Leseprobe zu BRATAPFEL KÜSSE

beginnend ab Kapitel 1

Lesezeit: circa 20 Minuten

Unfaire Mittel

Steve

Grandview, Texas

»Wie bitte schafft man es, aus einem Seniorenheim geworfen zu werden?!«

Ungläubig starre ich meine Mutter an. Wir haben zusammen zu Abend gegessen. Sie lädt mich oft ein, seit ich nicht mehr auf der Ranch wohne. Wie ein ausgehungerter Bär bin ich nach der Vierundzwanzigstundenschicht über mein Lieblingsessen hergefallen – Jambalaya mit Hühnchen und Rauchwurst. Schön scharf. Als Mom dann aber auch noch einen Kürbiskuchen auf den Tisch gestellt hat, bin ich stutzig geworden. Und das zu Recht.

 

»Tja, du kennst deine Großmutter.«

Mom verdreht die Augen und wendet sich wieder dem Abwasch zu. 

Ich lehne mit verschränkten Armen an der Arbeitsplatte, die Dad von Hand aus Eichenholz gefertigt hat, und beuge mich zu ihr. »Du weißt schon, wie weit New York von hier weg ist? Mit dem Auto brauche ich für die Strecke mindestens zwei Tage!«

»Schatz, wenn ich eine andere Möglichkeit sehen würde, müssten wir dieses Gespräch nicht führen. Granny ist nun mal etwas … spleenig. Und mit ihren fünfundachtzig betritt sie kein Flugzeug mehr. Wie sollen wir sie denn sonst hierher bekommen?«

Ich fahre mir mit beiden Händen über das Gesicht. Warum ich? Und warum jetzt? Das Department ist vor den Feiertagen chronisch unterbesetzt und dazu laufen die Vorbereitungen für die Weihnachtsparade nächste Woche auf Hochtouren. Ganz Grandview wird dann wieder auf den Beinen sein und feiern und ich muss Bürgermeister Connelly vorher noch klarmachen, dass seine neuen Ideen Schwachsinn sind.

»Ich kann mir unmöglich vier Tage freinehmen«, versuche ich erneut, mich aus der Affäre zu ziehen, obwohl mir längst klar ist, dass ich bereits verloren habe.

Mom legt das Handtuch zur Seite und ihre Hand an meine Wange. »Steve, du bist der Boss – du kriegst das hin. Für Granny. Und für mich.«

»Du kämpfst mit unfairen Mitteln, Mom.«

»Ich weiß, mein Schatz. Ich liebe dich.«

 

Ich hätte es wissen müssen. Bereits als Mom heute Nachmittag anrief, um mich einzuladen, habe ich an ihrem Tonfall gehört, dass sie etwas im Schilde führt. Allerdings hatte ich damit gerechnet, dass es wieder etwas auf der Ranch zu reparieren gibt, denn seit Dad nicht mehr bei uns ist, fahre ich regelmäßig hier raus, um nach dem Rechten zu sehen. Irgendetwas gibt es immer zu tun, sei es eine kaputte Zaunlatte entlang der Auffahrt oder ein neuer Anstrich für die Veranda. Ich helfe ihr gern. Vielleicht beruhigt es auch mein schlechtes Gewissen, weil ich Dads Tod nicht verhindern konnte. Dass Mom jedoch vorhat, mich eintausendsechshundert Meilen durch sieben Bundesstaaten zu schicken, nur um meine Großmutter abzuholen, damit hatte ich nicht gerechnet.

Im Grunde halte ich es für eine gute Idee, dass Mom Granny zu sich holen will. Dann wäre sie nicht mehr so allein in dem großen Haus, in dem sie selbst lediglich das Erdgeschoss bewohnt. Die oberen Räume betritt sie nur noch zum Staubwischen. 

Drei Jahre ist Dad nun schon tot und das Herz wird mir jedes Mal schwer, wenn ich daran zurückdenke. An diesen einen Tag im August.

Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer und ich hatte mir freigenommen, um Dad und den Männern zu helfen, zweitausend Mutterkühe mit ihren Kälbern auf eine ergiebigere Weide in den Bergen zu treiben. Drei Kühe hatten sich abseits der Herde an einen Steilhang verlaufen und Dad wollte sie zurückholen. 

Es war ein Unfall. Eine Kuh geriet in Panik, Dads Pferd strauchelte und verlor den Halt. Es hat ihn vor meinen Augen mit in die Tiefe gerissen.

Ich schüttle den Kopf, um die Melancholie zu vertreiben.

Mom hat danach alle Tiere verkauft und die Ländereien verpachtet. Doch natürlich steckt in allem hier noch die Erinnerung. Ich habe es einmal gewagt, sie zu fragen, ob sie wegziehen möchte, da hat sie nur gelächelt. »Hier ist dein Vater immer bei mir, Steve«, hat sie gesagt. »In jedem Möbelstück, in jedem Zimmer. Die Ranch zu verlassen wäre wie ihn zu verlassen.«

Ich habe sie nie wieder darauf angesprochen. 

Granny wird ihr guttun. Auch wenn sie Moms beschaulichen Alltag mit Sicherheit ordentlich aufmischen wird.

»Bist du dir wirklich sicher, dass du dir das antun möchtest?«, frage ich daher.

Mom lächelt. »Nein, das bin ich nicht. Aber sie ist meine Mutter.«

Ich verstehe den Wink, antworte jedoch nicht, sondern greife mir meine Uniformjacke und den Hut vom Küchenstuhl. »Ich fahr dann mal nach Hause. Brauchst du noch was?«

Sie schüttelt den Kopf und drückt mich kurz. »Kann ich dem Heim sagen, dass du am Mittwoch kommst?«

Ich seufze tief. »Donnerstag, Mom. Mach Donnerstag draus. Ich muss den Dienstplan erst noch umschmeißen.«

»Ich danke dir.«

»Schon okay. Gute Nacht.«

»Gute Nacht, mein Schatz. Und pass auf dich auf.«

Das sagt sie jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, und jedes Mal verspreche ich es. 

 

Auf der Veranda ziehe ich meinen Kragen hoch und den Stetson tief ins Gesicht. Seit zwei Tagen ist es ungewöhnlich kalt. Prüfend betrachte ich den sternenklaren Himmel. Heute ist zwar erst der fünfzehnte Dezember, aber es würde mich nicht wundern, wenn wir dieses Jahr weiße Weihnachten bekommen. Schnee ist hier selten, aber nicht unmöglich. 

Da fällt mein Blick auf das nächste Problem – ich werde Granny sicher nicht mit dem Streifenwagen in New York abholen.

 

Kessy

New York City

»Ach, und Kessy, bring mir noch einen Kaffee und dann mach die Tür zu, ich muss telefonieren.«

Ja, Sir! Aber sicher doch, Sir!

Am liebsten hätte ich die blöde Tür hinter mir zugeknallt. 

Ich stapfe in die kleine Büroküche, stelle scheppernd eine Tasse unter die vollautomatische Kaffeemaschine und drücke mit so viel Inbrunst auf den Knopf, dass mein Fingernagel abbricht. Verfluchter Mist! 

Ich sollte Mr. Mathews eine Prise Arsen in seinen Kaffee mischen, dann wäre endlich Ruhe. Aber leider stehen im Regal über mir nur Zuckerwürfel und Kekse. Ich greife in die Packung und schiebe mir einen mit Schokolade überzogenen Butterkeks in den Mund. Wenn ich sauer bin, brauche ich Zucker.

Seit drei Monaten geht das jetzt so. Drei elende Monate, in denen ich nicht mal in die Nähe eines der Computer oder Zeichenboards gelangt bin. Es sei denn, ich bringe den Mitarbeitern der Grafik-Abteilung ihre Post, mit deren Sortierung Mr. Mathews mich beauftragt hat. 

Ich soll die Werbeagentur von der Pike auf kennenlernen, hat er mir an meinem ersten Tag strahlend verkündet und mich Violet, der Empfangsdame, an die Seite gestellt. Doch wenn ich Mädchen für alles hätte werden wollen, hätte ich in Grandview bleiben können. Ich bin nach New York gekommen, um mich weiterzuentwickeln und Karriere zu machen. Und beides hatte ich mir von dem Praktikumsplatz bei Mathews & Partner versprochen, einer angesehenen Werbeagentur im Herzen von Manhattan. Und jetzt? Jetzt stehe ich in der Küche und richte Kaffeetassen auf einem silbernen Tablett an. Hier läuft etwas gehörig schief.

Violet betritt hinter mir den Raum und wirft einen missbilligenden Blick auf meine Arbeit. »Aber nein, Schätzchen. Du weißt doch, Mr. Mathews möchte den Löffel links und den Keks an die Tasse gelehnt haben. Wann lernst du das endlich?«

Die walkürenhafte Blondine drängt sich an mir vorbei, arrangiert das Tablett neu und entschwebt damit in Richtung Chefbüro, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Blöde Ziege«, zische ich und schaue durch die Tür auf die bodentiefen Fenster. Draußen ist es bereits dunkel und obwohl sich die hell erleuchteten Flure der Agentur in den Scheiben spiegeln, habe ich nur Augen für die glitzernden Lichter der Stadt, die hier aus dem dreißigsten Stockwerk unendlich erscheinen. 

Dies wird mein erstes Weihnachten fern von zu Hause werden. 

Ich sinke gegen die Küchenzeile und versuche, die Leere wegzuatmen, die mich überkommt. Das hat in den letzten Wochen gut geklappt, doch je näher die Feiertage rücken, umso schwerer fällt es mir. Fast jeden Abend telefoniere ich mit Mom. Sie erzählt mir vom Plätzchenbacken und dass Dad Frosty, den Schneemann, repariert hat, der letzten Winter vom Scheunendach gefallen ist. Er hatte daraufhin einen neuen kaufen wollen, aber weil Frosty bereits von Grandpa jedes Jahr aufs Dach gestellt worden war und die Figur schon fast den Stellenwert eines Familienmitglieds besitzt, haben Mom und ich lautstark protestiert. 

Auch sonst hat meine Mutter immer einiges zu berichten und ich lasse mich gern mit den kleinen und großen Geschichten aus unserem Ort ablenken. Grandview ist ein verschlafenes Nest, doch zur Weihnachtszeit packen alle mit an, um die Parade und das große Fest vorzubereiten. Jeder Truck und jeder Hänger – alles, was irgendwie rollt – wird dekoriert. Manche Vereine bauen sogar dreidimensionale Weihnachtsfiguren und studieren Choreografien ein und jedes Jahr wundere ich mich aufs Neue, dass überhaupt noch Menschen übrig sind, die dem Festzug vom Straßenrand aus zujubeln. 

Ich habe herzlich gelacht, als Mom berichtete, wie Mrs. Douglas mal wieder den Kirchenchor mit neumodisch arrangierten Weihnachtsliedern aufmischen wollte und der Rest der Damen deswegen in einen Singstreik getreten ist. Dass Hillary Watson dieses Jahr den Engel singt, ließ sie aus Rücksicht auf mich nur in einem Nebensatz fallen. Dennoch hat es mir einen gehörigen Stich versetzt. Die Rolle des Weihnachtsengels war sonst immer mir vorbehalten. 

Ich will nach Hause.

Willkommen in der Großstadt

Steve

New York City

Ich habe es tatsächlich geschafft, mir den Rest der Woche freizuschaufeln. Porter war mir noch einen Gefallen schuldig und so konnte ich am Mittwoch früh aufbrechen. Mom hat zuerst protestiert, als ich meine Tasche in ihren Silverado geworfen habe. Womit solle sie denn die nächsten Tage zum Einkaufen in die Stadt kommen? Doch gegen das Argument, dass ich schlecht mit dem Streifenwagen nach New York fahren kann, hatte sie nichts vorzubringen. 

Meine Reise hat mich durch Arkansas, Tennessee, Kentucky, West Virginia, ein kleines Stück Maryland, Pennsylvania und New Jersey geführt. In Nashville habe ich in einem Motel übernachtet und bin heute Morgen noch vor Sonnenaufgang weitergefahren. 

Erschöpft reibe ich mir die Augen, als ich durch einen Vorort von New York fahre und am Horizont endlich die Skyline von Manhattan vor mir auftaucht. Ein Navigationsgerät hat der alte Chevy natürlich nicht und so folge ich der App auf meinem Smartphone, deren freundliche Stimme mich als Nächstes über die Brooklyn Bridge schickt. 

Der Anblick bei Nacht ist unbeschreiblich. Am liebsten würde ich rechts ranfahren, um diese imposante Wand aus Wolkenkratzern mit ihrem schillernden Lichtermeer auf mich wirken zu lassen. Doch der Verkehr ist zu dicht und Haltebuchten gibt es keine. 

Dann erreiche ich die Insel – Manhattan. Eine gefühlte Ewigkeit war ich nicht mehr hier. Fünf Jahre? Mindestens. Es zieht mich nicht in die Großstadt. Mom kommt von hier. Sie hat meinen Vater im Urlaub auf dem Land kennengelernt und es war Liebe auf den ersten Blick, von beiden Seiten. Dad hatte zunächst nicht daran geglaubt, dass ausgerechnet er, ein junger texanischer Viehzüchter, der Tochter aus reichem Hause genügen könnte. Bis Mom vier Wochen nach ihrer Heimreise plötzlich vor seiner Tür stand. Sie hatte ihr Erspartes geplündert, ihren Eltern in einem Brief erklärt, dass sie ohne ihren Cowboy nicht mehr leben könne, und sich in einen Greyhoundbus in Richtung Westen gesetzt. Den Erzählungen nach muss Grandpa außer sich gewesen sein, doch Granny hat ihren Charme für das junge Glück spielen lassen. Und als Dad schließlich mit Mom in New York erschien, um formvollendet um ihre Hand anzuhalten, hat Grandpa zähneknirschend zugestimmt. 

Ich seufze. Die beiden Sturköpfe fehlen mir.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündet die Stimme aus dem Handy und suchend schaue ich mich um. Wo denn? Die Häuser stehen dicht an dicht und in der Dunkelheit ist kaum auszumachen, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Doch dann bleibt mein Blick an vier griechisch anmutenden Säulen hängen, zwischen denen eine Treppe zu einem kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Tor führt. Zwei Löwenstatuen flankieren die Seiten und über dem Bogen leuchtet ein dezentes Schild. 

Evergreen Retirement Home – hier bin ich richtig. Und ein Wunder, vor mir wird ein Parkplatz frei. Zügig lenke ich den Silverado in die Lücke, ehe ein anderer sie mir wegschnappt, und stelle den Motor ab. Geschafft. Ich lasse meinen Kopf gegen die Lehne sinken und schließe die Augen. Nur für einen klitzekleinen Moment, denke ich. Und nicke weg. 

Erschrocken fahre ich aus dem Sekundenschlaf. Es ist erst acht Uhr abends, aber die Fahrerei war anstrengend. Benommen greife ich mir das Handy und meine Tasche vom Beifahrersitz und öffne die Tür. Jemand schreit und ich zucke zurück, während der Fahrradkurier mir mit einem waghalsigen Manöver ausweicht und dabei ein Taxi schneidet, dessen Fahrer wütend auf die Hupe drückt. Sofort bin ich hellwach. 

Willkommen in der Großstadt, Steve!

Der Eingang des Seniorenheims ist verschlossen, aber laut Schwester Maria, der ich telefonisch mein Kommen angekündigt habe, soll ich einfach klingeln. Es dauert nicht lange, bis im Flur das Licht angeht und ich durch die Sprossenfenster der Tür eine Frau auf mich zukommen sehe. Sie nestelt an einem Schlüsselbund herum.

»Willkommen! Sie müssen Mr. Douglas sein«, begrüßt sie mich und entblößt dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne in ihrem gütig aussehenden, leicht rundlichen Gesicht. 

»Ja, vielen Dank«, erwidere ich und strecke ihr meine Hand entgegen. »Sind Sie Schwester Maria?«

Sie nickt. »Kommen Sie herein.«

Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, hier draußen ist es eisig. 

Schwester Maria verriegelt die Tür und deutet mir, ihr zu folgen. »Kalt, nicht wahr? Ich wette, dieses Jahr klappt’s mit weißen Weihnachten.« Sie klatscht begeistert in ihre Hände. »Haben Sie schon etwas gegessen? Sonst rufe ich in der Küche an und lasse Ihnen eine Kleinigkeit herrichten.«

Dankend lehne ich ab. Ein Bier und ein Bett wären jetzt schön, aber ich folge Maria brav in ein mit schlichten Holzmöbeln eingerichtetes Büro. Die Wände zieren Bilder von Leuchttürmen in den unterschiedlichsten Stilen und Farben. 

»Die sind von meinem Vorgänger, aber ich habe sie hängen gelassen, da sie mir gut gefallen.« 

Dieser Frau entgeht nichts. Sie lächelt und bietet mir den Stuhl vor dem Schreibtisch an.

»Mr. Douglas, ich möchte offen mit Ihnen sprechen. Ich mag Ihre Großmutter sehr gern, aber ihr unkonventionelles Benehmen bringt Unruhe in die Gemeinschaft und das tut nicht jedem Bewohner gut.«

Ich nicke bedächtig. Dass Granny Leben in die Bude bringt, kann ich mir gut vorstellen. 

»Wir haben oft genug mit ihr darüber gesprochen«, fährt Maria fort. »Aber sie ist einfach nicht einsichtig – und Alkohol im Haus geht nun mal gar nicht. Es tut mir leid, dass wir dazu gezwungen waren, den Vertrag zu kündigen.«

Wieder nicke ich nur. Was soll ich dazu auch sagen? Gran ist eine lustige, lebensfrohe Frau, die für jeden Schabernack zu haben ist und sich nicht viel um Konventionen schert. Als Kind fand ich das großartig, für ihre erwachsenen Mitmenschen sind diese Eigenheiten aber wohl eher anstrengend.

»Ein Glas Gin am Tag hält jung und weckt die Lebensgeister. Ich habe ja keine ausschweifenden Partys gefeiert«, erklingt eine warme dunkle Stimme vom Flur.

»Granny!« 

Jetzt, da die kleine Lady mit den in Wellen gelegten weißen Haaren und dem frechen Funkeln in den steingrauen Augen im Türrahmen steht, freue ich mich riesig, sie wiederzusehen. Sie hat sich kaum verändert und ihre fünfundachtzig Jahre kauft ihr so schnell keiner ab. Das Gin-Geheimnis scheint zu funktionieren. 

Ich schiebe meinen Stuhl zurück, um in ihre weit ausgestreckten Arme zu laufen. Granny ist gut zwei Köpfe kleiner als ich und so muss ich mich ein wenig bücken, um sie fest an mich zu drücken. 

Sie seufzt zufrieden. »Stevie, es ist so schön, dich zu sehen. Hattest du eine gute Fahrt? Es tut mir leid, dass du wegen mir solche Umstände hast. Aber weißt du, Fliegen ist nun wirklich nichts mehr für so eine alte Pflanze wie mich.« 

Ich lache. »Schon in Ordnung, Granny.« 

Dass meine gelassene Antwort nicht ganz der Wahrheit entspricht, weiß sie selbst, denn sie grinst mich spitzbübisch an und tätschelt meine Wange.

Schwester Maria ist um ihren Schreibtisch herumgekommen. »Ach, Mrs. Jones, Sie wissen doch, Vorschriften sind nun mal Vorschriften.« 

Die beiden Frauen scheinen sich tatsächlich zu mögen, denn Granny lächelt ihr liebevoll zu und neigt sich ein Stück in Marias Richtung. »Das weiß ich doch, meine Beste. Ich bin eben noch nicht klapprig genug für ein Altenheim.«

»Das werden Sie nie sein, Julia.« Schwester Maria lacht und wendet sich an mich. »Wir haben Ihnen ein Zimmer am Ende des Ganges fertig gemacht – Nummer 11. Ruhen Sie sich aus und genießen Sie morgen unser Frühstücksbüfett, dann können Sie aufbrechen, wann immer Sie möchten.« 

Sie drückt mir einen Schlüssel in die Hand und wünscht uns beiden eine angenehme Nacht. 

Granny begleitet mich bis zu meiner Tür, dann verabschiedet auch sie sich. 

»Möchtest du nicht noch mit reinkommen?«, frage ich, doch sie winkt lächelnd ab. 

»Du wirst mich die nächsten Tage lange genug an der Backe haben, Stevie. Gute Nacht.«

»Ich freue mich schon drauf. Schlaf gut.«

 

Kessy

Es ist kurz nach acht Uhr abends, als ich endlich das Büro verlasse. Violet ist schon vor Stunden nach Hause gegangen, doch ich musste warten, bis Mr. Mathews die Jahresabschlussgespräche mit den anderen Mitarbeitern beendet hatte. Mit mir hat er natürlich keins geführt – wozu auch? 

Frustriert ziehe ich mir die Kapuze meines Parkas tief in die Stirn und trete aus dem Gebäude. Die Agentur liegt mitten in Manhattan und um zu meinem winzigen Apartment zu gelangen, muss ich über den Broadway und durch zwei kleinere, aber nicht weniger belebte Querstraßen. 

Bei Charlys Pizza kaufe ich mir schnell etwas zu essen.

Was mache ich hier eigentlich? 

Die Tüte mit der heißen Pasta-Schale in der Hand, stehe ich auf dem Bürgersteig und schaue die Häuserfluchten entlang. Überall blinkt und strahlt mir Weihnachtsbeleuchtung entgegen. Doch der Zauber und die Begeisterung, die die Feiertage sonst in mir hervorrufen, scheinen in diesem Jahr genauso an mir vorüberzuziehen wie all die fremden Menschen, die mit Tüten bepackt und einem Lachen im Gesicht durch die Straßen eilen. Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr, Autos hupen. Ich schlucke und blinzele die aufsteigenden Tränen weg. 

Am Kiosk an der Ecke kaufe ich mir eine Zeitung, wobei die Zweifel überwiegen, dass heute etwas Geeignetes bei den Stellenanzeigen dabei sein wird. Erst letzte Woche habe ich alle Agenturen im Umkreis abtelefoniert und eine Absage nach der anderen kassiert. Zwei Gespräche waren sehr nett, aber jetzt, zum Ende des Jahres, stellt niemand mehr neue Mitarbeiter ein. Die Dame, die ich bei Truman Media am Hörer hatte, bat mich immerhin, mich zum Frühjahr noch mal zu melden, aber wenn es so weitergeht, werde ich bis dahin sicher nicht mehr hier sein. 

New York war immer mein Traum gewesen, wenn mir zu Hause mal wieder das Land zu weit und der Himmel zu blau erschienen waren. Doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich hierher passe. Den Himmel über der Stadt sehe ich nur, wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege, und weiter als bis zur nächsten Straßenecke reicht die Aussicht nicht. Und dann dieser ewige Lärm. Selbst im Central Park verfolgen einen die Sirenen, die vierundzwanzig Stunden des Tages allgegenwärtig sind. Wenn ich an den Wochenenden mit dem Bus dort hinfahre, um ein wenig Natur zu tanken, zieht es mich meist in die Nähe des Reitstalls. Der Geruch nach Heu und Pferden vermittelt mir ein Stück Heimat. Dann schaue ich den Reitern zu und beneide sie ein wenig, denn die hundertfünfundzwanzig Dollar für eine Reitstunde lässt das kleine Praktikantengehalt beim besten Willen nicht zu.

 

Ich schließe die Tür zu meinem Apartment auf, das winziger ist als eine Sardinendose und das ich mir obendrein mit Amanda teile, einer langbeinigen Südstaatenschönheit, die am Broadway tanzt. Oberflächlich verstehen wir uns gut, aber für eine Freundschaft reicht es nicht. Amanda und ich leben in einer Zweckgemeinschaft nebeneinander her – wie so viele hier in dieser anonymen Weite der großen Stadt.

Mit der mittlerweile nur noch lauwarmen Pasta und der Zeitung verkrümele ich mich in mein Zimmer und mache es mir auf dem Bett bequem. 

Ich hatte recht – wieder ist nichts Passendes dabei. Als Börsen- oder Immobilienmaklerin, Kellnerin oder Tänzerin hätte ich gute Chancen, aber leider habe ich den falschen Job gelernt. 

Löffel für Löffel leere ich die Tagliatelle mit Hackfleischsoße, ohne wirklich etwas zu schmecken, und starre dabei durch das Fenster auf die dreckige, dunkle Backsteinmauer des Nachbarhauses. Sie sieht genauso trostlos aus, wie ich mich fühle.

Nicht mit mir!

Steve

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist es noch dunkel draußen, doch durch das Fenster dringen bereits die Geräusche der Stadt an mein Ohr. New York schläft nie. 

Mit offenen Augen liege ich da und denke zurück. Fast jedes Jahr haben wir meine Großeltern in der Weihnachtszeit besucht, und es war jedes Mal, als würde ich in eine fremde, magische Welt eintauchen. Eine Weihnachtswelt aus bunten Lichtern, Elfen, Rentieren und unglaublich echt wirkenden Weihnachtsmännern. Jahrelang war ich überzeugt davon, dass dieser Typ im roten Samtkostüm, der in der Spielzeugabteilung bei Macy’s lauthals »Ho-ho-ho« rief, der echte Santa Claus sei. Der Mann machte seinen Job aber auch wirklich gut und die Erinnerung, wie Mom mich jedes Mal von ihm wegtragen musste, lässt mich schmunzeln.

Ich schlage die Decke zurück und tappe ans Fenster. Viel sehe ich nicht, nachdem ich den Vorhang einen Spalt zur Seite geschoben habe – in dem dunklen Hinterhof stehen eine Reihe Mülltonnen, die Lichter eines Lkw, der rückwärts in die enge Gasse rangiert, schimmern auf der Hauswand gegenüber. Sicher der Wäscheservice oder irgendein Lieferant. Was mich jedoch beunruhigt, sind die kleinen Schneeflocken, die vom Himmel fallen und einen dünnen weißen Schleier über den Asphalt legen. 

Ich kratze mir den Kopf und beschließe, mich erst mal unter die winzige Dusche zu drücken, die die Hälfte des ebenfalls winzigen Badezimmers einnimmt. Wird man im Alter kleiner?

 

Der Wecker auf dem Nachttisch zeigt 7.30 Uhr, als ich fertig geduscht und angezogen den Vorhang nun ganz zur Seite schiebe und meine Augenbrauen in die Höhe schießen. Das ist kein zarter Schleier mehr, sondern eher ein ordentlicher Hochflor-Flokati! Ein Glück, dass ich vor der Abfahrt das feste Verdeck auf die Pritsche montiert habe. Ich weiß zwar nicht, wie viel Gepäck Grandma besitzt, aber es soll doch trocken und sicher in Texas ankommen.

Es klopft an der Zimmertür.

»Guten Morgen, mein Weihnachtsengel. Schon aus dem Fenster gesehen?« 

Granny grinst. Weihnachtsengel – so hat sie mich als kleinen Jungen immer genannt.

»Ja, das habe ich. Guten Morgen, Gran.« Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange. »Wir sollten uns mit dem Frühstück ein wenig beeilen. Hast du viel Gepäck?«

Ich trete zu ihr auf den Flur und ziehe die Tür ins Schloss. 

»Nur zwei Koffer«, gurrt sie und hakt sich bei mir unter. 

Gut, die passen locker ins Auto.

»Und den Schaukelstuhl von deinem Großvater.«

Moment! Ich kenne diesen Schaukelstuhl. Grandpa hat mich so oft auf seinem Schoß mitschaukeln lassen und mir dabei die abenteuerlichsten Geschichten erzählt. Von Seefahrern, Piraten und verschwundenen Schätzen. Der Stuhl ist ein antikes Monstrum. Ein wunderschönes Biedermeier-Möbel mit geschwungenen Armlehnen und mit dunkelbraunem Leder bezogen. Aber wie soll ich das Ding bei dem Wetter auf dem Pick-up transportieren?

»Granny! Können wir den nicht nachschicken lassen?«

»Nein, mein Lieber. Ohne diesen Schaukelstuhl gehe ich nirgendwo hin. Du hast als Sheriff doch sicher ein großes Auto.« 

Sie tätschelt meine Hand und lässt mich stehen, um an das reich gedeckte Frühstücksbüfett zu treten.

Na toll. Und da ich weiß, dass sie alles genau so meint, wie sie es sagt, überlege ich bereits, wo ich eine Plastikplane herbekomme, um das gute Stück einzupacken. Den Stuhl, wohlgemerkt, nicht Granny. Aber zuerst brauche ich einen Kaffee! Groß, schwarz und stark.

Während Grandma noch ihren Earl Grey mit Zitrone genießt, mache ich mich auf den Weg zur Rezeption und bin erleichtert, als ich Schwester Maria dort entdecke. Grinsend lauscht sie meinem Dilemma und nimmt mich mit in den Keller, wo sie mir in einem Abstellraum diverses Verpackungsmaterial präsentiert. Auf meinen fragenden Blick hin erklärt sie, dass es leider öfter benötigt würde, um den Nachlass verstorbener Heimbewohner an die Angehörigen zu versenden. 

»Eine große Plane habe ich allerdings nicht. Die bekommen Sie aber sicher unten an der Ecke bei Jeffrey’s Hardware 

Ich schnappe mir zwei Rollen Luftpolsterfolie und Klebeband und bitte Maria, alles auf die Rechnung zu setzen. Sie schüttelt nur den Kopf. »Um Gottes willen, nein. Ich weiß doch, wie sehr Ihre Großmutter an dem Stuhl hängt. Das geht schon in Ordnung.« 

Gemeinsam steigen wir die Treppen wieder nach oben. 

»In den Nachrichten warnen sie vor einem Blizzard. Möchten Sie nicht lieber noch ein, zwei Nächte bleiben?«

Ich verstehe Schwester Marias Sorgen, aber die Zeit drängt. »Das geht nicht. Ich muss spätestens am Montag wieder auf dem Revier sein. Vor Weihnachten ist dort die Hölle los.«

Der Zweifel spricht aus ihrem Gesicht, doch sie nickt.

Mittlerweile ist es halb neun. Ich wollte bis heute Abend wieder das Motel in Nashville erreichen, aber dafür sehe ich langsam schwarz. In meinem Plan hatte ich weder Schnee noch Schaukelstühle berücksichtigt.

 

Kessy

Mein Gott, bin ich müde. Ich stehe im Büro und gähne den Kopierer an, der monoton vor sich hin surrt. 

Amanda hatte letzte Nacht Herrenbesuch. Mal wieder. Und dank der dünnen Wände, die unsere Zimmer voneinander und von der angrenzenden Wohnküche mit dem Duschbad trennen, war ich live dabei, wie die beiden die höchsten Höhen der Leidenschaft erklommen haben – bis morgens um drei. Ich habe es mit dem Kissen über dem Kopf, Taschentüchern in den Ohren und purer Ignoranz versucht, doch nichts half, das Seufzen, Schreien und Quietschen aus dem Nebenzimmer auszublenden. 

Dem Sex fremder Menschen lauschen zu müssen, während man selbst mit einem Kuscheltier im Arm nebenan im Bett liegt, hat etwas Ernüchterndes und zutiefst Deprimierendes. Amanda hat sich die Seele aus dem Leib gestöhnt. Und ich? Ich habe die Monate gezählt, die vergangen sind, seit Greg mich für eine der Cheerleaderinnen aus seinem Footballteam verlassen hat, und kam mir dabei ganz schön armselig vor. Irgendwann habe ich mich resigniert auf die andere Seite gedreht und Mr. Fluffy an mich gedrückt, um gemeinsam mit dem abgewetzten Plüschbären Amandas großem Finale entgegenzufiebern. Nicht, weil ich unbedingt miterleben wollte, wie ihr leidenschaftlicher Gesang immer mehr anschwoll und sie in einem erstickten Aufschrei wortwörtlich ihren Höhepunkt fand. Nein. Ich hoffte lediglich, danach noch ein paar Stündchen Schlaf zu bekommen.

Dementsprechend kämpfe ich nun dagegen an, dass mir die Augen zufallen. 

Violet hatte heute Morgen nicht einmal einen Gruß für mich übrig. 

Schnepfe! 

Ich lehne meine Stirn gegen die kühle Betonwand und während sich meine Lider unweigerlich senken, denke ich darüber nach, warum man Frauen wie meine Kollegin mit Wasservögeln vergleicht. Ob es an den spitzen, langen Schnäbeln liegt, mit denen sie tief im Schlamm herumstochern? Möglich wäre es. 

Der Kopierer piepst und ich reiße den Kopf hoch. Heute muss ich früh ins Bett. Ich greife nach dem Stapel Papier, um ihn in Mr. Mathews Büro zu tragen. Laut Violet kommt er heute später. Ich richte die Unterlagen akkurat auf seiner Schreibtischunterlage an und nutze die Ungestörtheit, mich ein wenig in dem steril anmutenden Raum mit den bodentiefen Fenstern umzusehen. Außer einem Familienfoto in einem Silberrahmen, das eine hübsche blonde Frau mit zwei lachenden Kindern auf dem Schoß zeigt, finde ich nichts Persönliches. Nichts! Der Raum ist genauso glatt und aufgeräumt wie der Mann selbst – der in diesem Moment im Türrahmen steht. 

Scheiße! 

Er mustert mich, tritt ein und schließt in aller Seelenruhe die Tür. »Suchen Sie etwas, Ms. Miles?« 

Miller! Ich heiße Miller!

»Nein, Mr. Mathews, ich habe Ihnen nur die Kopien für das Meeting auf den Tisch gelegt. Guten Morgen.«

Ich möchte zügig an ihm vorbeigehen, doch mit einem Schritt zur Seite verstellt er mir den Weg. Mit einem Mal ist es kalt im Raum. 

»Setzen Sie sich, Ms. Miller

Also doch, er kennt meinen Namen. Was für ein Spielchen spielt er hier? 

Ich suche in seinem Gesicht nach einem Hinweis, aber er grinst nur überheblich und deutet auf den Sessel vor dem Schreibtisch.

»Danke, ich stehe lieber.« 

»Setzen Sie sich!« 

Sein Ton ist schneidend und da er der Boss ist, komme ich seiner Aufforderung nach. 

Ohne meinen Blick loszulassen, lehnt er sich rücklings an die Tischkante und verschränkt die Arme vor der Brust. »Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft in unserem Unternehmen vor?«

»Wie bitte?« 

Genervt hebt er eine Augenbraue. »Sie möchten doch nicht ewig am Empfang arbeiten, oder? Dafür haben Sie nicht studiert, nehme ich an.«

Skeptisch neige ich den Kopf. Worauf will er hinaus? 

Sein plötzliches Interesse an meinen Berufswünschen sollte mich freuen. Jetzt wäre der Moment, ihm meinen Werdegang darzulegen und um eine Aufgabe im Grafik-Team zu bitten. Doch etwas in seinen azurblauen Augen appelliert an mein Unterbewusstsein, mich in Acht zu nehmen.

»Natürlich nicht, Mr. Mathews«, beginne ich möglichst diplomatisch. »Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mir ein Praktikum in Ihrer Agentur angeboten haben, so frisch nach der Uni. Dennoch möchte ich lieber früher als später in meinem erlernten Beruf arbeiten.«

Er hebt eine Hand und reibt sich das Kinn. »Sie wissen, dass Grafik-Jobs in New York City rar und heiß begehrt sind?«

Ich nicke.

»Was wären Sie bereit, dafür zu tun?«

Instinktiv rutsche ich ein Stück auf dem Stuhl zurück. »Ich verstehe nicht, Mr. Mathews.«

Er beugt sich herunter und schlingt sich eine Strähne meines Haares um den Zeigefinger. »O doch, Ms. Miller, Sie verstehen mich ganz genau. Sie sind eine kluge und hübsche junge Frau. Mit ein wenig Einsatz könnte ich Ihnen zu einer erfolgreichen Karriere verhelfen.«

Dieser Mistkerl. Keinen Meter von ihm entfernt steht das Foto seiner Frau mit den Kindern und er baggert mich so unverblümt an? Glaubt er allen Ernstes, dass ich den Job so unbedingt will, dass ich dafür mit ihm in die Kiste springe?

»Und ich dachte, die Besetzungscouch stünde nebenan am Broadway.« Ich funkele ihn an und entziehe mich seiner Hand.

Mathews lacht leise. »Schlagfertig sind Sie also auch. Das gefällt mir.«

»Was, wenn ich Nein sage?«

»Dann, Ms. Miller, habe ich keine weitere Verwendung für Sie.«

Das war’s. Ohne darüber nachzudenken, schiebe ich den Stuhl zurück und wende mich zum Gehen. »Vielen Dank für Ihr Angebot, Mr. Mathews. Ich kündige.«

Wutentbrannt reiße ich die Tür auf und eile zum Empfang, wo ich meine Sachen zusammensuche. Außer der Tasse mit dem Hufeisen darauf, die Nana mir zum Abschied geschenkt hat, gehört mir hier sowieso nichts. Ich stopfe sie in meine Handtasche und stürme ohne ein Wort an der verdutzten Violet vorbei zur Tür.

Im Fahrstuhl lehne ich an der Wand der Kabine und blicke Hilfe suchend zur Decke. Tränen brennen in meinen Augen und ich versuche alles, um das Schluchzen hinunterschlucken, das mir die Brust zu zerreißen droht. Ich will nicht weinen. Nicht wegen eines hinterhältigen Arschlochs wie Mathews, der mich mit voller Absicht am langen Arm hat verhungern lassen, um mir dann dieses unmoralische Angebot zu machen. Nicht mit mir! Ich mag vom Land kommen, aber wenn ich dort eines gelernt habe, dann ist es Stolz. Und dass man wieder aufsteht, wenn man vom Pferd gefallen ist. Ich werde weitermachen! Auch wenn ich gerade überhaupt keine Ahnung habe, wie.

Die Türen des Fahrstuhls gleiten auf und ich stolpere durch den Ausgang auf die Straße. Eisiger Wind schlägt mir entgegen. Das Schneetreiben ist stärker geworden, um mich herum leuchten und blinken die Weihnachtsdekorationen und aus dem Café gegenüber tönt Jingle Bells. 

Und dann passiert es doch. Die Kälte schließt sich um mich, durchdringt meinen Körper bis tief in mein Herz – und ich weine.

Ein Hauch Spekulatius

Steve

Der Zeitplan ist im Eimer. 

Ich hätte wissen müssen, dass Granny sich herzlich wenig für meine Planung interessiert und das Packen ihrer Koffer in ihrem eigenen Tempo durchzieht. Auf meine Frage hin, ob sie das nicht gestern hätte machen können, schaut sie mich tadelnd über den Rand ihrer goldenen Brille an. 

»Ich hatte zu tun.« 

Natürlich. Was auch sonst?

»Und was, wenn ich fragen darf?« 

Sie beachtet mich nicht weiter und drapiert einen Seidenschal um eine kleine weiße Porzellanfigur.

Den Schaukelstuhl habe ich bereits unter ihrer fachmännischen Beobachtung in Luftpolsterfolie gewickelt, daher beschließe ich, zum Craft Shop zu laufen, um mich nach einer Plane umzusehen. Nicht, ohne mir vorher das Versprechen einzuholen, dass sie mit dem Packen fertig sein wird, wenn ich zurückkomme. 

An der Rezeption ruft mir Schwester Maria hinterher, dass ich mein Auto umparken soll. Verdutzt bleibe ich stehen. »Warum?«

»Es ist Freitag – die Kehrmaschine kommt.« Maria lacht. »Sie können aber zum Einladen gern in den Hof fahren.«

Das hatte ich total vergessen und als ich kopfschüttelnd auf den Bürgersteig trete und mir den Hut gegen das Schneetreiben tief ins Gesicht ziehe, sehe ich, dass bereits die Hälfte der Parkplätze geräumt sind. Ja, in New York City kommt zweimal in der Woche die Kehrmaschine. Mittwochs reinigt sie die linke Spur und freitags die rechte, an der mein Chevy fast schon vereinsamt parkt. Wenn man das nicht weiß, wird es schnell teuer, denn die Fahrzeuge, die der Putzkolonne im Weg stehen, werden erbarmungslos abgeschleppt. 

Mit der bloßen Hand befreie ich die Scheiben vom Schnee und bugsiere das Auto durch die enge Einfahrt in den Hinterhof des Seniorenheims.

Auf dem Weg zum Handwerkerladen entgehen mir die Blicke der Leute nicht, die hier wohl nicht allzu oft einen Typen mit Cowboyhut zu Gesicht bekommen. Abgesehen vielleicht vom Naked Cowboy, der lediglich mit Hotpants und Stiefeln bekleidet mit seiner Gitarre am Times Square sein Unwesen treibt. 

Ob der das im Winter auch macht? 

Freundlich lächele ich den Leuten entgegen und tippe mir bei einer entzückenden älteren Dame mit zwei Fingern an die Krempe. »Ma’am«, raune ich ihr zu, was ihr sogleich die Röte auf die Wangen treibt. Sie kichert wie ein junges Mädchen. 

Ich beschließe, dass dieser Morgen trotz des Wetters und meines ruinierten Zeitplans eine Chance verdient hat, schließlich ist in ein paar Tagen Weihnachten. Mit Jingle Bells auf den Lippen, das von irgendwoher an meine Ohren dringt, biege ich um die nächste Ecke – und laufe ungebremst in jemanden hinein. Mir passiert nichts, doch mein Gegenüber prallt unsanft von meiner Brust ab und stolpert rückwärts, sodass ich beherzt zupacke, um einen Sturz zu vermeiden. 

Es ist eine Frau. Sie hat die Kapuze ihres Parkas tief ins Gesicht gezogen und flucht. Gerade als ich mich entschuldigen möchte, hebt sie den Kopf und ich sehe in ihre rehbraunen Augen, die gerötet und verheult aussehen, die ich aber sofort erkenne. 

»Kessy?«

»Steve!« 

Für einen Moment bleibt ihr der Mund offen stehen und sie starrt mich ungläubig an. 

»Was machst du denn hier?«, fragen wir gleichzeitig und sie lacht leise schniefend auf. 

Warum hat sie geweint? Und was macht sie in New York? Ich dachte, sie würde in Dallas irgendetwas mit Medien studieren. Zumindest habe ich sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr in Grandview gesehen – und ihre engelsgleiche Stimme beim sonntäglichen Gottesdienst vermisst. Jetzt steht sie vor mir wie ein Häufchen Elend und meine Hände liegen immer noch auf ihren Schultern, obwohl sie längst keinen Halt mehr benötigt. Der Wind wirbelt die Schneeflocken um ihr hübsches Gesicht.

»Ich hole meine Grandma ab. Und du?«

Um Fassung ringend wischt sie sich die Tränen von den Wangen, dann sieht sie auf und bei all der Traurigkeit in ihren Augen verspüre ich den Drang, sie an mich zu drücken und zu trösten.

»Ich habe bis eben noch hier gearbeitet«, flüstert sie und der nächste Schluchzer schüttelt ihren Körper. 

Nun kann ich nicht anders. Ich ziehe sie in eine feste Umarmung und lege meine Hand an ihren Hinterkopf. Sie versteift sich für einen Moment, doch dann umfasst sie meine Taille und drückt sich weinend an mich. Mein Kinn ruht auf ihrer Kapuze. Sie riecht gut. Ein bisschen Vanille, ein Hauch Spekulatius. Sanft dirigiere ich sie unter den nächsten Häuservorsprung, wo der Wind weniger heftig weht und wir dem Strom der Fußgänger entkommen.

»Schhh, nicht weinen. Möchtest du darüber reden?«

Sie schiebt mich ein wenig von sich. »Tut mir leid. Ich war nur so durch den Wind. Es geht schon wieder.« 

Kessy trocknet ihre Wangen am Ärmel des Mantels und strafft die Schultern. Doch ich kann sie in diesem Zustand unmöglich allein lassen. Und da es auf eine halbe Stunde mehr oder weniger nun auch nicht mehr ankommt, ziehe ich sie kurzerhand mit mir. 

»Komm, Kessy Miller. Da drüben ist ein Café. So viel Zeit muss sein.«

Das Café ist klein und gemütlich eingerichtet, mit einer Mischung aus modernem Mobiliar und Vintage-Möbeln und verspielten Kronleuchtern an der Decke. Wir ergattern einen freien Tisch am Fenster und ich helfe Kessy aus ihrem Mantel. Nachdem die Kellnerin unsere Bestellung aufgenommen hat, betrachte ich meinen gefallenen Weihnachtsengel mit den kastanienbraunen Haaren, die ihr offen und in leichten Wellen über die Schultern fallen. Als ich erneut frage, was passiert ist, knetet sie ihre Finger und wirkt ein wenig verloren. Doch dann erzählt sie von ihrem Praktikum, wie unglücklich sie mit ihrer Aufgabe als Mädchen für alles war, und auch, dass und warum sie vor nicht einmal einer halben Stunde gekündigt hat. 

Ich bin sprachlos. Die Geschichte klingt wie aus einem schlechten Groschenroman und es tut mir im Herzen weh, dass ausgerechnet Kessy so etwas erleben musste.

»Und was hast du jetzt vor?«, frage ich. 

Sie zuckt mit den Schultern. »Wenn ich das wüsste.« Gedankenverloren wandert ihr Blick aus dem Fenster. »Ohne einen Job kann ich mir das Apartment nicht leisten, aber vor den Feiertagen ist es fast unmöglich, etwas Neues zu finden.« Und nach einer kleinen Pause fügt sie hinzu: »Wenn ich ehrlich bin, würde ich am liebsten nach Hause fahren. Bald ist Weihnachten.« 

Mit großen Augen sieht sie mich an und die goldenen Weihnachtskugeln, die an Geschenkband im Fenster hängen, spiegeln sich in ihren Pupillen.

»Ich hätte noch einen Platz im Auto frei«, höre ich mich sagen und erwarte im selben Augenblick, dass sie dankend ablehnt. Doch Kessy legt den Kopf schief und mustert mich.

»Ich denke, du holst deine Großmutter ab. Fliegt ihr nicht?«

»Nein. Granny weigert sich, ein Flugzeug zu betreten. Wenn du also nichts gegen einen kleinen Weihnachts-Roadtrip mit Schaukelstuhl einzuwenden hast, bist du herzlich eingeladen.«

Sie lacht und der Klang ihrer weichen Stimme wärmt mein Innerstes. »Kann ich darüber nachdenken?«, fragt sie und führt ihr Glas Chai Latte an den Mund. 

Meine Augen verfolgen ihre rosigen Lippen, die sich um den Rand der Tasse legen, dann schaue ich hastig auf die Uhr. »Wenn du in, sagen wir, eineinhalb Stunden am Evergreen Retirement Home vorn an der Maiden Lane bist, nehme ich dich mit. Wenn nicht, wünsche ich dir jetzt alles Gute und frohe Weihnachten. Einverstanden?« 

Ich lege einen Geldschein für unsere Getränke auf den Tisch, stehe auf und strecke Kessy meine Hand entgegen.

»Abgemacht.« Sie lächelt und schlägt ein. 

Ich halte ihre Hand ein wenig länger als nötig, weil ich in ihren Augen versinke. Dann setze ich den Hut auf und nicke ihr zu. »Bis später.«

Ich kann nicht sagen, was mich so sicher macht, dass sie kommen wird. Es ist so ein Gefühl. 

Seltsam beschwingt nehme ich den Weg in Richtung Seniorenheim und vergesse die Plane.

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