Leseprobe zu Dangerous Affair

Lesezeit: 30-40 Minuten

1.Kapitel – Elay Shaw

Mit ruhiger Hand öffne ich den Aluminiumkoffer und streiche andächtig über das wichtigste Equipment meiner Arbeit. Ein integralschallgedämpftes Gewehr, präzise und für unterschiedliche Positionen einstellbar, eine Sonderanfertigung, speziell nach meinen Wünschen. Letztendlich agiert ein Scharfschütze nur so gut, wie es das Arbeitsmaterial hergibt. Und von dieser Waffe schwärme ich, wie andere Männer von Frauen.

Schnelligkeit, Präzision und völlige Emotionslosigkeit sind die wichtigsten Voraussetzungen, um erfolgreich zu agieren. Nicht zu vergessen, eine hervorragende körperliche Fitness. Manchmal erfordert die reibungslose Durchführung eines Jobs waghalsige Kletteraktionen.

Ich töte Menschen für Geld und bin einer der Besten. Oder soll ich sagen, der Beste überhaupt?

Meine Aufträge lassen mich ein finanziell sorgenfreies und luxuriöses Leben führen. Wer stets effizient agiert und seine Kunden zufriedenstellt, bestimmt den Preis.

Vor einigen Jahren haben die Briten tatsächlich eine Studie durchgeführt, die das Honorar meines Berufsstandes beleuchtet:

Da gab es den Novizen, der zum ersten Mal mordet. Der Amateur, der in der Regel keinerlei strafbare Vorgeschichte hat und den Job aufgrund finanzieller Probleme annimmt. Der Geselle, der zwar kriminelle Erfahrung oder die erforderliche Waffenkunde vorweist, aber bislang keinen Mord begangen hat. Abschließend der Meister, der oft einen militärischen Hintergrund hat und besonders schwer zu fassen ist. Es erübrigt sich die Frage, welcher Kategorie ich angehöre.

Der heutige Auftrag bringt mir die stattliche Summe von vierzigtausend Dollar ein. Niemand hinterfragt, jeder bleibt unerkannt, die Bezahlung erfolgt in der Kryptowährung Bitcoin. Die Motive meiner Kunden interessieren mich nicht. Warum soll ich mich mit deren Problemen herumschlagen? Die Zielperson ist für mich kein menschliches Wesen mit Gefühlen, Freunden, einer individuellen Geschichte, sondern ein Wirtschaftsgut.

Das klingt krass, was durchaus zutreffend ist. Ich bin nicht mit einem Killergen geboren. Im Gegenteil, meine Eltern erzogen meine Schwester Melissa und mich christlich und wir wuchsen in einem kleinen Ort in der Nähe von Denver auf. Die Menschen dort sind treue US-Bürger und seit Menschengedenken Patrioten bis aufs Blut, die freiwillig ihre Heimat in sämtlichen Kriegen verteidigten, es weiterhin tun werden und verdammt stolz darauf sind. Wir hörten von Kindesbeinen an die heroischen Geschichten der Veteranen, erlebten die euphorischen Feiern zum Unabhängigkeitstag – all das prägte mich. Schwesterherz hingegen neigte zum Pazifismus, was skeptisch betrachtet wurde. Leider gehörte ich zu denen, die ihre Ansicht nicht tolerierten, und wir gerieten regelmäßig aneinander.

Schon früh stand für mich fest, dass ich in die Armee eintreten und mein Vaterland verteidigen würde.

Zu den Seals zu gehören, war das Lebensziel. Die coolen Helden, die mutig und mit ganzem Körpereinsatz die waghalsigsten Manöver erfolgreich meisterten, bewunderte ich. Kerle aus Stahl, Ritter der Neuzeit, die jede Frau flachlegen konnten. Rückblickend schüttele ich über meine unfassbare Naivität den Kopf.

Tatsächlich biss ich mich durch und gehörte zum SEAL Team THREE, das im Nahen Osten eingesetzt wird. Bei den Einsätzen wurde ich zur Killermaschine. Emotionen? Fehlanzeige. Selbst nach dem Ausscheiden aus der Armee bin ich dabei geblieben, Menschen zu töten. Allerdings muss ich nicht mehr im Dreck herumrobben, setze das Leben der Kameraden und meines nicht länger aufs Spiel und verdiene ein Vielfaches. Mein Patriotismus tendiert zwischenzeitlich gen null und der 4. Juli ist für mich ein Tag wie jeder andere.

Es ist erstaunlich, wie simpel ich diese Jobs ausübe. Das Zauberwort heißt Darknet, was zu Beginn meiner Karriere den Namen zurecht trug. Ein digitales Paralleluniversum, in dem man relativ sicher und nicht nachverfolgbar surfen kann. Zudem eine Plattform für den Handel mit illegalen Gütern. Waffen, falsche Papiere, Hehlerware und Serviceangebote aller Art, das Amazon der dunklen Seite unserer Gesellschaft.

Ich gab eine Anzeige auf, so, als verkaufe ich ein Auto oder suche eine Wohnung. Mit meinem militärischen Hintergrund erhielt ich zügig die ersten Aufträge.

Das Geheimnis für Erfolg ist ein Alleinstellungsmerkmal. Niemand wagt es, mit einer Rückgabe des Salairs bei Nichterfüllung zu werben. Ich drehte die Strategie um und warb mit hundertprozentiger Garantie, den erwünschten Tod herbeizuführen. Bis heute zahlte ich niemals Honorare zurück.

So etwas spricht sich herum, weil ich zudem eine Art Rundumservice anbiete. Voraussetzung, ich erhalte umfangreiche Informationen über die Zielperson und einen Termin, bis wann alles abgeschlossen sein sollte. An welchem Tag und an welchem Ort ich als Todesengel in Erscheinung trete, bestimme ich allein. Dafür sind ausführliche Recherchen nötig, bei denen ich keinem Fremden vertraue. Heutzutage ist das Darknet nicht mehr sicher, da die Justiz zwischenzeitlich technisch aufgerüstet hat. Wahrhaftig überlege ich, wieder analog zu arbeiten. Mir fehlt bislang nur ein gewiefter Plan.

Nach vier Jahren in dem Business picke ich mir die Rosinen heraus. Der Gentleman, so mein Darknet-Pseudonym, ist eine gefragte Person, die weltweit agiert.

Der heutige Job stellt für mich keine Herausforderung dar. Den Standort, auf dem Dach eines Bürogebäudes in New York City, bewertete ich als die beste Location. Die Gewohnheiten des Opfers genau studiert, wusste ich, dass er dreimal in der Woche exakt um 13.00 Uhr das Gebäude verließ, um sich mit seiner Geliebten zu treffen. Gleiche Orte, dieselbe Uhrzeit und wiederkehrende Handlungsmuster erleichtern mir die Arbeit generell. Die Sonne stand zudem in einem perfekten Winkel und das Verschwinden durch verschiedene Treppenhäuser barg keinerlei Risiko.

Um keine DNA-Spuren oder Fingerabdrücke zu hinterlassen, trage ich außerdem einen Schutzanzug, den ich blitzschnell herunterreißen und in einer Tasche verstauen kann.

Entspannt nehme ich den Mann mit dem Zielfernrohr ins Visier. Nahezu amüsiert überlege ich, was sein letzter Gedanke ist, bevor er in den nächsten einhundertzwanzig Sekunden sein Leben verliert.

»Wie immer alles meisterhaft«, murmele ich, mein Zeigefinger krümmt sich und geschmeidig löst sich der Schuss. Wunschgemäß sackt das Opfer in sich zusammen. Die ersten Personen kreischen und es entsteht ein Tumult.

Innerhalb von zwanzig Sekunden baue ich die Waffe auseinander und verstaue sie. Das ist mir in Fleisch und Blut übergangen. Zur Vorbereitung gehört es, an dem von mir ausgewählten Ort im Vorfeld das Gewehr in der vorgegebenen Zeit blind und fehlerfrei zusammen- und wieder auseinanderzubauen. Nicht jeder Standort ist so komfortabel wie der heutige. Die rasende Geschwindigkeit verdanke ich einer Sonderanfertigung, unter anderem aus Carbon.

Von dem Lauf trenne ich mich generell nach Abschluss des Auftrags. Durch das Ausfräsen entsteht eine einzigartige Rillenführung, gleich eines Fingerabdrucks. Die Patronen weisen dieselben Merkmale auf. Ohne die Vorgehensweise wäre es möglich, den Weg zurückzuverfolgen und zwischen den Morden eine Verbindung herzustellen.

Auch heute werde ich den Lauf in einem Müllcontainer am Rande eines Brennpunkts der Stadt entsorgen.

Um mit meinem Schätzchen reisen zu können, muss ich sie in Einzelteile zerlegen, bis diese bei der Flughafenkontrolle nicht als Bestandteile einer Waffe zugeordnet werden. Mit einem Röntgengerät probte ich die Aufteilung im Koffer bis zum Erbrechen. Durch die strengeren Sicherheitskontrollen bleibt jedoch ein Restrisiko. Ich sauge die Gefahr auf, und es beschert mir jedes Mal einen Kick, auf den ich mir am liebsten einen runterholen würde. Es erklärt sich von selbst, dass ich die Sicherheitschecks an den Flughäfen problemlos passiere. Ich bin ein Genie!

An einem uneinsehbaren Platz des Dachs wechsele ich in Schallgeschwindigkeit die Klamotten. Den Schutzanzug packe in eine unauffällige Sporttasche, die ich ein paar Straßen weiter in einem Mülleimer entsorgen werde.

Tiefenentspannt verlasse ich das Gebäude. Das durch mein Handeln verursachte Durcheinander beachte ich nicht. Der Job ist erledigt und ich bin um ein ansehnliches Sümmchen reicher.

Das Tageswerk vollbracht, setze ich mich zufrieden in ein Taxi, das mich zum Flughafen bringt, um aus der Stadt zu verschwinden. Eine reine Vorsichtsmaßnahme.

Heute fliege ich nach Los Angeles. Mein bevorzugtes Hotel, wenn ich mich dort aufhalte, ist das Sofitel at Beverly Hills. Es liegt in der Nähe des Rodeo Drive, der Melrose Avenue und des Sunset Boulevard. Ich liebe das französische Design und den Hauch Hollywood-Glamour.

Ein weiteres Erbe meiner Einsätze ist es, ausschließlich in den komfortabelsten Unterkünften zu logieren. Meinen Sauberkeits- und Ordnungstick bewerte ich selbst als grenzwertig. Jemand, der wie ich monatelang mit Staub, Siff, Gestank, Schweißgeruch und dem Knirschen von Sand zwischen den Zähnen lebte, wird verstehen, was ich meine. Niemals mehr werde ich Dreck unter den Fingernägeln zulassen, mich nicht täglich rasieren und auf regelmäßige Beautybehandlungen verzichten. Die pedantische Ordnungsliebe hat ähnliche Ursachen. Es war unmöglich, bei den Lebensumständen im Kampfeinsatz ein räumliches Chaos zu vermeiden. Wir waren die Helden, lebten jedoch wie Ratten im engsten Loch.

Im Vergleich zu anderen Kameraden, die an posttraumatischen Störungen leiden, bin ich komfortabel weggekommen. Eine Verbrüderung mit den Kriegskameraden weit über die Einsätze hinaus erspare ich mir. Es konfrontiert mich unnötig mit der Vergangenheit. Mir gefällt die Rolle des einsamen Wolfs, des schweigsamen Einzelgängers, ausgesprochen gut. Freundschaften und insbesondere Liebe werden überschätzt.

In meinem Fall wären diese Verbindungen auf einer Lüge aufgebaut. Ich bin ein Pragmatiker und ich weiß, dass keine Menschenseele den Job toleriert. Weiterhin verspüre ich wenig Lust, mein selbstbestimmtes Leben aufzugeben, bei dem ich auf niemanden Rücksicht nehmen muss.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen fehlen mir nicht. Bis auf die zu Melissa, die vor einigen Monaten in Los Angeles Suizid beging. Ihre Grabstätte besuche ich jedoch nicht und werde es auch niemals tun. Ja, ich vermisse sie. Vielleicht wabert ein ungewohntes Gefühl in mir, man nennt es wohl Schuldgefühl. Es ist im Nachhinein schwer zu beurteilen, ob ich ihre Verzweiflungstat hätte verhindern können. Leben und Sterben liegen oft nah beieinander, es kann jeden jederzeit erwischen. Oft genug passiert es durch mein Einwirken.

All das schwirrt mir durch den Kopf, bis wir endlich in Los Angeles vor dem Hotel halten. Sofort springt einer der Pagen heran und öffnet mir die Tür.

»Guten Tag, Mr Shaw.« Die vier Worte werden mich zehn Dollar kosten. Üppiges Trinkgeld sorgt für emsige Verbündete, die einem euphorisch und priorisiert Wünsche erfüllen. Ich bin kein Gutmensch, sondern berechnend. Geld regiert die Welt, und das fängt im Kleinen an. Vor dem Aussteigen bezahle ich den Fahrer und verschönere ihm den Tag mit einem spendablen Tip.

Beim Betreten der Lobby schweift mein Blick umher. Es herrscht emsiges Treiben, und der Wert des Schmucks und der Armbanduhren der Anwesenden beträgt geschätzt eine halbe Million Dollar. Es ist wie eine visuelle Duftmarke, die signalisiert: »He, ich bin einer von euch.« Gesehen, gesehen werden und zu der glamourösen Scheinwelt von Hollywood dazuzugehören scheint für viele das i-Tüpfelchen ihres Lebens zu sein. Insbesondere diejenigen, die sich für außerordentlich bedeutend halten. Das Sofitel ist einer der Hotspots der Wichtigkeit.

Mir ist das scheißegal, da ich nicht den Hauch von Motivation verspüre, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Ob hier oder an jedem anderen Ort der Welt, an den es mich verschlägt. Den Reichtum zur Schau zu stellen, entspricht nicht meiner Mentalität. Bis auf einen individuell designten Herrenring aus Platin trage ich keinen weiteren Schmuck. Minimalismus heißt das Zauberwort. Jedoch bin ich ein Voyeur und beobachte ausgesprochen gern Menschen.

Bevor ich nach New York flog, um den Auftrag zu erledigen, checkte ich bereits im Hotel ein. Ebenfalls eine Vorsichtsmaßnahme. Das Flugticket buchte ich auf den Namen einer der zahlreichen falschen Identitäten. Durch diese Vorgehensweise stelle ich sicher, dass niemand Rückschlüsse auf meinen tatsächlichen Aufenthaltsort zieht.

Unvermittelt ist mir nach einer ausgiebigen Massage mit dem entspannenden Plus zumute. Offiziell ist es unmöglich, eine Physiotherapeutin mit Extraservice zu buchen. Das geschieht unter vorgehaltener Hand und einem großzügigen Schweigegeld für sämtliche Beteiligte.

Zielstrebig marschiere ich auf die Rezeption zu und treffe auf eine mir unbekannte Mitarbeiterin.

»Elay Shaw, ich bewohne die Premiumsuite.«

»Mr Shaw, ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Tag«, werde ich auch hier freundlich begrüßt. Dieses Mal ist es kostenlos, denn das üppige Trinkgeld verteilte ich bereits beim Einchecken an die Rezeptionisten.

Wundervoll, ich habe vor nicht einmal sieben Stunden einen Mann erschossen und werde behandelt wie ein König. »Alles bestens.« Ich stehe schräg zum Counter und stecke lässig eine Hand in die Hosentasche. »Buchen Sie bitte einen Termin bei Miss Brown. Sie hat ihren Job hervorragend erledigt.« Bei der Erinnerung an die begnadeten Finger zuckt unfreiwillig mein Unterleib.

»Moment, ich sehe nach, ob sie noch freie Kapazitäten hat.« Was soll das bitte heißen, freie Kapazitäten?

Minimal senke ich den Kopf und ziehe die Augenbrauen zusammen. »Ich kann Ihnen nicht folgen.« Bislang klingt meine Stimme lediglich ungehalten. Sie will mich nicht gereizt erleben.

»Nun ja …« Die Dame wird unsicher. »Die Termine sind fest gebucht und …«

»Wunderbar, ich erwarte Miss Brown in einer Stunde in meiner Suite, oder gibt es da ein Problem?« Offensichtlich hat sie keinen Plan, wer ich bin. Unruhig tippe ich mit den Fingerspitzen auf die glänzende Oberfläche.

Unvermittelt tritt ein mir bekanntes Gesicht zu der überforderten Rezeptionistin.

»Mr Shaw, selbstverständlich wird Miss Brown in einer Stunde zu Ihnen kommen.« Und zu seiner irritiert schauenden Kollegin gewandt fügt er hinzu: »Ist okay, ich kümmere mich darum.«

»Ich habe nichts anderes erwartet.« Ich nicke freundlich und wende mich ab.

»Sag mal, bist du bescheuert, der hat hier einen absoluten Sonderstatus, bei dem Trinkgeld, das er uns zusteckt«, dringt es noch zu mir. Das sehe ich ebenso.

Beim Betreten des Hotelzimmers achte ich jedes Mal darauf, wie das Zimmermädchen gearbeitet hat. Nicht immer bin ich zufrieden, heute jedoch schon. Selbst die Unterlagen, Blöcke, Stifte, die ein Hotel auf dem Schreibtisch auslegt, müssen stets perfekt ausgerichtet sein, daher rücke ich die Kugelschreiber und die Informationsbroschüren gerade.

»So, dann wollen wir mal schauen …«, murmle ich und greife zur Bedienung des Fernsehers und schalte das Gerät ein. Ich zappe durch einige Sender und werde fündig.

Reporter von Fox News berichten ausführlich über den Mordanschlag von Mr … Wie war gleich der Name?

Zufrieden höre ich, dass sich die Polizei beeindruckt von dem Präzisionsschützen zeigt. Man sondiere zurzeit die umliegenden Dächer nach verwertbaren Spuren. Bislang ohne Erfolg.

»Was glaubt ihr denn?«, brumme ich und schalte den Apparat aus. Mehr interessiert mich nicht. Jetzt widme ich mich dem angenehmen Teil des Tages.

Eine Stunde später klopft es pünktlich an der Tür. Inzwischen geduscht und lediglich mit einem Badelaken um die Lenden bekleidet, öffne ich.

»Guten Tag, Mr Shaw, ich freue mich, dass Sie mich wieder gebucht haben.«

»Wer einen ausgezeichneten Job macht, bekommt Folgeaufträge«, brumme ich und lasse sie hinein.

Die Lady müht sich ein wenig mit der mobilen Massageliege ab. In der Zeit gönne ich mir einen Drink und beobachte sie.

Ein hübsches Ding, sie trifft genau meinen Frauengeschmack. Ich bevorzuge zierliche, durchtrainierte Körper mit natürlichen Brüsten. Silikontitten törnen mich ab. Wieso mich ausschließlich blonde Haare anfixen, weiß ich nicht. Geschmack zu hinterfragen, ist müßig.

Hoffentlich hat sie sich eingeprägt, was ich erwarte.

»Mr Shaw, bitte schön.« Mit einer freundlichen Handbewegung signalisiert sie mir, dass es losgeht.

Schweigend lege ich mich auf den Bauch und vergrabe das Gesicht in der dafür vorgesehenen Ausbuchtung.

Heute fragt sie mich nicht, ob sie sich ausziehen soll, denn daran habe ich kein Interesse. Das sportliche Outfit, das ihre dezenten weiblichen Rundungen betont, reicht mir.

Das Massageöl ist vorgewärmt und sie verteilt es großzügig auf dem Schulterbereich. Eine Unterhaltung ist tabu.

Es überrascht mich wiederholt, dass zierliche Frauen über eine derartige Kraft verfügen, um die verspannten Muskeln bis in die Tiefe zu lockern. Geschickt kombiniert sie die medizinischen Griffe mit stimulierenden.

Natürlich wird es ihr ebenfalls gefallen, einen solchen Körper wie meinen von Kopf bis Fuß zu verwöhnen, inklusive meines sich mittlerweile regenden Penis. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dadurch ein feuchtes Höschen bekommt.

Die definierten Muskeln zeichnen sich trotz der entspannten Bauchlage ab. Es ist erregend, wie sie meine Pobacken knetet und geschickt den Hodensack einbindet. Weiter zu den Beinen und mit langen Strichen zurück.

Ob ich sie doch ficken soll? Sie hat es drauf, und langsam ist die Erektion ausgeprägt.

»Ich drehe mich auf den Rücken.«

»Ja.« Ihre Wortkargheit ist optimal.

Mit einem genießerischen Seufzer mache ich es mir bequem.

»Beschäftige dich ausschließlich mit meinem Schwanz und den Eiern.« Die Arme hinter dem Kopf verschränkt und die Augenlider geschlossen, genieße ich die Massage. Es ist nicht schwer zu erraten, dass sie dabei eine Menge Spaß hat.

»Miss Brown, Ihre Möse dürfte inzwischen auslaufen.« Weiterhin halte ich die Augen geschlossen. Da ich recht habe, erwarte ich keine Antwort. Ein Grund, weshalb ich auf zierliche Frauen stehe, ist, dass sie enger gebaut sind. »Der Fick ist inklusive.« Kleiner Test.

»Wer so was reiten darf, will keinen Cent.« Es ist mehr ein Hauchen.

»Zack, die Klamotten runter und setz dich auf mich.«

Blitzschnell hockt sie über mir. Kurz öffne ich die Augen. Ja, nackt entspricht sie ebenfalls meinen Vorstellungen.

Schon als sie die Schwanzspitze stimulierend umkreist, ist mir klar, dass sie extrem eng gebaut ist.

»Baby, heute ist dein Glückstag, gönn ihn dir.«

Die Frau mit den Zauberhänden sorgt für ein geiles Feuerwerk. Genussvoll spanne ich den Unterleib an, und sie reitet und reibt sich hemmungslos. Das Stöhnen und die Enge, das schlüpfrige Geräusch triggern mich. Ich muss aufpassen. Hier darf es nicht passieren.

»So, du Miststück, ich werde jetzt mein Sperma in dich hineinpumpen«, zwinge ich mich, den Spaß zu beenden.

Es ist zu gefährlich. Mit einem inbrünstigen Stoßseufzer hole ich mir den Kick. Das Kopfkino läuft auf Hochtouren. Extreme Bilder donnern vor meinem geistigen Auge vorbei. Nur mit Mühe halte ich inne. Es ist ein eindeutiges Signal, dass es bald wieder so weit sein wird.

***

Nachdem Miss Brown die Suite verlassen hat, beschließe ich, den restlichen Tag gechillt zu verbringen. Der Bedarf an menschlicher Interaktion ist für heute gedeckt. Abstand vor der allgewärtigen Hektik ist eines meiner Grundbedürfnisse, die ich niemals vernachlässige. Das liegt an dem umtriebigen Leben, welches mich stets von einem Ort zum anderen reisen lässt. Letztendlich ist es meine Entscheidung. Finanziell betrachtet, habe ich ausgesorgt. Die Honorare, die ich mit dem Job bislang erwirtschaftete, reichen aus, um einen angenehmen Ruhestand zu genießen. Doch ich schaffe es nicht, länger an einem Ort zu verweilen. Es ist wie ein Zwang, zeitnah einen Folgeauftrag anzunehmen. Es existiert kein Ort, den ich als mein Zuhause bezeichne.

In New York besitze ich eine großzügige und komfortable Eigentumswohnung, die ich wie ein Basislager betrachte. Vielleicht erwarb ich die Immobilie, um zumindest zu versuchen, heimisch zu werden. Die Wohnung ist nach meinen Vorstellungen von einem Innenarchitekten umgebaut und ausgestattet worden. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, wenn ich lieber in einem Hotel an der Westküste absteige. Möglicherweise bin durch die Kampfeinsätze mehr geschädigt als bislang angenommen, so meine ironische Interpretation der Gesamtlage.

Der Roomservice ist hervorragend und ich bestelle mir einige Köstlichkeiten aus der Küche. Eine Flasche exquisiten Rotwein werde ich mir später gönnen und dabei klassische Musik genießen. Ideal, um in meine eigene Welt einzutauchen.

Bevor das Essen serviert wird, klappe ich den Laptop auf, der neben mir auf dem Tisch liegt. Die Neugierde treibt mich um. Tatsächlich erhalte ich eine Anfrage aus Dallas.

Der Absender mit dem Nicknamen Gordon Hampton besitzt genaue Vorstellungen, wie er, oder möglicherweise auch sie, sich die Umsetzung wünscht.

Kurzerhand teile ich ihm die angefragten Konditionen mit und verweise klar auf eine Anzahlung. Durch die zugesicherte Erfolgsgarantie gibt es niemals Probleme.

Es dauert nicht lange und der Vorschuss erhöht meinen Kontostand. »Da hat es jemand eilig.« Ich lehne mich zurück und verschränke die Arme hinter dem Kopf.

Kurze Zeit später trudeln die ersten Informationen zu der neuen Zielperson ein. Dieses Mal ist es eine Frau. Das, was ich lese, hört sich nach Ehebruch an. Eine beträchtliche Summe für eine Affäre, die gewaltsam beendet werden soll. Sofern es sich allerdings um eine vermögende Dame handelt und der Auftraggeber erbt, ein wahres Schnäppchen. Doch was interessiert es mich?

2. Kapitel Sky (Scarlett Wilson)

Das Gebrüll einer zugedröhnten Frau, die sich vor meinem Stammlokal Captains herumwälzt, geht mir auf die Nerven. Vermutlich hat sie eine der gestreckten Drogen genommen, die im Moment überall in Venice Beach kursieren. Das Dreckszeug hat verheerende Auswirkungen, wie zum Beispiel üble Halluzinationen. Die Passanten, die sich um sie bemühen, nimmt sie als aggressive und blutrünstige Bestien wahr, zumindest fleht sie um Gnade, darum, nicht zerfleischt zu werden. Dagegen bin ich erstaunt darüber, dass ihr überhaupt jemand hilft.

Ich halte mich von solchen Ereignissen fern. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und muss mit den Konsequenzen leben. Wenn ich mir in der Nacht die Birne zuknalle und am nächsten Tag mit dem Gewicht eines Ambosses statt dem meines Kopfes herumeiere, mir übel ist und ich die Welt noch mehr hasse, ist es ausschließlich mein Problem.

Das Sirenengeheul eines Streifenwagens und einer Ambulanz nähert sich. Das allein ist Grund genug, sich im Hintergrund zu halten. Niemand von uns hat Interesse daran, den Cops in die Quere zu kommen. Hier herrschen andere Gesetze, und die Bewohner dieses Viertels sind den Politikern, Investoren oder sonstigen Geldsäcken ein Dorn im Auge. Die Polizei hat die Anweisung, hart durchzugreifen. Dem sogenannten Abschaum die Grenzen aufzuzeigen.

Wir stören Hollywoods und Beverly Hills’ Glitzerwelt. Ohne uns wäre Venice Beach ein weiteres Fleckchen, an dem sich die oben genannten Personengruppen ausbreiten.

Denn sobald die Dunkelheit hereinbricht, übernehmen Dealer und Gangs die Herrschaft. In sämtlichen Reiseführern wird das Viertel ab den Abendstunden als No-go-Area beschrieben. Im Bezirk sammelt sich der menschliche Dreck, hier treffen sich die Gestrandeten und Verlierer. Diejenigen, deren Traum von Erfolg und Ruhm geplatzt ist, oder diejenigen, die nie eine Chance bekommen, da sie am falschen Ort geboren wurden.

Mein persönlicher Feind trägt den Namen Frank Morris. Er ist ein Politiker, aber vor allem ein widerlicher Geldsack, der ausschließlich seinen eigenen Vorteil wittert, so zumindest die Behauptungen seiner Gegner. Er plant, Venice Beach zu entkernen. Was nichts anderes bedeutet, als sämtliche Armenviertel in teures Bauland umzugestalten. Ein sportliches Ziel, denn wir werden bei dem Vorhaben gewiss nicht tatenlos zusehen. Aus objektiver Sicht ist das der einzige Grund, wieso er für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidiert. Die Reichen und Wohlhabenden finden diese Idee großartig.

Trotz all der verdammten Scheiße ist es meine Heimat. Hier bin ich geboren, aufgewachsen, und vermutlich werde ich hier sterben, sofern kein Wunder passiert. Allerdings leben hier auch meine Freunde. Wir können uns, wenn es hart auf hart kommt, aufeinander verlassen.

Venice Beach bietet uns ein kostenloses Setting der Extraklasse. Der namensgebende Sandstrand an der Pazifikküste ist über vier Kilometer lang. Wir genießen das ganze Jahr über ein mildes Klima, was das Herumtreiben auf den Straßen erleichtert. Oft genug erlebte ich Lagerfeuerromantik an einem der wunderbarsten Strände der Welt.

Unabhängig vom Umfeld träumen wir alle von einem besseren Leben. Doch das Land der unbeschränkten Möglichkeiten, in dem man vom Tellerwäscher zum Millionär wird, gehört der Vergangenheit an. Heute verdient derjenige Geld, der welches hat. Niemand muss ein Ökonom sein, um zu wissen, um zu wissen, dass die Reichen reicher und die Armen immer ärmer werden.

Alter, was gehen mir wieder für abgefuckte Gedanken durch den Kopf?

Mit einem Seufzer greife ich nach der neben mir liegenden Sporttasche und stehe auf. Ich werfe einen kurzen Blick auf die weiterhin von Dämonen gejagte Frau und schlängle mich an einigen Schaulustigen und mutigen Touristen vorbei. Einer von denen filmt mit dem Smartphone. Mir zuckt es in den Fingern, diesen Gaffern eine reinzuhauen. Womöglich wäre ich vor ein paar Jahren ausgeflippt. Eine ideale Gelegenheit, dabei ihre Geldbörsen oder Handys zu klauen. Nein, heute bin ich die Ruhe in Person und auf andere Einnahmequellen umgestiegen.

Das Captains gehört zu der Art Lokal, das ein buntes Publikum anzieht. Es ist keine Bar, die im Zuge des touristischen Booms aus dem Boden gestampft wurde, sondern ein authentisches Stück Venice Beach.

Das sieht man an dem morbiden Charme des Gebäudes, an den ausgetretenen Stufen. Beim Betreten knarzen die Holzdielen, und ich steuere direkt auf den Tresen zu, der bis auf ein paar notwendige Neuerungen seit der Eröffnung anno dazumal unverändert geblieben ist.

»He Jeff«, begrüße ich den Inhaber. Seit ich denken kann, steht er dort und kümmert sich um seine Gäste. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Er ist ein Freak mit einem dünnen grauhaarigen Zopf, der bei mir stets den Impuls auslöst, nach einer Schere zu greifen. Beim Vollbart hege ich ähnliche Gefühle. Sein braun gebranntes Gesicht zeichnet sich durch Herzlichkeit aus. Er weckt so etwas wie Vatergefühle in mir. Ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit, denn ich weiß genau, dass er sich um mich sorgt und mir nicht nur einmal den Kopf gewaschen hat, nachdem ich Mist baute.

»Na, Sky, Vorglühen?« Spontan greift er nach einem Glas, füllt es mit Wodka und schiebt es über den Tresen.

»Was sonst.« Ich schmeiße die Tasche achtlos auf den Boden und kippe den Shot hinunter.

»Die Junkies kotzen mich an«, brummt er. »Nicht gut fürs Geschäft, wenn die Cops ständig patrouillieren.«

»Mhhm, eventuell solltest du dich darum kümmern, dass der Stoff clean wird.« Seine Nebeneinkünfte sind bei allen beliebt. Brauchst du was? Kein Problem, wende dich an Jeff.

»Ich bin nicht Gott und nehme das, was im Umlauf ist.«

»Dann beschwer dich nicht«, kontere ich. »Ich bin froh, dass ich damit nie angefangen habe.«

»Dafür schießt du dir regelmäßig die Birne mit dem billigen Fusel weg«, höre ich die Stimme meines Kumpels Louis, der überraschenderweise neben mir auftaucht.

Ich verdrehe die Augen. »Ja, ich hab dich ebenfalls lieb.«

»Nichts für ungut, Kleines.« Er setzt sich auf einen der wackligen Barhocker und tupft sich den Schweiß von der Stirn. »Jeff, für mich auch einen.«

»Junge, dein Deckel ist länger als der Sandstrand vor unserer Haustür.« Genervt verzieht Jeff den Mund, erfüllt ihm aber den Wunsch.

»Ich übernehme das.« Freundschaftlich nicke ich ihm zu und ordere meinen zweiten Shot.

»Danke, Süße.« Mit einem Zug kippt er das Glas leer und schüttelt sich. »Teufelszeug.«

»Lebenselixier.« Wie für die meisten, die sich bei einsetzender Dunkelheit hier einfinden. Die letzten Außerirdischen, so bezeichne ich die Touristen, sind in die sicheren Zonen übergewechselt.

Obwohl er ein ungepflegter Typ mit fettigen Haaren, von Nikotin verfärbten Zähnen und zerschlissenen Klamotten ist, mag ich Louis. Irgendwann tauchte er im Captains auf und wir kamen ins Gespräch. Ab dem Tag kam er regelmäßig. Niemand würde vermuten, dass sich hinter seiner schmuddeligen Fassade ein hochintelligenter Geist verbirgt. Scheiß Schubladendenken.

Wenn er nicht hier abhängt, schlägt er sich als freier Journalist durch. Leider ist das eine brotlose Kunst, was ich schade finde, denn er hat es drauf. Doch oft funktioniert es nicht und er verdient sich ein paar Dollar mit Aushilfsjobs.

Wir können stundenlang quatschen, da er eine unfassbare Allgemeinbildung besitzt. Ich genieße es, die Gespräche geben mir eine Menge und motivieren mich, mein Wissen aufzupolieren, gar Bücher zu lesen. Außerdem sind wir beide chronisch pleite, Wodkafans und betrinken uns mitunter am Strand. Was mir bei ihm insbesondere gefiel, war, dass er mich niemals angebaggert hat.

Louis ist mein einziger wahrer Freund. Wir sind füreinander da und vertrauen uns blind.

»Na, heute schon Madonna interviewt?« Das Sticheln gehört bei uns dazu. »Ach halt, die ist ja aktuell in London.«

»Mach dich nur lustig«, gibt er pikiert zurück. »Meine Zeit wird kommen.«

»Was ist los?« Obgleich ich die Reaktion kenne, hake ich nach. Regelmäßig verfällt Louis in eine Sinnkrise, aus der mein Zuspruch oder literweise Alkohol heraushelfen.

»Ach, es geht mir alles auf den Sack.« Mit einem Seufzer lehnt er sich vor und legt die Arme angewinkelt auf den Tresen. »Seit Jahren geht’s nicht weiter.«

»Du darfst nicht aufgeben«, versuche ich ihn aufzumuntern. »Du bekommst die große Story und die Zeitungen werden dich anflehen, den Artikel bei ihnen zu veröffentlichen.«

»Vielleicht, ich weiß nicht.« Mit hängenden Mundwinkeln rauft er sich durch die Haare. »Ich habe nie Glück im Leben.«

»He, du kennst mich.« Lachend knuffe ich ihn an.

»Stimmt.« Er ringt sich ein Lächeln ab. Heute ist er ungewöhnlich niedergeschlagen.

Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich langsam für den Job zurechtmachen sollte. »Wir treffen uns morgen Nachmittag hier, und dann reden wir in Ruhe, es wird Zeit, mich umzuziehen.«

»Siehst du, das meine ich!«, poltert er unvermittelt. »Sofern ich genügend Geld verdienen würde, müsstest du dich nicht mit Perversen abgeben.« Wie in Rage springt er auf.

»Louis.« Beschwichtigend hebe ich die Hände. »Ich freue mich auf den Tag, wenn ich mir das nie wieder antun muss, aber wir leben im Hier und Jetzt.«

»Manchmal hasse ich deinen Pragmatismus.« Er setzt sich noch mal auf den Barhocker. Sein Zorn ist verschwunden, wie bei einem Ballon, dem die Luft ausgegangen ist.

»Es ist eine notwendige Überlebensstrategie«, korrigiere ich ihn, und mein Magen zieht sich unangenehm zusammen. »Ständig seinen Träumen nachzuhängen, zermürbt.«

Es ist besser, schnell auf die Toilette zu verschwinden, um mich umzuziehen. Da Louis eh in den Seilen hängt, will ich ihn nicht mit meinen emotionalen Schwankungen konfrontieren. Doppeltes Leid würde zu einem Besäufnis führen. Statt Geld zu verdienen, wäre die Konsequenz, welches auszugeben. Ungünstiger Plan, denn ich bin wieder mit der Miete im Rückstand.

»Jeff, was bin ich dir schuldig?« Aus der vorderen Tasche der Jeansshorts krame ich ein paar Scheine hervor.

»Gib mir zehn Dollar.« Das ist ein echter Freundschaftspreis.

»Du bist der Beste.« Mit der Sporttasche unterm Arm marschiere ich zur Toilette. In wenigen Minuten wird die süße kleine Candy herausspazieren.

Meine halblangen blonden Haare flechte ich zu kurzen Zöpfchen und versehe sie am Ende mit rosa Schleifchen. Eine weiße, bauchfreie Bluse, ein kariertes Faltenröckchen, weiße Kniestrümpfe, fertig ist das Schulmädchen. Das Outfit wird durch pinkfarbene Ballerinas komplettiert. Leider gehe ich nicht zu einer Theateraufführung, sondern auf den Straßenstrich.

Überleben heißt in Venice Beach: vorhandene Ressourcen zu nutzen. Meine zierliche Figur, die 75B-Brüste und ein Gesicht, welches jünger wirkt, sind mein Kapital. Sky ist achtundzwanzig Jahre alt und Candy süße … na ja, zumindest weit von der Volljährigkeit entfernt.

Inzwischen ist es Routine, in die Rolle zu schlüpfen, und der Blick in den Spiegel schockiert mich nicht mehr.

Viele Frauen verdienen sich ihren Lebensunterhalt auf dem Strich oder in den Bars. Männer suchen immer was zum Ficken und durch die Außerirdischen ist stets Nachschub vorhanden. Allerdings gibt es auch Freier aus der direkten Umgebung, die sich die Edelhuren in den teuren Clubs nicht leisten können. Gleichwohl ist der Markt heiß umkämpft, da hört die Freundschaft auf.

Nachdem ich vor einem Jahr eine Doku sah, in der unterschiedliche Sexpraktiken und Fetische gezeigt wurden, kam ich auf die Idee, Candy zu erschaffen. Es mag grenzwertig sein, dennoch vertrete ich hier ebenfalls die Ansicht, dass jeder für sein Handeln verantwortlich ist. Unvorstellbar, wie viele Männer ihren Schwanz in eine jungfräuliche Möse stecken wollen. Es ist mir egal, ob die Kerle es mir abnehmen oder wissen, dass ich älter bin. Moralische Bedenken verdränge ich. Es ist für mich eine Dienstleistung, die mir einen bescheidenen Lebensunterhalt sichert.

Shorts, Top, Flipflops und den Stringtanga stopfe ich in die Tasche. Den brauche ich ebenfalls nicht, da ich eine Unterhose mit rosa Einhörnern trage. Man achte auf die Details. Im Inneren des Röckchens habe ich ein Täschchen eingenäht, um meinen Lohn sicher aufzubewahren.

»Mädchen, Mädchen …« Jeff schüttelt wie jedes Mal, wenn er mich so sieht, den Kopf. »Pass bloß auf dich auf.«

»Versprochen.« Mit einem Augenklimpern reiche ich ihm die Tasche. Er bestand darauf, dass ich sie in der Bar deponiere und später abhole. Das ist seine Art der Fürsorge, obwohl ich es anfangs befremdlich fand, mich kontrollieren zu lassen. Aber falls mir etwas passiert, gibt es zumindest einen Menschen, dem es sofort auffällt.

»Wo ist Louis?«

»Pissen.«

»Umso besser, er hasst diese Aufmachung.«

Im Captains errege ich kaum Aufmerksamkeit. Viele der Anwesenden kennen zwischenzeitlich das Outfit und die dämlichen Sprüche und Lacher gehören der Vergangenheit an. Wir haben alle unsere Probleme und keiner hat eine gesellschaftlich akzeptable Lösung dafür gefunden.

»Also, wünsch mir Glück.« Mit einem kurzen Grinsen schlängle ich mich an den Gästen vorbei. Glücklicherweise ist draußen wieder Ruhe eingekehrt. Hier ziehe ich verwunderte und belustigte Blicke auf mich, denn sie vermuten eine Touristenbespaßung. Vergleichbar mit den Freizeitparks, in denen Goofy & Co herumspazieren.

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