Leseprobe zu LOVE & DESIRE

beginnend ab Prolog

Lesezeit: 30-40 Minuten

SAM

Früher

»Was machen wir jetzt?«, fragt Mary, oder vielleicht heißt sie auch Monica. Es interessiert mich nicht. Dabei kichert sie, wie wenn sie erst fünfzehn wäre, anstatt heute ihren achtzehnten Geburtstag zu feiern. Als sie sich unsicher aus ihren hochhackigen Pumps befreit ist es eigentlich kaum zu glauben, dass ich nur zwei Jahre älter bin. Sie wirkt wie ein junges scheues Reh, aber genau das ist es, was ich heute will.

»Das, was ich immer mache«, antworte ich trotzdem fast gelangweilt und streife ihr die Hose ab und sofort danach ihr bauchfreies Top. Wieder gluckst die Kleine und himmelt mich verliebt an.

»Ich weiß nicht, was du gerne machst.«

Mit einem Ruck ziehe ich sie an den Füßen zu mir, sodass ihr nackter Rücken über den Teppich streift und sie kurz erschrocken aufkreischt. »Wichtig ist nur, dass du ab jetzt genau das tust, was ich von dir verlange. Und, dass du leise bist. Kannst du das?«

Die Kleine nickt, sieht aber nicht so aus, als ob sie sicher ist, dass sie das Richtige tut.

»Du warst doch schon mit einem Mann zusammen«, sage ich und gleite mit dem Handrücken über ihre Wade. Eigentlich sehe ich sie jede Woche mit einem anderen um die Häuser ziehen.

»Aber mit keinem wie dir.«

»Wie meinst du denn, dass ich bin?«, frage ich und öffne mit der freien Hand meinen Gürtel.

»Anders. So männlich«, sagt sie und kichert wieder.

»Wir werden sehen«, flüstere ich und lasse meine Augen über ihren Körper wandern. Nachdem ich den Gürtel durch die Schlaufen gezogen habe, gleitet meine Hand an ihr höher, bis hinauf zu dem dunkelroten Slip, den sie wahrscheinlich nur für mich trägt. Als meine Finger über ihren Hügel streichen, keucht sie und ich ziehe mich abrupt zurück.

Erschrocken reißt sie die Augen auf. »Habe ich etwas falsch gemacht?«

»Du sollst still sein, war meine Anweisung.«

»Aber wieso? Willst du mich nicht?«, fragt sie verlegen.

»Jetzt in diesem Moment will ich dich. Doch dazu musst du leise sein und keinen Laut mehr von dir geben.« Wie zur Bestätigung wandert meine Hand zurück zu ihrem Slip und ich fahre mit den Fingern unter den Saum, bis kurz vor ihre Knospe.

Unter meiner Berührung still zu bleiben, fällt ihr sichtlich schwer, aber zur Belohnung streiche ich einmal über ihre Knospe. »Steh’ auf!«

Dieses Mal ohne nachzufragen, erhebt sie sich und blickt zu mir hinunter. Ihre Gesichtszüge sind in dem nur durch Kerzen erhellten Raum schwer auszumachen, doch ihr Atem geht so schnell, dass ich weiß, sie ist aufgeregt. .

»Wenn du tust, was ich sage, werde ich dich nachher belohnen. Ich werde dich nehmen, lang und tief und es wird das Beste sein, das du je gefühlt hast, Kleines.«

Ich stehe jetzt ebenfalls auf und lasse den Gürtel durch die Finger gleiten. Und gerade, als sie mich wieder etwas fragen will, schüttle ich mit dem Kopf. Als sie stumm bleibt, schenke ich ihr ein Lächeln. »Dreh’ dich um!«

Sofort kehrt sie mir ihren Rücken zu und wirkt dabei wahnsinnig aufgeregt. Während ich ihren Slip herunterziehe, frage ich mich, wie lange sie diesen Abend wohl herbeigesehnt hat. Und ob sie vielleicht doch noch einen Rückzieher macht? Schon seit Monaten beobachtet sie mich auf dem Unigelände und bei unseren gemeinsamen Vorlesungen. Und deshalb weiß sie auch genau, dass ich anders bin als die anderen Jungs.

Abrupt ziehe ich ihren Körper an mein Becken und drücke ihr meine große, pralle Erektion gegen den Arsch. Sie keucht kurz, doch als jetzt der Gürtel ihr Hinterteil trifft, schreit sie laut auf.

»Ich sagte, keinen Laut, Kleines! Entweder du tust, was ich von dir verlange, oder wir lassen das hier. Noch hast du die Chance zu gehen. Wenn du aber bleibst, machen wir das, was ich sage. Und manchmal wird genau das ein bisschen wehtun. Doch zur Belohnung schenke ich dir die süßeste Erlösung.«

Wieder nickt sie verhalten und sofort knalle ich ihr den Riemen erneut auf ihre zarte Haut. »Wenn ich dich etwas frage, direkt frage, dann erwarte ich eine angemessene Antwort und dazu will ich, dass du mich mit Herr ansprichst.« Ich lege meine Hand um ihr Kinn und drehe ihr Gesicht in meine Richtung. »Antworte mir!«

»Ich will dich, Herr«, haucht sie und drückt mir dabei ihren willigen Hintern fester gegen den Schwanz.

Ich werde sie nicht verletzen. Nicht so, dass sie sich wirklich fürchten muss. Ich werde etwas anderes mit ihr tun. »Bleibst du?«, frage ich noch einmal.

»Ja, Herr, ich bleibe«, sagt sie diesmal voller Überzeugung.

Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht und ich streiche mit dem Daumen über ihre Wange, was sie sofort erschaudern lässt.

»Dann dreh’ dich, Kleines, und beug’ dich über die Stuhllehne.« Erst als sie ihren Oberkörper in Position gebracht hat, streiche ich erneut über ihre Knospe. »Spreiz’ die Beine für mich, Kleines, ich will alles von dir sehen!«

Bereitwillig stellt sie ihre Beine auseinander und ich entferne mich von ihr. Meine Augen halte ich die ganze Zeit jedoch bei ihr, um zu sehen, ob sie artig bleibt und sich nicht herumdreht. Als ich wieder hinter ihr stehe, meine Hände über ihre Beine gleiten, zittert sie leicht. Im nächsten Moment binde ich ihre Fußknöchel mit einem rauen Seil an den Stuhl fest und fahre sofort wieder zu ihrer Mitte.

»Bist du immer so feucht?«, frage ich leise.

»Nur bei dir, Herr.«

Meine Hand knallt fest auf ihren Arsch. »Nur bei mir?«

»Nur bei Ihnen, Herr!«, schreit sie beinahe, als meine Finger erbarmungslos in sie eindringen.

»Nimm die Hände auf den Rücken«, befehle ich ihr. Sie gehorcht sofort und ich bin mir sicher, dass sie für heute doch die richtige Entscheidung war. Sie hat keine Erfahrungen in diesen Dingen, aber wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie spätestens morgen wieder an meiner Tür kratzen. Das tun sie immer. Aber nach diesem Abend werde ich sie nie wieder anfassen. Das tue ich nie.

Ich nehme das Seil, das ich mir vorhin um den Hals gelegt habe, und zurre damit ihre Handgelenke fest. Dann greife ich nach einer der Kerzen vom Tisch und sofort wächst meine Erektion ins unermessliche. »Ich finde, wir könnten dem Ganzen noch etwas mehr Hitze geben. Was meinst du, Kleines?«

»Ja, Herr.«

Als das heiße Wachs auf ihren Rücken trifft, schreit sie auf und sofort reiße ich ihre Hände weiter nach hinten.

»Still geht anders, Kleines«, raune ich, »wenn ich dich nehmen soll, wirst du jetzt ruhig sein. Egal, was ich tue, klar?«

Sofort verstummt sie, und während ich die Kerze zurückstelle, ziehen meine Finger Kreise durch das heiße Wachs. Ihr Rücken ist hübsch, ebenso ihr Arsch. Erneut klatscht meine ausgestreckte Hand auf ihn und ich weiß, sie wird lernen. Keinen Laut gibt sie mehr von sich.

»Du machst mich an«, flüstere ich und streife mir die Jeans ab. Meine Augen liegen auf ihrer Mitte und obwohl ihr Körper noch leicht zittert, sehe ich, wie bereit sie ist. Ich gehe um den Stuhl herum und stelle mich vor ihr auf. »Heb deinen Oberkörper.« Meine Hand greift in ihr langes Haar und als sie aufrecht steht und mich lodernd ansieht, werde ich wütend. »Ich will nicht, dass du mich ansiehst. Nur, wenn ich es dir erlaube!«

»Ja, Herr.« Augenblicklich senkt sie den Blick.

Ich setze mich auf den Stuhl, an dem sie festgebunden ist, und nehme einen ihrer Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger. Vorsichtig bearbeite ich erst den einen und dann den anderen. Solange, bis beide aufrecht stehen und ich am liebsten hineinbeißen würde. Stattdessen wandert meine Hand durch die Verstrebung des Stuhls und stimuliert ihren Kitzler.

»Oh Gott«, keucht sie und augenblicklich beiße ich in einen ihrer Nippel.

»Keine Bewegung, ohne meine Anweisung, kein Laut, kein Blick, ohne Aufforderung. Ich kann dich quälen bis morgen früh. Solange du nicht gänzlich nach meinen Regeln spielst, wirst du mich nicht in dir spüren!«

»Ja, Herr.«

Meine Hände streichen jetzt über ihre Brustwarze, während ihr Haar in weichen Wellen darüberfällt und ich ihren beschleunigten Atem auf meiner Haut spüre. »Hast du es schon mal von hinten bekommen, Kleines?«

»Nein, Herr, noch nie.« Ihre Stimme ist leise und bebt leicht. Sie ist aufgeregt, hat Angst, aber ebenso will sie wissen, wie es mit mir ist.

Vorsichtig stehe ich auf, während ich dabei ihr Haar zu einem Zopf drehe, mich daran festhalte und dann herumdrehe. Erneut greife ich zum Tisch und nehme mir den Plug. »Das wird eine neue Erfahrung für dich, Kleines. Wenn du dich artig verhältst, werde ich ganz vorsichtig sein. Und ich verspreche dir, dass es mich so anmachen wird, dass ich dich dafür belohne.«

Sie antwortet nicht. Ist viel zu konzentriert auf meine Hand, die immer wieder ihren Kitzler berührt, und den Plug, der über ihren Hintern streicht.

»Wenn du das hier für uns tust, Kleines, werde ich gleich vielleicht schon in dir sein. Richtig, wenn du verstehst«, sage ich und lasse sie als Vorkost meinen Finger spüren.

Sie versucht nicht zu stöhnen oder zu schreien, aber ihre Beine zittern leicht.

»Das machst du gut«, keuche ich leise in ihr Ohr, während meine Finger immer wieder in sie eindringen. Im nächsten Moment stoße ich ihr den Plug in den Hintern und sie ist nicht mehr fähig, den schmerzerfüllten Schrei zu unterdrücken. Sofort entferne ich meine Finger aus ihrer Mitte und dringe tiefer mit dem Plug ein.

Langsam wird sie ruhiger, gewöhnt sich an die ungewohnte Reizung. Und als meine Hand über ihre Wirbelsäule fährt, streckt sie lasziv ihren Rücken durch.

»Geht doch, Kleines«, sage ich. Den Plug lasse ich in ihr stecken und trete zurück. »Bleib!«

Es ist nicht das, was sie sich gewünscht hat, sicher nicht. Vielleicht dachte sie, ich wäre nicht viel schlimmer als die Männer vor mir.

Und sicher ist es nichts, was sie je für möglich gehalten hätte.

Doch als ich meine Erektion an ihre Spalte drücke, meine warmen, rauen Hände um ihre Brüste fassen und ich mit dem nächsten Atemzug in sie eindringe … Weiß ich, dass es alles ist, was sie jemals wollte und brauchte.

SARAH

Heute

Die Tür des ›Sweet Cup‹ gleitet hinter mir zu und mit schnellen Schritten biege ich um die nächste Straßenecke.

Wie lange ich all das noch aushalte, weiß ich nicht, aber ich versuche es. Jeden verdammten Tag! Jeden Tag fressen sich die Gefühle durch meinen Kopf – durch mein Herz. Wie Zombie-Bakterien, die mich vernichten wollen. Sie arbeiten sich durch jede Zelle, durch jedes Glücksgefühl, bis nichts mehr von mir übrig ist.

Schon mein Leben lang kämpfe ich gegen diese Zombies an und ich kann sie nicht abschütteln – egal was ich tue. Ich rede mir ein, dass ich stark sein muss, stark sein kann. Aber so ist es nicht. Ich habe nie Stärke in mir gefühlt. Weder hier – in Freiheit – noch dort, wo ich herkomme.

Obwohl ich alles, was mir möglich ist, dafür tue, dass sich diese neue Freiheit, die doch wie ein Gefängnis ist, zu einer neuen Stärke entwickelt.

»Hey! Pass doch auf, du blöde Kuh!«, schnauzt mich ein Mann an, in den ich in diesem Moment hineinlaufe und dessen Berührung mich erstarren lässt.

Ich sehe nicht zu ihm auf, hefte meine Augen auf seine grauen Schuhe aus Wildleder, und ziehe meine Jacke, enger um meinen Körper.

»Wenn du das nächste Mal auf die Straße gehst, solltest du zumindest die Augen aufmachen«, mault er mich an und ich rieche seinen Atem, der mich unweigerlich an den modrigen Geruch der Laken im ›Kitty Club‹ erinnert.

Sofort stellen sich Bilder dazu ein, die ich nicht sehen will. Ohne weiter auf ihn zu achten, haste ich an ihm vorbei. Ich muss Distanz zwischen uns zu bringen. So wie ich zwischen jeden Mann und mir Distanz brauche.

»Hättest dich wenigstens entschuldigen können, du Irre!«, motzt er mir hinterher, doch bald höre ich ihn nicht mehr, weil die vielen anderen Menschen und die Geräusche der vorbeifahrenden Autos ihn übertönen.

Als ich endlich Li-Mings China-Restaurant erreiche, über dem ich seit einem Jahr wohne, habe ich es fast geschafft. Ich will alleine sein, ohne fremde Menschen, nur dann fühle ich mich sicher. Mein Blick gleitet durch die seitliche Fensterscheibe des Restaurants ins Innere und nach einem tiefen Atemzug trete ich ein.

»Sarah!« Wie jeden Tag kommt meine Vermieterin Li-Ming mit gebratenen Nudeln in der Hand auf mich zu … wie jeden Tag um dreizehn Uhr fünfzehn überreicht sie mir die Alu-Schale.

Und wie jeden Tag bin ich froh, wenn sie mir bereits entgegenkommt und ich nicht durch die vielen Menschen pendeln muss.

Freundlich nicke ich und gehe schnell auf den Flur hinaus, die alte morsche Treppe drei Etagen hinauf, bis unters Dach und fühle mich erst einigermaßen sicher, als ich die Tür hinter mir schließe.

Meine Jacke hänge ich ordentlich an den Kleiderhaken und setze mich vor das Fenster auf den durchgesessenen flachsfarbenen Sessel, den Li-Ming mir zum Einzug geschenkt hat. Durch die offenen Scheiben dringen die Geräusche der überfüllten Straßen zu mir hoch und zum ersten Mal an diesem Donnerstag fühle ich mich annähernd glücklich. Niemand, der etwas von mir will, niemand, der mich bedrängt, und niemand, dem ich Rechenschaft schuldig bin.

Schnell schlinge ich die Nudeln in mich hinein, um mich an meinen selbstgebauten Schreibtisch aus alten Holzpaletten mit einem Kissen davorzusetzen, damit ich meinen Schulstoff lernen kann.

Viel habe ich in den letzten Monaten noch nicht geschafft, sogar deutlich weniger als ursprünglich geplant, aber so ist es eben, wenn man sieben Stunden im ›Sweet Cup‹ arbeitet und in der Nacht, aufgrund der Straßengeräusche und schlechten Träume, kaum schläft.

Schätzungsweise noch drei Monate und ich werde meinen High-School-Abschluss nachgeholt haben. Erst danach mache ich mir Gedanken, wie es weitergeht. Mein Traum ist es, eines Tages eine eigene Steuerkanzlei aufzumachen. Wobei mir völlig klar ist, dass ich diese nicht einfach so führen kann, ohne mit Menschen in Kontakt zu treten.

Step-by-Step. Das versuche ich mir einzureden. Ich will das unbedingt! Obwohl ich noch nicht weiß, wie. Von Zahlen habe ich schon als Kind geträumt, doch dort, wo ich aufgewachsen bin, stehen sie für etwas anderes, als ich es im Sinn habe.

Gerade als ich zum Mülleimer gehen will, um die Alu-Schale hinein zu schmeißen, klopft es und ich lasse die Schale beinahe fallen.

»Sarah, Li-Ming ich bin, du kommen in Restaurant an Telefon!«

»Telefon? Für mich?«, frage ich aufgeregt, während ich zur Tür haste.

Die kleine, freundliche Frau verkrafte ich. Mit ihr kann ich auf Augenhöhe sprechen, obwohl ich manchmal den Eindruck habe, dass sie von meinen wenigen Sätzen, die ich von mir gebe, nur die Hälfte versteht.

»Du wissen nix schlimm, wenn Telefon benutzen«, schnattert sie und wirkt dabei wie ein kleiner Spatz. »Aber während Arbeit schlecht, wenn ich kommen muss hoch«, flötet sie weiter und läuft bereits wieder auf die Treppe zu.

»Tut mir leid, Li-Ming«, rufe ich entschuldigend und folge ihr. »Wer ist es denn?«

»Ich nix haben verstanden. Glaube, Vater von dich.«

Vater?

Ein Beben erfasst meinen Körper, das mich unweigerlich stoppen lässt und meine rechte Hand greift auf das löchrige Holz des Handlaufs.

»Dir gehen gut?«, wabert Li-Mings Stimme in meine Ohren, als sei ich in Watte gepackt.

Ich bin nicht fähig zu antworten, mein Herz zieht sich dermaßen zusammen, dass mir die Luft wegbleibt.

»Sarah!«, ruft Li-Ming aufgeregt und kommt eilig auf mich zugelaufen.

»Gut«, presse ich mühsam hervor, »alles gut!« Und was auch immer Li-Ming dazu veranlasst, sie bleibt kurz, bevor sie mich erreicht, stehen.

»Du müssen mehr trinken, Sarah-Kind! Gar nicht sehen gut aus.« Sie dreht sich um und hastet eilig die Stufen hinab. »Ich stellen dir Wasserflasche bei Telefon, aber dich beeilen, sonst Leitung besetzt.«

Erst als ich die untere Zwischentür höre, setze ich mich langsam in Bewegung.

Mein Vater …

Ich kenne meinen Vater nicht, noch weiß ich, wer er ist. Der einzige Vater, den ich je kennengelernt habe, ist Burt.

Und Burt ist ein Vater, den ich nicht einmal einem schlechten Menschen wünsche.

Nur mühsam bewege ich mich die Stufen hinunter, wohlwissend, dass nun alles wieder von vorn beginnt.

Wie hatte ich nur glauben können, dass er mich jemals in Ruhe lassen würde? Mir hätte klar sein müssen, dass es viel zu einfach war, von dort fortzugehen.

Ob es meiner Mutter gut geht?

Woher wissen sie überhaupt, wo ich mich aufhalte?

Alles, wofür ich in den letzten Monaten gekämpft habe, all das löscht dieser eine Name – der jetzt durch meinen Kopf fliegt – aus.

Burt!

Jeden verdammten Tag denke ich an meine Mutter. Jeden verdammten Abend, den ich mich in mein eigenes Bett lege, gilt mein letzter Gedanke ihr.

Dabei weiß ich im Grunde noch nicht mal, warum das so ist. Denn Ellen war mir nie wie eine richtige Mutter. Manchmal glaube ich, dass ich mich einfach für sie verantwortlich fühle. Dass wir quasi die Rollen getauscht haben. Und ich auch deshalb alles versucht habe, was mir möglich war, sie mit aus dieser Hölle hinauszunehmen.

Doch selbst, wenn Burt es zugelassen hätte, sie wollte nicht!

Als ich das Restaurant betrete, ist es noch ebenso überfüllt, wie vorhin. Mit gesenktem Kopf gehe ich auf die Theke zu, die in meinen Augen mit einer Leuchtreklame versehen ist, auf der dick ›Ellen – Ärger‹ steht.

Mit zittrigen Fingern nehme ich den Hörer auf und drücke mir die Muschel so fest gegen das Ohr, bis es schmerzt. Erst anschließend bin ich fähig, etwas zu sagen. »Hallo?«

Meine Mutter lallt unverständliches Kauderwelsch in den Hörer und, obwohl sie, ihrer Stimme nach, voll sein muss wie eine Haubitze, vernehme ich doch die Dringlichkeit ihres Anliegens.

»Ich komme«, ist das Einzige, das ich sage, bis ich den Hörer apathisch wieder neben das Telefon auf den Tresen lege.

Wie in Trance gehe ich zurück in meine Wohnung, greife nach meiner Jacke, und verlasse über die morsche Treppe mein sicheres Zuhause, um zu Ellen zu fahren.

Und zu Burt!

Burt, den ich niemals im Leben wiedersehen wollte. Nichts von alledem habe ich jemals wiedersehen wollen. Und doch kann ich nicht anders, als es zu tun!

SARAH

Die Bronx kenne ich so gut wie kaum etwas anderes in meinem Leben und doch gibt es keine Stelle, die mit schönen Erinnerungen verknüpft ist.

Zwanzig Jahre habe ich hier verbracht.

Zwanzig gottverdammte Jahre, in denen wir von der einen Ecke in die nächste gezogen sind und ich mehr Schulen besucht habe, als zulässig sein dürfte. Um genauer zu sein, sind wir von einem Puff in den nächsten gezogen.

Burt hat es nie lange an einem Ort gehalten, so, als ob er stets auf der Flucht wäre.

Vielleicht vor sich selbst.

Ständig hat er neue Schuppen angemietet und immer wieder gab es nach einer gewissen Zeit Ärger mit den Besitzern. Erst seit drei Jahren verweilt er jetzt an einer Stelle mit ›seinen Mädchen‹ zu denen auch meine Mum gehört. Das Gebäude hat er beim Pokern gewonnen. In Burts Leben ist nichts legal. Nicht einmal seine Gedanken.

Er war schon vor meiner Geburt bei Ellen, mein leiblicher Vater ist er aber nicht, was wahrscheinlich das einzige Gute in meinem Leben ist. Denn viel Gutes gab es bei mir nie.

Etwas wie Freunde kenne ich nicht, es sei denn, man zählt die Kolleginnen meiner Mutter dazu, die allerdings monatlich gewechselt haben. Taylor war so etwas wie ein Freund, aber Taylor gibt es nicht mehr. Dank Burt!

Als ich in der Seitenstraße vor dem ›Kitty Club‹ ankomme, spüre ich die Zombie-Bakterien zum Leben erwachen. Sie lähmen mich auf eine Weise, die es mir kaum erlauben zu atmen, und jeder ihrer Bisse in mein Herz, in meinen Verstand lassen mich erstarren. Ich bin mir so sicher gewesen, dass ich nie wieder einen Fuß in diesen Schuppen setzen werde, so sicher, mich nie wieder um die Belange meiner Mutter zu kümmern.

Zu sicher. Zwölf Monate lang.

Und jetzt stehe ich hier und weiß eigentlich selbst nicht warum. Denn der, vor dem ich mich mehr fürchte, als den Anblick meiner Mutter zu ertragen, ist Burt.

Dreihundertfünfundsechzig Tage.

Dreihundertfünfundsechzig Lügen.

Dreihundertfünfundsechzig Hoffnungen.

Zerstört!

Durch einen Namen … Burt!

Aber vielleicht liegt es gar nicht an Burt, sondern an mir. Vielleicht bin ich einfach nicht stark genug für dieses Leben. Weder, um mir selbst zu helfen, noch, um meine Mutter zu schützen. Oder ich bin es nicht wert, dass sie mich mehr liebt wie den Alkohol oder Burt.

Welche Mutter sonst hätte ihr eigenes Kind hinten angestellt?

Irgendwas muss an mir falsch sein und bis heute bin ich nicht darauf gekommen, was es ist.

»Sarah«, holt mich Caesar, einer der Türsteher und Befehlsausführer Burts, aus meinen Gedanken, indem er plötzlich durch die pinkfarbene Tür tritt und vor mir steht.

»Burt erwartet dich schon. Geh’ durch!«, sagt er und grinst ekelhaft.

Ich habe Angst vor Caesar. Weder kennt er Skrupel noch Mitleid. Er ist fast wie Burt und die Zombie-Bakterien.

Ich nicke und befehle meinem Körper, sich in Bewegung zu setzen, aber er gehorcht nicht. Mein Körper ist schlauer als ich.

»Los jetzt, Mädchen!«, keift Caesar, rafft grob an meinen Arm und schiebt mich in den Eingangsbereich, wobei er mir eindeutig zu nah kommt.

Erst seine bedrohliche Berührung holt mich ins Hier und Jetzt zurück und ich setze einen Fuß vor den andern. Vorbei an den ganzen Mädchen – manche jünger als ich selbst – und nehme die Treppe neben der Anmeldung, um meine persönliche Hölle zu besteigen.

Du schaffst das, Sarah, bleib’ einfach ganz ruhig, versuche ich mir einzureden.

Die Tür zu Burts Arbeitszimmer steht offen und schon vom Flur aus sehe ich Ellen auf dem großen, mit rotem Filz bezogenen Sofa liegen. Demnach muss Burt am Schreibtisch, der uneinsichtig am anderen Ende steht, sitzen.

»Ellen?«, rufe ich zaghaft und kann den Schnaps, den sie literweise in sich reingeschüttet haben muss, bis zu mir herüber riechen.

Ich will da nicht rein, denke ich, aber die Präsenz meiner Mum zieht an mir wie ein Magnet.

Ich falle immer wieder auf dieses Gefühl herein. Wie ein Automatismus.

»Komm doch rein, Prinzessin«, höre ich Burts dreckige Stimme, »wir warten schon sehnsüchtig auf unser Goldmäuschen.«

Vom ersten Tag an hat er mich so genannt.

Prinzessin … Niemand auf der Welt möchte Burts Prinzessin sein. Vor allem kein kleines Mädchen, wie ich es war, als ich begriff, dass mein Leben nicht so verläuft, wie das anderer Kinder.

Alles in mir schreit: Lauf, Sarah, lauf, so schnell du kannst!

Doch als ich wieder auf meine reglose Mum sehe, kann ich nicht anders und trete ein.

»Ich dachte schon, ich müsse dich holen«, sagt er beinahe sanft, als ob dieses Monster Liebe transportieren könne.

Ich versuche, nicht auf ihn zu achten, und hocke mich vor die Couch zu Ellen, die leise stöhnt, als ich ihre Hand in meine nehme.

»Du bringst sie noch um«, sage ich trocken und muss mich dermaßen zusammennehmen, ihn überhaupt anzusprechen, dass ich mich augenblicklich fühle, als sei ich in der Apokalypse erwacht.

Er raubt mir sämtliche Energie. Alles was noch von mir übrig ist.

»Das macht sie schon ganz von alleine, Prinzessin. Es sind die Sorgen, die sie trinken lassen.«

»Die Sorgen, die du ihr bereitest?«, flüstere ich.

Er lacht kehlig hinter mir, viel zu dicht, was mich abrupt aufstehen lässt, um einen Schritt zur Seite zu weichen.

»Es sind die Geldsorgen, Sarah. Immer wieder das Geld.«

»Was willst du?«, frage ich und versuche, so viel Platz wie nur möglich zwischen uns zu bringen.

Ich kann unmöglich bleiben! Ellens Drängen am Telefon hätte ich niemals nachgeben dürfen. Ich hätte standhaft bleiben müssen, denn jetzt spüre ich die alten Fesseln. Die Fesseln, die nur Burt mir anlegt.

Jedes bisschen an neu gewonnener Kraft – die ich versucht habe, mir in den letzten dreihundertfünfundsechzig Tagen zuzulegen – strömt schneller aus mir heraus, als ich angenommen habe. Dabei zuzusehen, wie meine Mum sich freiwillig diesem Typen unterwirft, hat mir schon mehrmals das Herz gebrochen. Es ist immer dasselbe und ich kann einfach nicht gewinnen. Nie!

Ich habe sie damals mitnehmen wollen, doch Ellen war dermaßen stur, dass ich mich nicht nur einmal gefragt habe, warum sie diese Sturheit nie bei Burt hat durchsetzen können.

»Du bist der Schlüssel, Sarah«, gibt er mit triefend freundlicher Stimme von sich.

»Ich verstehe nicht«, sage ich leise und versuche, seine Stimme nicht zu sehr Macht über mich gewinnen zu lassen.

»Wie gefällt dir dein neues Leben?«, fragt er plötzlich geschwätzig und stellt eines seiner Beine auf den Stuhl, der seitlich von uns steht, und ich begreife nicht, was er von mir will.

»Gut«, erwidere ich zaghaft und auf der Hut.

»Wie ich sehe, liebst du deine Mutter ja doch noch, Prinzessin, obwohl sie davon in den letzten Monaten nichts gespürt hat.«

»Ich muss mein eigenes Leben führen«, flüstere ich und weiß nicht mal, ob ich mir das gerade selbst einrede, oder Burt davon überzeugen will.

»Diese Frau hat dich geboren! Aber unsere Prinzessin scheint das in ihrer neu gewonnenen Freiheit völlig vergessen zu haben. Stimmt’s?«, schreit er jetzt und ich weiche weiter zurück.

Als hätte er sich jemals um meine Liebe zu Ellen geschert. Ihm geht es nur um Profit. Immer. Dafür geht er über Leben.

»Sie trinkt noch mehr, seitdem du einfach abgehauen bist und sie im Stich gelassen hast! Was wieder schlecht fürs Geschäft ist, Prinzessin, wie du weißt. Sie fällt zu oft aus«, zischt er und kommt einen Schritt auf mich zu.

Ich weiche weiter zurück und meine Hände beginnen zu schwitzen.

»Hab’ doch keine Angst, Prinzessin«, säuselt er und setzt eines seiner falschen Lächeln auf. »Oder habe ich dich jemals zu irgendetwas gezwungen?«

Nein, gezwungen hat er mich nicht. Geschlagen hat er mich. Nicht nur einmal.

»Sieh mich nicht an wie ein scheues Rehkitz, Prinzessin, das bist du doch in Wahrheit nicht und das wissen wir beide.« Er zwinkert und mir kommt die Galle hoch. Nur mit Mühe kann ich sie zurückdrängen, damit ich ihm nicht vor die Füße kotze.

»Du musst nicht wieder in diesen Raum«, wirft er hinterher. »Diesmal kommt es von Herzen, Sarah.«

Der Raum!

Vor zwölf Monaten, kurz bevor ich ging, musste ich zum ersten Mal in diesen Raum. Und dort will ich nie wieder hin! Dass er mich danach einfach hat gehen lassen, ist mir bis heute ein Rätsel.

»Sarah?«, höre ich meinen Namen schwach über Ellens Lippen kommen und ihre Augen öffnen sich einen Spalt breit.

»Mum!«, rufe ich, laufe auf sie zu und hocke mich wieder zu ihr hinunter. »Mum! Wann wirst du endlich damit aufhören?«

»Sobald du deinen Platz bei deinem Vater eingenommen hast«, höre ich Burt hinter mir.

Während Ellen betrunken grinst und sowieso nicht zurechnungsfähig ist, überlege ich kurz, ob Burt mittlerweile auch zur Flasche greift.

Was redet er da von einem Vater?

»Trinkst du jetzt ebenfalls?«, frage ich vorsichtig.

»Hältst du mich für verrückt? Du, meine liebe Sarah, wirst dafür sorgen, dass es deiner armen, kranken Mutter bald wieder besser geht. Und nur du, meine liebe Sarah, wirst dafür verantwortlich sein, wenn deiner Mutter ansonsten etwas passiert.«

Ich muss hier raus! Und das so schnell wie nur möglich. Innerlich spüre ich wieder die Wut, die sich einen Weg frei zu bahnen versucht. Diese Wut löst nur Burt in mir aus. Tief in mir verwurzelt spüre ich sie irgendwo nach Leben schreien, doch sie findet den Weg nicht an die Oberfläche.

»Nur durch dich, Prinzessin, kommen wir an das Geld deines Vaters«, erklärt der Teufel weiter.

»Sarah?«, lallt Mum erneut und genau das ist mein Startschuss. Ich werfe keinen Blick zurück und haste, so schnell es mir möglich ist, zur Tür.

Ich bin nicht in der Lage, Ellen zu helfen, das habe ich noch nie gekonnt. Und irgendeinem Fremden, dem ich vorgaukeln soll, seine Tochter zu sein, das Geld aus der Tasche zu ziehen – für Burt –, das ist das Letzte, was ich tun werde. 

»Er heißt Robert Shetby, lebt sein Leben lang in Manhattan und ist so steinreich, dass Ellen nicht nur einmal eine Entzugsklinik besuchen könnte.«

Für einen kurzen Augenblick zwingt dieser Name mich zum Stehenbleiben.

Robert.

Weder ich noch Ellen wissen, wer genau mein Vater ist. Es könnte jeder Freier im Mai 1998 gewesen sein. Zumindest ist es das, was Ellen mir bisher darüber erzählt hat. Ehrlich gesagt habe ich mir auch nie Gedanken darüber gemacht. Jemand, der Frauen dafür bezahlt, ihren Körper zur Verfügung zu stellen, den will man nicht kennen. Dabei ist es nicht einmal so, das die Männer schlecht mit den Frauen umgehen. Die meisten zumindest nicht.

Es ist diese Abscheu in mir, da ich weiß, dass fast keine der Frauen diesem Job aus Vergnügen nachgeht.

»Das ist keine Finte, Prinzessin! Shetby ist wahrhaftig dein Daddy. Und dazu ist er einer der einflussreichsten Aktionäre der Vereinigten Staaten.«

Ich stehe immer noch mit dem Rücken zur Hölle. Kann nicht vor und nicht zurück.

Robert … Vater …

»Sarah?«, fragt Ellen so leise, dass ich sie kaum verstehe, und beginnt in dem Moment, in dem ich den vermutlich größten Fehler meines Lebens begehe, zu schluchzen.

Ich drehe mich wieder zu den beiden herum.

Ein neuer Automatismus ergreift mich. Und ein neuer Name.

Robert!

SARAH

Während ich mich in Burts ›Dienstwagen‹ auf dem Rücksitz tief in die muffige Bank verkrochen habe, rast Caesar wie ein Gestörter durch die Straßen, als ob er mich nicht schnell genug loswerden könne.

Dabei ist er schon immer einer derjenigen gewesen, der mir von Burts ›Jungs‹ am meisten Angst eingejagt hat, da er aus seinen Absichten mir gegenüber nie einen Hehl gemacht hat.

Meine Augen entfernen sich von seinem kurzgeschorenen blonden Haar und gleiten über den verschlissenen, fleckigen Rucksack, den Burt mir in die Hand gedrückt hat, bevor Caesar kam, um mich an meinen Auftragsort zu bringen. Hineingesehen habe ich nicht. ›Das Nötigste für ein paar Tage‹, hatte er gesagt und gelacht.

Als ob Robert Shetby mir blindlings vertrauen würde und mich bei sich aufnähme!

Wobei genau auch das einer der Gründe – außer Ellen – ist, weshalb ich mich darauf einlasse. Ich schaffe es nicht, dem Milieu zu entfliehen. Burt zu entfliehen.

Vielleicht ist der Platz neben meinem Vater – sollte er dieser sein – sicherer für mich.

Wobei sich selbst diese Sicherheit beängstigend anfühlt.

Caesar verlangsamt die Fahrt und als ich aus dem Fenster schaue, erscheint der Central Park vor meinen Augen. Viele Menschen laufen oder sitzen dort, selbst bei den spärlichen Temperaturen.

Sie sehen alle so glücklich aus …

Plötzlich stoppt Caesar und hält am Straßenrand, was sofort die Autos hinter uns hupen lässt.

»Raus mit dir! Ab zu Daddy!« Sein Lachen klingt anzüglich und fies.

»Hier?«, frage ich vorsichtig und sehe auf die Menschen, deren Aufmerksamkeit wir jetzt auch erlangt haben, da wir den Verkehr stören.

»Den Rest schaffst du zu Fuß«, raunzt er und wirft mir eine Visitenkarte in den Schoß.

 

Shetby Industries

33a Liberty ST

Manhattan

 

»Wird’s bald!«, blafft er und mit zittrigen Fingern ergreife ich den Rucksack, trete auf den Bürgersteig und stoße die Autotür zu.

»Wenn du das vermasselst, Süße«, sagt Caesar, der sich aus dem Fenster lehnt, »hat Burt mir zugesichert, dass ich dich unter meine Fittiche nehmen kann.« Er zwinkert und bevor ich es richtig realisiert habe, stehe ich alleine abseits des Central Parks, mit nicht mehr als einem Rucksack und einer Adresse in der Hand. Dafür mit mehr als dreihundertfünfundsechzig Ängsten.

 

***

 

Die ersten zwei Meilen meines Weges habe ich den Kopf so tief gesenkt, dass ich dreimal in jemanden hineingelaufen bin. Doch bevor mich die Angst völlig einnehmen konnte, waren die Leute bereits weitergelaufen, ohne mir Beachtung zu schenken. Hier scheinen die Uhren anders zu ticken. Niemand hat Zeit.

Mittlerweile habe ich den Großteil der 5th Avenue hinter mir gelassen und werde verschluckt von den vielen Wolkenkratzern. Für einen Augenblick stoppe ich und versuche mich zu orientieren und meinen Füßen nach dem anderthalbstündigen Marsch eine kurze Pause zu gönnen. Auf mich wirkt alles bedrohlich. Die Menschen, die Gebäude, das Leben. Obwohl niemand Notiz von mir nimmt, fühle ich mich umzingelt.

So viele Gesichter. So viele Möglichkeiten, dass mir jemand etwas antut.

Selbst als ein Geräusch vom Hafen hierher durchdringt, das vermutlich bloß zu einem Dampfer gehört, erschrecke ich.

So unauffällig wie möglich beobachte ich die Leute, die an mir vorbeihasten. Sie alle sind um einiges besser gekleidet als ich selbst. Mich hier aufzuhalten, verlangt mir einiges ab, aber ich habe keine andere Wahl.

An eine Zeit ohne Angst und dem Druck in mir, immer alles richtigzumachen, alle Eventualitäten zu bedenken, damit ich niemandem auffalle und mir nichts Schlimmes geschieht, erinnere ich mich nicht. Ich möchte, dass das aufhört!

Ich muss mich überwinden. Bis hierher habe ich es schon geschafft, obwohl die Geschichte, die Burt mir erzählt hat, fast unglaublich erscheint.

In einem ihrer Saufgelage soll Ellen während eines Streits mit ihm den Namen meines Vaters herausgeschrien haben. Ob Ellen sich das nur ausgedacht hat oder ob es wirklich zutrifft, davon bin ich noch nicht überzeugt. Aber ich muss wissen, ob dem so ist!

Burt hat schon vieles in seinem Leben erzählt und zu trauen ist ihm nicht. Aber die Vorstellung, dass es einen Menschen gibt, jemanden außer Ellen, den ich vielleicht mögen könnte und der mich eventuell so akzeptieren würde, wie ich bin … Klingt zu verlockend.

Seinen Nachnamen hat Robert damals wohl nicht verraten. Aber er war der letzte Kunde meiner Mum, bevor sie für mehrere Wochen als ›Burts Mädchen‹ausfiel, da dieser mal wieder das Revier wechseln musste und das Geschäft solange stillstand. Mit jedem Gebäude-Wechsel wechselten auch ›seine Mädchen‹.

Nur Ellen, die blieb immer. Und die Wochen vor Robert soll es auch nichts gegeben haben, was mich hätte hervorbringen können.

Sie sprechen über mich, als sei ich ein Ding.

Dass Robert nett gewesen sei und so neureich, daran hat Ellen sich wohl erinnert. Und jetzt stehe ich hier. Mit dem Auftrag, mich an meinem vermeintlichen Vater zu bereichern.

Dass Ellen nie auf die Idee gekommen ist, mir davon zu erzählen, sondern einundzwanzig Jahre später Burt der Auserkorene ist, wundert mich nicht. Burt hat bei Ellen immer schon an erster Stelle gestanden.

Und wenn man ihm eines nicht vorwerfen kann, dann das, dass er nicht geschäftsfähig wäre. Sofort hat er seinen alten Freund Rob angerufen, der mit seinem Laden das Klientel der Finanz-Szene bedient und dem tatsächlich der Name Robert aus diesem Bezirk etwas sagt. Nachdem Burt Ellen einige der ›Roberts‹in Magazinen vorgeführt hat, soll nun Robert Shetby der richtige sein.

Ich setze meinen Gang fort und als ich in die Liberty ST biege, ragt vor mir ›Shetby Industries‹auf. Wuchtig und angsteinflößend wirkt der Wolkenkratzer, der beinahe das World Wide Trade Center überragt. Ich gehe mehrmals einige Schritte vor und zurück und bin nicht sicher, ob ich reingehen oder zurück in meine Wohnung nach Chinatown flüchten soll.

Der Türsteher, der vor Shetby Industries patrouilliert,wirft mir nicht den ersten Blick zu, was mich stetig dazu veranlasst, leicht zurückzuweichen.

Ich schaffe das nicht! Meine Hände sind so fest um die Schultergurte des Rucksacks verkrampft, dass es beinahe wehtut.

Mein Herz bollert in meiner Brust wie verrückt. Wenn ich das hier nicht hinkriege, wird Burt meiner Mum etwas Hässliches antun. Und dass er dazu imstande ist, das weiß ich ganz klar.

Bevor ich weiter darüber nachdenken kann und mein Hirn verrückt spielt – bei all diesen Bildern, die in meinen Kopf schießen – bemerke ich, dass der Türsteher in meine Richtung stakst. Ich frage mich kurz, warum er seinen Platz verlässt, doch als er vor mir stehen bleibt, ist mir klar, dass ich sein Ziel bin. Ich versuche, ihm aufrecht in die Augen zu sehen und konzentriere mich dabei auf meine Hände, die den Schultergurt immer fester umgreifen.

»Lady, ich weiß nicht, was Sie hier suchen, aber Sie können hier nicht weiter herumlungern. Oder haben Sie einen Termin?«

Sicher bin ich nicht so edel gekleidet wie die anderen Frauen, die hier unterwegs sind, aber herumlungern? Wie eine Gossen-Frau sehe ich bestimmt nicht aus, dann eher wie eine Verrückte.

»Mister Shetby«, beginne ich stotternd und kann den Blickkontakt nicht mehr aufrechterhalten. Die Worte wollen einfach nicht über meine Lippen und ich werde versagen.

»Ja?«, fragt der Mann ungeduldig. »Haben Sie einen Termin?«

»Ja!«, rufe ich plötzlich fest aus und sehe wieder zu dem Mann auf. Ich weiß nicht, woher das gerade kam, aber ich muss in dieses Gebäude. Unbedingt!

›Humphrey‹, wie ich auf dem Namensschild lese, schüttelt unmerklich den Kopf.

»Dann folgen Sie mir«, weist er mich an, geht schnellen Schrittes auf den Eingang von Shetby Industries zu und huscht durch die Drehtüren. Kurz bleibe ich noch stehen und atme einmal kräftig ein, bevor ich ihm folge.

Als ich Shetby Industries ebenfalls betrete, bin ich in einer anderen Welt – einer Traumwelt. Etliche von gutgekleideten Menschen, hauptsächlich Männer in schwarzen oder grauen Anzügen, laufen umher und die wenigen Frauen sind alle in feinste Kostüme gehüllt. Auch die ziemlich attraktive Frau an der Anmeldung sieht aus, als ob sie in die Oper gehen wolle und nicht bloß Telefonate annehmen.

Mit eingezogenen Schultern folge ich Humphrey bis zum Tresen der attraktiven Frau, wohl darauf bedacht, niemandem nahezukommen. Eher versuche ich, mich auf das Gebäude zu konzentrieren.

Der Eingangsbereich ist so groß wie unser Shopping-Mall-Center, mit zahlreichen hohen weißen Türen ausgestattet und alles glänzt im feinsten polierten Marmor. Unglaublich, dass für ein Büro solche Unsummen an Geld ausgegeben werden.

»Liv ruf’ Shetbys Sekretärin an, hier ist …«, sein Blick richtet sich wieder auf mich. »Ihr Name?«

»Stewart. Sarah Stewart. Mister Shetbys Tochter«, wispere ich.

»Tochter? Ja?«, fragt er und ich erkenne genau den Hohn in seiner Stimme.

Ich bin nur fähig zu nicken, während die beiden sich einen Blick zuwerfen. Am liebsten möchte ich mich in Luft auflösen. Aber der Drang, dem Mann gegenüberzustehen, der mein Vater sein könnte, ist größer als mein Fluchtreflex.

Trotzdem bin ich unruhig, verängstigt und vollkommen überfordert. Ob Mister Shetby mich überhaupt vorlassen wird, steht sowieso in den Sternen.

Zaghaft blicke ich zu der Empfangsdame. Auch sie mustert mich einmal belustigt und nimmt mit ihren fein manikürten Fingern den weißen Telefonhörer in die Hand. Unwillkürlich stecke ich meine eigenen Finger tiefer in die Jacke.

»Evelin, hier steht eine junge Dame«, wieder streift ihr Blick mich abwertend, »die möchte zu ihrem Vater, Mister Shetby.«

Es vergehen einige Sekunden, in denen ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Was soll ich machen, wenn er mich nicht durchlässt? Was passiert dann mit Ellen?

»Sie soll hochkommen, sobald George das okay gibt«, bekundet Liv auf einmal und wirft Humphrey einen vielsagenden Blick zu, der mir ziemlich deutlich macht, was sie von mir hält.

Wer ist George? Was passiert hier?

Erneut telefoniert die Frau und bittet diesen George, zu uns zu kommen.

Erst als ein Mann in Caesars Statur sich auf die Anmeldung zubewegt, weiß ich, was los ist.

»Reine Vorsichtsmaßnahme«, sagt Humphrey kein bisschen entschuldigend.

Der voluminöse George nickt mir kurz zu und deutet auf meinen Rucksack, während er sich vor mir aufstellt.

Kurz verstehe ich nicht, was er meint, bis ich begreife, was er vorhat. Schnell stelle ich ihm das Ding vor die Füße, bevor er auf die Idee kommt, ihn sich selbst zu holen.

Als er nach einer Minute alles durchsucht hat, weiß ich auch, was sich darin befindet. Völlig unbrauchbares Zeug von Ellen.

»Sauber«, sagt er an Humphrey gewandt und macht Anstalten, meine Jacke zu durchsuchen, was mich erschrocken aufkeuchen lässt, als er sich mir noch mehr nähert. Jetzt sehen mich alle an, als ob ich vollends den Verstand verloren hätte.

»Nicht anfassen, bitte«, wispere ich und hoffe, sie schmeißen mich nicht raus.

»Ist in Ordnung«, sagt der Security-Mann nach einem weiteren Blick auf mich, diesmal mit einem freundlichen Lächeln. Scheinbar ist er sich sicher, dass ich keine Gefahr darstelle und verschwindet nach einem Nicken wieder.

»Zum Aufzug und dann die oberste Etage«, erklärt Humphrey mir und ich sehe ihn verständnislos an, denn Aufzüge scheint es hier mehr als zehn zu geben.

»Es ist irrelevant, welchen Sie auswählen, solange Sie den Knopf für die dreißigste Etage drücken«, gibt er hinterher.

Will ich tatsächlich in einen dieser Aufzüge steigen? Möchte ich wirklich bei Burts kriminellem Spiel mitspielen? Dieser Robert wird, wenn überhaupt, einen Vaterschaftstest veranlassen – schneller als ich bis drei zählen kann.

Und falls er doch mein Vater ist?

Noch ehe ich zu einer Antwort komme, hat Humphrey mich in einen der verspiegelten Aufzüge gedrückt und deutet auf den obersten Knopf.

»Bis gleich, Lady«, sagt dieser grinsend, tritt aus der Tür und als sie sich langsam schließt, bin ich endlich für einen kurzen Moment alleine.

Shit! Shit! Shit! Was mache ich hier überhaupt? Das ist alles zu viel.

Als ich jetzt in einen der Spiegel vor mir sehe, erkenne ich mich selbst kaum wieder. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich mich überhaupt jemals gekannt habe.

Völlig unvorbereitet und viel zu schnell macht es ›Pling‹und die Tür öffnet sich vor meiner Nase.

Ich lande vor einer Dame im grünen Nadelstreifen-Anzug. Aufgrund ihrer makellosen Haut dürfte sie nicht älter als Mitte dreißig sein, doch der Dutt, die Brille und die alten Augen verraten ihr eigentliches Alter.

»Miss Shetby wie ich annehme?«, fragt sie mit diesem speziellen Hohn. Sofort verkrampft sich alles in mir, denn es ist derselbe Hohn, mit dem mich Burt immer anspricht.

»Mein Name ist Stewart. Sarah Stewart«, gebe ich kleinlaut hervor. Auf irgendeine Weise verunsichert mich diese Frau. Ein bisschen erinnert sie mich an Fräulein Rottenmeier aus dem Film Heidi.

»Nehmen Sie dort drüben Platz. Mister Shetby ist noch in einem Gespräch. Sobald er Zeit hat, wird er sich um Sie kümmern.«

Das Wort ›kümmern‹hatte einen sehr merkwürdigen Klang, als Fräulein Rottenmeier es aussprach. Zaghaft trete ich zu der weißen Ledergarnitur unweit der borstigen Lady und setze mich auf die kühlen Sitze. Nachdem sie mir einen weiteren ihrer abfälligen Blicke zugeworfen hat, legt sie ihr Augenmerk wieder auf den Computer vor ihrer Nase.

Vorsichtig sehe ich mich in dem geräumigen Büro um. Die hohen Fensterfronten hinter Fräulein Rottenmeier wirken wie Monster auf mich, die jeden Moment bereit sind, mich zu verspeisen.

Das kann unmöglich gut ausgehen!

Plötzlich kommt mir der Gedanke, dass das Alles auch ein krankes Spiel Burts sein könnte.

Vielleicht ist Shetby einer seiner Kunden, die sich Mädchen ins Büro bestellen.

Ich bin so dumm! Wie konnte ich nur annehmen … Ich muss hier weg!

»Du tust genau das, was ich dir sage!«, höre ich in diesem Moment eine laute Stimme aus dem angrenzenden Zimmer schreien und sie klingt nahezu einschüchternd – ähnlich wie die meines Chefs im ›Sweet Cup‹.

Mein Plan, das Gebäude umgehend wieder zu verlassen, zerfällt in tausend Scherben.

»Und was, wenn nicht? Sperrst du mir wieder die Karten? Mach’ dich doch nicht lächerlich«, dringt eine jüngere, aber nahezu gleich laute Männerstimme durch die Tür.

Steh’ auf Sarah! Geh’!

Aber ich bringe meinen Körper nicht dazu, auf meine Gedanken zu hören. Anstatt dessen rutsche ich tiefer in das weiße Leder.

»Solange du deine Füße …«

»Bla – bla – bla. Immer dasselbe! Wir sind alt genug und brauchen kein Kindermädchen!«, schreit die jüngere Stimme.

»Bei dem was ihr beide euch täglich leistet, würden zwei Mädchen nicht ausreichen.«

»Und wenn schon. Denkst du, dass du besser bist? Das kannst du vergessen!«, kontert der Jüngere und mit einem Mal wird die Tür direkt neben mir aufgerissen.

Sofort senke ich meinen Blick, bemerke aber sehr wohl, dass die Person, die gerade hitzig das Büro verlässt, unmittelbar vor mir stehen bleibt.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«, keift der Mann und erst jetzt, da ich mir nicht sicher bin, ob er mit mir spricht oder mit dem Mann im Büro, hebe ich vorsichtig den Kopf.

Dunkle Glanz-Slipper sind das Erste, das mir ins Auge sticht. Als mein Blick an der engen Tweed-Hose hochwandert, sehe ich die Hände, die sich zu Fäusten ballen. Schnell huscht mein Blick ein Stück höher zum Bund seiner Hose, welche ihm locker auf der Hüfte liegt.

»Am besten du gehst nach Hause«, raunt die Stimme aus dem angrenzenden Büro.

»Das ist ja lächerlich!«, ruft der Typ vor mir und rennt Richtung Aufzug, in dem er sofort verschwindet. Dabei kann ich nur seinen Rücken und das kurze, dunkle Haar erkennen, während mich schon eine Stimme neben mir anspricht.

»Miss Stewart? Mein nächstes Kind?«

Völlig aufgelöst drehe ich meinen Kopf in Richtung der Stimme. Dort steht ein Mann mit blonden Haaren, die meinen so ähnlich sind, dass mir für einen Augenblick die Luft wegbleibt.

»Also kommen Sie schon rein!«, fordert er mich auf. »Schlimmer kann der Tag kaum mehr werden.« Damit marschiert er in sein Büro und ich stehe mit Beinen wie Pudding auf und folge ihm. Diesem Mann – meinem Vater –, dem ich wie aus dem Gesicht geschnitten bin.

SARAH

Sein Zimmer ist doppelt so groß wie das der Rottenmeier, dagegen nicht allzu protzig, eher gemütlich. Die Fensterfronten sind hier zweigeteilt und wirken nicht so verschlingend wie die im Büro zuvor, was mich aufatmen lässt. Robert – ich meine Mister Shetby – hat sich hinter dem schweren Mahagonischreibtisch niedergelassen und er tut mir beinahe leid. Seine Gesichtszüge sehen müde und abgearbeitet aus.

Ob dieser Mann wirklich mein Vater sein könnte?

Für mich scheint er überhaupt nicht wie jemand, der solche Etablissements besucht, wie jenes, in dem Ellen arbeitet. Und doch ist da etwas, das sich allem zum Trotz vertraut anfühlt. Zudem ist seine Gegenwart nicht greifbar unangenehm, wie ich es normalerweise bei Fremden empfinde. Erklären kann ich mir das nicht, es ist schlichtweg eines meiner unzähligen Bauchgefühle.

»Wie kann ich Ihnen also helfen, Miss?«, fragt er und sieht mich kritisch an. Ob ihm die Ähnlichkeiten zwischen uns auch aufgefallen sind?

»Stewart«, antworte ich hastig und lasse mich auf dem Sessel ihm gegenüber nieder. Ich erkunde seine Augen – seine Haltung. Alles erinnert mich auf irgendeine Art an mich selbst, nur, dass er deutlich selbstbewusster ist.

»Liv sagte, Sie seien meine Tochter«, bemerkt er nahezu belustigt. »Das muss doch sicher ein Missverständnis sein?«

Im ersten Moment trifft mich seine Aussage schmerzhaft. Jetzt, wo ich ihn gesehen habe, bin ich mir beinahe sicher, dass er mein Vater ist. Selbst, wenn es für Burts Verhältnisse eher unwahrscheinlich ist, dass er die Wahrheit sagt. Für Robert scheine ich allerdings irgendeine Verrückte zu sein. Wobei das annähernd auch zutrifft.

Was kann ich ihm also sagen?

Hey Daddy, ich bin’s. Sarah! Erinnerst du dich nicht an die kleine Nutte, die du vor fast zweiundzwanzig Jahren in einem Hinterzimmer geschwängert hast?

Da er mich dann aller Wahrscheinlichkeit nach sofort wieder rausschmeißt, sage ich gar nichts, sondern spiele nervös mit dem Ring an meinem Finger.

»Miss Stewart«, beginnt er mit einem Seufzer. »Sie sind sicher nicht die Erste, die behauptet, mein Kind zu sein. Und bestimmt sind Sie im Grunde eine nette, junge Frau und vielleicht sogar liebenswürdiger als einer meiner Söhne, wie Sie vorhin unschwer erkennen konnten. Doch ersparen Sie uns doch bitte beiden die Zeit und kommen zum Punkt. Ich bin müde und muss dringend nach Hause.«

Der Typ eben war sein Sohn? Einer seiner Adoptivsöhne, offensichtlich.

Burt hat mich im Kurzformat darüber aufgeklärt, dass Shetby und seine erste Frau kinderlos geblieben sind und daraufhin zwei Jungs adoptiert haben.

»Es tut mir wahnsinnig leid, Mister Shetby, und ich möchte Sie auch bestimmt nicht unnütz belästigen«, sage ich und richte meinen Blick auf den goldenen Kugelschreiber, den er in seiner Hand balanciert, »aber erinnern Sie sich eventuell an ein Etablissement namens ›Super Cell‹und an ein Mädchen, das auf den Namen Ellen hörte? So vor zweiundzwanzig Jahren?«

Für einen kurzen Moment scheint er fundiert nachzudenken, schüttelt aber danach den Kopf. »Ich kann Ihnen wirklich nicht folgen.«

»Sie war jung, relativ klein, einen Kopf kleiner als ich und hatte brünettes, lockiges Haar. Und das ›Super Cell‹ besteht heute noch in der Bronx«, setze ich hinterher. Auf einmal ist es mir immens wichtig, dass er sich erinnert. Wenn er wirklich mein Vater ist, gibt es vielleicht einen Menschen auf dieser Welt, der mich wirklich mögen könnte. Burt hat mir den Namen des Clubs, in dem er und Ellen sich seinerzeit eingemietet hatten, mitgeteilt. Vielleicht erinnert sich Robert durch den Namen eher daran.

Seine Augen begutachten mich plötzlich mit einer Erschrockenheit und gleichzeitiger Erkenntnis, dass ich Angst habe, er könne mir etwas antun, da seine grauen Zellen ihm gerade meine Mutter vor Augen führen, oder seinen Besuch im ›Super Cell‹.

»Das kann nicht sein!«, sagt er hitzig und ich werde nervös.

»Bis vor zwei Wochen wusste ich nichts von Ihnen«, versuche ich ihm, mein von Burt vorgegebenes Lügenmärchen zu verkaufen. »Doch Ellen, meine Mutter, ist gestorben. Erst am Sterbebett hat sie mir verraten, wer mein Vater ist.«

Ein klarer Ausdruck liegt jetzt auf seinem Gesicht und er lächelt mich an. Glücklich sieht er aber immer noch nicht aus. Dann nimmt er den Telefonhörer in die Hand und drückt einen der unzähligen Knöpfe.

»Evelin, rufen Sie umgehend Moet an! Ich benötige seine Hilfe.«

Fräulein Rottenmeier – wovon ich ausgehe – antwortet etwas und Groll zieht dabei über Roberts Gesicht.

»Es ist mir völlig egal, ob Moet bereits im Wochenende steckt. Ich brauche seine Hilfe und das unverzüglich!«, damit knallt er den Hörer auf und nimmt mich wieder in Augenschein.

»Ich möchte Ihnen keine Unannehmlichkeiten bereiten«, äußere ich wahrheitsgemäß und überlege immer noch, wen mein vermeintlicher Vater so unbedingt kontaktieren will. Einen Killer? Einen anderen Zuhälter?

»Zwar sind Sie nicht die Erste, die behauptet, meine Tochter zu sein, doch der Unterschied liegt darin, dass ich mich tatsächlich an ein solches Mädchen erinnere.«

Nun sieht er beinahe peinlich berührt aus. »Sie müssen mir glauben, dass ich nie solch ein Mann war. Doch an diesem einen Abend …« Seine Gedanken scheinen abzudriften und sein Blick wirkt leer, bis der Apparat neben ihm klingelt.

»Ja?«, ruft er gehetzt in den Hörer. »Was? Montag? Heute ist Donnerstag, das sind noch …« Kurz verstummt er, weshalb ich für ihn antworte: »Vier Tage.«

»Vier Tage! Wie stellt er sich das vor?«, keift er weiter.

Wieder scheint Fräulein Rottenmeier etwas zum Unwesen von Robert zu antworten, denn erneut schmeißt er den Hörer auf die Gabel.

»Und deine Mutter?«, fragt er plötzlich und hat zum ›Du‹ gewechselt. »Woran ist sie gestorben?«

»Lungenentzündung«, antworte ich brav, so wie Burt es mir aufgetragen hat.

»Und jetzt willst du Geld?«

Shit. Auch wenn es genau das ist, weshalb Burt mich zu ihm geschickt hat, ist es nicht das, was ich will!

»Ich bin allein«, drücke ich hervor und diesmal ist es keine Lüge.

»Sind wir das nicht alle?«, sinniert er und steht dabei abrupt auf. »Hör zu, ich komme nicht umhin, dass ich mich an dieses Mädchen erinnere und ebenfalls erkenne ich die Ähnlichkeit zwischen uns beiden. Was noch lange nichts zu heißen hat. Aber …« Unruhig läuft er hinter seinem Schreibtisch hin und her. »Wo hast du denn bisher gewohnt?«

»Chinatown.«

»Und da kannst du nicht mehr wohnen?«

»Meine Mutter hat mir monatlich etwas von ihrem Verdienst abgezwackt und ich arbeite als Küchenhilfe im ›Sweet Cup‹. Die Wohnung kann ich mir jetzt nicht mehr leisten.«

Ich fühle mich grausam. Ihn gleich zu Anfang so zu belügen, kann niemals gut sein. Meine Wohnung zahle ich eigenständig, aber Burt hat mir genauestens vorgegeben, was ich zu sagen habe, damit Robert mich auch ja sofort in sein Haus aufnimmt.

Er ist jetzt stehen geblieben und hat die Hände auf seinem Schreibtischstuhl abgelegt.

»Also schön«, beginnt er, »wenn du mir erlaubst, kurz deine Personalien überprüfen zu lassen, gestatte ich dir fürs Erste mit in mein Haus zu kommen. Solltest du tatsächlich meine Tochter sein …, werde ich für dich sorgen! Aber zuvor wird mein alter Freund, Doktor Moet, am Montag einen Vaterschaftstest durchführen. Alles Weitere sehen wir dann.«

»Okay«, sage ich erstmal erleichtert und weiß nicht, was er jetzt genau von mir will.

»Deinen Personalausweis, Sarah.«

Ich ziehe schnell das Portemonnaie aus meiner Tasche, krame nervös den Ausweis hervor und drücke ihn Robert aufgeregt in die Hand, wobei sich kurz unsere Finger berühren und … Nichts geschieht.

Keine Zombies, kein Fluchtreflex. Fast so, als ob Berührungen mit Fremden für mich völlig normal wären.

Während er erneut zum Telefon greift und einige meiner Daten an jemanden weitergibt, beschleicht mich die Angst, dass ich auffliege. Ich habe keine Ahnung, durch wen er mich jetzt überprüfen lässt und kann nur hoffen, dass niemand ihm mitteilt, dass meine Mutter gar nicht tot ist.

»Es eilt!«, sagt Robert drängend und legt daraufhin auf.

»Ich bin mir nicht sicher, was Charlize, Railly und Sam dazu sagen werden, wenn ich ihnen meine vermeintliche Tochter vorstelle, aber das bekommen wir schon hin. Die Ähnlichkeit ist wirklich verblüffend«, sagt er grübelnd, als das Telefon läutet und das Geräusch mich zusammenschrecken lässt.

»Vielen Dank«, spricht Robert ins Telefon und ich weiß, seinem Gesichtsausdruck nach nicht zu beurteilen, was die Überprüfung ergeben hat.

»Wollen wir?«, fragt er, steht auf und nimmt seinen Trenchcoat von dem goldenen Ständer. »Ich muss wirklich verrückt sein«, fügt er hintenan und mustert mich noch einmal genau. »Aber, wenn ich dich ansehe, Mädchen, du siehst tatsächlich aus, wie ich in diesem Alter. Ich hoffe, du nutzt meinen Vertrauensvorschuss nicht aus!«

Ich will schon mit dem Kopf schütteln, als er lächelt.

»Bereit?«

Ich atme erleichtert auf.

Bin ich bereit? Bereit für meinen Vater, Manhattan und zwei Stiefbrüder, von dem schon der eine mehr als aufbrausend wirkte.

Nein, bereit bin ich definitiv nicht. Aber der Gedanke an Ellen und Burt lässt mich bereit werden. Der Gedanke einen Vater zu haben macht mich bereit. Weshalb ich verhalten nicke und Robert aus dem Büro hinausfolge. Vorbei an Fräulein Rottenmeier, der das abfällige Grinsen eindeutig vergangen ist, als ich mit meinem Vater in den Aufzug steige.

SARAH

Während Robert im hinteren Teil der Limousine, in der wir sitzen, ein Telefonat nach dem anderen führt, bei denen es ausschließlich um Geschäfte geht, sehe ich mir Manhattan aus dem Fenster heraus an.

Weder bin ich jemals in einer Limousine gefahren, noch habe ich so viel Manhattan auf einmal gesehen. Dass Robert mir während seiner Gespräche immer wieder verstohlen Blicke zuwirft, wundert mich nicht, denn ich mache es genauso.

»Geht es dir gut?«, fragt er plötzlich.

»Warum?«, ist alles, was ich auf die Schnelle antworten kann, denn ich habe nicht damit gerechnet, dass er mich anspricht.

»Weil deine Mutter kürzlich verstorben ist«, sagt er und ich meine, einen gewissen Unglauben herauszuhören.

»Ich glaube, dass es noch nicht richtig bis zu mir durchgedrungen ist«, erkläre ich schnell. »Dazu noch die Neuigkeiten, dass ich einen Vater habe … Das ist alles sehr viel auf einmal.«

Er nickt leicht und schaut zum Fenster, während wir uns der Upper East Side nähern, die ich zwar nicht wirklich gut kenne, aber die East Side ist die Wohngegend, von der junge Mädchen träumen und in der nur Stars und sehr vermögende Menschen ihren Wohnsitz vorzuweisen haben. Menschen wie Robert!

»Wenn Moet erst den Test gemacht hat, wissen wir zum Ende nächster Woche mehr, bis dahin gilt: Unschuldig, solange nicht das Gegenteil bewiesen wurde. Fühl’ dich wie unser Gast«, sagt Robert, als der Chauffeur rechts von der Straße biegt und auf ein abnorm groß verzinktes Tor zuhält, das sich langsam öffnet, je näher wir kommen.

»Dürfte ich Sie um etwas bitten?«, frage ich zaghaft.

»Fürs Erste möchte ich dich bitten, mich nicht zu siezen«, sagt er und lächelt.

Dieses offene, freundliche Lächeln lässt mich etwas spüren, das mir fremd ist. Ich fühle mich angenommen.

»Wäre es zu viel verlangt, wenn du niemandem erzählen würdest, wo ich aufgewachsen bin und was meine Mum war?«, frage ich beklommen.

»Verstehe«, antwortet er, »ich überlege mir etwas. Aber sollte der Test positiv ausfallen, Sarah muss ich den Jungs die Wahrheit sagen.«

Ich nicke und bin erstmal nur erleichtert. Zwar hat Burt mir nicht aufgetragen, das von Robert zu verlangen, aber mir persönlich ist es lieber. Ich weiß, was es mit Männern macht, wenn sie wissen, dass man aus solchen Verhältnissen stammt.

»Und wo wir gerade schon über die Jungs sprechen, von Railly und Sam hältst du dich am besten fern!«, führt er weiter aus.

»Was ist denn mit den beiden?«, frage ich beiläufig, während ich mir die Baumallee ansehe, durch die unser Weg uns führt, da es mir unangenehm ist, Robert solch private Fragen zu stellen. Aber blind in schwierige Familienkonstellation zu gehen, das macht mir Angst. Außerdem bin ich es nicht gewohnt, solche Gespräche zu führen, bei denen man mich ernst nimmt und mir zuhört. Das habe ich bisher nur einmal erlebt, mit Taylor.

»Sie sind schwierig, doch im Grunde haben sie ein gutes Herz«, erklärt er mir. »Zumindest hoffe ich das«, nuschelt er und wenn mir nicht bewusst wäre, dass seine Adoptivsöhne beide über zwanzig sind, würde ich annehmen, er spreche von kleinen Schuljungen.

»Wir sind da«, verkündet er und wie auf Kommando hält der Wagen.

Als der Chauffeur an Roberts Seite tritt und die Tür öffnet, seufzt der.

»Bob, Sie sind schon zu lange unter Männern hier bei uns, bitte öffnen Sie der jungen Dame zuerst.«

Bob sagt kein Wort, nickt nur, schließt die Tür, tritt um den Wagen herum und öffnet mir.

Bob sieht nett aus. Alleine, dass mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, ist schon mehr als seltsam. Alles heute ist seltsam.

Zaghaft klettere ich aus dem Auto und als meine abgetragenen Chucks auf den hellen Kieselsteinchen aufkommen, entfacht dies ein unangenehm knirschendes Geräusch. So fühle ich mich gerade auch – wie der Kies unter meinen Füßen.

»Dann wollen wir Mal«, ruft Robert mit wenig Enthusiasmus, nachdem er ebenfalls ausgestiegen ist und Bob mit dem Wagen davonfährt.

Vor uns liegt, umzäunt von unzähligen hohen Lindenbäumen, ein schickes Stadthaus mit vielen kleinen Fenstern. Einige Säulen, auf deren Ende Statuetten-Frauen aus Marmor gefertigt sind und sich mit Trauben in der Hand und großen Brüsten räkeln, säumen die Treppe.

»Du kannst dir eines der Gästezimmer aussuchen«, sagt er, während wir die Stufen zum Eingang hinaufsteigen.

»Für dein Frühstück und Mittagessen wirst du selbst sorgen müssen, der Kühlschrank ist immer gefüllt. Das Abendessen allerdings, das nehmen wir gemeinsam ein, darauf bestehe ich«, erklärt er mir und schiebt die Tür auf. »Miss Blazon kommt nur zwischen siebzehn und einundzwanzig Uhr um zu kochen und ein wenig für Ordnung zu sorgen. Und das auch nur Montag bis Freitag. Ansonsten kümmert Bob sich um alles.«

»Verstehe«, gebe ich zur Antwort, trete in das Haus und bleibe sofort wieder stehen, um staunend die Ansicht auf mich wirken zu lassen.

Vor mir liegt eine bestimmt sechs Meter hohe Halle, komplett aus schwarz-weißem Marmor. Zwei Treppen links sowie rechts, die in verschiedene Flügeln führen, sind zu sehen und das Geländer besteht aus Tausend von gusseisernen Rosen mit Blütenblättern und einem vergoldeten Handlauf. An der Decke hängt ein gigantischer Kronleuchter aus Kristall.

»Komm ruhig rein, Sarah«, ruft Robert, der bereits zwischen den beiden Aufgängen durch eine geschnitzte Tür getreten ist, die in einen Salon mit mehreren Panorama-Fenstern führt, die ich selbst von meinem Standpunkt aus sehen kann.

»Komme«, sage ich schluckend, lasse die Tür hinter mir zugleiten und habe ein schlechtes Gewissen, als ich mit meinen dreckigen Turnschuhen über den feinen Marmor laufe.

Mein Blick hängt zuerst an einem der Panorama-Fenster, denn die Gartenanlage, die sich dahinter erstreckt, ist traumhaft. Ich erkenne weiter draußen einen Schwimmteich, einige Blumenfelder, hohe Zypressen und mehrere lauschige Winkel, die allesamt zuckersüß und verträumt aussehen. Schmetterlinge fliegen durch den vorderen Teil des Gartens, der teilweise glasüberdacht und sicher beheizt ist. Als Nächstes gleitet mein Blick durch den Salon und erst jetzt nehme ich die vielen prunkvollen Möbelstücke, Teppiche und Gemälde wahr, und ich komme mir so dumm, unwissend und klein vor, wie selten in meinem Leben.

»Ganz nett, oder?«, bemerkt Robert, als er sich neben mir aufstellt und mir ein Glas in die Hand drückt, das er zuvor an der Bar aufgefüllt hat. »Ein Schlückchen Champagner?«, fragt er und deutet auf das Glas.

»Danke«, antworte ich ablehnend und lächele versöhnlich, »ich trinke nicht gerne.« Dabei ist es nicht mal so, dass ich Alkohol nicht mag, ich vertrage ihn nicht.

»Ein Glas auf unser Kennenlernen, ist doch bestimmt drin, oder?«

Er sieht mich so offen und freundlich an und ich spüre keinerlei Beklemmung, dass ich den Champagner doch entgegennehme. Allerdings nippe ich nur sparsam daran.

»Komm, wir setzen uns«, bittet er mich und tritt drei Stufen innerhalb des Salons hinunter zu der üppig braunen Chesterfield-Garnitur aus Leder. »Erzähl mir etwas von dir«, sagt er, als ich mich ihm gegenüber setze.

»Da gibt es nicht viel. Meine Mum, Ellen, war achtzehn, als sie mich bekam und sie betrieb den ältesten Beruf der Menschheit. Du kannst dir sicher vorstellen, wie meine Kindheit aussah.«

Meine Stimme klingt bestimmt bitterer als beabsichtigt, schließlich kann er nichts dafür, hat er doch nicht von mir gewusst. Trotzdem ist es mir nicht möglich, diese Bitterkeit abzustellen, zu sehr habe ich das Leben im Milieu gehasst.

»Und«, setzt er an, »hast du auch?« Man sieht deutlich, dass ihm die Frage irgendwie unangenehm ist.

»Nein!«, stoße ich schnell aus. »Niemals! Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne«, antworte ich und senke verlegen den Blick. Gesehen und erlebt habe ich mehr, als ein Menschenleben vertragen kann. Aber so wie Ellen? Freiwillig? Niemals!

Als ich wieder leicht zu ihm aufsehe, habe ich ›den Raum‹ vor Augen, in den Burt mich dieses eine Mal zum Arbeiten gesteckt hat.

Robert wirkt nachdenklich und ich frage mich, was ihm durch den Kopf geht.

»Weißt du, Sarah, du wirst es mir vielleicht nicht glauben, und ich habe auch nichts gegen Damen, die diesem Gewerbe nachgehen, aber ich selbst habe diese Dienste nur einmal in Anspruch genommen. Damals bei deiner Mutter, wie es scheint. Meine verstorbene Frau und ich konnten keine Kinder bekommen. Der Grund lag bei ihr, und da sie sich Kinder noch sehnlicher wünschte als ich selbst, war es keine gute Zeit. Sie versank in Depressionen, schloss sich hier im Haus ein und hatte kaum noch Kontakt zur Außenwelt. In jener Zeit stritten wir oft und als nach einer Firmenveranstaltung einige meiner engsten Mitarbeiter auf die Idee kamen, den Abend in einem Club ausklingen zu lassen, war ich dabei.« Für einen Moment wird er still und starrt auf seine langen schlanken Finger, die das Champagnerglas fest umklammert halten und meinen sehr ähnlich sind.

Als eine holzverschnörkelte Standuhr im hinteren Teil des Salons achtzehn Uhr schlägt, erwacht er aus seiner kurzen Lethargie. »Weißt du, Sarah, jetzt wo du hier vor mir sitzt und wir darüber sprechen, entsinne ich mich dieses Abends. Deine Mutter war eine attraktive Frau. Ein wenig erinnerte sie mich an meine Frau, zu glücklicheren Tagen. Ich weiß noch, dass ich eine weitere Stunde zahlte, in der wir nur redeten. Sie war aber auch eine unglückliche, junge Frau und nicht zufrieden, so wie ihr Leben verlief. Ich glaube, hätte ich in dieser Zeit nicht Courtney an meiner Seite gehabt, die ich immer noch liebte, ich hätte vielleicht wieder den Kontakt zu deiner Mutter gesucht.«

Ich beobachte diesen Mann, der über meine Mutter spricht, als ob sie beinahe eine normale Frau sei.

Robert scheint irgendwo in seinen Erinnerungen versunken, zwischen seiner verstorbenen Frau und einer jungen Prostituierten, die ihm leid tat und mit der er jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach eine einundzwanzigjährige Tochter hat.

Wie wäre mein Leben verlaufen, hätte Robert Ellen damals mit sich genommen und ich wäre nicht im Milieu aufgewachsen?

Er schmunzelt und sieht mich mit verschmitztem Blick an.

»Was?«, frage ich vorsichtig.

»Hätte ich alleine zu entscheiden gehabt in dieser Nacht, wäre ich durchaus bereit gewesen, noch für einige Stunden mehr zu zahlen.«

Beim Gedanken daran, wie Ellen und Robert es miteinander tun, wird mir kurzzeitig übel. Auch wenn ich Ellen nicht nur einmal bei diesen Aktivitäten habe zuhören müssen, steht mir nicht der Sinn nach diesem Gedankengut. Aber wahrscheinlich habe ich es einfach nicht anders verdient, als in so ein Leben geboren zu werden. Doch mit Robert … Eventuell ändert sich nun alles.

»Danach war alles anders«, berichtet Robert weiter. »Courtneys Schwester, Charlize, kam auf die Idee, dass wir doch Kinder adoptieren könnten und genau das taten wir. Als Courtney endlich wieder glücklich war und die Jungs erst zwei Jahre bei uns, erkrankte sie an Krebs. Ein Jahr später starb sie. Es war für uns alle eine harte Zeit.«

Robert sieht so unglücklich aus, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben das Bedürfnis verspüre, einen Menschen in den Arm nehmen zu wollen. Ihn trösten zu wollen.

»Aber gut«, ruft er und sein Blick klärt sich. »Das sind alte Geschichten, die längst vergangen sind. Zudem wollte ich etwas über dich erfahren.« Er steht auf, geht erneut zur Bar hinüber und füllt sein Glas.

»Über wen?«, höre ich plötzlich eine Stimme zu uns herüberklingen und als ich meinen Kopf in die Richtung drehe, aus der die Stimme kommt, sehe ich, wer sich zu uns gesellt hat.

Einer von Roberts Adoptivsöhnen. Der von vorhin aus dem Büro. Er trägt noch dieselbe Kleidung und diesmal sehe ich ihn auch von vorne.

Er sieht gut aus. Fein, aber lässig gekleidet und gepflegt. Seine Gesichtszüge sind ebenmäßig und er könnte glatt einem Hochglanzmagazin entsprungen sein. Solchen Männern begegne ich normalerweise nicht.

»Railly, Sarah. Sarah, Railly«, stellt Robert uns nüchtern vor, während Railly sich uns nähert.

»Hallo«, sage ich zaghaft und senke meinen Blick, da Railly mich eindeutig zu genau mustert.

»Ich sagte dir, wir brauchen keine Nanny! Obwohl sie zumindest mal jünger ist, als die bisherigen«, blafft er Robert an.

»Sarah ist keine Nanny und jetzt benimm dich gefälligst, so wie ich es dir beigebracht habe und begrüß unseren Gast! Beim Abendessen werde ich alles erklären.« Roberts Ton ist beinahe so schroff wie vorhin im Büro, als die beiden sich gestritten haben, und lässt mich tiefer in den Sessel sinken.

Ich hasse diese Reaktion meines Körpers! Diese Angst, immer wenn Männer laut werden, und das, obwohl die beiden überhaupt keine wirkliche Angst in mir auslösen. Nicht so, wie ich es sonst gewohnt bin.

»Oh, wenn das so ist«, gibt Railly mit einer Stimme voller Samt und Seide von sich. »Hast du Charlize endlich ausgetauscht, ja? Wurde auch Zeit, schließlich gehört es sich nicht für eine Dame, wenn sie mit Vater und den beiden Söhnen vögelt. Und dazu die vielen Gärtner«, seine Stimme hat dabei gewechselt zu unverfrorenem Hohn.

»Railly!«, schreit Robert und ich würde am liebsten aufspringen und aus dem Haus rennen.

»Sarah ist nicht meine neue Freundin und sprich nicht so über deine Tante, die alles für euch Jungs gegeben hat!«

»Selbst ihre Muschi«, kommt schallend aus Raillys Mund und damit rennt er zurück in Richtung der Eingangshalle. »Und Sarah …«, flötet er, als er wieder stehen bleibt, »wir werden uns bestimmt von nun an öfter über den Weg laufen.« Dann verlässt er den Salon und kurze Zeit später höre ich die Eingangstür zuknallen.

Robert lässt sich mit einem Seufzer zurück auf die Couch fallen und leert sein Glas in einem Zug. »Das war Sohn Nummer eins«, sagt er, »der Umgänglichere von beiden.«

SARAH

Nachdem Robert mich ohne weitere Erklärungen in einem der Gästezimmer abgeladen hat, sitze ich hier auf dem märchenhaften Himmelbett mit Ausblick zum Garten.

Zwei Stunden habe ich Zeit, mich zu akklimatisieren, wie Robert es genannt hat, bis ich mich zum Essen mit der gesamten Familie wieder unten einfinden soll.

Die gesamte Familie … Der Gedanke behagt mir nicht. Fremde Menschen in ihrer geschützten Umgebung … Und ich bin der Eindringling. Ob diese Charlize und Sam mich tolerieren werden?

Wenn Railly der Umgänglichere der beiden Brüder sein soll, möchte ich mir lieber nicht vorstellen, wie erst der andere ist!

Ich stehe auf, öffne neugierig den Kleiderschrank im Landhausstil, der jedoch leer ist. Ebenso wie die Schubladen des Sekretärs vor dem Fenster und der kleinen Nachttische neben dem Bett. Vielleicht wäre dies hier mein Zimmer gewesen, wäre ich hier aufgewachsen. So viele andere Möglichkeiten, durch kleine Entscheidungen …

Ich gehe zu der zweiten Tür, stecke meinen Kopf hinein und das Licht springt automatisch an. Zeitgleich ertönt Vogelgezwitscher über mir, so naturgetreu, dass ich mich kurz erschrocken umsehe und nach Vögeln Ausschau halte. Ich stecke in einem absolut überkandidelten Badezimmer mit Dusche, Wanne, Whirlpool und Naturgeräuschen. Auch hier ist alles in Marmor gearbeitet und sanftes Licht erfüllt den Raum.

Meine Güte, Burt würde rückwärts umfallen, wenn er das hier sehen könnte!

Nachdenklich blicke ich in den Kristallspiegel und betrachte mich. Meine grau-blauen Augen sehen mich neugierig an und ich streiche mit den Fingern durch mein goldblondes, langes Haar. Von Ellen habe ich nicht viel mitbekommen, bis auf meine Augenfarbe.

Ich bin deutlich größer als sie, meine Rundungen sind üppiger, an genau den richtigen Stellen – laut Caesar – und meine Lippen sind voller. Ich streiche über meine Nase, mein Kinn und sehe Robert vor mir. Es ist nicht nur mein Haar, das ihm ähnelt.

Nachdem ich mich notdürftig gewaschen habe, lege ich mich auf das Bett, das unter mir nachgibt, als ob ich die Prinzessin auf der Erbse wäre. Ich fühle mich wie auf Wolken gebettet. Und das ist wahrhaftig bis zum jetzigen Zeitpunkt nie vorgekommen.

 

***

»Sarah«, flüstert eine raue Männerstimme in mein Ohr. »Sarah entweder du stehst jetzt auf oder ich bin gezwungen, mich zu dir zu legen!«

Erschrocken reiße ich die Augen auf und sehe in das grinsende Gesicht Raillys.

»Nein!«, rufe ich panisch und rücke so unvermittelt zurück, dass Railly erschrocken aufspringt und ausweicht.

»Alles gut«, sagt er abwehrend und sieht mich überrascht an. »Ich wollte dir nichts tun, aber Robert wartet auf dich, vorher – dürfen – wir nicht mit dem Essen beginnen und ich bin hungrig!«, erklärt er und schielt auf meinen Bauch, der nicht mehr verhüllt ist, was mich sofort zur Bettdecke greifen lässt, um mich zu bedecken.

Dass er einfach so in mein Zimmer kommt und sich an mich heranschleicht, ohne dass ich es bemerke! Normalerweise wache ich bei dem kleinsten Geräusch schon auf.

»Kommst du dann?«, fragt er und geht zur Tür.

»In fünf Minuten bin ich unten«, sage ich erleichtert, dass er mein Zimmer wieder verlassen will.

»So eine junge Nanny hatten wir noch nie«, witzelt er süffisant und verschwindet.

Wenn ich überlege, dass jemand, den ich kaum kenne, einfach in mein Zimmer gekommen wäre im Milieu oder in meine Wohnung, und ich so normal bleibe, ist das kaum vorstellbar. Was haben Robert, Railly und auch der Chauffeur an sich, das mich so gelassen bleiben lässt?

 

***

 

Die Treppen, die ich hinabsteige, kommen mir nun vor, wie der Gang zum Schafott. Nicht, dass ich diesen Weg zum ersten Mal gehe, aber auf eine prekäre, mysteriöse Weise signalisiert mein Körper mir, seit ich mich auf dem Weg zum Salon befinde, dass dieses gute Gefühl, das in mir weilt, seit ich Roberts Büro betreten habe, gleich vergehen wird. Es ist ähnlich dem Gefühl, das ich als kleines Mädchen kennengelernt habe, wenn Ellen mich abends in mein Bett steckte, runter in den Laden ging und irgendwann später mit einem Freier zurückkam. Die Geräusche, die dann die Nacht über durch den Vorhang, der das Zimmer in zwei Hälften teilte, an mein Ohr drangen, ließen mich zu einer Salzsäule erstarren. Mein innerstes wollte schreien und davonlaufen, aber mein Körper blieb stumm und bewegungslos liegen, bis in den frühen Morgenstunden der erschöpfte Körper meiner Mum neben mir in den Schlaf sank.

Und genauso ist es jetzt. Mein Körper weiß immer vor meinem Kopf oder meinen Augen, was er zu tun hat oder das etwas passiert, das ihm nicht guttun wird.

Kurz bevor ich den Salon betrete, höre ich Stimmen ins Foyer hallen. Die eine gehört definitiv zu Robert und die andere … dringt so tief in mich ein, dass ich abrupt vor der geschlossenen Tür stehen bleibe und lausche.

Die fremde Stimme vibriert beinahe und mein Körper reagiert heftig und vollkommen unerwartet. Die Stimme ist dunkel, klingt fordernd und beherrschend, und gehört definitiv nicht zu Robert oder zu Railly.

Alles in mir läuft völlig durcheinander. So, als ob mein Körper Gefahr spüre und dennoch von diesem Klang angezogen wird.

Eine Stimme, Sarah, nur eine Stimme. Beruhig’ dich mal!, denke ich, während mein Körper eine ganz andere, fremde Sprache spricht.

»Das interessiert mich nicht!«, bekennt diese Stimme energisch.

»Das sollte dich aber interessieren!«, antwortet Robert, »es ist durchaus möglich, dass sie fundiert meine Tochter ist.«

»Darf ich sie dann etwa nicht vögeln?«, fragt die Stimme.

»Wenn du auch nur einen Finger an sie legst, bevor wir wissen …«

»Aber so oder so«, schneidet Railly ihm das Wort ab, »wir sind nicht verwandt. Er wird es tun. So wie immer.«

Der Fremde lacht, was unweigerlich ein Kribbeln in meinem Bauch auslöst. Obwohl das, was er da gerade gesagt hat, widerwärtig ist und meine Zombies erwecken müsste.

»Es reicht!«, ruft Robert scharf. »Kein Wort mehr von diesem Unsinn! Benehmt euch einmal wie normale Menschen.«

Immer noch stehe ich mit einem Ohr an der Tür und warte gebannt auf die nächsten Worte des Unbekannten. Was ist mit mir los?

Normalerweise lösen Fremde Angst in mir aus, jetzt aber, wie damals Taylor, und heute Robert und Railly selten ein angenehmes Gefühl.

Aber dieses dunkle Lachen zieht an mir, wie nichts zuvor in meinem Leben.

Aufgeregt lege ich meine Finger auf die angenehm kühle Eisenklinke der Salontür und schiebe sie zaghaft auf, was die drei Männer augenblicklich verstummen lässt. Mit leicht geneigtem Kopf betrete ich den Raum, an dem der lange Tisch, vor einem der Panorama-Fenster, mit mehreren Schalen voll duftendem Essen gedeckt ist und Robert, der mir freundlich, aber gesetzt zunickt.

»Schön, dass du kommst, Sarah«, begrüßt er mich, »setz’ dich. Ich habe die Jungs bereits über die Lage informiert, in der wir uns derzeit befinden.«

»Apart verpackt«, feixt Railly und lächelt mir zu.

Robert wirft ihm einen warnenden Blick zu. »Was soll ich sagen? Es leugnen? Es war definitiv falsch, aber es ist passiert und lange her«, erklärt er und ich spüre, wie unangenehm es ihm ist, darüber zu sprechen, auch wenn er es herunterspielt.

»Wir werden sehen, was daraus wird«, führt er weiter aus und deutet wieder auf den Stuhl. »Und das ist übrigens Sam, mein anderer Sohn.«

Sam … Sam ist gefährlich! Das spüre ich ganz klar. Aber da ist noch etwas … Ich kann dieses andere Gefühl nicht greifen.

Vorsichtig nehme ich meinen Gang wieder auf und schiele zum Tisch hinüber.

Railly sitzt am anderen Kopfende Robert gegenüber und mit dem Rücken zu mir sitzt Sam. Sam, dessen bloße Stimme meinen Verstand durchdrehen lässt.

Sam, dessen Rückansicht mich zum Schwitzen und Beben bringt.

»Nimm Platz«, sagt Robert, was Railly ein Grinsen entlockt. »Konntest du dich ausruhen?«

»Es sah ganz nach Entspannung aus«, bemerkt Railly und grinst unverhohlen.

Robert lässt sich seufzend in seine Lehne sinken und sieht mich entschuldigend an.

Nur Sam mit dem schwarzen, engen Shirt und den zusammengebundenen dunklen Haaren, dreht sich nicht zu mir um.

»Danke«, äußere ich an Robert gewandt.

Mein Blick haftet auf dem leeren Stuhl neben Sam und während mich Robert jetzt abwartend und Railly interessiert ansieht, ist es Sam, der mich nicht Platz nehmen lässt.

Obwohl ich nichts weiter, außer seinen Rücken und seiner Stimme kenne, bringe ich es nicht über mich, vorzutreten und mich neben ihn zu setzen. Es ist beinahe so, als warne mein Körper mich davor, ihm näherzukommen, gleichermaßen zieht er mich an wie ein Magnet und lässt mich damit völlig tatenlos auf der Stelle stehen.

»Komm schon, Schwester«, setzt Railly an, während Robert ihm einen warnenden Blick zukommen lässt, »wir beißen nicht!«

Wenn ich nicht weiter wie ein Volltrottel hier stehen will, muss ich meine Beine jetzt irgendwie antreiben, sich diesem Stuhl zu nähern!

»Hallo Sarah«, sagt Sam plötzlich ohne mir den Kopf zu zuwenden.

Er klingt heiß und fordernd.

Hallo Sarah, hallo Sarah … Mehr braucht es nicht, damit ich mich wie automatisch in Bewegung setze.

Diese Stimme löst eine solche Urgewalt in mir aus, wie ich es noch nie erlebt habe. Mein gesamter Körper ist mit einer Gänsehaut überzogen und in meinem Bauch flattert es merkwürdig.

Nur gut, dass Robert und Railly ihre Aufmerksamkeit in diesem Moment ihren piependen Handys zuwenden, sonst hätten sie meinen hochroten Kopf bemerkt, was mir absolut peinlich wäre.

Als ich endlich an dem Stuhl mit den breiten Holzstreben ankomme, umgreife ich als Erstes das kühle braune Leder, mit dem der Rücken bezogen ist.

Robert und Railly sind so mit ihren Smartphones beschäftigt, dass sie mich überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Dafür nehme ich den Geruch wahr, der in meine Nase dringt und mich mit einer Sehnsucht erfüllt, dass mir für einen kurzen Moment die Beine schwach werden. Er ist leicht holzig, herb-süß und nimmt mich dermaßen ein, dass ich mich von diesem Mann angezogen fühle, obwohl es mir zeitgleich Angst macht. Das ist neu. Und vollkommen irrsinnig, wenn nicht leichtsinnig.

Noch immer sehe ich nicht mehr von Sam, wie seinen Rücken und der Atmung, die unter dem deutlich zu eng anliegenden Shirt zu erkennen ist. Alles an ihm ist durchtrainiert, anziehend und sexy.

Kleine, dunkle Haare haben sich aus dem Haargummi, das er trägt, befreit und kommen auf seiner Schulter auf.

»Wenn du noch länger da rumstehst und meinen Rücken anstarrst, ist das Essen kalt und wir verhungern!«, sagt er und die dunkle Monotonie seiner Stimme löst ein Gefühl in meinem Bauch aus, das mich um den Verstand bringt, der alles ist, was ich habe.

Völlig überfordert und überrascht ziehe ich den Stuhl zurück und lasse mich darauf nieder. Sein Geruch dringt nun noch intensiver in meine Nase. Er verspricht dunkle Geheimnisse und weckt meine Neugier. Was absolut nicht sein dürfte und nicht normal ist. Nicht für mich!

Es ist ganz anders, als damals bei Taylor. Der einzige Mann in meinem Leben, den ich jemals an mich herangelassen habe. Taylor war lieb und verständnisvoll, Sam ist dunkel und roh.

»Nimm dir, was du willst«, ruft Railly mir zu und für einen kurzen Moment bin ich dankbar, dass er mich anspricht und mich aus meiner Lethargie löst.

»Das solltest du nicht bei allem wörtlich nehmen!«, schmeißt er hinterher und sein Blick haftet für einen kurzen Moment auf Sam.

Ich starre auf die dampfenden Schüsseln vor mir auf dem Tisch und kann mich nicht entscheiden, zwischen dem Gefühl, Sam anzusehen oder aufzuspringen und mich in Sicherheit zu bringen.

»Du solltest Railly nicht allzu ernst nehmen«, sagt er plötzlich und unerwartet an mich gewandt, ohne mich dabei anzusehen. »Sobald ein Mädchen sich in seiner Nähe befindet, wird er seltsam.«

Seine Stimme klingt vertraut und fremd zugleich.

»Kein Problem«, antworte ich und hätte mich am liebsten geohrfeigt für diesen Quatsch.

Kein Problem? Ich habe nicht nur ein Problem und Railly ist dabei – glaube ich – mein geringstes.

»Das sagt gerade der Richtige!«, keift Railly.

»Es reicht!«, ruft Robert. »Lasst Sarah mit eurem Mist in Ruhe. Greif zu«, sagt er zu mir und widmet sich den dampfenden Schüsseln, nachdem er das Handy beiseite gelegt hat, ebenso wie Railly.

Da Sam und ich gleichzeitig zu den Schüsseln greifen, nutze ich die Gelegenheit, um während des Auftragens der Kartoffeln auf meinen Teller einen weiteren Blick zu riskieren.

Ein feiner, dunkler Bart überzieht sein markantes Kinn und sein Mund ist gezeichnet von vollen geschwungenen Lippen, die in diesem Moment eine Gabel aufnehmen, was ausnehmend weiße Zähne zum Vorschein bringt. Obwohl ich nur einen Teil seiner rechten Gesichtshälfte sehe, bin ich mir sicher, dass auch der Rest wunderschön ist.

»Was machst du so?«, fragt er in meine Gedanken hinein in dem Moment, in dem ich die Gabel ebenfalls zum Mund führe.

»Essen?«, sage ich überrumpelt und habe nicht im Mindesten eine Ahnung, was hier mit mir passiert. Zumindest entlockt meine Antwort ihm ein Lächeln, welches ein Grübchen zum Vorschein bringt. Meine Augen gleiten immer wieder verstohlen zu ihm rüber und am liebsten würde ich meine Hände um sein Gesicht legen und ihn zu mir ziehen, damit ich ihm endlich in die Augen sehen kann.

Sarah du drehst gerade durch, denke ich und versuche mich wieder auf das Essen vor mir zu konzentrieren.

»Dann guten Appetit«, sagt er und mit Sicherheit laufe ich in diesem Augenblick wieder rot an.

Während die drei Männer reinhauen, als ob sie seit Tagen nichts zu sich genommen hätten, bekomme ich kaum einen Bissen hinunter. Mein Blick haftet fest auf meinem Teller. Ich bin so aufgeregt, dass ich ständig bemerke, wie die Gabel, die ich in der Hand halte, zittert, was mich noch fahriger werden lässt.

»Was haltet ihr davon, wenn wir morgen alle gemeinsam mit Charlize zusammen zum Essen ausgehen?«, fragt Robert.

»Das darfst du gerne alleine machen«, antwortet Railly, während Sam still bleibt.

»Ich meine, wir alle. Also mit Sarah zusammen«, ergänzt Robert.

»Wenn das so ist«, sagt Railly grinsend und ich spüre seinen Blick genau auf mir, doch er löst nichts in mir aus. Nichts Gutes und nichts Schlechtes, was wieder total unnatürlich ist. Zumindest für mich.

»Ohne mich«, äußert Sam kühl.

»Einmal wirst du doch bestimmt deine Pläne ändern können«, sagt Robert eindringlich.

»Einmal schon«, antwortet er, »das wäre aber das hunderttausendste Mal.« Seine Stimme klingt kalt und abweisend.

»Dann mach’ es Sarah zuliebe«, versucht Robert es erneut, was mir äußerst unangenehm ist.

»Wer?«, fragt er, beugt sich plötzlich zu mir rüber und greift nach dem Salzstreuer, der zwischen mir und Robert steht, was unweigerlich dazu führt, dass er mich mit der nackten Haut seines Armes berührt.

»Ich bin Sarah«, sage ich Idiot, da der unerwartete Körperkontakt mir zusetzt und Sams Gesicht ist mir durch diese Aktion so nah, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spüre.

»Die gefällt mir!«, ruft Railly und Sam gleitet ohne ein Wort zurück an seinen Platz, während ich spüre, wie mir das Blut abermals in den Kopf steigt.

»Also, Sam, wirst du uns begleiten?«, bohrt Robert erneut.

In mir keimt Hoffnung auf, da ich meine, Sams Blick auf mir zu spüren. Auch wenn sämtliche Alarmglocken in mir schrillen, mich von diesem Mann fernzuhalten, will ich genauso dringend mehr über ihn erfahren.

»Nein danke«, sagt er jedoch und widmet sich dem Salzstreuer und seinen Kartoffeln.

»Also gut, dann bestelle ich einen Tisch im ›Four Seasons‹ für vier. Morgen achtzehn Uhr«, erklärt Robert.

»Zieh’ dir was Hübsches an, Süße«, witzelt Railly und Sam neben mir lacht kurz auf.

Die Gabel fällt mir aus der Hand, Robert sieht erschrocken zu mir rüber und ich kann nicht anders, als aufzuspringen.

»Wenn ihr mich entschuldigen würdet«, äußere ich schnell, stehe auf und rücke den Stuhl zurück. »Mir geht es nicht besonders gut, seit ich eben aufgestanden bin, und ich würde gerne zu Bett gehen.« Ich warte keine Antwort ab, sondern entferne mich vom Tisch.

»Es tut mir leid, Sarah«, höre ich Robert rufen, als ich durch die Tür hinaus auf den Flur trete.

Noch während ich die Stufen hoch zu meinem Zimmer laufe, vernehme ich Roberts lautes Geschrei, aber ich höre nicht mehr auf seine Worte.

›Süße‹, so haben mich die Freier meiner Mutter oft genannt.

»Na, Süße, willst du auch mal lieb zu dem Onkel sein?«

»Süße komm, setz’ dich doch mal auf meinen Schoß.«

»Komm her, Süße, ich will dir etwas zeigen.«

Man kann vieles zu mir sagen, aber ›Süße‹ ist ein Wort, das mit meinem Verstand nicht kompatibel ist. Es löst sofort einen Fluchtreflex aus. Es gibt Dinge, die machen mich wütend. Zumindest glaube ich, dass Wut sich so anfühlt. Diese Wut lässt sich schwer greifen und manchmal spüre ich sie stärker als meine Zombie-Bakterien. Ich kann dieses Gefühl nicht händeln, kann es weder herauslassen noch tatsächlich unterdrücken. Dieses Gefühl schlummert in mir, solange ich denken kann. Und manchmal habe ich Angst, dass es mich überrennt.

Ich drehe den Schlüssel zweimal um und lege mich auf das Bett. Wie immer, wenn mir etwas passiert, was dieses Gefühl in mir auslöst, und mich Tausende schlechte Erinnerungen plagen, schlafe ich unverzüglich ein.

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