Leseprobe zu London Devil

beginnend ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20 Minuten

Eins

Ein Aphrodisiakum … So hatte der Kellner es beim Servieren genannt und mir vielsagend zugezwinkert.

Was zum Geier sollte das eigentlich bedeuten?

Dass man nach seinem Genuss in einen unausweichlichen Sturm aus Lust geriet, sich sofort alles nehmen musste, das nicht bei drei auf dem Baum war, wie eine läufige Hündin?

Konnte dieses unförmige, graue Ding auf meinem Teller einen wirklich derart fremdsteuern?

Seufzend schob ich es mit dem Messer ein Stück auf die Seite. Bei mir hatte es jedenfalls noch nie seinen sexuellen Zauber versprüht und für heute sah ich ganz besonders schwarz.

»Möchtest du deine Auster nicht?« Marc beobachtete mich. Schon den ganzen Abend. Er räusperte sich leise und betupfte die Lippen mit seiner bestickten Serviette. Patron NY. Der Name dieses übertrieben teuren Etablissements wiederholte sich auf nahezu allen Einrichtungsgegenständen, die uns umgaben, damit wir auch ja an keinem Punkt des Abends vergaßen, wo wir uns befanden.

Die Frau am Nachbartisch hüstelte pikiert und ich drehte den Kopf, um ihren tadelnden Blick zu erwidern. Was?!, hätte ich am liebsten gefragt, aber ich wollte meinen Freund nicht in Verlegenheit bringen. Das Patron war sein Lieblingsrestaurant. Stilvoll bis unters Dach, inszeniert bis zum letzten Teelöffel.

Die auftoupierte Lolita glotzte mich an, als wäre es ein Verbrechen, diese blöde Auster nicht sofort hinunterzuschlingen. Ihre Lippen sahen aus wie Schlauchboote, ihr Gesicht war so schlimm operiert, dass es sie fast außerirdisch wirken ließ.

»Schatz«, entriss Marc mich unserem Wettstarren. »Ist alles in Ordnung? Du bist den ganzen Abend schon so still.« Sein Blick sprang zwischen dem Teller und meinem Gesicht hin und her. »Du hättest mir sagen können, wenn du vielleicht lieber woanders …« Er betastete sein perfekt gescheiteltes blondes Haar.

Wie nervös er war … Geschieht ihm recht!

»Woanders was?« Ich griff nach der Auster, schlürfte, schluckte und unterdrückte ein Glucksen.

 

Wie oft hatte ich diese Dinger inzwischen schon verspeist und es war immer wieder, als würde man die Nase hochziehen. Salzig, klumpig und schleimig. Popel der Begierde.

Und meine Lenden blieben kalt wie Eis. So eine Überraschung. Ein gequältes Lächeln brachte ich gerade noch zustande, während ich etwas zu lieblos nach seinen warmen Händen griff und sie tätschelte. Seine Haut fühlte sich weich an. Er benutzte eine sehr gute Creme.

»Entspann dich! Ist doch nett hier.« Ein letztes festes Schlucken hinderte die Auster in mir, wieder zurück ans Tageslicht zu kriechen.

Er presste ein Lachen durch die Zähne. »Du wirst wohl nie eine Austern-Frau, was?«

»Keine Austern-Frau«, bestätigte ich. »Das sollte es dir ja eigentlich leichter machen.«

»Leichter machen?« Er zog die Brauen nach oben. »Was genau soll mir das leichter machen?«

»Komm schon.« Ich nestelte an den Ärmeln meiner weißen Bluse. »Wir sind im anonymsten Lokal der Stadt. Essen Austern und werden dabei von Aliens beobachtet. Ich meine … was mag allein diese Kerze hier gekostet haben?« Ein mit Blattgold verziertes Exemplar brannte zwischen unseren Tellern seinem kostspieligen Ende entgegen. »Als wir das letzte Mal hier waren, haben deine Eltern ihre Scheidung bekannt gegeben. Oh, und das andere Mal war es deine Beförderung zum Kanzleichef. Sonst sind solche Essen nur dir und deinen Kollegen vorbehalten, rein geschäftlich. Mit mir bist du nur im Patron, wenn eine große Veränderung ins Haus steht. Ich weiß nicht mal, wofür das hier gut ist. Was soll das sein? Was macht man damit?« Ich griff in eine der Besteckreihen neben meinem Teller und hielt ein gezacktes Messer hoch, an dem Hannibal Lecter seine helle Freude gehabt hätte.

Die entstellte Lady am Nachbartisch schnaubte abfällig und ich nahm dankbar wahr, wie der Kellner sich uns mit einer Flasche näherte. »Champagner für die Lady?« Er präsentierte mir das Etikett.

Welch Ironie. Natürlich würde ich teuren Champagner trinken, während mein Freund sich von mir trennte. Wenn man schon in einen Abgrund sprang, dann wenigstens im Valentino-Kleid und auf High Heels.

Der Ober war dürr und angezogen wie ein Pinguin, dem seine Haut zu groß geworden war. Eine Hand behielt er auf dem Rücken, während er auf dem Beistelltisch unsere Gläser vorbereitete.

Marc blickte mich ausdruckslos an. Er war so hübsch. Die stahlblauen Augen, das kantige Gesicht wie in Stein gemeißelt. Ein zauberhafter Prinz wie aus Cinderella. Vier Jahre lang hatte sein Glasschuh mir gepasst und er würde mir furchtbar fehlen. Es war nie schön, verlassen zu werden, aber es traf mich nicht unvorbereitet. Schon seit Tagen hatte er mich kaum mehr wahrgenommen. War länger bei der Arbeit geblieben und spät nach Hause gekommen.

Wahrscheinlich bumste er bereits eine andere. Wundern würde es mich nicht. Sicher auch so eine operierte Hexe wie die, deren Blick ich schon wieder im Augenwinkel wahrnahm. Und auf jeden Fall mochte sie Austern. Ja, sicher war sie ganz vernarrt in diese widerlichen Dinger.

Das mit der Wohnung hatte ich bereits durchdacht.

Meine beste Freundin Lilith nahm mich mit Kusshand für ein paar Tage bei sich auf.

»Die Dame …« Endlich landete der Champagner vor meiner Nase und der Kellner zog sich diskret zurück.

»Wir sind wirklich ziemlich verschieden, nicht wahr?« Marc presste die Lippen zusammen und schwenkte verlegen sein Glas. Er war noch schöner als sonst, wenn Kerzenlicht seine Konturen betonte. »Erinnerst du dich daran, wie du damals einfach in mich hineingerauscht bist?«

Natürlich erinnerte ich mich. Ich in verbeulten, alten Joggingklamotten, völlig verschwitzt, eine unrentable Theaterrolle vor mich hin brabbelnd und er im Anzug.

Sein kompletter neuer Fall hatte sich in alle Winde verstreut und wir waren gemeinsam einem Hund nachgelaufen, der eines der Blätter mit seinem Kauspielzeug verwechselt hatte.

Ich hatte mich nicht sofort verliebt, aber zwei Wochen später war es dann doch passiert. Bei einem Besuch der Oper hatte er mich in der Pause auf der Terrasse gefragt, ob er mich küssen dürfe.

»Weißt du, was ich damals dachte?« Er zog eine Braue nach oben. »Ich dachte: Was für eine rücksichtslose Idiotin. Aber als du den Kopf gehoben und mich angesehen hast … Da war es sofort um mich geschehen. Es war etwas in deinen Augen. Etwas, das in diesem Moment alles für mich verändert hat. Das waren die schönsten Augen, die mich je angesehen haben.«

Unfassbar! Du Sadist! Sag es doch endlich!

Meine Finger waren kalt, als ich nach dem Sektglas griff und einen tiefen Schluck nahm. Der Champagner prickelte auf meiner Zunge, in meinen Wangen und meinen Hals hinunter.

»Und das größte Glück …« Marc beugte sich ein Stück über den Tisch in meine Richtung und senkte die Lider. »Das größte Glück ist, dass diese Augen mich noch immer ansehen. Jeden Morgen und jeden Abend. Wenn ich nach Hause komme, wenn ich aufwache, wenn ich aus der Dusche komme, von meiner Arbeit aufblicke … Und ich glaube nicht, dass mich je wieder die Augen einer anderen so ansehen sollten.« Langsam richtete er sich auf und kam um den Tisch herum.

»Was … was wird das?« Mein Herz hämmerte im Brustkorb wie ein Presslufthammer. Schnell noch einen Schluck.

Plötzlich stand er neben mir, neigte den Kopf und lächelte jungenhaft. »Abigail Summers …« Bedächtig ging er in die Knie, griff nach meiner Hand. Ich saß da wie angewurzelt, war nicht imstande, mich zu rühren.

»Was tust du Verrückter da? Steh auf!«

»Wir sind vielleicht verschieden. Aber gerade das macht es doch aus. Ein Plus- und ein Minuspol. Wir haben uns verbunden, als du vor vier Jahren in mein Leben gerauscht bist, und ich täte alles dafür, immer wieder zu dir nach Hause kommen zu dürfen. Bis ans Ende meines Lebens. Also ja … du hast recht. Ich komme hierher, wenn die Dinge sich verändern.« Er zog eine kleine schwarze Schachtel aus der Brusttasche seines Anzuges, öffnete sie und hielt mir einen schmalen goldenen Ring unter die Nase. »Und heute hoffe ich, sie verändern sich für immer. Willst du meine Frau werden?«

 

»Ich … Also ich …« Mit großen Augen starrte ich auf den Ring. Was glitzerte da? War das ein Diamant?

Mein Hals fühlte sich furchtbar trocken an, der Puls kochte mir durch die Adern.

Was passierte hier gerade? Er musste sich irren. Das war doch nicht, was er hatte sagen wollen …

Ein Geiger stand plötzlich neben uns und spielte eine Melodie, die ich irgendwoher kannte, aber die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. Ich wusste nicht mehr, woher.

»Das … Nein«, stammelte ich.
»Nein?« Marcs Augen wurden groß.
»Nein … Ich meine ja. Ja. Natürlich will ich. Ja!« Auf wackeligen Knien sank ich nach vorn und sein

Arm fing mich auf. Seine Lippen auf meinen, die Musik in meinen Ohren, der Ring an meinem Finger, sein Gesicht nahe bei meinem, voller Freude. Passierte das gerade tatsächlich? War diese überkitschige Szene aus einem Disney-Märchen wirklich echt?

Das herablassende Schnauben der Frau am Nachbartisch nahm ich kaum wahr.

»Das wird er bereuen.«
Hatte sie das tatsächlich gesagt?

 

Zwei

»Ich dachte, du würdest dich von mir trennen.« Arm in Arm gingen wir nach Hause, wie wir es immer taten, aber diesmal war es anders.

Ab heute würde einfach alles anders werden.

Die Straßen der Upper East Side waren so einsam, wie sie es in einer Stadt wie New York eben sein konnten, und die Nacht verteilte ihren kühlen, nebligen Atem über dem grauen Bordstein. Es war spät geworden. Irgendwo im Park bellte ein Hund.

»Wie bitte?« Er lachte leise und drückte mich ein wenig fester an seinen schlanken Körper. Er trug den Hugo Boss-Duft, den ich so an ihm liebte.

»Da wäre ich aber ein ganz schöner Idiot.«

»Ja, das war auch so ziemlich genau meine Einschätzung von dir. Das und noch ein paar üble Dinge mehr, für die meine Mutter mir den Mund mit Seife ausgespült hätte.« Ich betrachtete den glänzenden Ring an meinem Finger.

Neu und unwirklich. »Du warst nie da und ständig mit den Gedanken woanders. Ich dachte wirklich, du …«

»Natürlich war ich nie da. Das alles musste doch geplant werden. Was, wenn du Nein gesagt hättest? Ich war unglaublich nervös, Abbie. Oh und apropos geplant … Morgen sind wir zum Hummer-Essen bei meinem Vater eingeladen. Eine so wundervolle Nachricht muss gebührend verkündet werden.«

»Natürlich muss sie das.«

Meine hohen Pfennigabsätze machten sich nicht besonders gut zwischen den groben Steinen des Pflasters und ich war froh, dass Marc mich hielt.

»Und wenn du endlich meine Frau bist, offiziell meine ich, wird es ein Leichtes, ihn zu überzeugen, dich unbefristet als meine Sekretärin in der Kanzlei zu übernehmen.« Er drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

»Wird es das?« Monatelang hatte ich in der Firma der Familie auf Probe gearbeitet und mich gewaltig ins Zeug gelegt. Die Entscheidung, ob sie mich fest übernehmen würden, stand jedoch bis heute aus. Natürlich lag so etwas nicht nur in der Macht eines Einzelnen.

»Oh ja. Kannst du das hören? Da ruft etwas … Ich glaube, es ist unsere gemeinsame Zukunft.« Marc drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

Ja, auch ich konnte sie hören. Finanziell komplett abgesichert in der Firma meines Mannes … Meines Ehemannes. Heute schienen sich alle Wünsche auf einmal zu erfüllen, die ein Mensch haben konnte.

»Hey, Schnösel«, raunte eine heisere Stimme hinter uns plötzlich und wir blieben auf der Stelle stehen.

»Schnösel, ich rede mit dir«, wiederholte sie mit Nachdruck direkt in unserem Rücken und brachte das hochgekochte Blut in meinen Venen zum Gefrieren.

»Geh einfach weiter«, zischte Marc mir angespannt zu und beschleunigte seine Schritte.

»Hey!« Etwas packte meinen Arm und riss mich grob herum. Das Nächste, was ich sah, war der Lauf einer Waffe. Direkt auf mich gerichtet. Ich wusste nicht, zu wem sie gehörte, starrte einfach nur wie gebannt auf diese Mündung. Der Schreck schnürte mir die Kehle zu. Im Augenwinkel sah ich, wie Marc ein paar Schritte von uns weg machte und die Hände hob.

»Jetzt hol deine dicke Geldbörse raus, sonst könnt ihr euren Kitsch direkt abhaken.« Verschwommene Gesichtszüge. Grob und breit. Pockennarbig und verbraucht.

 

»Hören Sie, ich bin Anwalt. Ich kann Ihnen …« Marcs Stimme zitterte.

»Anwalt«, stieß mein Gegenüber angeekelt hervor und spuckte geräuschvoll aus. Seine Hand hielt noch immer meinen Arm umklammert. »Ich weiß, wer du bist, Prince Charming.« Sein Griff wurde so fest, dass ich ächzte.

»Marc, gib ihm das Geld!« Der Puls vibrierte fest in meinen Schläfen.

»Das Täubchen hat recht, Marc«, äffte der Mann mich nach, »sei froh, dass ich diesmal nur dein Geld will.«

Ich wagte es nicht, meinen Arm zu befreien, war wie gelähmt. Und dann endlich wechselte besagtes Geld den Besitzer. Gierige, vernarbte Hände zählten die Scheine, rissen mir die Perlen vom Hals, und im nächsten Moment war er auch schon wieder in der Dunkelheit verschwunden.

Ein bebender Atemzug verließ meinen Körper. Was zum Henker …
Gerade wollte ich auf meinen Verlobten zustol-

pern, da hatte er schon das Telefon am Ohr und hielt mich ungehalten auf Abstand.

»Ja, Polizei, ich möchte einen Überfall melden … Genau, Ecke Siebzehnte, rund zweihundert Meter vom Patron NY entfernt. Nein, wir sind unverletzt, aber der Täter war bewaffnet … Was weiß ich, ich habe keine Ahnung von Waffen, mein Gott … Zeugen? Es ist mitten in der Nacht, falls Ihnen das entgangen ist … Ja, das ist ein NEIN!, Mann, wissen Sie eigentlich, wer ich bin? Ja, ich bitte darum. Marc Oliver Minor. Ja, das ist ein Doppelname, Sie sollten ihn kennen und falls nicht: Googeln Sie ihn gefälligst!« Wütend legte er auf und starrte mich an.

»Marc, beruhige dich, das ist doch nur Geld«, machte ich einen Beschwichtigungsversuch. Er sollte lieber froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert war.

»Nur Geld?« Unwirsch griff er sich ins Haar. »Nur Geld? Wir leben von diesem Geld, Abigail. Hast du überhaupt irgendeine Ahnung, wie viel nur Geld sich in dieser Brieftasche befunden hat? Nein? Nein! Natürlich nicht.«

»Marc …«

»Marc, Marc. Was dachtest du dir eigentlich dabei, meinen Namen vor diesem Individuum auszusprechen? Weißt du, was das auslösen könnte?«

»Das ist doch nur ein Vorname. Wie viele verfluchte Marcs wird es wohl geben in dieser gottverdammten Stadt? Außerdem kannte dieses Individuum dich ja ganz offensichtlich bereits, und falls nicht, kann es dich immer noch googeln.« Meine kalten Finger betasteten meinen Hals, von dem vor ein paar Minuten die Kette meiner Mutter gerissen worden war. Noch etwas anderes wallte in mir auf und mischte sich bitter unter den Schock.

Was dachte er sich, so mit mir zu reden?

»Dein unflätiger Straßenjargon bringt uns jetzt auch nicht weiter. Manchmal bist du wirklich so …« Marc beendete seinen Satz nicht, blitzte mich an wie ein dämliches Mädchen. Ich würgte einen vernichtenden Kommentar herunter, sah am Ende der Straße bereits blaues Licht in der Dunkelheit.

»Da kommen sie, um dir dein Geld wiederzubeschaffen.« Meine Stimme klang kalt.

Zwei weitere Stunden waren vergangen, in denen wir unsere Aussagen gemacht hatten, schweigend in einem Taxi nach Hause gefahren waren und nun in seinem ausladenden Loft am offenen Kamin saßen, um uns noch ein Glas Wein zur Beruhigung der Gemüter zu genehmigen. Bei Tageslicht hatte man von hier oben einen wundervollen Ausblick über den Central Park.

»Das ist der Tag unserer Verlobung. Wollen wir unseren Kindern später wirklich erzählen, dass wir in dieser Nacht Rücken an Rücken eingeschlafen sind?« Seine hellen Augen spähten versöhnlich über den Rand des Weinglases in meine Richtung.

 

Ich presste die Lippen zusammen und blickte über das beleuchtete Panorama der Stadt unter uns. Er hatte ihn Schnösel genannt. Schnösel.

»Komm schon, mein Schmetterling.« Mit einem dumpfen Klonk stellte Marc sein Getränk auf den Couchtisch, stand auf und kam langsam zu mir herüber. »Ich wollte nicht so mit dir reden. Ich war aufgebracht. Es tut mir leid.«

Trotzig drehte ich den Oberkörper von ihm weg.

»Unsere Kinder werden schon von allein merken, dass ihr Vater ein überheblicher Snob ist. Immerhin sind es auch meine.«

»Solch schmutzige Worte aus einem so schönen Mund.« Er stellte sich so nahe hinter mich, dass ich die Wärme spüren konnte, die von seinem Körper ausging. Seine Hände griffen in meine Schultern und lockerten in gleichmäßigen Bewegungen die angespannten Muskeln.

»Sorry. Muss wohl mein Straßenjargon sein.« Ich entglitt ihm gereizt. »Woher kannte dieser Mann dich?«

Er ließ sich nicht beirren, strich mit den Händen an meinen Oberarmen hinunter.

»Marc!«, zischte ich warnend und fuhr nach oben, um

seine Berührung zu unterbrechen. »Woher kannte er dich?«

 

»Schatz.« Er drückte mich zurück in den Ledersessel, hockte sich vor mich und musterte mich mit seinen blauen Augen, fast schon erheitert. »Ich bin Scheidungsanwalt. Ich begegne täglich Leuten wie ihm, okay? Am Ende bin nicht ich es, der sie bis aufs Hemd auszieht und in die Gosse wirft. Es sind ihre Ex- Frauen.«

»Du kanntest ihn also nicht?« Ich ließ es zu, dass er seine Arme links und rechts von mir auf die Lehnen legte und mir näher kam. In die Gosse wirft … Er wusste, dass ich es nicht mochte, wenn er so überheblich über das Thema sprach.

»Doch, mit Sicherheit. Aber ich erinnere mich nicht an ihn. Ein weiterer armer Tropf in den Scherben seiner Ehe. Er ist nur einer von vielen.«

Einer von vielen. Und doch derjenige, der mich mit einer Waffe bedroht hat.

Als mein Blick auf seinen traf, legte er den Kopf schief.

»Und trotzdem, trotz allem, was ich täglich zu sehen und hören bekomme, bin ich bereit, dieses riskante Abenteuer mit dir zu wagen. Wir werden heiraten, mein Schmetterling.«

»Und eines Tages wirst du vielleicht derjenige in der Gosse sein, wenn du weiter so mit mir umgehst, Marc Oliver Minor.« Es machte mich wütend, wie er es immer wieder schaffte, dass ich ihm verzieh.

 

»Nur wenn du versprichst, mich vorher ebenfalls bis aufs Hemd auszuziehen.« Sein Gesicht näherte sich meinem. Ein verschmitzter Zug hob seine Mundwinkel. »Darf ich dich küssen, meine Zukünftige? Immerhin wären wir beinahe Opfer eines Überfalls geworden und da ist viel Adrenalin in mir, das ein Ventil braucht. Du willst doch nicht, dass ich …«

Bevor er weitersprechen konnte, bedeckte ich seine warmen, schmalen Lippen mit meinen und meine Zunge fand zögerlich seine. Er schmeckte nach Geborgenheit und Heimat. Ich liebte ihn wohl tatsächlich, diesen schnöseligen Dummkopf.

Auf diese Geste hatte er nur gewartet. Seine Hand glitt hinunter zu meinem Hintern und zog ihn in seine Richtung. In einer Bewegung nahm er mir das Glas ab, stellte es hinter sich auf den Tisch und beugte sich mit seinem großen Körper über mich. Während seine Zungenspitze über meinen Hals tanzte, löste er eilig seine Krawatte. Sein Mund war rot verschmiert von meinem Lippenstift, seine Augen glommen vor Lust. »Los, ins Bett, Abigail Minor!«

»Noch bin ich eine Summers«, raunte ich, während er mir das enge Kleid vom Körper streifte und mich in meiner teuren schwarzen Spitzenunterwäsche ins Schlafzimmer trug. Dort angekommen dimmte er das Licht, wie er es immer tat, per Fernbedienung und warf sie hinter sich auf den Teppich.

 

»Das hättest du wohl gern.« Er öffnete geschickt meinen BH und griff nach meinen nackten Brüsten. »Du gehörst mir mit Haut und Haar.« Seine Finger zupften an meinem Slip, glitten über meinen Hintern, zogen meinen Schritt fest gegen seine harte Erektion. Er seufzte, drängte mich weiter nach hinten aufs Bett und war im nächsten Moment über mir.

»Liebst du mich, Abigail Summers?« Sein warmer Atem prallte gegen meine harten Brustwarzen.

»Ich fürchte, schon«, hauchte ich.

»Du fürchtest?« Seine Zunge glitt über meine Nippel. Bevor ich antworten konnte, drang er fordernd in mich ein und ich stöhnte auf. Ein Feuer loderte in meinen Lenden auf.

»Liebst du mich?« Er war tief in mir, hielt ganz still und sein Blick suchte nach meinem.

»Ja, ich liebe dich«, flüsterte ich und küsste ihn, während er langsam begann, sich zu bewegen. Ganz behutsam glitt er aus mir und schob sich seufzend erneut in mich.

»Das wird nicht lange dauern«, stieß er hinter zusammengepressten Zähnen hervor, versuchte, sich zu beherrschen.

Ich griff keuchend nach seinen festen Pobacken und hielt ihn in mir, während er sich heftig atmend in kurzen Bewegungen zum Höhepunkt stieß. Dann sank er bebend auf mir zusammen. Sein feuchtes Haar klebte an meiner Wange, sein Atem traf auf meinen Hals. Ich roch sein süßes Haargel.

»Mein Schmetterling.« Warme Fingerspitzen berührten meine Lippen, glitten über meine Wange, an meinem Schlüsselbein hinunter über meinen verschwitzten nackten Oberkörper bis zu den Brüsten. Dort hielten sie inne. »Wir sind richtig füreinander, Abbie. Du bist mein und ich bin dein.«

Wir würden heiraten. Ich konnte dankbar sein, dass ich jemanden wie ihn hatte. Immerhin hatte er mich aus schweren Zeiten geholt. Auf den rechten Weg zurückgeführt, wie er so gern sagte.

Was war es also, das da plötzlich in mir rumorte? War ich einfach noch zu wütend auf ihn? Oder meldete sich dieses dumpfe Gefühl von noch tiefer unten?

 

Drei

 

»Ihr wurdet überfallen? Süße, was? Das ist ja grauenhaft! Bist du ohnmächtig geworden?« Lilith starrte mich mit ihren dunklen Kajal-

Augen an, während sie unsere Martinis auf den Tisch stellte. Sie strich ihr Kleid glatt und legte die Finger mit den rot lackierten Nägeln auf meinen Arm.

»Das muss alles furchtbar für dich gewesen sein.«

»War weniger schlimm, als es klingt«, murmelte ich und nahm einen Schluck. Sauer.

Mir fiel der halb gepackte Koffer auf der grauen Kommode neben der Tür auf. »Verreist du?«

»Oh.« Lilith winkte seufzend ab. »Du weißt doch. Viel beschäftigt. Etwas zu viel, wenn du mich fragst. Eine Cocktail-Party in London in zwei Tagen. Ich soll für meinen entzückenden Boss dorthin. Leider nicht wegen der Cocktails, sondern wegen des Kerls, der die Show schmeißt. Er will ihn für seine legendären VIP-Partys zum Cannes-Filmfestival abgreifen und muss vorher natürlich genau prüfen, wie gut er ist. Hat mir eine ganze Liste mit Ansprüchen erstellt. Wie eine lächerliche Hoteltesterin soll ich mich hinsetzen, den armen Tropf bespannen und fleißig alle Kästchen abhaken.«

»Wow.« Mitleidig verzog ich das Gesicht.

»Das kannst du laut sagen. Ich habe überhaupt keine Zeit für seine Spielchen. Der Flug nach London lässt ein Meeting platzen, das essenziell für meinen nächsten Job in Hollywood ist. Bin ich jetzt seine Sekretärin? Was denkt er sich denn?«

»Dass er dein Boss ist, nehme ich an.« Ich zwinkerte ihr aufmunternd zu, aber sie stöhnte nur entnervt.

»Mann, hätte ich nur jemanden in petto, dem ich so sehr traue, dass ich ihn für mich dorthin schicken könnte, aber unser Team besteht aktuell fast ausschließlich aus Yuppies und Möchtegern-Dandys. Wenn du die nach Talent fragst, zeigen sie dir ihr eigenes Spiegelbild. Wie ich mir die Zeiten zurücksehne, als ich noch eine selbstständige Visagistin auf ihrem Weg nach oben war. Ohne alberne Allüren von größenwahnsinnigen Affen, die …«

»Du liebst deinen Job«, nahm ich ihr den bitteren Wind aus den Segeln.

»Ja«, platzte sie als Erwiderung hervor, beinahe schmollend, »und wir sind auch überhaupt nicht hier, um über mich zu reden. Also, sag schon, hat Marc dich nach eurer grässlichen Begegnung in den Arm genommen und glatt vergessen, dass er dich eigentlich vor die Tür setzen wollte?«

»Ziemlich nahe dran.« Ich blickte hinüber zu ihrem großen

Flachbildfernseher, auf dem in einem düsteren Film gerade ein finsterer Mann einem anderen die Kehle durchschnitt. »Wirklich nahe …«

»Oh Gott, entschuldige! Soll ich das ausschalten? Du armes Ding musst ja völlig traumatisiert sein. Hätte ich das gewusst … Ein kleiner Wodka gegen die Bilder?«

»Nein, schon gut. Kein Trauma. Und auch kein Wodka. Was ist das?« Der Film war komplett in Schwarz-Weiß, nur das Blut, das aus der Kehle sickerte, war satt rot, die Endgültigkeit in den Augen des Mannes unheimlich intensiv.

Ob dieser Kerl mich tatsächlich erschossen hätte? Ich wollte gar nicht weiter darüber nachdenken.

»Ist das wirklich okay für dich? Ich meine, wir können auch …« Lilith griff nach der schmalen Fernbedienung. Alles in ihrer Wohnung sah aus wie gerade der neuesten Star Trek-Staffel entsprungen. Sie liebte ungewöhnlichen Kram und futuristische Technik.

»Hör jetzt auf, es geht mir gut«, schimpfte ich und packte ihren Arm. »Was ist das für ein Film?«

 Für ein paar Augenblicke musterte sie mich nur besorgt, dann zuckte sie die Achseln, senkte die Fernbedienung wieder und ein Leuchten huschte über ihr Gesicht.

»Das, meine liebe Abbie, ist meine neueste Inspirationsquelle. Sieh dir nur diese Kostüme an. Und sie kommen fast ohne Make-up aus. Wie machen die das bloß?«

Eine füllige Frau in einem ausladenden Kleid kam ins Bild. Während sie tanzte, fesselte sie meinen Blick, direkt durch den Fernseher hindurch. Trotz dessen, dass sie sich jenseits jedes albernen Schönheitswahnes befand, waren ihre Bewegungen ästhetischer als die jeder Darstellerin, die ich bisher in Filmen gesehen hatte. Sie war unglaublich schön. Auf eine ungeschliffene, ehrliche Art.

Marc ging nicht gern ins Kino, deshalb war ich absolut ahnungslos, was gerade lief oder vor Jahren gelaufen war.

Und das, obwohl Filme mein Leben gewesen waren, bevor wir zusammengekommen waren. Filme und das Schauspiel.

 

Aber all das gehörte zu meinem alten Ich. Dem dunklen Kapitel, das einen tiefen Riss in mir hinterlassen hatte. Manchmal war dieser Riss hungrig und erinnerte mich daran, dass er noch existierte, aber dann siegte meist schnell die Vernunft und die Erinnerung an alles, was gewesen war, brachte ihn zum Schweigen. Ich war eine neue Abbie. Und die neue Abbie war keine Frau mehr für waghalsige Abenteuer. Sie war jetzt erwachsen. Trotz alldem kitzelte die Szene an der alten Leidenschaft in mir.

»Das ist wirklich ziemlich gut.« Ich nahm noch einen Schluck, während das Gesicht der Frau in eine Nahaufnahme geholt wurde und nur so verging vor Schmerz. Ich konnte es in jeder Zelle fühlen, obwohl ich diesen Film nicht einmal kannte. Eine einzelne Träne verirrte sich auf ihre Wange, rann über ihren Hals, hinterließ einen Schimmer von Farbe in all dem Grau und dann sackte sie zusammen, als befände sich plötzlich kein Körper mehr in ihrem Kleid. »Außergewöhnliche Kamera. Viel Emotion.«

»Maßlose Untertreibungen! Das ist der neueste Bolden.« Lilith drückte nun doch auf die Fernbedienung und die traurige Frau wurde von stiller Schwärze verschluckt.

»Der neueste was?« Ich nippte erneut an meinem Glas und versteckte die Hand mit dem Ring dabei bedachtsam in meinem Schoß. Diese Nachricht würde warten müssen, bis ihre Zeit gekommen war und ich mich dafür entschied, sie ans Tageslicht zu holen.

»Gott, er ist so ein Genie.« Liliths Armreife klimperten unter einer ausladenden Geste. »Er spielt mit den Gefühlen der Zuschauer, reißt ihnen die Seele durch die Brust hindurch aus dem Körper und badet in ihrem Elend. Und er ist unsichtbar. Normalerweise aalen Regisseure sich im Rampenlicht, dieser Kerl nicht. Keiner weiß, wie er aussieht, außer jenen, die wirklich eng mit ihm arbeiten. Auf Bildern bekommt man ihn immer nur verdeckt zu sehen. Einige Leute sagen, er wäre ein Vampir. Du weißt schon, die Kerle, deren Fratzen man auf Fotos nicht sieht.«

»Genau genommen sieht man Vampire gar nicht auf Fotos. Dracula wird er also höchstwahrscheinlich nicht sein«, klugscheißerte ich und hob grinsend mein Glas.

»Vielleicht nicht, aber wahrscheinlich mindestens extrem unansehnlich. Übersät von Narben, von Geburt an entstellt vielleicht. Ein paar meiner Kollegen meinen sogar, er wäre ein Kannibale. Ein Dämon, der einsam im Wald haust.«

»Aber ein Dämon mit Talent«, gab ich zu bedenken.

»Du hast ja keine Vorstellung. Ich habe alle seine Filme gesehen. Sie machen dich abhängig wie gutes Koks.«

Lilith machte ein vielsagendes Gesicht unter ihrem großzügigen Make-up. Sie war Visagistin und probierte neue Kreationen gern an sich selbst aus, was ihr unter diesem Panzer eine ziemlich schlechte Haut beschert hatte.

»Leute!« Ich lachte laut. »Menschenfresser, Phantome, Publicity-Rätsel. Ich habe eindeutig den falschen Job. Bei mir klopfen immer nur aufgebrezelte Walküren an, die mit meinem Mann über die größtmöglichen Summen verhandeln wollen, die sie noch aus den Seelen ihrer armseligen Ex-Männer quetschen …«

»Warte … Hast du gerade meinem Mann gesagt?« Lilith zog ihre tätowierten Brauen bis hinauf an den Haaransatz.

Ups!

»Na, Mann im Sinne von …«

»Im Sinne von du trägst einen verdammten Ring an deinem Finger?! Jesus, Maria und Josef.« Sie hätte fast den Martini über ihr weißes Kleid verteilt, während ihre Augen meinen Ring anstarrten wie ein überirdisches Wesen. »Was geht hier vor?«

Ich nahm einen tiefen Atemzug. »Jaaaa, wir sind verlobt. Er hat mir einen Antrag gemacht.« Eigentlich hatte ich es ihr feierlicher mitteilen wollen, aber nun schrie sie bereits wie eine Feuersirene und warf mir überschwänglich ihre Arme um den Hals. Mein Glas wurde bei der Aktion beinahe auf ihre Designercouch geschleudert.

»Menschen heiraten nun mal und gründen Familien, Lilith. Das ist der Lauf der Dinge«, erstickte ich ihren Urschrei.

»Menschen heiraten nun mal? Willst du mich veräppeln?«

Sie drückte mir einen dicken Lippenstiftkuss auf die Stirn. »Vorgestern um die Zeit habe ich in L.A. noch Natalie Portman gestylt und ihr eröffnet, dass ich Urlaub

nehmen muss, um meine liebeskranke Freundin zu umsorgen, und du kommst hierher, trinkst in aller Seelenruhe meinen Martini und plauderst mit mir über öde Jobs, als wäre rein gar nichts passiert? Wie kannst du es wagen, Fräulein?«

»Natalie Portman? Hübsche Frau. Wie ist sie so?«, fragte ich unschuldig.

»Du hämisches Biest!« Sie fluchte nur, wenn sie wirklich aufgebracht war. Im Normalfall markierte sie lieber die stilvolle Femme Fatale. »Magic Marc hat dir einen Antrag gemacht und du lässt rein gar nichts durchblicken? Ich fasse es nicht!«

»Ich hätte es dir schon noch gesagt.« »Freust du dich denn gar nicht?«

»Sehe ich aus, als würde ich mich nicht freuen?«

»Ja, verdammt, das tust du. Na warte!« Sie sprang auf und war ein paar Sekunden später mit einer Flasche Champagner zurück. »Jetzt kipp den Fusel hinunter, es gibt etwas zu feiern.«

Eilig trank ich den Martini aus, bevor diese Verrückte mich noch meuchelte, und schon sprudelte das nächste Getränk in meinen Cocktailspitz. Vor lauter Aufregung goss sie viel zu viel hinein und besudelte ihr goldenes Sofakissen mit dem teuren Gebräu. Die allseits gefürchteten Alkohol-Eskapaden bei Lilith würden mich eines Tages noch umbringen.

»Oh Mist, mein Stephen Spielberg.« Hektisch klopfte sie auf dem Kissen herum. Sie sammelte Autogramme von allen inspirierenden Menschen, die ihr im Leben begegneten.

Allerdings nicht wie normale Leute auf Zetteln, sondern

auf alltäglichen oder auch weniger alltäglichen Objekten. Marilyn Manson hatte sich auf einer hohen Vase verewigt, in die sie stets schwarze Rosen stellte, und Tarantino auf einem ihrer Lippenstifte im Farbton Coagulated Blood.

»Nichts passiert.« Erleichtert ließ sie die schmalen Schultern sinken. Sie liebte diese Gegenstände wie Kinder. Lilith und normal … Nein, ganz und gar nicht.

 

»Da macht dieser Kerl dir einfach so einen Antrag, ohne mich einzuweihen.«

»Ja, unerhört, oder?« Ich stieß mein Glas gegen ihres. Mir war schon länger klar, dass Marc mir an besagtem ersten Tag nicht ganz so zufällig über den Weg gelaufen sein konnte, wie es vielleicht den Anschein gemacht hatte. Lilith leugnete ihre Verkupplungsaktion vehement, aber ich kannte sie zu gut. Sie war immer der Ansicht gewesen, ich könnte einen gut aufgestellten Mann in meinem Leben brauchen. Damals meinte sie, ich sei besessen von meiner Kunst und hätte mich darin verrannt. Marc und sie kannten sich seit der Schulzeit. Und den Rest der Geschichte konnte nicht nur Graf Zahl aus der Sesamstraße eindeutig kombinieren.

»Wann ist es denn so weit? Wir müssen deinen Junggesellinnenabschied planen. Ich muss die Mädels anrufen, am besten jetzt gleich. Was hältst du von Vegas mit Strippern und total abgefahrenen Foto-Sessions wie in Hangover? Du bekommst den Tiger und ich Mike Tyson.« Sie sprudelte wilder als der Champagner in unseren Gläsern.

»Lilith«, unterbrach ich sie und sie verstummte erschrocken.

»Lilith, ich kann mir all das doch überhaupt nicht leisten. Ich bin Praktikantin in der Firma von Marcs Vater.«

 

 »Oh wow …« Sie fuhr sich durch ihr geglättetes Haar und ließ sich stöhnend im Sessel zurücksinken. »Dieser Hornochse hat dich also immer noch nicht fest angestellt?«

»Nein.« Ich seufzte. »Ich hab mir immer gewünscht, eines Tages meinen Teil zu unserer Hochzeit beitragen zu können, wenn es mal so weit ist, aber jetzt … Er wird alles zahlen und genau nach seinen Vorstellungen aufziehen. Ich weiß nicht, ob …«

»Kein Problem. Ich zahle die Fahrt nach Vegas«, unterbrach sie mich, »das ist ohnehin Sache der Freundinnen.«

»Lilith«, unterbrach ich sie wieder, diesmal mit mehr Nachdruck. Alles in meinem Leben war bisher so geplant worden, wie andere es sich vorgestellt hatten.

»Ich will das allein machen, okay?«

»Was? Die Hochzeit? Eine Hochzeit ist ziemlich übel allein. Schon klar, oder?«

»Nein! Mann, jetzt lass mich doch mal ausreden!« Ich erschrak selbst über den harschen Ton in meiner Stimme, aber auf einmal kochte etwas tief in mir hoch, das ich sonst nie zuließ. »Alles in meinem Leben ist von ihm. Mein Job, die Wohnung, die Wellen in meiner Frisur hat er sich gewünscht, sogar der verdammte Slip, den ich drunter trage, ist von ihm, Lilith.« Mein Verlobter plante die Hochzeit, meine Freunde die Zeit davor, danach ein Job in der Kanzlei, die Mutter von Marcs Kindern. Wo blieb ich in all dem? »Und warum vögelt er mich immer nur in diesem Bett?«

»Wie bitte?«

 »Immer nur dieses Bett. Immer die gleiche Stellung, immer das gleiche gedimmte Licht.«

»Schatz!« Sie sprang auf und griff beschwichtigend nach meiner Hand.

»Aber es ist …«

»Schatz! Deine schlüpfrigen Worte machen mir Angst. Ich bin ein braves Mädchen.«

Von wegen …

Eine Weile erwiderte ich ihren besorgten Blick und kühlte dabei merklich ab. »Der Überfall gestern.« Ich drehte an meinem Glas und kaute auf der Unterlippe. »Dieser Kerl nannte Marc einen Schnösel. Bin ich jemand, der einen Schnösel heiratet, Lilith?«

»Oh heilige Mutter Gottes! Ich hole den Wodka.« Sie wollte sich hochdrücken, aber ich hielt sie am Arm zurück und sah ihr fest in die Augen. Sie starrte nur reglos zurück. Wissend. Mitleidig. Dann sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Es ist dein Riss, hab ich recht?«

Ich nahm einen tiefen Atemzug, wischte mir übers Gesicht und ließ mich in die weichen Wildlederpolster sinken. »Marc sagte wieder dieses Wort … Gosse … Er weiß doch inzwischen, wie sehr ich das hasse. Ahnst du, was das mit mir macht, wenn er so redet, Lilith? Da kommt mir die Galle hoch.«

»Ich weiß, Liebes. Ich weiß doch. Das war dumm von ihm.«

»Was ist nur aus uns geworden? Früher an der Filmschule hatten wir noch Träume. Wir waren voller Energie, voller Feuer. Ich hätte meine Seele für das Schauspiel gegeben.«

»Das hast du, etwas anderes kannst du dir nicht vorwerfen. Du bist in ein tiefes Loch gestürzt und dann kam Marc und holte dich da wieder raus. Er ist ganz offensichtlich dein richtiger Weg, Schatz.«

»Meinst du?« Gedankenverloren folgte ich mit dem Blick den Schnörkeln von Steven Spielbergs Unterschrift.

»Meine ich. Der Teufel hatte seine Chance, aber du bist ihm entwischt, okay?« Lilith zwinkerte liebevoll.

»Und Marc ist der Engel in der Geschichte, oder wie?« Der Champagner sprudelte weich und vollmundig an meinem Gaumen. Genau wie im Patron gestern.

Gestern … Der Tag, an dem Marc Minor mein Leben komplett über den Haufen warf.

»Genau. Dein Licht dimmender, Unterwäsche kaufender, Missionarsstellung liebender – Gott, ich will all diese Dinge eigentlich gar nicht wissen – Engel.«

Ich beobachtete nachdenklich die winzigen Bläschen, die in meinem Glas umherhuschten.

»Liebst du ihn?«, fragte Lilith unvermittelt und fixierte mich, als könnte sie allein mit ihrem Blick eine ehrliche Antwort aus mir hervorpuhlen.

Es kam, ohne dass ich nachdenken musste: »Ja!« Und das war es, was mein Herz sagte. Ich liebte ihn! Ja, das tat ich, verdammt. »Und wie!«

»Tja, Püppchen.« Sie hob ihr Glas und zog eine Braue nach oben. »Dann spachtle gefälligst diesen Riss in dir zu und liebe den Mann! Mit allem, was dir heilig ist! Jetzt ist nicht die Zeit für kalte Füße. Der Mann, den du liebst, fragt dich, ob du ihn heiraten willst, also heirate ihn!«

Ich lächelte müde. Wie immer fand dieses verrückte Luder passende Worte.

In diesem Punkt unterschieden wir uns. Lilith war das Mädchen für das Spontane, ich diejenige mit der Entscheidungsfreude einer Schnecke in sengender Sommerhitze.

»Tja, was soll ich dazu noch sagen?«

»Vielleicht so was wie Du hast recht, beste Freundin Lilith. Ich werde mir in Zukunft viel eher deine kompetente Meinung anhören und nur dich jemals mehr lieben als meinen bezaubernden Ehemann in spe, den ich dir gern auch mal leihweise überlasse, wenn mir seine Zärtlichkeiten über den Kopf wa-«

BUMM! Das Spielberg-Kissen flog ihr um die Ohren.

In diesem Moment schepperte mein Smartphone in der Tasche los. Funky Cold Medina von Tone Loc.

»Ist er das?«, fragte Lilith und drapierte ihr liebstes Kissen voller Sorgfalt zurück an seinem angestammten Platz.

Verfluchter Mist! Entsetzt traf mein Blick auf die Uhr an ihrer Wand. Das Essen mit seinem Vater. Ich war jetzt schon zu spät. Hektisch drückte ich den Anruf stumm.

»Ich muss los. Mann, wo hab ich nur immer meine Gedanken?«

»Na, bei mir, wo sie hingehören.«

»Willst du mich nicht vielleicht lieber heiraten?« Eilig packte ich mein Handy in die Handtasche und erwischte beim Hochdrücken mit der Handkante die Fernbedienung.

»Da würdest du dich mit Sicherheit nicht so zieren, du …« Lilith verstummte und starrte auf den großen Fernsehbildschirm.

Das farblose Kleid nahm wieder Form an. Die Frau erhob sich wie ein Vogelschwarm aus dem tristen Grau der Nacht. Sie reckte die Arme, atmete tief, drehte sich. Schneller und schneller. Immer schneller. Ein Wirbel aus Farben legte sich um ihre weiblichen Kurven und aus all dem entstand nach und nach das Panorama einer Stadt. Wie sie lächelte. Ein Hauch von Wahnsinn klebte in ihren tränenverklärten Zügen. Die Stadt wurde deutlicher erkennbar. Und die Lady hörte nicht auf, sich zu drehen, wurde eins mit den allseits bekannten Gebäuden. Ein spitzer Uhrenturm formte sich aus dem Durcheinander und verschwand wieder. Eine Brücke, ein Fluss. Sie riss den Mund auf, lachte, während sie weinte. Mir wurde ganz schwindelig. Und während die Kamera über die Stadt raste, drückte Lilith den Knopf, offenbar ebenso erschrocken wie ich über diesen merkwürdigen Zufall.

 

Ruhe. Keiner von uns sagte etwas. Alles schien kurz still zu stehen. Ich konnte die Augen nicht von der Schwärze des Bildschirms lösen. Plötzlich sah ich den Ausweg aus meinem Dilemma ganz deutlich vor mir. Ein Kurztrip.

»Lilith«, hauchte ich atemlos. Ich war vielleicht nicht spontan, aber Dinge geschahen ganz eindeutig, weil sie geschehen mussten. Das war unser Credo.

»Ja?«, fragte sie ebenso gebannt. Sie wusste, was ich sagen wollte. Es war vielleicht verrückt. Aber manchmal musste man verrückt sein. Besonders, wenn die Zukunft ganz andere Pläne für einen vorgesehen hatte, als verrückt zu sein.

»Du suchst doch jemanden für London, richtig? Ich kann das tun.«

»Aber …« Ihr Blick traf meinen. Vollkommen baff. »Wir waren uns doch gerade einig, dass … Ich meine, geht das denn? Hast du nicht in der Kanzlei zu tun? Mein Flug geht schon morgen früh. Ich wollte auf Firmenkosten noch etwas geliebten Londoner Mief atmen, wenn ich schon dazu genötigt werde, den globalen Laufburschen zu spielen.«

»Nein, ich habe frei. Ich sollte es tun.«

»Abbie, ich kann dir das nicht auflasten. Es ist ein Job für meinen Boss. Er ist eine geldgierige Kröte, schon vergessen? Du wirst dich prostituieren müssen.«

»Auf einer Cocktailparty in London einen Barkeeper stalken, dir etwas abnehmen, für das du sowieso keine Zeit hast, an meinem freien Wochenende? Sex on the Beach schlürfen in einer Stadt, die ich schon immer mal sehen wollte, weil sie dich großgemacht hat? Prostitution stelle ich mir schmutziger vor.«

»Oh, glaub mir, London ist schmutzig. Aber du würdest wenig davon mitbekommen. Die Party findet ganz glamourös auf einer Hotel-Dachterrasse statt. Und die Tickets könnte ich auf dich umschreiben lassen. Erste Klasse.« Sie tippte sich gegen ihre glänzenden, vollen Lippen und spähte nachdenklich zu ihren Koffern hinüber. »Du könntest die Abwechslung gut brauchen, oder? Das würde dir vielleicht helfen.«

»Absolut. Und es wäre ja nur für ein Wochenende. Marc ist darüber bestimmt nicht böse. Er muss ohnehin geschäftlich weg.«

»Das passt alles zu perfekt, Lady. Wo ist der Haken?« Lilith musterte mich aus schmalen Augen.

»Kein Haken. Du kannst zu deinem Treffen und ich gehe in deinem luxuriösen Hotelbett mal kurz in mich und werde in ein paar Monaten Marc Minors glückliche Braut.«

»Und ich werfe Blumen?« Lilith hob ihren langen, roten Fingernagel vor meiner Nase.

»Wenn du meinst, das ist ein angemessener Job für eine Trauzeugin …«

»Oh Baby!« Sie strahlte und packte mich wie eine Affenmutter, um mich ausweglos an sich zu pressen. »Ich wollte schon immer eine Trauzeugin sein.«

Als sie mich losließ, drückte sie noch einmal fest meine Hände und wischte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. »Du wirst sehen: Es ist richtig. Er ist richtig! Vielleicht pustet dir London ja den Kopf ein bisschen frei für ihn.«

»Ich weiß, dass er richtig ist.«  

Vier

 

Marcs Vater war ein erhabener Mann. Hochgewachsen, weißhaarig und mit einer Stimme, die Berge hätte zum Einstürzen bringen können. Als ich an dem perfekt dekorierten Tisch in seiner bis ins letzte Detail durchgestylten Wohnung saß, diverse Alkoholika von Lilith im Blut und den Ruf der Freiheit in den Venen, fragte ich mich, wann ich diesen respekteinflößenden Körper je in lockererer Kleidung gesehen hatte als in einem Maßanzug mit Nadelstreifen. Ich konnte mich

nicht erinnern.
Die Verkündung unserer Verlobung hatte er mit

stolzer Anerkennung honoriert und den besten Likör aus der Vitrine geholt. Seine Angestellten servierten ihn uns zum Hummer. Meine ungeschulte Zunge schmeckte Birne, aber ich schluckte diese Vermutung eilig mit dem Gebräu hinunter, als die beiden Männer einander anlächelten und wie aus einem Mund „Quitte“ hervorbrachten.

Marc hatte viel von seinem alten Herrn. Die perfekten Gesichtszüge, die stahlblauen Augen, die unwiderstehliche Ausstrahlung. Aber auch ab und an dieses Kühle, Beherrschte, das alle Anwesenden von Grund auf zu verurteilen schien. Und natürlich auch den Job. Nur spezialisierte sich der eine auf Scheidungen und der andere war ein international gefeierter Staatsanwalt rund um medienwirksame Drogenkartell-Fälle gewesen. Er hatte schon so manchen unknackbaren Drogenboss hinter schwedische Gardinen prozessiert. Und das mithilfe eines unnachgiebigen Starrsinns und eines mächtigen Bekanntenkreises, bestehend aus bunt gemischten Jungs bei Polizei, FBI, CIA und diversen Untergrundeinheiten, von deren Manövern normale Menschen nicht einmal düster zu träumen wagten. In der Gegenwart von Marc Senior kam ich mir immer vor wie ein kleines naives Mädchen, das keine Ahnung vom Leben hatte.

»Also, Miss Minor in spe … Ich dachte an eine kleine, aber feine Festivität in meinem Landhaus. Ich werde Geiger und Champagner organisieren. Auch Kanapees und Butler werden selbstverständlich mit von der Partie sein. Mein Sohn heiratet, da scheue ich keine Kosten. Dreihundert Lilien sollen die Örtlichkeit schmücken, die Blume der Liebe und Fruchtbarkeit. Marc sagte, das sei deine Lieblingsblume. Ist doch richtig, oder?« Sein vorfreudiger Blick fand meinen, während ich unbeholfen in meinem Hummer stocherte.

»Ja, das klingt ganz wunderbar.« Meine Zunge war schwer und ich spürte Marcs Blick auf mir. Das Anwesen seines Vaters war die perfekte Location. In dem riesigen Garten hätte die ganze US Army Platz gefunden.

Aber das war doch unsere Hochzeit. Unsere. Ich wollte nicht nur danebenstehen und zusehen, wie die beiden Minors alles planten, alles zahlten und mich am Ende nur noch vor den Altar stellten wie eine leblose Puppe. Ich liebte Lilien, das stimmte. Allerdings eher für die Schattenseiten ihrer Bedeutung. Für das Morbide, das Zerbrechliche, die Vergänglichkeit. Doch das konnte ich ihm jetzt ja schlecht auf die Nase binden. Gott, ging das schon wieder los? Ich musste dringend entspannter werden. Dieses furchtbare Gedankenkarussell! Hatte ich vielleicht am Ende doch Torschlusspanik?

»Der ungehobelte Kerl, der euch dort draußen überfallen hat«, Marcs Vater schob mit einer fließenden Bewegung eine Stoffserviette in den Kragen seines Hemdes und strich sie bedächtig glatt, »hat sich mit den Falschen angelegt, Sohn.«

»Na, das will ich meinen.« Marcs Augen blitzten und er tätschelte mir den Arm, als müsste er mich beruhigen.

»Nach seinem Prozess wird der arme Tropf nicht mehr geradeaus gehen können. Wir wissen bereits alles über ihn. Beschaffungskriminell. Haust in einem Lager aus Spritzen und seinen eigenen Exkrementen. Und …« Er zog einen Mundwinkel nach oben und bedachte Marc mit einem amüsierten Blick. »Ihr beide hattet tatsächlich bereits das Vergnügen. Milo Benson. Du hast vor neun Jahren seine Frau vertreten und ihr wurde das gesamte Vermögen zugesprochen.«

Marc zuckte die Achseln. »Schon möglich. Du wirst es mir nachsehen, wenn ich mich nicht an jede gescheiterte Existenz meines Arbeitsalltags erinnere.«

»Tja, das Leid eines Scheidungsanwaltes.« Minor Senior brach seinen Hummerkörper mit einem Krachen in der Mitte durch. »Abigail, ist es nicht spannend, mit einem so mächtigen Mann liiert zu sein?«

»Wenn nicht jede Woche jemand auf die Idee kommt, über mich Rache an ihm üben zu wollen, ist es schon ganz in Ordnung.« Ich stocherte in meinen gedünsteten Kartoffeln, die mit meinem Schwips zahlreicher aussahen, als sie eigentlich waren.

 

»Ganz in Ordnung, hm?« Marc drückte mir einen derben Kuss auf die Wange.

»Jedenfalls«, fuhr sein Vater fort, »hat der Mann hohe Schulden bei Leuten, die nicht zimperlich mit ihm umgegangen wären. Ein Strang, den ich vor Jahren einmal ausgehoben habe. Der Rest der Bastarde ist untergetaucht.« Er knurrte ungehalten. Dieser alte Prozess wurmte ihn noch immer, denn er hatte ihn nie komplett abschließen können. Einer der Bosse war ihm entkommen, Marc hatte mir einmal davon erzählt. Auch wenn sein Vater längst in Rente sein sollte, übernahm er doch immer noch inoffiziell den ein oder anderen Härtefall. »Das Gefängnis ist der bessere Ort für ihn. Auf der Straße hatte er ohnehin niemanden. Wäre bloß hingesiecht in seinem Morast.«

»Also erneut eine gute Tat.« Marc hob sein Glas und stieß mit seinem Vater an.

»Na ja, nicht wirklich«, murmelte ich und ließ meinen Likör stehen, wo er war, »wenn ihn der kalte Entzug nicht erledigt, tut es wahrscheinlich irgendein Kerl im Knast, der einen Kerl kennt, dem er draußen Geld schuldet.«

»Wie bitte, Kind?« Marcs Vater sah mich verdutzt an.

»Ich … muss mich kurz frisch machen.« Als ich mich aufrichtete, riss ich beinahe die Wasserkaraffe um. Die beiden Männer starrten mich an und ich räusperte mich.

»Tschuldigung.«

Kurz vor der Toilette tauchte Marc hinter mir auf wie ein Schatten und ich erschrak fürchterlich.

»Was ist mit dir los?« Seine Hände griffen sacht nach meinen Armen. Ich konnte sein Parfüm riechen. Vertraut und attraktiv.

»Was soll denn sein?« Angestrengt versuchte ich, meinen Schwips zu überspielen.

»Dieser Kommentar da gerade. Deine Fahrigkeit. Das kleine Biest hat dich schon wieder abgefüllt.« Er legte schelmisch den Kopf schief.

»Nein, gar nicht! Es ist nur dein Vater. Er macht mich schon wieder nervös.« Und das stimmte. Ich hatte mir seinen Respekt hart erarbeiten müssen. Eine Frau mit meiner Vergangenheit war eindeutig nicht die erste Wahl für einen gut situierten Mann wie seinen Sohn.

Ich wich Marcs Blick aus, aber er ließ nicht locker.

»Okaaaay. Vielleicht ein bisschen. Wir haben über den Jungesellin’n …« Das Wort bereitete mir ernste Schwierigkeiten. »Den Abschied gesprochen, du weißt schon.«

»Ich verstehe.« Er lachte. Ich liebte es, wenn er lachte.

»Und was werdet ihr anstellen? Kalifornien?

 

Schaumpartys? Stripper? Bei Gott, wenn dich einer von denen anpackt, werde ich …«

»Erst mal fliege ich nach London. Vielleicht ist das dann einfach auch gleich mein Jung … Jung … Der Abschied eben.« Es rutschte mir schneller heraus, als ich darüber nachdenken konnte.

Sein Blick wurde irritiert. »London? Lilith und du? Warum? Warte … Ich sagst du, weil …«

»Weil ich allein fliege. Ich übernehme dort einen Job für Lilith, den sie nicht machen kann. Sei froh. Dann werden es zumindest keine Stripper, sondern nur ein Cocktail-Künstler.«

»Allein?« Seine Hände glitten von meinen Armen und er schürzte die Lippen. »Abbie … Einen Junggesellinnenabschied feiert man nicht allein. Jeder Mensch auf dieser Welt möchte diese Nacht mit den besten Freunden verbringen.«

»Und bin ich jeder Mensch auf dieser Welt?« Ich strauchelte und stützte mich an der nächstbesten Wand ab. In meiner Illusion wirkte ich furchtbar souverän. Sein verstörtes Grinsen zeigte, dass das wohl nicht ganz der Wahrheit entsprach.

»Nein, du bist mein verrückter Schmetterling.« »Ich muss jetzt pinkeln«, murmelte ich und verschränkte die Arme vor der Brust. »Und

morgen fährst
du mich zum Flughafen.« Bemüht zielstrebig 
wollte ich meinen Weg fortsetzen, aber Marc hielt mich an der Schulter zurück.

»Warte mal! Du meinst das doch nicht wirklich ernst, oder?«

Ich drehte mich um und sah ihn fest an.

»Du bist betrunken.« Plötzlich fand er diese Tatsache nicht mehr so amüsant.

»Morgen werde ich nach London fliegen«, sagte ich voll nüchterner Überzeugung. Es verstörte ihn. Ich war noch nie ohne ihn weit weg gewesen, seit wir zusammen waren. Überhaupt noch nie vorher, wenn ich so darüber nachdachte.

»Abbie …« Er wirkte erschrocken. »Habe ich dich überrumpelt? Das wollte ich nicht. Ich … Ich meine, wir müssen nicht …« Sein Mund stand offen wie der eines erstickendes Fisches.

»Marc.« Ich nahm sein Gesicht in meine Hände. Er war schön. Ich liebte ihn. »Mach dir keine Gedanken! Ich will keine Stripper oder eine Schaumparty. Und es ist nur ein Job. Du verlässt ständig die Stadt für Jobs, schon vergessen?«

»Das …« Schmale Falten legten sich auf seine Stirn.

»Das will ich nicht. Ich will nicht, dass du allein irgendwohin fährst.«

Ein kleines Lächeln stahl sich in meine Züge. »Ist okay. Ich frage dich nicht um Erlaubnis. Ich sage dir lediglich, dass ich es tun werde.« Verdammt, war das Liliths Champagner, der mich so beharrlich machte?

Unter normalen Umständen hätte ich ihr schon zu Beginn der

Diskussion geschrieben, dass ich die Tickets nicht übernehmen konnte, weil mein Zukünftiger es nicht wollte. Warum sollte ich mich auf einen Streit einlassen, wenn ich ihn schon im Keim ersticken konnte, indem ich einfach blieb?

Marc schluckte schwer und machte einen Schritt zurück, um sich aus meinem Griff zu lösen.

»Wow …« Er wischte sich übers Gesicht. »Dort im Restaurant … Du warst der Ansicht, ich würde mich von dir trennen. Hast du das nur gedacht oder hast du es gehofft?« Seine Worte schlugen dort ein, wo es wehtat.

Ich presste ein kleines, freudloses Lachen durch die Zähne. »Du Idiot … Ich muss jetzt wirklich mal.« Wieder drehte ich mich um und wieder hielt er mich zurück.

»Liebst du mich, Abigail Summers, oder tust du es nicht?«

»Natürlich, verdammt«, zischte ich, mein Gesicht ganz nahe bei seinem. »Ja, ich liebe dich.« Meine Worte ließen sich warm auf seinen Lippen nieder. »Aber lass mich noch einmal kurz ich sein, bevor ich ganz dir gehöre!«

 

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