Leseprobe zu Wild Creek Heart

Kapitel 16

Lesezeit: circa 20 Minuten

Am Boden

 

Holly

 

»There’s not a bull that can’t be rode and a cowboy that can’t be thrown.«

– J.W. Hart

 

 

Elli und ich sind auf dem Weg zu unseren Plätzen in einem abgesperrten Bereich hinter den Bullenboxen. In der Arena läuft bereits das Unterhaltungsprogramm, eine Gruppe Showgirls reitet in Formation. Die Flaggen von Amerika, Texas und dem Veranstalter des Spektakels wehen über ihren glitzernden Cowboyhüten und Brooks Jefferson singt sein ›Rodeo‹ aus den Boxen über uns.

»Danke, dass ihr mitgekommen seid. Ich glaube, allein hätt ich das nicht durchgezogen.« Ich bin ja schon froh, dass das Turnier nicht im alten Stadion stattfindet. Trotzdem ist mir immer ganz seltsam zumute, wenn ich die engen Stahlpferche sehe, den von den Hufen der Pferde und Stiere aufgewühlten Sand, die ganze Atmosphäre in der Halle. Elli drückt meinen Arm.

»Gern geschehen, Liebes. Ich finde es ganz stark von dir, dass du Josh so unterstützt. Er hat mir mindestens fünfmal erzählt, dass er gar nicht verlieren kann, wenn du dabei bist.«

Ich zucke zweifelnd mit den Schultern. Stark ist jetzt nicht gerade der Ausdruck, den ich heute für mich gewählt hätte.

Wir sind angekommen. Näher kann man der Show später nicht sein, und manche Menschen zahlen Unmengen an Geld, um einmal hierher zu dürfen, nur eine Armlänge entfernt von den Bullen und den Cowboys. Ich dagegen wünsche mich ganz weit weg. Nach Panama oder so. Da entdecke ich die Frau von vorhin. Wie hieß sie noch mal? Es war irgendwas Schottisches … McQuaid? McQueen? Sie steht neben ihrem Mann, der sich angeregt mit einem der Veranstalter unterhält. Ihrem gelangweilten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, würde sie Panama jetzt auch vorziehen. Wie sieht es da eigentlich aus? Ich habe keine Ahnung. Aber selbst der tiefste Regenwald erscheint mir gerade attraktiver als dieses Stadion.

»Die ist ganz nett, habe mich vorhin mit ihr unterhalten.« Elli ist meinem Blick gefolgt. Mag sein, hübsch ist sie auf jeden Fall. Ihre endlos erscheinenden Beine stecken in einer Röhrenjeans mit Designeremblem, passend zum mit Türkisen besetzten Designergürtel. Was diese bestickten Cowboystiefel gekostet haben, möchte ich gar nicht erst wissen. Der Ausschnitt ihrer weißen Bluse ist tief dekolletiert und ein großes, tropfenförmiges Amulett hängt wie ein Wegweiser um ihren schlanken Hals. Man muss einfach auf ihre Brüste schauen, es führt kein Weg daran vorbei.

»Cowgirl-Uma.«

Irritiert schaue ich meine Freundin an. »Was?«

»Na, sie sieht aus wie eine Cowgirlversion von Uma Thurman. Pulp Fiction? Schaust du Filme?« Elli lacht. Natürlich schaue ich Filme. Mich hat nur der Vergleich ein wenig von der Rolle gebracht und vor meinem geistigen Auge sehe ich diese Frau in ihrem Outfit mit John Travolta Boogie tanzen. Nein, nicht Travolta. Es ist Josh, der sich mit ihr im Takt der Musik bewegt, und ich schüttle den Kopf, um diese seltsame Vision so schnell wie möglich loszuwerden. Bin ich eifersüchtig? Er hat sie doch kaum angesehen. Sie ihn dafür aber umso ausgiebiger, und das hat mir überhaupt nicht gepasst. Auch ist mir nicht entgangen, wie er mich von ihr fortgezerrt hat.

»Ah, sie kommt rüber.«

Wie bitte? Kann dieser Tag denn noch schrecklicher werden?

»Hallo. Darf ich mich dazugesellen?«

Nein, darfst du nicht. Mein Gott, selbst ihre Stimme ist sexy. Die kommt mir nicht mit nach Panama. Elli jedoch scheint da anders zu denken und unterhält sich freundlich mit ihr. Ich lehne mich an die Balustrade und nippe an meinem Bier. Pferde. Pferde sind entspannend. Nur leider sind die Showgirls bereits fertig mit ihrer Vorstellung und galoppieren mit fliegenden Hufen an uns vorbei hinter die Tribünen. Ich seufze. Wäre ich doch nur zu Hause geblieben.

»Sind Sie auch Anwältin?«, fragt Elli gerade, und ich, mittendrin im Zickenmodus, denke mir, dass diese Frau mit Sicherheit keinen Job hat. Und wenn, dann entwirft sie bestimmt sündhaft teure Handtaschen oder den Schmuck, den sie so gekonnt zur Schau stellt.

»Nein«, antwortet sie gedehnt.

Siehste, sag ich doch.

»Ich habe eine psychiatrische Praxis in Dallas.«

Elli klopft mir fest auf den Rücken. Ich habe mich verschluckt und hänge hustend an der Brüstung. Sie ist was?

Mich immer noch räuspernd drehe ich mich zu ihr, und obwohl sie lächelt, liegt in ihren Augen etwas Abwartendes. Ich werde das untrügliche Gefühl nicht los, dass sie Josh kennt. Ist es möglich, dass er bei ihr war? In ihrer Praxis? An dem Tag, als er zu spät zu mir kam?

»Das ist ja interessant«, säusle ich. »Haben Sie ein Spezialgebiet?«

Elli ist einen Schritt zurückgetreten und schaut abwechselnd von ihr zu mir. Spürt sie, was ich denke? Cowgirl-Uma zumindest hat eine professionelle Miene aufgesetzt, als sie mir nun antwortet.

»Das Feld der Psychologie ist breit gefächert, wie Sie sich sicherlich denken können.«

Blöde Kuh.

»Aber ja, ich habe mich auf Traumapatienten spezialisiert.«

Mir wird schlecht.

Ich tausche einen Blick mit Elli, deren Stirn in Falten liegt.

»Ich werde dann mal wieder zu meinem Mann zu…«

»Kennen Sie Josh?«

Ich muss es wissen. Bereits an jenem Abend habe ich geahnt, dass er mir etwas verheimlicht. Er war bei dieser Frau, das ist so sicher, wie dass der Himmel über Texas blau ist.

»Wen meinen Sie?«

Mein Geduldsfaden hat schon Risse und ich blicke zornig in ihr perfekt geschminktes Gesicht. Sie mag eine gute Psychiaterin sein, aber schauspielern kann sie nicht, das Erstaunen stand ihr gerade zu deutlich ins Gesicht geschrieben.

»Josh Wild«, wiederhole ich. »Der Rodeoreiter von vorhin. Sam Wilds Bruder.«

Sie hat sich gefasst und schaut mir fest in die Augen. »Ich kenne Ihren Freund nicht. Auf Wiedersehen.«

»Was war das denn jetzt?« Elli zupft an meinem Ärmel und zieht mich neben sich an die Bande, sodass wir Miss Psychotante und ihren Gefährten den Rücken zukehren. »Du glaubst jetzt nicht, was ich glaube, dass du glaubst, oder?«

Ihr Englisch bringt noch immer manchmal die lustigsten Redewendungen zutage, doch ich verstehe, was sie meint.

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll, Elli.«

Meine Welt steht kopf, seit ich mit Josh zusammen bin. Diese Berg- und Talfahrt zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, vom gleißenden Feuerwerk zur Eisdusche und wieder zurück, so wie ich es in den letzten Tagen erlebt habe, das ist neu für mich, und ich komme mit der Geschwindigkeit nicht zurecht, mit der die Emotionen sich abwechseln.

»Wie heißt sie noch mal?«

»Rose McQueen.«

Schottisch. Sag ich doch.

»Ich glaube ihr nicht, Elli. Hast du mitbekommen, wie sie Josh angesehen hat?«

»Süße, dein Freund ist ein Zuckerstückchen. Das wird dir noch öfter passieren, vor allem auf Veranstaltungen, wenn er mitten im Rampenlicht steht.«

Ja, wenn er sich nicht vorher den Hals bricht.

Ach, was ist denn nur los mit mir? Warum sehe ich heute alles so schwarz?

»Meinst du, er hatte einen Termin bei ihr?«, frage ich Elli, und dann erzählt sie mir, was ich eigentlich von Josh hätte hören wollen. Dass Dr. Connors Tochter Psychiaterin ist und er Josh ans Herz gelegt hat, sich bei ihr in Behandlung zu begeben. Warum hat er mir das verheimlicht?

»Und du meinst, diese Rose ist die Tochter von Dr. Connor?«

»Ja, Sam hat es mir vorhin gesagt. Er kannte ihren Namen und hat sie darauf angesprochen.«

Na toll. Mein Kopfkino ist in vollem Gang. Josh war bei dieser Rose. Dieser wahnsinnig attraktiven Frau. Und der Grund, warum er mir das verheimlicht und auch nicht wollte, dass ich mich mit ihr unterhalte, kann nur einer sein …

Das Licht verlischt. Ein Raunen dringt von den Tribünen. Die Show geht los. Es ist jedes Mal ähnlich. Epische Musik, tiefe Bässe, die dir in den Magen kriechen wie das Donnern von Tausenden Hufen. Nebel und Feuer, Lichteffekte, die durch das Schwarz der riesigen Halle zucken und alle Augen auf sich ziehen. Die Stimme des Moderators, der die Menge anheizt. Es ist das perfekt inszenierte Drama. Brot und Spiele. Fast wie im alten Rom. Und es funktioniert. Selbst ich kann mich der Wirkung dieses Spektakels nicht entziehen. Die bunten Lichter der Lasershow, die Geräusche um mich herum, das alles bündelt und verstärkt dieses miese Gefühl in meinem Magen. Er zieht sich fest zusammen, ich krümme mich leicht und hole tief Luft. Es ist eine schmerzhafte Mischung aus Eifersucht und Angst. Ich bin eifersüchtig auf diese Frau, und gleichzeitig wünsche ich mir nur, dass Josh heute Abend heil aus dieser Arena kommt. Ich bin so nervös, als müsste ich gleich selbst auf einem dieser Kolosse reiten. Elli ergreift meine Hand und dann werden sie aufgerufen – die Gladiatoren. Einer nach dem anderen tritt aus dem Verborgenen. In einer Reihe schreiten sie zur Mitte des Sandplatzes, flankiert von Feuersäulen, die aus dem Boden schießen. Josh erscheint als Letzter, und als er vor der jubelnden Menge seinen Hut zieht, rutscht mir das Herz in die Hose. Das hat Dad auch immer getan und plötzlich fühle ich mich zurückversetzt an diesen Tag vor zehn Jahren. Meine Finger krampfen sich um den Rand der Absperrung, und ich gehe leicht in die Knie, da schiebt mir Elli ihre Cola vors Gesicht.

»Hier. Trink.« Dankbar ergreife ich den Becher und lege meine zitternden Hände darum, während meine Freundin mir beruhigend den Rücken streichelt. »Sollen wir rausgehen?«

Ich schüttle den Kopf. Nein. Wenn ich will, dass Josh sich der Vergangenheit stellt, dann muss ich das genauso schaffen. Ich kann nichts von ihm verlangen, was ich nicht selbst bereit bin zu tun.

Als die Scheinwerfer aufflammen und die mystische Stimmung mit einem Schlag verpufft, atme ich auf. Die Reiter ziehen sich winkend und ihre Hüte schwingend aus der Arena zurück, und ich sehe, wie Josh die Bande absucht.

Hier! Ich bin hier, my love!

Er entdeckt mich und lächelt und in diesem Moment ist zumindest die Eifersucht vergessen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als ihn in meine Arme zu schließen. Ich will sein Herz schlagen hören. Ich will ihn noch einmal berühren, falls … Hör auf, Holly!

Joshs Blick lässt mich nicht los, und kurz bevor er aus meinem Sichtfeld verschwindet, legt er sich die Hand aufs Herz. Seine Lippen formen zwei Worte: »Love you.«

»Ich liebe dich auch«, flüstere ich und die Tränen brennen in meinen Augen.

Der Wettkampf ist in vollem Gange, die Stimmung um mich herum ausgelassen, und irgendwann registriere ich, dass diese Rose und ihr Mann weg sind. Sicher amüsieren sie sich in einer der VIP-Logen. Ich habe mich wieder gefangen, doch genießen kann ich das Schauspiel nicht. Das konnte ich noch nie, aber es gelang mir wenigstens immer, die Beklemmung auszublenden, wenn ich mit einem Stand meines Ladens auf einer Show war. Privat habe ich es vermieden. Heute ist es anders. Die Beklommenheit, die ich verspüre, sobald sich eine der Boxen öffnet, hat eine neue Qualität erreicht. Daran kann auch Elli nichts ändern, die tapfer versucht, mich abzulenken. Sie hat das Thema von vorhin nicht mehr aufgegriffen. Wahrscheinlich spürt sie, dass ich angespannt genug bin.

Josh startet als Zehnter, und das Schicksal hat sich dazu entschlossen, mir heute die volle Breitseite zu verpassen. Sein Bulle wartet in Box Nummer eins – genau neben uns. Es ist Smooth Wreck, ein schokoladenbraunes Ungetüm aus der Zucht meines Vaters. Ich kenne das Tier, seit es auf unserer Farm geboren wurde. Wreck zählt zu den besten Bucking Bulls des Landes und hat Dad bereits eine Menge Geld eingebracht, doch selbst er sagt von dem Tier, dass es unberechenbar sei. Ich wende mich ab, doch es ist bereits zu spät – mein Puls flattert.

»Hey, Holly! Du hier?«

David?

Ich sehe mich um und entdecke ihn auf einer der Metallstreben stehend. David arbeitet für meinen Dad. Er betreut die Stiere auf den Turnieren und wird von allen nur der Bullenflüsterer genannt. Auch jetzt tätschelt er Smooth Wreck den massiven Schädel. Er hat mich ein paarmal gefragt, ob wir was zusammen trinken gehen, doch ich habe immer abgelehnt. Ich weiß, dass er mich mag, und Dad würde es mit Sicherheit lieber sehen, wenn ich mich mit David treffe anstatt mit Josh, aber, nun ja, wo die Liebe hinfällt, richtig? Ich winke ihm zu, da sehe ich, wie sein Blick sich verändert. Sein Lächeln erlischt. Und dann werde ich von hinten gepackt.

»Küss mich, Babygirl. Bring mir Glück.«

Der erschreckte Laut bleibt mir in der Kehle stecken, David ist unwichtig. Ich wirble herum und falle Josh um den Hals.

»Oh, Baby, pass auf dich auf, ja?«

Fast schon verzweifelt kralle ich meine Finger in sein Haar und drücke meine Stirn an seine. Die Menge jubelt, und ich bemerke aus dem Augenwinkel den Kameramann, der eben noch Nahaufnahmen von Smooth Wreck gemacht hat, nun aber Josh und mich auf die riesigen Monitore unter dem Dach des Stadions bringt. Es ist mir egal, wie viele Tausend Augenpaare uns beobachten, ich ignoriere die Pfiffe und den Applaus, als er mich küsst. Ich möchte ihn nicht mehr loslassen. Er soll nicht auf diesen Bullen steigen.

»Ich hab alles im Griff«, flüstert er. »Versprochen. Ich liebe dich.«

Und dann ist er weg, und ich sehe nur noch, wie er über die Absperrung klettert. Ich bin allein. Allein inmitten von zwanzigtausend Menschen. Allein mit meiner Angst. Ich wollte Josh noch warnen. Hastig dränge ich mich an das Gatter, doch er hört mich in all dem Trubel nicht mehr. Nur Sam, der dort steht, um seinem Bruder letzte Instruktionen zu geben, wird auf mich aufmerksam und kommt zu mir.

»Bitte sag ihm, dass er vorsichtig sein muss. Der Bulle gehört meinem Vater, und ich weiß, dass er gerne alles und jeden attackiert, sobald der Reiter nicht mehr auf seinem Rücken ist.«

Ich habe es selbst gesehen, im Training auf unserem Sandplatz. Alle Beteiligten konnten sich nur noch durch einen beherzten Sprung auf den Zaun in Sicherheit bringen.

»Mach dir keine Sorgen, Holly. Josh ist gut drauf heute.«

Sam drückt meinen Arm und nickt mir aufmunternd zu, dann kehrt er zurück an die Box. Als ich sehe, wie er meine Information an Josh weitergibt, bin ich ein klein wenig beruhigter. Er beugt sich nach vorn, um zwischen den Boxenstangen nach mir zu suchen, und als sich unsere Blicke treffen, zwinkert er mir zu.

Gott, pass auf ihn auf.

Die Musik ist verstummt. Die Spannung steigt. Jeder im Stadion wartet darauf, dass es losgeht. Josh sitzt auf Smooth Wrecks Rücken und zieht noch einmal mit kraftvollen Bewegungen das in Harz getauchte Seil, das neben ihm an einer der Stahlstreben befestigt ist, durch die Innenfläche seines Handschuhs. Dann greift er die Schlaufe der Bullrope, die einmal um den Bauch des Bullen gewickelt ist und deren gespanntes Ende Sam ihm nun in die Handfläche legt. Sorgfältig drückt Josh seine Finger mit Hilfe der anderen Hand hinunter. Das Leder des Handschuhs ist steif und fest, und neben seiner eigenen Muskelkraft ist er die einzige Absicherung, die ein Bull Rider im Kampf gegen die enormen Fliehkräfte hat. Ich schließe die Augen und versuche mich auf meinen Atem zu konzentrieren.

Und dann geht alles ganz schnell.

Das Tor wird aufgerissen, die Uhr läuft. Ich sehe nicht hin, höre nur das Schnaufen des Bullen, das Hämmern seiner Hufe, wenn er auf dem Boden aufkommt, die Rufe der Crew und den Applaus von den Tribünen. Mein Puls rast, und insgeheim warte ich nur auf das entsetzte Raunen, das durch die Menge schwappt, wenn ein Reiter schwer zu Boden geht.

»Ich kann nicht zusehen. Ich kann nicht zusehen!« Wimmernd umklammere ich Ellis Arm und verberge mein Gesicht an ihrer Schulter.

»Er reitet fantastisch, Holly.«

Da endlich erklingt die Sirene, die das Ende der acht Sekunden verkündet und den Felsen in meiner Brust in Millionen kleine Sandkörnchen pulverisiert. Ich kann förmlich spüren, wie sie von meinem Herzen rinnen und ich Stück für Stück wieder freier atmen kann. Gott sei Dank, es ist vorbei. Der Stadionsprecher ist außer sich vor Begeisterung, das Publikum tobt. Doch plötzlich stößt Elli einen Schrei aus und das Entsetzen in ihren weit aufgerissenen Augen lässt mich herumfahren. Ich sehe Josh, der vor dem Bullen steht und realisiert, dass er nicht mehr ausweichen kann. Er versucht noch, die Hörner zu packen, die auf ihn zugeschossen kommen, doch da hat Smooth Wreck ihn bereits mit nur einer Kopfbewegung von den Beinen geholt. Es geschieht, was ich vorhergesagt habe. Starr vor Schreck muss ich mit ansehen, wie Joshs Körper einer Puppe gleich durch die Luft geschleudert wird. Seine Arme und Beine schlingern, als würden sie nicht zu ihm gehören, ohne Spannung, ohne Kraft. Ich höre weder die aufgebrachten Schreie um mich, noch spüre ich die Berührungen der Leute, die Elli und mich beinahe umrempeln, um möglichst nah ans Geschehen zu kommen. Kein Laut dringt mehr zu mir hindurch. Jegliches Empfinden ist tot. Betäubt starre ich auf den Punkt vor mir im Sand, wo Josh zu Boden geht. Seine Schultern zucken. Dann bleibt er reglos liegen.

»NEIN!«

Sams Stimme ist das Erste, das ich wieder wahrnehme. Er ist über die Absperrung gesprungen und rennt zu seinem Bruder. Dass der Stier noch immer in der Arena ist und die Bullfighter versuchen, ihn hinauszutreiben, darum schert er sich nicht. Als er neben Josh auf die Knie fällt, packt Elli mich bei den Schultern und zieht mich an sich. »Schau nicht hin«, flüstert sie unter Tränen. »Schau nicht hin.«

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