Leseprobe zu Million Dollar Story

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

 

Prolog

Emily

 

Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. An den Geruch von kaltem Rauch, weil die anderen im Geheimen Zigaretten qualmen. An die Enge, da die Klokabine nicht einmal so groß ist, dass ein normales Fenster reinpasst, das man öffnen kann.

Nach den letzten Malen weiß ich, dass es vergeblich ist, nach Hilfe zu rufen. Die Lehrer sind mit ihren Klassen beschäftigt, der Hausmeister ignoriert entweder meine Rufe oder er hört sie ebenso wenig.

»Kinder können furchtbar grausam sein«, hatte meine Mutter gesagt, als ich ihr zum ersten Mal davon unter Tränen erzählt habe. Sie strich mir über den Rücken und lächelt dann. »Aber. Jede Schwierige Situation, die du meisterst, bleibt dir in der Zukunft erspart«, zitierte sie den Dalai Lama, wie so oft.

Ich hatte nur genickt, denn obwohl ich glaubte, dass meine Mitschüler irgendwann sicherlich das Interesse an mir verlieren, passierte das Gegenteil. Irgendwie scheint es ihnen zu gefallen, mich ständig in neue, blöde Situationen zu bringen.

So auch letzte Woche, als sie mein Kantinenessen über mir ausschütteten und dafür sorgten, dass ich ohne Mahlzeit zurück in den Unterricht musste.

Eine Träne verirrt sich auf meiner Wange. Eigentlich hatte ich wirklich gehofft, dass es besser werden würde. Beziehungsweise ganz zu Beginn hatte ich die Hoffnung, dass mich die Mitschüler sogar akzeptieren. Schließlich habe ich mir das Stipendium für einen der besten Schulen des Staates erarbeitet. Anders als diese ganze Schlitzohren, die von ihren Familien besteuert werden. Sicherlich zahlen sie Unsummen dafür, dass ihre missratenen Kinder hier lernen dürfen.

Komisch, dass sie sich deshalb auch für etwas Besseres halten, obgleich ich es dafür mit echter Intelligenz geschafft habe. Vermutlich wird diese Welt zu Menschen wie mir nie fair sein und es ist besser, wenn ich mich daran gewöhne. 

Die vordere Tür zur Mädchentoilette knarrt leise. Augenblicklich bleibt mein Herz stehen. Jemand betritt den Raum, oder?

Sofort wische ich mir die Tränen von den Wangen. Könnte das meine Rettung sein? Die kleine, zierliche Lehrerin, die als einzige versteht, weshalb ich so oft im Unterricht fehle? Oder ist es einer meiner Peiniger, der sich vom Unterricht gestohlen hat, um mir noch den Rest zu geben.

»Emily?« Es ist Mrs Paul. Erleichtert atme ich auf.

»Ich bin hier. Es tut mir leid, die anderen, also …ich wollte nicht zu spät kommen«, beeile ich mich zu sagen, da ich inzwischen bei vielen anderen Lehrern schon Einträge habe und sie deshalb nicht gerade gut auf mich zu sprechen sind. Hätte ich nicht so hervorragende Noten, wäre ich sicherlich schon von der Schule geflogen. Aber wie soll ich denen denn erklären, dass die Jungs mich tyrannisieren? Die würden doch sowieso nichts unternehmen und alles würde nur schlimmer werden!

Ich höre Mrs Paul laut ausatmen, dann vernehme ich ein schabendes Geräusch und im nächsten Moment wird die Tür geöffnet. Hastig rapple ich mich vom Klodeckel auf.

Die Lehrerin steht mit diesem mitleidigen Lächeln vor mir. Sie hat die Hände vor dem Rock gefaltet und mustert mich. Ihr Haar trägt sie in einem hohen Pferdeschwanz, die großen Kulleraugen blicken mich an.

»Haben Sie dich wieder eingesperrt?« Ich kann Mrs Paul ansehen, dass sie sichtlich von dieser Tatsache mitgenommen ist. Ich nicke und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Sie soll nicht sehen, wie krass schlimm ich das finde. Mann, ich bin Vierzehn und kein Baby mehr! Dann ärgern mich die anderen eben, was ist schon dabei?

»Das habe ich mir gedacht, als sie kollektiv behaupteten, du wärst einfach verschwunden.« Mrs Pauls blaue Augen gleiten über mich, als wolle sie mich röntgen und somit in mein Innerstes gucken.

Räuspernd schiebe ich mich an ihr vorbei, in den Vorraum der Mädchentoilette.

»Du darfst dir das nicht gefallen lassen Emily!«, redet Mrs Paul auf mich ein, während ich an das Waschbecken gehe, um aus dem Wasserhahn zu trinken. Schließlich war ich rund anderthalb Stunden eingesperrt und mal abgesehen von dem Hunger, der sich langsam breit macht, da ich kein Mittagessen hatte, bringt mich der Durst fast um.

»Was sollen wir denn nur mit dir machen!« Mrs Paul redet mehr mit sich selbst, trotzdem hebe ich den Kopf. »Nichts. Ich bin einfach ein Außenseiter. Wohl oder übel muss ich es die nächsten drei Jahre noch über mich ergehen lassen. Dann folgt die High-School und das College und sicherlich wird da alles besser.«

Allein der Gedanke an die nächste Zeit treibt einen Schauer über meinen Rücken. Keine Ahnung, ob ich das wirklich schaffe. Es wird schwer, mich dem jeden Tag aufs Neue zu stellen. Erneut läuft eine Träne über meine Wange.

Mrs Paul kommt näher. Sie versucht meinen Blick einzufangen und obwohl ich ihr so unbedingt ausweichen will, gelingt es ihr. Das kühle Blau ihrer Iriden funkelt, während sie ihre Arme ausbreitet und nach mir greift. Ich gebe nach. Zum Teufel mit den vierzehn Jahren und meiner Unabhängigkeit. Pah! Kein Baby! Natürlich möchte ich das die anderen endlich aufhören. Ist doch klar, dass mir ihre ständige Tyrannei zusetzt und dass ich kaum noch eine Nacht schlafen kann, weil ich Angst habe am nächsten Tag in die Schule zu gehen.

»Es tut mir leid, Emily«, murmelt Mrs Paul an mein Ohr und drückt mich enger an sich. Diese Zärtlichkeit löst eine kurze Welle des Glücks in mir aus. Während meine Mutter ständig arbeitet, um uns über Wasser zu halten, hat sie kaum Zeit sich meine Probleme anzuhören. Und das ist okay. Letztlich weiß ich, dass sie alles dafür tut, damit ich überhaupt auf diese Schule gehen kann.

Mrs Paul löst sich ein bisschen von mir und sieht mir wieder tief in die Augen. »Wenn du möchtest, können wir mit der Dekanin sprechen. Vielleicht kann sie …«

Ich unterbreche die Lehrerin, in dem ich heftig mit dem Kopf schüttle. »Sie haben echt keine Ahnung, was die alles mit mir machen! Das würde alles doch nur schlimmer und dann …«

Die Lehrerin beißt sich betreten auf die Lippe, atmet angestrengt und lässt die Schultern sinken. Nickend wendet sich von mir ab. »Weißt du, ich wurde auch ziemlich gepiesackt, als ich jung war.«

Ich lege die Stirn in Falten. Unwillkürlich schweift mein Blick über Mrs Paul. Sie ist wunderschön, groß, hat eine gute Figur, blonde Haare, das perfekte Gesicht und kugelrunde, blaue Augen. Seien wir mal ehrlich, aber sie ist das komplette Gegenteil von mir. Wenn ich so aussehen würde, wäre ich wohl kein Problem für die anderen.

»Sie müssen das echt nicht sagen«, grummle ich deshalb nur und möchte schon an Mrs Paul vorbeigehen, aber sie hält mich fest. Ich wirble herum und gucke in die großen Augen.

Ein zartes Lächeln umspielt ihren Mund. »Ja, ich weiß, dass es dir schwerfällt, das zu glauben. Aber ich unterrichte nun die Kinder, der Menschen, die mich in meinem Leben schlecht behandelt haben. Ich hatte selbst ein Stipendium für Harvard. Mein Vater zog mich allein groß, wir hatten kaum Geld und lebten in einem ziemlich üblen Wohnblock. Meine Klamotten waren immer abgetragen, mein Haar durch die Pubertät ganz fettig und« Mrs Paul grinst nun ein bisschen belustigt. »Ich trug eine ebenso wundervolle Brille wie du.« Sie guckt mich nun wieder an. So richtig kann ich mir nicht vorstellen, dass sie einmal in meiner Position gewesen sin soll. Schließlich trägt sie, dem Schulklientel, angemessene Kleidung, hat einen Ehemann namens George Michaels, das sagt doch schon so einiges und wenn mich nichts irrt, habe ich sie des Öfteren mit einem schicken Mercedes vom Hof fahren sehen. Diese hübsche Frau soll echt mal gemobbt worden sein?

»Die Jahre an der Highschool waren übel, die Jahre im College danach fast noch schlimmer, aber nun …« Mrs Paul schmunzelt zufrieden und zuckt mit den Schultern. »Ich kann mich nicht beklagen.«

Meine Stirn legt sich in Falten. Aber wie hat sie das denn geschafft? Wie konnte sie aushalten, was die anderen mit mir ständig machen?

Offenbar kann meine Lehrerin Gedanken lesen, denn sie seufzt und nickt. »Ja, es war hart. Weißt du aber, was mich aufrecht gehalten hat?«

Interessiert deute ich ein Kopfschütteln an.

Das Lächeln auf Mrs Pauls Gesicht wird noch weicher. Sie verschränkt zufrieden die Arme. »Dass ich nun die Noten der Kinder, meiner damaligen Mobber verteilen darf. Und nicht nur das, ich kann sogar dafür sorgen, dass es nicht mehr ganz so ungerecht zugeht, wie in den früheren Zeiten. Bestechungen gibt es bei mir nämlich nicht! Lehrerin für diese kleinen Biester zu sein bringt ungeahnte Vorteile mit sich.«

Leicht nicke ich. Möchte sie mir damit sagen, dass ich es ihnen irgendwann heimzahlen kann?

Auch auf diese unausgesprochene Frage hat Mrs Paul eine Antwort. »Rache ist süß, Emily. Vergiss das nicht.«

Kapitel 1

Emily

 

»Vergiss es!« Daniel hält sofort beschwichtigend die Arme nach oben und sieht mich mit seinen viel zu großen, dunklen Augen an. »Heute habe ich nichts für dich.« Ich setze meinen Welpenblick auf, der bei Daniel eigentlich doch immer zieht.

Er schüttelt aber den Kopf, lehnt sich mir entgegen und senkt seine Stimme. »Das geht echt nicht mehr. Ich stehe kurz vor einer Beförderung, und die kann ich nicht für dich aufs Spiel setzen.«

Ich schnalze mit der Zunge. »Bitte«

Doch mein Flehen scheint Daniel nicht im Geringsten zu interessieren. Er wendet sich sogar ein wenig von mir ab und beginnt einen Ordner, der auf dem Tresen vor ihm liegt, zu durchblättern.

Als wir uns damals bei einem Selbsthilfekurs kennengelernt haben, und wir einen Box-Sack anschreien sollten, stellten wir fest, dass Wut auch eine Gemeinsamkeit sein kann. Denn davon hatten wir beide genug. Daniel war wütend auf die zahlreichen Hotelmanager, die ihn behandelten wie Dreck. Er war verärgert über die stinkreichen Gäste, die ihn für Abschaum hielten. Und irgendwie war dies unsere Gemeinsamkeit. Unsere Verbindung. Denn ich empfand genauso wie er nur Verachtung für die Oberschicht Manhattans. Nach ein paar Gläser Wein, nach dem Kurs, entschieden wir uns, zusammen gegen die High Society anzugehen. Er wollte mein Informant sein, ich ihm im Gegenzug dafür meine Vorteile des Senders entgegenbringen. So saß Daniel an Samstagen manchmal in der Privatlounge bei einem Spiel der Tigers, während ich daneben einen Bericht über irgendeinen stinkreichen Typen verfasste.

Diese Zeiten sind nun allerdings vorbei. So glaube ich zumindest, denn mein guter Freund wirkt heute so unsagbar standhaft, als wolle er unseren Deal ein für alle Mal brechen.

»Komm schon«, flehe ich und ziehe eine Schnute. Er muss mir einfach helfen. Über Denver Fitzgerald, diesem miesen, kleinen Idioten gibt es fast nichts herauszufinden. Natürlich haben einige meiner anderen Informanten im Netzwerk mich schon mit ein paar Informationen versorgt. Allerdings würde ich mich freuen, wenn Daniel noch irgendetwas zu Denvers Browserverlauf im Internet hätte, den das Evergreen, eines der erfolgreichsten Hotels in Manhattan, aufzeichnet. Oder eventuell irgendetwas spannendes auf einer Überwachungskamera. Schließlich erwartet Denver ein Kind mit seiner Frau und was wäre da skandalöser als eine Affäre.

Daniel, der Page des Hotels, atmet angestrengt aus. Ich setze erneut den Welpenblick auf und hoffe, er wird dadurch weich. Er scheint tatsächlich darüber nachzudenken mir wenigstens ein paar Informationen zu zuspielen. Ich klimpere bittend mit meinen Wimpern, was bis jetzt eigentlich auch den stärksten Kerl in die Knie gezwungen hat. Noch bevor er nachgebend Seufzen kann, erkenne ich in Daniels Gesicht die Kapitulation. Yey!

»Was brauchst du?«, murmelt er und wendet sich an die Tastatur vor ihm. Er gibt etwas ein, wahrscheinlich seine Zugangsdaten und sieht dann zu mir auf, als würde ich ihn zwingen halbnackt über den Times Square zu laufen.

»Danke, Daniel!« Ich grinse und klatsche mir erleichtert in die Hände. Er klickt auf die Maus und blickt gebannt auf den Bildschirm, der mir verborgen bleibt.

»Gib mir alles was du hast« Ich grinse ihn dankbar an, was ihn nur dazu bringt eine Grimasse zu ziehen. Sein hübsches Gesicht, das sonst immer irgendwie an Matt Damon erinnert, wirkt damit kindlicher.

Eigentlich sieht Daniel super aus. Er wäre genau mein Typ. Groß, durchtrainiert, schwarzhaarig und mit diesen tiefgründigen, blauen Augen. Allerdings steht Daniel nicht auf Frauen. Eine Schande. Denn auch charakterlich ist der Kerl ein äußerst guter Fang. Zudem hat er die gleichen Prinzipen wie ich. Naja, zumindest hatte er diese.

Denn ich würde wirklich alles machen, um Manhattans, Pseudo-Hugh-Hefner-Christian-Greys in meiner Kolumne, in Verruf zu bringen. Sei es auf den Wintergarten, des Wellnessbereich zu klettern, um einen von ihnen auf frischer Tat mit seiner Affäre zu ertappen oder hier herumzulungern, bis mir dieser Fitzgerald persönlich mit einer anderen Frau über den Weg läuft. Schade, dass ich heute allerdings keine Zeit dafür habe, denn der Artikel muss abgeben werden.

Seufzend überreicht mir Daniel die Unterlagen. So diskret wie nur möglich sich. »Miss, ich hoffe ihr Aufenthalt hat ihnen gefallen« Lächelnd schiebt er die Dokumente über das Holz des Tresens in der Eingangshalle des Hotels.

Dankbar lächle ich zurück.

»Das nächste Mal, rufst du mich vorher an und wir treffen uns auf einen Smoothie«, murmelt er und gibt sich damit geschlagen, mir noch ein weiteres Mal zu helfen.

»Danke«, stoße ich erleichtert aus. »Und, was wenn ich jetzt nach oben fahre«, frage ich und verziehe den Mund nachdenklich. »Also ganz hypothetisch. Würde ich Denver da über den Weg laufen?«  Meine Stimme ist nur ein Flüstern, trotzdem räuspert sich Daniel mahnend und guckt freundlich zu seinen Kollegen. Diese mustern uns schon fragend.

Daniel stützt sich genervt auf seinem Schreibtisch ab. In seinen Augen spielt sich eine Mischung aus Belustigung und ernsthafter Sorge wider. »Emily, bitte.«

Ich seufze und verdrehe die Augen. »Daniel, hypothetisch! Könnte ich ein Foto von ihm mit einer anderen kriegen, oder nicht?«

Der Page atmet angestrengt die Luft aus und ringt sich ein Lächeln ab, da ein paar Gäste, bei einer seiner Kolleginnen, hinter dem Tresen, auschecken wollen.

Daniel kommt um die Theke herum. Ich folge ihm mit meinem Blick, bis er vor mir zum Stehen kommt. Er greift nach meinem Ärmel, mit diesem viel zu liebevollen Ausdruck auf dem Gesicht, das ja keiner seiner Gäste etwas von unserer eigentlichen Auseinandersetzung mitbekommt. Er schiebt mich in eine Tür, nicht weit entfernt vom Eingang und schlägt sie dann hinter uns zu.

»Emily! Es reicht!«, motzt er sofort.

Ich sehe mich einen Moment in der kleinen Putzkammer um. Das Licht ist spärlich, ein Wagen mit Eimer und Wischer nehmen den meisten Platz ein, weshalb ich mich kaum bewegen kann. Doch jetzt wird es noch enger, da Daniel mit erhobenem Finger näher kommt und mich in die Ecke drängt.

»Ich helfe dir echt gern.«

»Aber?«

»Mein Job steht auf dem Spiel. Ich könnte ernsthafte Schwierigkeiten bekommen.«

»Das war dir früher doch auch egal«, murmle ich. Daniel nickt heftig. »Früher! Da war ich wütend, weil ich kein Teil dieser High Society war. Inzwischen könnte ich aber einer davon sein. Ich werde nämlich ein ›Ober-Page‹.« Stolz reckt Daniel das Kinn.

Es freut mich, dass mein Freund befördert wird. Allerdings macht es mich auch traurig, dass Daniel nicht mehr so empfindet wie ich.

»Vielleicht solltest du die Sache endlich mal ruhen lassen. Hass ist nicht gut. Das wird dich irgendwann zu einer zynischen, alten Lady machen.«

Es sticht in meinem Herzen. Ist das denn tatsächlich sein Ernst? Mutiert er jetzt auch zu einem Ja-Sager, der für die reichen Schnösel den Depp spielt und das auch noch für völlig gerechtfertigt hält?

»Möchtest du mir damit sagen, dass du es in Ordnung findest, wenn diese Trüffelschweine uns so behandeln?«

Daniel schüttelt den Kopf. »Nein, und das was du machst ist Wunderbar. Ich muss jedes Mal herzlichen Lachen, wenn ich deine Berichte lese. Und trotzdem denke ich, dass es dich zerstören wird. Dieser Hass ist auf Dauer nicht gut, er …«

Ich schnaube und rolle mit den Augen wie ein trotziges Kind. War es nicht klar, dass ich Daniel irgendwann verlieren würde? Sobald er mehr verdient und nicht mehr ganz der arme Schlucker von früher ist, bekommt er Höhenflüge und wirft seine eigenen Prinzipen über Board? Habe ich gerade noch gesagt, er wäre perfekt für mich? Vergiss es. Dieser Typ ist auch nur ein Fähnchen im Wind. Enttäuschend, aber was ist das nicht im Leben?

»Willst du mir damit sagen, dass es weiser wäre zu vergeben, was diese Rich-Kids mir während meiner Schulzeit angetan haben?«, stelle ich die rhetorische Frage.

Daniel nickt zaghaft. »Irgendwann wird der Moment sowieso kommen, da fragst du dich, wieso du diesem Gefühl so viel Raum gegeben hast, statt einfach glücklich zu sein.«

Nein, dieser Moment kommt nie. Niemals werde ich diesen privilegierten Fratzen diesen Triumph gönnen. Irgendjemand muss ihnen zeigen, dass sie nicht über die gesamte Welt regieren. Eben wie Mrs Paul es damals gemacht hat.

»Ich schätze sehr, dass du mich retten willst. Aber ich brauche keinen Ritter auf einem weißen Ross«, murmle ich und lächle. »Danke für die Infos.«

Ich drehe mich um und greife nach dem Türknopf, da schnappt Daniel nochmals nach meinem Arm. Sofort halte ich inne und sehe zu ihm auf.

»Aber Hey, Emily« Er lächelt vage. »Die Infos hast du nicht von mir.«

»Habe ich dich in den letzten Jahren jemals verpfiffen?«

Das würde mir auch nie in den Sinn kommen. Ich weiß das Daniel seinen Job liebt. Deshalb nutze ich die Informationen auch meist nur als Bestätigung meiner sonstigen Nachweise, die ich gesammelt habe.

Schwungvoll gehe ich aus der Tür. Ich durchquere die große Eingangshalle des Evergreens, schiebe die Sonnenbrille zurück auf meine Augen und ströme mit den Menschenmassen hinaus, auf die überfüllten Straßen der 5th Avenue.

»Taxi«, recke ich meinen Arm in die kalte New Yorker Luft, im nächsten Moment hält ein gelbes Fahrzeug am Straßenrand. Auch wenn ich nur einen Block weit muss, werde ich ihn sicherlich nicht zu Fuß gehen. Wie schon gesagt, nach den Feiertagen ist New York noch unerträglicher als sonst.

Ich öffne die Tür, schiebe mich auf den Rücksitz und nuschle: »7th Avenue, Ecke zweite.«

Der Fahrer nickt. Aus dem Augenwinkel vernehme ich, wie er das Taxameter anmacht. Hastig fische ich mein Handy aus meiner Jackentasche und wähle.

»Ja?«, meldet sich gleich darauf die bekannte Stimme meiner Chefin.

»Ich habe was. Allerdings keine Fotos«

»Egal. Hauptsache etwas über den Wunderknaben.« Meine Vorgesetzte klingt überrascht. »Docell hat uns auf deine Nachricht hin noch was zugeschickt, dass sich ganz wunderbar zu deinen gesammelten Daten hinzufügen lässt.«

Meine Augen werden groß. Docell ist ein Kurierdienst, mit Piloten, Fahrern und Kapitänen im ganzen Staat. Er gibt mir Informationen, während wir ihm einige Kunden vermitteln. Dass er allerdings wirklich Denver Fitzgerald, einen der reichsten Männer New Yorks verpfeift, hätte ich nicht erwartet. »Oh, das wird ein ganz toller Bericht, sage ich dir. Ich bin in wenigen Minuten im Büro.«

Wie immer durchflutet mich ein zufriedenes Gefühl des Glücks. Es wird heute aber doch etwas gedämpft, denn Daniels Worte hallen in meinen Gedanken wider. ›Der Hass ist nicht gut …‹

Ja, das haben schon viele Menschen in meinem Leben gesagt. Mein Ex-Freund beispielsweise, der nicht verstand, wie wichtig mein Job ist. Oder meine Mutter, die ständig fragt, wann ich mal zum Essen komme, statt ständig irgendwelchen neuen skandalösen Informationen nachzujagen.

»Das wird dich nicht warmhalten«, hat meine Mutter einmal gesagt. »Hass nicht seine schützende Arme, um dich, wenn du einmal krank bist.«

Aber Hass gibt mir die Genugtuung, die ich so unbedingt brauche, um weiterleben zu können.

 

***

 

Mit Schwung knalle ich den fertigen Artikel auf den Mahagonischreibtisch. Mrs Helen Warn hebt ihren Blick von den Unterlagen, die ich mit den Blättern überdecke.

»Bumm!«, mache ich zusätzlich, um den ganzen noch ein bisschen mehr Wirkung zu verleihen.

Hallo? Schlussendlich habe ich tatsächlich noch einiges über Fitzgerald zusammentragen können. Die Bilder von Docell, die Infos von Daniel, Pattys Storys, die sich häufig in ihrem Friseursalon abspielen und kleinere Informanten, die für die richtige Summe, einfach alles preisgeben.

Ich setze mich meiner Chefin gegenüber auf den rosa Sessel und gucke sie erwartungsvoll an. Helen kräuselt ihren Mund, sagt nichts, nimmt aber den Bericht in ihre Hände. »Das ist er?«

Stolz grinse ich und nicke. »Selbstverständlich. Ich habe doch gesagt, ich kriege über alle bösen Jungs etwas raus.« Unbeeindruckt untersuche ich meine Nägel. Da fällt mir auf, dass ich dringend einmal wieder zur Maniküre könnte.

»Mr Denver Fitzgerald mag vielleicht heiß sein und Kinderherzen retten, aber …«, liest meine Chefin vor, dann stockt sie und lässt das Blatt in ihren Fingern wieder auf den Tisch sinken.

Ich wende meinen Blick von meinen Nägeln und sehe sie irritiert an. Wenn sie mir jetzt sagt, dass dieser Bericht nicht eindeutig all die schmutzigen Details über Denvers erbärmliches Dasein preisgibt, dann weiß ich auch nicht. Schließlich konnte ich jetzt zumindest sogar nachweisen, dass der Kerl tatsächlich einige Affären am Laufen hat, während seine Frau in Los Angeles sitzt und ein Kind erwartet.

»Gut«, sagt meine Chefin unbeeindruckt und erhebt sich aus ihrem Stuhl. Eigentlich ist Helen viel enthusiastischer, wenn es um meine Berichte geht. Offenbar hat sie wieder einmal Stress mit ihrer Frau. Das kommt gar nicht mal so selten vor und hat mir die Augen geöffnet. Nachdem ich auf dem College zwanghaft versucht hatte, und auch ein paar weitere Male danach, mich auf Frauen, statt auf Männer zu beschränken, und dabei kläglich gescheitert bin, stellte ich mit Helen Warns Ehe fest, dass es in der Liebe, egal auf wen sie fällt, immer Probleme gibt.

»Die Kolumne verkauft sich, Emily.«

Ich drehe mich auf dem Sessel, lege meinen Kopf auf die Lehne und gucke meiner Vorgesetzten dabei zu, wie sie an die Bar, in der hinteren Ecke läuft. »Vielleicht sollten wir uns doch einmal Gedanken über neue Chancen machen.«

Mein Puls beschleunigt und es wird unglaublich heiß in diesem Raum.

»Mhm und das heißt?«, krächze ich, da ich mit einem Mal meine Stimme versagt. Dass ich endlich einen Platz bekomme in der CON Tratsch-Show. Dass meine Kolumne dann auch einen Sendeplatz und nicht nur ausschließlich zwei Seiten im Magazin bekommt?

Helen nimmt zwei Gläser aus dem unteren Regal, wobei ihr hoher Pferdeschwanz zur Seite fällt. Seit ich in dem Magazin untergekommen bin, ist sie mein absolutes Vorbild. Helen ist nicht nur wunderschön und hat einen hervorragenden Stil. Ich meine, hallo, man muss sich bloß mal ihr heutiges Outfit angucken. Manolos, der Rock von Dior, Schmuck von Catrice und die Bluse von Versace. Jedes Mädchen würde bei diesem Anblick sterben. Dazu fährt sie einen knallroten Lamborghini Urus, den sie fast immer neben meinem kleinen Ford Prius parkt. Gott, was würde ich dafür geben genauso erfolgreich zu sein wie Helen Warn?

Als sie vor zehn Jahren, mit gerade mal dreißig das Magazin, aus dem Nichts erschuf, hätte sie wahrscheinlich selbst nicht damit gerechnet, dass sie irgendwann ein wandelnder Designermodenständer wird. Auch sie ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Deshalb hat sie mich damals ja eingestellt. Deshalb, und wegen meiner Kolumne, die auf meinem Blog so hervorragend angekommen ist.

Naja, und als vor zwei Jahren aus dem Magazin ein Fernsehformat wurde, war ich live dabei. Von diesem Zeitpunkt an, hatte ich den Traum selbst ein Teil davon sein zu dürfen.

»Dass ich glaube, wir sollten deinen Beiträgen mehr Raum geben« Helen ist zu mir herübergekommen und streckt mir ein Glas Champagner entgegen.

Ich lege die Stirn in Falten, während mein Herz aufgeregt davon galoppiert. Was hat sie da gerade gesagt? Hastig erhebe ich mich von meinem Stuhl. Ungläubig schüttle ich den Kopf und nehme ihr die prickelnde Flüssigkeit aus der Hand.

Total überrumpelt stehe ich einfach nur da und sehe Helen dabei zu, wie sie um den Tisch geht und zart lächelt. »Ich habe lange mit den Investoren und dem Sender-Team darüber gesprochen, doch wir sind uns alle einig, dass du es verdient hast. Du hast es verdient einen größeren Platz in unserem Team zu bekommen.«

Ich flipp aus! Ein kleiner hysterischer Schrei dringt aus meiner Kehle. Meine Augen brennen. Ich kann nicht glauben, was mir Mrs Warn gerade anbietet. Die Modeikone, der aufsteigende Stern, des Journalistenhimmels, will mich für eine Show?!

Kann mich jemand kneifen? Darauf habe ich in den letzten Jahren hingearbeitet. Genau das ist es, was ich so sehr wollte.

»Meinst du das Ernst, Helen?«, krächze ich. Meine Stimme zittert. Nein, mein ganzer Körper bebt und die Überlegungen in meinem Kopf, wirbeln herum, sorgen für ein Durcheinander, dass mich nicht einmal mehr klar denken lässt.

»Ach«, winkt Helen ab und hebt ihr Glas. »Als wäre es nicht vollkommen in unserem Interesse, dein Talent zu fördern und davon auch zu profitieren.«

Ich stoße mit meiner Chefin an und trinke einen kleinen Schluck vom Champagner. Gerade fühlt es sich an als würde nichts in meinem aufgeregten Magen bleiben wollen, deshalb übertreibe ich es besser nicht.

Helen setzt sich wieder auf ihren rosa Chefsessel, stellt das Glas auf dem vollen Schreibtisch ab und nickt. »Aber«

Schnell lasse ich mich wieder zurück auf das weiche Polster fallen und sehe sie an. Alles, was sie will. Ich würde mich sogar opfern und mit Denver ins Bett gehen, um noch intimere Details über ihn herauszufinden.

»Du meinst, du kommst mit jedem Typen klar, oder?«, fragt mich meine Vorgesetzte. Ihr Blick ist herausfordernd, weshalb ich nur gelassen Nicken kann. Wenn ich eines bin, dann ist es knallhart. Ich lasse mich nicht mehr von diesen Kerlen an der Nase herumführen und das sollte der Rest, der Damenwelt auch nicht. Wir haben unseren eigenen Willen, können selbst Geld verdienen und stark sein, dafür brauchen wir keinen Schwanz, an unserer Seite. Ganz zu schweigen von den zahlreichen guten Vibratoren, die es inzwischen auf dem Markt gibt.

Die meisten Männer denken wirklich, sie wären ein Geschenk an uns Frauen, vor allen, wenn sie Geld haben. Sie meinen, dass wir unser Leben nicht allein auf die Reihe bekommen und nur in Form, eines sexy Negligés und Maulkorb von Interesse sind.

Pah! Um meiner Anführungs-Postion noch mehr Ausdruck zu verleihen, bediene ich mich Beyoncés Worten: ›Who run the World? Girls‹.

 Ich winke ab und stoße ein »Tz« aus. Bitte? Was können die mir schon anhaben? Nichts. Zumindest nicht mehr.

Bis jetzt habe ich tatsächlich jeden Kerl kleinbekommen. Vor einigen Monaten lag ich dafür sogar fast fünf Stunden lang auf einer Liege herum. Nur um Mason Vega mit ein paar Frauen im Whirlpool zu erwischen. Egal, ob diese Vögel von den Tigers, die mit ihren breiten Rücken einem Ball hinterherrennen, als wäre er aus purem Gold oder dieser Bay-Schmierlappen, der letztes Jahr dann endlich sein ›großes Glück‹ gefunden hat. Würg. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder einen Artikel über den Affen schreiben kann, weil er es verbockt hat. Als würde der tatsächlich bei einer Frau bleiben können und den Super-Daddy spielen können. Von wegen.

Meine Vorgesetzt räuspert sich. Ich schaue ihr dabei zu, wie sie die obere Schublade des Schreibtisches aufzieht und ein Dokument hervorholt. Mit einem komischen Ausdruck auf dem Gesicht, legt sie den Artikel und das Foto daneben, auf den Tisch.

Ich beuge mich ein wenig vor, um einen Blick darauf zu erhaschen, schaffe es aber nicht in dem Durcheinander meines Hirns die Buchstaben auf dem Kopf zu lesen.

»Denkst du, du kommst auch mit Mr Orgie, dem ›King of Manhattan‹ zurecht?«

Mein Magen rumort. Natürlich habe ich schon mal von diesen Spitznamen gehört. Wer hat das nicht in New York?

Hastig schlucke ich den aufkommenden Kloß in meinem Hals hinunter. Der Moment ist gekommen. Darauf habe ich in den vergangenen Jahren hingearbeitet. Wenn ich vielleicht schon ›die Abgründe von Manhattan‹ ergründet habe, ist diese Ausfertigung ›Mann‹, der Inbegriff eines Neandertalers und damit noch unerträglicher als jeder andere Kerl, der auf diesem Planeten sein Unwesen treibt.

Nach dem Motto: ›Schlimmer geht immer.‹

Und kaum eine Journalistin traut sich einen Artikel über ihn zu schreiben, und wenn doch, landet sie mit ihm im Bett und verliert an jeglicher Glaubwürdigkeit, für immer.

Das weiß auch Helen, weshalb sie mir in den Vorjahren immer davon abgeraten hat, den Typen auch nur anzusehen. Inzwischen scheint sie mir aber zu vertrauen, was mich stolz macht.

»Lange habe ich mit meinen Investoren darüber gesprochen, da ich weiß, er ist an Frauenfeindlichkeit und Sexismus nicht zu übertreffen. Allerdings denken sie, aus ihm kann eine gute Story werden. Vor allem jetzt, da sein Vater für die Wahl des Bürgermeisters kandidiert und seine Schwester heiratet, will die halbe Bevölkerung von ihm lesen.«

Offenbar deutet Helen mein angespanntes, schiefes Lächeln falsch, denn sie nickt wissend, dreht den Artikel auf ihrem Schreibtisch herum und schiebt ihn zu mir herüber, sodass ich einen richtigen Blick auf das Bild werfen kann.

Mr Primat steht, offenbar total besoffen, zwischen drei dummen Frauchen. Das Schlimmste an dem Bild ist allerdings, dass er die Titten von einer begrapscht und diese auch noch ihre Hände nach oben reißt, als hätte sie dafür nun einen Preis gewonnen.

Ich schnaube verächtlich und schüttle den Kopf.

»Wärst du bereit für diesen Kerl?«, fragt Helen.

Bereit? Ich brenne förmlich allein beim Gedanken daran, diesem Typ dieses dümmliche Grinsen aus dem Gesicht zu wischen. Er ist der Inbegriff von reicher Arroganz, weshalb es mir unheimlichen Spaß machen wird, ihn fertig zu machen.

Mrs Warn nickt verständnisvoll, wahrscheinlich da ich nicht antworte. »Ja, er ist echt ein Widerling und ich verstehe, dass du keine Lust hast, dich mit dem Ausmaß seiner …Existenz auseinanderzusetzen. Aber das ist das was New Yorker Girls lesen wollen und wenn du dazu noch nicht bereit bist, müssen wir …«

Heftig schüttle ich den Kopf, um jeglichen ihrer Zerfiel zu verdrängen. »Ich mache es sehr gerne«, sage ich dann und lächle.

Helen nickt. »Das freut mich zu hören. In fünf Wochen hätte ich gerne den Erstentwurf, sollte dieser gut ausfallen, werden wir mit dem Sender-Team über eine Show nachdenken, die wöchentlich über deine Kolumne ›Shamelikeman‹ berichtet.«

»Das hört sich hervorragend an«, juble ich. In meinem Magen flattert wild der Schmetterling des Glücks umher. Das Gespräch mit Daniel von heute morgen, ist wie weggefegt. Hass zerstört mich nicht, er macht mich stärker und größer. Denn ohne ihn, hätte ich nicht diesen grandiosen Job.

0