Leseprobe zu Boss Kisses

Lesezeit: circa 20 Minuten

Prolog

 

Ich bin Summer. Eine lebensfrohe Frau aus Seattle auf der Suche nach dem ganz großen Glück. Ich liebe das Leben. Ich genieße den Lifestyle dieser bezaubernden Stadt und schwimme mit dem Strom junger trendiger Menschen, die die Welt erobern wollen.

So sollte es eigentlich klingen, wenn ich über mich erzähle. Aber weit gefehlt. Oder eher … kompletter Bullshit!

Ja, ich bin Summer. Summer Winters – und ironischerweise ist mein Name nicht die einzige Katastrophe in meinem Leben!

Richtig gehört, ich heiße Summer Winters. Und nein, ich hasse meine Eltern nicht dafür. Okay, vielleicht ein kleines bisschen. Aber meine Mom ist seit vielen Jahren tot, und es erscheint mir falsch, meine tote Mutter zu hassen, weil sie mir einen entsetzlichen Namen gegeben hat. Dadurch wird es nicht erträglicher.

Ich schweife ab. Wie so oft. Wahrscheinlich bin ich deswegen überhaupt in dieser prekären Lage.

Der Kern meines eigentlichen Problems liegt nämlich gerade woanders.

»Oh Gott ja, Baby.«

Ich muss mir die Hand vor den Mund legen, um nicht laut loszulachen. Oder zu weinen. Das Stöhnen, das zeitgleich mit diesem klischeehaften Lob über die Lippen der Blondine kommt, hallt durch den Raum und beweist allzu deutlich, in welchem Schlamassel ich stecke.

Scheiße.

Durch die schmalen weißen Lamellen habe ich freien Blick darauf, wie die großen rauen Hände, die ich schon so oft bewundert habe, ihren Hintern kneten.

Ich sag ja. Nicht nur mein Name ist eine Katastrophe. Mein ganzes Leben ist eine.

Denn es gibt keine andere logische Erklärung dafür, dass ich im Schrank meines Bosses sitze und ihm dabei zusehe, wie er dieser Frau, an der so ziemlich alles unecht ist, die Zunge in den Hals schiebt. Mit einer Dominanz, wie ich sie nur aus Filmen kenne, die nachts laufen, wenn man nicht schlafen kann, umfasst er mit der anderen Hand ihren Nacken und dirigiert ihren üppigen Körper an seine starke Brust. Ich weiß nicht, ob ich fasziniert weiterschauen oder lieber kotzen möchte.

Zum wiederholten Mal lasse ich beiläufig meinen Blick über die Anzüge schweifen, die um mich herumhängen. Brioni, Oxxford, Fioravanti oder Dolce & Gabbana. Dieser Schrankinhalt ist sicher mehr wert als mein Zuhause. Und ich stehe dazwischen mit nichts an meinem Leib außer meinem Kaninchen-Slip und grasgrünen Pumps.

Scheiße!

Immer und immer wieder wäge ich ab, ob es mir gelingen könnte, geräuschlos eines der Sakkos von den Metallkleiderbügeln zu nehmen, ohne dass sie aneinanderklappern, um wenigstens etwas anziehen zu können. Doch außer den schmatzenden Geräuschen von aufeinandertreffenden Lippen und nicht echt gemeinten Lobeshymnen ist es mucksmäuschenstill in dieser viel zu großen sterilen Wohnung.

Ich frage mich allmählich ernsthaft, was ich falsch gemacht habe, dass ich immer wieder in Situationen wie diese gerate.

Heute in den Schrank meines Bosses. Der mich nicht mal leiden kann.

Wie ich hier gelandet bin?

Das ist eine sehr lange Geschichte.

Im Grunde fing alles mit einem Bagel an …

Kapitel 1

 

Summer

 

»Nein, Miss! Sie verstehen das einfach nicht.« Meine Finger fühlen sich eiskalt an, als ich mir zum wiederholten Mal über die Stirn streiche. Als ob das etwas an den Sorgenfalten ändern könnte, die sich dort mit jeder weiteren Sekunde dieser sinnlosen Diskussion bilden.

»Sie wollten ohne Paprika. Dieser Bagel ist ohne Paprika.«

Allein das schmatzende Geräusch, welches sie mit ihrem Kaugummi erzeugt, macht mich schon satt, aber hier geht es inzwischen nur noch ums Prinzip. Okay, und um verfluchte sechs Dollar, die ich für dieses bescheuerte Teil bezahlt habe.

»Ich erkläre es Ihnen gerne auch noch ein weiteres Mal. Ich bin allergisch gegen Paprika. Mein Gesicht wird rot und hässlich, wenn ich damit in Berührung komme.«

Mit ihren rosa Fingernägeln spaltet sie meinen Bagel und hält ihn mir über den siffigen Tresen entgegen.

»Keine Paprika.«

Hinter mir quengeln die Kinder einer Großfamilie immer lauter, weil ich sie von ihrer Limo abhalte, die sie sich anscheinend für die Überfahrt besorgen wollen. So zumindest interpretiere ich das Gequengel.

»Herrgott!«, keife ich eine Spur zu schrill. »Ich habe genau gesehen, dass Sie die Paprika einfach runtergepult haben, anstatt einen neuen zu machen. Für wie blöd halten Sie mich?«

Missbilligend zieht sie die Augenbraue nach oben.

»Wollen Sie ihn nun oder nicht?«

Das farblich zu den Fingernägeln passende Kaugummi platzt, nachdem sie eine Blase in Richtung meines Bagels gemacht hat.

»Ich will entweder mein Geld zurück oder einen neuen Bagel«, beharre ich. Ich bin nicht bereit, diesen Kampf zu verlieren.

Wenigstens die nörgelnde Großfamilie verzieht sich.

»Sie können diesen Bagel nehmen«, meckert die Verkäuferin des Imbisses den gleichen Satz wie schon vor zehn Minuten. Gerade als ich ausholen will, um ihr einen Vortrag über Kundenservice und Freundlichkeit zu erteilen, wandert mein Blick intuitiv Richtung Wasser. »Nein!«, stoße ich in einem spitzen Schrei aus. Wie vom Blitz getroffen schnappe ich mir den Bagel und renne los.

Die spitzen Steine des Schotterweges bohren sich durch die viel zu dünnen Sohlen meiner Ballerinas, als ich den schmalen Weg hinunter zur Ablegestelle renne. »Nein, nein, nein!«, schreie ich und versuche mit dem dummen Bagel in der Hand dem Kapitän der Fähre zu signalisieren, dass er auf mich warten soll. Doch es ist zu spät. »Bitte, warten Sie!«, flehe ich vergeblich hinter dem blau-weißen Schiff her, das mich downtown bringen sollte. Es hat bereits abgelegt. Das Wasser des Puget Sound schäumt am Heck des Bootes, das stetig beschleunigt. »So ein verdammter Mist!«

Mir bleibt nichts anderes übrig, als den grinsenden Kindern, die noch vor wenigen Minuten hinter mir genörgelt haben, nachzusehen. Mit strahlenden Gesichtern winken sie mir über der Reling zu. Einer von ihnen streckt mir sogar die Zunge heraus, und ich zögere keinen Moment, diese freche Geste zu erwidern.

Ich werde zu spät kommen. Ich werde zum wichtigsten Termin des Jahres nicht pünktlich sein. Das grenzt an eine Katastrophe.

Das Wasser-Taxi benötigt nur knapp zwanzig Minuten hinüber zum Pier 50, von dem ich in wenigen Gehminuten in downtown gewesen wäre.

Ohne auf den triumphierenden Ausdruck im Gesicht der Kellnerin zu blicken, die mit den Ellbogen auf dem Verkaufstresen lehnt und mein Elend verfolgt, stakse ich in meinen unbequemen Schuhen vom Anleger weg. Das nächste Boot kommt erst in einer Stunde. Dann ist mein Vorstellungstermin längst vorbei und der neue Job wird zu einem weiteren Stichpunkt auf einer Liste fortlaufender Enttäuschungen für meine Familie. Das darf nicht passieren. Also stopfe ich den Bagel in eine Serviette gewickelt in meine türkise Handtasche mit den schwarzen Glitzersternen und zücke stattdessen mein Handy.

Mein Daumen fliegt in gewohnten Bewegungen über das Display und es dauert keine drei Sekunden, ehe meine beste Freundin abnimmt.

»Hey Sunny. Ist das Gespräch schon vorbei?« Im Hintergrund klappert zunächst Geschirr aufeinander, doch schnell werden die Geräusche von Gesprächen überschattet.

»Scheiße, du bist auf der Arbeit?«

»Dir auch einen schönen guten Tag«, antwortet meine älteste Freundin. »Das ist für Tisch sechs und sieben«, brummt eine andere Stimme dazwischen. Wahrscheinlich Sam. Der Restaurantkoch, mit dem sie regelmäßig schläft.

»Nichts an diesem Tag ist gut. Rein gar nichts. Grandpa hat heute früh Instantpulver für Tomatensuppe anstatt Kaffeepulver in die Maschine gefüllt. Trump hat zweimal ins Haus gepinkelt und ich habe die verfluchte Fähre verpasst.«

»Wie hat es geschmeckt?«

»Was?«, frage ich, ganz außer Atem, weil der Weg vom Anleger bergauf geht und ich die Kondition eines Faultiers habe.

»Die Kaffee-Tomatensuppe.«

»Du hast mir nicht zugehört. Ich habe die verfluchte Fähre verpasst! Das Vorstellungsgespräch ist in vierzig Minuten. Dad ist mit dem Wagen unterwegs. Du musst mich fahren, Meg, und zwar ganz schnell.«

»Summer«, seufzt sie. Die Hintergrundgeräusche nehmen ab und im Grunde weiß ich schon, was jetzt kommt. »Vielleicht ist es Schicksal.«

»Nein«, halte ich dagegen wie ein trotziges Kleinkind.

»Du bist ein kreativer Mensch.«

»Ich sagte nein, Meghan Fierce.«

Sicherlich hat sie sich in die Personaltoilette des kleinen Restaurants zurückgezogen, so wie ihr Seufzen hallt.

»Du bist keine Putzfrau, Sunny.«

»Und du keine Kellnerin. Und? Du gehst dennoch jeden Tag zur Arbeit und schläfst noch dazu mit dem Koch.«

Es war gemein, ihr die nicht ganz glücklich verlaufende Affäre unter die Nase zu reiben. Immerhin weiß niemand besser als ich, wie sehr meine Freundin unter dem ständigen On und Off leidet.

»Du willst unter die Gürtellinie gehen? Gut, Summer Winters. Sprechen wir Klartext.« Ich hole aus, um sie zu stoppen, aber Meghan ist schneller als ich. So wie eigentlich schon unser Leben lang. »Nur für den Fall, dass du es vergessen hast, ich studiere Journalistik. Ja genau. Ich werde eines Tages eine Spitzen-Journalistin sein. Das ist mein Ziel. Mein großer Traum. Dass ich auf dem Weg dahin vielleicht ein paar Teller wegräumen muss, ist eben die Kehrseite, die ich gerne in Kauf nehme. So, wie ich in Kauf nehme, mit einem mittelmäßigen, ständig nach Backfisch stinkenden Kerl zu schlafen, der sich nicht entscheiden kann, wen er mehr mag. Mich oder seine Freundin, die ihn für einen Versager hält, nur weil er Fisch brät, anstatt Anwalt zu sein. Ich mag ihn. Er ist nett und er besorgt es mir regelmäßig, was mich diesen dämlichen Job wesentlich besser ertragen lässt.« Sie holt tief Luft, allerdings nicht lange genug, damit ich dazwischengrätschen könnte. »Du allerdings ziehst es in Erwägung, nachts Büros zu putzen. Ja, ganz recht«, sagt sie nach einer theatralischen Pause. »Mehr kommt da nicht. Keine Träume, keine Ziele. Keine Männer, die es dir besorgen. Also wag es nicht, mich zu verurteilen.«

Zum Ende des Monologs wird sie immer lauter, und schließlich ist es mucksmäuschenstill in der Leitung.

»Ich bin die schlechteste Freundin der Welt«, flüstere ich. »Kannst du mich bitte trotzdem abholen?«, frage ich nach einer Zeit kleinlaut, während ich über die schmale Straße instinktiv Richtung West Seattle Bridge laufe. Natürlich ist es totaler Quatsch, in die Stadt zu laufen. Immerhin ist Seattle die größte Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten.

»Natürlich hole ich dich. Und das weißt du auch. Ich habe dich noch nie im Stich gelassen, egal wie hirnrissig deine Ideen auch waren.« Im Hintergrund knallt eine Tür, das Stimmengewirr nimmt wieder zu. »Ich muss kurz weg«, höre ich Meghan gedämpft sagen. Wahrscheinlich, weil sie eine Hand vor den Hörer hält. Die Schimpftirade, die darauf von ihrem Boss folgt, ist nur von kurzer Dauer. Wie ich meine beste Freundin kenne, hat sie Joe vom Diner gar keine Chance gelassen, sie ausgiebig zu rügen. Er würde sie niemals feuern. Meghan ist die beste Kellnerin, die er hat. Seit vielen Jahren arbeitet sie jetzt schon in dem kleinen Restaurant in unserem Stadtteil. Dad und ich gehen hin und wieder an den Sonntagen mit Smith und meinem Grandpa dort essen. In Monaten, in denen unser Budget das zulässt.

Von dort sind es nur fünfzehn Gehminuten zu unserem Haus. An guten Tagen nehmen wir einen Umweg zum Alki Beach und sehen uns die Dampf- und Segelschiffe an.

Das sind die Tage, an denen ich froh bin, nicht in der Stadt zu leben. Wenn uns der frische Wind um die Nasen bläst, mein kleiner Bruder Smith mit unserem Hund über den Sand rennt und Grandpa alte Geschichten über die Seefahrt erzählt. Auch wenn sie allesamt erfunden sind, an solchen Tagen schließe ich die Augen und bin zufrieden.

Heute allerdings verfluche ich West Seattle für seine dämliche Lage und mein Leben dafür, dass ich nicht mal ein Auto besitze.

»Ich laufe dir vom Pier entgegen«, seufze ich. Meine Schritte beschleunigen sich wie von selbst. Ich brauche diesen Job. Nachts zu arbeiten bedeutet, dass ich Smith seine Schulbrote schmieren kann und zu Hause bin, wenn er mittags kommt. Außerdem können wir das Geld wirklich gebrauchen.

Es sind allerdings nicht nur die Argumente für den Job, die mich schneller laufen lassen. Ein weiteres Ziel ist es, die Kälte zu vertreiben, die mit aller Macht versucht, durch meine lila Wollstrumpfhose zu kriechen.

»Okay. Gib mir zehn Minuten.« Ohne ein weiteres Wort beendet Meghan das Gespräch und ich stopfe mein altes, mit Kratzern übersätes Smartphone zu dem Bagel. Der Tag hätte echt nicht blöder starten können.

 

***

 

»Und du bist sicher, dass es hier ist? Das sieht nicht gerade aus wie eine Reinigungsfirma.«

Meghan und ich lehnen uns gleichzeitig nach vorne, um über das Armaturenbrett ihres alten Wagens an den Wolkenkratzern der 4th Avenue hinaufzusehen. Die nach oben gestylten Spitzen ihrer wasserstoffblonden Haare berühren dabei die Scheibe.

»Na ja«, seufze ich. Stöhnend blicke ich auf den Zettel in meiner Hand. Vor zwei Tagen erst habe ich auf dem pastellfarbenen Blatt mit den Einhörnern darauf die Adresse der Reinigungsfirma notiert, nachdem Miss Warren aus dem Jobcenter mir die Details erklärt hatte. Allerdings hatte sich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht die Mayonnaise von diesem bescheuerten Bagel über das Papier verteilt. Nun ist das Einhorn samt meiner Schrift zu einer glibberigen Masse geworden, auf der man nur noch Bruchstücke der Adresse erahnen kann. Auf jeden Fall eine Vier und ein Avenue.

»Ich habe keine Ahnung. Miss Warren meinte, es sei eine wirklich seriöse und angesehene Firma.«

»Schätzchen, das hier sieht eher aus wie das Gebäude von Christian Grey persönlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie hier Putzfrauen einstellen«, schnaubt sie. Die Luft, die sie ausstößt, pfeift durch den Ring in ihrer Lippe.

»Sei nicht immer so voller Vorurteile«, meckere ich und wische eine Mischung aus Mayonnaise und Barbecuesoße von meinem Handydisplay. »Scheiße!«, stoße ich aus, ehe Meghan sich verteidigen kann. »Ich komme zu spät.«

Ohne ein weiteres Wort reiße ich die Autotür auf und hechte über den Gehweg auf das riesige verspiegelte Gebäude zu. Nirgends gibt es ein Schild oder eine Hinweistafel. Lediglich ein geschwungenes S prangt auf der Spitze und berührt schon beinahe die Wolken.

Bagel, Handy und meinen Einhornzettel lasse ich auf dem schnellen Marsch zurück in meine Tasche fallen und wische mir die Hände an meinem karierten Minirock ab.

»Wird schon schiefgehen«, flüstere ich vor mich hin, während sich die elektrische Tür öffnet. Es ist eine dieser Drehtüren, bei denen man das Gefühl hat, sie wollen einen verschlucken, nur um einen im Inneren des Gebäudes wieder auszuspucken. Als Kind bin ich mit meinem Schal einmal in so einer Tür hängen geblieben und musste minutenlang im Kreis laufen. Wahrscheinlich hätte ich einfach stehen bleiben können, um einen Notstopp auszulösen. Doch damals auf dem Schulausflug war ich jung und dumm und an Peinlichkeit kaum zu überbieten. Ich sehe noch heute die Zeigefinger, die auf mich deuten, und höre das Lachen der Kinder, ehe meine Lehrerin mich befreit hat. Daher achte ich noch heute jedes Mal darauf, dass ich genau mittig in der komischen Kabine laufe.

»Wow«, entweicht es mir, als ich schließlich in der prunkvollen Eingangshalle stehen bleibe. Überall an den Wänden und den Säulen sind Spiegel angebracht. Der Boden, die übrigen Wände und das gesamte Mobiliar sind schneeweiß. Zwei Männer in schwarzen Anzügen mit schwarzen Krawatten durchqueren die Halle und sehen mich kurz an. Ich muss schlucken. Ich falle auf wie ein Paradiesvogel. Allein mein Rock weist mehr Farben auf als diese riesige Halle. Es gibt nicht mal einen roten Feuermelder. Nur weiß, so weit das Auge reicht. Die Leute hier müssen wirklich verdammt gut putzen können, wenn man den Zustand der weißen Fliesen betrachtet.

»Bitte sagen Sie mir, dass Sie wegen des Vorstellungsgespräches hier sind.«

Ich sehe auf. Eine zierliche junge Frau sitzt hinter einem riesigen halbrunden Empfangstresen. Der Sockel ist verspiegelt. Der Rest – Überraschung! – ist weiß. Mit schnellen Schritten husche ich über den glänzenden Boden und bete, dass ich keinen Dreck unter den Füßen habe.

»Äh ja. Genau. Miss Wa…«

»Für mehr ist jetzt wirklich keine Zeit.« Über ihrer zierlichen Stupsnase flehen mich zwei besorgte Augen an. »Der Boss wartet nicht gern. Vierzigster Stock, biegen Sie links ab, dann laufen Sie geradewegs auf das Büro der Personalabteilung zu. Sie werden dort erwartet.«

Mein Blick folgt der Richtung, in die ihr schmaler, perfekt manikürter Finger noch immer zeigt.

»Also ich …«, wende ich mich der Empfangsdame zu.

»Bitte, Miss. Sie sind schon zwei Minuten über der Zeit.«

Aus ihren rehbraunen Augen sieht sie mich mitleidig an. Ich war schon immer ein eher unpünktlicher Mensch, aber bislang kamen mir zwei Minuten Verspätung niemals wie ein derart drastischer Fehler vor. Sie sieht mich an, als hätte ich soeben den Russen Atomwaffencodes zugesteckt.

Daher senke ich nickend den Kopf und flitze hinüber zu den Fahrstuhltüren. Besser hätte ich den Blick auf den Boden gerichtet gelassen. Dann würde mir nicht bei jedem Meter, den der gigantische, vollverspiegelte Fahrstuhl mich nach oben befördert, klar, wie grauenvoll meine Frisur aussieht. Es soll Frauen geben, die mit feuchten Haaren sexy aussehen. Bei mir sorgt Seattles Nieselregen allerdings nur dafür, dass meine Frisur sich unserem Hund anpasst, und der heißt nicht ohne Grund Trump.

Nach wenigen Augenblicken der Stille öffnen sich die Türen. Mein Fuß hebt sich von allein, und sofort spüre ich den flauschigen schwarzen Teppich unter meinen Füßen. Schluckend betrachte ich die weißen Flure, die mit Lilien in Standvasen und abstrakten Schwarzweiß-Gemälden geschmückt sind.

Spätestens als der Fahrstuhl seine Türen mit einem leisen Ping hinter mir schließt, habe ich das Gefühl, irgendwas an dieser Situation ist nicht so, wie es sein sollte. Und in der Regel bin in solchen Momenten ich selbst das Problem.

Kapitel 2

 

Maverick

 

»Wir müssen die Blue-GP an Land ziehen, Mav. Da steckt ‘ne Menge Kohle drin. Der alte Murphy ist nur noch einen Atemzug vom Tod entfernt und der Junior hat keinen Plan, was er mit der Firma anfangen soll. Wenn wir jetzt zuschlagen, dann ist das das ganz große Los. Glaub mir. Ich kann das Geld förmlich riechen.«

Ich ziehe skeptisch eine Augenbraue nach oben, weil Alec sich an die Nase tippt wie ein kleiner geldgieriger Junge. Meine Finger fest miteinander verschränkt, lasse ich mich nach hinten in meinen weichen Ledersessel sinken und atme tief durch. Ich weiß selbst, dass der neue Deal uns einen enormen Gewinn bringen würde, aber ich bin nicht wie Alec, der sich allzu gerne an den Verlusten unserer Gegner labt. Ich mache einfach meinen Job, und der ist es, clever zu investieren, um möglichst großen Gewinn zu erzielen. Persönliche Empfindungen haben in diesem Prozess keinen Raum. Vom Scheitern anderer Menschen zu profitieren, ist ein notwendiges Übel in unserer Branche und kein Hobby, das mir Genugtuung verschafft. Das ist der Unterschied zwischen mir und meinem Partner.

Außerdem ist es gleich zehn Uhr, ich habe noch immer keinen dritten Kaffee bekommen und die zu unterzeichnenden Verträge auf meinem Schreibtisch häufen sich. Regen trommelt gegen die Scheiben meines Büros und stört zusammen mit Alec die Ruhe, die ich sonst um diese Zeit zu schätzen weiß.

»Wenn du die Kohle riechen kannst, dann riech den Scheiß doch in deinem Büro weiter und geh mir nicht auf den Sack, Mahonie.«

»Oh, da ist heute aber jemand besonders gut gelaunt. Was denn? Lag eine Erbse unter der Matratze, Prinzessin? Wir sollten mal wieder richtig feiern gehen, du wirkst angespannt, mein Freund.«

Trotz der spitzen Bemerkung kommt Alec auf die Beine und streicht sich die blonden Locken aus dem Gesicht. Dabei spannt das Hemd an seinem lächerlich perfekt trainierten Körper, weil es so dermaßen eng ist. Kein Wunder, dass die Damen im Büro die Finger nicht von ihm lassen können.

»Die einzige Erbse in meiner Nähe ist dein Gehirn und jetzt sieh zu, dass du Geld verdienst, oder ich suche mir einen anderen Angestellten.«

»Partner. Immerhin gehören mir fast dreißig Prozent von Stark-Industries«, strahlt dieser Wichser übers ganze Gesicht. Alec Mahonie ist ein typischer Anzugträger der 4th Avenue. Gut aussehend, wirft er aus dem offenen Verdeck seines Porsches das Geld auf die Straße. Dabei grundsätzlich das perfekt gebleachte Lächeln auf dem braungebrannten Gesicht.

»Wenn du so weiter …« Ich unterbreche mich, da die schwarze Tür zu meinem Büro auffliegt. Es ist nicht der Knall, mit dem sie gegen die Wand donnert, der mich zusammenzucken lässt, sondern allein die Tatsache, dass es jemand wagt, unaufgefordert in mein Büro zu treten.

»Was zur Hölle?«, stößt mein Partner neben mir aus und streicht sich lachend über das glattrasierte Kinn.

Ich folge seinem Blick und sehe zurück zur Tür, in dessen Rahmen eine junge Frau steht.

Ohne es zu wollen hebt sich meine Augenbraue so sehr, dass es beinahe wehtut. Die Glasplatte meines Schreibtisches fühlt sich durch den dünnen Stoff meines Hemdes angenehm kühl an, als ich mich nach vorne beuge, um meine Unterarme darauf abzulegen.

»Sie müssen vielmals entschuldigen …« Die Kleine ist ganz außer Atem. Sie ist wirklich klein. Buchstäblich. Ein Zwerg, und doch hat sie die Präsenz eines Riesen. Wahrscheinlich, weil sie bunter leuchtet als ein verfluchter Weihnachtsbaum. »Die blöde Fähre ist im Grunde schuld oder na ja … vielleicht auch die unfreundliche Verkäuferin am Bagel-Stand.« Sie sieht auf ihr Handgelenk, auch wenn sie gar keine Uhr trägt. Alec und ich starren die kleine Elfe nach wie vor aus großen Augen an. In Gedanken wiederhole ich die Worte meines einzigen Freundes: ›Was zur Hölle?‹. Doch sie ist noch nicht fertig. Hastig schiebt sie sich ein paar Strähnen ihrer blonden Haare hinter die Ohren. »Sie müssen mich entschuldigen. Es waren ja zum Glück nur zwei Minuten«, plappert sie weiter drauflos. »Ich weiß, man sollte zum ersten Gespräch nicht zu spät kommen. Aber seien wir doch mal ehrlich. Zwei Minuten sind so gut wie nichts. Mir ist klar, zwei Minuten genügen, um einen Menschen zu töten oder einen zu zeugen«, kichert sie. Dabei tritt sie in ihren gelben Lackschühchen von einem Bein aufs andere, als müsse sie auf die Toilette. Sie sieht aus wie eine Puppe. Eine Puppe aus irgendeinem kitschigen Puppenhaus. Gekleidet und frisiert von einer Achtjährigen. »Ach«, winkt sie ab und ihr Blick huscht zwischen mir und Alec hin und her, als könne sie sich nicht entscheiden, mit wem sie spricht. »Ich rede und rede. Verzeihen Sie. Was ich eigentlich sagen wollte«, holt sie aus und ihre schmalen Schultern heben sich. »Es tut mir unsagbar leid. Ich versichere Ihnen, es wird nicht wieder vorkommen. Ich bin sehr gewissenhaft. Ich bin fleißig und flexibel und ich weiß für jeden Fleck das passende Mittel. Sie werden begeistert von mir sein.«

Sie beendet ihren Monolog mit einem strahlenden Lächeln, das eine Reihe schneeweißer Zähne hervorblitzen lässt. Auf einem ihrer Eckzähne funkelt mir ein kleines Steinchen entgegen.

»Ähm«, räuspert sich Alec, und noch ehe ich reagieren kann oder mein Blick wieder zurück in ihre blauen hoffnungsvollen Augen wandert, platzt Gabriela in diese recht peinliche Situation.

»Was um alles in der Welt tun Sie hier?«, faucht sie unseren Gast an. Sie stemmt die Hände in die schlanken Hüften, was Alec neben mir zum Knurren animiert. Ich weiß, dass er sie vögelt. Er könnte es nicht mal vertuschen, wenn er es wollte. Allerdings ist mein nichtsnutziger Partner und armseliger Freund ein derartiges Arschloch, dass er es gar nicht erst versucht. Er suhlt sich in der Rolle des Büro-Gigolos.

»Ich äh«, stottert die kleine Blonde. Ich schiebe mich auf meinem Stuhl ein Stück vom Schreibtisch weg und stehe auf. Beide Frauen schauen sofort zu mir.

Ich deute der Fremden mit einer Hand fortzufahren.

»Die Dame vom Empfang hat gesagt, sie mögen es nicht, wenn ich unpünktlich komme. Sie sagte, ich solle direkt in dieses Büro gehen.«

»In mein Büro!«, zischt Gabriela dazwischen. Ihre dunklen Haare stecken in einem strengen Dutt auf ihrem Hinterkopf. »Ganz sicher sollten Sie in mein Büro.«

Mit aller Mühe unterdrücke ich ein Grinsen. Ich bin nicht der Typ, der viel lächelt und im Büro schon mal gar nicht.

»Vierzigster Stock und dann links«, kommt es nur noch flüsternd über die vollen Lippen des Püppchens.

»Das hier ist die zweite Tür links«, melde ich mich zum ersten Mal zu Wort. »Miss …«, schiebe ich hinterher, um ihren Namen zu erfahren.

»Winters. Miss Winters«, strahlt sie mich an und kommt ohne zu zögern ein paar Schritte auf mich zu.

Sie streckt mir ihre kleine Hand entgegen und ich nehme ihre Finger in meine. Sie sind eiskalt und … irgendwie schmierig?

Als sie den Ausdruck auf meinem Gesicht erkennt, zieht sie ihre Hand sofort zurück und wischt sie an ihrem karierten Minirock ab.

»Entschuldigen Sie. Die Mayo und argh…«, knurrt sie leise vor sich hin. »Dieser bescheuerte Bagel.«

»Winters?«, unterbricht Gabriela ihr Geplapper. »Ich bin mir sicher, Sie haben sich in der Uhrzeit geirrt. Hier sind Sie jedenfalls falsch, und die zukünftige Assistentin vom Boss kann es sich nicht erlauben, auch nur eine einzige Minute zu spät zu kommen.«

»Aber …« Mit großen Augen starrt Miss Winters zwischen mir und der Personalchefin hin und her. Sie scheint sichtlich verwirrt. »Ich … ich wollte nicht, also ich … das ist nicht«, stottert sie. Ihr Blick wandert durch mein Büro, schweift über Alec hinweg, der die Situation stumm grinsend beobachtet, und landet anschließend wieder bei mir. Sie krallt die Hände in ihren Rock und ich komme nicht umhin, auf ihre schlanken Beine zu starren, die in eigenartigen lila Strumpfhosen stecken.

»Zwei Minuten sind nicht das Ende der Welt«, höre ich mich schließlich selbst sagen und gleichzeitig keuchen Alec und Gabriela auf. Sie kennen mich besser, als mir lieb ist. Ich weiß selbst nicht, was mich gerade dazu bringt, den Samariter zu spielen. Ich habe schon mehr Menschen für zwei Minuten gefeuert, als man an zwei Händen abzählen kann.

0