Leseprobe zu Faking It

Lesezeit: 30-40 Minuten

Kapitel 1

Olivia

 

»Einen Matcha Tea Latte, bitte.«

»Gern«, antworte ich und bereite der Kundin gut gelaunt ihre Bestellung zu.

Mit einem Lächeln bedankt sie sich und nimmt den dampfenden, köstlich riechenden Behälter entgegen.

Bevor sie das Café verlässt, schenke ich ihr ein Strahlen. Dann streiche ich meine Schürze glatt und lehne mich an der Küchenzeile hinter mir an, bis der nächste Kunde erscheint. Unter der Woche ist es meist erst mittags richtig voll. Gerade ist jedoch wieder ein Leerlauf, den ich nutze, um eine kurze Pause zu machen. Da sich meine Arbeitskollegin Savannah heute krankgemeldet hat, übernehme ich das Café allein, aber ich komme gut zurecht.

Seit meiner Kindheit ist es mein Traum – und der meines verstorbenen Bruders – eines Tages ein eigenes Café zu eröffnen. An seinem Todestag habe ich mir geschworen, das für uns beide durchzuziehen. Doch es ist ein langer Weg bis zur Selbstständigkeit und bislang fehlt mir das nötige Geld dafür. Ohnehin schwimme ich nicht in Geld und kann mich mit diesem Job gerade so über Wasser halten. Bis ich genug zusammen habe, kann ich mir aber nichts Besseres vorstellen, als in einem Café zu jobben, um Erfahrung zu sammeln. Und dann auch noch im hot n cold, einer der beliebtesten Caféketten des Landes.

Da gerade kein Kunde in Sicht ist und die anderen Gäste auf ihren Plätzen in ihre Gespräche oder Laptops vertieft sind, verziehe ich mich für einen Augenblick in den Mitarbeiterraum. Vor dem Spiegel richte ich meine dunkelblonden Haare, die mir wellig bis zur Brust reichen, und befestige die Klammer, die sie hinten zusammenhält, erneut. Schnell schnappe ich mir noch meine Handtasche, um mein Make-up aufzufrischen. Als ich etwas Lippenpflege auftrage, höre ich Stimmen vom Tresen. Hastig stopfe ich alles zurück in die Tasche.

»Ich hoffe, bei Ihnen ist alles in Ordnung … es freut mich sehr, zu hören, dass Sie unser Café so oft besuchen … vielen Dank.«

Ein tiefes Lachen ertönt und mein Herz macht einen Sprung. Er ist es. Mein Boss.

Ich werfe einen letzten Blick in den Spiegel, schaue in meine dunkelbraunen Augen, betrachte mein schlichtes Outfit, das aus Hotpants und einem weißen T-Shirt besteht, und kehre zurück nach vorn. Dort habe ich ihn direkt vor mir stehen.

Mein Boss lehnt lässig am Verkaufstresen und unterhält sich mit einem Kunden, der an einem der Tische sitzt. Dann wendet er sich mit breitem Grinsen mir zu.

Meine Hände verkrampfen sich. 

Seine haselnussbraunen Augen mustern mich einen Moment, bevor er spricht. »Hallo, Miss Watson.«

»Guten Tag, Mr. Harris«, begrüße ich ihn höflich.

Mr. Harris, der meinen Internetrecherchen zufolge Matthew mit Vornamen heißt, richtet seine Krawatte und kommt hinter den Tresen.

Ich schnappe mir schnell einen Lappen und beginne, die Oberflächen abzuwischen, um nicht nur herumzustehen, während der Boss dieser nationalen Cafékette an meiner Seite ist. Oder besser gesagt, der Typ, der mein Herz höherschlagen lässt, seit er sich das erste Mal als mein Boss vorgestellt hat. So viele Abende saß ich schon vor meinem Laptop und habe versucht, alles Mögliche über ihn herauszufinden. Über diesen heißen Mann, der laut seinen Social-Media-Profilen Single ist. Es ist nicht einfach, gelassen zu bleiben, wenn er in meiner Nähe ist. Erst recht nicht, wenn er einen perfekt sitzenden Anzug trägt, der seine trainierten Oberarme betont. Mein Puls schnellt automatisch in die Höhe.

»Und, wie läuft es heute? Ich war gerade in der Gegend und dachte, ich schaue vorbei.«

Er schaut mich von der Seite an, doch ich weiche seinem Blick aus und wische weiter über die Oberflächen. Zu groß ist die Gefahr, in seinen Augen zu versinken. Ich muss mich immer daran erinnern, dass er mein Boss ist und ich auf der Arbeit bin. So etwas gehört hier nicht hin. Ich brauche den Job, ich bin schließlich auf das Gehalt angewiesen. »Der große Ansturm kommt sicher am Mittag, jetzt ist es etwas ruhiger.«

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie er nickt. »Und Sie arbeiten heute allein?«, fragt er interessiert.

Mein Blick geht in seine Richtung. Ein Fehler. Er streicht sich über seinen Dreitagebart und meine Augen wandern zu seinen dunkelbraunen, nach hinten gegelten Haaren. Eine Haarsträhne hat sich gelöst und fällt ihm locker in die Stirn, was ihn nur noch attraktiver macht.

»Genau. Miss King hat sich krankgemeldet, aber ich habe alles im Griff. Schließlich will ich eines Tages auch mein eigenes Café eröffnen.« Wieso habe ich das gerade gesagt? Es ist nicht klug, dem eigenen Chef zu eröffnen, dass man gern seine Konkurrenz wäre. Aber es ist mir einfach herausgerutscht.

Mr. Harris zieht eine Augenbraue hoch und mustert mich. »Ach, wirklich? Sie wollen mir wohl Konkurrenz machen?«

Ich habe es geahnt … wieso kann ich mich in seiner Gegenwart nicht normal verhalten und plappere einfach drauflos? »Ähm, also …«, beginne ich.

Er lacht und unterbricht mich: »Miss Watson, ich mache bloß einen Spaß. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie eines Tages Ihr eigenes Café eröffnen werden. Aber so einfach lasse ich Sie nicht an die Spitze.« Er grinst.

Die Anspannung in meinen Schultern löst sich ein wenig. »Es war schon immer mein größter Traum, ein eigenes Café zu eröffnen. Deshalb bin ich auch froh, hier arbeiten zu können, um Erfahrung zu sammeln und Geld beiseitezulegen.« Kann ich bitte aufhören, meinem Boss von meinen Wünschen zu erzählen? Erst recht, wenn es sich um die gleiche Branche handelt?

»Sie leisten gute Arbeit bei uns. Ich bin mir sicher, dass Sie es schaffen können.«

Ich weiß nicht, was ich auf seine Aussage erwidern soll, und so zögere ich einen Augenblick. Als ich mich dann bei ihm bedanken will, vibriert sein Handy und er greift danach.

»Hi, Connor! Alles klar, klingt gut, ich bin gleich dort.«

Ich merke erst, dass ich ihn die ganze Zeit über anschaue, als er das Telefonat beendet und mir in die Augen blickt. Mein Herzschlag verdreifacht sich.

Er macht einen Schritt auf mich zu, nur um dann nach einem Becher neben mir zu greifen. »So, ich muss dann wieder los. Ich nehme mir bloß noch einen Coffee to go mit.«

»Klar, ist ja auch Ihr Laden«, versuche ich mich an einem Witz. So langsam sind meine Nerven echt angespannt.

Mr. Harris lacht kurz und bereitet seinen Kaffee zu. Auf seinem Gesicht bilden sich Lachfalten.

Ich wende meinen Blick ab, um nicht dahinzuschmelzen. Gleichzeitig bete ich, dass ein Kunde erscheint und mich aus dieser peinlichen Lage rettet. Aber natürlich entscheidet sich in der ganzen Zeit, die mein Boss an meiner Seite ist, kein Kunde dazu, einen Kaffee zu bestellen.

»Schwarzer Kaffee, gibt es etwas Besseres?« Er hält den Becher in meine Richtung und nickt mir zu. »Miss Watson, wir sehen uns. Halten Sie den Laden am Laufen.«

»Natürlich, Mr. Harris. Bis zum nächsten Mal.« Ich schenke ihm ein Lächeln, doch er schaut bereits wieder auf sein Handy und tippt eine Nachricht. Bevor er geht, verabschiedet er sich von dem Gast, mit dem er sich zuvor unterhalten hat. Dann ist er weg.

»Hallo? Kann ich noch einen Latte macchiato haben?« Ein Kunde, der unbemerkt an die Theke herangetreten ist, reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich blinzele kurz, dann nicke ich schnell. »Klar, natürlich. Ich bringe Ihnen das Getränk sofort.«

Er setzt sich zurück an seinen Platz und ich bereite den Kaffee zu. Meine Konzentration ist dahin, seit ich Mr. Harris wieder begegnet bin. Er lässt sich nicht oft blicken und taucht nur alle drei, vier Wochen hier auf. Aber jedes Mal ist mein Kopf voll von ihm. Ich weiß, dass es keinen Sinn hat, auch nur einen einzigen Gedanken an ihn zu verschwenden. Immerhin ist er mein Boss und ich seine Angestellte. So etwas funktioniert vielleicht in Filmen, aber nicht im echten Leben. Dafür leben wir in zu verschiedenen Welten. Während er im Geld badet, muss ich jeden Monat bangen, über die Runden zu kommen. Trotzdem schaffe ich es den Rest des Tages nicht mehr, ihn aus meinem Kopf zu bekommen. Diese haselnussbraunen Augen haben sich in mein Herz geschlichen, obwohl ich ihn nicht einmal wirklich kenne. Und deshalb wäre ich gut beraten, sie so schnell wie möglich wieder daraus zu verbannen – auch, wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wie ich das anstellen soll. Und gegen ein paar Tagträume ist doch schließlich nichts einzuwenden, oder?

Kapitel 2

Matthew

»Heute Abend habe ich wirklich Lust auf einen Drink.« Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Connor mir nickend zustimmt.

»Und ich erst. Ich bin froh, aus dem Haus zu kommen.«

Verwundert schaue ich ihn an, während wir auf die Bar zusteuern. The Cocktail Club, eine unserer Lieblingsbars in Downtown Charleston, liegt direkt auf der King Street.

»Ärger im Paradies?«, hake ich nach.

Mein bester Freund lacht kurz auf und streicht über seinen Dreitagebart. In Kombination mit seinen dunkelblonden, lockigen Haaren und der gebräunten Haut ist er der Sunny Boy, den sich alle Frauen wünschen. Doch seit etlichen Jahren gehört das Herz des Eventmanagers lediglich einer von ihnen. »Na ja, so ähnlich. Jessica und ich sind ja seit sieben Jahren zusammen. Und in letzter Zeit spricht sie immer wieder davon, dass alle ihre Freundinnen einen Antrag bekommen haben und verlobt sind. Sie will endlich auch an der Reihe sein.« Er hält die Tür zur Bar offen und wir treten ein.

Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe und streiche meinen Anzug glatt. »Connor, ich sage es dir ja immer wieder: Deshalb habe ich keine Lust auf eine Beziehung. Frauen sind verrückt. Du machst dir das Leben einfacher, wenn du dich auf deine Karriere konzentrierst.«

Er winkt lächelnd ab und ich grinse. Ich weiß, wie sehr er in Jessica verschossen ist, und deshalb ist mein Rat auch nicht ernst gemeint. Na ja, was ihn betrifft. Ich nehme diesen Rat sehr ernst. Das Einzige, was für mich im Leben zählt, ist, meine Cafékette an die Spitze zu treiben. Geld zu machen. Viel Geld. Anerkennung zu erlangen. Etwas Besonderes aus meinem Leben zu machen und mich nicht von anderen Menschen vom Weg abbringen zu lassen. Ich merke erst, wie sehr ich in meine Gedanken abgerutscht bin, als Connor vor mir stehen bleibt.

»Erde an Matt? Woran denkst du?«

Ich blinzele kurz und schüttele dann schnell den Kopf. »An nichts. Komm, lass uns einen Platz suchen.« Dabei denke ich an sie. An die Person, wegen der ich mich überhaupt an diesen Ratschlag halte und mich von Beziehungen distanziere. Nur One-Night-Stands, nichts Festes. Nach all den Jahren taucht sie immer noch gelegentlich in meinem Kopf auf, obwohl sie damals diejenige war, die fremdgegangen ist. Ich dränge meine Gedanken beiseite und versuche, mich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Wir setzen uns auf eine dunkle Ledercouch in der Ecke und bestellen zwei Old Fashioned. So wie es sich in einem stilvollen Schuppen wie diesem gehört. Die Kellnerin bringt uns unsere Drinks an den Tisch und beugt sich etwas zu weit nach vorn, sodass ich einen guten Blick in ihr enges Oberteil erhaschen kann.

Connor grinst, als sie mir ein Lächeln mit perfektem Wimpernaufschlag schenkt und zur Bar zurückgeht.

»Oh, die will dich«, meint er und nimmt einen Schluck aus seinem Glas.

»Wer nicht«, gebe ich zurück und ernte ein Lachen von ihm. Während ich trinke, wandert mein Blick zum Tresen, hinter dem die Kellnerin steht und einen anderen Gast bedient. Sie erwidert meinen Blick. Oh ja, sie ist heiß. Ihre blonden Haare hat sie zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden und auch ihre vollen Lippen sind mir nicht entgangen. Ich wende meinen Blick von ihr ab und richte meine Konzentration wieder auf Connor, denn Spaß kann ich mit ihr immer noch haben. So wie sie mich angesehen hat, wartet sie nur darauf, dass ich nach ihrer Schicht mit zu ihr komme.

»Wie läuft das Business?«, will ich von Connor wissen, um ihn von Jessica abzulenken. »Welche Veranstaltungen plant ihr momentan?«

Er beginnt gerade zu reden, als ich hinter mir ein Lachen vernehme, das sofort meine Aufmerksamkeit erregt. Nein, es handelt sich nicht um die gut aussehende Kellnerin, auch wenn ich mir in diesem Moment nichts sehnlicher wünsche. Dieses Lachen wirft mich sechs Jahre in meinem Leben zurück. Fast glaube ich, dass ich es mir bloß eingebildet habe, aber da ertönt es schon wieder. Ruckartig drehe ich meinen Kopf Richtung Eingangstür. Da steht sie.

»Zac, du bist so witzig.« Wieder lacht sie und lehnt sich an den Typen, der neben ihr steht. Er ist ein großer, breit gebauter Mann mit dunklen, fast schwarzen, nach hinten gegelten Haaren. Dass er steinreich ist, kann ich von hier aus sehen. Die Rolex an seinem Handgelenk blitzt auf und ähnelt der, die ich selbst trage.

Ich schlucke, als ich sie betrachte. Sie ist genauso wunderschön wie damals. Aber was habe ich erwartet? Sie war immer schon eine Naturschönheit. Und sie war es, die unsere Liebe aufgegeben hat.

»Matt?« Connor versucht, meine Aufmerksamkeit zurückzuerlangen.

Ich drehe mich zu ihm und an meinen aufgerissenen Augen erkennt er wohl, dass etwas nicht stimmt.

»Was ist los?«, fragt er.

»Sie ist hier.«

»Wer?«

»Sie

»Oh.« Connor nimmt einen großen Schluck von seinem Drink.

Ich leere meinen in einem Zug. Ich habe ihm nicht allzu viel von Lauren erzählt, nur das Nötigste. Dass sie mich belogen und betrogen hat, obwohl sie mir alles bedeutete. Und das vielleicht immer noch tut.

»Wo setzt sie sich hin?«, will ich von Connor wissen.

»Äh, sie stehen noch und schauen sich um.«

Angespannt starre ich in sein Gesicht und warte auf eine Regung. Ich bete, dass die beiden die Bar einfach wieder verlassen. Ich habe keinen blassen Schimmer, wieso sie hier ist und wer der Typ bei ihr ist. Ist sie nicht nach New York City gegangen? Wieso sollte sie dann wieder hier in Charleston auftauchen? Als Connors Augen größer werden, weiß ich Bescheid.

»Sie kommen hierher«, flüstert er mir zu.

Für einen Moment schließe ich die Augen und rufe mir in Erinnerung, wer ich bin: Matthew Harris. Besitzer der landesweiten Cafékette hot n cold. Erfolgreich. Wohlhabend. Zielstrebig. Begehrt. Als ich die Augen wieder öffne, spüre ich eine zarte Hand auf meiner Schulter, die mich antippt.

»Matthew? Bist du es?«

Ich wünschte, ich wäre nicht derjenige, für den du mich hältst. Was willst du hier?

Ich sehe auf und der erste Blick in ihre Augen haut mich beinahe um. Diese hellblauen Augen haben mich schon damals in ihren Bann gezogen und jetzt drohen sie, es erneut zu tun. Ihre dunkelbraunen Haare fallen glatt und glänzend über ihre Schulter. Mein Blick wandert über das enge Kleid, das sich an ihren Körper schmiegt. Ein Räuspern von dem Typen neben ihr ruft mir wieder in Erinnerung, was hier gerade vor sich geht. »Hi, Lauren, was machst du denn hier?«

Sie lacht. Ein Lachen, das klingt, als hätte sie mir damals nicht das Herz gebrochen und wir wären gute alte Freunde, die sich nach Jahren wiedersehen. Und ich kann nicht leugnen, dass es mich freut, dass sie hier ist.

»Das ist mein Freund Zac. Ich habe ihn in New York kennengelernt. Wir haben uns kürzlich ein Ferienhaus gekauft und wo könnte man das besser tun als in Charleston? Das Wetter ist top und die Stadt ein Traum.«

»Zachary Hill, Immobilienmakler aus New York City«, stellt sich Zac noch einmal selbst vor.

»Sehr erfolgreicher Immobilienmakler«, merkt Lauren an.

Beide lachen. Sie streicht über seine Brust und er gibt ihr einen Kuss.

Ich wende meinen Blick ab und sehe, wie Connor nervös mit dem Bein wackelt. Ihm muss die ganze Situation auch unangenehm sein. Ich wünschte, er und ich wären niemals in diese Bar gekommen.

»Ich bin Connor, ein Freund von Matthew«, sagt er.

Lauren bedenkt ihn mit ihrem charmantesten Lächeln, bevor sie sich wieder mir widmet. »Wie schön. Und wie geht es dir, Matthew? Du bist immer noch in Charleston?«

Fast will ich sagen, dass ihre Frage wie ein Vorwurf klingt, aber vielleicht spricht nur der Schock und die Verwunderung aus mir, da meine Ex-Freundin gerade vor mir steht. Wirklich glauben kann ich es immer noch nicht. »Ja, ich lebe immer noch in Charleston.« Ich kann nichts gegen meinen angespannten Tonfall tun.

In Laurens Augen flackert eine Emotion auf, die ich nicht einordnen kann. Vielleicht tauchen in ihrem Kopf Bilder von früher auf. Glückliche und zerschmetternde Erinnerungen. »Und wie läuft es mit deinem Business? Du warst ja früher schon … sehr ehrgeizig.«

Ja, Lauren, das war ich. Und genau das war es, was dich von mir getrieben und in das Bett eines anderen Mannes gebracht hat. Dass ich so ehrgeizig war. Zu ehrgeizig. Die Zeit, die wir miteinander verbrachten, wurde immer knapper, dabei habe ich doch nur hart für unsere Zukunft gearbeitet. »Oh, mit meinem Business läuft es sehr gut. Ich besitze die Cafékette hot n cold, der Name sagt dir sicherlich etwas. Die Kette gibt es landesweit. Wir haben auch mehrere Standorte in New York City.« Ich bedenke Zac mit einem Blick, doch der schaut lediglich auf seine Rolex. Anscheinend interessiert ihn unser Gespräch oder der Fakt, dass ich Laurens Ex-Freund bin, nicht weiter.

»Ach, sag bloß!«, platzt es aus Lauren heraus und sie reißt ihre Augen auf. »Dir gehört hot n cold? Da hole ich mir jeden Morgen meinen Caffè Americano

Ein freudiges Gefühl wallt in meiner Brust auf und verwirrt mich. Ich merke gar nicht, dass Connor und Zac auch noch da sind. Lauren und ich sehen uns die ganze Zeit über fest an. Ihre Augen haben etwas Hypnotisierendes an sich.

»Caffè Americano. Immer noch dein Lieblingsgetränk?«

»Ich liebe ihn, seit du mir damals den ersten zubereitet hast«, antwortet sie und mein Blick fällt auf ihre rosigen Lippen.

Dann reißt mich Zacs Räuspern aus meiner Starre. »Schatz, sollen wir uns mal hinsetzen, damit wir einen Drink bestellen können? Ich muss später zu Hause noch ein wenig arbeiten.«

Lauren klopft ihm auf die Schulter und nickt. »Immer am Arbeiten, der gute Mann.« Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange und Zac schenkt ihr ein kurzes Lächeln, bevor er sich seinem Handy widmet und von uns wegdreht.

»War schön, dich wiederzusehen, Matthew. Und dich kennenzulernen, Connor.«

Connor lächelt und nickt ihr zu. »Ganz meinerseits.«

»Dann noch einen schönen Abend«, wünsche ich den beiden, aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt nur Lauren.

Bevor sie Zac zu einem Tisch folgt, hält sie noch einmal inne. »Am Samstag sind wir auf der Hochzeit von Amanda und ihrem Verlobten. Bist du auch eingeladen?«, fragt sie.

Ich stocke. Amanda ist eine gemeinsame Freundin von uns aus College-Zeiten. Ich hatte keine Ahnung, dass die beiden immer noch in Kontakt stehen. Aber allem Anschein nach werden Lauren und ich in ein paar Tagen erneut aufeinandertreffen. »Oh, ja, ich bin eingeladen«, gebe ich, etwas überfordert mit der Situation, von mir.

Ihr Gesicht hellt sich auf. »Du bringst bestimmt deine Freundin mit, oder? Ich meine, du hast doch eine Freundin?«

Sie schaut mich forschend an und ich merke, dass ich in der Klemme stecke. Mein Blick wandert zu Connor, der mich verwirrt ansieht. Ich ahne jetzt schon, dass er mich gleich mit Fragen bombardieren wird. Erst recht, wenn er meine Antwort auf ihre Frage hört. »Ja, klar. Natürlich bringe ich meine Freundin zur Hochzeit mit.« Die Worte sprudeln aus meinem Mund, bevor ich über ihre Bedeutung nachdenken kann. Einen Moment herrscht Stille und ich bin dankbar, dass Connor einfach einen Schluck von seinem Drink nimmt und keine Reaktion auf meine falsche Aussage zeigt.

Laurens Lächeln verschwindet für einen Augenblick, dann fasst sie sich wieder. »Wie nett. Dann bis Samstag«, sagt sie kurz angebunden.

Lauren und Zac setzen sich an einen Tisch, der glücklicherweise auf der anderen Seite der Bar ist, und so hören sie nicht, wie ich meine angestaute Luft ausatme.

Connor stellt sein Glas vor sich ab und beugt sich zu mir. »Kannst du mir bitte mal erklären, was das gerade war?«

Fuck. Ich weiß es doch selbst nicht. Mein Kopf ist noch viel zu verwirrt von Laurens Präsenz und ihrem Anblick. Verdammt. Ich weiß, dass sie mich betrogen hat. Mir das Herz herausgerissen hat. Aber als sie vor mir stand, war das nicht alles, woran ich gedacht habe. Sie hat immer noch diese wahnsinnig … heiße Ausstrahlung. Und ihr Lachen schafft es nach wie vor in mein Herz. Wir haben uns damals nie richtig ausgesprochen. Dabei habe ich sie seit der Highschool immer als meine große Liebe bezeichnet.

»Matt?«, fragt Connor ein zweites Mal.

»Ja, ja, ich weiß. Ich weiß.« Beschwichtigend hebe ich die Hände, aber Connor schüttelt nur mit dem Kopf.

»Ich dachte, sie hat dich betrogen? Wieso hast du sie dann gerade angesehen, als wärst du ihr Hundewelpe?«

Bei dem Vergleich muss ich kurz grinsen, aber mein Kumpel schaut mich ernst an, also beiße ich mir auf die Zunge. »Verflucht, ich weiß auch nicht. Sie wirkt viel erwachsener und reifer als vor ein paar Jahren. Und sie ist immer noch so … verdammt heiß. Noch heißer, wenn du mich fragst. Und sie war früher schon eine Granate.«

Connor lacht und lässt sich auf die Couch zurückfallen. »O Mann, Matt, dir ist echt nicht mehr zu helfen. Aber heiß ist sie wirklich«, gesteht er.

Ich grinse wieder und lasse das Gespräch Revue passieren, bis mir die Stelle wieder einfällt, an der ich ihr von meiner imaginären Freundin erzählt habe. Oh, Mist.

Connor scheint meine Gedanken gelesen zu haben, denn einen Augenblick später spricht er genau das Thema an. »Und, wo ist deine Freundin, die ich noch nicht kennengelernt habe? Oder soll ich mich am Samstag als dein sexy Date ausgeben?«

Ich streiche mir über die Bartstoppeln und merke, dass ich Mist gebaut habe. Großen Mist. Wie ich aus der Nummer herauskommen soll, weiß ich auch nicht. »Mir bleibt wohl keine andere Wahl, als dich zu verkleiden«, stelle ich belustigt fest.

Wir lachen beide bei der Vorstellung.

»Wieso hast du das überhaupt gesagt? Du hättest doch ehrlich bleiben können«, fragt er mich, nachdem wir wieder Luft bekommen.

Ja, verfluchter Mist. Wieso musste ich sie anlügen? Natürlich weiß ich die Antwort: Ich wollte nicht, dass sie denkt, dass ich seit unserer Trennung keine Beziehung mehr hatte und immer noch an ihr hänge. Dabei will ich nicht einmal eine. Sie hat mich schließlich gelehrt, was Beziehungen mit einem machen können. Und trotzdem hat sie mich gleich wieder in ihren Bann gezogen, als sie vor mir stand. Mit ihren hellblauen, stechenden Augen und den weichen, vollen Lippen. »Keine Ahnung. Ich war einfach mit der Situation überfordert.«

Dabei ist es nicht einmal so, dass ich seit unserer Trennung niemanden mehr hatte. Ja, ich hatte keine Beziehung mehr, weil ich den Glauben daran verloren habe. Die Trennung von Lauren war die zweite Bestätigung in meinem Leben, dass Beziehungen einem nur wehtun … Aber ich hatte immer wieder Dates und One-Night-Stands. Nichts bedeutende, unverbindliche Treffen mit schönen Frauen.

»Können wir von hier verschwinden?«, frage ich Connor, obwohl mir der Sinn nach einer zweiten Runde Drinks steht. Aber besser in der hauseigenen Bar als hier.

»Klar. Du solltest dir jetzt nämlich überlegen, wie du aus dieser Nummer wieder herauskommst.«

Ich schließe für einen Moment meine Augen und fahre mir durch die Haare, sodass ein paar Haarsträhnen in meine Stirn fallen. Ja, er hat recht. Ich habe mich in ein Schlamassel manövriert und habe absolut keine Ahnung, was ich jetzt tun soll.

Kapitel 3

Olivia

»Oh. Mein. Gott.« Maya fächert sich theatralisch Luft zu, als sie sich im Internet die Bilder von meinem Boss ansieht. »Verdammt, dieser Typ ist heiß! Wie hältst du es nur aus, in seiner Nähe zu sein, ohne dahinzuschmelzen?«

Ich verdrehe die Augen und grinse. »Na ja, indem ich mich daran erinnere, dass er mein Boss ist und ich arbeiten muss?«

»Oh, verflucht. Du bist viel zu anständig, Liv. Wenn er das nächste Mal im Café ist, musst du mir unbedingt Bescheid sagen. Ich will diesen Typen, von dem du die ganze Zeit schwärmst, unbedingt mal auschecken.«

Sie hat recht. Selbst wenn ich mit Maya über ihn rede, wird mir ganz warm. Dabei ist es vermutlich nicht schlau, mich weiter in das Ganze hineinzusteigern.

Maya gibt mir mein Handy zurück und legt sich wieder auf ihr Strandtuch. Da wir beide heute Nachmittag nicht arbeiten müssen, haben wir uns am Folly Beach verabredet und genießen die strahlende Sommersonne über uns.

Meine beste Freundin Maya, die ich auf dem College kennengelernt habe, arbeitet als Grafikdesignerin. Ihr größtes Ziel ist es, eines Tages ihr eigenes Magazin zu haben. Und mit ihrer knallharten Art und dem starken Selbstbewusstsein wissen wir beide, dass sie alles erreichen kann, was sie sich vornimmt. In ihrem knallgelben Bikini und mit ihrer gebräunten Haut sieht Maya atemberaubend aus. Ihr dunkelbrauner Afro und die süßen Sommersprossen auf ihrer Nase sorgen dafür, dass sie ein echter Hingucker ist. Deshalb trägt sie auch so gut wie nie Make-up, aber das hat sie nun einmal nicht nötig.

»Maya, ich kann dir nicht Bescheid geben, wenn er da ist. Ich gehe dann bestimmt nicht an mein Handy. Außerdem macht es das Ganze nicht weniger peinlich, wenn du dich an die Theke lehnst und ihn mit großen Augen ansabberst.«

Maya lacht laut und setzt ihre große Sonnenbrille auf. »Ich sag ja nur, Liv, nach Feierabend ist er nicht mehr dein Boss und auch nur ein normaler Typ. Du solltest ein wenig mutiger sein und ihn ansprechen. Du hast nichts zu verlieren.«

Meine Augen wandern über den Ozean und die Wellen, die Sand anspülen. Doch, ich habe eine Menge zu verlieren. Ich brauche diesen Job. Und das Geld. Ich muss so viel wie möglich sparen, damit ich bald mein eigenes Café eröffnen kann. Ich bin zwar noch weit davon entfernt, aber mein Bruder und ich haben es uns damals versprochen. Und ich werde das Versprechen halten.

Jedes Mal, wenn ich am Meer sitze, überkommt mich die gleiche melancholische Stimmung. Es ist wie Heilung und tiefer Schmerz zugleich. Auch wenn es Jahre her ist, fühlt es sich immer noch so an, als wäre es gestern gewesen, dass ich sein Lachen das letzte Mal gehört habe.

»Hey, ist alles in Ordnung?« Maya richtet sich auf und setzt ihre Sonnenbrille wieder ab.

Ich nicke ihr zu und binde meine Haare zu einem hohen Dutt, bevor ich mich neben ihr auf das Strandtuch lege. »Ja, es ist nur …«, setze ich an, halte dann aber inne. Mein Kopf ist voller Gedanken und Sorgen. Aber Maya ist die einzige Person, der ich mich anvertrauen kann. Und die Einzige, die ich habe.

»Liv?«, fragt sie behutsam. Sie spürt immer gleich, wenn mit mir etwas nicht stimmt, und sie hat eine Art an sich, die mich beruhigt.

»Ach, ich weiß auch nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich stehe immer noch an der gleichen Stelle wie … damals.« Damals. Als mein Leben sich von jetzt auf gleich komplett veränderte und mir der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. Als die Wellen, die jetzt vor mir an den Strand schäumen, ihn von mir nahmen. Der Tag, der alles durcheinanderbrachte. Seitdem habe ich das Gefühl, nicht mehr vorwärtszukommen. Obwohl es schon fünf Jahre her ist, dass ich ihn verloren habe.

»Aber das stimmt doch gar nicht. Du bist schon so weit gekommen. Ich weiß, dass es immer noch … schlimm ist. Ich vermisse ihn auch. Aber du hast so viel geschafft. Und er wäre verdammt stolz auf dich. Er ist verdammt stolz auf dich.«

Sie reckt ihr Gesicht gen Sonne und ich tue es ihr nach. Mit zusammengekniffenen Augen spüre ich die Wärme auf meiner Haut und merke, wie sich Tränen in meinen Augenwinkeln sammeln. Ich beiße mir auf die Zunge, um sie zurückzuhalten. So wie ich es immer tue, wenn ich am Strand bin.

»Aber ich habe es immer noch nicht geschafft, mein Café zu eröffnen. So viele Jahre sind vergangen und ich habe es nicht hinbekommen, unser Versprechen einzuhalten.« Ich ziehe meine Knie an die Brust und vergrabe mein Gesicht darin.

Maya rückt näher an mich heran und streicht mit ihrer Hand sanft über meine Schulter. »Liv, du darfst nicht so streng mit dir selbst sein. Es braucht Zeit, um so einen Traum wahrzumachen. Und du gibst dein Bestes, das sehe ich«, sagt sie.

Ich nicke, einerseits um Maya zu beruhigen, andererseits um das Gespräch an dem Punkt zu beenden.

Sie schenkt mir ein Lächeln und scheint erleichtert.

Ich hingegen fühle mich alles andere als das. Fünf Jahre sind vergangen und ich habe es immer noch nicht verarbeitet. So viel Zeit ist verstrichen und ich habe nicht einmal annähernd genug Geld beiseitegelegt, wie ich brauche, um ein Café, unser Café, zu eröffnen. »Du hast recht.« Ich setze meine Sonnenbrille auf und schenke ihr ein Lächeln. So sieht sie nicht, dass es meine Augen nicht erreicht.

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