Leseprobe zu Fallen Saints

Kapitel 1, 2 & 3

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

 

Eins

Storm

»Ich hasse ihn. Ich hasse ihn wirklich, Sam.« Ich umklammere das Lenkrad meines abgestellten Pick-ups so fest, dass meine Knöchel weiß

hervortreten. Die heiße Sommersonne ist bereits hinter den Dragoon Mountains, die unsere Stadt ummanteln, untergegangen. Vor ihrem Verschwinden hat sie den Himmel noch in einen Traum aus Rosa und Gold verwandelt, jetzt tanzen die ersten Sterne über dem Fluss, während ich mit meiner Atmung kämpfe und das Lenkrad noch fester packe. Am liebsten würde ich es aus dem Armaturenbrett reißen und draußen auf den mittlerweile abgekühlten Asphalt schleudern, egal wie teuer dieser Wagen war. Damit er sieht, dass ich auf dieses Auto scheiße, das er mir vor zwei Jahren geschenkt hat, um mich zu zähmen. Um sich dafür zu entschuldigen, dass ihm bei mir wieder einmal die Hand ausgerutscht war.

Wie ging die Geschichte, die unsere Grandma dir immer erzählt hat?

Ich weiß, dass ich mir Sams Stimme nur einbilde, aber sie beruhigt mich sofort. Gedanklich suche ich nach den Erinnerungen an all die Nächte, in denen ich verzweifelt den Kopf im Schoß meiner Großmutter bettete und weinte.

»Die Geschichte von den zwei Wölfen?«, hake ich schniefend nach. Sam muss nicht antworten, ich weiß bereits, dass ich richtigliege. Grams hat mir oft von dieser alten Schamanin erzählt, die mit ihrer Enkeltochter am Feuer saß und über das Leben sprach. Sie verriet dem kleinen Mädchen, dass ihr ganzes Leben lang in ihrer Brust ein Kampf zwischen zwei Wölfen tobte. Einem Wolf, der von Hass, Neid, Gier, Wut, Eifersucht und Groll angetrieben wurde. Der andere von Zuversicht, Hoffnung, Geborgenheit und Liebe.

Die Enkelin machte große Augen, rutschte näher an das wärmende Feuer heran, faltete die Hände wie bei einem Gebet und fragte: Aber wer hat den Kampf gewonnen? Und die Antwort war so simpel und kompliziert zugleich.

 

»Der, den ich nähre«, flüstere ich. »Der Wolf, den ich nähre, gewinnt.«

Und welcher Wolf tobt gerade in dir, Storm?

»Der böse Wolf«, knurre ich in Richtung des leeren Sitzes neben mir. Ich kenne die Moral von der Geschichte. Ich weiß, dass meine Großmutter mir damit sagen wollte, dass ich aufpassen muss, welchen Wolf ich in mir füttere. Aber was, wenn mir die Entscheidung einfach abgenommen wird? Wenn mein Mund gewaltvoll geöffnet wird und man mir einfach all diese Scheiße in den Rachen stopft, bis ich daran beinahe ersticke?

»Ich verabscheue ihn so sehr. Wann wird er endlich aufhören, mich wie seine Marionette zu behandeln? Wann wird er endlich aufhören, über mich zu bestimmen? Ich werde bald einundzwanzig, Sam! Und er behandelt mich noch immer, als wäre ich nur ein kleines Gör.«

Mein Tag fing schon echt beschissen an, weil ich in meinem Musikunterricht mit Professor Callahan kaum hinterherkam und ich das Cellostück, das ich ihm in zwei Wochen vorspielen soll, noch immer nicht beherrsche. Außerdem war ich zuvor bis weit nach Mitternacht auf der Arbeit, habe klebrige Tische abgewischt und die letzten Schnösel aus der Bar geschmissen, die mir vorher noch genüsslich an den Arsch gelangt hatten, als wäre ich nur zu ihrer Belustigung da.

Als ich vor zwei Stunden nach Hause kam, hatte

mein Vater dem tobenden Wolf in mir bereits ein verdammtes Büfett bereitgestellt. So viel Hass. So viel Zorn. So viel Abneigung dem Menschen gegenüber, der mir das Leben geschenkt hat. Dem Menschen, der mich bedingungslos lieben sollte und es doch nicht kann.

»Ich muss hier raus.« Hastig ziehe ich den Schlüssel aus der Zündung, schleudere die Tür auf und springe nach draußen auf den Asphalt. Immer wenn mir zu Hause alles zu viel wird, komme ich hierhin. Um mit Sam zu reden und dem Fluss zuzusehen. Es beruhigt mich, ihn zu beobachten und zu wissen, dass er sich weiterbewegt. Das Wasser bleibt nicht einfach stehen. Und in mir wächst jedes Mal die Hoffnung, dass auch ich eines Tages weitergezogen sein werde und dieser Teil meines Lebens nur noch ein dunkler Schatten aus Erinnerungen in meinem Gehirn sein wird.

Genervt schlage ich die Tür des Wagens zu, schließe ihn ab – immerhin befinde ich mich auf der Westseite Fallburys und somit auf der Höllenseite – und stapfe den kleinen sandigen Weg entlang. Es hat schon seit Tagen nicht mehr geregnet und unser Bundesstaat macht seinem trockenen Image alle Ehre. Die Spitzen meiner Turnschuhe graben sich in den Sand, während ich versuche, den Weg in der Dunkelheit zu erkennen. Je weiter ich gehe, desto bewachsener wird die karge Landschaft.

Große Kakteen und majestätische Mesquitebäume umgeben mich, und als ich schließlich am Ufer des Flusses ankomme, lasse ich mich zu Boden gleiten. Ein spitzer Stein bohrt sich in meine rechte Pobacke, aber ich ignoriere ihn. Ich trage nur eine kurze Jeanshose, die am Rand in losen Fransen endet, und ein dünnes Trägertop in Weiß. Vorn prangt das Logo der Fallbury Orchestra School, damit auch jeder sehen kann, dass ich zu den Guten gehöre. Zu den Gesitteten. Zu den Menschen der Stadt, die etwas wert sind und sich eine verdammte Luxusuniversität leisten können. Ich gehöre zu den Smugs. Das ist der Begriff, den die Menschen hier, auf der anderen Seite der Stadt, für uns benutzen.

»Ich will nicht zurück nach Hause. Er wird in seinem ekligen Ledersessel auf mich warten und mir eine Predigt halten, dass ich nicht einfach verschwinden kann, wie es mir passt«, jammere ich und wünschte, Sam wäre wirklich hier, um mich zu trösten. Um mich in den Arm zu nehmen und mir zu versichern, dass alles gut wird. Dass das Leben, das meine Seele bei der Lotterie gezogen hat, auch anders sein kann.

Es ist frisch heute Abend, und ich spüre eine leichte Gänsehaut, die über meine Arme wandert, also schlinge ich sie mir um die Brust, lege den Kopf in den Nacken und beobachte die Sterne. Die Stadt ist zu hell, um die Milchstraße zu erkennen, aber neben dem zunehmenden Mond, der bald seine volle Größe erreichen wird, funkeln kleine goldene Farbtupfer am schwarzen Himmel.

»Ich wünschte, du wärst bei mir und wir könnten da zusammen durch. Manchmal glaube ich, dass sie alles auf mich projizieren, weil du nicht mehr da bist.« Genau genommen glaube ich das jeden Tag, aber ich will nicht, dass Sam traurig wird, weil er sich die Schuld an meiner Misere gibt. Können Menschen im Himmel eigentlich traurig werden? Vermutlich nicht. Vermutlich hockt er da oben mit einem Eimer Sangria und sieht mir mit zuckenden Mundwinkeln dabei zu, wie ich es auf ganzer Linie verkacke.

In diesem Augenblick wird mir bewusst, dass ich eigentlich gar nicht weiß, was für ein Mensch mein Bruder geworden wäre, wenn er die Geburt überlebt hätte. Er war mein Zwilling, und ich hasse es, schon mein ganzes Leben ohne ihn sein zu müssen. Er hätte mich vor unserem Vater beschützen können. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mit einem Geist über meine Probleme zu reden oder sie in mein Tagebuch zu schreiben. Müde und erschöpft lasse ich mich nach hinten fallen, rutsche von dem spitzen Stein unter meinem Hintern weg und breite die Arme zu meinen Seiten aus.

Mit großer Wahrscheinlichkeit lauern hier überall Spinnen und Echsen, die mich jeden Augenblick angreifen könnten, aber ich bin zu schwach, um wieder aufzustehen. Ein Umstand, der sich blitzartig ändert, als ich einen gedämpften Schrei links von mir vernehme. Panisch springe ich auf, knicke dabei um und halte den Schmerzenslaut in meinem Mund gefangen. Humpelnd bahne ich mir einen Weg am Fluss entlang, streife dabei hin und wieder einige Kakteen und schleppe mich elendig dem Geräusch entgegen. Mittlerweile haben sich meine Augen gut an die Dunkelheit gewöhnt und ich erkenne deutlich mehr von meiner Umgebung.

»Hör dir an, wie er winselt. Auf einmal hat er gar keine so große Klappe mehr, was, Präs?« Eine tiefe Männerstimme ertönt. Eine, die mir durch Mark und Bein geht. Sie trieft vor Abscheu und Hass, sodass sich der Wolf in meiner Brust bereits ein Lätzchen umbindet und das silberne Besteck zückt. Neues Futter im Anmarsch. Neugierig kämpfe ich mich an dem dichten, trockenen Gestrüpp vorbei und bleibe abrupt stehen, als ich sehe, woher die Stimme kommt.

 

In einigen Metern Entfernung erkenne ich die Silhouetten von vier Männern. Sie stehen auf einem breiten Steg, der über dem Falls River mündet. Anfangs glaube ich noch, dass die Kerle bloß ein Faible für die Schönheit des Flusses bei Nacht haben, doch es dauert nur wenige Atemzüge, bis die Wahrheit in mein Bewusstsein sickert. In Form dieser imaginären Stimme in meinem Kopf, die ich Sam zuordne.

Du bist auf der Höllenseite des Flusses. Auf der Westseite Fallburys. Bei den Bugs. Hier leben keine Menschen, die sich an der wunderschönen Natur ergötzen. Hier leben Gangster, Dealer und Mörder.

Trotzdem hindert es mich nicht daran, immer wieder herzukommen, um den Stress des Tages von mir abzuschütteln.

Bis jetzt bin ich bei meinen nächtlichen Streifzügen noch nie jemand anderem begegnet, obwohl man hier den besten Zugang zum Fluss hat.

Die Menschen hier haben andere Sorgen, Storm. Sie wissen nicht, ob sie die Nacht überleben werden, wenn sie ihre Häuser verlassen.

»Er ist eben eine erbärmliche kleine Pussy«, sagt einer der breit gebauten Kerle harsch und reißt mich somit aus meinen Gedanken.

Von meiner Perspektive aus sehe ich ihre Gesichter nicht, aber das brauche ich gar nicht. Ich weiß auch so, dass ihre Augen vor Wut strotzen. Obwohl es gefährlich ist und ich mich gerade mit voller Wucht ins Unglück stürze, kämpfe ich mich weiter durch das Gestrüpp und gehe in die Hocke. Drei der Männer tragen ärmellose Lederjacken mit großen Aufnähern auf den Rücken. Der vierte sieht in seinem Poloshirt und der schlichten Jeans aus wie ein Kind.

Je länger ich dessen Gesicht fokussiere, desto bewusster wird mir, wer da vorn am Rand des Steges steht und einen Knebel im Mund hat.

Ich kenne diesen Jungen.
William Jones.
Sohn von Sheriff Jones, dem diensthabenden Cop

auf der Ostseite. Unserem Hüter des Gesetzes. Doch wenn Sheriff Jones in einem Job versagt hat, dann in der Erziehung seines Sohnes. William ist ein Arschloch erster Klasse und fast freut es mich, ihn so hilflos zu sehen. Einer der Männer packt Williams Arme, dreht sie ruckartig auf seinen Rücken und zerquetscht sie dabei beinahe.

Wieder entfährt ihm ein gedämpfter Schrei.

»Ich liebe diesen Klang«, summt der Mann neben ihm.

»Das ist wie Musik in meinen Ohren«, stimmt der dritte ihm zu. Einer der Männer hat lange braune Haare, die ihm zottelig bis zur Mitte des Rückens reichen. Er tritt einen Schritt rückwärts und unter seinen schweren Boots knarzt das Holz des Steges bedrohlich. Reflexartig halte ich den Atem an.

Jetzt bloß nicht auffallen, Storm.

»Bereite alles vor, Ajax. Wir wollen ja keine Sauerei machen, oder?« Brutal zieht einer der Männer – auf den ersten Blick der älteste von ihnen – William an sich und hält ihm ein Messer an den Hals.

Ach du Scheiße!
Was genau passiert hier eigentlich?
Habe ich William eben noch jegliches Leid

gewünscht, habe ich jetzt Angst davor, wie weit die Männer gehen könnten. Winselnd zappelt er und seine Schuhe rutschen dabei über das Holz, als wäre der Steg mit Vaseline geschmiert. Der Langhaarige schnappt sich eine Plane vom Rand des Flusses, tritt mit großen Schritten an das Ende des Steges und breitet diese fein säuberlich aus.

O mein Gott.

Ich kenne diese Vorgehensweise aus Filmen und Serien.

Gute Killer hinterlassen keine Blutspuren.
Sie werden ihn umbringen?
»Und jetzt kommen wir zur Sache, mein Junge.«

Der Mann – ich bin mir mittlerweile sicher, dass er der Boss des Trios ist – stößt William zu Boden, dreht ihn in Richtung Fluss und wartet, bis dieser wie ein Köter auf vier Füßen auf dem Steg kauert.

 

»Was hast du an unserem Deal nicht verstanden, hm? Was hast du nicht verstanden an: Erledige deinen Job, bring das Zeug an den Mann und uns dann die volle Tasche Cash zum Clubhaus?« Die beiden anderen Männer patrouillieren hinter ihrem Chef und beobachten das Schauspiel amüsiert, während ich ein Schluchzen unterdrücken muss. Am liebsten würde ich aufspringen und davonstürzen, bevor ich den Rest des Szenarios mitansehen muss, aber dafür müsste ich mich bewegen. Im Moment bin ich jedoch wie paralysiert. William will etwas sagen, aber der Knebel hindert ihn daran, mehr als ein undeutliches Nuscheln hervorzubringen.

»Ich kann dich nicht verstehen, Smug!«, sagt der Mann lachend und nimmt ihm den Knebel aus dem Mund.

»Es tut mir so leid«, wimmert William und es ist das erste Mal, dass ich den verwöhnten Kerl so verletzlich und hilflos sehe. Im Normalfall schikaniert er andere Menschen und behandelt sie wie Dreck unter seinen teuren Schuhsohlen. Jetzt ist er selbst der Dreck.

»Es tut ihm so leid, habt ihr gehört, Jungs?«, äfft der Boss ihn nach, woraufhin seine Spielgefährten verächtlich lachen. Im nächsten Moment stellt er sich über den zusammengekauerten William, greift in sein blondes wirres Haar und zerrt seinen Kopf nach hinten. Wie ein Fisch an Land zappelt William, und als der breit gebaute Kerl schließlich in seinen Mund greift, presse ich die Augen zusammen. Bitte nicht. Bitte denk nicht mal daran, ihm die Zunge rauszuschneiden. Sekunden später ertönt ein Schrei.

Laut. Undeutlich. Schmerzerfüllt. Voller Tod.

William atmet gurgelnd und ich spüre seine Tränen wie Regentropfen auf meiner Haut, obwohl der Himmel wolkenlos ist.

»Lege dich niemals mit uns an, Bullensohn. Und vor allem: Hintergehe uns nicht noch einmal, wenn dir etwas an deinem erbärmlichen Leben liegt.«

Langsam öffne ich meine Lider und schlage mir die Hand vor den Mund. William liegt auf der weißen Plane am Boden des Steges und tastet panisch um sich.

Er sucht seine abgetrennte Zunge.

»Keine Chance, Bullenbrut.« Der Mann mit den kurzen Haaren tritt an das Schauspiel heran, bückt sich und hebt etwas auf. Er hält den Lappen aus Fleisch und Blut in die Höhe und wedelt damit vor Williams Gesicht umher. »Die brauchst du nicht mehr, wenn wir dich dem Red River übergeben haben.«

Dem Red River?
Was zur Hölle meinen sie damit?
Der Boss packt William am Kragen seines Polo
shirts, drückt ihn auf den Bauch, sodass sein Kopf über den Rand des Steges ragt, und kniet sich mit seinem vollen Gewicht auf ihn. Allein bei diesem Anblick schmerzt meine eigene Wirbelsäule, als würde er auf mir knien.

»Und wenn dich der Red River in die Hölle gebracht hat, kannst du dem Teufel sagen, dass wir uns freuen, ihn eines Tages persönlich zu treffen.«

Dann.
Steht.
Die.
Zeit.
Still.
Er schiebt seine Lederjacke zur Seite, zückt ein

weiteres Messer und schneidet William mit einem schnellen Schnitt die Kehle durch. Blut rauscht in meinen Ohren, mein Herz pumpt in unnormaler Geschwindigkeit in meiner Brust und meine Atmung wird flacher als der Falls River an den trockensten Tagen.

Der Red River.

Rot wie Williams Blut, das nun ins Wasser strömt und sich mit dem Fluss verbindet. William, der Junge, den ich seit der Junior High kenne, zappelt ein letztes Mal, bevor jegliche Bewegungen abebben. Zurück bleibt nur sein lebloser Körper auf der weißen, blutüberströmten Plane, die der Langhaarige jetzt an den Seiten packt.

 

Tränen brennen hinter meinen Lidern, und als ich realisiere, was hier gerade passiert ist, entweicht mir ein Schluchzen. Innerhalb von Sekunden liegen drei Augenpaare auf mir. Drei Augenpaare, die mich fokussieren, als wäre ich ihr nächstes Opfer. Als wäre ich diejenige, die als Nächste auf dieser Plane ausbluten wird.

Sie sind die Wölfe, ich ihre Beute.

Und sie werden mich zerreißen, wenn sie mich in die Finger bekommen.

Ich springe aus meinem Versteck und beginne zu rennen. So schnell, wie es mein schmerzender Knöchel zulässt. Und doch weiß ich bereits: Es ist niemals schnell genug.

Shadow

»Scheiße, was war das?«, flucht Ajax, der gerade die Leiche in die Plane wickeln wollte, damit wir für heute Feierabend machen können. Chris und Nash werden sich um das Beseitigen kümmern.

»Die Frage ist eher: Wer war das?«, antworte ich barsch und beobachte, wie die Äste der Bäume am Flussufer rascheln.

»Shadow? Geh ins Clubhaus und sag den Scheißprospects, dass sie sich den Späher schnappen sollen.

 

Wir können es auf keinen Fall gebrauchen, jetzt die Cops am Arsch zu haben!«, flucht mein Vater und ballt die blutigen Hände zu Fäusten. Ich sehe an mir hinab, und als ich schnalle, dass ich immer noch die ekelhafte Zunge der Ratte in der Hand halte, schmeiße ich sie achtlos auf die Leiche. »Shadow, nun mach schon!«

»Ich gehe selbst!« Entschlossenheit strömt durch meine Adern wie entflammtes Benzin. Egal wer da gerade im Busch gelauert und uns beobachtet hat, ich werde denjenigen kriegen. Vielleicht ist es einer der Chicanos. Vielleicht bloß irgendein Kleinkrimineller, der uns drankriegen und anscheißen will.

»Das ist kein Job für einen Vice President, Shadow. Lass das die Prospects oder Chris machen.« Ajax wickelt William in die Plane ein wie einen Burrito.

»Ich bin schneller, wenn ich selbst gehe. Bis die Prospects kapieren, was sie zu tun haben, ist der Späher längst weg.« Mit diesen Worten renne ich los. Die Kette an meiner Jeans klirrt bei jedem Schritt, während ich ins Gestrüpp hechte und mich durch das Geäst kämpfe. Es dauert nicht lange, bis ich einen keuchenden Atem höre.

Ich komme ihm näher.
Immer näher.
»Gleich habe ich dich, du Wanze«, summe ich und

ignoriere, wie viele Kakteen sich gegen meine Arme drücken und meine Haut aufkratzen. Wichtig ist nur, dass ich diesen Penner in die Finger kriege. Ich höre die schnellen Schritte meines Opfers und das immer lauter werdende Keuchen. Nach ein paar weiteren Metern erkenne ich einen Schatten vor mir, lange nach vorn und ziehe den Späher ruckartig zurück. Ein spitzer Schrei entflieht ihm und ich runzle die Stirn, als eine zierliche Gestalt gegen meine Brust knallt. Meine Hände umfassen dünne Arme, die unter meinen Fingern wie ein ängstlicher Welpe zittern.

»Was zur Hölle?« Es ist finster zwischen den Bäumen, aber ich sehe die Konturen ihres Gesichtes. Die Kleine hat die Hände zu Fäusten geballt und versucht sich aus meinem Griff zu befreien, aber sie hat keine Chance. Meine Hände sind stärker als jede Handschelle aus gehärtetem Stahl. »Was hast du gesehen?« Weil sie nicht antwortet, rüttle ich an ihr. So stark, dass sie in meinen Armen abgeht wie ein auf Hochtouren laufender Vibrator. »Was. Hast. Du. Gesehen?«, wiederhole ich bitter und mit einer klaren Drohung in der Stimme.

»Gar nichts«, wispert sie voller Angst.

Ich erkenne die Färbung ihrer Augen nicht, aber ich spüre ihren panischen Blick auf mir.

Sie ist einen Kopf kleiner als ich und scheint ein echtes Fliegengewicht zu sein. Ich packe sie nur an den Armen und trotzdem heben ihre Beine fast vom staubigen Boden ab.

 

»Ich h-habe n-nichts gesehen.«
»Du lügst.«
»N-nein. Ich war nur hier, um am Fluss zu sitzen«,

versichert sie mir, aber ich glaube ihr kein Wort. Ihre Stimme klingt dünn und melodiös, selbst mit der Panik in ihr. Ich korrigiere mich: dank der Panik. Ihre Angst ist Musik in meinen Ohren. Die dürren Oberarme packe ich fester, drehe sie um und presse ihren Rücken gegen meine Kutte.

»Ich habe heute keine Zeit für Spielchen. Wie heißt du?«

»Storm«, antwortet sie hektisch.
Ich lasse mir ihren Namen durch den Kopf gehen. Vermutlich sind ihre Augen grau.
Sturmgrau.
Passend zu ihrem Namen.
Sie riecht nach Vanille, versetzt mit einem Anflug

von Angstschweiß. Storm trägt ein weißes Trägertop, und als ich mein Kinn von hinten auf ihre nackte Schulter lege, kann ich spüren, dass sie den Atem anhält. Durch das silberne Mondlicht wird nun ihr Dekolleté beleuchtet. Ihre üppigen Titten passen nicht zum Rest ihres zierlichen Körpers, aber der Anblick lässt mich kalt. Ich bin nicht hier, um eine Frau zum Ficken zu finden, sondern um zu wissen, was zum Teufel sie gesehen hat.

Ich hatte mit irgendeinem Kerl von der Straße gerechnet. Mit einem Dealer, der uns auskundschaften wollte. Oder mit einem Fixerpärchen, das hier am Fluss einen Ort zum Spritzen suchte. Aber nicht mit einem Smug-Mädchen. Ich rieche, dass sie eines ist, und vergrabe meine Nase in ihrem langen zerzausten Haar.

»Was mache ich jetzt mit dir, Storm?«, säusle ich und überlege, was ich tun soll, während meine Nase über ihren Hals streift. Ihre Halsschlagader pocht heftig. Wäre das hier einer der Mexikaner gewesen oder irgendeine Kanalratte, hätte ich vermutlich kurzen Prozess gemacht. Aber das hier ist mir völlig neu. Ein Smug-Mädchen in der Nähe unseres Clubhauses ist eine Rarität.

»Ich werde niemandem etwas erzählen. Ich werde niemandem sagen, was ich gesehen habe!« Zuckersüß legt sich ihre Angst um meine Ohren und ich genieße ihren Klang.

»Na, sieh mal einer an, wer anscheinend doch etwas gesehen hat …« Mit Druck stoße ich sie nach vorn, bis sie gegen einen der Kakteen stößt, die den schmalen Pfad säumen.

»Au«, fiepst sie, als sie in dessen Stacheln fällt. »Das tut mir weh.« Sie presst sich an mich, um den spitzen Nadeln zu entkommen, aber ich denke nicht daran, nachzugeben. Stattdessen schiebe ich sie noch dichter an den Kaktus heran, bis sich die Nadeln in ihre süße, weiche Haut bohren.

»Lüg. Mich. Nie. Wieder. An.«
Sie nickt atemlos.
»Comprendes?«
»Ja«, haucht sie benommen.
»Gut.« Ein bitteres Lächeln zupft an meinen

Mundwinkeln. »Ich bringe dich jetzt zum Präs. Soll er entscheiden, was mit dir passiert.« Ohne auf ihr Gezeter zu achten, schiebe ich sie den Weg zurück. Ihre dünnen Handgelenke halte ich hinter ihrem Rücken zusammen. Als ich sie Ajax und meinem Vater schließlich am Steg präsentiere, erstarren sie synchron.

»Was hat sie gesehen?«, fragen sie im Chor. Williams Leiche ist mittlerweile komplett eingepackt und der Steg wieder unschuldig wie zuvor. Tagsüber kommen hin und wieder ein paar Brüder mit ihren Schlampen oder Old Ladies hierhin, aber nachts ist diese Gegend Sperrgebiet für alle, die keine Member sind. Die Kleine hat sich also einen falschen Platz ausgesucht, um den Fluss zu betrachten.

»Ich schätze, alles«, antworte ich, bevor sie auf die Idee kommt, auch noch meinen Vater anzulügen.

»Scheiße!«, knurrt er und presst sich die Faust vor den Mund. Harald Cane verliert selten die Fassung, aber das hier können wir im Moment echt nicht gebrauchen. Der Club hat genug Mist zu regeln.

»Was soll ich mit ihr machen?« Mir würden etliche Dinge einfallen, aber nichts davon würde ändern, dass sie uns beobachtet hat. Außerdem muss ich mich auf den Club konzentrieren, anstatt mich von diesen hübschen Titten ablenken zu lassen.

Noch immer stehe ich dicht hinter ihr, halte ihre Hände hinter ihrem Rücken gefangen und spüre ihre zuckenden Finger an meinem Schritt. Wenn sie noch stärker an meinem Schwanz reibt, werde ich hart. Sofort schiebe ich sie eine Armlänge von mir weg und betrachte ihren schmalen Rücken. Ihre Haare reichen ihr fast bis zum Arsch, der in dieser knappen Hose steckt.

»Mach ihr klar, dass sie genauso wie William enden wird, wenn sie irgendetwas davon den Bullen zwitschert. Und dann bring sie dahin, wo sie hingehört. Auf die Ostseite. Die Kleine schreit nach Smug.« Mein Vater sammelt seine Spucke, rotzt sie vor Storms Füße und hilft Ajax, die Leiche in unsere Scheune hinter dem Clubhaus zu bringen. Von dort aus werden sich Nash und Chris auf den Weg machen, um sie vor dem Morgengrauen zu beseitigen. »Und sei deutlich, Shadow!«, ruft er mir über die Schulter hinweg zu.

Ich nicke konzentriert, ignoriere das Wimmern des kleinen Sturms vor mir und dirigiere sie über den Hof unseres Quartiers.

»Bitte tu mir nichts«, fleht sie mich an und kurz überlege ich, ihren Mund mit meinem Halbsteifen zum Schweigen zu bringen. Sie sollte mich nicht anmachen. Und ich sollte sie nicht an mich ziehen und mich in ihr versenken wollen.

Aber diese Mischung aus Vanille und süßem Schweiß … Fuck.

»Das kommt ganz darauf an, wie du dich benimmst.« Ich führe sie zu unseren Maschinen in der Garage, und als ich zu meinem Bike hinübergehe, schnappe ich mir im Vorbeigehen einen Helm.

»Was wird das? Ich habe meinen Wagen am Fluss«, protestiert sie. Sobald sie sich im flackernden Licht der kaputten Laterne zu mir umdreht, beiße ich mir so stark auf die Unterlippe, dass ein metallischer Geschmack in meinen Mund sickert.

Verfluchte Scheiße.
Das Smug-Mädchen ist hübsch.
Und zwar eine Naturgewalt von Schönheit.
Ihre Augen sind grau.
Sturmgrau.
Wie erwartet.
Ihre Stupsnase ist zierlich und mit Sommer-

sprossen übersät.

 

Ihre rosigen Lippen beben, während sie zu mir aufblickt.

Du starrst sie an, Shadow.

»Hier. Setz den auf«, befehle ich ihr hart.

»Ich habe doch gerade gesagt, dass mein Wagen …«

Bedrohlich baue ich mich vor ihr auf. »Es ist mir scheißegal was du gesagt hast. Du hast Dinge gesehen, die du nicht sehen solltest. Du hast dich in einem Gebiet aufgehalten, in dem du nichts zu suchen hast. Ich bringe dich jetzt mit meinem Bike zurück in deinen Prinzessinnenturm. Verstanden?«

Eingeschüchtert nickt sie, aber ich erkenne die Spur eines Widerstandes in ihren schönen Augen. Scheiße, wie muss es sich anfühlen, in ihr zu sein, während sie mich damit ansieht? Mein Schwanz wird härter und meine Geduld immer schwächer. Es ist eindeutig zu lange her, seit ich das letzte Mal eine Clubschlampe gefickt habe. Knurrend steige ich auf meine Maschine und genieße es, wie sie fauchend zum Leben erwacht.

»Setz dich hinter mich und halte dich fest.« Es dauert einen Moment, bis ich ihren warmen Körper an meinem Rücken spüre. Und ein Teil in mir genießt es, dass sie sich an meiner Kutte festhält, obwohl sie am liebsten schreiend davonrennen würde. Als würde es auf dieser Seite des Flusses irgendeinen die Bohne interessieren, was ich mit der Kleinen vorhabe. Niemand wagt es, uns in die Quere zu kommen, und wenn doch, dann niemals ohne Konsequenzen. William Jones hat vor wenigen Minuten seine Konsequenzen zu spüren bekommen, während er nach seiner Zunge suchte und dabei nur eins fand: seinen Tod. Dieser kleine Flachwichser dachte echt, dass er uns übers Ohr hauen kann, ohne aufzufliegen.

Ich schaue in den Spiegel meiner Harley Sportster, und als mich ihr Blick trifft, fahre ich los. Bevor ich noch auf die Idee komme, sie mit in mein Clubzimmer zu nehmen und ihr die Dinge, die ihre schönen Augen gesehen haben, aus dem Leib zu vögeln.

 

Storm

Ich werde sterben. Ich werde sterben. Ich werde sterben. Vermutlich bedeutet ›Ich bringe dich zurück in deinen Prinzessinnenturm‹ in Wahrheit ›Ich bringe dich um und verscharre dich in der Prärie‹. Mein Herz donnert lautstark in meiner Brust, während der Kerl – Shadow muss sein Name sein – die Crater Bridge ansteuert. Die Brücke, die unsere Seite der Stadt von ihrer trennt. Der Wind jagt mir eine Gänsehaut auf die Arme und ich wünschte, ich hätte mich vor meiner Flucht für eine Jacke entschieden.

Die heruntergekommenen Häuser rauschen an mir vorbei, während das Röhren des Motors immer lauter wird. Ich verschwende keinen Gedanken mehr daran, was mit meinem Pick-up passiert. Oder daran, dass mein Vater Fragen stellen wird. Mich interessiert einzig und allein, wie ich hier wieder rauskomme, ohne als Blutlache am Boden zu enden. Immerhin hat er mich nicht dem Red River übergeben.

Das ist ein Anfang, oder?

Entweder das oder ich bin naiv und mich erwartet etwas viel Schlimmeres.

Ich muss das Logo des Clubs auf seiner Lederjacke nicht ansehen, um zu wissen, dass er zu den Fallen Saints gehört. Auch auf der Ostseite wissen wir über sie Bescheid. Über die Outlaws, die sich nehmen, was sie wollen. Wann sie es wollen. Und jetzt wollen sie mich … tot sehen. Aber wieso, um Himmels willen, bringt er mich dafür auf unsere Seite der Stadt? Hier auf der Westseite könnte er dem Spiel so schnell ein Ende setzen, dass ich nicht einmal A sagen könnte.

Stattdessen folgt er meinen zitternden Anweisungen, die uns auf seiner Maschine zu meinem Elternhaus führen. Ob er meine Familie töten will? Handhaben das diese Gangs nicht so? Und auch wenn ein Teil in mir froh wäre, von meinem Vater befreit zu sein, steigt bittere Magensäure in meine Kehle.

Das hier darf nicht passieren.

Mein Leben darf nicht so trostlos enden, bevor es überhaupt richtig anfangen konnte. Alles, was ich in meinem Leben bisher gesehen habe, ist diese verfluchte Stadt.

Auf der Ostseite werden die Häuser schöner, protziger. Sicherer. Und als wir schließlich vor meinem Elternhaus anhalten und Shadow den Motor seiner Maschine ausschaltet, springe ich eilig von seinem Motorrad. Mit schlotterigen Fingern versuche ich den Verschluss des Helmes zu lösen, aber sie rutschen vor Angst und Schweiß immer wieder ab.

»Warte«, murmelt Shadow, steigt vom Bike und stellt sich unter der Straßenlaterne dicht vor mich. Ich sehe zu ihm auf und schlucke schwer. Dunkle Tattoos bedecken seinen kompletten Hals. Seine Kieferpartie ist markant und seine Lippen sind zu einer harten Linie verzogen, so als wären sie unter keinen Umständen zu einem Lächeln in der Lage. Ein schwarzer Nasenring lässt ihn noch gefährlicher wirken. Es fällt mir schwer, sein Alter einzuschätzen, aber er ist sicher nicht jünger als fünfundzwanzig.

Seine Augen leuchten trotz der Dunkelheit wie zwei eisblaue Kristalle. Zwei Aquamarine, die hier in dieser Gegend absolut fehl am Platz wirken, weil sie vor Brutalität strotzen. Shadow hat braune Haare, die er nach hinten gegelt trägt, und als er unter mein Kinn greift und mir hilft, den Verschluss zu öffnen, halte ich den Atem an.

Meine Augen fokussieren seine ebenfalls tätowierten Hände, von denen eine blutbeschmiert ist. Weil er Williams Zunge in der Hand hielt … Ich schlucke die Galle herunter und gebe mir Mühe, meine Atmung zu regulieren und mich nicht zu übergeben.

Sobald der Verschluss offen ist und er mir den Helm abgenommen hat, springe ich einen Schritt zurück, um ihm nicht mehr so nah zu sein. Ich will Williams Blut nicht an meinem Körper spüren.

»Ich …« Mehr kriege ich nicht heraus, weil ich nicht weiß, was jetzt passiert. Wird er mich einfach so gehen lassen? Wollte er mich wirklich nur hier absetzen?

Nein.

Er wollte wissen, wo ich wohne. Deshalb hat er mich hergebracht. Atemlos stürme ich in Richtung meines persönlichen Gefängnisses, doch bevor meine Füße den Bürgersteig hinter sich lassen und den Rasen des Vorgartens berühren können, schnappt Shadows Hand nach meinem Arm und drückt mich im nächsten Moment gegen den schwarzen Kombi unserer Nachbarin Miss Logan. Kurz war ich dem Aberglauben verfallen, dass er mich wirklich gehen lassen könnte. Die Hoffnung, dass der Kombi eine Alarmanlage hat, die durch den Aufprall losgeht, verpufft vor meinen Augen zu Staub. Es bleibt mucksmäuschenstill in der gesamten Straße.

»Hör mir jetzt ganz genau zu, kleines Smug-Mädchen.« Seine Stimme klingt, als hätte er seine Stimmbänder zu oft mit Rasierklingen bearbeitet. Dunkel und rau. »Wenn du auch nur ein Sterbenswörtchen an jemanden verlierst, dann wirst du bald nie wieder reden. Dann wirst du nie wieder deine Nase krausziehen oder deine Stirn runzeln. Weil du dann von den Maden zerfressen wirst, genau wie deine ganze Familie.« Er zückt ein Messer aus seinem schwarzen Stiefel und schwingt es abwägend hin und her. Danach deutet er damit auf das Haus hinter uns.

»Da drin liegen sicher deine Eltern. Und ich werde nicht zögern, ihnen die Kehlen durchzuschneiden und sie am Fluss ausbluten zu lassen.«

»Ich sage nichts. Ich sage nichts. Ich sage nichts«, wiederhole ich meine Worte wie ein Mantra. Wenn es einen Gott gibt, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um sich zu zeigen.

Ein Flackern von Zufriedenheit huscht über Shadows hartes Gesicht. Als er nach einer Haarsträhne greift und sie zwischen seinen blutigen Fingern zwirbelt, wird mir schwindelig. Anschließend schiebt er die Strähne hinter mein Ohr und fährt mit den Fingern über meine Wange. Ich schließe die Augen und verziehe das Gesicht vor Ekel, weil ich das Bild von William und seiner abgetrennten Zunge nicht aus dem Kopf bekomme. Vermutlich wird es mich mein Leben lang verfolgen.

»Und jetzt verschwinde, Prinzessin.« Er spuckt mir den Kosenamen vor die Füße, lässt von mir ab und steigt zurück auf seine Maschine. Ich hingegen nehme meine Beine in die Hand, renne über den Rasen und suche zum ersten Mal Sicherheit in dem Haus, das für mich sonst nur Gefahr bedeutet. Heute Nacht ist alles anders. Heute Nacht habe ich das wahre Böse gesehen. Die Tränen laufen lautlos über meine Wangen, während ich zu dem Fenster meines Zimmers stürme, es nach oben schiebe und eilig hineinklettere. Auf keinen Fall kann ich so meinem Vater begegnen. Rasch drücke ich das Fenster in der Dunkelheit zu und verriegle es. Shadow sitzt immer noch auf seiner Harley und telefoniert jetzt mit jemandem. Sein Blick gilt dabei einzig und allein unserem Haus …

Mit klopfendem Herzen renne ich in mein zimmereigenes Bad, schalte das Licht an und stelle mich mit voller Kleidung unter die Dusche.

In meinen nackten Oberschenkeln stecken vereinzelte Nadeln des Kaktus, gegen den Shadow mich gepresst hat. Blut dringt aus den kleinen Wunden heraus, die von Schmutz umgeben sind.

 

Schluchzend gleite ich an den Fliesen hinab, taste über meinem Kopf nach dem Wasserhahn und drehe ihn auf. Sekunden später werden meine Tränen gemeinsam mit dem Dreck und dem Blut heiß in den Abfluss gespült. Doch es gibt Dinge, die das Wasser nicht wegspülen kann: die Bilder in meinem Kopf. Und das Gefühl von Shadows Fingern an meiner Wange…

 

Zwei

Storm

Das Holz des morschen Steges knarzt unter seinen drohenden Schritten, mit denen er mich in die Ecke treibt. Ich fokussiere seine abgewetzten Motorradstiefel, die immer näher kommen, und als ich den Blick hebe, halte ich den Atem an. Als könnte ich damit verhindern, was gleich passieren wird. Seine eisblauen Augen sind auf mein Gesicht gerichtet und in ihnen stehen gleich mehrere Botschaften für mich.

Auf der einen Seite erkenne ich ein ungezügeltes Verlangen, das mich näher an ihn zieht, auf der anderen tiefe Abscheu mir gegenüber, die mich weglaufen lassen will. Aber ich kann nicht fliehen, weil er mir den Weg versperrt. Ich sollte nicht hier sein. Nicht schon wieder. Ich hätte es besser wissen müssen, oder? Und doch erreichen meine Fersen nun den Rand des Steges, an dem bestimmt schon mehrere Kehlen ausgeblutet sind. In letzter Sekunde schaffe ich es, das Gleichgewicht zu halten. Mein Puls rast. Meine Venen fühlen sich zu eng für all das kochende Blut in meinem Körper an.

»Du bist zurückgekommen«, stellt er ohne jegliche Emotion in der rauen Stimme fest. Ich weiß nicht, ob er mich verjagen oder an sich reißen will. Er bewegt sich wie ein Tier, das durch das Dickicht streift und seine Beute ganz genau im Blick behält, innerlich den nächsten Schachzug planend.

»Ich bin zurückgekommen.« Leise bringe ich die Worte über meine Lippen. Wir sind allein hier, weit und breit ist da nur das Rauschen des Wassers und das silberne Mondlicht über uns und dem Fluss. Shadow trägt wieder seine schwarze Kutte, unter der seine breiten, vollgestochenen Arme zur Geltung kommen. Ich lasse meinen Blick über die Adern an seinen tätowierten Unterarmen gleiten und frage mich, wie er sie einsetzen wird. Entweder er zerquetscht mich damit wie ein rohes Ei oder er packt mich und bringt mich von hier fort. Doch noch mehr als die Tatsache, dass ich wieder hier bin, schockiert mich der Fakt, dass ich nicht die Angst verspüre, die ich verspüren sollte. Er hat dabei zugesehen, wie William die Kehle durchgeschnitten wurde. Er hat seine abgetrennte Zunge in die Hand genommen und danach als Warnung mit denselben Fingern meine Wange berührt. Warum in Gottes Namen werde ich nicht ohnmächtig vor Furcht?

»Wieso?«, will er neugierig wissen. Mittlerweile steht er so dicht vor mir, dass ich nur zwei Optionen habe. Entweder ich lasse mich nach hinten in das reißende Wasser fallen und bete dafür, dass ich ihm so entkommen kann, ohne zu sterben. Oder ich kralle mich an seiner Lederkutte fest, damit ich nicht nach hinten segle und in der heftigen Strömung ertrinke. Mein Verstand schreit mich an, dass ein Tod durch den Fluss die bessere Option wäre, aber mein Körper packt entschlossen nach dem kühlen Leder.

»Ich weiß es nicht«, antworte ich ehrlich. Mein Mund wird trocken und meine Augen füllen sich mit Tränen. Shadow fokussiert meine Lippen, als wären sie eine Quelle voll Wasser mitten in der Wüste. Seine Augenbrauen ziehen sich nachdenklich zusammen, und als ich mir auf die Unterlippe beiße, zieht er scharf die Luft ein. Seine Stirn glättet sich nicht.

»Du solltest nicht hier sein. Ich habe dich gestern gehen lassen. Ich habe dich gehen lassen, obwohl du zu viel gesehen hast. Wie kannst du nur so naiv sein und trotzdem deinen sicheren Turm verlassen, Prinzessin?« Shadows Finger greifen unter mein Kinn und heben es ein Stück an, sodass ich den Kopf in den Nacken legen und ihn ansehen muss.

Diese Augen.

 

Sie vereinen Schönheit und Gefahr.
Zwei todbringende Edelsteine.
»Mein Turm ist nicht sicher. Er ist alles andere als das.

Er ist mein Gefängnis.« Warum vertraue ich ihm diese persönlichen Dinge über mich an? Wieso riskiere ich, dass ich verwundbar für ihn werde? Es gibt auch so schon genug Stellen, an denen er mich mit dem Messer treffen kann, das ich unter seiner Kutte erahne. Suchend wandert sein Blick über mein Gesicht.

»Und du glaubst, dass ich dich aus deiner Gefangenschaft befreie?« Abwägend legt er den Kopf schief. »Du hast dir den Falschen ausgesucht, kleines Smug-Mädchen. Ich bin nicht dein Retter.« Bis eben war er noch ruhig, wie ein Jaguar auf der Lauer, doch jetzt fletscht er seine Reißzähne, bereit, mich damit zu zerfleischen. Jedes seiner dunklen Tattoos strahlt pure Gefahr aus.

»Ich will nicht gerettet werden.« Mein Widerspruch ist kaum mehr als ein Flüstern. Wer weiß, vielleicht bin ich ja wirklich hier, damit mich jemand vor meinem Vater rettet. Shadow ist gefährlich. Gefährlicher als mein Erzeuger allemal, obwohl dieser das wahre Monster in meinem Leben ist. Shadow legt seine Hände an meine Hüften, zieht mich ruckartig an sich heran, und ehe ich abwäge, ob das, was ich tue, klug ist, stelle ich mich auf meine Zehenspitzen und küsse ihn. Ohne die leiseste Ahnung zu haben, wieso ich das hier tue. Vielleicht erhofft sich ein Teil in mir, dass er mich dadurch verschont?

 

Seine Lippen sind leicht rau, genau wie seine Stimme und seine ganze Aura. Doch auf der anderen Seite ist es genau dieses raue Gefühl, nach dem ich lechze. Seufzend teile ich meine Lippen, lasse seine Zunge geschickt in meinen Mund wandern und erzittere am ganzen Körper. Sekunden später lasse ich auch den letzten Vernunftsfunken fallen, schlinge meine Hände um seinen Nacken und lasse zu, dass er mich hochhebt. In seinen starken Armen fühle ich mich leicht wie nie zuvor in meinem ganzen Leben. Zwanzig Jahre lang hingen diese schweren Gewichte an meinem Herzen, jetzt fühle ich mich frei.

»Fuck«, murmelt er und beißt mir in die Unterlippe. Keuchend presse ich mein Becken dichter gegen ihn, und spüre, dass er unter den schwarzen Jeans bereits hart für mich ist. Mein rationales Denken setzt komplett aus. Totalausfall. Alles, worauf ich mich noch konzentriere, ist sein warmer Körper an meinem. Ein scharfer Wind weht über die Stadt, aber mir ist bullenheiß.

»Du hättest schneller rennen sollen, Storm«, murmelt er zwischen unseren wilden Küssen. »Du hättest mir entwischen müssen. Ich hätte dich nicht kriegen dürfen.« Widerwillig löst er sich von mir, und als seine Eisaugen in meine blicken, halte ich erneut den Atem an. »Verstehst du das, Smug-Mädchen? Du warst nicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort, du warst auch viel zu langsam. Was mache ich jetzt nur mit dir?«

 

»Was willst du denn tun?« Meine Gegenfrage verdunkelt seinen Blick, bis kein Licht mehr zu erkennen ist.

»Ich will dir dieses dünne Top vom Körper reißen, deinen Rock hochschieben und mich in jede deiner Öffnungen schieben. Ich will, dass du nicht mehr klar denken kannst. Weder wenn ich dich ausfülle noch wenn ich dich danach allein und benutzt hier draußen liegen lasse.«

»Wieso solltest du mich liegen lassen?«, hake ich misstrauisch nach. Zwischen meinen Beinen hat sich inzwischen so viel Feuchtigkeit gesammelt, dass mein dünner Slip unter dem schwarzen Cordrock bereits durchtränkt ist.

»Weil es das ist, was ich mache. Du gehörst nicht in dieses Leben. Du gehörst zu ihnen, nicht zu uns. Und erst recht nicht zu mir.« Seine Nase streichelt sanft über meinen Kehlkopf, und als er meinen Duft inhaliert, vermischen sich seine Worte zu einem unverständlichen Brei.

»Ich will dich trotzdem«, entflieht es mir hektisch. Einen Moment lang erstarrt er, seine Hände pressen meinen Körper brutal an sich, seine Schultern sind hart und fest. Rasselnd geht sein Atem an meinem Schlüsselbein, und als er mich schließlich auf dem Steg vor sich ablegt und sich über mich beugt, zuckt meine empfindlichste Stelle vorfreudig auf. Ich will ihn in mir spüren. Ich vergesse Raum und Zeit. Vergesse, wo wir uns befinden. Dass wir jederzeit von einem der anderen Outlaws erwischt werden könnten. Nichts davon ist noch von Bedeutung. Shadow wandert mit seinen rauen Fingerspitzen über mein Dekolleté, schiebt mein Top herunter und legt meine Brüste frei. Meine Nippel recken sich ihm entgegen. Nicht wegen der Kälte oder des Windes, sondern vor Erregung.

»Siehst du, wie hart sie für dich sind?«, frage ich lasziv und fahre mit Zeigefinger und Daumen über meine linke Brustwarze. Shadow beobachtet mich dabei aus blauen Argusaugen, greift nach meiner freien Hand und schiebt sie sich bestimmend zwischen die Beine. Er riecht nach einer Mischung aus kaltem Rauch und einem aufregenden Männerparfum. Eine leichte Ledernote ergänzt den Cocktail.

»Spürst du, wie hart ich für dich bin? Ich will in dir sein. In deiner süßen Pussy. In deinem festen Arsch. Ich will den Widerstand deines Rachens spüren, wenn ich mich in dich schiebe, bis du würgst.«

Meine Hand berührt die Beule zwischen seinen Beinen, und als ich das Zucken seines Schwanzes spüre, biege ich meinen Rücken durch und presse meine Scham gegen seine Härte.

»Ich will es auch«, antworte ich wispernd. Im nächsten Augenblick öffnet Shadow seinen Gürtel und zieht seine Jeans runter. Sobald ich seine warme Spitze an meinem nackten Oberschenkel spüre, wimmere ich auf. Er ist so verdammt groß. Und ich sehne mich danach, dass er mich bis in den letzten Winkel ausfüllt. Egal, in welcher Öffnung. Seine Eichel fährt über die Innenseiten meiner Schenkel. Als er mit seiner Länge meinen Slip erreicht, fahre ich mit der Zunge über meine Unterlippe. Erst jetzt merke ich, dass er mich so fest gebissen hat, dass sie blutet. 

Erneut beugt er sich über mich, küsst meine rechte Schulter und wandert anschließend hinunter zu meinen freiliegenden Brüsten. Weil er schließlich in meinen Warzenhof beißt, stoße ich einen spitzen Schrei aus.

»Bitte, Shadow … ich will dich spüren«, flehe ich ihn an. Es ist mir egal, dass ich mich wie eine bettelnde Unterwürfige verhalte, solange er mir gibt, was ich will. Shadow antwortet nicht, stattdessen schiebt er meinen Rock über meinen Po, greift nach meinem schwarzen Slip und zerreißt ihn mit Leichtigkeit zwischen den rauen Händen. Anschließend wirft er ihn achtlos über den Rand des Steges, wo er vom Fluss mitgerissen wird. Heute wirkt die Strömung viel drohender als sonst.

Shadow fährt mit seiner Spitze durch meine nassen Schamlippen und hält über meinem Eingang inne. Ich dränge mich ihm willig entgegen. Es ist vollkommen verrückt und leichtsinnig, es ohne Kondom mit einem Fremden zu treiben, aber mein Körper würde eine Zurückweisung jetzt nicht ertragen.

»Bitte schieb dich in mich.« Bei jedem Wort zittere ich noch stärker. Shadow kniet sich zwischen meine Schenkel, greift nach meinen Waden und drückt sie kraftvoll auseinander, während ich die Augen flatternd schließe und herbeisehne, dass er mich endlich erlöst. Doch anstatt sich in meine Mitte zu schieben, hebt er meinen Po an, positioniert seinen Schwanz an meinem zweiten Eingang und befeuchtet seinen Penis mit seinem Speichel. Unsanft stößt er sich in mich. Ein höllischer Schmerz durchzieht meinen Hintern und strömt bis in meinen Magen.

»O Gott«, japse ich. Nicht vor Erregung, sondern vor süßem Schmerz. Shadow schiebt sich tiefer in meinen Arsch, und als er sich unnachgiebig in mir versenkt, schießen mir Tränen in die Augen. Es tut so verdammt weh. Und doch bitte ich ihn nicht, aufzuhören. Stattdessen taste ich mit der linken Hand nach meiner freiliegenden Brust und massiere sie kreisend. Je grober er mich nimmt, desto sanfter will ich zu mir selbst sein.

»Scheiße, du bist so eng, Prinzessin.« Etwas stimmt nicht mit mir.
Etwas stimmt nicht mit dieser Nacht. Wieso will ich das alles?

Meine Nägel graben sich jetzt in das Holz des Steges und ich spüre etwas Nasses an meinen Händen. Etwas Nasses und Warmes. »Was ist das?« Ich werfe den Kopf zur Seite und versuche, in der Dunkelheit zu erkennen, was das Holz umgibt. Ich hebe die Hand und schreie erneut auf. Zum einen, weil Shadow sich immer heftiger in mich schiebt, zum anderen, weil mir die Flüssigkeit an meinen Händen Angst macht.

»O Gott …« Nicht nur meine Fingerspitzen sind von dunklem Blut benetzt, der ganze Steg hat sich in eine riesige Blutlache verwandelt. Eine Blutlache, in der ich rücklings liege und mich von diesem Mann nehmen lasse wie ein Tier. Sofort schießen die Bilder der letzten Nacht in meinen Geist. Bilder davon, wie William an genau dieser Stelle kauerte und nach seiner Zunge suchte. Bevor ihm die Kehle durchgeschnitten und er dem Red River übergeben wurde. Das nächste, was ich spüre, ist eine warme Hand an meiner Kehle. Ich sehe angsterfüllt in Shadows blaue Augen, während er den Druck auf meine Kehle verstärkt und mir somit die Luft abschnürt.

»Shadow«, krächze ich atemlos. Ich will ihn von mir schieben, doch er ist stärker als ich. Je mehr Widerstand ich leiste, desto fester wird sein Griff. Als sich unsere Blicke wieder treffen, ist von der Lust in seinen Augen nichts mehr übrig. Stattdessen sehe ich die Bestie, die letzte Nacht auf diesem Steg stand und lachend dabei zusah, wie ein junger Mann starb. Seine Iriden haben nichts Schönes mehr an sich, sondern nur noch eisige Kälte, die mich plötzlich am ganzen Körper frieren lässt.

»Was ist, kleine Storm?« Er lockert seine Finger und fährt stattdessen beinahe zaghaft über meine Kehle.

»Du …«
»Ich …«
»… bist ein Monster. Ihr habt William hier … Hier ist

überall sein Blut.« Wimmernd versuche ich, ihn von mir zu stoßen, aber er schnappt nach meinen Händen und presst sie gegen den Steg. Seine Hände sind meine Handschellen, ich bin seine Gefangene.

»Was redest du da? Das ist nicht Williams Blut«, antwortet er mit einem bitterbösen Lachen auf den Lippen.

»Wessen dann?« Wieder sehe ich mich um und denke an den jungen Mann, der letzte Nacht sein Leben hier verloren hat. Shadow presst seinen Körper auf meinen und schiebt sich noch tiefer in mich. Sein Mund wandert zu meinem Ohr und sein warmer Atem erwischt mich wie eine reißende Welle, die mich aufs offene Meer spült.

»Es ist deins, kleines Smug-Mädchen. Siehst du es denn nicht?«

Panisch blicke ich an mir hinab. Das Blut ist überall. Nicht nur auf dem Steg, sondern auch auf mir. Ist es meines? Ich kann weder eine Wunde sehen noch spüre ich Schmerzen! Was ich jedoch erkenne ist das schwarze Top, das ich trage, und noch nie zuvor gesehen habe. Es zeigt das Logo der Fallen Saints. Ein Kreuz, umgeben von Stacheldraht und spritzendem Blut. Ein Totenschädel in der Mitte.

»Shadow, bitte …«

Das Nächste, was ich spüre, ist seine flache Hand, die mich ohrfeigt. Mein Kopf schleudert zur linken Seite, ein Schrei entflieht meiner Kehle. Doch der Schrei wird im nächsten Moment von einer großen, warmen Hand unterbunden, die sich auf meinen Mund drückt. Auf einmal ist der Geruch nach Leder und Rauch verschwunden. Stattdessen ist da ein anderer Duft. Einer, der mich bereits mein ganzes Leben lang einschüchtert. Heftig trete ich um mich, aber ich habe keine Chance.

»Du kleine Schlampe«, knurrt eine andere Stimme. Was passiert hier gerade?

»Wach auf!« Erneut trifft mich diese vertraute

Hand und mein Kopf fliegt zur anderen Seite. Keuchend öffne ich die Augen und blicke in graue statt blaue Augen. Meine Sicht klart langsam auf. »Von wem hast du geträumt, Storm?« Scharf dringt seine Stimme zu mir durch. Mein Herz rast noch immer, und meine Atmung ist flach und viel zu schnell. Ich liege nicht mehr auf dem Steg am Falls River, sondern in meinem Bett. Mein Vater beugt sich über mich und verengt die Augen zu Schlitzen. »Du hast einen Namen geflüstert, während du es dir selbst gemacht hast«, sagt er abfällig, und als ich den Blick an mir hinabwandern lasse, durchströmt mich pure Scham. Meine rechte Hand muss während meines Traumes in mein Höschen gewandert sein. Eilig ziehe ich sie zurück, krieche ans Kopfteil des Bettes und schlinge die Arme um meine Knie. Es ist nicht das erste Mal, dass ich durch eine Ohrfeige geweckt werde, aber es ist das erste Mal, dass mein Vater mich so gesehen hat.

»Ich …«

»Sag nichts. Ich kann nur hoffen, dass du bloß wilde Fantasien hast. Du hast keine Zeit für irgendwelche Affären, Storm. Dein Professor hat mich gerade angerufen.« Er stellt sich aufrecht hin, richtet seine graue Bürokrawatte und streicht sich den teuren Anzug glatt. Von draußen scheint die Morgensonne ins Zimmer, aber aufgrund seiner Anwesenheit herrschen hier drin sibirische Temperaturen.

»Was wollte er?«, frage ich erstickt. Noch immer ist es mir unheimlich peinlich, dass er mich so gesehen hat. Während ich von … Egal, um diesen seltsamen Traum kann ich mich später kümmern. Ich richte mein Pyjamaoberteil und ziehe mir schützend die Decke bis zum Hals, um mich nicht mehr so nackt unter seinen verurteilenden Augen zu fühlen. Auch wenn ich alles nur geträumt habe, schmerzt mein Po, weshalb ich versuche, eine angenehmere Pose zu finden.

»Mir sagen, dass du fahrlässig geworden bist. Du passt in seinem Unterricht kaum noch auf und du hast noch ziemliche Probleme mit dem neuen Stück.« Mein Vater bläht seine Nasenlöcher auf, und ich hasse es, wenn er das tut, weil es meistens bedeutet, dass er gleich erneut mit der Hand ausholen wird. Meine Wangen schmerzen von seinen Ohrfeigen, aber eins muss ich ihm lassen: Sie sind eine effektive Variante, jemanden zu wecken.

Ich bin hellwach.
»Ich schaffe es bis zum Termin.«
Anscheinend klinge ich nicht gerade überzeugt 
davon, denn seine Miene weicht nicht auf. Und wenn ich ehrlich bin, zweifle ich selbst daran, ob ich es hinbekomme, das neue Stück in zehn Tagen zu perfektionieren. Vor allem nach letzter Nacht.

»Das rate ich dir auch. Ich gebe nicht umsonst monatlich ein Vermögen dafür aus, dass etwas Brauchbares aus dir wird. Du solltest deine Zeit mit Spielen verbringen und nicht mit …« Sein Blick wandert abwertend über mich. Anstatt seinen Satz zu beenden, schüttelt er kontrolliert den Kopf. Es ist eine stumme Warnung, die ich sofort verstehe. »Es gibt da noch etwas, das ich dich fragen muss.« Mein Vater beginnt, vor meinem Bett auf und ab zu laufen. Ob Mom schon wach ist? Und ob sie weiß, dass ihr Ehemann schon am frühen Morgen die Hand gegen ihre Tochter erhebt? Natürlich weiß sie es. Weil sie selbst oft so geweckt wird.

»Was?«

»Dein Wagen steht nicht vor dem Haus. Wenn du mir jetzt sagst, dass du ihn letzte Nacht in deinem Wahn zu Schrott gefahren hast, dann …«

»In meinem Wahn?«, entflieht es mir. »Ich musste einfach nur raus. Weg von dir!« Mit einem Satz ist mein Vater wieder über mir, greift in mein Haar und zieht es ruckartig zurück, bis mich ein stechender Schmerz durchzieht. Den Anfang nimmt er an meinen Haarwurzeln und er mündet in meinen nackten Zehen, die sich jetzt in die Matratze graben.

»Wage es nicht …«

»Ich war gestern Nacht bei Delilah. Wir haben Wein getrunken. Und weil ich nicht mit Alkohol im Blut fahren wollte, habe ich den Wagen bei ihr stehenlassen. Ich hole ihn gleich auf dem Weg zur Vorlesung ab.« Im Lügen bin ich mittlerweile ziemlich gut geworden. Kurz flackert Misstrauen in seinen grauen Augen auf und ich betrachte sein faltiges Gesicht. Dalton Avens ist erst Anfang fünfzig, aber er sieht viel älter aus. Vielleicht ist das die Rache dafür, dass er ein brutaler, seelenloser Vater ist.

»Du solltest nicht trinken, du solltest dich auf dein Studium konzentrieren. Wie willst du jemals am Philharmonic arbeiten, wenn du nicht mal die einfachsten Stücke beherrschst?«

»Ich. Werde. Dort. Spielen«, zische ich ihn wütend an.

»Im Moment sieht es eher aus, als wärst du nur eine mittelklassige Cellistin. Wenn es so weitergeht, kannst du dich damit zufriedengeben, in der Gosse neben ein paar obdachlosen Bugs zu spielen.« Er zeigt drohend mit dem Finger auf mich, und kurz befürchte ich, dass er weiß, was letzte Nacht passiert ist und von wem ich geträumt habe.

»Reiß dich zusammen, Storm. Ich habe keine Nerven für deine alberne Rebellion.« Mit diesen Worten richtet er erneut seine hässliche Krawatte und steuert die Zimmertür an. Bitte, geh einfach nur. Geh, damit ich dir nicht gleich vor die Füße kotze.

Erst, als die Tür lautstark ins Schloss fällt, kann ich wieder freier atmen. Sauerstoff schießt durch meine Zellen und belebt mich. Doch als ich meine eigene Nässe zwischen den Beinen spüre, schwindet das Leben in mir wieder. Ich erinnere mich an den Traum, den ich hatte. Den Traum, in dem Shadow mit mir auf dem Steg war und mich fast besinnungslos fickte. Ich schließe die Augen, presse mir die geballten Fäuste gegen die Lider und versuche, die Bilder zu verdrängen. Doch der Film läuft weiter. Ein Film voller Blut, Angst und Verlangen, das ich so noch nie in meinem Leben gespürt habe. Was zur Hölle stimmt nicht mit mir?

 

Shadow

»Shadow, wo zur Hölle steckst du? Dein Vater will dich sprechen.« Ajax klingt angepisst, und er wird es noch mehr sein, wenn er erfährt, dass ich vor Storms hübschen Elternhaus stehe und die weiße Holzfassade anstiere. Genau genommen habe ich nur ihr Zimmer im unteren Stockwerk, durch das sie letzte Nacht verschwunden ist, im Visier.

»Ich mache meinen Job«, antworte ich schulterzuckend, lehne mich gegen meine Sportster und genehmige mir einen Zug meiner morgendlichen Kippe. Orange glüht ihre Spitze, während sich meine Lunge entspannt.

Danke, heiliges Nikotin.

»Sag nicht, du bist heute Morgen direkt zu dem Mädchen gefahren. Wir haben doch gesagt, dass sie einer der Prospects im Auge behalten soll.«

»Paul hat die ganze Nacht hier gestanden. Irgendwer musste den armen Kerl ablösen. Seine Augen hätte man nicht mal mehr mit Zahnstochern offenhalten können«, antworte ich und spiele mich als Helden auf, weil ich seine Schicht übernommen habe.

»Scheiße, Alter. Wir brauchen dich für die wichtigen Dinge. Und zwar hier. Wir müssen die nächste Lieferung besprechen, bevor Gálvez Stress macht.«

»Das hier ist wichtig. Wenn sie plaudert, haben wir bald noch mehr Scheiße am Arsch. Und wie du schon so treffend gesagt hast: Wir haben Wichtigeres zu tun, als uns wieder mit den Bullen umherzuschlagen.«

»Du machst das nicht, weil dieser Job so wichtig ist. Du machst das, weil du die Kleine aus irgendeinem anderen Grund im Visier haben willst.«

Vielleicht.

 

Aber ich werde sie weder ficken noch mit ihr in den Sonnenuntergang reiten. Viel eher will ich wissen, wer sie ist und wieso sie mitten in der Nacht auf der Westseite unterwegs ist, um einem Scheißfluss beim Fließen zuzusehen.

»Sag meinem Vater, dass ich gleich ins Clubhaus komme. Und ich komme nicht allein.« Ohne auf seine Antwort zu warten, beende ich das Telefonat und drücke die heruntergebrannte Kippe am Boden mit meinem Stiefel aus.

»Na endlich«, grummle ich, als sich die rote Tür des Einfamilienhauses öffnet.

Sekunden später kleben meine Augen an ihren schmalen Beinen, die heute bedauerlicherweise in einer schwarzen Jeans stecken. Vermutlich haben die Stacheln Spuren hinterlassen.

Storm trägt außerdem eine hellblaue Bluse, deren oberste Knöpfe offenstehen, und schwarze Ballerinas. Ihre Augen werden von einer großen Sonnenbrille verdeckt. Was für eine Verschwendung. Die aschbraunen Haare fallen ihr heute geglättet über den Rücken. Als sie den Blick hebt und mich sieht, verwandelt sie sich in eine Statue, nur um anschließend mit schnellen Schritten in Richtung Innenstadt zu marschieren.

»Du kannst nicht entkommen«, murmle ich und renne über die Straße zu ihr hinüber. Ihre Schritte werden schneller und größer, doch ehe sie weit kommen kann, habe ich mich ihr in den Weg gestellt. Fast knallt sie gegen meine Brust. Wie letzte Nacht.

»Was?«, faucht sie mich an. Ich sehe ihre Augen hinter den dunklen Gläsern nicht, aber ich könnte schwören, dass sie herausfordernd funkeln. Okay, wow … Gestern wirkte sie noch wie ein verschrecktes Reh.

»Ich werde dich heute mit ins Clubhaus nehmen.«

»Wirst du nicht«, protestiert sie und verschränkt die Arme vor der Brust, wobei ein verführerischer Schlitz zwischen ihren Titten entsteht.

»Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Wir müssen wirklich sichergehen, dass du nicht singst.« Sie riecht wie letzte Nacht nach Vanille, nur der Anflug von Schweiß fehlt. Am liebsten würde ich dafür sorgen, dass sie wieder ins Schwitzen gerät.

»Ich hätte längst singen können, wenn ich es gewollt hätte!«

»Hättest du nicht. Wir haben dich die ganze Nacht im Auge behalten.« Ich gehe einen Schritt auf sie zu, woraufhin sie zwei zurückweicht. Anscheinend ist sie doch nicht so tough, wie sie vorgibt. Dennoch wirkt sie heute wie ausgewechselt. Zu gern wüsste ich, was in den letzten Stunden mit ihr passiert ist.

»Bitte, lass mich gehen. Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich niemandem sagen werde, was ich gesehen habe. Ich muss jetzt einfach nur in meine Vorlesung.« Storm schiebt sich die Sonnenbrille auf den Kopf. Besser so. Ihre Augen sehen nicht ganz so stürmisch aus, wie ihre Stimme an diesem Morgen klingt, aber sie sind deshalb nicht weniger schön.

»Ich denke, du hast gerade andere Sorgen als eine geplatzte Vorlesung.«

»Du verstehst das nicht. Wenn ich nicht gehe, wird mein Vater …«

»Wird dein Vater was? Dir Hausarrest geben? Wie alt bist du? Zwölf?«, fahre ich sie an und verliere langsam die Geduld mit ihr. Ich bin sicher nicht hergekommen, um mit ihr über Dinge zu diskutieren, die längst feststehen.

»Es geht dich nichts an, wie alt ich bin. Und jetzt lass mich endlich vorbei!« Ihre Fassade bröckelt und Tränen treten in ihre hübschen Augen.

»Gestern warst du nicht so kratzbürstig. Was ist über Nacht passiert?«

»Mein Vater ist passiert. Ich wurde mit zwei Schlägen mitten ins Gesicht geweckt. Also wenn du mich bitte, bitte vorbeilassen würdest, bevor er uns hier zusammen sieht …« Prüfend blickt sie zu ihrem Elternhaus, während ich meine Nägel in die Innenflächen meiner Hände grabe. Ihr Vater misshandelt sie? Ich scanne ihr Gesicht nach Blessuren ab, und tatsächlich: Unter einer Schicht Make-up kann man sehen, dass sich ein blaues Auge anbahnt. Das erklärt auch ihre Sonnenbrille.

»Scheint, als wären unsere beiden Väter herrisch.«

»Weißt du was? Vergiss es. Anscheinend habe ich es ja verdient, mein Leben lang von euch unterdrückt zu werden. Vielleicht solltest du mich einfach verscharren, so wie William«, zischt sie mich an und schiebt die Brille zurück über ihre Augen. Sekunden später läuft mein Geduldfass über, ich zerre sie an mich und stoße sie in Richtung meines Bikes auf der anderen Seite der Straße.

»Glaub mir, Prinzessin. Ich hätte dich schon verscharrt, wenn das mein Plan gewesen wäre. Mir geht es nur darum, sicherzustellen, dass du den Ernst der Lage kapierst. Und wenn es heißt, dass ich dich eine Weile unter Beobachtung halten muss, dann nehme ich es in Kauf.« Sogar so gern, dass ich Paul nach Hause schicke, obwohl das hier sein Job ist. Aber das muss die Kleine nicht wissen.

»Ich habe doch schon gesagt, dass ich nichts sagen werde. Ich verspreche es!«

Mittlerweile steht sie vor meiner Maschine, und auch wenn ihre perfekt gebügelte Bluse nicht zu meiner Harley passt, gefällt mir das Bild. Fuck. Vielleicht hat Ajax mit seiner Annahme ins Schwarze getroffen. Storm stößt mit dem Hintern gegen mein Bike, während ich mich über sie beuge.

 

»Mir wurden schon zu viele Versprechen gegeben.« Murmelnd schnappe ich mir den Helm, den sie schon gestern getragen hat, und werfe ihn in ihre Hände. Alles in mir schreit danach, ihr beim Aufsetzen zu helfen, um ihre porzellanweiße Haut zu berühren, aber ich sollte den Körperkontakt auf das Mindeste beschränken. Reicht schon, dass sie gleich wieder hinter mir sitzen wird.

»Du bist ein verdammter Psychopath.«

»Erzähl mir was Neues.« Ich steige auf meine Maschine, lasse sie aufheulen und warte darauf, dass Storm sich hinter mich setzt. Erst glaube ich, dass sie einfach davonstürmen und lauthals um Hilfe schreien wird. Stattdessen setzt sie sich mit etwas Abstand hinter mich und hält sich am Sitz fest anstatt an meiner Kutte. Braves Mädchen.

 

Drei

Storm

Ich bin ausgeliefert. Nicht nur meinem Vater und Shadow, sondern anscheinend der ganzen Welt. Wieso habe ich mich nicht stärker gewehrt, als er mir befohlen hat, mit ihm ins Clubhaus zu fahren? Wieso habe ich zugelassen, dass er mich und meine neu aufgeflammte Rebellion einfach wieder in den Boden stampft?

Weil er gefährlich ist.
Weil er mich einfach mit einem Griff töten könnte.
Weil es sich trotz der höllischen Schmerzen in meinem

Traum gut angefühlt hat, als er in mir war. Und vielleicht auch ein wenig, um meinem Vater den ausgestreckten Mittelfinger zu zeigen. Ja, vielleicht ist das hier sogar ein Akt meiner Rebellion.

Man sollte meinen, dass er mich längst mit seinem Verhalten und den vielen Schlägen gebrochen hätte, aber ich werde mich so lange auf den Beinen halten, wie es mir möglich ist. Ich will ihm nicht die Genugtuung geben und zerbrechen, auch wenn ich schon so viele Risse davongetragen habe, dass ein leichter Windzug reichen würde, um mich zum Zerbersten zu bringen.

Penibel achte ich darauf, Shadow nicht zu berühren, und während die Stadt an mir vorbeizieht, blinzle ich meine Tränen weg. Ich hasse es, so behandelt zu werden. Und trotzdem bin ich nahezu mit wehenden Fahnen auf seine Maschine gestiegen, die jetzt unter meinem Hintern vibriert. Meine Oberschenkel schmerzen noch leicht von den Stacheln, die ich mir letzte Nacht unter der Dusche herausziehen musste.

Als wir die Crater Bridge überqueren, betreten wir eine andere Welt. Die Häuser sind marode, die Bürgersteige und Gassen voller Müll. Und die wenigen Menschen, die ich sehen kann, sind fast allesamt hispanischer Herkunft. Shadow bewegt sein Motorrad wie ein Profi durch die Stadt, und als wir schließlich ein heruntergewirtschaftetes Gebäude hinter einem hohen Stahlzaun erreichen, wird mir plötzlich schlecht. Weil ich weiß, dass ich mich gleich mit noch mehr Männern anlegen muss, die für ihre Skrupellosigkeit bekannt sind.

Die Fallen Saints haben einen Ruf bei uns, und dieser ist nicht gerade gut. Meine Eltern haben hin und wieder über die Bugs gesprochen, aber ich habe bis auf meine Freundin Delilah, die von hier stammt, keine Kontakte zur Westseite.

Neben dem Stahlzaun befindet sich ein mit Graffitis beschmiertes Tor, das sich jetzt wie von Zauberhand für uns öffnet. Als Shadow die Maschine hineinfährt, erkenne ich, dass es kein Zauber war, sondern ein Kerl in Saints-Kluft. Shadow schaltet das Motorrad aus, nickt dem Typen zu und wartet darauf, dass er das Tor wieder schließt. Als er uns den Rücken zudreht, sehe ich das Logo der Fallen Saints auf der ärmellosen Lederkutte, mit dem Wort Prospect darunter. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.

»Danke, Scotty.«

Er salutiert vor Shadow und verzieht sich anschließend in einen Nebenraum. Ich steige von dem Motorrad und reiße mir den Helm vom Kopf, weil es darunter bullenheiß geworden ist. Es ist noch früh am Morgen und trotzdem herrschen bereits sicher dreißig Grad. Das wenige Make-up, das ich heute Morgen aufgelegt habe, muss sich bereits verflüssigt haben.

»Was genau soll ich hier?«, frage ich murrend. Shadow steigt ebenfalls ab, deutet mit einem schlichten Kopfnicken in den Innenhof und geht wortlos vor. Fassungslos starre ich ihm hinterher. Weil ich keine Lust habe, allein in der Garage zu bleiben, folge ich ihm widerwillig. Er hätte mir schon etwas antun können, wenn er es gewollt hätte, das hat er selbst gesagt. Vermutlich ist es hochgradig naiv von mir, zu glauben, dass sich an diesem Umstand nichts ändern wird.

Der Innenhof ist komplett leergefegt. An einer der grauen Betonwände prangt das Logo der Fallen Saints. Der Totenschädel richtet seine schwarzen Augen auf mich, während ich mit pochendem Herzen an Tempo zulege und Shadow in das angrenzende Gebäude folge. Hier drin riecht es nach Kneipe. Nach kaltem Rauch, Alkohol und ungeschütztem Sex. Ich blicke mich schluckend im Raum um, der von etlichen Holzpfeilern unterbrochen ist, und traue meinen Augen kaum. Links befindet sich ein abgewetztes braunes Ledersofa, auf dem zwei nackte Frauen liegen. Sie öffnen nicht einmal die Augen, als wir an ihnen vorbeigehen. Ihre prallen Brüste sind zweifelsohne gemacht.

Erst auf den zweiten Blick sehe ich, dass ein Kerl unter den beiden schlafenden Frauen liegt. Er hat einen vollen Bart und wirre blonde Haare. Viel mehr erkenne ich nicht, aber ich schätze, dass er gut aussieht.

 

»Da bist du ja endlich.« Der Kerl von letzter Nacht – der mit den langen zotteligen Haaren – tritt hinter dem braunen Tresen hervor.

Er beobachtet mich prüfend, entzieht mir jedoch genauso schnell seine Aufmerksamkeit wieder. Im Hintergrund steht ein großer Billardtisch, auf dem ein weiteres Mitglied des Clubs liegt. Oberkörperfrei. Mit dem Gesicht einer nackten Frau zwischen den Beinen. Wo zur Hölle bin ich hier gelandet? In einem Puff? Ich verschränke die Arme vor der Brust, um mich vor den Eindrücken zu schützen, aber es ändert nichts daran, dass ich mich hier vollkommen nackt fühle, obwohl ich komplett bekleidet bin.

»Der Präs erwartet dich in der Sanctuary. Lass ihn nicht zu lang warten.«

»Ich bringe sie in mein Zimmer, dann gehe ich zu ihm.« Shadow deutet fahrig auf mich, während ich die Bilder neben mir mustere. Fotos von allen Mitgliedern schmücken die Wand. Die meisten von ihnen tragen Hass in den Augen und Wut auf den Lippen. Auch das Bild von Shadow jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.

»Wer ist das?«, höre ich plötzlich eine mir noch fremde Stimme. »Ist das die Kleine, die zu viel gesehen hat?« Als ich den Blick hochreiße, steht ein weiterer Kerl vor mir. Er ist gigantisch. Sicher einen Meter neunzig. Mit recht schmaler Statur, kinnlangen grauschwarzen Haaren und einem schmierigen Blick, der mich die Flucht ergreifen lassen will. Der Mann ist weitaus älter als die anderen im Raum. Für Frauen in seinem Alter ist er vermutlich attraktiv, doch mich erinnern seine leicht ergrauten Haare zu sehr an meinen Vater.

»Chris«, warnt Shadow ihn unterschwellig, aber er lässt nicht von mir ab. Stattdessen legt er seine schmale Hand an meine Kehle, drückt mich schnurstracks gegen die Wand mit den Bildern und riecht an meinem Haar. Ich winde mich unter ihm, aber er ist viel zu stark für mich. Die Bilderrahmen wackeln bedrohlich über meinem Kopf.

»Was denn, VP?« Mit einem breiten Grinsen sieht er Shadow an. »Ich will der Kleinen nur Hallo sagen.« Er scannt mein Gesicht ab. »Hallo.« Seine Zähne sind von einem zu hohen Zigarettenkonsum gelb verfärbt und leicht schief.

Ich kriege keine Erwiderung heraus, weil ich unter seiner Jeans seinen Schwanz spüre. Auszüge aus meinem Traum blitzen vor mir auf, aber die Erregung bleibt aus, weil dieser Kerl nichts als Ekel in mir auslöst.

»Anstand hat die Kleine schon mal nicht. Ich kann nur hoffen, dass sie ihren süßen Mund hält. Sonst werde ich ihr ein paar Gliedmaßen abtrennen müssen.« Wieder wandert sein Blick über mich. »Wäre ziemlich schade. Aber ihre Fotze lasse ich ganz.« Lechzend leckt er sich über die rissigen Lippen.

»Chris, verpiss dich.« Es ist der Langhaarige, der den Kerl von mir zerrt. Ich stoße meinen angehaltenen Atem aus und schürze die Lippen. Ich will nur noch hier raus. Weg von all den nackten Frauen, weg von all den Lederkutten und weg von all den Mitgliedern, die mich von ihren Bildern aus niederstarren.

»Komm mit«, faucht Shadow, packt mich am Arm und zieht mich durch den Raum. Die anderen Mitglieder erwachen langsam aus ihrem komatösen Zustand, aber sie haben nicht mehr die Chance, mich anzusprechen, weil ich im nächsten Augenblick in einem dunkeln Flur stehe, von dem mehrere Zimmer abgehen.

»Was hast du mit mir vor?« Es ist vollkommen kopflos, aber in Shadows Nähe fühle ich mich deutlich sicherer als in der von diesem Chris. Und dabei hat er mich ebenfalls schon bedroht. Mich und meine Familie.

In diesem Augenblick bin ich froh, dass Sam nicht mehr unter uns ist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn man ihm ebenfalls schaden wollen würde.

»Ich bringe dich in meinen Raum. Und dort wartest du, bis ich mit meinem Vater gesprochen habe. Wir entscheiden gemeinsam, was wir mit dir machen.«

 

Unsanft bugsiert er mich in einen der Räume. Er ist kahl eingerichtet und beherbergt außer einem Holzbett, einer kleinen Kommode und einem alten Sofa nicht viele Möbel. An den Wänden hängen Bilder von Motorrädern und nackten Frauen. Fast rutscht mir heraus, dass es aussieht wie das Zimmer eines pubertierenden Jungen, der sich seine Wichsvorlagen an die Wände getackert hat.

»Setz dich.« Shadow zeigt auf das Sofa, und weil ich hier ohnehin nicht abhauen kann, ohne bei dem Versuch an den anderen Kerlen vorbeizumüssen, gebe ich dem Befehl nach.

Das Polster fühlt sich weich unter meinem Hintern an. Bevor ich noch etwas sagen kann, verdeutlichen mir seine dumpfen Schritte auf dem alten Dielenboden, dass das Gespräch beendet ist. Sekunden später fällt die Tür ins Schloss und ich lege den Kopf in den Nacken. Stelle mir das empörte Gesicht meines Vaters vor, wenn er erfährt, dass ich nicht in der Uni, sondern hier bin. Und auch wenn sich alles in mir dagegen wehrt, weil ich gegen meinen Willen hergebracht wurde, zucken meine Mundwinkel. Diese Rebellion fühlt sich viel zu gut an.

 

Shadow

»Du wolltest mich sprechen?« Mit diesen Worten betrete ich unser Heiligtum. Den Ort, an dem wir all unsere Schachzüge planen und über das weitere Vorgehen in unseren geschäftlichen Beziehungen abstimmen. Auf dem großen rechteckigen Holztisch liegt der Richterhammer meines Vaters, mit dem schon mehrfach über Leben und Tod entschieden wurde. Hier rollen Köpfe auf mentaler Ebene, bevor sie später auch physisch rollen. Mein Vater sitzt an seinem Platz am Kopf des Tisches und dreht nachdenklich den Ehering an seiner rechten Hand.

»Ich habe gehört, dass du heute Morgen wieder bei der Smug-Göre warst. Paul hat gesagt, dass niemand ihr Haus in der Nacht verlassen hat.«

»Das hat er mir auch gesagt. Sie war nicht bei den Bullen.«

»Das heißt nicht, dass sie es nicht noch tun kann. Ich will, dass Paul und Scotty sie weiterhin im Auge behalten. Noch ein paar Tage. Vielleicht auch Wochen. Scotty soll sich vor dem Revier auf der Ostseite positionieren. Sollte sie doch auf die Idee kommen, zu den Cops zu gehen, wird er es erfahren. Paul soll weiterhin ihr Elternhaus im Blick behalten und ihr folgen, wenn sie irgendwo hingeht.« Er brennt seinen Blick in den Tisch.

»Ich werde sie ebenfalls nicht aus den Augen lassen. Paul kann sich auf ihr Haus beschränken«, sage ich entschlossen.

Mit zusammengekniffenen Augen sieht mein Vater zu mir auf und es schnürt sich ein imaginäres Band um meine Lungenflügel. Scheiße, man sollte keine Angst vor seinem Vater haben, aber jeder, der Harald Cane unterschätzt, unterschreibt damit automatisch sein Todesurteil. Auch wenn er mich über alles liebt, würde er mich töten, wenn es sein müsste. Sofort muss ich an Storms Blick denken, nachdem sie mir sagte, dass ihr Vater sie mit Schlägen ins Gesicht geweckt hat. Wieder balle ich die Hände zu Fäusten und würde sie ihm gern in den Rachen jagen. Scheiße, ich muss aufhören, sie beschützen zu wollen. Viel eher sollte sie jemand vor uns schützen.

»Liegt dir was an der Kleinen?«, fragt er neugierig. »Wieso sollte es? Ich kenne sie nicht.«
Außerdem liegt mir an keiner Frau mehr etwas, seit …

damals. Du solltest es am besten wissen. Du solltest wissen, dass ich nie wieder den Fehler machen werde, mein Herz für eine Frau zu öffnen.

»Gut. Wir können keine Ablenkungen dieser Art gebrauchen. Ich habe kein gutes Gefühl, Sean.« Mein Vater zückt das Butterflymesser mit seinem eingravierten Namen und spielt mit den schwingbaren Griffen. Er nennt mich nur bei meinem richtigen Namen, wenn es ernst ist. »Irgendetwas liegt in der Luft. Ich kann es noch nicht deuten, aber es war kein Zufall, dass unser letzter Transport fast hochgegangen wäre. Wir müssen herausfinden, was da im Hintergrund abläuft, bevor wirklich bald etwas schiefgeht und wir Gálvez und seine Leute am Hals haben. Sollten abklären, ob jemand Neues in der Stadt ist, der uns im Visier hat und uns schaden will.«

»Wir werden es herausfinden. Und wenn wir jemanden erwischen, dann wird er bald seinen letzten Atemzug getan haben.« Zielbewusst sehen wir einander an. Vater und Sohn. Präsident und Vizepräsident der Saints. Dieser Club ist Familie. Noch mehr als das. »Gibt es sonst noch etwas?«, hake ich nach, und fahre mit den Fingern über die Lehne des Stuhls, auf dem ich während unserer Besprechungen immer sitze. Rechts neben meinem Vater. Dieser Platz verleiht mir Macht. Mehr Macht, als es einigen im Club lieb ist. Immerhin bin ich erst seit vier Jahren ein vollständiges Mitglied und wurde trotzdem zum VP ernannt, als mein Vorgänger Michael aufgrund seiner Erkrankung von uns ging. Mein Vater zeichnet mit der Spitze seines Messers Kreise ins Holz unseres Tisches und schüttelt den Kopf.

»Vorerst nicht. Was hast du mit der Kleinen vor? Ajax sagte, du hast sie mit hergebracht.«

»Ich weiß es noch nicht. Vermutlich lasse ich sie einfach in meinem Zimmer die Zeit absitzen, bis mir etwas Besseres eingefallen ist. Währenddessen kümmere ich mich mit Nash und Maddox um die Arbeit.« Neben den Geschäften, die alles andere als legal sind, haben wir eine Securityfirma, in der einige von unseren Brüdern angestellt sind. Manche von uns brauchen anständig verdiente Kohle für ihre Familien und dafür eignet sich Safety and Honor hervorragend.

Mein Vater nickt mir zu. Er war noch nie ein Mann vieler Worte. Ich deute das Nicken als Entlassung und steuere die hölzernen Schwingtüren an, die nach draußen in den Hauptraum führen.

»Und Sohn?«

Ich drehe mich um und sehe ihn fragend an. Mein Vater lächelt selten. Meistens nur, wenn meine Mutter in der Nähe ist oder er gerade mit seiner Desert Eagle zwischen die Augenbrauen eines Feindes zielt.

»Was?«

»Gönn dir ruhig ein bisschen Spaß mit dem Smug-Gör. Du bist in letzter Zeit so unentspannt.« Mein Vater hat recht. Ich hatte schon seit Wochen keinen Sex mehr, was daran liegt, dass ich Wichtigeres zu tun habe, als eine Clubbraut nach der anderen zu vögeln. Diesem Club den Arsch retten, zum Beispiel. Alle, die draußen unter nackten Fotzen und prallen Zwillingen liegen, verfolgen da anscheinend eine andere Philosophie. Mein bester Freund Creak an vorderster Stelle. Ich habe ihn gerade mit zwei Bräuten auf dem Sofa liegen sehen. Vermutlich erinnert er sich gleich nicht mal mehr an ihre Namen.

»Ich habe keinen Bedarf.« Was eiskalt gelogen ist. Bis gestern hätte der Satz vielleicht noch gestimmt. Aber der kleine Wirbelsturm in meinem Zimmer hat alles verändert.

 

Storm

Die Stunden ziehen sich wie Kaugummi, und ich mache nichts anderes, als mich in diesem kahlen Zimmer umzusehen, die Kerben im Bettgestell zu zählen und Däumchen zu drehen. Nach zwei Stunden war mein Handy leer, und ich wollte am liebsten wütend nach draußen stürmen und einen Weg zurück nach Hause finden, aber ich habe mich nicht getraut, das Zimmer ohne Shadow zu verlassen. Und da diese Bude hier kein Fenster hat, fehlte mir der nötige Fluchtweg. Ungeduldig starre ich auf meine Uhr. Ich muss in einer Stunde zu meiner Schicht im Blue, wenn ich keinen Ärger mit meinem Boss bekommen will.

Es ist bereits acht Uhr am Abend, als Shadow endlich das Zimmer betritt. Mir liegen Schimpftiraden auf der Zunge, aber ich behalte sie für mich, weil ich keine Zeit hierfür habe.

»Ich muss nach Hause«, sage ich ohne große Umschweife. Shadow sieht müde aus, so als wäre der Tag für ihn deutlich anstrengender gewesen als für mich. Dunkle Schatten liegen unter seinen hellblauen Augen, die mich jetzt böse fixieren.

»Hast du immer noch nicht kapiert, wie das hier läuft?«

»Ich muss zur Arbeit. Wenn ich meinen Job verliere …« Dann werde ich niemals finanziell unabhängig von meinen Eltern sein. Sie bezahlen mein teures Studium und finanzieren somit meinen Traum. Oder ihren Traum. Im Moment weiß ich nicht mehr, wem er wirklich gehört. Der Gedanke, ihnen noch lange auf den Taschen zu liegen und solange bei ihnen wohnen zu müssen, macht mich fertig. Also habe ich mir vor einem halben Jahr einen gefälschten Ausweis von Delilahs Kontakten besorgen lassen und mich damit in dieser Bar beworben. Eine Bar mit einem Chef, der eine Allergie gegen Zuspätkommende hat.

»Du kannst mich nicht ewig hier festhalten, ohne dass es auffliegt. Ich muss wirklich nach Hause. Von mir aus lauere die ganze Nacht vor meinem Haus oder vor der Bar, in der ich arbeite, aber das ist wirklich wichtig«, sage ich eindringlich und hoffe, an seine Menschlichkeit zu appellieren.

Shadow schält sich aus seiner Kutte, wirft sie auf sein Bett und zieht sich anschließend das schwarze Shirt aus. Ich erinnere mich daran, dass er das schon gestern Abend anhatte. Ich wende den Blick ab, nur, um Sekunden später doch wieder zu ihm zu sehen. Sein gesamter Oberkörper ist tätowiert. Es gibt kaum einen Fleck, in den keine schwarze Tinte eingraviert ist. Jeder Muskelstrang sitzt an der perfekten Stelle. Ich fahre gedanklich die Linien seines Sixpacks entlang, hinunter zu dem V, das in der tiefsitzenden Jeans mündet.

Flashbacks aus meinem Traum tauchen auf, die ich eilig verscheuche.

»Ich bringe dich nach Hause. Und dann begleite ich dich zu deiner Arbeit.« Shadow schlendert zu der Kommode, reißt die Schublade auf und holt ein weiteres schwarzes Shirt heraus. Viel von Farbe scheint er nicht zu halten. Leichte Enttäuschung nistet sich in mir ein, als seine Muskeln unter dem Stoff verschwinden und er seine Kutte wieder anlegt.

»Willst du jetzt ewig meinen Babysitter spielen?«, hake ich mutig nach. Es wird eine Frage der Zeit sein, bis mich dieser Mut das Leben kostet. Oder meine Zunge. Er legt den Kopf schief, beobachtet mich aus schmalen Augen und einem Ausdruck, den ich nicht einordnen kann.

»Zumindest bis wir wissen, dass du auf tiefster Ebene verstanden hast, was ein Verrat bedeutet. Außerdem kannst du froh sein, dass ich dein Babysitter bin. Wärst du bei Chris und Maddox, hättest du schon längst zwei Schwänze in deinem Arsch.« Schulterzuckend schnappt er sich eine Schachtel Kippen vom Nachttisch, schiebt sie in die Hintertasche seiner Jeans und öffnet die Tür.

Seine Worte gehen mir durch den Kopf und die Erregung meines Traums kriecht wie eine Kobra meine Wirbelsäule entlang und mündet an meinem Hintern. Ich hatte noch nie Analverkehr. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt. Shadows Augen ruhen auf mir und ich fühle mich ertappt. So als könnte er mir meine schmutzigen Gedanken ablesen. Als wüsste er, dass ich von uns geträumt habe. Genervt von meinen überschäumenden Hormonen, die eindeutig dafür sorgen, dass einige Rezeptoren in meinem Hirn versagen, schiebe ich die Bilder beiseite.

»Willst du damit sagen, dass ich mit dir besser dran bin?«

»Ich will damit sagen, dass ich nicht vorhabe, dich zu ficken. Sondern nur, dich im Auge zu behalten.« Auf keinen Fall darf ich zulassen, dass mich seine Antwort auf irgendeine Weise trifft.

»Was ist mit meinem Wagen passiert?«, frage ich deshalb beim Rausgehen, um das Thema zu wechseln. Wir nehmen einen Hinterausgang, von dem ich nichts wusste, sonst hätte ich ihn schon vor acht Stunden benutzt und wäre verschwunden. Aber ich bin froh, dass wir so nicht an den anderen, mittlerweile laut grölenden Verbrechern, vorbeimüssen. Vor allem nicht an diesem Chris.

»Maddox hat ihn aufgebrochen und hinten abgestellt.«

»Er hat was?«, entfährt es mir schrill.

Shadow schiebt die Augenbrauen zusammen, schließt die Eisentür hinter mir und geht über den Innenhof.

»Alternativ hätte irgendein Kleinkrimineller den Wagen aufgebrochen, geklaut und verscherbelt. Du solltest Mad dankbar sein.« Keinerlei Witz liegt in seiner dunklen Stimme, und ich frage mich, ob er überhaupt zu Humor in der Lage ist.

»Und was seid ihr? Keine Kleinkriminellen?«, nuschle ich, und versuche, mit ihm Schritt zu halten. Und währenddessen nicht daran zu denken, welche Konsequenzen es für mich haben wird, dass ich heute in keiner Vorlesung und auch nicht in Mr. Callahans Unterricht war.

»Wir sind viel mehr als das, Prinzessin.«

Der abwertende Kosename sorgt für einen Kloß in meinem Hals, weil er absolut keine Ahnung hat, wovon er da spricht. Ja, ich komme von der Ostseite. Ja, meine Eltern haben Geld. Ja, ich habe eine berufliche Perspektive. Aber ich bin weit davon entfernt, eine verdammte Prinzessin zu sein. Da ist es mir sogar lieber, er nennt mich Smug-Mädchen.

 

»Ich muss mit dem Wagen nach Hause fahren.«

»Von mir aus«, antwortet er zu meinem Erstaunen, ohne mir zu widersprechen oder mir zu drohen. Perplex schiele ich zu ihm herüber. Das war es schon? Ich hatte mit deutlich mehr Widerstand gerechnet. Die Sonne steht mittlerweile tief am Horizont und färbt den Himmel in einen wunderschönen Orangeton.

»Aber ich fahre dir hinterher.«

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