Leseprobe zu Red Devils Band 3

Kapitel 1

Lesezeit: circa 20 Minuten

Ranja

Ich starrte auf die Zeiger der Uhr, während der Typ über mir sich bewegte. Seinen Namen hatte ich mir nicht gemerkt. Irgendwas mit M. Michael oder Martin. Im Grunde machte es aber keinen Unterschied, wie er hieß. Er sollte endlich fertig werden. Inzwischen lief ihm Schweiß über die Stirn und tropfte auf meine Wange hinunter. Sein Gesicht glühte rot vor Anstrengung. Er grunzte und stöhnte abwechselnd, aber er kam einfach nicht zum Abschluss, obwohl ihm die Zeit davonlief. Das hatte er davon, wenn er nur eine halbe Stunde buchte und dann nicht hart wurde. Auch jetzt war seine Erektion nicht erwähnenswert. Er steckte zwar in meinem Eingang, aber ich spürte den Stummel kaum, den er mit Enthusiasmus in mich hineinstieß. Der Kunde vor ihm war besser bestückt gewesen und hatte mich aufgedehnt, sodass kaum noch Reibung entstand, während Matthias mich fickte. Oder war es Maurice? Egal. Seine Bewegungen wurden auf jeden Fall schneller und schneller. Ihm schien meine ausgeleierte Mitte zu genügen, um Spaß zu haben. Dabei würde es Stunden dauern, bis meine Muskeln sich wieder vollständig zusammenzogen. Wie viele Männer hatte ich heute schon gehabt? Neun, zehn? Dabei dauerte es noch Stunden, bis es Zeit war, Feierabend zu machen. Ich konnte es kaum noch erwarten, bis Amber wieder arbeiten durfte. Sie hatte gerade erst abgetrieben, nachdem einem Kunden das Kondom geplatzt war und hatte daraufhin einen Monat Urlaub bekommen wegen irgendwelchen Blutungen. Sie tat mir leid, keine Frage, aber in der Zwischenzeit mussten wir ihre Freier versorgen und sie bezahlten lange nicht so gut wie meine. Wenn das so weiterging, würde ich gerade so Roderigs Anteil zusammenkratzen können, ohne dass auch nur ein Dollar für mich übrigblieb.

»Du bist so wunderschön.« Der Kunde versteifte sich über mir und entlud sein Sperma in einem Kondom, bevor er auf mir zusammenbrach. Er war schwerer, als er aussah und drückte mir die Luft ab, aber wenigstens war er endlich fertig. Wieder wagte ich einen Blick auf die Uhr. Verflucht, jetzt sollte er eigentlich mein Zimmer verlassen, damit ich duschen und mich für den nächsten fertig machen konnte. Deshalb zog ich meine Arme unter ihm hervor und drückte gegen seine Schultern, bis er verstand und sich aufsetzte. Sofort griff er nach seiner Boxershorts und seiner Hose, die neben dem Bett lagen. Dabei sah er mich nicht an. Vorher war er noch wie besessen von meinen Augen gewesen, doch nun mied er sie, als wäre ich Medusa und ein Blick würde ihn in Stein verwandeln.

Auch ich griff zu meiner Kleidung und zog mir den String über die Beine, um meine Scham zu bedecken. Der Stoff sog sich mit dem Gleitgel voll und bei jeder Bewegung spürte ich die künstliche Schmiere zwischen meinen Beinen. Es war widerlich. Ich musste mich dringend waschen, doch ich wusste, dass das dreckige Gefühl anhalten würde, egal, wie sehr ich mich schrubbte.

Der Freier drehte sich zu mir und streichelte meine Taille entlang, während er sich vom Bett erhob und nach seinem Shirt suchte. Es lag auf der Matratze, weshalb ich danach fischte und es ihm zuwarf. Reflexartig fing er es auf und zog es über, sodass er das kleine Bäuchlein verstecken konnte. Auch wenn seine Arme etwas anderes vermuten ließen, sah es nicht so aus, als würde er trainieren. Aber er war jünger als die meisten der Kunden, weshalb ich mich nicht beschweren würde.

»Geht es dir gut?«, fragte er und legte ein paar Scheine auf meinen Nachttisch. Trinkgeld. Sehr gut. Dann waren die letzten dreißig Minuten nicht nur verschwendete Zeit.

Ich unterdrückte ein Lachen. Da war sie also. Die Frage aller Fragen. Zugegeben, sie kam nicht immer auf diese Weise, aber sie kam immer. Geht es dir gut? Hat es dir auch gefallen? Machst du das hier freiwillig? Seine Sorge wäre ja süß, doch spannenderweise fragten neue Freier es immer erst hinterher. Niemand wollte es vor dem Akt wissen. Niemals. Sie bezahlten, fickten und dann – wenn das schlechte Gewissen einsetzte, dass sie gerade ihre Freundin, Frau oder sonst jemanden mit einer Nutte betrogen hatten – wollten sie sich selbst beruhigen, indem sie sichergingen, dass die Hure es gewollt hat, weil sie schwanzhungrig ist und ohne das Sperma von Männern nicht leben kann. Und sie müssen sich natürlich aufopfern, was denn sonst?

»Selbstverständlich, es war toll«, säuselte ich und verdrehte innerlich die Augen. Zeitgleich komplimentierte ich ihn zur Tür und atmete erleichtert aus, als er sich mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete und verschwand. Ein Kuss auf die Wange. Wo waren wir? Im Kindergarten? Gerade hatte er seinen Schwanz in mir und nun behandelte er mich wie eine alte Freundin, die er lange Zeit nicht gesehen hatte. Vollidiot. Ich konnte nur hoffen, dass Ambers Freier nicht alle so waren.

Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und ging zur anderen Wand, in der ebenfalls eine Tür eingelassen war. Sie führte auf meine eigene Toilette, die Roderig in jedem Zimmer eingebaut hatte, nachdem sich mehrere seiner Mädchen mit Vaginalwarzen angesteckt hatten. Eine hatte sie sich bei einem Kunden geholt und den Rest angesteckt. Nichts, was Roderig noch einmal erleben wollte. Und an Tagen wie heute war ich dankbar dafür. Ich schob meinen Slip nach unten und setzte mich auf die Klobrille, während ich auf den Kalender starrte, der an der Tür befestigt war. Ich hatte endlich ein Loch. Nur eine Stunde, aber genug, um mich zu entspannen und mir Cranberrysaft zu besorgen. Seit heute Morgen brannte es während dem Wasserlassen. Dabei lag meine letzte Blasenentzündung noch keinen Monat zurück. Ich verkrampfte mich und biss mir auf die Unterlippe, als ich meine Blase entleerte und beeilte mich dann, meinen Slip wieder hochzuziehen, zu spülen und meine Hände zu waschen, um anschließend mein Duschzeug zusammenzupacken und mich in die Waschräume zu begeben, die ich mir mit den anderen Frauen teilte. Derzeit lebten wir zu vierzehnt hier, wenn man Roderig außen vor ließ, der am anderen Ende der Stadt ein eigenes Haus besaß und nur jede zweite Nacht hier schlief. Dennoch gab es nur vier Brausen, die funktionierten. Als ich im Bad ankam, waren sie alle besetzt. Wie oft hatte ich Roderig schon darauf angesprochen? Geändert hatte sich nichts. Also stellte ich mich in die Schlange hinter Blondie, deren Haarschopf so hell war, dass er mich in dem künstlichen Licht blendete. Nirgendwo schien Sonnenlicht ins Innere des Gebäudes. Keiner würde um elf am Vormittag trinken und ficken, weshalb Roderig den Anschein wahren wollte, dass es bereits Abend wäre. Es war in meinen Augen Schwachsinn, aber ich würde mich hüten, das vor ihm zu erwähnen, sonst würde ich am Ende noch meine Zunge verlieren. Und auch wenn er nicht immer anwesend war, erfuhr er alles, was in seinen Räumen passierte. Das lag vor allem an seiner Flamme, die – obwohl sie seit Jahren ein Paar waren – täglich Kunden befriedigte und zusätzlich noch Roderig den Arsch leckte.

»Du bist zu spät!«, schrie Disney auch schon und warf mir ein Handtuch zu, das sie gerade von ihrem Kopf gezogen hatte. Es war an einigen Stellen feucht und einzelne Strähnen ihres pinken Haares waren darauf zu erkennen. Angeekelt ließ ich es fallen. Wir alle waren hier gleich. Jede von uns war auf ihre Art dreckig und beschmutzt, aber ich wollte mit nichts von Disney in Kontakt kommen. Die Angst, dass Dummheit ansteckend war, war mir zu groß. Glaubte sie wirklich, Roderig würde sie lieben? Kein Mann, dem man etwas bedeutete, ließ einen in so einem Schuppen arbeiten.

»Der Letzte hat ewig gebraucht, um sich wieder anzuziehen«, erwiderte ich und lächelte gespielt fröhlich. Dabei hätte ich ihr am liebsten die Augen ausgekratzt. Noch immer hatte ich ihr nicht verziehen, was sie getan hatte. Und was ich dadurch verloren hatte. Ich vermisste Alea. Sie hatte nicht lange bei mir gewohnt, aber es hatte gereicht, damit ich mich an sie gewöhnte. Aber Disney hatte sie verscheucht, hinausgeekelt wie einen räudigen Hund, nur weil sie für Geld nicht die Beine breitmachen wollte. Auch ein Jahr später spürte ich noch Roderigs Schläge in meiner Magengrube, die mich daran erinnern sollten, dass wir niemandem Unterschlupf gewähren durften. Auch nicht verängstigten kleinen Mädchen, die nicht wussten, wohin sie gehörten.

»Dann schmeiß ihn beim nächsten Mal raus, oder er bezahlt die angefangene Stunde«, blaffte Disney und begann ihre Haare auf Lockenwickler zu drehen, damit sie sich wellten. Sie machte ihrem Namen wirklich alle Ehre mit den Kleidchen, die sie trug und die ihr das Aussehen eines verfickten Bonbons verliehen. Dazu das übertriebene Make-up, das nicht verschleiern konnte, dass sie langsam alt wurde. Als sie begonnen hatte, ihren Körper zu verkaufen, hatte sie noch kindliche Züge gehabt und sie hatte sich jeden Tag als eine andere Märchenprinzessin verkleidet. Widerlich. Aber den pädophilen Drecksäcken hatte es gefallen. Inzwischen sollte sie sich aber dringend etwas anders überlegen. Sie war nun Mitte dreißig – knapp zehn Jahre älter als ich – und die ersten Gebrauchsspuren wurden sichtbar. Ein paar Falten in ihrem Gesicht, Altersflecken auf dem Dekolleté und ihre Titten hingen auch nicht mehr dort, wo sie einmal waren.

»Kannst du dich nicht um deinen eigenen Scheiß kümmern, Disney?« Ich verdrehte die Augen und atmete erleichtert aus, als die nächste Dusche frei wurde und Blondie sich unter die Brause stellte, womit ich als nächstes an der Reihe wäre. Sie erzitterte, was mir sagte, dass das warme Wasser aus sein musste. Na toll. Das war es mit dem Traum einer heißen Dusche. Dennoch musste ich unter die Brause, um mir den Schweiß des letzten Kerls abzuwaschen. Zwar nahm Roderig es mit den Hygienevorschriften nicht so ernst, wie er sollte, aber seine Mädchen durften auf keinen Fall stinken.

»Wie bitte? Das geht uns jawohl alle etwas an. Wenn du kostenlos überziehst, müssen wir das in Zukunft auch.« Disney drehte den letzten Lockenwickler in ihre Haare und griff danach zum Föhn, der neben dem Spiegel angebracht war. Sie hatte mir den Rücken zugedreht, sah mich aber durch den großen Spiegel vor ihr an. Ihre Augenbraue war erhoben. Konnte sie es nicht einfach lassen? Schön, wir hassten uns. Aber musste sie deshalb bei jeder Gelegenheit mit mir streiten? Ich konnte schließlich nichts dafür, dass ihre Kunden in Scharen zu mir abwanderten.

»Wahrscheinlich war es so geil, dass sie einfach nicht aufhören wollte.« Ashley kicherte und stellte ihre Brause ab. Sie war die Jüngste von uns und meistens hatte ich Mitleid mit ihr, weil sie noch nicht wusste, wie sie sich nach den ersten hundert Typen fühlen würde. Oder nach den ersten tausend. Doch heute wollte ich einfach nur, dass sie den Mund hielt. Sie hatte ja keine Ahnung. Täglich hatte ich Sex, aber mein letzter Orgasmus war schon Jahre her und selbst den hatte ich mir selbst verschafft, um mich zu entspannen. Keiner der Männer schaffte es auch nur ansatzweise, mich zum Schreien zu bringen. Stattdessen stöhnte ich gespielt. Und ich war eine verdammt schlechte Schauspielerin. Beschwert hatte sich aber bisher niemand, weshalb ich mich wirklich fragte, ob die Freier dumm genug waren, sich selbst für Granaten im Bett zu halten.

»Nicht jeder von uns kann so schwanzbesessen sein wie du, Ashley.« Blondie schnaubte und drehte ebenfalls ihre Dusche ab, während sie bereits nach einem Handtuch griff, das sie sich um den Körper wickelte. Jede von uns kannte die andere nackt, dennoch versuchte sie, sich ihre Privatsphäre zu bewahren. Ich respektierte es und sah weg. Anders als die anderen. Jede kämpfte für sich allein. Kein Hauch von Solidarität. Ich fasste es nicht. Dabei saßen wir alle im gleichen Boot.

»Das Wasser ist arschkalt«, murmelte Blondie, als sie an mir vorbeiging und mich anlächelte. Dann verschwand sie aus dem Bad, um sich in ihrem Raum umzuziehen. Auf Ashleys Erwiderung wartete sie nicht und das mochte ich an Blondie. Es interessierte sie nicht, was die anderen dachten. Sie war hier, um zu überleben, das war alles. Dennoch konnte Ashley es sich nicht verkneifen.

»Wenigstens wollen Kerle mich ficken. Für dich bleiben immer nur die übrig, die bei niemand anderem mehr einen Termin bekommen«, rief Ashley ihr hinterher und gesellte sich zu Disney vor den Spiegel, die mittlerweile ihre Haare getrocknet hatte und ihre Strähnen mit so viel Haarspray besprühte, dass ihr Gesicht von einer Wolke aus Nebel umgeben war. Disneys Lachen konnte ich trotzdem hören. Es war laut und gehässig, obwohl sie dasselbe Problem hatte wie Blondie.

»Das müsstest du ja kennen, Disney?« Eigentlich wollte ich nicht streiten. Lieber würde ich mich ausruhen, bevor ich wieder die Beine spreizen musste, aber ich konnte es mir nicht verkneifen. Blondie war die Einzige, die nett zu mir war. Sie hatte mich getröstet und meine Wunden versorgt, nachdem Alea verschwinden musste. Ich wollte nicht, dass so über sie geredet wurde. Sie war eine wunderschöne Frau mit ihren langen, blonden Haaren und den strahlend blauen Augen, die sie wie einen Engel aussehen ließen. Sie hatte es nicht verdient, hier zu sein. Keine von uns.

Die Wolke um Disney verzog sich und sie begann, die ersten Wickler aus ihren Strähnen zu ziehen, als sie den Mund öffnete und zum Gegenschlag ausholte. »Du hast hier überhaupt nichts …«, begann sie, stoppte jedoch. Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Ich hoffte, sie würde daran ersticken.

Es knarrte. Die Tür zum Bad wurde aufgezogen und Roderig kam zum Vorschein. Um seinen Hals hing schon wieder eine neue Kette und zu den anderen Ringen an seinen Fingern hatte sich nun ein roter Rubin gesellt, der die gleiche Farbe hatte wie sein Hemd, das drei Knöpfe offen stand und seine dunklen Brusthaare aussparte. Zumindest war sein hängender Bauch vom Stoff bedeckt.

»Was soll das Geschnatter? Habt ihr nicht zu arbeiten?«, schrie er und legte eine Hand auf seine Wampe. Mein Magen knurrte. Seine verfressene Erscheinung erinnerte mich daran, dass ich heute noch nichts gegessen hatte. Zeit zum Einkaufen hatte ich nicht und mein Kühlschrank war leer. Ich sparte in den letzten Monaten mehr, um irgendwann aus diesem Loch zu kommen, oder wenigstens nicht noch mehr Schulden zu machen. Die Hälfte hatte ich abbezahlt, aber die Zinsen der Hell Bones waren astronomisch und sie stiegen immer weiter. Es war nicht leistbar. Dennoch hatte Darija sich Geld von ihnen geborgt. Darija. Sofort bildete sich ein Kloß in meinem Hals. Ich sollte nicht an sie denken. Ihr hatte ich es zu verdanken, dass ich hier war. Aber ich konnte nicht wütend auf sie sein. So hatte sie sich mein Leben nicht vorgestellt. Sie hatte immer nur das Beste für mich gewollt.

Um den trübsinnigen Gedanken zu entfliehen, legte ich mein Zeug auf die Bank in der Mitte des Raumes, zog mich aus und stellte mich unter eine Brause. Selbst der Griff war kalt, dennoch drehte ich sie auf. Kühles Wasser platschte über meinen Kopf und durchnässte meinen Körper. Ich bekam eine Gänsehaut. Jedes Haar stellte sich auf, als würde mich das vor der Kälte schützen können. Aber das konnte es nicht. Ich fror. Sobald ich nass wurde, hatte ich das Gefühl, mich in einen Eiszapfen zu verwandeln. Mein Blut schien unter den niedrigen Temperaturen zu kristallisieren und mich unbeweglich zu machen. Wie erstarrt stand ich unter dem Wasser und zählte langsam bis sechzig. Eine Minute. Das musste reichen und würde keinen großen Einfluss auf meine Blasenentzündung haben. Zumindest hoffte ich das. Ich musste mich beim Schlafen gut in mehrere Stofflagen einpacken. Dann würde es schon irgendwie gehen. Vielleicht würde mir Blondie auch ihre Betäubungssalbe borgen, wenn ich sie darum bat und ihr einen Teil meines Trinkgelds abgab. Sie hatte auch gegen die Striemen an meinen Handgelenken geholfen, nachdem mich ein Freier stundenlang mit Handschellen ans Bettgestell gekettet hatte. Das Material war nicht gepolstert gewesen und die Prozedur dementsprechend sehr schmerzhaft. Doch dank der Salbe hatte es schon nach wenigen Tagen nicht mehr wehgetan.

Dreißig, einunddreißig, zweiunddreißig. Die Sekunden zogen sich. Meine Zehen liefen rot an wegen der Kälte und meine Finger ebenso. Doch irgendwann konnte ich mich dazu durchringen, mit meinen Händen über meine Brüste zu fahren, um die Fingerabdrücke des letzten Freiers abzuwaschen, bevor ich auch meinen Intimbereich wusch.

Neununddreißig, vierzig, einundvierzig. Ich schnappte mir das Shampoo von der Bank und stellte mich wieder unter die Brause, während ich meine Haare wusch. Sie waren gewachsen. Bald würde ich sie wieder schneiden müssen, damit ich sie bändigen konnte. Wenigstens hielt die Farbe diesmal länger. Das Lila strahlte immer noch und von meinem nachwachsenden Ansatz war nichts zu sehen.

»Ranja, der Nächste wartet in deinem Zimmer auf dich. Melody, Sue, Ashley? Ihr geht hinunter und bringt die Gäste dazu, mehr zu trinken. Wir bleiben ständig auf dem Alk sitzen.« Roderig trat hinter Disney und drückte ihr einen Kuss auf den Nacken, während er ihr etwas ins Ohr flüsterte. Keine Ahnung, was es war, aber es musste etwas Sexuelles gewesen sein, denn Disney rieb sofort ihren Hintern an seiner Leiste. Sie grinste von einem Ohr zum anderen und leckte sich lasziv über die Lippen.

»Wer?«, fragte ich und schloss die Augen, damit der Schaum nicht in ihnen brannte. Das Wasser spülte die Reste fort und gleich fühlte ich mich besser. Dreiundfünfzig, vierundfünfzig, fünfundfünfzig. Ich legte den Kopf zurück, bis meine Strähnen an meinem Rücken klebten und tastete blind nach der Armatur, um die Dusche abzustellen. Neunundfünfzig, sechzig. Endlich. Einzelne Tropfen liefen von meinem Körper auf den Boden. Der Raum war nicht beheizt, dennoch wurde mir augenblicklich wärmer. Ich blinzelte ein paar Mal, bis das Wasser meine Sicht nicht länger beeinträchtigte und griff nach meinem Handtuch.

»Ein Neuling. Du bist ihm weiterempfohlen worden, also verschreck ihn nicht. Der Typ hat eine Uhr, die mehr wert ist als das ganze Haus.« Roderig lachte und kniff Disney in den Arsch. Sie japste, beschwerte sich jedoch nicht und stimmte in sein Gelächter mit ein. Ich fand es aber nicht amüsant. Roderig verdiente gut an uns, trotzdem hausten wir in diesem Drecksloch, das er einfach nicht renovieren wollte. Außerdem hatte der Neue mich gerade um meine Mittagspause gebracht und die versteckte Drohung hinter Roderigs Worten war für mich auch nicht zu überhören gewesen. Ich sollte besonders nett sein, damit er wiederkam. Und wieder und wieder. Ich seufzte und begann, meinen Körper trocken zu rubbeln. Sobald ich nicht mehr feucht war, wickelte ich das Handtuch um meine Haare und sammelte mein Zeug ein. Ich sollte den Freier nicht warten lassen. In Roderigs Augen standen schon die Dollarzeichen und ich wollte mir gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn er sich bei Roderig über mich beschwerte. Ich hatte es erfolgreich geschafft, nicht mehr in sein Bett gerufen zu werden, seit Alea weg war. Er schlug mich, so wie alle, aber wenigstens musste ich keinen Sex mehr mit ihm haben und ich hatte nicht vor, das zukünftig zu ändern.

Roderig gab Disney noch einen Klaps auf den Hintern, bevor er ihren Hinterkopf gewaltsam zurückzog und ihr einen Kuss auf die Wange drückte. Erst dann ging er wieder und scheuchte Sue vor sich her, die als Einzige schon präsentabel genug aussah, um sich den Gästen zu zeigen. Wofür wir uns überhaupt auftakelten, war mir schleierhaft. Die gaffende Meute unten im Saal wollte uns doch sowieso am liebsten nackt sehen.

»Der gibt sicher viel Trinkgeld, du Glückliche«, schwärmte Ashley und zog ihre Lippen mit einem Stift nach, der viel zu grell für ihren Hauttyp war. Sie kombinierte die Farbe mit einem schrillen Blau auf ihren Augenlidern. Wenigstens passte der Ton zu ihrem Kleid, das den Ansatz ihrer Oberschenkel gerade so bedeckte und am Oberkörper mit Spitze besetzt war. Es war schön. Nuttig, aber schön. Unentschlossen sah ich auf das schwarze Negligé in meinen Händen hinunter, zog es dann jedoch über. Egal, was ich anzog, mit allem könnte ich bei einem neuen Freier falsch liegen, also verschwendete ich keine Zeit damit, mir Gedanken darüber zu machen, was er wollen könnte.

Disney gab einen ungläubigen Laut von sich, während sie auch noch einmal ihre Lippen nachzog. »Ja, die Glückliche. Kein Wunder, dass sie immer neue Kunden bekommt, wenn sie extra Leistungen anbietet.« Sie schwang die Hüften und drehte sich zu mir um, als wollte sie mich mit ihrem Arsch beeindrucken.

»Ich brauche nichts extra anzubieten, solange ich besser in allem bin als du.« Ein Lächeln zierte mein Gesicht, das Disney rot anlaufen ließ. Doch mich scherte ihre Wut nicht. Ich nahm das Handtuch von meinem Kopf und rubbelte meine Haare trocken, bis sie mir zerwühlt über die Schultern fielen. Ich mochte den feuchten Look und er ersparte es mir, Zeit unter dem Föhn zu verschwenden. Ein letzter Blick in den Spiegel zeigte mir, dass ich vorzeigbar aussah. Na gut, bis auf die Augenringe, aber die würde ich auch nicht weggeschminkt bekommen. Also verzichtete ich auf Make-up und hoffte, aus dem Bad zu kommen, bevor der Streit zwischen Disney und mir eskalierte. Natürlich hatte ich dabei kein Glück.

»Was hast du gerade gesagt?« Disney stemmte die Hände in die Hüften und kam langsam auf mich zu. Schritt für Schritt ging sie über die rutschigen Fliesen. Es hätte viel bedrohlicher gewirkt, wenn sie nicht bei jeder Bewegung konzentriert hätte hinunterschauen müssen, um nicht hinzufallen. »Vielleicht sollten wir einfach mal Roderig fragen, wer von uns die Beste ist.« Sie spitze die Lippen und legte den Kopf schief. Es sollte wohl sexy aussehen, aber dadurch hatte sie eher Ähnlichkeit mit einer Ente. Trotzdem strotzte ihr Blick vor Arroganz.

»Keine Sorge, niemand lutscht seinen Schwanz so gern wie du.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust, sodass mir meine Shampooflasche beinahe aus der Hand fiel. Kurz überlegte ich, einfach zu gehen, doch zuerst wollte ich ihr das dämliche Grinsen aus dem Gesicht wischen. War ihr überhaupt klar, dass niemand außer ihr freiwillig hier war? Jede von uns musste hier arbeiten, um ihre Schulden bei den Hell Bones zu begleichen und sie tat es aus Spaß, obwohl es bessere Bordelle gab, wenn sie ihren Körper schon anbieten wollte. »Zumindest keine, die noch ein Fünkchen Stolz in ihren Knochen hat. Aber zum Glück hat er demnächst zwei Frauen, in die er seinen Schwanz stecken kann. Ich bin sicher, Ashley wird es lieben. Und Roderig wird sie sicher vergöttern. Frischfleisch, du verstehst?«

Disneys Züge entgleisten. Sie riss die Augen auf. Binnen Sekunden verstand sie, was ich andeuten wollte. Roderig würde sie bald gegen Ashley austauschen. So hatte er es bei Alexis getan, die ihm zu alt geworden war und Disney würde die Nächste sein. Und dann hatte sie nichts mehr.

»Du mieses Flittchen!« Disney schrie, bevor sie den Arm hob und ihre Hand auf meine Wange klatschen ließ. Ich wich nicht aus. Diese Genugtuung wollte ich ihr nicht geben. Außerdem tat es nicht weh. Der Schlag brannte kurz, doch sobald sie ihre Griffel von mir nahm, war es auch schon wieder vorbei. Am schlimmsten waren die langen Krallen an ihren Fingern, die an meiner Haut kratzten und rote Spuren hinterließen.

»Hure ist das richtige Wort und das Kompliment kann ich nur zurückgeben.« Ich streckte ihr die Zunge entgegen und warf ihr dann mein Shampoo vor die Füße. Die Flasche platzte durch die Wucht auf und benetzte ihre Zehen mit der schmierigen Flüssigkeit. Disney kreischte. Der Ton schmerzte in meinen Ohren.

»Viel Spaß beim kalt Duschen«, rief ich ihr noch zu, dann drehte ich mich um und verschwand aus dem Badezimmer – eine Schimpftirade hinter mir lassend. Disney war immer zuerst im Badezimmer und duschte auch mit Abstand am längsten. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass sie mal mitbekam, wie es dem Rest von uns ging. Der Schmerz in meinem Unterleib verstärkte die Stimme in mir, die betete, Disney würde sich zumindest eine Erkältung einfangen, weil sie die niedrigen Temperaturen nicht gewohnt war. Ich war ein schlechter Mensch. Das wusste ich. Aber es war mir egal. Alles war mir egal. Kopfschüttelnd lief ich den Gang entlang zurück zu meinem Zimmer, wobei ich eine Tür davor schon stoppte. Ich sah auf meinen Unterarm hinab. Die Einstiche meines letzten Drucks waren kaum noch zu sehen. Es musste schon wieder Stunden her sein. Inzwischen hatte die Wirkung nachgelassen. Noch ging es mir gut, dennoch wollte ich das Risiko nicht eingehen, vor dem Kunden Entzugserscheinungen zu bekommen. Es gab nichts Schlimmeres, als schwitzend und krampfend unter einem Mann zu liegen, während der Raum sich drehte und das Gefühl, kotzen zu müssen, immer stärker wurde. Nein, das durfte mir nicht noch einmal passieren. Entschlossen klopfte ich an der Tür.

»Blondie?«, rief ich, als sie nicht sofort reagierte und hämmerte erneut gegen das Holz, bis der Türgriff nach unten gedrückt wurde und die Blondine dahinter zum Vorschein kam. Sie trug spitzenbesetzte Unterwäsche und hochhackige Schuhe, sodass sie einen Kopf größer war als ich.

»Ich kann mir denken, warum du hier bist.« Sie sah auf mich hinab und schien abzuwägen, ob sie mich einfach wegschicken konnte. Als ihr klar wurde, dass ich mich nicht abwimmeln lassen würde, trat sie einen Schritt zurück, damit ich in ihr Zimmer gehen konnte. Paranoid sah sie sich noch einmal auf dem Gang um. Weshalb sie das tat, war mir nicht klar. Bis auf Ashley, deren Schleimhäute in der Nase vom Schniefen bereits vollständig zerstört waren, drückten wir alle. Nur die Substanzen waren unterschiedlich und Blondie teilte meine Abhängigkeit für Red Rocks, den Tod in Pulverform.

»Hast du noch Stoff?«, fragte ich und sah mich um. Ihr Zimmer war größer als meines, aber dafür noch beschmutzter. Es stank nach Fäkalien und verrotteten Tieren. Sollte ich jemals eine Leiche loswerden müssen, wäre hier der perfekte Ort. Ich müsste sie einfach in den Wänden verstecken. Der Geruch nach verwesendem Fleisch würde nicht mal auffallen.

Blondie atmete schwer aus. »Ja, aber das ist mein letzter.« Sie zog an einer Lade, die prompt aufsprang. Unterwäsche kam zum Vorschein, in verschiedensten Farben. Blondie wühlte darin herum, bis sie triumphierend ein kleines Kästchen hervorzog und den Deckel öffnete. Silberne Alufolie lag darin. Vorsichtig nahm sie das Material heraus und faltete es auseinander. Es war gefüllt mit einem Pulver, das sich nicht entscheiden konnte, ob es braun oder grau war. Im Grunde war es auch egal. Selbst Blondie, die schon viel länger als ich drückte, wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, also würde ich mich auch nicht bemühen, eine Antwort zu finden. Stattdessen nahm ich die kleine Spritze, die ebenfalls in dem Schächtelchen lag und füllte sie mit der Flüssigkeit auf, die sich in einem Fläschchen befand und ebenfalls in der Schatulle lag.
»Du schuldest mir noch einen Druck«, erinnerte ich sie, weil sie meinen Stoff letzte Woche komplett aufgebraucht hatte, und fischte nach dem Löffel, der am Boden des Kästchens wartete. Er wies bereits Gebrauchsspuren auf. An der unteren Seite war das Metall voller schwarzem Ruß, während die Oberseite einen gelblichen Stich hatte. Inzwischen schaffte ich es selbst, das Pulver auf dem Löffel zu verteilen, die Flüssigkeit hinzuzufügen und das Gemisch mithilfe eines Feuerzeugs zu erhitzen. Als ich vor gut einem halben Jahr anfing, von Koks auf Red Rocks umzusteigen, musste Blondie mir noch bei jedem Schritt helfen.

»Kannst du keine Ausnahme machen?« Gequält sah Blondie mir zu, während ich den Schuss vorbereitete und mir mit einem Band den Oberarm abschnürte, um eine passende Vene zu finden. Zwischenzeitlich hatte das Gemisch Zeit abzukühlen. Von einer Sekunde auf die andere machte sich Vorfreude in mir breit. Ich liebte den Moment kurz bevor ich den nächsten Schuss in meine Blutbahnen jagte. Mein ganzer Körper begann vor Aufregung zu kribbeln und ich sehnte mich nach dem Gefühl, das der Stoff in mir auslösen würde. Ich war schwach, das war mir bewusst. Die Hälfte meines Geldes verbriet ich für die Drogen. Dennoch konnte ich nicht aufhören. Der Entzug war hart. Anfangs dachte ich noch, ich hätte es unter Kontrolle und wäre nicht süchtig, aber inzwischen wusste ich es besser. Sobald ich vierundzwanzig Stunden nichts zu drücken bekam, begann das Zittern und die Schweißausbrüche, die meinen Körper erschöpften. Ich hätte nie anfangen sollen und nun konnte ich es nicht beenden. Es war nur wenig tröstlich, dass es den anderen Frauen genauso ging. Aber mit der Arbeit kamen auch die Drogen. Ashley war nur ein paar Wochen hier, als sie anfing, sich Schnee durch die Nase zu ziehen.

»Ich soll selbst auf Turkey, um es dir zu ersparen? Auf Entzug kann ich nicht arbeiten.« Entschuldigend sah ich Blondie an und zog das verflüssigte Pulver in die Spritze auf, bevor ich die Nadel an meiner Armbeuge ansetzte. »Wir können zusammenlegen und heute Abend neuen Stoff von Drug kaufen«, versprach ich und stach in meine Haut. Es schmerzte für den Bruchteil einer Sekunde, bis ich durchs Fleisch kam und auf die Vene traf. Bevor ich mir das Zeug in den Körper pumpte, zog ich die Spritze auf, um sicherzugehen, dass ich richtig gestochen hatte. Sie füllte sich mit rotem Blut. Perfekt.

»Hast du schon genug Geld gemacht?« Sehnsüchtig sah Blondie auf meinen Arm. Ich wusste nicht, wie lange sie schon spritzte, aber mittlerweile brauchte sie mindestens viermal am Tag eine Dosis, um ihren Normalzustand herbeizuführen.

»Ich arbeite daran.« Mit einer fließenden Bewegung drückte ich den Kolben der Spritze nach vorn, damit die Flüssigkeit in meinen Körper gelangte. Kurz geschah nichts, doch dann spürte ich das altbekannte Brennen, wie es durch meine Venen jagte und sich in meinem Blut verteilte. Genießerisch schloss ich die Augen und stöhnte. Ich ließ mich gegen die Wand fallen. Meine Beine brachen unter mir weg, sodass ich auf den Boden rutschte. Der Rücken schürfte an der Mauer, aber ich spürte es nicht. Alles wurde von den berauschenden Empfindungen in meinem Inneren gedämpft. Ich ritt auf einer Welle aus Glück, die einfach nicht nachließ. Mein Herzschlag beschleunigte sich, bis er so schnell raste, dass ich befürchtete, er würde stehenbleiben. Doch das passierte nicht. Stattdessen biss ich mir auf die Unterlippe, um nicht erneut zu stöhnen und presste die Augenlider aufeinander. Plötzlich erschienen mir alle Farben heller und die düsteren Gedanken an Darija, die im hintersten Winkel meines Gehirns nur darauf gewartet hatten, mich zu überwältigen, verschwanden. Mein Kopf war wie leergefegt, bis er sich mit Watte füllte und ein Taubheitsgefühl zurückließ. Auf einmal erschien mir Blondies Zimmer nicht mehr so schlimm und auch die Angst vor Roderig war wie von Zauberhand verschwunden. Selbst der Geruch kroch in meine Nase, ohne dass er mich zum Würgen brachte. Es war fantastisch. Berauschend. Und ich wollte nicht, dass es aufhörte. Nie wieder. Ich krallte mich an dem Hoch fest und ließ es nicht los. Dennoch holte mich Blondies Stimme irgendwann wieder in die Realität. Ihre Worte drangen wie aus weiter Ferne an mein Ohr und schafften es nur mit Mühe durch die Barriere des Red Rocks. Der Stoff war gut. Die Qualität konnte sich sehen lassen. Das musste man Drug lassen, auch wenn er teurer war als alle anderen Lieferanten.

»Hattest du nicht einen Kunden?«

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