Leseprobe zu Darker than Night

beginnend ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20 Minuten

… Du kannst deiner Vergangenheit nicht davonlaufen. Niemals. Um dich von ihr zu befreien, hast du nur eine einzige Chance. Dreh dich um und renne ihr mit gefletschten Zähnen, so schnell du kannst, entgegen … denn … besiegst du sie nicht, holt sie dich ja doch immer wieder ein.

Vorwort

Dunkler als die Nacht sind auch die Themen, die in diesem Roman aufgegriffen werden.

Du fürchtest dich vor Gewalt? Verabscheust Drogen, Waffen und Alkohol? Dann such dir lieber ein anderes Buch, denn hier gibt es nicht nur Einblicke in die Tiefen der menschlichen Psyche, neben derber Sprache wirst du ebenfalls über Alkoholmissbrauch und häusliche Gewalt stolpern. Du wirst Kriminellen begegnen und das Gesetz anzweifeln.

Bitte lies nur weiter, wenn du zu all dem bereit bist.

Lis

Damals

»Mom?« Ich kickte meine Tasche neben den Schuhhaufen, der sich grundsätzlich in unserem Eingang stapelte. »Ich habe die Hausarbeit

zurück.« In dem Moment, in dem die Tür in meinem Rücken lautstark ins Schloss fiel, bereute ich es schon. Dad hasste es, wenn wir Türen knallten.

Die Sohlen meiner Chucks quietschten auf dem billigen Linoleumboden unserer Diele und waren das einzige Geräusch in unserem kleinen Reihenhaus. Stille war nicht gut. Sie sagte in der Regel einen Sturm voraus, dessen Stärke man erst ausmachen konnte, sobald man mittendrin stand. Und dann gab es kein Entkommen mehr. Auf Zehenspitzen schlich ich durch die Küche. Die Türme aus Tellern und dreckigem Geschirr ließen das ungute Gefühl in meiner Brust weiter anschwellen. Mein Kopf legte sich schief, als könnte ich so besser in Richtung des Wohnzimmers lauschen.

»Mom?«, versuchte ich es wieder. Diesmal flüsternd.

Tick-tack. Tick-tack. Der Sekundenzeiger von Grandma’s alter Kuckucksuhr schien viel schneller zu schlagen. Meine Handflächen wurden feucht und ich wischte sie an dem Stoff meiner Jeans ab.

»Komm her.« Die Zeit blieb stehen. Keine Uhr mehr, die ich schlagen hörte. Nur seine donnernde Stimme war zu hören und brachte die ersten Gewitterwolken über mir zum Grollen.

Es war ein guter Tag gewesen. Konnte es nicht einfach eine Weile ein guter Tag bleiben? Er sollte nicht hier sein. Es war noch nicht mal drei Uhr.

Die Tatsache, dass ich noch immer nichts von meiner Mom gehört hatte, legte sich schwer auf meinen Magen. Ich hielt inne. Starrte auf die Macke im Türrahmen, die Kim letztes Weihnachten mit ihrem neuen Fahrrad verursacht hatte.

»Ich sagte, du sollst herkommen.« Mit jeder Silbe, die mir entgegenschepperte, braute sich etwas Fürchterliches zusammen. »Hi, Dad«, brachte ich mit piepsiger Stimme hervor und

meine Füße trugen mich wie von selbst bis zu der abgewetzten Couch. Die Angst schnürte mir fast die Luft ab. Wie eine Schlange, die sich mit jeder Bewegung fester um meinen Hals legte.

Er lag, die Beine übereinandergeschlagen, auf dem Sofa. Der Fernseher lief, aber der Ton war ausgeschaltet. Ohne mich zu bewegen, schmeckte ich Rauch und Alkohol auf meiner Zunge.

»Mach den Scheiß da weg«, maulte er und einzig sein verschleierter Blick deutete auf den ovalen Esstisch, der vor der Balkontür stand. Meine Mom mochte es, beim Essen hinauszusehen.

Als ich einen Schritt vortrat, um an dem alten Fernsehsessel vorbeizusehen, entwich mir ein Schrei. Sofort unterdrückte ich ihn, indem ich mir die Hand auf den Mund presste.

»Das ganze Haus stinkt schon«, knurrte er unbeirrt weiter und schaltete den Ton der Nachrichtensendung an, ohne mich anzusehen.

»Wo … wo ist Mom?«, wimmerte ich und ging näher ran. Scherben knirschten unter meinen Schuhen. Blut. So viel Blut. Und Erbrochenes. Meine Zähne klapperten haltlos aufeinander. Im Augenwinkel sah ich, wie er aufstand. Es war nicht unbedingt seine Statur, die mich zurückweichen ließ. Auch nicht das zurückgegelte Haar oder der Bart, der in den letzten Monaten immer grauer geworden war. Es war der Ausdruck in seinen Augen. Seine braunen Iriden schimmerten grau. Kalt und leer. Ich stand mitten in einem verfluchten Tornado, doch es war zu spät. Es gab kein Zurück mehr.

»Ich sagte: Mach das weg. Und zwar jetzt!«

»Wo ist Mom?«, wiederholte ich leise und ging ein paar Schritte rückwärts, bis sich die Kante des Tisches in meine Hüfte bohrte.

»Halt die Klappe!«, donnerte er mir entgegen. Und zum ersten Mal in meinem Leben waren es nicht nur seine Worte, die mir ins Gesicht prallten. Mein Kopf flog durch die Kraft des Schlags zur Seite und ich keuchte vor Schmerz. Meine Haare versperrten mir den Blick in sein Gesicht. Ich konnte nicht reagieren. Dachte nicht mehr nach. Die Welt stand still. Meine Welt. Ab heute sollte sie nicht länger existieren.

 

»Denkst du, ich diskutiere mit einer Vierzehnjährigen?« Viel zu grob umfasste er meinen Nacken und drückte mich auf den Boden. Das Glas von Moms Vase schnitt sich in meine Handflächen und ich schluchzte auf, da meine Hände in der Blutlache immer wieder abrutschten. »Und jetzt mach hier endlich sauber oder du kannst was erleben.«

Mit einem Stoß warf er mich von sich und ich schrie auf, während ich erneut auf dem Boden aufprallte.

›Nie … Er würde euch nie anrühren‹, hauchte mir meine Erinnerung Moms Stimme ins Ohr. Ich hatte ihr geglaubt. Bis heute.

Heute

»Ich kann so einfach nicht weiterleben. Es reicht mir langsam, Lis.«

»Was soll das heißen? Was bedeutet so? Herrgott nochmal, Phil, du lebst wie ein verdammter Prinz.« Meine Hände fahren wie von selbst durch meine kurzen Haare. Daher kommt die Redewendung: ›Ich könnte mir die Haare ausreißen‹. Man hat wirklich das Gefühl, man müsste sie in Situationen wie diesen einfach büschelweise aus der Kopfhaut ziehen.

»Das machst du immer.« Phil verschränkt die Arme vor der Brust. Dabei spannt sein strahlend weißes Baumwollhemd nur minimal an seinen Schultern. Er hat mir den Rücken zugewandt und sieht aus meinem winzigen Schlafzimmerfenster. Die Aussicht ist … na ja … sagen wir mal, sie könnte besser sein. Kein Mensch blickt freiwillig auf den vergilbten Trailer von Pam und George. Da nützt es auch nichts, dass die Sonne vom Himmel scheint und schon jetzt am frühen Morgen einen wundervollen Sommertag ankündigt.

»Was mache ich immer?«, frage ich und stelle die Füße vor mein Bett. Mit den Zehen fische ich nach meinem Slip, den ich gestern Abend achtlos davor habe fallen lassen. Es ist nicht mal acht Uhr. Viel zu früh für eine solche Diskussion.

»Dass du mir meinen Wohlstand vorhältst. Als Ausflucht. Du musst immer das Opfer sein.« Seine Worte prallen an dem Kunststofffenster, aus dem er starrt, ab und treffen mich hart. Wie eine Ohrfeige klatschen sie mir ins Gesicht und ich zucke zusammen.

»Spinnst du?«, versuche ich flüsternd zu keifen. »Mann, sie ist meine Schwester, raffst du das denn nicht? Und ich bin kein verfluchtes Opfer.«

Allein das Wort jagt mir einen Schauer über den Rücken. Wir streiten nicht oft, aber wenn, ist es immer das gleiche Thema.

»Ja, und? Du … wir gehören hier nicht her. Sie ist erwachsen, Lis.«

»Phil, sie ist achtzehn. Seit drei Monaten. Da ist man nicht erwachsen.« Langsam, aber sicher geht er mir wirklich auf die Nerven. Ich mag ihn. Ja, ich habe wirklich versucht, ihn auch zu lieben. Aber Liebe ist ein verdammt großes Wort. Immerhin halten wir es seit acht Monaten miteinander aus. Er ist anständig, hat einen guten Job, der Sex ist … na ja … eben Sex. Nicht, dass ich je ein großer Fan davon war. Für mich allerdings am wichtigsten – er trinkt so gut wie nie. Wahrscheinlich habe ich mich deshalb damals bei unserer ersten Begegnung auf seine Flirtversuche eingelassen.

Aber von Mal zu Mal nimmt diese Diskussion größere Ausmaße an. Und ich bin, was Kim angeht, nicht kompromissbereit. Kein bisschen. Wir werden diesen Ort nur gemeinsam verlassen.

»Sie war erwachsen genug, sich schwängern zu lassen.«

»Okay.« Ich streiche mir ein letztes Mal über den Kopf und verlasse endgültig die angenehme Wärme meiner Laken. Egal, wie schwer es mir fällt, mich gegen seine Meinung zu behaupten. Phil überschreitet eine Grenze. »Weißt du was? Vielleicht hast du recht und es reicht«, murmele ich vor mich hin. Dabei greife ich das nächstbeste Shirt von meinem überfüllten Stuhl und ziehe es über. Großartig. Es musste natürlich ausgerechnet das graue oben liegen, auf dem dick und fett ›Life is happy‹ draufsteht. Schon beim Kauf war ich mir der Ironie bewusst. Aber ein Schnäppchen ist eben ein Schnäppchen.

»Das sage ich ja. Da sind wir ausnahmsweise einer Meinung.« Obwohl er mich nach wie vor nicht ansieht, kann ich mir seinen trotzigen Gesichtsausdruck genau vorstellen. Phil Walker ist auch mit achtundzwanzig das klassische Einzelkind. Mit der perfekten Frisur und dem glatt rasierten Kinn ist alles an ihm perfekt. Er stinkt nach Geld und Arroganz und kann es einfach nicht ertragen, wenn er seinen Willen nicht bekommt.

 

»Es ist mir egal, ob es dir reicht. Du hast mich falsch verstanden.«

Ich schlinge die Arme um meinen Körper, lasse sie aber wieder sinken, weil mir dabei viel zu schmerzhaft bewusst wird, wie dünn meine Oberarme geworden sind.

»Denn was ich meinte, war, dass es mir reicht!«, bringe ich erschöpft hervor. Es hat einfach keinen Sinn mehr. Ich habe es lange genug versucht. »Und zwar endgültig.«

Ich stemme die Hände in die Hüften. Obwohl Phil erst vor zehn Minuten schwitzend über mir lag, sieht er aus wie aus einem Katalog. Er dreht sich zu mir herum. Das blonde Haar ordentlich nach hinten gelegt. Da liegen keine Schatten unter den braunen Augen. Sein Teint glatt und makellos wie eh und je.

Ich kann selbst nicht glauben, was ich daraufhin sage: »Vielleicht sollten wir uns trennen.«

»Was?«, keucht er erschrocken. Damit hat er eindeutig nicht gerechnet. Mit großen Schritten kommt er auf mich zu. Noch ist er barfuß. Aber seine Beine stecken bereits in den schicken Anzughosen, die er im Büro seines Dads trägt. Er will einfach so gar nicht hierher passen. »Lis«, sagt er und etwas in seiner Stimme gefällt mir nicht, »jetzt kommen wir erstmal runter und dann reden wir heute Abend in aller Ruhe darüber. Bei mir.« Jetzt sind es seine feuchten Finger, die meine Oberarme umklammern. Sein Tonfall ist zwar ruhig und besonnen, aber in seinen Augen sehe ich deutlich den Ärger hervorblitzen. Phil ist es nicht gewohnt, dass ich ihm widerspreche. Niemand ist das.

»Phil«, sage ich eine Spur ruhiger und streiche mir einmal übers Gesicht. Ohne es gesehen zu haben, weiß ich, dass ich nicht halb so frisch aussehe wie er. Es war eine harte Nacht. »Wir müssen heute Abend nicht darüber reden. Ich werde Kim nicht allein lassen. Egal, was du mir neben dem begehbaren Kleiderschrank, dem Wintergarten oder dem Skylineblick sonst noch bietest. Ich werde diesen Ort nicht verlassen! Nicht ohne Kim und Luca!«

Seit Monaten will er, dass ich mit ihm in eine Wohnung in Downtown ziehe. Selbst, wenn ich mit ihm hätte zusammenziehen wollen, würde ich Kim und dem Kleinen nicht einfach den Rücken zudrehen, weil es sich in einer schicken Wohnung mit Dachterrasse besser lebt als in einem ranzigen Trailerpark. Niemals. Ich habe es versprochen und ich halte mein Wort. Immer! Ich passe seit vier Jahren auf meine Schwester auf. Seit fünf Monaten auch auf ihr Baby, das ich wie mein eigenes liebe. Wir haben das zusammen durchgestanden und das werden wir auch weiterhin.

Ich trete einen Schritt zurück und fixiere seinen Blick. »Sie sind meine Familie.«

»Und was bin ich?« Seine Schultern sind angespannt und sein Blick ist so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken läuft. »Wenn du weg wärst, hätten sie hier auch mehr Platz und sie kann mittlerweile auf sich selbst achtgeben.«

Man kann dabei zusehen, wie Zorn mehr und mehr sein feines Benehmen überlagert. Die Hände zu Fäusten geballt, die Adern an seinem Hals angespannt. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt und mein Kopf sich zwischen meine Schultern verziehen will. »Du bist nicht ihre Mutter, Lis!«

Damit gibt er uns für alle Zeit den Todesstoß.

»Stimmt. Genauso wenig, wie du mein verfickter Vormund bist«, zische ich, kann ihm aber nicht länger in die Augen sehen. Meine Hände fangen an zu schwitzen und Tränen drücken von hinten gegen meine Augenlider.

»Dann sag es mir. Verrate mir, was bin ich für dich, Lis?« Er kommt noch einen Schritt näher. Mir ist bewusst, dass er absichtlich schreit. So, dass es alle hören können. Dass Kim es hören kann. Ich weiche zurück. Spüre, wie die vertraute Angst mir langsam den Nacken hochkriecht.

»Ich sagte: Ich. Gehe. Nicht. Ohne. Sie.« Den Blick auf den Boden gerichtet versuche ich, standhaft zu bleiben. Blanke Angst schießt durch meinen Körper. So muss sich der freie Fall anfühlen. Die unsichtbare Schlinge um meinen Hals zieht sich zu. So wie jedes Mal, wenn er oder irgendwer sonst versucht, die Kontrolle über mich zu bekommen. Ich hasse es, in die Ecke getrieben zu werden. Doch ich lasse mich nicht zwingen, meine Familie im Stich zu lassen. Nicht von ihm. Nicht von irgendwem. Niemals. Eher sterbe ich.

»Also willst du ewig so weitermachen? In diesem Loch hängen? Deine Schwester und das Baby durchfüttern, weil sie zu faul zum Arbeiten ist? Und ich? Ich bin nur gut genug dafür, dir gelegentlich Geld in den Arsch zu stecken und dich zu ficken?«

Phil baut sich vor mir auf. Ich gehe einen weiteren Schritt zurück. Fixiere den fleckigen Teppich unter meinen Füßen. Meine typische Reaktion, sobald ein Mann mich anschreit. Aber ich bin keine vierzehn mehr. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Zwinge mich dazu, den Kopf zu heben und seinem Blick standzuhalten. Ich werde nicht nachgeben. Diesmal nicht.

»Du willst wissen, was du bist? Für mich?«, frage ich in einem ganz ruhigen Ton. Ja, vielleicht war Phil meine Fahrkarte hier raus. Ja, vielleicht hätte er mir das Leben schenken können, das ich mir wünsche. Aber es gibt zwei Dinge, zu denen ich niemals in meinem Leben bereit sein werde. Ich will nie wieder Angst vor einem Mann haben. Und jetzt gerade macht er mir eine Heidenangst. Erst wenn ein Mann seinen Willen nicht durchsetzen kann, zeigt er sein wahres Gesicht. Ich habe mir geschworen, es niemals wieder so weit kommen zu lassen, die Kontrolle zu verlieren.

Abgesehen davon werde ich meine Schwester nicht zurücklassen. Niemals. Sie und mein Neffe sind alles, was mir geblieben ist.

»Ich sag’s dir, Phil.« Auf Socken und in meinem ›Life is happy‹-Shirt dränge ich mich an ihm vorbei bis zu meiner Zimmertür. Sie war mal weiß, aber jetzt ist nikotingelb eher die richtige Farbbezeichnung.

Ich nehme all meinen Mut zusammen und spreche es aus: »Du bist mein Ex-Freund.«

»Das meinst du nicht ernst.«

Er öffnet die Fäuste und der Ausdruck in seinem Gesicht verändert sich. Ich bin mir nicht sicher, ob es verletzte Eitelkeit oder ehrliche Trauer ist, die mir aus seinen Augen entgegenströmt.

 

»Du wolltest eine Entscheidung«, flüstere ich. Ich mache einen Fehler. Das weiß ich. Renne geradewegs auf den Abgrund zu. Und dennoch bringe ich es zu Ende. »Seit Wochen drängst du mich dazu. Jetzt hast du sie. Leb damit und lass mich in Frieden!«

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo das gerade herkommt, aber es fühlt sich verdammt befreiend an. Ich habe es satt, mich zu verstellen, nur um in seine heile Welt zu passen. So unendlich satt. Ich will die Kontrolle über mich zurück. Will keine Angst mehr haben. Und wir werden einen Weg finden, hier rauszukommen. Dafür brauche ich weder sein Geld noch seine ständigen Nörgeleien. Im Grunde genommen war ich ihm nie gut genug. Weder meine Kleider noch mein Make-up. Ich habe ihm nie gereicht, so wie ich war.

»Wenn ich jetzt gehe, komme ich nicht wieder. Ich hoffe, das ist dir klar.«

Er kommt zielstrebig auf mich zu. Sein Gesicht ist so dicht vor meinem, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren kann. Mein Herz springt beinahe aus meiner Brust, so stark hämmert es von innen dagegen. »Überleg dir gut, ob du das gerade ernst meinst. Denn dann war’s das. Und zwar alles.«

Ich recke das Kinn, öffne die Tür und erteile uns beiden den endgültigen Stoß. »Dann sind wir ausnahmsweise mal einer Meinung«, wiederhole ich seine Worte.

Ich kann das nicht mehr. Wenn er in diesem Augenblick denkt, er könnte mich mit Drohungen dazu bringen, bei ihm zu bleiben, war er nicht eine einzige Minute unserer gemeinsamen Zeit wert. Es reicht mir wirklich.

 

Warum war mir nicht schon vor Monaten klar, dass das nicht mein Weg sein kann? Nicht sein darf. Wenigstens vor einer halben Stunde hätte ich darüber nachdenken können, als er mir keuchend, wie bei jedem seiner Orgasmen, die ewige Liebe geschworen hat. Ob einem das immer erst hinterher klar wird, dass es Abschiedssex war?

Phil reißt sich von meinem Blick los, bückt sich, um seine Schuhe und Socken zu schnappen, und zerrt sein Sakko von meiner provisorischen Garderobe. Eigentlich ist es nur eine Stange, die ich auf alten Weinkisten fixiert habe. Die Konstruktion fällt regelmäßig in sich zusammen. Genau wie in diesem Augenblick, in dem er zu fest an dem Kleiderbügel zerrt. Mit einem lauten Scheppern krachen die Kisten ineinander. Zusammen mit meiner Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Ohne mich noch einmal anzusehen, geht er mit schnellen Schritten durch den Trailer. Vorbei an der winzigen Küchennische und dem erbärmlichen Bad, das mehr an eine Abstellkammer erinnert. Die Eingangstür schon in greifbarer Nähe sieht er mich ein letztes Mal an. Sein harter Blick trifft mich mitten ins Herz.

»Dir ist hoffentlich klar, dass du nicht mehr zur Arbeit zu erscheinen brauchst«, raunt er und zerschmettert damit nicht nur mein Leben. Der Job bei seinem Dad ist es, der uns drei ernährt.

»Phil!« Ich lege all meine Verzweiflung in seinen Namen. Druck baut sich hinter meinen Augen auf. »Das kannst du nicht machen!«, wimmere ich. »Ich bin dort offiziell angestellt.«

 

Wie durch Watte höre ich Luca schreien.

»Ich kann und ich werde«, knurrt Phil. »Das hättest du dir vorher überlegen sollen. Vielleicht kannst du anschaffen gehen. Deine Nachbarn sind bestimmt gut zahlende Kunden.« Er lacht höhnisch. Zehn Minuten. So lange hat es gedauert, bis aus einem Vertrautem, einem Freund, ein Fremder wurde. Ein Feind. Ich hätte es wissen müssen. Ausgerechnet ich hätte es merken müssen.

»Du weißt, was du uns damit antust.« Meine Stimme wird von allein lauter.

»Das hast du selbst entschieden. Und es ist mir offen gestanden scheißegal, Püppchen.«

Lucas Schreie werden energischer. Phil dreht sich ohne ein weiteres Wort um und knallt die schäbige Eingangstür hinter sich zu. Ich lasse mich gegen das Türblatt sinken. Ein hysterisches Lachen verlässt meine Kehle. Und da dachte ich immer, ich gehöre nicht in einen ranzigen Trailerpark. Und jetzt sieh mich einer an. Ich, ohne Hose, werde von meinem Freund angeschrien, bis er mir mit wenigen Worten das ganze Leben kaputt macht. Dabei weint das Baby im Hintergrund. So sehr ich mich bemüht habe, nicht diesem Klischee zu entsprechen, ich passe hierher wie die Faust aufs Auge.

Ich lasse mich zurück auf mein Bett fallen und dann erlaube ich ihn mir. Meinen Moment der Schwäche. Er kommt nicht oft, aber immer mal wieder erwischt er mich wie ein Hammer und ich kann nichts dagegen tun. Die vertraute Dunkelheit legt sich um mich wie ein Umhang, den ich schon lange nicht mehr zu tragen bereit bin.

 

Die graue Bettwäsche erstickt meine Schluchzer, während ich laut und verzweifelt weine. Wie zum Teufel konnte ich es so weit kommen lassen? Alles, was ich immer wollte, war, für uns zu sorgen. Es besser zu machen. Und wo hat uns das hingeführt? Er würde sagen, ich sei da, wo ich hingehöre.

Ich habe keine Ahnung, wie wir zukünftig ohne den Job in der Kanzlei über die Runden kommen sollen. Phils Dad hat mich gut bezahlt. Zu gut für eine einfache Bürohilfe. Ich habe den lieben langen Tag Kaffee gekocht und Tackerklammern aus alten Akten entfernt. Aber es war ein seriöser Job. Ein Anfang.

Ein leises Klopfen ertönt, und ich versuche wie auf Knopfdruck, mein Geheule zu unterdrücken.

»Lissy?«

Ich setze mich auf, wische mir mit den Händen die Tränen aus dem Gesicht und lege mein bestes Pokerface auf.

»Ja«, bitte ich meine Schwester herein. Was witzlos ist, da die Tür eh nicht richtig schließt. Ich frage mich, wann wir überhaupt angefangen haben, beim anderen anzuklopfen. Kim öffnet zaghaft die Tür einen Spaltbreit und streckt den Kopf herein. Ihre dunklen Locken umranden ihr noch immer rundliches Gesicht. Kein Mensch könnte je auf den Gedanken kommen, dass wir Schwestern sind.

»Oh, Lissybär«, sagt sie seufzend. Kim sieht durch meine Maske einfach hindurch. Sie krabbelt auf mein Bett und nimmt mich in den Arm.

»Schon okay.« Das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken, ist wirklich nicht leicht. »Es ist alles gut. Mach dir keine Sorgen.«

Kim löst sich ein Stück von mir und sieht mir ins Gesicht.

»Ist es gar nicht. Denkst du, ich bin taub? Selbst Alice konnte wahrscheinlich jedes Wort mit anhören.«

Alice’ Trailer ist der ganz vorne bei den Parkplätzen. Sie hat ein Auge auf den alten Buick meiner Mom. Das Auto ist das Einzige, was wir an Besitz noch vorzuweisen haben.

»Meinst du, er kommt wirklich nicht wieder?«

Ich schaue über ihre Schulter, um mich bei einem Blick in ihre Augen nicht endgültig zu verraten.

»Es wäre sowieso nicht gut gegangen mit uns«, versuche ich mich aufzuheitern. Denn das wäre es nicht. Ich habe nie an seine Seite gepasst. Es ist ein eigenartiges Gefühl, Phil endlich die Wahrheit ins Gesicht gesagt zu haben. Mich nicht länger von ihm in eine Rolle pressen zu lassen, tut auf eine verquere Art und Weise verdammt gut. Aber mit ihm ist auch ein großer Anteil meiner Sicherheit durch die Tür gegangen und das bereitet mir eine Scheißangst.

»Es ist nur meinetwegen.« Kims Stimme bricht. Als ich ihr ins Gesicht sehe, verlässt eine dicke Träne ihren Augenwinkel. Sie und Phil haben sich nie gut verstanden. Sie hat seine abfälligen Blicke von Anfang an durchschaut. »Geh ruhig mit ihm. Kümmere dich mal um dich. Wir kommen klar. Du musst nicht hier bei uns bleiben, nur weil Mom das von dir verlangt hat.«

Und das ist er. Mein Schalter. Ich bin die Starke von uns beiden. Das war ich immer und das werde ich immer sein. Ich kümmere mich um sie.

 

»Hey, Kimi!« Ich lege meine Hand auf ihre Wange und bitte sie stumm, mich anzusehen. »Wir gehören zusammen.« Ich wische mit meinem Daumen ihre Träne fort. »Wir drei. Du, Luci und ich. Wir sind eine Familie. Für jetzt und für immer. Schon vergessen?« Mein Blick wandert wie von selbst auf unsere Handgelenke. Die liegende Acht, die in feinen Linien in unsere Haut gestochen wurde, erinnert uns immer daran, dass wir zusammengehören. Dass nichts zwischen uns passt. »Und wer damit nicht klarkommt, der hat hier nichts verloren.«

»Aber hast du ihn nicht geliebt?«

Habe ich das? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich weiß ich nicht mal, wie sich Liebe innerhalb einer Beziehung anfühlen sollte. Ich liebe meine Schwester. Ich liebe meinen Neffen. Das ist, was ich sicher weiß.

»Es sollte einfach nicht sein.«

»Und der Job?«, jammert sie. »Was wollen wir jetzt machen? Wenn Brad davon Wind bekommt. Wie sollen wir ihn bezahlen?«

»Scheiß auf den Job«, gehe ich dazwischen. »Es gibt tausend andere Möglichkeiten, um an Geld zu kommen.«

»Das sagst du doch nur so.« Sie hat recht. Ich sage das nur, um sie und mich zu beruhigen. Denn es stimmt, was Kim sagt. Brad darf auf keinen Fall spitzkriegen, dass wir nicht mehr zahlen können. Denn ansonsten kommen ganz andere Zeiten auf uns zu. Seit wir vor über zwei Jahren in den Trailer gezogen sind, konnten wir ihm regelmäßig unsere Miete zahlen. Im Gegensatz zu Alice oder Maggie aus dem Trailer am Ende unseres Ganges. Die beiden waren schon ein paar Mal so weit, dass sich Brad seine Miete auf seine Weise bezahlen ließ. Er und sein noch widerlicherer Bruder kennen keine Skrupel. Sie sind die Letzten, mit denen ich Ärger haben will.

Immer mehr Tränen kullern über ihre sonnengebräunte Haut. Und ehe ich mich versehe, ziehe ich sie in eine Umarmung und tröste meine kleine Schwester, obwohl ich gerade meinen Freund und meine Arbeit verloren habe. Aber ich werde mir was einfallen lassen.

Ein quietschender Schrei übertönt Kims Schluchzen und wir lassen synchron die Schultern absacken.

»Er macht mich einfach wahnsinnig«, wimmert sie in meine Halsbeuge.

»Ich weiß. Mich auch.« Seufzend löse ich sie von mir und streiche ihr zärtlich über die Wangen. »Wir schaffen das, okay?«

»Hm«, brummt sie. Sie knibbelt an ihren Fingernägeln herum, die dringend eine Maniküre gebrauchen könnten.

»Hey!« Ich lege meine Hände auf ihre und sie sieht mich durch ihre feuchten Wimpern an. »Wir schaffen das«, wiederhole ich mit Nachdruck und drücke ihre Finger. Lucas Schreie werden hysterischer und ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen.

»Er ist so eine Dramaqueen«, sage ich und steige währenddessen schon aus meinem Bett.

»Du musst nicht, Lis«, sagt Kim und wischt mit ihren Zeigefingern unter den Augen her. »Ich geh schon.«

»Nein«, sage ich und hebe eine Hand, damit sie sitzen bleibt. »Lass mich das machen.«

Ich durchquere unseren minimalistischen Wohnbereich. Eine Wand hat irgendjemand lange vor uns rot gestrichen. Wir haben sie über und über mit Polaroids beklebt, um die abgeblätterte Farbe zu vertuschen. Eine Macke von Kim. An jede freie Fläche klebt sie irgendwelche Schnappschüsse. Anfangs fand ich es furchtbar, mittlerweile bleibe ich oft davor stehen. Wir schaffen neue Erinnerungen. Gute und schlechte und keine davon wird uns zerstören.

Heute allerdings husche ich in Windeseile über den ranzigen PVC-Boden und erreiche in wenigen Sekunden Kims Zimmer. Es ist etwas größer, damit sie es sich mit dem Kleinen teilen kann. Wir haben die Wände hellblau gestrichen, auch wenn Brad uns verboten hat, etwas zu verändern. Aber nie im Leben hätte ich zugelassen, dass Luca in einer nikotinverseuchten Bude schlafen muss. Er sollte es besser haben.

»Hey, mein Kleiner«, sage ich und beuge mich über das helle Holzbettchen, das gerade so in die Nische zwischen Kims Bett und dem Fenster passt.

Beim Blick in das Gesicht des Kleinen ist alles andere auf dieser Welt nebensächlich. In seinem niedlichen Bärenschlafanzug liegt er da und strampelt wild mit den Beinchen. Das Gesicht dunkelrot – so hat er sich mittlerweile in Rage geschrien. Alles auf der Welt, was für ihn eine Rolle spielt, sind diese blöden Zähne, die einfach nicht aus seinem Kiefer brechen wollen. Wir haben alles versucht. Alles. Aber zurzeit lässt er uns kaum Luft zum Atmen. Ich greife ihm unter die Ärmchen und nehme ihn hoch, um ihn dicht an mich zu drücken. Meine Lippen liegen auf seinem kahlen Köpfchen, und seinen Geruch einzuatmen, beruhigt mich mehr denn je. Für ihn lohnt es sich zu kämpfen.

»Alles ist gut, mein Schatz«, säusele ich auf seine zarte Haut. Seine Schluchzer werden ruhiger und ich streichle ihm beruhigend über den winzigen Rücken. »Alles ist gut«, wiederhole ich flüsternd, glaube mir aber selbst dabei kein einziges Wort.

 

LIS

Damals 

»Komm, ich helfe dir, Blümchen.« Ohne dass ich es verhindern konnte, hatte meine Mom mir das Make-up aus der Hand genommen, welches ich aus

ihrem Schrank geklaut hatte und tupfte mit dem Schwamm mein Jochbein ab. Einzig das Zischen, als ich die Luft zwischen den Zähnen einsaugte, war zu hören. Ihre Augen wanderten von meiner Wange über mein ganzes Gesicht bis auf den Boden. Ihre Gedanken waren so laut, dass ich mir am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Doch auch dann verstummten die Schreie in meinem Kopf nicht.

»Schon gut«, versuchte ich sie zu trösten, obgleich ich es war, die Trost gebraucht hätte. »Es tut kaum weh.«

Die Wangen bleich und stellenweise grünlich verfärbt schaffte sie es nicht, mir in die Augen zu sehen. Die feinen Schnitte in ihren Händen waren meinen viel zu ähnlich. Akribisch betupfte sie das kleine Schwämmchen immer wieder von Neuem mit Make-Up, obwohl von meiner blauen Wange schon nichts mehr zu sehen war. Ihr Kiefer bibberte genau, wie ihre Finger zitterten. Ich nahm ihr das kleine Döschen aus der Hand und legte es zurück in ihren Kosmetikkoffer.

»Komm«, sie schob meine langen Haare über meine Schulter, »ich flechte dir die Haare.«

Erst im Spiegel begegneten sich zum ersten Mal unsere Blicke und sie hielt inne. Meinen angefangenen Flechtzopf in den Händen, die Wunde an ihrer Augenbraue noch klaffend. Selbst mit allergrößter Mühe wollte mir ein Lächeln einfach nicht gelingen. Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen und geweint. Stumm und einsam hatte ich in mein Kissen geschluchzt, während ich mit anhören musste, wie Dad sie angeschrien hatte. Dafür, dass ich nicht ordentlich genug saubergemacht hatte, nachdem er meine Mom beinahe zu Brei geschlagen hatte. Sie war den ganzen Tag nicht mehr richtig zu Bewusstsein gekommen. Und dabei hatte ich doch nichts getan. Ich war einfach da gewesen. Meine Anwesenheit allein hatte genügt, um ihn derart wütend zu machen. Ich wusste, dass es Blödsinn war, sich deswegen Vorwürfe zu machen. Dennoch fühlte ich mich schuldig. Sie war so schwach in meinen Augen. Warum wehrte sie sich nicht? Für mich? Für Kim?

»Das wird nicht nochmal passieren, Blümchen. Mach dir keine Sorgen.« Ich glaubte ihr nicht. Kein Wort. Warum sollte er aufhören? Ausgerechnet jetzt, wo er gerade erst damit angefangen hatte.

Heute

»Nein, ich habe keine Erfahrungen in Floristik, aber ich lerne schn…« Aufgelegt. Seufzend lasse ich Kims Handy sinken. Es ist eins der altmodischen Sorte. Man kann weder Netflixserien streamen noch Freundinnen per Videoanruf in Nizza kontaktieren. Aber das ist okay, denn ich habe weder einen Netflixaccount noch Freundinnen. Von einem Nizzaurlaub mal ganz zu schweigen. Wenn man mit Anfang zwanzig damit beschäftigt ist, ein Baby großzuziehen und eine Familie satt und beschützt zu wissen, bleibt nicht viel Zeit geschweige denn Geld für Freizeitaktivitäten.

Ich streiche die elfte Stellenanzeige durch und fahre mit dem Finger weiter. Putzhilfe in Downtown ist die nächste. Dann mal los. Ich tippe die Nummer in Kims Telefon und warte darauf, dass jemand abhebt.

Seit drei Tagen versuche ich nun, einen neuen Job zu bekommen und langsam bin ich nicht mehr aufgeregt, wer sich am anderen Ende meldet oder was für eine Art Job auf mich wartet. Ich bin total genervt. Denn es ist egal. Egal, was für eine Arbeit auf mich wartet. Ich mache es. Denn wir brauchen dringend das Geld. Eine Woche noch und die Monatsmiete steht an. Bislang hat Phil mir hier und da was vorgestreckt, wenn die Gehaltsabrechnung sich mit der Miete überschnitten hat. Darauf brauche ich diesen Monat nicht zu hoffen. Und Brad wird zum Kassieren kommen. Ob ich will oder nicht.

»Stelle nix mehr«, knurrt eine männliche Stimme mir ins Ohr und beendet das Gespräch, ehe ich auch nur meinen Namen nennen konnte. Super.

»Und Schätzchen, kein Erfolg?« Pam schlendert mit einem Korb voller Wäsche um ihren Trailer. Mit den wasserstoffblonden Haaren und den falschen Brüsten könnte sie keinen passenderen Namen haben. Sie hat ihren Hintern wie immer in einen viel zu kurzen Rock gesteckt und wackelt mit den falschen Wimpern, während sie über den provisorischen Gartenzaun späht.

Pam und George sind gute Nachbarn. Sie schreien sich nur selten an, haben, soweit ich mitbekomme, keine Drogenprobleme und sind immer nett zu uns. Ich glaube, sie sieht in uns sowas wie die Töchter, die sie nie hatte.

»Nur drei Anzeigen sind übriggeblieben. In der ersten wird ausdrücklich ein Mann gesucht. Dann gibt’s noch die Variante, als riesiger Straßenhotdog zu jobben, der mies dafür bezahlt wird, Flyer zu verteilen, und die dritte scheint nicht wirklich seriös.« Ich rümpfe die Nase, während ich die Annonce zum wiederholten Mal überfliege. »Mädchen für gewisse Stunden. Außerordentlich gut bezahlt.«

Ich hebe eine Augenbraue und sehe zu Pam, die gerade Georges überdimensionale Boxershorts auf die Leine hängt. Eigentlich ist es nur ein Seil, das sie zwischen dem Trailer und einem Baum gespannt haben. Die Parzellen hier sind winzig, aber wir haben das Glück, auf der Waldseite zu stehen. So haben wir am Nachmittag Schatten und kriegen den Lärm der Interstate nicht aus erster Reihe mit. Detroit war nie meine erste Wahl. Nichts von dem, was ich in meinem Leben tue, war die erste Wahl.

»Und wann seid ihr fällig?«, fragt sie und fischt ein paar Socken aus dem Korb. Der Blick, den sie mir dabei zuwirft, sagt alles. Sie sorgt sich. Genau wie ich. Eine Achtzehnjährige und ein Baby sollten nicht zwischen Brad und die überfällige Miete geraten. Bislang hatten wir keine Probleme, aber nur, weil ich immer bezahlen konnte.

»Nächste Woche«, stöhne ich und lasse den Kopf in die Hände fallen. Die Sonne scheint mir auf den Nacken und hinterlässt eine wohlige Wärme. Ich liebe den Sommer. Der macht für Menschen wie uns vieles leichter. Einfache Dinge wie Wäsche trocknen zum Beispiel. Im Winter sind wir in den wenigen Quadratmetern eingesperrt.

»Also …, Alice sagte, sie suchen jemanden in einem Club, in den sie öfter geht, aber ich glaube nicht, dass das was für dich ist, Schätzchen.« Ich hebe meinen Kopf, nur um Pams Möpse dicht vor meinem Gesicht wiederzufinden. »Du gehörst nicht in irgendeinen schäbigen Schuppen. Die Hosenanzüge standen dir immer so gut«, seufzt sie vor sich hin und tätschelt mir die Wange. »Vielleicht ziehst du dir was Hübsches an und versuchst es nochmal mit dem Anwaltsjungen.«

Ohne ihr richtig zuzuhören, schüttele ich den Kopf und meine Gedanken verselbstständigen sich bereits.

Ein Club bedeutet Nachtarbeit. So könnte Kim problemlos ab dem Sommer wieder zur Highschool gehen und ihr versäumtes Jahr nachholen und ich wäre für Luca da. Und wenn wir uns irgendwann einen Babysitter leisten könnten, hätte ich vielleicht die Chance, ein paar Abendkurse zu belegen und mich irgendwann an einem College einzuschreiben. Automatisch fällt mein Blick zum offenen Fenster, hinter dem mein Neffe tief und fest schläft.

 

»Nun geh schon und frag sie, ich warte hier so lange.«

Ehe ich widersprechen kann, lässt Pam sich auf den Holzstamm fallen, der für Kim und mich als Bank dient, und zerrt ein Päckchen Zigaretten aus ihrem Ausschnitt.

»Du bist die Beste«, flöte ich und gebe ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Der Geruch von billigem Parfüm und Make-up steigt mir in die Nase. Dann hüpfe ich über das spärliche Zäunchen. Meine Flipflops versinken bei jedem Schritt in dem weichen Kies, mit dem die Wege ausgelegt sind. Hier, wo die Sonne erbarmungslos auf die Trailer scheint, steht die Hitze zwischen den Wagen und kaum jemand ist in den Vorgärten zu sehen. Hin und wieder schreit ein Kind oder es bellt ein Hund. Aber im vorderen Teil des Parks kennen wir so gut wie niemanden näher. Alice nur, da wir sie an dem Tag, an dem wir hergezogen sind, gebeten haben, ein Auge auf unseren alten Buick zu werfen.

Im Gegensatz zu uns wohnt sie in einem fahrtüchtigen Caravan. Weiter hinten bestehen die Parzellen aus feststehenden Mobilheimen.

»Alice?« Ich unterstreiche mein Rufen mit einem zaghaften Klopfen an die weiße Tür. Ihr Wagen ist modern und relativ neu. Vor der Tür stehen ein schicker Campingsessel und ein kleines Tischchen, unter dem mehrere leere Sektflaschen liegen.

Ich bin schon versucht, wieder umzudrehen, da knarrt die Tür und die hübsche Blondine taucht im Eingang auf. Sie ist nicht viel älter als ich und von Natur aus schön. Doch die Jahre hier im Park haben ihre Spuren hinterlassen. Dunkle Schatten liegen unter ihren Augen. Ich weiß nicht viel über die Menschen hier und ihre Beweggründe, in einem Trailerpark zu wohnen. Darüber redet keiner. Und ich bin dankbar dafür. Denn genau wie wir ist wahrscheinlich niemand sonderlich stolz darauf, in einer Gegend wie dieser zu leben. Allerdings bin ich nicht so blöd zu glauben, dass eine Frau wie Alice sich ihr Geld mit Kellnern verdient.

»Lis, Schatz. Ist was mit dem Auto?« Sie lehnt sich leicht aus ihrem Caravan, um einen Blick auf den Parkplatz zu erhaschen.

»Nein, mit dem Auto ist alles okay.« Denke ich zumindest. Denn ich habe ihn schon mehrere Tage nicht gefahren. Wir sparen, wo wir können. Das gilt auch für Benzin. »Pam sagt, du weißt was von einem Job in irgendeinem Club.«

»Du meinst im Velvet«, korrigiert sie mich und lehnt sich mit verschränkten Armen gegen ihren Eingang. Dabei quetscht sie ihre Brüste fast bis unters Kinn. Im Augenwinkel sehe ich, dass sie untenrum nicht wirklich viel trägt, aber ich konzentriere mich darauf, ihr ins Gesicht zu sehen. »Die suchen ein Mädchen für alles. Theke. Service. All sowas eben.« Sie streicht sich ein paar verirrte Strähnen zurück in ihren hohen Dutt. Dabei wird die Haut an ihrem Bauch sichtbar und ich habe uneingeschränkten Blick auf ihren durchsichtigen Slip. »Was ist aus deinem Anwalt geworden?« Alice ist nicht halb so diskret darin, mich von oben bis unten zu scannen. Als sie an meinen abgeschnittenen Jeans-Hotpants angekommen ist, zieht sie eine Augenbraue nach oben. Ja, ich bin zu alt für SpongeBob-Aufnäher. Klamotten sind teuer. Luca wächst alle paar Wochen aus seinen Sachen raus und Kim passt seit der Schwangerschaft nicht mehr in ihre Teenie-Klamotten. Ich schon.

»Na ja«, stammele ich. Nicht, weil ich nicht zugeben will, dass ich Phil abserviert habe. Aber es ist sicherlich unklug, lauthals zu verkünden, dass kein Mann mehr da ist, der von Zeit zu Zeit nach uns sieht. Nicht an einem Ort wie diesem. Unwillkürlich fällt mein Blick zu Brads Garage, die am Eingang des Parks steht. Wie immer sitzt er davor auf seinem klapprigen Stuhl. In seinem schmierigen Unterhemd und der Arbeitshose sieht er uns mit diesem Blick an, der mir zeigt, dass ich wirklich dringend einen Job brauche. In Zeitlupe fährt er sich mit der Zunge über seine Lippen und ich schaue schnell weg, ehe er mir seine verfaulten Zähne zeigen kann. Die Welt wäre so viel besser dran ohne Männer wie ihn. Ich werde nicht zulassen, dass er einen Fuß in unseren Trailer setzt. Niemals!

»Wo finde ich diesen Club?«, frage ich Alice, statt ihr eine Antwort zu geben, und schüttle die widerlichen Gedanken an Brad ab.

»Das Velvet liegt außerhalb auf der Eight Mile.« Alice mustert mich erneut. »Aber sei mir nicht böse, Kleine. Ich bin nicht sicher, ob das ein Ort für dich ist.«

Ich ignoriere ihre Zweifel, denn den Luxus, mir zu überlegen, welcher Job etwas für mich sein könnte, habe ich leider nicht. »Und du bist sicher, dass sie jemanden suchen?«, frage ich, vielleicht eine Spur zu zickig. Denn ich bin nicht ihre Kleine.

»Frag nach Shakira. Sag ihr, ich hab dich geschickt.« »Danke«, murmele ich und nehme die zwei Stufen in Alice’ Vorgarten. Ich bin noch nicht wieder zurück auf dem Kiesweg, da höre ich schon ihre Tür scheppern. So läuft es nun mal in einer Gegend wie dieser. Ich sollte eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, dass ich so distanziert war und Alice sollte sich von mir verabschieden und mir Glück wünschen. Aber hier kämpft unterm Strich jeder für sich allein. Anfangs hatte ich die Hoffnung, hier Freunde oder Verbündete zu finden, diese wurde jedoch schnell im Keim erstickt. Hier hält niemand seine Hand für uns ins Feuer.

Es ist kurz vor Mitternacht. Die Handbremse des alten Buick stöhnt beim Anziehen auf und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Nicht, weil ich gleich um einen Job betteln werde, sondern weil der Parkplatz des Velvet tatsächlich ein Ort ist, an dem eine Frau nicht allein sein möchte. Oder sollte. Mittlerweile kann ich Alice’ Zweifel ganz gut nachvollziehen. Ich rutsche etwas tiefer in den Sitz und beobachte die Gegend. Dabei komme ich mir beinahe vor wie ein Undercover-Cop.

Die spärliche Beleuchtung gibt nicht viel her, aber ich erkenne eine Gruppe Männer am Rande des Parkplatzes. Sie tragen Kopftücher mit Kappen darüber und ich bin mir sicher, dass die Dinge, die sie sich unauffällig mit ihren riesigen dunklen Händen zuschieben, keine Geburtstagspräsente sind. Sie stehen weit genug entfernt. Wenn ich schnell bin, könnte ich es schaffen, unbemerkt zum Eingang zu gelangen.

Was mir mehr Sorgen bereitet, sind zwei Jungs, die sich ein paar Wagen neben meinem eigenen rumdrücken und Blicke in jedes geparkte Auto werfen.

Nach einigen Minuten steigen rechts von mir ein paar Frauen aus einem alten Chevrolet und erwecken deren Aufsehen. So, wie sie gekleidet sind, war genau das ihr Ziel. Sie alle tragen viel zu kurze Röcke, High Heels und schlängeln sich durch die Autos wie Raubkatzen. Das ist meine Chance. Ich schlüpfe aus dem Wagen, schließe die Fahrertür so leise wie möglich und flitze auf Zehenspitzen zum Eingang. Noch immer ist es warm. Eine laue Brise kühlt meine erhitzte Haut ab und ich kann den erleichterten Seufzer nicht unterdrücken, als die Eingangstür des Velvet greifbar vor meiner Nase ist.

»Zwanzig Dollar«, brummt der riesige Türsteher und wirft mir von oben herab einen kalten Blick zu. Von oben herab allein deshalb, weil er mindestens zwei Meter groß ist. Er hat die massigen Arme vor der Brust verschränkt und sein Gesicht ist so schwarz, dass nur das Weiß seiner Augen deutlich erkennbar ist.

»Äh …«, stottere ich. »Ich wollte zu Shakira. Ich habe gehört, hier sei ein Job frei und …«

»Zwanzig Dollar«, wiederholt er monoton durch seinen dichten Vollbart. Na toll. Den Kopf in den Nacken gelegt halte ich ihm einen zwanzig Dollarschein unter die Nase, den ich aus der Tasche meiner Jeans ziehe. Meinen letzten wohlbemerkt.

»Zwanzig Dollar«, imitiere ich seine knurrige Stimme. Der Riese in dem schwarzen Velvet-Poloshirt lächelt und entblößt dabei eine Reihe schneeweißer Zähne inklusive goldenem Eckzahn. Mit einer freundlichen Geste hält er mir die Schwingtür auf und weist mir den Weg zu der Kasse, die direkt hinter der Tür auf mich wartet. Hier drinnen spürt man bereits den Bass unter den Füßen und ein erster Schwall stickiger Luft schwebt mir entgegen. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Club war. In einem wie diesem sicher noch nie. Höchstens in einer schicken Bar in Downtown mit Phil und seinen Freunden. Nicht oft, denn ich habe Kim ungern abends allein im Trailer gelassen. Aber jetzt geht es nicht anders. Heute müssen wir beide da durch.

»Weißt du, wo ich Shakira finde?«, frage ich die Frau an der Kasse, die gierig nach meinem letzten zwanzig Dollarschein greift. Sie unterbricht ihr aufwendiges Kaugummikauen und zieht eine Augenbraue nach oben. Ihr Gesicht erinnert mich an diese Hunderasse, die erst in ihre Falten reinwachsen müssen.

»Frag an der Theke« ist alles, was sie sagt, bevor mich eine Horde Männer weiterdrängt, die ebenfalls ihr Geld loswerden wollen. Freundlichkeit wird also in der Firmendevise nicht besonders großgeschrieben. Ich winde mich durch den Gang, der mit roten Kordeln auf silbernen Ständern eingerahmt ist, um den Ellbogen der Kerle zu entfliehen. Es geht um mehrere Ecken und mit jedem Schritt wird der Beat der Musik lauter und die Umgebung dunkler, bevor mir die letzte Biegung endlich freien Blick auf den Club gibt. Den rappelvollen Club. Meine Hände sind feucht und ich muss unwillkürlich schlucken. Die Technomusik bebt in meinem Magen und vermischt sich mit der Anspannung. Zu Angst. Mir gefällt das nicht. So viele Menschen. So viele Männer. Alkohol in rauen Mengen. Das ist nie gut.

Hier ist es so laut, dass nichts drumherum eine Rolle zu spielen scheint. Eine eigene Welt. Draußen könnte die Welt von Aliens übernommen werden, oder ein Meteoritenschauer könnte ganz Detroit verschlucken. Hier drinnen spielt ein eigener Film. Menschen tanzen mit geschlossenen Augen, ihre Haut glänzt im Schein der vielen Lichter. Über der Tanzfläche hängen zwei Käfige, in denen sich Frauen im Bikini räkeln. Ich sollte Abscheu empfinden, doch die Leidenschaft, mit der sie sich bewegen, macht mich höchstens neidisch. Sie brennen für die Musik, für ihren Tanz. Schämen sich nicht, angegafft zu werden. Der Käfig sperrt sie nicht ein – er sperrt die anderen aus. Etwas, um das ich sie ehrlich beneide.

»Na, willst du auch mal da rein?« Die Alkoholfahne, die mir von hinten entgegenweht, reicht aus, um mich erstarren zu lassen. Ich drehe mich leicht um, sehe den schmierigen Kerl, dessen Mund viel zu dicht an meinem Ohr ruht.

»Sorry«, murmele ich, auch wenn mich eh keiner hören kann und schiebe mich schnell weg von ihm durch die Menschenmassen. Am anderen Ende der Tanzfläche erkenne ich die Theke, über der alte Industrielampen hängen und eine Flasche Hochprozentiges neben der anderen auf ihren Einsatz lauert. Die kurze Stille bevor ein neuer Song einsetzt, lässt mich spüren, wie hoch die Geräuschkulisse der vielen Menschen wirklich ist. Automatisch krallen sich meine feuchten Hände in den Taschen meiner Jeans tiefer in meine Oberschenkel. Ein Hip-Hop-Beat ertönt, die Menschen beginnen zu grölen und die Tanzfläche bebt regelrecht. Die Menschen drängen ihre Körper dichter aneinander und mein Weg bis hin zum hohen Tresen ist etwas freier.

»Hi«, schreie ich einen hübschen Barkeeper an. Er trägt ebenfalls ein schwarzes Polo mit dem Logo des Velvet auf dem Rücken. Eine rosa Lotusblüte. Sein blondes Haar fällt ihm in die Stirn, während er sich ein bisschen dichter zu mir lehnt. »Ich suche Shakira.« Obwohl meine Stimmlage im Hals schon wehtut, bin ich nicht sicher, ob er mich verstanden hat. Im gleichen Moment schreit der Kerl neben mir nach Bier und ich befürchte schon, ich habe seine Aufmerksamkeit verloren, als Bill, so steht es zumindest auf seinem Namensschild, mit seinem schmalen Zeigefinger auf einen Gang am Ende der Tanzfläche zeigt. Mein Kehlkopf schon auf einen Dankesschrei vorbereitet hat Bill sich schon wieder abgewendet und nimmt eine neue Bestellung auf, während seine Hände dem Typen neben mir sein Bier reichen. Wow. Multitasking der gehobenen Klasse.

»Ich suche Shakira«, brülle ich auf Zehenspitzen einen Security Mann an, nachdem ich mich bis zum Eingang in einen menschenleeren Flur durchgeschlagen habe. Sein Gesicht wird regelmäßig im Takt der Musik beleuchtet, aber sein Blick bleibt starr geradeaus gerichtet. Mit ebenfalls verschränkten Armen bewacht er den Gang, auf den der Barkeeper gezeigt hat.

»Kennen wir uns?« Ich zucke zusammen und die schwarzhaarige Frau mit unfassbar strahlend blauen Augen schmunzelt nur. Wie aus dem Nichts ist sie neben mir aufgetaucht und sieht mich an. Ganz sicher steht mein Mund offen, so schön ist sie. Ihr offenes Haar fällt weit über ihre Schultern und das Licht der Diskokugel spiegelt sich darin, so glänzend ist es. Mit jeder Sekunde, die ich sie anstarre, verwandelt sich mein eh schon niedriges Selbstwertgefühl in eine welkende Blume. Meine abgetragenen Ballerinas brennen sich in meine Haut und ich habe das Gefühl, ich verglühe unter dem Milchfleck, den Luca auf meiner Jeans hinterlassen hat. Ich habe ganze vierzig Minuten an meiner Frisur und meinem Make-up gefeilt, aber neben ihr komme ich mir vor wie gerade aus dem Bett gestiegen. »Kann ich irgendwas für dich tun, Mäuschen?«

»Äh, ja«, stammele ich und die Musik scheint plötzlich noch viel lauter zu sein. »Sind Sie Shakira?«, brülle ich unnötigerweise, denn ihr Name steht in wunderschön geschwungener Schrift auf dem Kärtchen, das an den Träger ihres kurzen schwarzen Kleides geklammert ist.

»Sieht ganz so aus«, ruft sie und folgt meinem Blick auf ihren Ausschnitt. Nicht nur, dass ihr Gesicht engelsgleich ist, sie hat mit Abstand die beste Figur, die ich je gesehen habe. Das Leben ist echt ungerecht.

»Alice schickt mich. Sie sagt, hier gäbe es eine freie Stelle.«

»Komm mal mit«, schreit sie, und drückt dem Security im Vorbeigehen die Schulter. Ich folge ihr über den schwarzen Teppich, der meine Schritte dämpft und beobachte jede ihrer Bewegungen. Sie ist groß. Und mich zu überragen heißt schon was. Ich zählte nie zu den Kleinen. Mit einem filmreifen Lächeln im Gesicht zieht sie einen kleinen silbernen Schlüssel aus ihrem Dekolleté.

 

»Wenn Sam auflegt, versteht man sein eigenes Wort nicht mehr«, ruft sie über ihre Schulter hinweg und ihre Hand tastet blind in das Zimmer, das plötzlich in hellem Licht erscheint. Ein Licht, das jedes Gesicht unvorteilhaft wirken lässt, nur ihres nicht.

»Also«, sie schließt die Tür hinter uns und geht zu einem riesigen weißen Hochglanzschreibtisch. Mit der Hüfte lehnt sie sich gegen die Platte und sieht mich an. »Du sagst, Alice schickt dich?«

»Ja genau. Wir woh…«, ich unterbreche mich selbst, und trete ein Stück weiter in das steril, schwarz-weiß gehaltene Büro. »Ich kenn sie von früher und sie meinte, Sie suchen ein Mädchen für alles.«

Diese Shakira lacht laut und ich komme mir noch bescheuerter vor.

»Wie sich das anhört … Mädchen für alles.«

»Na ja«, druckse ich. Ich werde ihr nicht sagen, dass es nicht viel gibt, zu dem ich nicht bereit bin, nur um kommende Woche meine Miete zahlen zu können. Für einen Trailer wohlbemerkt. »Genaueres wusste sie auch nicht.« Streng genommen nicht mal eine Lüge.

»Also, wir suchen in der Tat jemanden.« Sie verschränkt synchron ihre perfekten Arme vor der Brust und schlägt die schlanken Beine übereinander, die in glänzenden High Heels stecken. »Ziemlich dringend sogar. Janet, eine Thekenkraft hat gekündigt und seit gestern ist auch eine unserer Service–Damen ausgefallen.« Sogar ihr Seufzer klingt sexy.

Ich nicke zaghaft. Ich wage es einfach nicht nachzufragen, was Service–Damen so für einen Service anbieten.

 

»Hast du schon mal in einem Club gearbeitet?« In geschmeidigen Bewegungen schleicht sie um ihren Schreibtisch und durchwühlt ein paar Aktenstapel. Als ich nicht sofort antworte, hebt sie ihr hübsches Gesicht und zieht eine Augenbraue gekonnt nach oben. »Aber reden kannst du schon, oder?«

»Was?«, frage ich ertappt. »Ja, Sorry.« Die Menschenmenge, die Lautstärke. All das hier ist ganz schön viel auf einmal. Komm schon, Lis. Werd wach. Du brauchst den Job. »Ich habe eine Zeit lang in einem Café gekellnert. Zählt das?«, frage ich und schaffe es endlich, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen und meinen Mund zu einem Lächeln zu formen.

»Nicht wirklich«, lacht Shakira und wirft ihre Mähne über eine Schulter.

»Aber ich lerne schnell«, unterbreche ich ihr Kichern. »Und ich bin wirklich flexibel.«

»Alles gut.« Ihre Stimme hat etwas Beruhigendes, obwohl sie so rau wie ein Reibeisen klingt. »Von mir aus kannst du es für zwei Wochen probieren. Und dann sehen wir weiter.« Ihr Gesicht hellt sich auf und sie zieht ein Blatt Papier aus dem Stapel. »Hier habe ich einen Vertragsvordruck. Schau ihn dir in Ruhe an, ob du mit allem einverstanden bist. Könntest du morgen schon anfangen?«

Mit dem Vertrag in der Hand kommt sie auf mich zu und sogar ihr Parfüm, das in meine Nase steigt, ist zauberhaft. Die Männer müssen ihr zu Füßen liegen. Die Welt muss ihr zu Füßen liegen.

»Ja klar«, freue ich mich und schenke ihr zum ersten Mal ein aufrichtiges Lächeln, »Ich kann morgen.«

 

»Tja, dann«, sagt sie und der Ausdruck in ihrem Gesicht spiegelt meine Freude nicht gerade wider, »gibt es nur noch eine Hürde zu deinem neuen Job.«

»Hürde?«, wiederhole ich wie ein dummes Kind.

»Der Boss«, sagt sie und ihre perfekt geschwungenen Schultern fallen ein Stück ab. Scheiße. Wenn sie nicht der Boss ist, wer ist es dann?

Der Bass schlägt im Hintergrund synchron mit dem Herzschlag in meinem Körper. Mit zittrigen Beinen folge ich Shakira weiter den Flur entlang. Immer tiefer in die Höhle des Velvet.

»Also, du redest nicht. Es sei denn, jemand bittet dich darum. Okay?« Ich kann nur schlucken und schaffe es gerade so zu nicken. Mit amüsierter Miene schiebt sie den Schlüssel ihres Büros in ihren Ausschnitt und stolziert davon. Ich habe Mühe, bei ihrem Tempo Schritt zu halten. Als wäre sie barfuß, gleitet sie in den monströsen Absätzen durch den Flur, immer weiter in das Innere des Gebäudes, bis wir eine verschlossene Tür erreichen. Sie ist schwarz. Davor steht ein weiterer bulliger Security–Mann. Er sieht dem vom Rand der Tanzfläche zum Verwechseln ähnlich. Mein Blick gleitet noch einmal zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Ein mulmiges Gefühl schleicht sich durch meine Venen. Das hier erinnert stark an den Eingang zur Hölle.

»Hi Serge«, singt Shakira, beugt sich vor und muss auf die Zehenspitzen steigen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu hauchen. »Ist er da?«

Der Glatzkopf schaut kurz zu mir, ehe er mit dem Kopf zur Tür nickt.

 

»Für dich schon«, murmelt er mit osteuropäischem Akzent und öffnet die Tür.

Ich mag einen gewissen Grad an Nervenkitzel, aber irgendwas an dieser Situation sagt mir, dass ich über diese Schwelle geradewegs in eine Katastrophe schreite. Wie ein hungriges Tier, das genau weiß, dass die Falle zuschnappen wird, sobald es einen Schritt zu weit geht. Und dennoch setze ich einen Fuß vor den anderen und folge Shakira in ein Büro, das mit nichts vergleichbar ist, was ich bislang gesehen habe. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss, und instinktiv weiß ich, dass ich längst gefangen bin.

CARLOS

 

Damals 

»Auberginen.« Ich hasste Auberginen. Es gab kaum ein Lebensmittel, das ich mehr verabscheute. Maria stellte jedem mit einem Lächeln den Teller vor die

Nase, aber ich war offensichtlich der Einzige, der nicht verzückt »Oh« oder »Ah« sagte. Mir gegenüber saß eine Frau in einem roten Kleid. Sie hatte gesehen, wie ich eine Grimasse gezogen hatte.

»Ich mochte auch nicht so besonders gerne Auberginen, als ich in deinem Alter war«, flüsterte sie. Ihr Lächeln war hübsch. Fast so schön wie Mamás.

Diese saß rechts von mir und ich spürte, wie sie meinen Oberschenkel unter dem feinen Tischtuch suchte und leicht drückte.

Mein Vater räusperte sich zu meiner Linken und Mamá und ich zuckten synchron zusammen. Ich durfte ihn nicht Papá nennen. Er war der Meinung, es schadet unserem Ruf, wenn man hörte, dass ich ein Latino war. Aber ich war gerne ein Latino. Mamá hatte mir das Spanischsprechen beigebracht. Ich fand, es klang wie Musik.

»Iss deinen Teller leer. Ich dulde nicht, dass du mich vor meinen Gästen blamierst«, flüsterte er.

Er warf mir einen strengen Blick zu. Alles in meinem Hals sträubte sich dagegen, dieses Ding in den Mund zu nehmen. Aber ich hatte keine Wahl. Die hatte ich nie. Also schob ich mir einen Bissen zwischen die Zähne und versuchte, ruhig durch die Nase zu atmen.

»Sehr gut«, hauchte Mamá in meine Richtung, während sie die Serviette vor den Mund hielt. »Du machst das toll.«

Sally lachte. Meine Schwester konnte von Glück reden, dass sie Auberginen mochte.

Ein Blick unseres Vaters und sie war augenblicklich still. Wir sahen uns an und sie äffte meine Grimasse nach, die ich so ganz sicher nicht zog. Ich holte aus und versuchte unter dem Tisch an Mamá vorbei, gegen ihr Schienbein zu treten.

»Ey«, schrie sie, verstummte aber, sobald sie die Wut in den Augen unseres Vaters sah.

»Alex wollte mich treten«, versuchte sie sich zu rechtfertigen.

Es wurde still am Tisch. Mindestens fünf Augenpaare waren auf mich gerichtet. In regelmäßigen Abständen hatten wir Gäste zum Essen. Politiker, Polizisten, Anwälte. Ich hatte keine Ahnung, was das für Leute waren, aber sie alle trugen schicke Kleidung. Bis tief in die Nacht blieben sie und redeten über Dinge, die ich nicht verstand. An Abenden wie diesen war Mamá besonders still und Papá noch lauter als sonst.

»Maria«, rief mein Vater nach unserer Küchenhilfe und mir war klar, dass meine Bestrafung folgte. »Alexander hätte gerne eine extra Portion Auberginen.« Er sang beinahe, so freundlich klang seine Stimme.

Mit einem breiten Grinsen strich er mir über den Kopf und legte seine Hand in meinen Nacken. Keiner sah unter meinen wilden Haaren, wie fest er zupackte. »Die mag er nämlich so gerne, richtig, mein Sohn?« Wie er das mein Sohn betonte, ließ mich erschaudern.

Maria presste die Lippen zusammen. Sie wusste, wie sehr ich mich davor gefürchtet hatte, dass ich mich übergeben müsse, wenn sie heute Abend Auberginen auftischte. Aber er hatte sich dennoch nicht davon abbringen lassen. Ich war mir sicher, er hatte es extra getan. Er quälte mich gern.

Sie lud mir den Teller beim zweiten Mal randvoll. Sie konnte nichts dafür. Trotzdem fand ich es gemein.

»Richtig?«, hakte mein Vater nach. Sein Gesicht konnte nicht freundlicher aussehen. »Erzähl unseren Gästen, wie sehr du Auberginen magst.« Sein Blick ließ keine Widerrede zu. Ich hatte keine Chance gegen ihn.

Niemals hatte er mich geschlagen. Aber das musste er auch nicht. Seine Strafen taten mehr weh als alle Prügel dieser Welt.

»Ja«, stieß ich hervor und straffte die Schultern, »ich liebe Auberginen.«

Meine Hand umklammerte die Gabel so fest es ging, während ich sie volllud, und meine Beine krallten sich um die Stuhlbeine. Die Frau im roten Kleid schenkte mir ein anerkennendes Nicken. Ganz recht. Ich würde mich zusammenreißen. So, wie ich es immer tat.

Heute

»Okay, Simon. Das reicht für heute.«
Ich kippe den letzten Schluck meines Wassers hinunter

und stütze mein Kinn auf die Hände.
»Wir müssen über diese Frau reden. Sie …«
»Ich sagte, es reicht«, knurre ich. Wir kennen uns lange

genug, damit ihm klar sein müsste, dass ich solche Floskeln nicht wahllos in den Raum werfe. Seit drei Stunden diskutieren wir jetzt über alle Belange rund um meine Geschäfte.

»Okay. Du bist der Boss.«

Ich muss ihn nicht ansehen. Ich kann auch so spüren, wie viel Zurückhaltung es ihn kostet, mich nicht zu drängen. Und auch wenn Simon Parker mich schon kennt, seit ich ein kleiner Scheißer war, hat er den nötigen Respekt, den ich von meinem Personal erwarte.

Ich kann es trotzdem nicht gut sein lassen und beobachte ihn. Ganz gleich, wie viele behaupten, ich besäße kein Gewissen. Das stimmt keinesfalls. Um meine Position zu erlangen, bedarf es lediglich eines gewissen Maßes an Skrupellosigkeit. Deshalb bin ich noch lange kein Monster.

Mit zusammengebissenem Kiefer sortiert der hagere Mann alle Unterlagen zurück in seine Ledertasche. Mein Anwalt hatte schon vor vielen Jahren graue Haare. Damals hat er für meinen Vater gearbeitet. Allerdings kann man ihm, seit er für mich tätig ist, förmlich beim Altern zusehen. Ich kann es ihm nicht verdenken. Meine Art von Gesetz und Gerechtigkeit befindet sich in einer Grauzone. Bin ich kriminell? Ich würde sagen, nein, nur die amerikanischen Gesetze sind nicht meine eigenen. Für einen sonst so reglementierten Anwalt kein leichter Job. Doch im Gegensatz zu meinem Vater habe ich ihm die Wahl gelassen. Simon kann gehen, wann immer er es möchte. Die Sklaverei ist nicht mein Metier.

»Was ist mit der Frau?«, brumme ich und fahre mir übers Gesicht. Der ganze Tag ist beschissen und es macht mich müde, für alle den Samariter zu spielen. Hier ein Drogenjunkie, der sich nicht unter Kontrolle hat. Da ein Mädchen, das in der Klemme steckt. Ich kann nicht die ganze beschissene Welt retten. Und ich will es auch überhaupt nicht. Mein Ziel ist ein ganz anderes.

Simons Gesicht hellt sich auf.

»Yvonne Meyers. Sie arbeitete etwa zwei Jahre für deinen Vater. Sie reinigte zweimal wöchentlich sein Büro.«

»Schön für sie.« Meine Stimme kommt nur gedämpft, da ich das Gesicht nach wie vor hinter den Händen halte.

»Sie hat versucht, eine Anzeige gegen ihn vorzubringen.«

Schlagartig lasse ich meine Hände sinken.

»Sprich«, fordere ich Parker auf und kann nicht fassen, dass er diesen Raum verlassen hätte, ohne mir davon zu berichten.

»Sie war auf einem Revier in der Nähe ihres Wohnhauses.«

Wir schauen uns in die Augen. Ich weiß instinktiv, was jetzt kommt.

»In Bricktown«, erfüllt er meine Befürchtungen und hat damit all meine Aufmerksamkeit. Bricktown ist nicht nur eines der korruptesten Reviere überhaupt, sondern auch der Sitz des Polizeichefs. Dem guten Onkel Steve. Der Bruder meines Vaters ist der einzige Mensch auf der Welt, den ich noch mehr verachte als meinen Erzeuger selbst.

»Was weißt du darüber?«

»Nicht besonders viel. Meine Quelle sagt, sie hat einen anderen Job bekommen«, das Wort bekommen setzt er mit den Fingern in Anführungsstriche.

»Mierda«, schnaube ich. »Diese Wichser.«

»Die Anzeige wurde selbstredend zurückgezogen. Ich kenne ihren Namen, die Adresse, Telefonnummer, sogar ihre Sozialversicherungsnummer. Ich denke, so nah dran waren wir bislang nie.«

Er hat recht. So lange ich denken kann, warte ich auf die Gelegenheit, meinen Vater ans Messer zu liefern, ohne selbst darin zu landen. Außer mir gibt es nicht viele Leute, die genug Leute und Spielchen kennen, um sich immer wieder aus der Affäre zu ziehen. Daniel Edwards steht diesbezüglich sogar über mir. Aber eine Anzeige. Dazu von einer Mitarbeiterin. Das wäre gegebenenfalls endlich mal etwas Brauchbares. Seit Jahren versuche ich auf legalem Weg, etwas gegen ihn in die Hände zu bekommen. Simons Aussagen wären nicht rechtens, weil er damit seine Schweigepflicht verletzen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass er den Anwalt von der Bildfläche verschwinden lassen würde, noch ehe er etwas zu Protokoll gegeben hat. Die Anschuldigungen allein würden sowieso nicht reichen, um ihn hinter Gitter zu bringen. Es muss einen anderen Weg geben.

Meine Gedanken werden von einem Klopfen unterbrochen.

 

»Was?«, brülle ich, sodass Parker zusammenzuckt. Er ist wirklich der beste Anwalt, den ich kenne. Aber der Kerl hat einfach keine Eier.

»Ich muss dich kurz sprechen.« Shakira hat lediglich ihr perfekt geschminktes Gesicht zur Tür reingeschoben. Ihre wunderschönen Lippen verziehen sich zu einem Lächeln. »Hi, Simon«, flüstert sie.

Ich nicke auf die Sitzgruppe in der Ecke meines Büros und vergrabe mein Gesicht wieder in meinen Händen. Nichts kann seit dem Nachmittag meine Laune heben. Weder die zwei Stunden Training, die ich eiskalt durchgezogen habe, noch der Blowjob von dem Mäuschen, dass schon seit Wochen mit ihrem Arsch vor mir her wackelt, sobald ich mein Büro verlasse. Ich hasse es, wenn Frauen sich derart devot geben und vor mir auf den Knien rutschen, nur damit sie meinen Schwanz in den Mund nehmen dürfen.

Scheiße, was stimmt mit diesen Mädchen nicht? Geben sie ihre Würde zusammen mit den Jacken an der Garderobe ab? Ein dämlicher Idiot wie ich findet sich immer, der seinen Stolz beiseiteschiebt, um eine von ihnen für einen Quickie zu nehmen. Damit bin ich nicht besser. Und dafür hasse ich mich. Jeden verfluchten Tag.

»Fuck«, schreie ich und lasse meine Fäuste auf den Schreibtisch knallen. Ich hebe den Blick. Shakira ist nicht allein. Sie hat ein Mädchen dabei. »Was zur Hölle soll das?«, fahre ich sie an und rolle mit meinem Stuhl ein Stück vom Schreibtisch weg. Die Lampe, die meine Unterlagen bescheint, ist die einzige Lichtquelle im hinteren Teil des Raumes. Denn das ist es, was ich bin. Der Mann aus der Dunkelheit. Ein Schatten.

»Es dauert nur eine Minute.« Meine rechte Hand hat Nerven. Kein anderer meiner Mitarbeiter würde sich je trauen, so mit mir zu reden. Shakira spielt mit dem Feuer und sie sollte verdammt nochmal aufpassen, dass sie sich nicht die Finger verbrennt.

»Finde diese Frau«, wende ich mich an Simon. Meine Stimme überschlägt sich beinahe. »Bring sie zum Reden. Biete ihr, was immer sie will. Kauf ihr ein Haus. Schenk ihr ein Boot. Verdammt! Von mir aus heirate sie. Egal …«, schreie ich unbeirrt weiter. Unfassbar, dass er seit Stunden vor meiner Nase mit seinem teuren Füller fuchtelt, aber das Wichtigste verschweigt. »Hauptsache, sie macht den Mund auf und hilft uns, diesen abartigen Bastard zu stürzen.«

Mein Herz hämmert in meiner Brust und trommelt auf alten Erinnerungen rum. Ich kriege dieses Schwein. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt tue.

Simon, der während meiner Ansprache immer weiter in den Sitz gerutscht ist, sieht sich immer wieder zu den Frauen um und räuspert sich.

»Ich bin schon verheiratet«, flüstert er und überrascht mich damit. Der kleine Mann in den viel zu großen Anzügen arbeitet seit acht Jahren für mich und mir war nicht klar, dass er eine Frau hat. Ich bin echt genau das Arschloch, für das mich alle halten.

»Schön für dich«, knurre ich und deute mit einem Nicken Richtung Tür. Sein Zeichen abzuhauen.

Auf meinem Schreibtisch stapeln sich haufenweise Gehaltsabrechnungen, Immobilienpläne und jede Menge der Arbeit, die Simon besser nicht so genau sehen sollte.

»Danke, Boss«, sagt er leise, aber ich sehe nicht nochmal auf. Die Tür fällt ins Schloss. Erst dann lasse ich alle Luft aus meiner Lunge. Bis mir plötzlich einfällt, dass ich nicht allein bin.

Ich streiche mir die Haare über den Kopf und stöhne gequält.

»Ich weiß, du hast viel zu tun«, schnurrt Shakira wie eine Katze und kommt ohne meine Erlaubnis näher. Sie schleicht um meinen schwarzen Hochglanzschreibtisch herum. Die Frau hat wirklich Nerven.

Als ich aufblicke, um sie zu rügen, fällt mein Blick auf das Mädchen, das sie im Schlepptau hat. Ich habe sie nie zuvor gesehen und meine rechte Hand weiß, was ich davon halte, wenn sie Gäste mit in meinen Bereich bringt. Erst recht nicht, während ich mit Simon spreche.

»Das ist …«, sie zögert und wirft ihr Haar über die Schulter, während sie zu der Kleinen blickt. »Ich hab dich nicht mal nach deinem Namen gefragt. Wie heißt du, Mäuschen?«

Ich sehe sie ebenfalls an. Sie ist schlank. Zu schlank, aber die Beine, die in den engen Skinny Jeans stecken, sind jeden Blick wert.

»Lis.« Sie räuspert sich, da ihre Stimme schon bei diesen drei Buchstaben versagt. Sie sieht mich an, als sei ich der Teufel. Und dabei hat sie Dank der Dunkelheit um mich herum keine Möglichkeit, mir ins Gesicht zu sehen.

Lis also. Ich lehne mich zurück und sehe ihr ins Gesicht. Ihre braunen Augen sehen aus wie die eines Rehs, das von Scheinwerfen geblendet wird, unmittelbar, bevor es überfahren wird. Ich kann es ihr nicht verdenken. Sie hat hier nichts verloren. Wie ein unsicheres Kind steht sie in dem Licht der Sitzecke, während ich im Dunkeln lauere.

Ich kenne Mädchen wie sie. Ihre Klamotten sind billig, die raspelkurze Frisur nichts Besonderes. Ihre braunen Haare stehen in alle Himmelsrichtungen ab. Sie passt nicht hierher.

Die Frauen, die für mich arbeiten, sind alle wie aus dem Ei gepellt. Eine schöner als die andere und dennoch hässlich in meinen Augen.

»Lis will für Janet und Vanessa einspringen.«

Shakira schiebt sich mit der Hälfte ihres saftigen Arsches auf meinen Schreibtisch und wendet sich wieder zu mir. Ich nehme meine Augen nicht von der Kleinen. Irgendwas an ihr stimmt mich milde. Sie erinnert dich an Esmeralda.

»So …, will sie das?«, frage ich mit schmunzelndem Unterton. Was will ein Mädchen wie sie in einem Club wie diesem? Sie gehört dem Alter nach auf ein College. Oder von mir aus soll sie Zeitungen austragen. Aber hier? Ins Velvet? Niemals!

»Komm schon. Gib ihr eine Chance«, jammert Shakira. Ihr sollte klar sein, dass ihr die Anmachnummer bei mir nichts bringt. Ich bin immun gegen so eine Scheiße. Sicher lasse ich mich gerne ficken, wenn eines meiner Mädchen was von mir will. Aber Geschäft ist Geschäft. Und ich stelle keine Kinder ein. Ja, mir ist klar, dass sie Personal sucht, aber das kann nicht ernsthaft ihre Lösung sein.

Ich wette, Shakira klimpert mit ihren langen Wimpern, sehe jedoch nicht hin, um mich zu überzeugen. Es ist mir egal. Ihre schlanken Finger erzeugen auf meiner Wange ein kratzendes Geräusch. Ich sollte mich dringend mal wieder rasieren.

Noch immer betrachte ich unseren Neuankömmling. Ihr Blick flattert nervös durch den Raum. Angst trieft förmlich aus ihren Poren. Wahrscheinlich ist sie nicht mal einundzwanzig. Ich sollte sie vor die Tür setzen oder ihren Daddy anrufen und ihm was über seine Sorgfaltspflicht erzählen.

Ich stehe auf. Verlasse den Schutz der Dunkelheit und trete ins Licht. Die Isolierung meines Büros macht das Schnappen nach Luft der beiden Frauen hörbar. Ich kann spüren, wie Shakira sich verspannt. Und dafür hat sie auch allen Grund. Nicht viele Menschen bekommen mich wirklich so nah zu Gesicht. Und wenn, dann bedeutet das für sie meist nichts Gutes.

Die Kleine versucht mich nicht anzusehen, während ich dicht vor sie trete. Ich nehme ihr Kinn zwischen Zeigefinger und Daumen und zwinge sie, meinem Blick zu begegnen. Die kugelrunden braunen Augen bohren sich in meinen Verstand. Ein Gefühl, das ich nicht kenne und auch nicht kennen will.

Ich will dieses Mädchen nicht in meiner Nähe haben. Soll sie zurück in ihren Kindergarten verschwinden. Ich habe genug eigene Sorgen. Mit einem Schnauben lasse ich sie los und gehe zurück zum Schreibtisch.

»Besorg ihr vernünftige Schuhe«, blaffe ich und überrasche höchstwahrscheinlich uns alle drei. Denn eigentlich hatte ich vor, sie zum Teufel zu jagen.

 

Sie trägt grässliche flache Treter. Meine Mädchen tragen Heels. Alle. Nicht, weil ich ein Fußfetischist bin. Ich stehe auf einiges, aber Füße gehören nicht unbedingt dazu. Eine Frau in hohen Schuhen wirkt selbstbewusster. Präsenter. Sie können den Gästen damit in den Arsch treten, sollten sie sich nicht benehmen.

Ich muss vollkommen den Verstand verloren haben. »Und drei Monate Probezeit«, schiebe ich nach, ohne eine der Frauen einen Blick zu würdigen. Normalerweise handhaben wir das nicht so, aber irgendwas sagt mir, ich bräuchte eine Hintertür, um die Kleine wieder loszuwerden.

Genau wie Simon weiß Shakira, wann unser Gespräch beendet ist. Dennoch steht sie neben meinem Schreibtisch und sieht mich fassungslos an. Sie kennt meine Geheimnisse. Und bewahrt sie. Daher ist ihr klar, wie untypisch ich mich gerade verhalte.

»Geh«, drohe ich, bevor sie es wagt, den Mund aufzumachen.

»Danke«, murmelt meine neueste Angestellte, ehe die Tür die Geräusche der vielen Gäste wieder ausschließt und mich mit meinen Gedanken allein lässt.

Das Velvet zu eröffnen war seinerzeit eigentlich nur ein Schachzug gegen meinen Vater. Ich brauchte einen Unterschlupf in seiner Nähe. Außerdem wollte er das Gelände kaufen und darauf irgendwas bauen, das die Leute glauben lässt, er sei sozial. Aber ich war ihm einen Schritt voraus. So wie meistens. Das ist eines meiner liebsten Hobbys. Aus der Dunkelheit heraus beobachte ich, was er vorhat und grätsche im richtigen Moment dazwischen. Grundsätzlich mit Scheinfirmen oder ich schicke einen aus der Security in meinem Auftrag. Denn keiner weiß, wer ich wirklich bin. Und das soll auch so bleiben. Alexander Edwards, der Sohn des Bürgermeisters, ist vor vielen Jahren gestorben. Und Carlos Alvarez? Er ist nur eine Legende. Ein Mann, der für Gewalt und Grausamkeit bekannt ist.

Einen Club zu führen, schien zuerst ein sicherer Weg, um Steuern zu sparen und Geschäfte zu führen, die nicht jeder mitbekommen muss. Der Standort war ideal. Genau auf der Grenze zwischen den weißen und den schwarzen Vierteln. Mit allen Mitteln, die ich zur Verfügung hatte, habe ich mir Respekt verschafft. Die Straßen gehören mir und das wissen die Menschen. Sie halten sich an meine Regeln, und ich sorge im Gegenzug dafür, dass Ordnung herrscht und sie sich nicht auf offener Straße abknallen wie die Tiere.

Mittlerweile ist der Club nicht nur meine Haupteinnahmequelle. Er ist auch meine Kommandozentrale. Ich bin eigentlich immer hier. Mittlerweile wohne ich sogar hier. Scheiße, dieser Laden ist mein Zuhause geworden.

 

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