern. Aber das ist nichts, worüber du dir Gedanken machen musst. Vielleicht solltest du lieber mal darüber nachdenken, warum du mir ständig mit deinem Scheiß auf den Sack gehst.«

Einen Atemzug lang starre ich in den wolkenlosen Himmel und überlege, ob ich ihn endgültig zur Weißglut treiben oder es für heute dabei belassen werde.

»Ambiente. Soso.« Feixend drehe ich mich zu ihm. »Du hast mir verboten, Demon auf den Sack zu gehen. Von daher muss ich …«

»Schnauze, Chase. Du musst gar nichts.« Augenscheinlich genervt greift er nach seinem Autoschlüssel, der bisher unbeachtet auf der Tischplatte herumlag. »Ich dachte ja, dass Sny und Demon die Einzigen sind, die ich besser in die Klapse stecken sollte, aber du bist ebenfalls ein ziemlich heißer Kandidat.«

»Das sagt der Richtige. Wir sollten alle mal zur Gruppentherapie, wenn du mich fragst. Blair gleich mit. Jeder, der etwas mehr Zeit mit uns verbringt.« Ich zeige auf den Schlüssel, als er aufsteht und an mir vorbeimarschiert. Normalerweise ist es ein Zeichen für mich, dass das Gespräch aus seiner Sicht beendet ist, aber ich bin nicht grundlos hier. »Wo willst du hin?«

Auf dem Treppenabsatz bleibt er stehen und schenkt mir ein weiteres Stirnrunzeln. Ist möglicherweise heute schon das fünfte. Oder sechste. »Seit wann bist du so anhänglich?«

Achselzuckend fahre ich mir durchs Haar und lasse ihm ein verschämtes Grinsen zukommen. »Sny hat sich mal wieder abgeschossen und ist zu nichts zu gebrauchen.«

»Du langweilst dich also.«
»Japp.« Nochmals zucke ich mit den Achseln.
»Ich bin kein Babysitter. Was ist mit Noyce und

Thorne?« Er verschränkt die Arme vor der Brust und macht eine Kopfbewegung in Richtung seines Notebooks, dass er auf Blairs Schreibtisch abgelegt hat. »Oder mit dem Mädchen, das du stalkst.«

Ich merke regelrecht, wie sich meine Miene innerhalb von Sekundenbruchteilen versteinert. Niemand hat mich auf Mia anzusprechen. Absolut niemand. Auch mein Boss nicht. »Was soll mit ihr sein?«

Offensichtlich interessiert mustert Adler mein Gesicht. »Aha.«

»Was?« Okay. Das kann ich gar nicht ab: das Gefühl durchschaut worden zu sein.

Er wiederholt die auffordernde Kopfbewegung, nur dieses Mal in Richtung der Treppe. »Dann komm mit.«

»Wohin denn?!« Ich klinge angepisster als beabsichtigt. Ich hasse es, wenn jemand mir den Eindruck vermittelt, mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sogar bei meiner Gran werde ich ungenießbar, sobald sie anfängt, mich zu analysieren. Wenn Adler nicht gleich mit der Sprache herausrückt, was er in mir zu erkennen glaubt, werde ich eine Seite an mir herauskehren, die er noch nicht besonders oft zu sehen bekommen hat.

»Ich gehe mir mein Eigentum zurückholen.«

 

Zwei

Chase

»Adler. Du sollst auf die Straße gucken und nicht zu mir.« Seit zehn Minuten starre ich stur aus dem Fenster und betrachte die tris-

ten, lehmfarbenen Bürogebäude, die im südlichen New Juarez aus irgendeinem Grund zur Allgemeinausstattung zu gehören scheinen. Die meisten von ihnen stehen leer, was einfach beweist, wie recht Adler mit seiner Überzeugung hat, Antonio Ramirez hätte den Süden komplett heruntergewirtschaftet.

Ich frage mich, wie Blair so blind durchs Leben gehen konnte. Ob sie nun seine Tochter ist, oder nicht. Ein bisschen gesunder Menschenverstand sollte ihr eigentlich innewohnen. Obwohl … sie ist schließlich irgendwie mit meinem Boss liiert. Ein gewisses Maß an Hirnrissigkeit muss ich ihr wohl oder übel zugestehen.

Aus dem Augenwinkel erkenne ich, wie Adler schon wieder zu mir schaut; ich schätze mal mit einem irritierten Stirnrunzeln. »Du bist heute komisch drauf. Hast du deine Tage?«, ist seine nüchterne Antwort.

Das Gleiche könnte ich ihn fragen. Auch wenn er wie gewohnt Probleme hat, seinen Jähzorn in den Griff zu bekommen, wirkt er wie ausgewechselt. Für seine Verhältnisse nahezu beschwingt. Das, obwohl die Nervosität, die von ihm ausgeht, den Drang in mir hochkochen lässt, unverzüglich das Fenster zu öffnen, um die schwere Atemluft aufzufrischen. Nur würde die Hitze draußen die Atmosphäre nicht gerade verbessern. Da muss ich schon auf die Klimaanlage vertrauen.

Für einen Moment beiße ich fest die Zähne aufeinander, bevor ich den Blick von dem einfarbig grauen Panorama abwende und zu meinem Boss sehe, nur um festzustellen, dass er seine Aufmerksamkeit längst der Straße zugewandt hat. Ohne in den Rückspiegel zu gucken, wechselt er die Fahrspur, um uns endlich auf den Highway zu bringen, der aus dieser Geisterstadt herausführt.

»Ich rede nicht über das Mädchen. Auch nicht mit dir«, halte ich ein für alle Mal fest.

 

Während Adler das Gaspedal abrupt durchtritt, sodass der Pick-up laut aufröhrt und einen merklichen Satz nach vorn macht, zieht er die Brauen zusammen und scheint tatsächlich zu überlegen, wovon ich spreche. »Aha.«

Natürlich. Meine Anmerkung war vollkommen überflüssig. Das Thema Mia ist für ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt weitestgehend irrelevant, da es für ihn einfach keine Dringlichkeit hat. Schließlich ist er mit seinen Gedanken komplett bei Blair. Wie immer. Seit ein paar Tagen sogar noch intensiver als sonst. Sie ist nicht bei ihm und das macht ihn rasend.

Zwar hat er am laufenden Band zu mir geschaut, wahrscheinlich, weil es ihn verwundert, dass ich nicht wie gewohnt ohne Punkt und Komma vor mich hin schwafele, aber das war wohl der einzige Grund. Indem ich Mia zurück ins Spiel geholt habe, habe ich mir im Prinzip ein Eigentor geschossen.

»Gut«, brumme ich genauso wortkarg und zusammenhanglos wie Adler, verschränke die Arme, lege die Füße auf dem Armaturenbrett ab und schaue wieder aus dem Fenster. Diesmal direkt in den orangefarbenen Streifen am Horizont, der von der Sonne übriggeblieben ist. Wenn wir in der sogenannten Sommerresidenz des Ramirez-Clans ankommen, wird es stockdunkel sein. Keine Ahnung, warum Adler nicht bis morgen warten kann. Er wird jedenfalls seine Gründe haben.

»Ich bin nicht der richtige Ansprechpartner, Chase. Momentan sowieso nicht. Ich muss mich erstmal um meinen eigenen Kram kümmern.« Er räuspert sich, ganz so, als würden ihm diese Worte ordentlich Unbehagen bereiten. Er ist es nicht gewohnt, mit mir über sentimentalen Scheiß zu reden. Das macht er normalerweise nur mit Sny. Wenn überhaupt.

Ich zucke mit den Schultern und ziehe mein Handy aus der Hosentasche. »Mir ist nicht klar, was du meinst.«

Adler stößt ein entnervtes Seufzen aus. »Keine Ahnung, wozu ich dir raten soll. Für gewöhnlich sage ich den Schatten, dass sie zu dir gehen müssen, wenn sie mal wieder Aftersausen oder ähnliche Wehwehchen haben.«

Teilnahmslos lasse ich das Display meines Smartphones aufleuchten und checke meine Nachrichten. Nicht einmal Noyce geht mir heute mit irgendetwas auf den Sack. Ich hätte mich betrinken und mir dann irgendeine Schlampe zum Vögeln suchen sollen. »Ich brauche niemanden zum Ausheulen, falls du deswegen an Aftersausen leiden solltest. So verweichlicht bin ich auch schon wieder nicht. Ich langweile mich bloß. Der Süden ist scheiße.«

 

»Ihr werdet euch einleben.«

»Sag das Demon.« Mein Daumen scrollt sich durch die Kontaktliste und bleibt an Heaven hängen. Eine der Tänzerinnen, die sich in den paar Tagen, seitdem wir das El Paso übernommen haben, bereits an jeden von uns Schatten rangemacht hat. Einschließlich Adlers Cousine. »Was meinst du, wie lange es heute dauern wird?«

»Du hast doch gerade wegen deiner Langeweile herumgejammert.« Wieder wirft er mir dieses irritierte Stirnrunzeln zu. Langsam macht es mich aggressiv.

»Ich würde mir sonst was zum Ficken suchen.«

»Rede mit Sny. Oder Noyce. Vielleicht können die dir helfen.«

Jetzt fängt er wieder damit an! Ich habe doch gerade das Gegenteil behauptet! »Beim Ficken? Nee.«

»Wenn ich wüsste, was genau dein Problem ist, könnte ich dir auch eher sagen, was zu tun ist, Chase.« Nun klingt er selbst angepisst.

»Ich habe kein Problem, Adler. Keine Ahnung, was du von mir willst.« Augenrollend öffne ich Heavens Kontakt und klicke das Nachrichtensymbol an. »Wird das denn heute Nacht noch was? Keinen Bock, was klarzufahren und mir dann nachher ’ne hysterische Kleine antun zu müssen, weil ich sie sitzenlassen habe.«

 

»Ich kann es dir nicht sagen. Ich werde mir Blair zurückholen und falls ich ihren Vater zu fassen bekomme, kann ich für nichts garantieren. Das weißt du.«

»Okay.« Das klingt doch schon besser. Seufzend stecke ich das Handy wieder weg. »Wie wäre es, wenn du sie vögeln gehst, und ich mache in der Zeit ein paar von ihren Familienmitgliedern kalt?«

»Tu was du nicht lassen kannst.« Er schaltet den Tempomat ein und lehnt sich in seinem Sitz zurück. Er scheint sich sichtlich zu entspannen. »Sie heißt Emilia. Emilia Stevens, richtig?«

What the … »Fuck, Adler!« Ruckartig reiße ich meine Beine von der Armatur und würde direkt nach meiner Walther P99 greifen, wenn diese sich wie gewohnt im Handschuhfach und nicht in einer Tasche auf der Rücksitzbank, hinter meinem Sitz befinden würde. Dafür ist mir der Aufwand doch zu groß. Abdrücken würde ich ohnehin nicht. Ich würde sie meinem Boss lediglich an die Schläfe halten, in der Hoffnung, ihm dadurch Mias Klarnamen für immer aus dem Kopf zu treiben.

Allerdings wäre er durch diese Aktion kaum beeindruckt. Ich würde damit einzig und allein meinen Status als einen seiner Schatten riskieren.

Verdammt. Ich kenne ihn einfach zu gut. Und er mich.

 

Dennoch merke ich, wie sich meine Hände unwillkürlich zu Klauen formen – wie dafür geschaffen, um sich um Adlers Kehle zu schließen und Stück für Stück zuzudrücken.

Augenblicklich erstarrt seine Miene zu Eis. Unheimlich. Es ist, als könnte er richtiggehend nachvollziehen, was in dieser Sekunde in mir vorgeht. Ihm scheint klar zu sein, dass er mich bis ins Bodenlose gereizt hat. Sein eisiges Mienenspiel ist eine stumme Warnung an mich, gar nicht erst auf die Idee zu kommen, handgreiflich zu werden. Vor allen Dingen nicht hier im Auto.

Natürlich. Wir haben sozusagen die Plätze getauscht. So muss es sich also anfühlen, wenn ich ihm auf den Sack gehe.

Diese Erkenntnis reicht aus, um mich zur Ruhe zu bewegen und den Blick von Adler abzuwenden, um scheinbar gelangweilt die Straße vor uns zu betrachten.

Nur wenige Autos sind zu dieser Tageszeit in diesem Bereich von New Juarez unterwegs. Von daher ist es kaum nötig, sich derart auf den Verkehr zu konzentrieren wie Adler vorgibt es tun zu müssen – spätestens seitdem er unsere Unterredung auf Mia gelenkt hat. »Du weißt, dass ich meine eigenen Mittel und Wege habe, um etwas herauszufinden«, führt nun ungerührt fort. »Vor allem, wenn es sich um Personen handelt, die es wahrhaftig geschafft haben, meine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Ich muss dir ja nicht sagen, dass ich durch Blair jahrelange Erfahrung im Observieren gesammelt habe – und auch Demon und Sny überwache ich vierundzwanzig Stunden am Tag.«

»Fuck!« Wütend balle ich meine Hände zu Fäusten und presse sie vorsichtshalber neben meinen Oberschenkeln in den Sitz, damit ich meinem Boss nicht doch noch aus dem Affekt heraus eine scheuere. Das wäre äußerst ungünstig. Kinnhaken mit Unfallgarantie, wenn man so will. »Sie geht dich nichts an!«, brülle ich ungehemmt und komme mir sofort wie ein spätpubertierender Vollpfosten vor. Ich weiß, dass ich mir für diese Respektlosigkeit früher oder später meine Quittung abholen werde – nichtsdestotrotz hat Adler soeben eine Grenze überschritten, die er nicht zu überschreiten hat.

Observieren nennt er es! Jeder gewöhnliche Mensch würde es Stalking nennen.

Na ja. Adler ist ganz und gar nicht gewöhnlich. Und ich genauso wenig.

»Doch, Chase. Ich fürchte schon. Ich musste wissen, ob sie – besser gesagt deine kranke Verbindung zu ihr – eine Gefahr für Blair darstellen könnte.« Einen Moment lang sieht er mich an, allerdings weiterhin mit versteinerter Miene. »Meine Prioritäten haben sich vor ein paar Tagen ziemlich verschoben, wie du wohl bemerkt hast. Blair ist meine Schwachstelle. Ein wunder Punkt, den vor allem ihr Vater gegen mich einsetzen wird. Ich muss dir hoffentlich nicht vorbeten, wie viel für mich auf dem Spiel steht.«

Sein verdammtes Imperium. Die komplette Stadt. Er würde sein letztes Hemd für diese Frau geben, um ihre Sicherheit zu gewährleisten, schätze ich.

»Ich werde sie an mich binden. Mit allem, was dazugehört. Sny und Demon stellen längst eine Gefahr für sie da und ich kann es nicht gebrauchen, wenn du, der bisher der Normalste von uns zu sein schien, mir eine Frau anschleppt, die mindestens genauso gestört ist wie meine Cousine.«

Aufgebracht presse ich die Lippen zusammen. Inzwischen balle ich die Fäuste so fest, dass meine Fingernägel sich scharf ins Fleisch bohren. »Ist sie nicht.«

»Was soll der Stuss dann, den du da veranstaltest?« 

Das geht dich einen Scheiß an, verdammt! »Nichts.« »Sie kommt, genau wie du, ursprünglich aus Groß-

britannien. Aus derselben verfickten Kleinstadt, in der du aufgewachsen bist. Ihr habt sogar dieselbe Schule besucht – auch wenn du drei Jahre vor ihr den Abschluss gemacht hast.« Wieder sieht er zu mir und scheint vollkommen zu ignorieren, dass ich zum zweiten Mal kurz davor bin, ihm mit meiner Faust das Maul zu stopfen, ungeachtet der Konsequenzen, die das auf seinen Fahrstil haben würde. »Wie kommt es, dass sie inzwischen ebenfalls in die Staaten ausgewandert – und neulich ausgerechnet nach NJ gezogen ist? Weiß sie von deiner Existenz? Weiß sie, dass du hier wohnst und für mich arbeitest?«

Natürlich weiß sie von meiner Existenz. Nur wird sie in all den Jahren keinen Gedanken an mich verschwendet haben, weil sie davon ausgeht, dass ich nicht mehr am Leben bin. Wundert mich, dass Adler diese Umstände nicht zu kennen scheint. Da hat er wohl nicht tief genug gegraben.

»Nein.« Ich bohre die Fingernägel noch fester in mein Fleisch, schaffe es jedoch mit reichlich Anstrengung, den Blick von ihm abzuwenden. Sobald ich eine Waffe in der Hand halte, werde ich wohl leider zum Berserker mutieren. »Du hast selbst gesagt, dass ich mit meinem Scheiß nicht bei dir anzukommen brauche. Also was, verfickt nochmal, soll jetzt dieses beschissene Verhör, Adler?«

Er schüttelt den Kopf, als wüsste er nicht so genau, was er eigentlich erreichen will. »Stellt sie eine Gefahr für Blair dar?«

»Nein, verdammt.« Es sei denn, Mia kann mal wieder ihre verfluchte Klappe nicht halten.

»Könntest du zu einer Gefahr für Blair werden, falls … die Dinge, die diese Frau betreffen, unerwünschte Auswirkungen haben?«

Fuck. Ehrlich gesagt kann ich für absolut nichts garantieren. »Ich habe es im Griff.«

»Nein, hast du nicht. Solange du kurz davor bist zu explodieren, sobald ich auch nur ihren Namen erwähne, nehme ich dir das nicht ab. Werde sie los.«

»Das kann ich nicht.«

»Wieso nicht? Sie soll von deiner Existenz nichts wissen, habe ich recht?«

»Richtig. Sie weiß nicht, dass ich sie beschatte.« Wahrscheinlich hat sie seit ihren A-Levels – und das, was danach kam – tatsächlich nicht einmal an mich gedacht.

»Alles klar. Du hast drei Tage. Entweder wirst du sie los oder du klärst das mit ihr.«

»Da gibt es nichts zu klären.«

»Gut. Dann werde ich sie für dich los. Ich kann so einen Scheiß nicht gebrauchen.«

»Okay. Ich regele das.«
Er schenkt mir einen zweifelnden Blick. »Sicher?« »Sicher. Es ist wohl an der Zeit, dass ich es tue.«
Er nickt. »Was immer das mit ihr ist. Es ist nicht

gut, Chase. Und wenn du sie nicht ficken willst, solltest du sie loswerden. Sonst wird sie dir bloß Probleme bereiten.«

Du bereitest mir keine Probleme, Mia.

Du bist das Problem.

Natürlich will ich dich ficken.
Das wollte ich immer.
Doch war ich niemals gut genug für dich.
Im Gegenteil.
Du hast mein Leben zerstört und dafür werde ich

deines zerstören.
Langsam und qualvoll.
Ich bin noch längst nicht fertig.

 

Drei

Chase

E ndlich erreichen wir die schier endlose Auffahrt zum Grundstück der ramirezschen Sommerresidenz.

Erneut tritt Adler ungehemmt das Gaspedal durch, sodass die durchdrehenden Reifen des Raptors sich im ersten Moment knirschend in den schneeweißen Kies graben – doch schon in der darauffolgenden Sekunde geht ein Ruck durch das tonnenschwere Fahrzeug. Der Pick-up kämpft sich frei und schießt augenblicklich nach vorn, wobei er vereinzelte lose Steine in gemeingefährliche Wurfgeschosse verwandelt.

Skeptisch schaue ich aus dem Fenster. Weit und breit keine Security, die uns eigentlich hätte aufhalten müssen. Es ist, als habe man mit unserer Ankunft längst gerechnet.

Man dürfte in diesem Fall Antonio Ramirez sein. Im Prinzip wirkt es fast so, als wäre es eine Art höfliche Botschaft an uns, dass er den Sicherheitsdienst abgezogen hat. Eine Einladung.

Doch die tatsächliche Botschaft zwischen den Zeilen entgeht mir genauso wenig, wie sie vermutlich meinem Boss entgeht: Wir dürfen Blairs Vater nicht unterschätzen. Niemals.

Unvermittelt dringt ein leises Ping aus den Lautsprechern des Autos. »Demon anrufen«, kommt es von Adler.

Unter normalen Umständen hätte er mir den Befehl erteilt, dieses Telefonat zu führen, aber … na ja. Demon würde aller Wahrscheinlichkeit nach keinerlei Hemmungen zeigen, mich einfach wegzudrücken. Schätzungsweise ist ihr Cousin ohnehin der Einzige, bei dem sie überhaupt das Gespräch annimmt. 

»Vaughn, sag mir bitte, dass einer von den beschränkten Flachwichsern auf dem Weg hierher ist, um mich endlich abzulösen«, werden wir von einer weiblichen Stimme begrüßt.

Mit beschränkten Flachwichsern meint sie selbstverständlich Sny, Noyce, Thorne und mich.

»Chase und ich sind in einer Minute da, um Blair abzuholen. Sieh zu, dass uns keine netten Überraschungen erwarten.« 

»Was?! Wie soll ich …« Er lässt sie gar nicht weiter zu Wort kommen. Er würgt sie einfach ab.

So muss das. Demon ist nämlich von Haus aus unausstehlich und da Adler ausgerechnet sie bei Blair abgestellt hat, um ihre persönliche Leibgarde zu spielen, wird ihre Laune richtig beschissen sein. Jetzt kommt noch hinzu, dass er mich anschleppt: Mir will sie aus unterschiedlichen Gründen mindestens genauso dringend an die Gurgel gehen, wie jedem einzelnen Familienmitglied des Ramirez-Clans.

Ich schätze, Adlers Cousine verwandelt sich gerade in eine tickende Zeitbombe.

Gut für mich. Falls ich gleich niemanden finden sollte, an dem ich mein schlechte Laune auslassen kann, wird Demon sich mit Sicherheit auf eine gepflegte Prügelei mit mir einlassen.

Der Abend verspricht doch noch einigermaßen spaßig zu werden.

Allerdings scheint diese beschissene Zufahrtsstraße echt kein Ende zu nehmen. Soweit man dank der großzügig ausgeleuchteten Umgebung erkennen kann, durchqueren wir gerade ein – für die von starker Dürre betroffenen Landschaft – überraschend grünes Parkgelände.

»Guck dir den Scheiß hier an. Wegen der aktuellen Trockenheit wurde den Bewohnern des Südens das Trinkwasser rationiert, während hier mehrere Hektar Land aus purer Sinnlosigkeit heraus täglich bewässert werden. Einfach nur, damit diejenigen aus Blairs verdammter Sippe, die spontan die Sommerresidenz besuchen könnten, es hübsch haben.«

Auf Anhieb gebe ich ein geringschätziges Schnauben von mir. »Worüber regst du dich eigentlich auf, Adler? Fass dir doch mal an die eigene Nase. Deine Sippe ist in Besitz von mehreren Golfplätzen, die derzeit kaum genutzt werden, weil die Hitze unerträglich ist.«

»Allerdings wird im Norden niemandem das Trinkwasser rationiert«, entgegnet er erwartungsgemäß und schenkt mir ein irritiertes Stirnrunzeln.

»Klar, aber das Wasser muss ja trotzdem irgendwo herkommen. Du weißt doch selbst, dass gegenwärtig die Reserven aus benachbarten texanischen Territorien angezapft werden. Das klappt nur, weil du entweder gewisse Gefallen einforderst oder weil die entsprechenden Leithammel sich wiederum fürstlich dafür entlohnen lassen.« Eine Sekunde halte ich inne, um mich von meinem Boss anmotzen zu lassen, ob ich ihn denn hinter seinem Rücken ebenfalls als Leithammel bezeichne. Doch es kommt nichts. »Der wohlhabende Norden von New Juarez ist natürlich bereit, die ansteigenden Kosten zu bezahlen, damit weiterhin mehrmals täglich geduscht werden kann«, setze ich also leicht verwirrt fort. »Die Bewohner des Südens können es sich nicht leisten. Von daher war Antonio Ramirez’ weise Entscheidung, das Trinkwasser zu rationieren, damit er nicht irgendwelche Gefallen einfordern muss oder sogar auf den Beschaffungskosten sitzenbleibt, da die Leute ihre Rechnungen eh nicht begleichen können.«

»Scheiße, du hast recht.«

Dies ist einer der Momente, die ich mir definitiv rot im Kalender markieren sollte. Adler gibt offen zu, dass er im Unrecht ist. Wow. »Mit dem Süden von NJ hast du dir eine ganz schön schwere Bürde auferlegt, was?«

Er gibt ein erschöpftes Seufzen von sich. »Solange du nicht anfängst, Blair als schwere Bürde zu bezeichnen, ist mir das verdammt egal.«

»Sie ist eine Frau. Bei denen ist doch von vornherein klar, dass man sich mit ihnen gleich mehrere Probleme einfängt«, bemerke ich mit einem humorlosen Lachen, während mein Boss mich durchdringend anfunkelt. »Außerdem befinden wir uns gerade außerhalb der Stadtgrenzen. Dieses Grundstück bleibt in Ramirez-Besitz. Was den Wasser- und Stromverbrauch betrifft, kannst du also nichts machen, würde ich sagen«, finde ich unverzüglich zurück zum eigentlichen Thema. »Es gehört irgendeinem von Blairs fetten Onkeln. Ihr Daddy gibt bloß gerne vor, als wäre der Familienbesitz sein Besitz.«

Als Antwort erhalte ich lediglich ein angepisstes Brummen, womit die Angelegenheit wohl auch endgültig abgehakt ist: Direkt vor dem Eingangstor zu dem Gebäude, das mich in Aufmachung und Stil an eine verfickte überdimensionale Finca erinnert, macht er eine Vollbremsung. Wieder spritzen Kieselsteine zu allen Seiten – und während ich noch damit beschäftigt bin, mich abzuschnallen, springt Adler bereits aus dem Wagen.

Mit ausgreifenden Schritten wühlt er sich durch den Kies und denkt offenbar nicht im Traum daran, vor der verschlossenen Massivholztür haltzumachen. Möglicherweise spielt er sogar mit dem Gedanken, sie einfach einzurennen. Jedenfalls scheint er sein Tempo nicht reduzieren zu wollen; wobei sich ein unrealistischer Teil meines Gehirns durchaus vorstellen kann, dass diese Tür einem missgestimmten Vaughn Adler niemals standhalten würde. In wenigen Sekunden wird das Geräusch von splitterndem Holz zu vernehmen sein und gleich darauf nur noch ein Loch in Form seiner Silhouette davon zeugen, dass meinen Boss absolut nichts aufhalten kann, sobald er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.

Dieses Mal wird er sich sein Eigentum in Gestalt von Blair Ramirez zurückholen und niemals wieder loslassen.

In der Realität wird die Tür jetzt allerdings wie von Zauberhand aufgerissen, sodass Adler augenblicklich – und ohne innezuhalten – in den Schatten der Eingangshalle verschwindet.

Augenrollend erwache ich aus meiner nahezu faszinierten Erstarrung, beuge mich hinter den Sitz und ziehe die lederne Sporttasche hervor, in der sich ein ganzes Arsenal an Schusswaffen und anderem Firlefanz befindet. Nachdem ich etwas geistesabwesend darin herumgekramt habe, zücke ich letzten Endes einen Schlagring und stopfe ihn mir in die Hosentasche, bevor ich selbst aus dem Pick-up steige und ihn mit gelassenen Schritten umrunde.

Ein kurzer Rundblick hat mir bewiesen, was ich mir bereits gedacht habe: Nicht die geringste Spur von irgendwelchen Securitys. Keine Angestellten. Der Laden ist wie ausgestorben.

Dennoch stellen sich mir die Nackenhaare auf, während ich schließlich in Seelenruhe die Fahrgasttür öffne, hinter der sich die Waffentasche befindet. Das Gefühl, gleich aus mehreren Himmelsrichtungen beobachtet zu werden, macht sich breit.

Scharfschützen womöglich.
Sny würde jetzt einer abgehen. Schätze ich. Viel 
wahrscheinlicher ist allerdings, dass er Adler spätestens bei der Grundstückseinfahrt darum gebeten hätte, ihn rauszulassen. Dann wäre er innerhalb eines Wimpernschlags mit den Schatten verschmolzen und hätte sämtliche Scharfschützen, die mich aktuell im Visier haben, längst mit seinem eigenen TAC-50 erledigt.

Gemächlich ziehe ich nun nochmals den Reißverschluss der schwarzen Reisetasche auf, während ich nach scheinbar unbedeutenden Bewegungen oder Lichtreflexionen im Augenwinkel zu achten beginne.

Lichtreflexionen. Witzig. Verdammt beschissene Idee, im Dunkeln ins verdammte Herz des Ramirezterritoriums zu fahren, um die verdammte Prinzessin endgültig aus den Klauen des Drachens befreien zu wollen.

Als ich das Griffstück einer Handwaffe befühle, halte ich einen Augenblick lang inne und lasse meinen Blick erneut über den in warmen Farben ausgeleuchteten Platz schweifen. Hie und da befinden sich in den Boden eingelassene Spots und in der Mitte des Rondells ragt eine monströse, marmorne und vor allem theatralisch gestaltete Brunnenanlage empor.

Wahrscheinlich dient sie ausschließlich dazu, um etwaigen Besuchern dieser Sommerresidenz einen Hauch Hollywoodflair zukommen zu lassen – und erst recht, um den außerordentlichen Reichtum des Ramirez-Clans zu demonstrieren.

 

Die meisten Spots sind direkt auf die nackten Marmor-Engel mit winzigen Marmor-Schwänzen gerichtet, die mit Märtyrermiene und wenig beeindruckenden Marmor-Schwertern gegen ein schlangenähnliches Meeresungeheuer kämpfen.

Wie schon so oft frage ich mich, warum die Bildhauer ihren Figuren grundsätzlich einen endlos idealisierten Körperbau andichten, wenn ihren Schwänzen im Vergleich dazu gerade einmal die Größe einer verschrumpelten Essiggurke zugestanden wird. Keine Ahnung, ob ein großer, idealisierter Schwanz sich nur erschwert aus einem Stück Marmor herauskloppen lässt. Vielleicht ist es auch etwas Psychologisches. Penisneid, oder so. Die Befürchtung, dass die Betrachter sich nicht auf das dargestellte Geschehen, sondern zu sehr auf die wohlgeformten Proportionen ihrer Werke konzentrieren, kann es nicht sein. Ansonsten sollten die Bildhauer eventuell mal die Sache mit dem athletischen Körperbau sein lassen.

»Der Leviathan in seinem Todeskampf«, höre ich auf einmal eine männliche Stimme in meinem Rücken, die mir so aus dem Stegreif nicht bekannt vorkommt. Spontan würde ich auf eben den Mann tippen, der Adler noch weniger begegnen sollte als mir.

Angespannt drücke ich die Schultern durch.

 

»Nehmen wir mal an, ich würde jetzt die P99, die sich gerade in meiner Hand befindet, auf Blairs Vater richten – hätte ich dann innerhalb von Sekundenbruchteilen selbst eine Kugel im Schädel?«, spreche ich meinen Gedankengang laut aus.

»Hättest du. Ja«, antwortet die männliche Stimme, deren Schmunzeln sich kaum überhören lässt.

»Okay.« Ich nicke, hebe die Hände an den Kopf, verschränke sie im Nacken und drehe mich gemächlich um. Dabei lasse ich mein Augenmerk unverhohlen über den Platz und dann über das Dach des Gebäudes schweifen.

Erst danach schenke ich Antonio Ramirez meine Beachtung, reagiere auf sein spöttisches Schmunzeln mit einem schiefen Grinsen, lehne mich an die C- Säule des Pick-ups, lasse die Hände sinken und schiebe sie in die Hosentaschen meiner Jeans.

»Du bist Chase«, stellt er mit einem Blick auf mein Game of Thrones T-Shirt fest, auf dem ein brüllender Löwenkopf und der Schriftzug Hear Me Roar abgebildet sind.

»Und du bist informiert«, gebe ich zurück. »Und dabei, dich zu verpissen, vermute ich.«

Überrascht neigt Ramirez den Kopf zur Seite. »Richtig.« Er zieht das Wort auffällig in die Länge – ein Zeichen seines Misstrauens mir gegenüber.

Dennoch macht er augenblicklich mit seiner Rechten eine drehende Bewegung in der Luft. Hat wohl zu bedeuten, dass diejenigen, die ihre Waffen auf mich richten, unverzüglich abziehen sollen. »Du lässt mich also nicht gehen.«

Ich zucke mit den Achseln. Mir ist es gleich, ob ich mich im Nachteil befinde, oder nicht. Heute ist mir schon so viel Scheiß untergekommen, dass sich fast eine gewisse Art von Lebensmüdigkeit in meinem Kopf ausbreitet. »Wieso sollte ich? Mein Boss wird die eine oder andere Angelegenheit mit dir klären wollen … und deine Tochter möchte sich bestimmt auch noch von dir verabschieden.«

Ramirez verschränkt die Arme vor der Brust und beginnt, mich von oben bis unten zu mustern. »Woher willst du wissen, ob ich mich von ihr verabschiedet habe oder nicht?«

»Hast du nicht«, lege ich fest, schiebe meine Finger, die sich nach wie vor in den Hosentaschen befinden, in den Schlagring, hole ohne Zeitverzug aus und lasse meine Faust zielsicher auf Ramirez’ Kiefer niederschmettern.

Die Aktion geschieht so schnell und offensichtlich unerwartet, dass sein Kopf ungebremst zur Seite fliegt. Blutstropfen verteilen sich auf dem schneeweißen Kies und vielleicht sogar der eine oder andere Zahn.

Zu verdattert, um auch nur irgendeinen Laut von sich zu geben, torkelt Ramirez halb rückwärts, halb seitwärts und kann sich von der Wucht meines Schlages gerade so auf den Beinen halten. Seine Hand schnellt zum Kiefer, während er sich schließlich doch noch fluchend vornüberbeugt und den Kies mit einer weiteren Ladung Blut bespuckt.

Die Zeitspanne, die ich benötige, um den Schlagring zurück in die Hose zu schieben, in die Reisetasche hinter mich zu greifen und die P99 herauszuholen. Ich mache einen Schritt auf Ramirez zu und halte ihm die Mündung der Waffe im selben Moment an die Stirn, wie er sich wieder aufrichtet und mich aus funkelnden Augen anstarrt.

Da ist etwas in seinem Blick, das ich die ganze Zeit gesucht habe. Die Art von bösartiger Verschlagenheit, die ich in ihm vermutet habe: Antonio Ramirez ist mit allen Wassern gewaschen.

»Verdammt, ich habe dich unterschätzt«, murmelt er grimmig.

»Das tun viele.« Ich zucke mit den Schultern. »Der Kinnhaken war dafür, dass ich auf unabsehbare Zeit gezwungen bin, in dem dreckigen Nachtclub deiner Tochter zu wohnen.« Ich entsichere die P99. »Außerdem fallen mir gleich mehrere Gründe ein, um dich ruhigen Gewissens abknallen zu dürfen, Wichser. Einer davon ist meine schlechte Laune.«

Ramirez gibt ein scheinbar beeindrucktes Brummen von sich und nickt. »Du würdest dich gut bei meinen Leuten machen. Wie wär’s? Ein Neustart in Austin? Dann musst du auch nicht in dem dreckigen Nachtclub meiner Tochter wohnen.«

Brennende Entrüstung beginnt in meinen Adern zu lodern und frisst sich einen Weg bis in mein Gehirn. Es wäre so leicht, einfach abzudrücken. So leicht, diesem Pisser zu beweisen, dass ich tatsächlich ernst mache.

Von Zeit zu Zeit könnte ich regelrecht abkotzen, weil ich mir mit meinem ausgelassenen Getue im Grunde selbst ein Bein stelle: Sogar wenn ich etwas genau so meine wie ich es sage, denken die meisten, dass ich ein paar Witze vom Stapel lasse. »Wie ich sehe, ist mir mein Ruf vorausgeeilt«, gebe ich zurück. Mein Zeigefinger zuckt am Abzug. »Obwohl ich dir eine Waffe an den Kopf halte, meinst du, das sind nur Faxen. Falsch gedacht.«

»Chase!« Scheiße. Demon. Die hat mir gerade noch gefehlt.

Ich drücke ab.

Allerdings habe ich den Lauf der P99 im letzten Moment zur Seite gerissen, sodass die Kugel haarscharf an Ramirez’ Ohr vorbeischrammt. Dafür trifft sie zielsicher den Schädel eines marmornen Engels, der sein Schwert erhoben hat, um dem Leviathan den Kopf abzutrennen.

 

Wenigstens dürfte jetzt Ramirez’ Trommelfell geplatzt sein.

Wie zur Bestätigung schlägt er sich augenblicklich eine Hand ans Ohr und stolpert zur Seite.

»Sag mal, spinnst du?!«, faucht Demon mich an, die in dieser Sekunde angeschossen kommt und mir die Waffe aus der Hand reißt. »So sehr ich dein Vorhaben, den Pisser kaltzumachen, auch respektiere – diese Ehre gebührt uns Adlers. Außerdem würde Blair dich umbringen.«

»Hmm«, mache ich unbeeindruckt und ignoriere die Tatsache, dass sie einerseits ungewohnt besonnen erscheint und andererseits den Blairs Namen ausspricht, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, gleich kotzen zu müssen. »Das ist gar kein Marmor, sondern Gips.« Ich zeige zu der Engelsstatue, der durch den Beschuss der halbe Kopf weggebröckelt ist.

»Japp«, gibt Demon zurück, womöglich froh darüber, dass ich ihre Steilvorlage, sie aufzuziehen, nicht angenommen habe. »Alles Fake hier.«

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