Leseprobe zu Touch Down Baby

Kapitel 1 & 2

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

 

Kapitel 1

Cayce

Ich hänge den Laborkittel in meinen Spind, schließe die Tür und sehe auf die Uhr.

»Du gehst schon?«, fragt Erik, mein Kollege, in meinem Rücken, ich drehe mich lächelnd um. »Ja, ich mache heute früher Feierabend. Ich will Mark überraschen. Wir sind heute genau sechsundvierzig Monate zusammen und ich will mich an seinem Lieblingsrezept versuchen, das wir in unserem letzten Urlaub in Frankreich gegessen haben. Confit de Canard, Entenconfit. Ich habe im Feinkostladen extra eine echte französische Ente bestellt«, sage ich und hänge mir beschwingt meine Tasche um die Schulter.

»Da wird er sich aber freuen. Aber warum ausgerechnet sechsundvierzig Monate? Meinst du nicht eher vier Jahre, also achtundvierzig Monate?«

Ich wende mich an der Tür noch einmal um, grinse Erik an. »Nein, ich meine sechsundvierzig. Der Mensch hat nämlich genau sechsundvierzig Chromosomen. Zweiundzwanzig Autosomenpaare und zwei Geschlechtschromosomen. Das scheint mir ein gutes Zeichen«, antworte ich und lasse Erik mit seiner gerunzelten Stirn stehen. »Bis Montag!«, rufe ich im Gang noch und muss mich zusammenreißen, damit ich nicht vor lauter Vorfreude die geschwungene Treppe der Universität herunterhopse wie ein kleines Kind.

Verschwiegen habe ich Erik – weil es ihn nichts angeht-, dass ich meinen Eisprung habe. Genau heute. Und Mark und ich sind auf den Tag heute sechsundvierzig Monate zusammen. Wenn das kein Zeichen ist, weiß ich auch nicht. Sechsundvierzig Monate, sechsundvierzig Chromosen, die sich heute vielleicht zu einem neuen Menschen zusammentun.

Es muss ein Zeichen dafür sein, dass ich mit einem gesunden Baby schwanger werde. Ganz sicher wird es dieses Mal klappen. Zwar werde ich dann an unserer Hochzeit im Dezember vielleicht schon ein kleines Bäuchlein haben, aber das macht nichts. Gerne verzichte ich auf das perfekte Kleid, auf ausgelassenes Feiern und auf Alkohol sowieso. Den habe ich noch nie vertragen. Schon ein halbes Glas Champagner macht mich zu einem verrückt giggelnden Huhn. Auf dem letzten Geburtstag meines Dads musste ich mit ihm anstoßen. Er hat mich praktisch gezwungen, einen Schluck zu nehmen.

»Cayce, Schätzchen. Du bist jetzt sechsundzwanzig Jahre alt. Du wirst doch mit deinem Vater auf seinen Sechzigsten anstoßen können, ohne gleich in Ohnmacht zu fallen.«

In Ohnmacht bin ich nicht direkt gefallen, aber dafür habe ich seinen Golfpartner Paul als wüsten Lüstling beschimpft, weil ich der festen Meinung war, er hätte mir in den Ausschnitt geglotzt. Dabei war ich diejenige, die geschielt hat wie eine betrunkene Eule. Kurz gesagt, mit Alkohol im Blut werde ich peinlich und hemmungslos, und das braucht wirklich niemand auf einer Hochzeit.

Mit einem verträumten Lächeln überquere ich den Campus, der Oktober lässt bunte Herbstblätter um mich herumwirbeln.

»Hallo, Professor Torrington«, grüßen mich Studenten, ich grüße freundlich zurück. Ich bin die jüngste Professorin an der Universität in Chicago und für viele, besonders weibliche Studentinnen, ein Vorbild. In meinem Wikipedia-Eintrag steht geschrieben, dass ich ein Wunderkind bin. Ich habe mit fünfzehn meinen Highschool-Abschluss gemacht und danach an einer speziellen Uni für Hochbegabte mein Studium begonnen. Was mir heute Respekt einbringt, war in meiner Jugendzeit ein Albtraum.

Ich war das perfekte Mobbingopfer. Freak, Nerd, Strebertussi waren noch die nettesten Bezeichnungen für mich, und bis ich nicht unter meinesgleichen war, hatte ich keine Freunde. Ich habe nie eine Pyjamaparty erlebt, mich nie mit einer besten Freundin geschminkt oder mir die Haare frisiert, nie kichernd für einen Jungen geschwärmt und keinen Abschlussball erlebt. Es waren harte Jahre, obwohl meine Eltern alles dafür getan haben, dass ich nicht zu sehr leide. Aber Eltern sind eben Eltern und können keine Freundesclique ersetzen.

Am meisten haben ich mich vor den Sportfreaks an der Highschool gefürchtet. Der Quarterback und seine Cheerleaderqueen waren mein Feindbild Nummer eins. Sie haben mich um meine guten Noten beneidet, ich sie um ihre Beliebtheit.

Einmal hatte mich Jenny Bremer zu ihrem vierzehnten Geburtstag eingeladen. Ich habe mich gefreut wie eine Schneekönigin und wochenlang im Voraus ein Geschenk für sie gesucht.

Die Party endete für mich, als sie mich festhielten, mich mit grellrotem Punsch überschütteten und mich anschließend in den Pool warfen, wo die Wattebäusche, mit denen ich mir den BH ausgestopft hatte, fröhlich auf der Wasseroberfläche hüpften, bevor sie traurig ertranken. Das war die erste und die letzte Party, die ich in meinen Teenagerjahren besucht habe.

Ich sollte meine Gedanken wieder auf die Gegenwart lenken, auf Mark, der sich riesig freuen wird, wenn ich früher zu Hause bin. So oft hat er die letzten Wochen beklagt, wie selten wir uns sehen. Aber das neue Forschungsprojekt verlangt eben viele Überstunden von mir. Es hat mich so viel Zeit und Kraft gekostet, die Gelder zusammenzubekommen, es wäre fatal, würde ich nicht mit allem, was ich habe, nun auch forschen. Aber wir sind in den letzten Zügen unserer Studie und in spätestens drei Wochen werde ich mich voll und ganz auf die Hochzeitsvorbereitungen konzentrieren können.

Ich winke mir ein Taxi heran, nenne dem Fahrer die Adresse des Feinkostladens und blicke auf die Fruchtbarkeitsuhr an meinem Handgelenk. Mein Frauenarzt hat sie mir empfohlen, obwohl er meine Panik für übertrieben hält. »Ms. Torrington, Sie versuchen seit gerade mal drei Monaten, schwanger zu werden. Das ist absolut im Rahmen. Geben Sie sich und ihrem Verlobten Zeit und genießen Sie ihre ungestörte Zweisamkeit. Wenn einmal ein Baby da ist, ist es damit vorbei.«

Aber ich habe darauf bestanden, den Vorgang an sich zu optimieren. Warum der Natur vertrauen, wenn ich es doch beschleunigen kann? In der Wissenschaft werden bei bestimmten Projekten auch immer die besten Voraussetzungen geschaffen.

Laut meiner Uhr haben wir noch ein Zeitfenster von sechs Stunden. Das müsste reichen. Wir können in Ruhe essen und dann Sex haben. Danach werde ich noch eine halbe Stunde auf dem Rücken im Bett liegen bleiben, damit Marks Spermien in Ruhe ihr Ziel finden können.

Alles ist perfekt geplant.

Genau so, wie ich es mag.

Als ich die Haustür aufschließe, stuzte ich. Mitten auf dem Flur liegt ein Hemd. Marks Hemd. Das hellblaue Armani-Hemd, das ich ihm zum letzten Jahrestag geschenkt habe. Ein Stück weiter seine Schuhe. Die braunen Lederschuhe, die er sich in unserem letzten Urlaub hat anfertigen lassen. Noch ein Stück weiter seine Krawatte, die gestreifte, die ich ihm einmal mit einem Fleck Senf bekleckert habe. Mark ist damals ziemlich wütend gewesen und ich habe sie noch am selben Tag in die Reinigung gebracht.

Ich schlüpfe aus meinem Mantel, hänge ihn auf, ziehe meine Schuhe aus, um den beigen Teppich nicht zu beschmutzen, und stelle sie ordentlich auf den dafür vorgesehenen Schuhständer, bücke mich nacheinander und sammle seine Sachen auf. Diese Durcheinander sieht Mark gar nicht ähnlich. Er weiß, wie penibel ich bin.

»Mark?«, rufe ich, spähe in die Küche und ins Wohn-/Esszimmer. Niemand ist zu sehen.

»Schatz? Bist du da?« Wieder keine Reaktion.

War er nur kurz hier und hatte es eilig? Hat er deshalb so ein Chaos veranstaltet? Ich bleibe stehen und lausche, und dann höre ich im Obergeschoß die Dusche rauschen.

Perfekt!

Ein weiterer Wink mit dem Zaunpfahl. So muss ich nicht mal warten. Ich laufe die Treppe nach oben, biege in unser Schlafzimmer ab und entledige mich dort meiner restlichen Kleidung. Sorgfältig falte ich alles auf dem Bett zusammen und wende mich dann zur Tür, die in unser angrenzendes Badezimmer führt. Leise wie ein Mäuschen öffne ich sie, schleiche auf Zehenspitzen in das von Dampf vernebelte Bad. Hinter den beschlagenen Scheiben der Dusche erkenne ich Marks Silhouette, seinen Rücken, seine dunklen Haare. Ein zartes Kribbeln der Vorfreude macht sich in mir breit, ich ziehe die Glastür auf und ein Schwall heißen Dampfs wabert mir entgegen. Ich setze einen Fuß in die Dusche.

»Hey, Schatz«, sage ich und lege eine Hand auf seine Schulter. »Überrasch-«, der Rest des Wortes bleibt mir im Hals stecken. Auf meine Berührung hin dreht Mark sich um und gibt den Blick auf eine nackte Frau frei.

»Cayce!«, stößt Mark hervor, ich stoße einen spitzen Schrei aus. In einem Reflex bedecke ich meine Brüste und meine Scham und stolpere nach hinten.

»Oh, verdammt!«

Ich glaube, das sagt Mark. Ich weiß es aber nicht genau, denn in meinen Ohren klingelt es, als hätte jemand mit einer Trillerpfeife hineingeblasen. Mein Herz rast, alles dreht sich um mich herum. Wie hypnotisiert starre ich auf die nackte Frau, in meinem Kopf hämmert eine Frage: Wie, in aller Welt, kommt sie in meine Dusche? Es dauert einen Moment, bis mir klar wird, wer sie ist.

»Marleen?«, krächze ich. Das ist Marleen. Ganz sicher ist das Marleen. Die Empfangsdame von Marks Autohaus. Die Frau, die ihm immer frisch gebackenen Kuchen mitbringt, von dem ich dann abends ein Stück stibitze, wenn Mark die Reste mit nach Hause bringt. Die Frau, die manchmal am Telefon ein nettes Pläuschchen, mit mir hält, wenn Mark noch in einem Kundengespräch ist. Die Frau, die ich schon mal in meinem Zuhause erwischt habe, als ich früher nach Hause kam, und die sich lachend mit der Ausrede entschuldigt hat, Mark habe ihr den Schlüssel überlassen, weil er wichtige Unterlagen vergessen habe.

Meine Augen machen eine nüchterne Bestandsaufnahme. Lange, schlanke Beine, eine schmale Taille, apfelförmige Brüste. Das genaue Gegenteil von mir. Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen schießen. Das alles hier kann nicht einmal fünf Minuten gedauert haben, doch kommt es mir vor wie in der Zeit eingefroren. Ich will mich bewegen, will fliehen, aber ich scheine wie erstarrt. Nackt und hilflos stehe ich in diesem, unserem gemeinsamen Badezimmer vor einer fremden Frau, die gerade im Begriff war, mit meinem Verlobten Sex zu haben.

Dummer- oder glücklicherweise sagt Mark genau den Satz, der jedes Klischee erfüllt, weil der mich nämlich aus meiner Schockstarre befreit.

»Es ist nicht so, wie du denkst, Schatz«, sagt er, reckt dabei die Hand und seine Fingerspitzen streifen meinen Oberarm.

Und ich schreie.

Ich schreie so laut, dass ich die Befürchtung habe, das Glas der Duschwand zerspringt in tausend Teile.

Genau wie mein Herz in dieser Sekunde.

Dann renne ich los. Ich renne, als wäre der Teufel hinter mir her, und irgendwie ist er das auch. Mark folgt mir nämlich. Durch das Schlafzimmer, die Treppe hinab, Richtung Haustür, hinaus in unseren Vorgarten.

»Cayce, um Gottes willen, bleib stehen und lass mich erklären!«, brüllt er, doch ich denke nicht daran. Mit fliegenden Schritten presche ich die Auffahrt hinunter, an den Rosenbüschen vorbei, über die Straße, zu Beccs’ Haus. Dort angekommen donnert meine Faust an die Haustür, keine Sekunde später reißt meine Nachbarin und beste Freundin sie auf.

»Cayce? Was ist passiert?«, fragt sie entsetzt. Ich schubse sie unsanft zur Seite, flüchte mich in ihren Flur.

»Mach die Tür zu!«, schreie ich sie an, Beccs tut, wie ihr geheißen.

»Du lieber Gott, bist du überfallen worden?«, fragt sie, reißt einen Mantel vom Garderobenhaken und wirft ihn mir über. Erst jetzt bemerke ich, dass ich wie verrückt am ganzen Körper zittere. Wegen der Kälte und wegen des Schocks.

Ich schüttle den Kopf, stoße hervor: »Mark hat eine andere. Sie … sie stand eben …« Mein Arm schnellt in Richtung meines Hauses, ich hole schnappend Luft. »Sie standen beide unter … unserer Dusche und …«

Beccs schlägt sich die Hand vor den Mund. »Nicht dein Ernst?«

Ich nicke, ziehe ihren Mantel fester um mich.

»Okay, komm erst mal mit.«

Sanft fasst mich Beccs an den Schultern und dirigiert mich in ihre Küche. Dort drückt sie mich auf einen Barhocker, bringt mir einen Jogginanzug, in den ich schnell schlüpfe, als sie sich mit dem Rücken zum mir daran macht, Tee zu kochen. Sie setzt den bunten Kessel auf, holt zwei Tassen aus dem Schrank , ich beuge mich auf dem Hocker vor und spähe aus ihrem Küchenfenster. Aber ein Baum versperrt mir die Sicht.

»Ist er weg?«, frage ich Beccs, die ins Esszimmer läuft und die Gardine leicht beiseitezieht.

»Ja. Weit und breit kein Mark zu sehen.«

Ich atme auf, stütze den Kopf in die Hände. Gott, bin ich eben wirklich splitterfasernackt über diese Straße gerannt? Mitten im Herbst und vor all unseren Nachbarn? Ich kann nur beten, dass mich niemand gesehen hat. Sonst muss ich mir demnächst sogar beim Müllrausbringen einen Sack über das Gesicht ziehen. Wenn ich überhaupt noch hier wohne. Oder wie regelt man die Eigentumsverhältnisse eines gemeinsam gekauften Hauses, wenn man sich trennt?

Du liebe Zeit, wo soll ich denn hin, wenn Mark sich weigert auszuziehen?

Und was ist mit all meinen Sachen? Bedient sich Marleen jetzt gerade an meiner Bodylotion und meinem Orangenjoghurt?

»Marleen? Nicht dein Ernst?«, fragt Beccs. Ich muss meine Gedanken wohl laut ausgesprochen haben.

»Doch«, murmle ich in meine Handflächen.

»Aber die ist doch mindestens vierzig! Das ist uralt!«

»Mark ist neununddreißig, schon vergessen?«, sage ich und reibe mir die Augen.

»Falls du dich erinnerst, ich war diejenige, die dich auf den großen Altersunterschied hingewiesen hat«, antwortet Beccs, kommt zur Theke, stellt mir einen Becher Tee hin und streicht mir über den Rücken.

»Kann ich dich was fragen?«, sagt Beccs zögerlich, ich nicke kraftlos. »Wieso, zur Hölle, bist du nackt?«, will sie wissen und ich breche in ein hysterisches Kichern aus.

Das ist an Peinlichkeit wirklich nicht zu überbieten.

Kapitel 2

Steel

»Und heute bei uns in der Chicago Today Show zu Gast, der Star-Quarterback der Chicago Wolves, Steel McNamara!«

Applaus brandet auf, ich winke und grinse in das Studiopublikum, das mich als seinen Helden feiert. Die Moderatorin strahlt mich mit ihrem Eintausend-Watt-Lächeln an, rutscht auf ihrem Sessel nach vorne, ich bereite mich auf die Rolle des einfältigen Footballspielers vor. Als erste passende Handlung geht mein Blick geht zu ihren nackten Beinen, zu dem Saum ihres Rockes, der ein Stück hochgerutscht ist. Unverhohlen stiere ich dahin, bis Katie mich begrüßt.

»Mr. McNamara«, beginnt sie und ich hebe die Hand.

»Nennen Sie mich doch Steel«, sage ich gönnerhaft und das Strahlen der Moderatorin, Katie, wird noch breiter.

»Oh, vielen Dank, Steel!«, sagt sie, wendet ihr Gesicht ins Publikum und reckt verstohlen beide Daumen hoch. Das Publikum rastet erneut aus, frenetisch beklatscht es meinen Vorschlag, als hätte ich ihr erlaubt, mein Tagebuch zu lesen. Nicht, dass ich eines hätte.

»Steel, Ihre letzten Spiele waren nicht überragend, und in Insiderkreisen hieß es zunächst, ihre Zeit sei vorbei. Nun haben Sie gestern ihre Mannschaft ins Super-Bowl-Finale gebracht. Wie fühlt sich das nach dieser Durststrecke an?«

Ich lege die Ellenbogen auf den Knien ab, beuge mich vor, als würde ich ihr ein Geheimnis verraten. »Äh … es war … echt gut!«, sage ich mit voller Absicht dümmlich.

Katie wartet, ob ich noch etwas zu unserem überragenden Sieg beizusteuern habe, aber nein. Das Spiel war einfach echt … gut.

Sie räuspert sich. »Ja, dann … plaudern Sie doch mal aus dem Nähkästchen. Ihr eigenmächtiges Handeln, mit dem sie glücklicherweise den entscheidenden Touchdown erzielt haben, war ihr Trainer davon begeistert? Oder hat er sie in der Kabine dafür gerügt?« Sie hebt die Brauen, ich hebe die Brauen.

»Äh … nein, hat er nicht.«

Wieder wartet Katie ab, wieder tue ich so, als ob ich nicht wüsste, was ich noch dazu sagen soll. Der Coach hat mich nicht gerügt, wie sie das nennt. Er hat mir auf den Rücken geklopft und mich seinen besten Mann genannt.

Katies Lächeln wird etwas dünn. Schließlich helfe ich ihr nicht gerade, ihre Tonight-Show mit Leben zu füllen. Aber das wusste sie von Anfang an. Ich bin im Team als der »Wortkarge« bekannt und meinen Interviewpartnern wird das genau so kommuniziert.

»Nun, es ist ihr viertes Super-Bowl-Finale. Bis jetzt haben die Chicago Wolves noch nie gewonnen. Wie sehr wünschen Sie sich den Sieg, Steel?«, ist ihre nächste Frage.

»Ja, also, den wünsche ich mir natürlich sehr«, sage ich. Okay. So langsam sieht Katie leicht genervt aus. Ihr Mund ist nur noch ein Strich, ihre Stirn runzelt sich. Auf diese seltsame Art, ohne Falten. Ich glaube, sie hat sich da was spritzen lassen. Dieses Zeug, das die Haut glatt und jugendlich halten soll. Gift ist das. Nervengift. Na ja, wer es mag.

»Wie sehr?«

»Was?« Ich starre auf Katies Stirn, als ob ich ihre Frage verpasst hätte.

»Ich fragte, wie sehr wünschen Sie sich das?« Sie klingt angespannt, die Gute.

»Na ja, so richtig halt.«

Katie holt angestrengt Luft, blickt auf ein Kärtchen in ihrer Hand und liest ab.

»Steel, Sie sind mit achtundzwanzig einer der ältesten Quarterbacks in der NFL. Erst letztes Jahr hatten sie eine Knieverletzung. Ihre Konkurrenz ist deutlich jünger. Man hat es munkeln hören, Sie würden nach dieser Saison in den Ruhestand gehen wollen. Ist an dem Gerücht etwas dran?«

Woher, zur Hölle, hat sie das? Diese Frage war mit dem Management nicht abgesprochen.

»Ich denke … das muss der Trainer entscheiden. Er stellt den Kader auf.«

»Aber möchten Sie weitermachen? Oder soll der diesjährige Superbowl der grandiose Abschluss Ihrer Sportkarriere sein?«

Sie bohrt weiter. Ist ja ihr Job.

»Also falls ich aufhören sollte, dann mit einem großen Knall. Mit einer richtig fetten Party, mit allem Drum und Dran. Vielleicht lade ich Sie dann auch ein?«

Katie lächelt gezwungen. »Das wäre nett.«

»Ja, oder? Ein Kumpel von mir hat mal eine Party geschmissen, da hat er auf seinem Grundstück extra eine Eislaufbahn aufbauen lassen. In Kalifornien. Überlegen Sie mal! Ist das nicht super? Man konnte mitten im Sommer in Hollywood Schlittschuh laufen.« Ich klatsche mir auf den Schenkel und lache, Katie kraust die Nase. Auch an der scheint mir etwas gemacht worden zu sein. Sie ist superwinzig und superspitz.

»Wow. Verrückt«, kommentiert sie meine Idee mit der Eislaufbahn, allerdings ohne große Begeisterung.

Ich zucke eine Schulter. »Na ja, hier in Chicago ist das vielleicht nicht so besonders. Schließlich sind die Winter hier sehr hart. Aber wussten Sie, dass es in Hollywood eigentlich nie schneit?«, frage ich, weil ich das Gefühl habe, sie hat die Pointe nicht verstanden.

»Oh … ich … ja, ich kenne das Klima in Kalifornien«, sagt Katie und blickt in Richtung Kameramann. Gibt sie ihm ein heimliches Zeichen? Ihre Hand bewegt sich so komisch. Als würde sie etwas abschneiden.

»Steel, eine Frage habe ich noch, bevor ich mich leider auch schon von Ihnen verabschieden muss. Wie steht es um Ihr Liebesleben? Gibt es da jemand Neues?« Katie zwinkert mir verschwörerisch zu, und jetzt muss ich richtig in die Vollen gehen, wenn ich will, dass Privates privat bleibt.

»Na, Sie schneiden ja bis aufs Zahnfleisch«, sage ich grinsend.

»Äh … Sie meinen, ich fühle Ihnen auf den Zahn?«, vergewissert sich Katie.

Ich nicke. »Ja, sag ich doch.«

»Und?« Katie neigt den Kopf nach vorne.

»Was, und?«

»Gibt es jemanden, der Ihr Quarterbackherz höherschlagen lässt?«

Ich lehne mich zurück, lege die Arme auf der Stuhllehne ab und grinse. »Sicher. Der Superbowl.«

Das Publikum zollt meiner Aussage Applaus, Katie sieht enttäuscht aus.

»Das war Steel McNamara, exklusiv für die Chicago Today Show! Schalten Sie auch morgen wieder ein, wenn es heißt: Katie bewegt Chicago!« Katie reicht mir unter dem Beifall der Gäste die Hand, bedankt sich überschwänglich, doch kaum ist die Kamera aus, lässt sie mich los und steht auf. Im nächsten Moment herrscht geschäftiges Treiben, an der Decke flammen Neonröhren auf, ein Ordner hält das Publikum an, sich geordnet aus dem Studio zu begeben, und mit einem Schlag ist der Glamour einer Fernsehsendung geschäftiger Routine gewichen.

Fred, der Manager der Chicago Wolves winkt mir zu, ich erhebe mich, als er auf mich zukommt. 

»Hast du super gemacht, Steel«, sagt er und klopft mir auf die Schulter.

»Danke.«

»Hör mal, geh schon mal vor, ich regle da noch was für einen Exklusivbericht über Hightower.«

Ich nicke, laufe aus dem Studio in einen langen Gang, von dem die Türen in die einzelnen Garderoben abgehen. In so einer saß ich vor zwei Stunden auch. Vor einem Spiegel, und eine Visagistin wollte mir allen Ernstes das Näschen abpudern.

»Lady, wenn Sie mir mit ihrem Pinsel zu nahe kommen, muss ich Sie tacklen«, habe ich gesagt und sie angestarrt, bis sie ihr Puschelwerkzeug eingepackt und die Garderobe verlassen hat.

»Gott, der Typ ist echt ein richtiger Leckerbissen, aber mit seinem IQ kann es nicht weit her sein«, höre ich plötzlich Katie aus einer der Garderoben und bleibe stehen. Die Tür zu dem Raum ist nur angelehnt und ich kann jedes Wort verstehen.

»Aber du hast dich wacker geschlagen. Und die Zuschauer stehen einfach auf ihn«, sagt eine andere Frauenstimme und kichert. »Scheiße, er ist aber auch heiß. Hast du gesehen, wie sich seine Armmuskeln unter dem Shirt anspannen? Ich sage dir, wenn der mich mal im Klammergriff hätte, ich hätte nichts dagegen.«

»Ja, ich hätte auch nichts dagegen. Er kann bestimmt so richtig zupacken.«

Ich grinse in mich hinein.

»Aber müssen Footballspieler immer so dumm sein? Hast du seine Antworten gehört? Es war eine Qual. Schrecklich tumb! Ich wusste schon gar nicht mehr, was ich noch sagen soll. Als wäre die eine Hälfte seines Gehirns nicht aufnahmefähig. Keine Ahnung, wer die immer durch die Highschool schleust.«

»Na, die Schulleiter. Was denkst du, zu welcher Berühmtheit es die Schule gebracht hat, auf der Steel McNamara war? Bestimmt haben sie sie nach ihm benannt. Er kommt ursprünglich aus Kanada, oder?«

»Montana, an der Grenze zu Kanada. Irgend so ein Kaff, ich habe den Namen vergessen. Vielleicht betreiben sie da Inzucht und er ist deswegen …«

Sie sagt nicht laut, was ich bin, aber ich kann mir die dazu passende Geste auch ohne Worte sehr gut vorstellen. Es kratzt mich nicht. Mich als das zu präsentieren, was sie erwarten, macht es mir einfacher. Ich bin da, wo ich bin, weil ich bin, wie ich bin und ganz sicher werde ich mich nicht beklagen.

Achselzuckend laufe ich weiter, bevor Katie noch aus der Garderobe kommt und es peinlich für uns beide wird. Schnell verschwinde ich im Aufzug, unten in der Tiefgarage im Wagen wartet Fred schon auf mich. Ich steige ein, schließe die Tür und wir fahren los.

»Bist du dir sicher, dass du das jetzt tun willst?«, fragt Fred mich.

»Ganz sicher, Fred. Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht und es ist richtig so.«

Schweigend fahren wir ins Stadion zurück. Die Limo spuckt uns in der Tiefgarage aus, wir fahren mit dem Aufzug nach oben in die Präsidentenräume und VIP-Lounges von Soldier Field. Fred stellt keine weiteren Fragen, während wir den Gang entlanggehen und ich durch die Verglasung auf das Spielfeld blicke.

Sieben Jahre war das meine Heimat. Sieben Jahre mein Lebensinhalt, die Luft zum Atmen, die ich gebraucht habe. Der Geruch nach Adrenalin, Schweiß, Tränen und Kampf. Der Geruch nach Sieg und Niederlage, nach Euphorie und Versagen. Jetzt ist Schluss damit. Ich höre auf, hänge meine Profikarriere an den Nagel. Nach dem Superbowl, den ich für die Chicago Wolves noch holen werde.

Vor mir öffnet Fred die Tür zum Konferenzraum, in dem schon die Vorstandsmitglieder an dem großen Glastisch warten. Steife Anzugträger, die die Geschicke eines Sportvereins lenken, obwohl sie selbst nie auf dem Platz gestanden haben. Hier regiert Geld und nicht Talent. Fred und ich schütteln Hände, nochmals werde ich zum Sieg des letzten Spiels beglückwünscht, dann setzen wir uns. Papiere werden raschelnd vorbereitet, leises Räuspern ist zu hören, und ich weiß, dass ausnahmslos jeder hier in dem Raum denkt, ich wäre nicht mehr zurechnungsfähig. An diesem Punkt meine Karriere zu beenden gleicht einem Selbstmord. Zumindest in den Augen dieser profitorientierten Manager.

Aber ich weiß, welche Probleme die Verletzung meines Knies tatsächlich macht. Und ich weiß, man sollte eine Party verlassen, wenn sie am besten ist. Alles, was danach kommt, führt unweigerlich zu einem miesen Kater, und von denen hatte ich wahrlich genug in meinem Leben.

»Mr. McNamara, ich verlese den Vertrag noch einmal. Wenn dann alles passt, dürfen Sie unterschreiben«, sagt der Anwalt des Managements, und ich gebe ihm mit einer Geste zu verstehen, dass ich zuhöre. Ich kenne sowieso jeden Satz und jede Klausel auswendig, immerhin habe ich ihn aufgesetzt.

Als er zum Ende kommt, blicken mich alle an.

»Sind Sie einverstanden?«, werde ich gefragt. Statt einer Antwort, nehme ich den bereitliegenden Füllfederhalter, hole einmal tief Luft und setze meine Unterschrift unter das Dokument.

Eine Ära geht zu Ende.

Später am Abend in meinem Hotelzimmer gönne ich mir ganz allein einen Drink. Einen nur, denn während der Saison trinke ich nicht. Aber dieser Tag ist zu historisch, um ihn nicht mit einem sehr guten, sehr alten und sehr teuren Single Malt ausklingen zu lassen.

Im Dunklen auf dem Sofa in der Suite proste ich mir selbst zu und erlaube mir kurz den Gedanken an Shelly und ein »Was wäre, wenn«-Szenario.

Wenn es nicht gekommen wäre, wie es gekommen ist, würde ich jetzt in meinem Vier-Millionen-Dollar-Haus am Lake Michigan sitzen mit Shelly in meinen Armen, und wir wären eine glückliche kleine Familie.

Meine Hand fasst das Glas fester, mein Kiefer spannt sich an.

Ich hätte besser aufpassen sollen. Ich hätte sie ernst nehmen sollen und mich nicht auf ihr gutes Herz verlassen sollen. Dann würde ich jetzt nicht dieses hohle Loch in meinem Innern spüren.

Mit einem Schluck kippe ich den Whiskey herunter.

Vielleicht schenkt er mir für ein paar Stunden Vergessen.

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