Leseprobe zu ADLER

beginnend ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20-30 Minuten

ADLER

Heute Abend ist es soweit, Ramirez.

Heute Abend werde ich mir deinen beschissenen Nachtclub einverleiben.

New Juarez ist meine Stadt. Sie gehört mir.

Ich werde mir das holen, was mir zusteht, egal was du oder dein Pisser von einem Vater dagegen einzuwenden habt.

Und ich werde mir noch etwas holen. Dich. Dein Leben.

 

Viel zu lange habe ich mir ansehen müssen, wie sich diese kleine Bitch namens Blair Ramirez etwas herausnimmt, was niemand sonst wagt: mich zu provozieren.

Es ist wie ein verdammter Tritt in den Arsch. Eine verfickte Blamage.

Wenn ich nicht bald einschreite und ihr zeige, wer in New Juarez wirklich das Sagen hat, werden noch ganz andere Bastarde aus ihren Höhlen kriechen, um mir auf meiner beschissenen Nase herumzutanzen. Das kann und werde ich nicht zulassen.

Nicht nur, dass ich dem verfluchten Ramirez-Clan ohnehin zu viel durchgehen lasse. Es geht darum, mein Gesicht zu wahren.

Die kleine Ramirez ist fällig.

Das El Paso soll ein Nachtclub sein? Für wie dumm hält sie mich?

Sie hat diese Immobilie nicht deshalb ausgewählt, weil sie zufällig das beste Angebot mit Filetgrundstück in einer Gegend von NJ war, in der die betuchten Partygänger sich wohlfühlen. Im Gegenteil. Dieses Gebäude hat sie nur aus dem Grund gewählt, weil es ein Bollwerk von einer uneinnehmbaren Festung ist, das wahrscheinlich sogar der Explosion einer Atombombe standhalten würde. Dabei handelt es sich um ein vermeintlich unscheinbares, grau verputztes, mehrstöckiges Haus in zweifelhafter Lage – allerdings mit meterdicken Stahlwänden und Fenstern, die nach außen hin aus verspiegeltem Panzerglas bestehen. Es ist umgeben von einer Mauer mit integriertem, unter Starkstrom gesetzten Stacheldrahtzaun, deren unbedachte Überschreitung einem Menschen sofort das Leben kosten würde.

Jeder verdammte Quadratzentimeter des Grundstücks ist kameraüberwacht. Mich würde nicht einmal mehr eine automatische Schießanlage verwundern.

Der einzige Zugang, den meine Leute und ich also nehmen können, ist der Haupteingang des Clubs, der wiederum aus zentimeterdicken Stahltüren in Holzoptik besteht.

Auch an kompetentem Personal mangelt es Ramirez nicht. Keine Ahnung, wo sie die Killermaschinen von Securitys aufgegabelt hat, aber sie hat sich definitiv die fähigsten Söldner geangelt, die es auf diesem verdammten Planeten zu bekommen gab.

Irgendwie hat sie es geschafft, diese Männer davon zu überzeugen, dass ein stumpfsinniger Türsteher-Job in meinem dreckigen NJ das Beste ist, was ihnen passieren konnte.

 

Das alles hält mich allerdings nicht auf, Ramirez.

Du wirst gleich herausfinden, dass du in mir deinen Endgegner gefunden hast.

Mich provoziert man nicht. Mit mir legt man sich nicht an.

Dein verfickter Nachtclub ist eine verdammte Kriegserklärung an mich und meine Familie.

Der Waffenstillstand zwischen mir und deinem Vater ist vorbei.

Ich werde jetzt kommen und mir das holen, was mir schon so lange zusteht: dein Leben.

BLAIR

»Sag mir deinen Namen.« Seine rauen Finger umfassen meinen Unterarm mit einer derart gebieterischen Selbstverständlichkeit, dass mein sonst so unerschütterlicher Stolz für einen kurzen Moment aus dem Takt gerät: Diese Selbstverständlichkeit ist es, die mir ziemlich glaubhaft einreden will, dass ich ihm gehöre. Sein Besitz bin. Und das, obwohl er mich nicht ein einziges Mal angesehen hat, sondern stattdessen pausenlos dem offenbar weitaus reizvolleren Geschehen hinter mir seine volle Aufmerksamkeit schenkt. Bis eben war ich sogar der festen Überzeugung, dass er meine Existenz schlichtweg ignoriert hat.

Vaughn Adler ist hier. In meinem Nachtclub. In meinem verdammten Nachtclub!

Beinahe hätte ich auf Autopilot geschaltet und wäre seinem … Befehl, ihm meinen Namen zu nennen, wie eine dumme Göre nachgekommen.

Meine Güte, was ist denn los mit mir?! Nur weil der Typ es trotz seiner augenscheinlichen Attraktivität vorzieht, auf möglichst asoziale Weise seinen Willen durchzusetzen, heißt es noch lange nicht, dass ich sofort klein beigeben und in seiner Gegenwart den Verstand abschalten muss!

»Warum sollte ich?«, erkundige ich mich also scheinheilig, schenke seiner Seitenansicht ein unverbindliches Lächeln und stelle den Scotch mit meiner verbleibenden freien Hand auf dem Tisch neben ihm ab.

»Wie bitte?!« Einen Augenblick lang folgt Adler weiterhin den aufreizenden Bewegungen der Tänzerin in meinem Rücken, die sich auf der sechseckigen Bühne räkelt und ihm immerzu laszive Blicke zuwirft, als wüsste sie genau, wen sie da vor sich hat. Nun schnellen seine dunklen Augen jedoch zurück in meine Richtung und blitzen gefährlich auf. Fast gleichzeitig lässt er mich los und macht eine auffordernde Geste mit der Hand, damit ich mich zu ihm hinunterbeuge und er mir in aller Deutlichkeit etwas ins Ohr knurren kann. Immerhin ist die Musik, zu der die Tänzerin nun auch den letzten Rest ihrer Hüllen fallen lässt, dermaßen laut, dass man sich nur durch direktes Zurufen verständigen kann.

Mit meinem festgeklebten – und vor allem unverbindlichen – Lächeln schüttele ich gelassen den Kopf, positioniere das leere Serviertablett vor meinem Bauch und umrunde Adlers Tisch mit dem größtmöglichen Sicherheitsabstand, ohne dass es hoffentlich zu sehr auffällt. Dabei drehe ich mein Gesicht wie beiläufig der Tänzerin zu, die gerade katzenhaft zum Rand ihrer Bühne kriecht – natürlich genau in seine Richtung. Augenblicklich weicht mein Schmunzeln einem tadelnden Augenaufschlag: Halt dich gefälligst von Vaughn Adler und seinen Leuten fern, sonst bist du deinen Job los, Heaven.

Heaven ist kein naives Dummchen. Im Gegenteil. Sie entstammt einem wohlhabenden Elternhaus, dessen Familienstammbaum mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Nur ist sie leider eine Frau, was sie in den Augen der amerikanischen Gesellschaft so gut wie wertlos erscheinen lässt. Ihr Vater war gerade einmal dazu bereit, das Schulgeld bis zu ihrem Highschoolabschluss zu bezahlen, und das war’s. Danach stellte er sie vor die Wahl: Verheiraten lassen oder verstoßen werden.

Sie hat sich für Letzteres entschieden. Deshalb schlägt sie sich nunmehr seit drei Jahren als Stripperin und Gelegenheitsprostituierte durch und weiß mittlerweile genau, wie sie Männer – und auch Frauen – um den Finger wickelt.

Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, für mich zu arbeiten, und war damit eine der Ersten, die ich eingestellt habe. Ursprünglich als Bedienung – allerdings fühlt sie sich auf einer der Bühnen wesentlich wohler.

Heute scheint sie sich wiederum besonders wohlzufühlen und wird – wie bereits viele andere Frauen vor ihr – magisch von Adlers Strahlkraft angezogen. Schließlich feiert man ihn nicht umsonst als einen der heiß begehrtesten Junggesellen unter der amerikanischen Sonne, und bei seiner gefährlich-faszinierenden Aura bleibt nicht einmal Heavens heiratsunwilliges Herz kalt.

In diesem Moment hält sie jedoch in der Bewegung inne, reißt die mandelförmigen Augen auf und starrt mich panisch an. Mir bleibt gerade genug Zeit, um verwirrt die Stirn zu runzeln, als mir auch schon klar wird, dass ich einen fatalen Fehler gemacht habe: Ich habe Vaughn Adler aus den Augen gelassen.

Unmittelbar werde ich grob am Nacken gepackt und herumgewirbelt, sodass Adlers Gesicht nur noch eine Handbreit von meinem entfernt ist. Wie ein tobender Stier schnauft er mich an. Sein Atem riecht nach Minze und dem teuren Scotch, den er wohl, direkt nachdem ich ihm den Rücken zudrehte, hinuntergekippt hat. Daraufhin muss er aufgesprungen sein und die wenigen Schritte, die ich bisher auf diesen verdammten Stilettos bewältigt habe, in Sekundenschnelle überwunden haben.

Gerade heute habe ich noch mit dem Gedanken gespielt, ob ich nicht einfach den obligatorischen Dresscode der Bedienungen, der aus dunkler Jeans und schwarzem Oberteil besteht, um das Tragen von gemütlichen Sneakers ergänzen soll. Uns Frauen wird hier im El Paso trotzdem auf die Möpse und den Arsch geglotzt, egal welches Schuhwerk wir wählen.

Vielleicht hätten die Sneakers mich vor Adlers Zugriff bewahrt. Vielleicht.

Stattdessen hänge ich stocksteif in seiner Klaue – wie ein Kitten, das von seiner Mutter vor der drohenden Gefahr in Sicherheit gebracht wird. Nur befindet sich in diesem Fall die drohende Gefahr direkt vor mir.

»Was soll das, Cabrón?!«, fauche ich ihn an und bin mir dabei durchaus der Tatsache bewusst, dass Adler es bestimmt nicht einfach dulden wird, wenn ich ihn als Scheißkerl beschimpfe. Doch das ist mir scheißegal: Wie um meine Worte zu unterstreichen, lasse ich das Tablett fallen, das scheppernd auf dem harten Betonboden aufkommt.

Er scheint den Lärm gar nicht zu registrieren. »Sag. Mir. Deinen Namen!«, raunzt er zurück und schüttelt mich währenddessen kräftig durch, als würde das irgendetwas bezwecken – beispielsweise, dass der Name aus meinem Mund wie Kleingeld aus einem Automaten fällt, oder so.

Geduldig warte ich ab, bis das Gerüttel aufhört und Adler mich eindringlich anstarrt. Möglicherweise glaubt er, dass er mir nun das Maß an Angst eingejagt hat, das er benötigt, damit ich ihn auf Knien darum anbettele, mich am Leben zu lassen.

Stattdessen hole ich aus und verpasse ihm eine schallende Ohrfeige.

Er lässt mich trotzdem nicht los. Allerdings dürfte es nur eine Frage von Sekunden sein, denn in diesem Moment erkenne ich einen Schatten in meinem rechten Blickwinkel und kurz darauf trifft eine Faust auf eben jene Stelle, an der ich Adler die Ohrfeige verpasst habe.

Die Klaue in meinem Nacken lockert sich. Ich zögere nicht und schlage mit der Handkante mehrmals auf Adlers Unterarm ein, mache einen hastigen Satz rückwärts, wirbele herum und … schaue in das grimmige Gesicht eines Mannes, vor dem ich mindestens genau so großen Respekt haben sollte wie vor Adler selbst: Seine Miene liegt in Schatten gehüllt, da er mich mit gesenktem Kopf anstiert; das schummerige Licht im Club trägt sogar seinen Teil dazu bei, dass sich nichts als blanker Hass ausmachen lässt, mit dem mich mein Gegenüber unverhohlen adressiert.

Nichtsdestotrotz kann ich anhand des Millimeterschnitts und der markanten Narben auf seiner linken Wange erkennen, dass es sich bei diesem Mann um keinen anderen als Snyper handelt – Adlers rechte Hand. Mindestens genauso gefährlich wie er – und um einiges durchgeknallter.

Seine Pranke schnellt vor und umschließt gnadenlos meine Kehle. Übergangslos reißt er mich an sich, wirbelt mich grob herum und presst sich in meinen Rücken. Dabei lässt seine Hand nicht eine Sekunde von meinem Hals ab. »Sieh genau hin, kleine Ramirez, was Adler mit denjenigen macht, die versuchen, dir zu Hilfe zu eilen«, haucht er mir rau ins Ohr.

Steh nicht so blöd rum, Blair! Wozu die ganzen Selbstverteidigungsmodule, wenn du dich im Endeffekt nicht einmal traust, dich gegen den erstbesten dahergelaufenen Hurensohn zu behaupten!

Verdrossen ramme ich Snyper den Ellbogen in die Rippen und trete ihm gleichzeitig mit voller Wucht meinen spitzen Absatz ins Schienbein, doch er zuckt nicht ansatzweise darunter zusammen. Stattdessen gibt er lediglich ein höhnisches Lachen von sich. Der Griff um meine Kehle verfestigt sich, sodass ich panisch nach Luft schnappe und an nichts anderes mehr denken kann, als irgendwie Snypers Pranke von meinem Hals zu bekommen. Mit allen zehn Fingern versuche ich sie von mir zu lösen, jedoch bleiben meine schwachen Bemühungen erfolglos.

»Sieh hin!«, zischt er ein weiteres Mal, woraufhin mein Blick tatsächlich an Adler haften bleibt, der in diesem Moment seine geballte Faust mehrmals hintereinander gegen die Nase des Securitys donnert, der eben wahnwitzigerweise versucht hat, mich aus seinen Fängen zu befreien.

Mit überdrehten Augen fällt dieser jetzt wie ein gefällter Baum nach hinten und kracht in einen der umstehenden Tische, der splitternd unter ihm zusammenbricht. Allerdings scheint Adler nicht sonderlich davon beeindruckt zu sein, denn er hält noch immer den Kragen des Securitys gepackt, beugt sich über ihn und schlägt ein letztes Mal zu. Ohne den Blick von dem bewusstlosen Mann abzuwenden, greift er an seinen linken Ärmelaufschlag und zieht daraus ein Messer hervor. Eiskalt rammt er ihm die glänzende Klinge in den Hals.

»Nein! Du Bastard!«, schreie ich lauthals heraus und registriere nur nebenbei, dass Snyper den Griff um meine Kehle längst gelockert hat, sodass ich wieder frei atmen kann. Trotzdem hält er meinen Hals nach wie vor umklammert und drückt seine Finger zudem hart in meinen Kiefer. Sein anderer Arm schlingt sich fest um meinen Oberkörper und presst mich eng an seinen Brustkorb, als ich automatisch vorwärtsstürzen will, um Adler an der Schulter zu packen und … irgendwie zum Aufhören zu bewegen.

»Schhh. Er ist noch nicht fertig. Möchtest du nicht wissen, wie mein Boss deinen verschissenen Nachtclub im Alleingang übernimmt, kleine Ramirez?«, dröhnt Snypers Stimme in meinem Ohr.

»Lass mich los, du Hurenbock!«, fordere ich empört, während ich gleichzeitig versuche, mich mit aller Kraft aus dieser ungewollten Umarmung zu befreien. Aber Snyper ist wie festgewachsen und zieht als Antwort seinen Arm so eng um meinen Leib, dass meine Rippen schmerzhaft zu protestieren beginnen. Ächzend halte ich in der Bewegung inne und starre stattdessen zu dem Security, dessen Blut unaufhörlich aus der Wunde in seinem Hals sickert und sich in einer immer größer werdenden Pfütze um ihn herum am Boden sammelt.

Mit einem mehr als zufriedenen Gesichtsausdruck richtet Adler sich auf und wendet sich ausgerechnet – mit der blutigen Messerspitze voran – an mich. »Noch einmal von vorn, Ricura: Nenn mir deinen Namen. Oder ich bringe den nächsten deiner erbärmlichen Angestellten um.«

»Was soll der Scheiß?!«, spucke ich ihm ungehalten entgegen. »Du weißt doch längst, wer ich bin!«

»Echt jetzt?« Eine seiner Augenbrauen zuckt erstaunt empor. »Na dann …« Augenblicklich holt er aus und wirft das Messer in meine Richtung. Es verfehlt mich um höchstens eine Armlänge, rauscht zischend an mir vorbei und trifft sein Ziel. Dieses Ziel geht mit einem leisen Röcheln zu Boden.

Oh mein Gott. Der Mann ist vollkommen geistesgestört!

Heiße Tränen der ohnmächtigen Wut versuchen, mich zu übermannen, als ich mich nach dem getroffenen Angestellten umsehen will, doch Snyper lässt es nicht zu und fixiert mich stattdessen an Ort und Stelle.

Auch wenn ich es geschafft habe, nicht verängstigt die Augen zusammenzukneifen, als das Messer ungebremst auf mich zugeschossen kam, habe ich meine Bestürzung nicht verbergen können und bin ordentlich zusammengefahren. Snyper dagegen hat sich mal wieder nicht gerührt. Ich wette, er hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Entweder hat er ein derart großes Vertrauen in seinen Boss, dass dieser ihn nicht plötzlich aus einer Laune heraus umbringen wird oder er hat schlichtweg keine Angst vor dem Tod.

»Du …!«, bringe ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und will mich nochmals aus Snypers Griff befreien, was natürlich zwecklos ist.

»Ich …?!« Adlers Mundwinkel zuckt leicht belustigt, während er aus dem anderen Ärmel ein zweites Wurfmesser zieht.

Ironischerweise schießt mir auf Anhieb der Gedanke durch den Kopf, dass Adlers heutige Hemdwahl sehr vorausschauend war: Es ist nämlich schwarz wie die Nacht und dementsprechend wird, vor allem solange wir uns hier im Halbdunkel des Clubs aufhalten, extrem schwer zu erkennen sein, wie blutbesudelt es wirklich ist.

Das ist nicht vorausschauend. Das zeugt nur davon, wie sehr seine verdammte Eitelkeit ihn im Griff hat!

»Eine letzte Warnung, Ricura. Diese Klinge wird keinen deiner Securitys treffen, sondern …« Mit abschätziger Miene lässt er den Blick um sich herumschweifen. Jeder, den ich von meiner Position aus erfassen kann, ist zu Stein erstarrt. Tänzerinnen, Bedienungen, Securitys und Gäste. Sogar die Musik wurde abgedreht. Die nun eintretende Stille ist beinahe ohrenbetäubender, als die vibrierenden Klänge des Dark Electronic Rock, den die DJs fortwährend auflegen.

Das einzige, was ich nun außer Snypers Atem und Adlers schweren Schritten hören kann, während dieser sich gemächlich in einem engen Radius um mich und Snyper herumbewegt, ist ein stetiges Rauschen in meinen Ohren, welche sich erst an die plötzliche Ruhe gewöhnen müssen.

»Ja, Ricura, wen soll dieses Messer treffen?« Geschickt lässt er die Klinge durch die Finger wirbeln.

»Niemanden!« Du störrische Bitch! Jetzt sag ihm endlich deinen Namen, bevor er ein weiteres unschuldiges Leben nimmt!

»Ach, wirklich?« Adlers Augen funkeln teuflisch, während Snyper hinter mir ein raues Lachen von sich gibt.

»Du weißt genau, dass ich Blair Ramirez bin! Warum, zum Teufel, ziehst du diese … kranke Show hier ab? Macht es dich in irgendeiner Weise geil, wenn Frauen dir ihren Namen Silbe für Silbe vorbeten, während du sie bedrohst?!«

Unvermittelt steuert er auf mich zu, bleibt dicht vor mir stehen und drückt die Messerklinge an meine Halsschlagader, direkt unterhalb Snypers unnachgiebigem Griff. Mit zuckenden Kiefermuskeln beugt er sich zu mir hinunter. »Möglich«, raunt er mit bemerkenswert tiefer Stimme.

Vaughn Adler so nah vor mir, dass ich seinen Atem im Gesicht spüren kann, und Snyper – seine rechte Hand und Anführer der fünf Schatten – in meinem Rücken. Ich sollte mir vor Angst in die Hose scheißen.

Mein Herz klopft auch wie wild. Nur … vor Aufregung.

Vaughn Adler ist hier. In meinem Nachtclub. In meinem verdammten Nachtclub! Und ich habe nichts Besseres zu tun, als in seine dunklen Augen zu starren und aufgrund des lichtlosen Wahnsinns, der in ihnen schimmert, zu schaudern.

Auf eine … positive Weise.

Die kleinen Härchen auf meinen Unterarmen stellen sich auf und mein Mund öffnet sich leicht, weil ich das Gefühl habe, nicht mehr ausreichend Sauerstoff durch die Nase einatmen zu können, da mir von dem Duft, den Adlers Aftershave ausströmt, schwindelig wird.

Verdammt. Ich bin mindestens genauso geistesgestört wie er.

ADLER

Hast du dich erschreckt, Ricura?

Mache ich dir etwa Angst?

Gut so.

Sobald es mir nämlich darum geht, meinen verdammten Willen durchzusetzen, bin ich erbarmungslos.

Ich denke, du weißt, wovon ich rede.

Diese Art von Erbarmungslosigkeit sollte dir dein beschissener Vater eigentlich in die Wiege gelegt haben.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie erst aus dir herauskitzeln muss.

Ob ich mit meinem Messer so lange in deinen Eingeweiden herumwühlen muss, bis die Ramirez-Gene wie ein fauliger Parasit aus dir herauskriechen, um sich einen anderen Wirt zu suchen, den sie mit ihrem Gift verseuchen können.

Denn aus irgendeinem Grund kann ich das Schlechte in deinem Blick nicht erkennen, das dich eigentlich ausmachen sollte.

Oder ich habe dich unterschätzt und du spielst diese Scharade um einiges gerissener, als ich vermutet habe.

 

Nur ganz leicht lasse ich die Klinge über ihre makellose Haut gleiten, deren Farbe mich – zumindest bei diesen Lichtverhältnissen – an helles Karamell erinnert, das mir meine Mutter …

Die kleine Ramirez keucht entgeistert auf und ein hauchdünner Faden dunklen Blutes quillt aus dem Kratzer hervor.

Wie komme ich dazu, auch nur eine Sekunde an die abartige Hure zu denken, die mich aus ihrer verfluchten Gebärmutter herausgepresst hat?! Sie hat mir sicher keine klebrigen Karamellbonbons zugesteckt, während sämtliche Erwachsene um mich herum nur mit ihren dreckigen Geschäften und damit beschäftigt waren, das unschuldige Leben ihrer eigenen Kinder zu zerstören.

Das mit den Bonbons muss eines der Kindermädchen gewesen sein. Etwas anderes würde keinen Sinn machen.

Und warum, zum Teufel, werde ich bei dem simplen Anblick der Haut dieser Frau, die die Tochter meines Erzfeindes ist, auf einmal nostalgisch – wenn nicht sogar … sentimental?! Wann habe ich bitte das letzte Mal einen bloßen Gedanken an meine verkorkste Kindheit verschwendet?

»Braves Mädchen«, knurre ich ihr ins Gesicht und entferne die Klinge von ihrem Hals, bevor ich sie womöglich noch aus Versehen umbringe. »Schön stillhalten.«

Snyper hat sich nicht gerührt, als ich das Messer nur Millimeter unterhalb seines kleinen Fingers angesetzt habe. Ein Blick in seine verhangenen Iriden bestätigt mir auf Anhieb meine Vermutung: Der Wichser hat sich mal wieder bis über beide Ohren zugedröhnt. Vielleicht ist heute einer dieser Tage, an denen er den Tod mehr herbeisehnt als sonst.

Das kann er vergessen. Ich brauche ihn in meinem Team. Viel mehr als er sich vorstellen kann. Er ist der einzige Mensch in meinem Umfeld, der es schafft, mich bei Verstand zu halten und keine überstürzten Entscheidungen zu treffen – während er selbst von Minute zu Minute tiefer in den Wahnsinn abdriftet.

Eine eigenartige Art von Bindung hält uns zusammen. Gewöhnliche Leute würden es Freundschaft nennen – irgendwelche Pisser, die sich als humorvoll betiteln, würden uns vielleicht sogar eine Bromance andichten. Dabei ist es vielmehr eine spezielle Art von Symbiose, die uns seit Jahren aneinanderkettet: Ich passe auf, dass Sny nicht zu sehr am Rad dreht, sobald er sich unbeobachtet fühlt, und er quakt mir dafür bei jeder sich bietenden Gelegenheit ins Gewissen, der Sack.

Nun. Was den Ramirez-Clan betrifft, hat er gar nichts zu melden – und das weiß er auch.

»Fick dich!« Ihr aufgebrachter Blick spricht Bände. Ich genieße es, wie sie sich innerlich windet. Die kleine Ramirez würde mir so gern das Gesicht zerkratzen; wenn mir nicht sogar das Messer aus den Fingern reißen, um es mir selbst an die Kehle zu halten. Vielleicht würde sie kurzen Prozess machen und mich in die ewigen Jagdgründe schicken.

Das kann sie verfickt nochmal vergessen. Sie gehört mir. Ihr Leben gehört mir. Ihre verdammte Seele wurde bereits an mich überschrieben, als ihr dreckiger Vater nicht einmal im Traum damit rechnete, dass er eines beschissenen Tages tatsächlich die Gelegenheit bekäme, ein Kind mit ihrer verfluchten Mutter zu zeugen.

Mein Mundwinkel zuckt. Allein der Gedanke daran, wie ich die kleine Ramirez so konsequent auseinandernehmen werde, bis ihre verdammt makellose Haut aus jeder Pore zu schreien scheint, dass sie mein ist, lässt die Art von Zufriedenheit in mir hochkochen, die ich schon viel zu lange nicht mehr spüren durfte. »Oh nein, meine Liebe. Ich werde mich heute Nacht bestimmt nicht selbst ficken. Diese ehrenvolle Aufgabe wirst du übernehmen.«

»Einen Scheiß werde ich!«

»Na!« Meine Warnung gilt sowohl ihr als auch Snyper. Er hat genau wie ich bemerkt, dass die kleine Bitch in Windeseile ihren Speichel im Mund zusammengesammelt hat, um ihn mir, ohne zu zögern, ins Gesicht zu spucken. Sein Griff um ihr Kinn hat sich brutal verfestigt, sodass sie wimmernd die Augen zusammenkneift. Ich wette, es fehlt nicht mehr viel, bis Sny ihr entweder den Kiefer oder eventuell sogar mit einer schnellen Drehung ihres Kopfes das Genick bricht.

Sein ausdrucksloser Blick verhakt sich mit meinem. »Was?!«, beschwert er sich gelangweilt. »Es wird Zeit, dass die Kleine kapiert, warum wir hier sind – und zwar nicht, um ihre versnobten Gäste zu bespaßen.«

»Nein«, knurre ich, während ich mir Ramirez’ Unterarm schnappe und sie an mich ziehe. Zögerlich entlässt Snyper sie aus seiner Fixierung und lässt mir nun seinerseits eine unausgesprochene Warnung zukommen, indem er schlicht die Stirn in Falten legt. »Wir sind hier, um ihren versnobten Gästen zu zeigen, dass der verschissene Ramirez-Clan einen Scheiß zu melden hat und ich derjenige bin, der New Juarez regiert!«

Wie erwartet will die kleine Kratzbürste den Moment ihrer vorgetäuschten Freiheit ausnutzen: Blitzschnell wirbelt sie ihren Arm herum, sodass ich ihn automatisch loslasse; sie packt mich am Kragen und versucht, ihr Knie dorthin zu rammen, wo es definitiv schmerzhaft für mich enden würde.

Doch mit eben dieser Reaktion habe ich längst gerechnet. Unverzüglich donnere ich meinen Schädel gegen ihren, was sie verdattert zurücktaumeln lässt, und halte ihr im nächsten Moment das Messer an die Kehle. Ruckartig packe ich sie im Nacken, grabe meine Finger in das weiße Haar ihrer Perücke und zwinge sie dazu, mich anzusehen. »Demon«, brumme ich leise.

Ein lautloser Schatten erscheint in meinem Blickwinkel. »Was ist denn?«, erkundigt sich meine Cousine entnervt. Sie langweilt sich mal wieder. Wahrscheinlich ist sie sogar sauer, dass nicht sie die beiden Securitys umlegen durfte, die ich situationsbedingt kaltgemacht habe. Schwund ist überall. Sie wird auch noch ihre Gelegenheit bekommen.

»Bring die kleine Zicke an eine der Bars und flöße ihr irgendetwas Hochprozentiges ein. Den Scheiß, der auf sie zukommt, wird sie nicht nüchtern ertragen können.« Grob stoße ich Ramirez, die von dem Zusammenstoß unserer Schädel nach wie vor etwas betäubt zu sein scheint, in Demons Richtung, die sie überrascht in Empfang nimmt, indem sie ihre beiden Oberarme umfasst.

»Sind wir neuerdings die barmherzigen Samariter hier in NJ? Seit wann interessierst du dich für das Seelenheil irgendeiner dahergelaufenen Tussi?!«

»Diese Tussi«, bringe ich zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, »ist die Tochter von Antonio Ramirez und ich habe absolut keinen Bock darauf, ihre Einzelteile zu ficken, nachdem ich hier fertig bin.«

Verächtlich schnaubend dreht Demon mir den Rücken zu und will die kleine Ricura mit sich ziehen, doch die stemmt energisch ihre Absätze in den Boden und weigert sich schlicht zu kooperieren. »Du erklärst mir jetzt endlich, wie du darauf kommst, dass ich mich überhaupt irgendwann mal von dir ficken lasse!«, fährt sie mich hitzig an und hat zu allem Überfluss auch noch den Nerv, die Arme vor der Brust zu verschränken. »Du hast soeben zwei meiner Securitys kaltgemacht und denkst echt, ich lasse mich so einfach von deinen …« sie weist mit einer Hand zu Demon, die sich mit ebenfalls verschränkten Armen hinter ihr postiert und geladener denn je wirkt, »… Terriern von A nach B bugsieren?! Ich will eine Erklärung! Ich will …«

»Das reicht!«, donnere ich, verringere den Abstand zwischen uns, packe sie erneut am Schopf und zwinge sie brutal in die Knie. »Du hast gar nichts zu wollen!« Ramirez gibt ein leichtes Keuchen von sich, als ich ihren Kopf in den Nacken reiße, um ihr das Messer zum dritten Mal an die Kehle zu drücken. Unsere Blicke durchbohren einander, sodass ich ihr all den Hass zukommen lassen kann, der sich ihretwegen in den vergangenen Jahren aufgestaut hat. »Du hast die Qual der Wahl, Ricura: Entweder nimmst du jetzt in aller Öffentlichkeit meinen Schwanz in deinen unhöflichen kleinen Mund – wofür ich dich in dem Maße belohnen werde, wie ich es für richtig und angemessen halte – oder du tust exakt das, was ich von dir verlange, und hältst vor allem so lange deine verfickte Klappe, bis ich dir wieder zu sprechen erlaube.«

Trotz flackert in ihrer Miene auf und für einen Moment schiebt sie herausfordernd ihr Kinn vor.

Sie denkt, verflucht nochmal, dass ich bluffe.

»Okay.« Lasziv gleiten ihre Hände an meinen Schenkeln entlang – über meinen Schwanz, der sich augenblicklich aufrichtet und hart gegen den Reißverschluss meiner Hose drückt –, bis zu meiner Gürtelschnalle.

Fuck. Die kleine Ramirez macht ernst.

Drei Sekunden lang starre ich ihr in die unnatürlich hellblauen Kontaktlinsen, die sie sich nur aus dem Grund eingesetzt hat, damit keiner ihrer Gäste sie erkennt. Ein siegessicheres Lächeln lässt ihr Gesicht erstrahlen, als sie, ohne zu zögern, meinen Gürtel und den ersten Knopf meiner Hose öffnet.

»Hiermit hast du nicht gerechnet, oder? Dass ich dir praktisch einen Freischein erteile, um mich zu demütigen, meine ich«, haucht sie zu mir empor; gerade laut genug, damit ihre Worte mich, aber nicht unsere Zuschauer erreichen können. Sie sind nur für mich bestimmt. »Du bist davon ausgegangen, dass ich mir lieber von dir den Mund verbieten lasse, als deinen winzigen, widerwärtigen Schwanz zu lutschen, richtig?« Ihre zarten Finger legen sich um den Reißverschluss und ziehen ihn entschlossen hinunter.

»Nein«, herrsche ich sie wutschnaubend an, umfasse ihren Nacken derart grob, dass sie mit einem stöhnenden Schmerzenslaut innehält und mich entgeistert anstarrt. In derselben Bewegung lasse ich die Klinge von ihrer Kehle über ihr Dekolleté bis zu ihrem Oberarm gleiten, wo sie, wie an ihrem Hals ein paar Minuten zuvor, einen leichten Schnitt hinterlässt. »Ich wusste, wie berechnend du bist, du verfluchte kleine Schlampe!« Mit einem Ruck ziehe ich sie auf die Füße und hebe sie so weit an, bis sie nur noch auf den Zehenspitzen steht. Ich komme ihr mit meinem Gesicht so nahe, dass sich fast unsere Lippen berühren. »Außerdem ist mein Schwanz weder winzig noch widerwärtig.«

Ihre Arme hängen schlaff herunter und sie keucht mir schmerzerfüllt auf den Mund. »Bitte Adler, du …«

»Was ist?«, unterbreche ich sie vermeintlich besorgt und schnalze mit der Zunge. »Tue ich dir etwa weh?« Wieder schleicht sich dieser lästige Trotz in ihre Miene, was mich dazu veranlasst, ein ungnädiges Zischen von mir zu geben. »Ich werde dir zeigen, was Schmerzen sind, Ricura.« Unvermittelt bohre ich die Messerspitze in ihren Oberarm und ziehe sie gemächlich bis zu ihrem Ellbogen hinunter.

Verbissen presst sie die Lippen aufeinander, als ihr die Tränen unaufhaltsam über die Wangen rinnen. Doch sie trägt ihre Qualen mit Fassung; sie weicht meinem Blick nicht eine Sekunde lang aus – im Gegenteil. Es wirkt auf mich, als könnte sie ihre Augen gar nicht von mir abwenden; als wäre mein Blick das Einzige, was sie aufrechterhält, während um sie herum ihre gesamte Welt in Trümmer zerfällt.

»Kleine Kriegerprinzessin«, murmele ich, als ich das Messer gemächlich von ihr löse und die Klinge zwischen meinen Fingern wirbele, damit sich ihr Blut auf meiner Haut verteilt. Dort, wo es hingehört. »Für das stumme Ertragen deines Schmerzes hast du dir meinen Respekt verdient. Aber nur dieses eine Mal.«

Schmunzelnd ziehe ich sie von mir, drehe sie um die eigene Achse und präsentiere sie und ihre blutende Wunde den zahlreichen Zuschauern. »Seht sie euch an! Blair Ramirez, die Tochter eures geliebten und respektierten Anführers.« Ich gebe ein höhnisches Lachen von mir, das allerdings nicht meine Gesichtszüge erreicht. Das tut es nie. »Wusstet ihr, dass sie als … frischgebackene Collegeabsolventin die Besitzerin dieses Nachtclubs ist? Wusstet ihr, dass sie sich Nacht für Nacht unter die Bedienungen mischt, um ihre Gäste auszuhorchen und die brisanteren Informationen geradewegs an ihren Daddy weiterzutragen? Nein?« Herausfordernd lasse ich mein Augenmerk durch die schweigende Menge schweifen und wende mich schließlich wieder an Ramirez, die mittlerweile stur geradeaus starrt. Sie scheint das Staff Only-Schild hinter der Bar – zu der Demon sich schulterzuckend begeben hat, um sich einen Drink zu genehmigen – geradezu mit ihren Blicken zu durchlöchern. »Das Amüsante an der Geschichte ist jedoch, dass dieser Nachtclub sich im Grenzgebiet befindet. Damit hast du den Waffenstillstand gebrochen, Ricura.«

Überrascht keucht sie auf und will ihren Kopf in meine Richtung drehen, allerdings habe ich meinen Griff um ihren Nacken keineswegs gelockert und werde es in nächster Zeit auch nicht tun. »Wie bitte? Dir ist schon klar, dass du dich südlich vom Rio Grande aufhältst, ja?!«, faucht sie, während sie krampfhaft versucht, meinen Blick einzufangen. »Der Fluss ist das Grenzgebiet. Der Süden ist das Herrschaftsgebiet meines Vaters.«

 

Du scheinst vollkommen zu ignorieren, dass dir das Blut unaufhaltsam den Arm hinuntersickert, über deine Handinnenfläche läuft und von deinen Fingerspitzen auf den Boden tropft.

Die Schnittwunde ist tiefer geworden, als ich beabsichtigt habe – sie muss definitiv genäht werden.

Das passiert nun einmal, wenn man mich provoziert, Ricura.

Wie lange dauert es noch, bis du kapierst, dass du verloren hast?

 

»Vielen Dank für die Aufklärung. Nur leider lügst du wie gedruckt.«

»Ich lüge nicht. Du kannst bloß nicht Norden und Süden auseinanderhalten, wie es aussieht.« Die kleine Ramirez gibt ein geringschätziges Lachen von sich, woraufhin ich ihr warnend das Messer vors Gesicht halte, damit sie endlich aufhört, sich mir gegenüber derart respektlos zu verhalten. Ich schätze, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie wieder beginnt, sich zu wehren und somit automatisch vor unseren Zuschauern meine Autorität infrage stellt.

»Fünf Blocks in Richtung Norden und fünf Blocks in Richtung Süden gelten als Grenzgebiet, Ramirez. Dein schnittiges El Paso ist allerdings nur zwei Blocks vom Rio Grande entfernt. Hier darfst du dich also gar nicht dauerhaft aufhalten. Meine Leute haben mir jedoch mehrfach versichert, dass du dieses Gebäude als deinen neuen Wohnsitz bezeichnest.« Während ich spreche, gebe ich es auf, mit dem Messer vor ihrem Gesicht herumzufuchteln. Sie hat mir bereits bewiesen, dass es sie nicht ansatzweise beeindruckt. Ein letztes Mal drehe ich die Klinge zwischen meinen Fingern und lasse sie schließlich in meinen Ärmelaufschlag verschwinden.

»Woher willst du das …?« Es reicht. In einer fließenden Bewegung ziehe ich sie zu mir und revanchiere mich mit meiner freigewordenen Hand für ihre Ohrfeige vorhin, indem ich ihr jetzt ebenfalls eine verpasse.

Es wirkt. Sie verstummt sofort und starrt mich mit brennenden Augen an.

 

Interessant. Du hast also doch deine Grenzen.

Ein Schlag ins Gesicht einer Frau ist das, was du wirklich als demütigend empfindest.

Nicht das Blut, das dir noch immer den Arm hinunterläuft. Nicht meine grobe Behandlung.

Nein, du willst schlicht und ergreifend nicht ins Gesicht geschlagen werden.

Du setzt eigenartige Prioritäten, Ricura.

 

Eine verhaltene Panik greift schlussendlich um sich, was dazu führt, dass vereinzelte Zuschauer aus ihrer salzsäulenartigen Erstarrung zu erwachen scheinen, während andere noch immer mit großen Augen und aufgerissenen Mäulern glotzen.

Jeder für sich ist die Art von Wichser, für die ich sie von Anfang an gehalten habe. Die Show, die Ramirez und ich gerade abliefern, ist wie der berühmte Unfall, bei dem man nicht wegsehen kann. Lediglich eine kleine Traube von Personen wurde jetzt von ihrer Angst davor, dass mein Messer doch noch ein tödliches Ziel finden könnte, dazu verleitet, Hals über Kopf zum Ausgang zu eilen, um ihr Heil in der Flucht zu suchen. Allerdings werden sie dort von zwei meiner fünf Schatten erwartet, die den Befehl von mir erhalten haben, zu töten, wenn es sein muss.

»Niemand verlässt den Club ohne meine Erlaubnis!«, brülle ich in die wortlose Stille hinein. »Ich will, dass jeder von euch dabei zusieht, wie ich das Familienunternehmen des Ramirez-Clans im Staub zertrete.« Kurz nicke ich in Snypers Richtung, der sofort reagiert: Schweigend zieht er einen schwarzen Kabelbinder aus seiner Jeans hervor und tritt hinter Ramirez, um ihre Handgelenke in ihrem Rücken festzuzurren. Augenblicklich löse ich meine Hand von ihr, sodass sie merklich aufatmet.

»Und wie willst du das von hier aus machen, Noble? Das hier ist mein Nachtclub. Mein Vater hat nichts damit zu tun.« Nicht nur, dass ihr Unterton zu seiner selbstüberschätzenden Abfälligkeit zurückgefunden hat, die kleine Ramirez nimmt sich sogar heraus, mich Noble zu nennen. Dabei handelt es sich um eine verächtliche Bezeichnung für meine gesamte Sippe, mit der wir von dem teils spanischsprechenden Süden von New Juarez betitelt werden.

Noble bedeutet sowohl adelig oder blaublütig als auch Greifvogel. Zwar im eigentlichen Sinne kein Schimpfwort, aber in dem Zusammenhang, wie man vor allem mich hinter vorgehaltener Hand mit diesem Namen beschimpft, wird klar, wie wenig der Süden von mir und meiner Familie hält. Der Ramirez-Clan hat ganze Arbeit geleistet. Zurecht.

»Ach, Ricura. Du denkst doch nicht im Ernst, dass dein Vater keinerlei Interesse an dem hat, was du hier treibst?«

»Natürlich hat er Interesse daran. Schließlich bin ich sein einziges Kind.« Unerschrocken wendet sie sich mir zu und schaut mit gewohnt garstigem Ausdruck zu mir auf.

Ich kapiere es nicht. Was muss ich noch tun, um ihr den Respekt zu lehren, der mir gebührt? »Und weshalb hat er dir dann nichts von unserer Vereinbarung erzählt?« Vorerst werde ich sie nicht mehr anrühren. Sie stellt keine Gefahr für mich dar, wie ich herausfinden durfte. Mit den Kabelbindern erst recht nicht.

»Welche verdammte Vereinbarung denn?« Ungläubig schüttelt sie den Kopf.

»Von der ich die ganze Zeit rede! Dein dreckiger Nachtclub ist eine verfickte Kriegserklärung an mich! Es entzieht sich zwar meiner Kenntnis, warum dein irrsinniger Vater dich als Kanonenfutter verwendet, aber du kannst mir nicht erzählen, dass du keine Ahnung hattest, weswegen du mit deinem Scheiß in diesem Gebiet nichts zu suchen hast!«

»Wovon redest du? Mein Vater würde niemals …« Sie versteift sich in ihrer Körperhaltung, was mich darauf schließen lässt, dass sie viel zu viel von dem Hurenbock hält.

»Würde er nicht? Sicher?« Ich lasse meinen Mundwinkel zucken und schaue dabei zu Demon. »D. Erzähl der kleinen Ramirez, was ihr Daddy alles würde, sofern man ihn ließe.«

Einen Atemzug lang starrt meine Cousine mich ungläubig an. »Echt jetzt?«

Mit einer Kopfbewegung signalisiere ich ihr, dass sie gefälligst damit aufhören soll, sich zu betrinken, und stattdessen ihren Arsch hierher zu bewegen hat, wenn sie will, dass man sie als einen meiner Schatten ernst nimmt. Ich kann es nicht gebrauchen, dass sie an einem wichtigen Abend wie diesem schon wieder aus der Reihe tanzt und meine Autorität untergräbt.

»Na gut.« Augenrollend kommt sie hinter der Bar hervor, schlendert gemächlich auf uns zu und leert währenddessen ihren Drink. Mit einem entnervten Seufzen stellt sie sich zu uns, schenkt mir einen angepissten Blick und beginnt damit, Ramirez unverhohlen abzuchecken. »Dein Daddy ist ein gestörter, kleiner Flachwichser«, murrt sie im lustlosen Tonfall.

Ramirez öffnet empört den Mund, um ihr zu widersprechen, allerdings kommt sie nicht dazu, auch nur einen Ton auszusprechen, da Demon in dieser Sekunde ausholt, um ihr das Glas, das sie noch immer in ihrer Hand hält, über den Schädel zu ziehen. Sie donnert es ihr mit derartiger Wucht an die Schläfe, dass es in hunderte klirrende Scherben zerspringt, die wie einzelne träge Regentropfen zu Boden rieseln.

Es dauert nur eine Millisekunde, in der Ramirez wie vom Donner gerührt dasteht und meine Cousine perplex anstarrt, dann überdreht sie die Augen und kippt in meine Richtung.

Reflexartig fange ich sie auf und drücke ihren schlaffen Leib an mich. Kleine und größere Scherben schillern sowohl in der weißen Perücke als auch an der Stelle ihrer Schläfe, wo das Glas sie getroffen hat.

Diese Wunde darf Demon gleich höchstpersönlich säubern.

In Sekundenschnelle schaue ich auf und werfe ihr einen todbringenden Blick zu. »Was soll der Scheiß?! Ich war noch nicht fertig!«

»Du nervst!«, faucht sie und zeigt auf das bewusstlose, blutende Bündel in meinen Armen. »Geh sie endlich ficken und hör gefälligst auf, diese peinliche Show vor uns abzuziehen. Überleg mal, wem du hier eigentlich was vormachst!«

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