Leseprobe zu All the Broken Pieces and you

beginnend ab Kaptel 1

Lesezeit: 30-40 Minuten

Ashley

Vor acht Wochen war mein Leben zerbrochen. Zersplittert in ein Davor und ein Danach. Sie hatten versucht, die zerstörten Teile zusammenzusetzen. Den Schaden zu beheben. Mich zu reparieren. Doch ein Stück von mir war noch immer unwiederbringlich fort. Denn in mir klaffte eine Wunde. Ein riesiges Loch, an dessen Kanten ich mir auch weiterhin mein Herz aufriss.

»Bist du endlich so weit?« Moms Fingernägel hämmerten in einem immer gleichen Takt auf die marode Türverkleidung ein, während sie mit versteinerter Miene auf die sonnengelben Wände blickte.

Sie musste nicht aussprechen, was sie dachte. Weil sie mich schon mein ganzes Leben antrieb. Zu mehr Leistung. Zur Perfektion. Zu einem Ideal, an das ich in den neunzehn Jahren meines Lebens noch nie hatte heranreichen können. Die Sache war, dass in der Zukunft, die sie sich für mich ausgemalt hatte, mein Zusammenbruch schlicht nicht vorgesehen war. Der Aufenthalt im Psychiatric Memorial Institute von Chicago bedeutete in ihren Augen einen Schandfleck in meinem Lebenslauf. Dass mein Zustand ihr gar keine andere Wahl gelassen hatte, als mich herzubringen, änderte daran überhaupt nichts.

Ein letztes Mal sah ich mich in dem Zimmer um. Das Bett war abgezogen, der Schrank geleert, die Gardinen ordentlich zurückgezogen. Bis auf meinen Rucksack auf dem Stuhl erinnerte nichts mehr daran, dass ich hier gewesen war.

Erleichtert stieß Mom den Atem aus, als ich nickte.

Mit den Entlassungspapieren verließen wir das Gebäude. Zwei Monate hatte ich hier verbracht. Hinter dicken, vergilbten Wänden. Mit den immer gleichen, zermürbenden Gesprächen. In dem Versuch, etwas zu flicken, was nicht zu reparieren war.

 

Der Van, der mich zurück in mein altes Leben bringen sollte, parkte am Straßenrand. Samt Rucksack schob ich mich auf den Rücksitz. Im Rückspiegel kontrollierte Mom wie immer ihr Make-up, ehe sie den Wagen aus der Parklücke lenkte.

»Dein Dad und ich sind uns im Übrigen einig, dass es so nicht weitergehen kann.« Der Van bremste ab, als wir in den dichten Verkehr eintauchten. »Es ist ein bedeutendes Jahr, Ashley. Alles, was du jetzt tust, hat unmittelbare Auswirkungen auf deine Zukunft. In ein paar Tagen beginnt das College und du hast bereits die Sommerkurse verpasst, das ist schlimm genug. Du kannst es dir nicht leisten, wegen dieser Sache noch weiter zurückzufallen.«

Diese Sache. Ich lehnte meine Stirn an die Fensterscheibe. Schloss die Augen. Die leichte Vibration der Scheibe breitete sich in meinem gesamten Körper aus. Doch es half nicht gegen den Schmerz, der an meinem Herzen fraß. Auch die Fingernägel, die sich in meine Handinnenflächen bohrten, änderten nichts daran.

»Ich weiß, was sie dir bedeutet hat. Aber das ist kein Grund, um deine Zukunft gegen die Wand zu fahren«, erklärte meine Mutter mir mit einem Blick in den Rückspiegel.

 

Sie wusste gar nichts.

»Kein Grund?« Blonde Haarsträhnen fielen mir ins Gesicht, als ich den Kopf von der Fensterscheibe löste. »Tami ist tot, Mom. Glaubst du wirklich, dass ich das vergessen kann?«

»Nein, aber du wirst lernen müssen, damit zu leben. So wie wir alle. Wir haben acht Wochen lang deinen Aufenthalt in dieser Klinik bezahlt. Jetzt ist es Zeit, nach vorne zu blicken. Du bist nicht die Einzige, die sie verloren hat, und nicht mal Ian hat sich so gehen lassen wie du.«

Bei meiner Mom gab es festgelegte Fristen für Traurigkeit oder Schmerz oder Verzweiflung. Eine Verlängerung war weder vorgesehen noch verhandelbar. Ich sollte in den Rahmen passen, den sie für mich ausgewählt hatte. Nicht mehr. Nicht weniger.

»Glaubst du, für mich war es leicht, als ich nach deiner Geburt vor den Scherben meines Lebens stand?« Ihre Stimme hatte den vertrauten eisigen Ton angenommen und für einen Augenblick war ich wieder sieben Jahre alt. Saß auf der Treppe unseres Hauses und lauschte den Worten meiner Mom, die meinem Dad erklärte, wie sehr sie mich hasste, weil die Notsectio, die mein Leben gerettet hatte, ihren Uterus zerfetzt hatte.

 

»Sie hat mein Leben zerstört, Gavin. Ich habe wirklich versucht, ihr eine Chance zu geben. Sie zu lieben. Du weißt, wie sehr ich es versucht habe. Aber sie … sie weiß nicht einmal zu schätzen, was ich für sie aufgegeben habe. Sie ist eine einzige Katastrophe. Manchmal wünschte ich, sie wäre an diesem Tag gestorben. Weil ich nichts für sie empfinden kann. Überhaupt nichts.«

Meine Mom hatte die Gefühle für mich abgetötet, weil durch mich nicht nur der Traum von einer eigenen Großfamilie ausgelöscht worden war, sondern sie sich seitdem nicht mehr als vollwertige Frau sah. Mir die Schuld zu geben und keinerlei Gefühle zuzulassen hatte sie vor dem Schmerz bewahrt. Doch ich war nicht wie sie. Ich konnte weder den Schmerz abschalten noch die Erinnerungen. Tami war nicht nur eines der x-beliebigen Pflegekinder gewesen, die sie in unser Haus geholt hatte, sondern sie war meine beste Freundin.

Und jetzt war sie tot.

Ich versuchte, die Worte meiner Mutter ins Nichts laufen zu lassen. Starrte aus dem Fenster, ließ Häuser und Straßen und Menschen an mir vorüberziehen, weil sich mit einem Mal alles in mir taub anfühlte. Eine Stunde lang schlängelten wir uns durch den zähen Feierabendverkehr Chicagos, ehe wir die Einfahrt unseres Hauses erreichten. Ein Bungalow aus rotem Klinkerstein mit breiter Veranda.

Mom brachte den Van neben dem silbernen SUV, der meinem Vater gehörte, in der breiten Doppelgarage zum Stehen. Der Motor erstarb.

»Ich rate dir, deinen Vater nicht zu lange warten zu lassen.« Erneut zückte sie den Lippenstift, um ihn im Rückspiegel nachzuziehen. »Hast du mich verstanden, Ashley?«

Ich brachte ein Nicken zustande, ehe sie die Fahrertür aufstieß. Über den gepflasterten Weg eilte sie auf die Haustür zu, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen oder gar auf mich zu warten.

Ich brauchte lange, bis ich die Finger von den Trägern meines Rucksackes löste, um mich abzuschnallen. Minuten vergingen, bevor ich es fertig brachte, den Wagen zu verlassen und mich den Dämonen zu stellen, die ich mehr fürchtete als alles andere.

Im Inneren des Hauses zerrte ich die Chucks von meinen Füßen und stellte sie zu den anderen Schuhen in den Flurschrank. Mein Rucksack landete neben der Orientvase mit Tulpen auf dem untersten Absatz der Treppe, die in den oberen Stock führte.

 

Vom Flur aus gingen vier Türen ab. Links, direkt neben der Treppe, lag das untere, direkt an das Schlafzimmer meiner Eltern angrenzende Badezimmer. Rechts ging es in die Küche. Meine Füße schlurften über das polierte Echtholzparkett, als ich an den

anderen Räumen vorbei in das vor mir liegende Wohnzimmer trat.

Im angrenzenden Arbeitszimmer fand ich meinen Vater. Wie so oft brütete er über einem der übervollen Aktenordner, die zuhauf die Regale und Schränke hinter seinem Schreibtisch füllten. Seine Anzugsjacke hatte er akkurat auf der Stuhllehne platziert. Einen Augenblick beobachtete ich, wie er mit einem Kugelschreiber etwas notierte, ehe ich ihn begrüßte.

»Hallo, Dad.«

»Ashley.« Der Stift landete auf dem Ordner, ehe er sich in seinem Stuhl zurückfallen ließ. Mit der linken Hand nahm er die Lesebrille ab, begann, seinen Nasenrücken zu massieren. »Setz dich doch.«

Widerwillig löste ich mich vom Türrahmen, um auf einem der Stühle vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.

 

»Ich nehme an, dein Aufenthalt war zufriedenstellend.«

»Ja, Dad.« Ich zwang meine Lippen zu einem Lächeln, während er die Arme auf Höhe seiner Brust verschränkte und die milchigen Pupillen auf mich richtete.

»Deine Mutter hat mit dir gesprochen?«

Ich konzentrierte mich auf die Manschettenknöpfe an seinen Ärmeln und nickte.

»Gut.« Er räusperte sich. »Denn ich dulde nicht, dass du das Ansehen und unseren Familiennamen mit solchen Marotten noch einmal beschmutzt. Haben wir uns verstanden?«

»Klar und deutlich.« Es ging nicht um mich. Darum, dass ich meine beste Freundin verloren hatte oder wie ich damit klarkam. Nein. Worum es ging, waren das Ansehen der Kanzlei Stone und der Ruf unserer Familie. Denn auf einer Beerdigung durchzudrehen und anschließend mit einer Medikamentenvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert zu werden – das gehörte nicht zum guten Ton. »Kann ich jetzt in mein Zimmer gehen? Ich würde gerne auspacken.«

»Natürlich.« Er griff nach der Lesebrille, schob sie zurück auf seine Nase. »Nutz die Zeit, um dich in die Collegeunterlagen einzuarbeiten, damit du für Montag vorbereitet bist.«

Während er sich erneut über seinen Aktenordner beugte, verließ ich das Arbeitszimmer. Im Flur griff ich nach meinem Rucksack und zwang mich, die Treppe nach oben zu nehmen. Dort ignorierte ich den gegenüberliegenden Raum, riss die Tür zu meinem eigenen Zimmer auf und schloss sie so hastig, wie ich nur konnte.

Um alles auszusperren.

Ashley

 

Ich ignorierte den Stapel Unterlagen, der auf meinem Schreibtisch thronte, und warf mich auf das aufgeklappte Schlafsofa in der Ecke. Dabei fegte ich den Haufen frisch gewaschener Kleidung herunter, der am Fußende abgelegt worden war.

Ich presste das Gesicht in eines der mintgrünen Kissen, um den Schrei zu dämpfen, der sich meine Kehle emporkämpfte. Zog mich zusammen. Umklammerte das Kissen.

Keine Ahnung, wie lange ich da lag und dem Deckenventilator lauschte. Doch es war mir egal, weil nichts mehr wichtig war. Weder das Loch in meinem Magen noch das College, das am Montag beginnen sollte. Dabei hatte es ein Neuanfang sein sollen. Meine Möglichkeit, Chicago, dieses Haus, meine Eltern hinter mir zu lassen. Doch selbst das kam mir ohne Tami bedeutungslos vor. Weil sie tot war.

Ein Klopfen riss mich Stunden später aus meinem Dämmerzustand. Ich rutschte über das Bett bis ans Fenster und entdeckte Lily, die auf dem Balkon des Nachbarhauses stand und Kieselsteine gegen meine Scheibe warf. Sie war dreizehn, doch mit der zerzausten Lockenmähne und dem dürren Körper wirkte sie mindestens zwei Jahre jünger. Ich öffnete das Fenster.

»Hey Lil«, begrüßte ich sie, bemüht, meine Stimme weniger zittrig und müde klingen zu lassen. Doch der Versuch misslang, denn Lily vor mir zu sehen erinnerte mich sofort an Tami. An Tage, an denen Lily auf dem Schulweg zu uns aufgeschlossen und uns Löcher in den Bauch gefragt hatte. An Tage voller Glück, die jetzt zu weit entfernt waren, um sie zu fühlen oder festhalten zu können.

Wie von selbst tasteten meine Finger nach der Packung, die Tami immer in dem Spalt zwischen Wand und Sofa versteckt hatte. Seit Wochen hatte ich nicht mehr geraucht, doch jetzt brauchte ich dringend eine Zigarette. Als ich die Packung fand, atmete ich auf. »Was willst du?«

»Ich …« Sie trat dichter an die Balkonbrüstung heran, während das Feuerzeug klickte und ich einen ersten, tiefen Zug nahm. »Ich hab was für dich.«

Ihre zierliche Hand schoss vor und hielt mir ein Päckchen aus blauem Glanzpapier entgegen. Ich stieß den Rauch aus, beugte mich über den Fensterrahmen nach draußen, um es anzunehmen.

»Warum schenkst du mir was?« Ich nahm einen weiteren Zug von der Zigarette, während ich das Päckchen in meiner Hand drehte.

Lily sah mich an. »Das ist nicht von mir … Tami, sie hat es mir gegeben.«

Meine Finger erstarrten in ihrer Bewegung und die Asche der Zigarette fiel auf die Fensterbank.

»Sie wollte, dass ich es dir gebe, … Nach der Beerdigung s – stand auf dem Zettel. Aber du bist nicht zurückgekommen, erst heute.«

Ich starrte in die blaugrauen Augen des Mädchens, das Tami angebetet hatte. Die uns angebetet hatte. Die von Anfang an unsere Freundin sein wollte.

»Wann hat sie dir das gegeben?«
Sie begann, an ihrer Unterlippe zu saugen.

 

»Einen Tag, bevor Mommy gesagt hat, sie sei … von uns gegangen. Es war in einem Karton und den sollte ich erst öffnen, wenn drei Tage vergangen sind. Ich musste es ihr versprechen.«

Mit zitternden Fingern drückte ich die Zigarette am Fensterrahmen aus. »Danke, Lil«, murmelte ich, rutschte zurück auf mein Bett und schloss das Fenster, ehe sie noch etwas sagen konnte.

Ich starrte auf das Päckchen. Drei Mal verfehlte ich den Tesafilmstreifen an der Seite, bis ich es schaffte, das Papier aufzureißen.

Darinnen, Tamis iPod. Pink. Klein. Quadratisch.

Ich ließ mich rücklings zurück auf mein Bett fallen, entwirrte die Kopfhörer und steckte sie in meine Ohren. Dann startete ich den ersten Song.

Als ich die Augen schloss und ihre Version von Already Home der Band Thousand Foot Krutch meine Ohren ausfüllte, war es, als wäre sie für einen Song lang zurück. Als säße sie auf dem Boden vor meinem Bett mit der Gitarre auf dem Schoß, um für mich zu singen. Einen Song lang lockerten sich die Knoten, die sich durch ihren Tod in mir gebildet hatten. Doch als der Song endete und ihre Stimme verklang, kehrte der Schmerz zurück. Er brach über mich ein, während ihre Stimme in das Leben drang, in dem sie mich zurückgelassen hatte.

Als ich den iPod gegen meine Brust presste, entdeckte ich den eingerollten Zettel zwischen den Schichten des Geschenkpapiers. Ich zog ihn hervor. Rollte ihn auseinander.

FINDE IHN FÜR MICH, ASH.

Fünf Worte, das war alles, was auf dem Zettel stand. Fünf Worte, die weit mehr von mir verlangten als die Ärzte oder meine Eltern. Denn, um ihr diesen letzten Wunsch zu erfüllen, musste ich gegen den Schmerz ankämpfen, der mich niederdrückte. Aufstehen, obwohl alles in mir schlafen und aufgeben wollte. Ich musste bereit sein, zurück ins Leben zu treten.

Ich wartete, bis das Haus still und dunkel dalag, ehe ich auf Zehenspitzen in das Arbeitszimmer meines Dads schlich. Die Uhr auf seinem Schreibtisch zeigte vier Uhr morgens an, als ich die Lampe anknipste und die untere Schublade des Schreibtisches aufzog.

Ich ignorierte die Papiere, die sich darinnen befanden, und tastete nach dem Schlüssel, den er seit Jahren unter der darüber liegenden Schublade versteckte. Er war für den verschlossenen Aktenschrank links außen, in dem er nicht nur die Akten schwieriger Fälle aufbewahrte, sondern ebenso die Pflegschaftsunterlagen.

Ich zog den blauen Aktenordner aus der obersten Ecke und blätterte durch die Mappen der Kinder, die meine Mom über die letzten Jahre in unser Haus geholt hatte so wie Tami.

Ich blätterte, bis ich die rote Mappe mit Tamis Namen fand. Nachdem ich die Mappe aus dem Ordner geheftet und unter meinem Pulli versteckt hatte, stellte ich den Ordner zurück und hinterließ alles genau so, wie ich es vorgefunden hatte. Das Blut rauschte in meinen Ohren, als ich die Mappe im oberen Fach meines Army-Rucksacks verstaute, in dem sich bereits Tamis iPod, die Botschaft und das mickrige Bündel aus Geldscheinen befanden, über das ich verfügte. Es war nicht viel, aber es würde reichen. Es musste einfach.

Mit dem geschulterten Rucksack trat ich in die sternenlose Nacht hinaus, lief durch die Straßen von Chicago. Weiter. Immer weiter.

Die Riemen meines Rucksacks schnitten tief in meine Schultern ein, doch ich blieb erst stehen, als ich eine Stunde später die Greyhound Bus Station erreichte, wo mein Bruder an der Haltestelle saß, um auf mich zu warten. Nachdem ich ihn heute Nacht angerufen und ihm erzählt hatte, dass ich weggehen würde, hatte er sich wie versprochen auf den Weg gemacht.

Als Phil mich sah, stand er auf und kam auf mich zu. Seine Arme legten sich um mich und für einen kurzen Augenblick erlaubte ich mir, mich an meinen großen Bruder zu lehnen.

»Bist du wirklich sicher, dass du das tun willst?« Auf der Suche nach einem Zweifel huschten seine Augen über mein Gesicht. Doch sie würden ihn nicht finden. »Du musst nicht ans andere Ende des Landes. Du könntest –«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Es ist das Beste so.«

Innerlich betete ich, dass er nicht weiterbohrte. Denn ich hatte ihm nichts erzählt. Nichts von Tamis letztem Wunsch, nicht von dem wahren Grund, weshalb ich fortgehen würde. Denn wenn er es wüsste, würde er mich entweder davon abhalten oder darauf bestehen mitzukommen. Doch das wollte ich nicht.

Diese Sache musste ich alleine tun.

»Wenn du abhaust, wird sie das auch nicht zurückbringen, Ash.«

Obwohl ich wusste, dass Phil recht hatte, wünschte ich mir jede Nacht genau das: Dass jemand die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machte.

»Ich weiß.«

Für einen Moment standen wir stumm da. Es gab keine Worte. Nicht dafür, wie sehr Tami fehlte.

In unseren Herzen.
In unserem Leben.
»Du wirst mich anrufen«, sagte er, als der Bus

einige Minuten später eintraf und er mir ein letztes Mal über das Haar strich. »Versprich, dass du dich meldest.«

»Werde ich.«

»Gut.« Er zog etwas aus der Jackentasche, drückte mir zwei Geldscheine in die Hand. »Und das ist für den Notfall.«

»Phil …« Ich wollte es ihm zurückgeben, doch er schüttelte den Kopf.

 

»Du musst jetzt los.« Ein letztes Mal trafen sich unsere Blicke. Tränen brannten hinter meinen Augen, doch ich erlaubte mir nicht zu weinen. Es gab eine Menge, was ich ihm sagen wollte, doch jetzt war nicht der richtige Augenblick, um wegen der verpassten Chancen zu weinen, die mein Leben pflasterten wie altes, versteinertes Kaugummi. Jetzt musste ich mich auf das konzentrieren, was vor mir lag und nicht auf das, was ich zurücklassen würde.

Also stieg ich in den Bus nach Kalifornien, um den einen Menschen zu suchen, nach dem Tami sich gesehnt hatte.

Finde ihn für mich, Ash. Ich hatte nicht mehr als seinen Namen und die alte Adresse aus ihrer Akte. Aber ich würde nach ihm suchen, weil es das war, worum sie mich gebeten hatte.

Durch die getönten Scheiben sah ich die Straßen an mir vorbeiziehen. Autos und Häuser verschwammen zu einer grauen Masse. Immer mehr Straßen ließen wir zurück, bis wir eine Dreiviertelstunde später Chicago hinter uns ließen.

Ein letztes Mal sah ich zurück. Auf die Stadt, die in der Ferne verblasste. Die Stadt, die neunzehn Jahre mein Zuhause gewesen war.

Jake

Ich konnte Jackson Moore nicht ausstehen. Früher waren wir so etwas wie Freunde gewesen – aber das war, bevor er angefangen hatte, Drogen zu verticken, und zu einem Arschloch mutiert war.

Ich nahm einen Schluck aus der Bierflasche in meiner Hand und beobachtete, wie Trevor und Jackson den Deal vor dem Strandhaus abschlossen. Ein Tütchen für Trevor, Scheine für Jackson. Ein Handschlag. Zwei zufriedene Gesichter.

»Ich frage mich, wann Trevor der Scheiß endlich zu den Ohren raushängt.« Keaton, der mit verschränkten Armen neben mir stand, hatte die Augen zu Schlitzen verengt. »Irgendwann muss er doch mal wieder aufwachen.«

Ich hatte gehofft, dass Trevor genau das nach ein paar Wochen tun würde. Dass er zurück ins Leben kehren und weitermachen würde. Aber ich hatte mich geirrt, denn mittlerweile waren vier Monate vergangen und es sah nicht aus, als würde er sich fangen. Ganz im Gegenteil.

Trevor kramte in seiner Jeans, fand ein Feuerzeug und zündete den Joint an. Mit dem ersten Zug sank er gegen die Hausmauer und wartete – seit Stunden zum ersten Mal einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht – darauf, dass die Wirkung einsetzte.

»Am liebsten würde ich ihm das Scheißzeug aus den Fingern reißen«, knurrte Keaton und sprach damit das aus, was ich dachte. Der Impuls, den Abstand zu verringern, den Joint unter meinen Schuhen zu zertreten und ihn zu schütteln, war stark. Doch ich tat es nicht. Als ich vor einigen Wochen dem Bedürfnis nachgegeben hatte, hatte das nur dazu geführt, dass Jackson hier aufgetaucht war. Und dieser Kerl hatte eindeutig genug Dreck am Stecken, um Trevor mit sich in die Tiefe zu zerren. Mit Logik oder Standpauken bewirkte man momentan nur das Gegenteil.

»Ich kann auch nicht ertragen, ihn so zu sehen, aber auf ihn aufzupassen ist das Einzige, was wir gerade tun können.«

»Ich werde mir das nicht mehr lange ansehen.« Ich folgte seinem Blick zu Trevor, der den Überrest seines Joints achtlos ins Gras fallen ließ. »Er muss zur Besinnung kommen, Jake. So oder so.«

»Na, spielt ihr wieder meine Babysitter?« Trevor kam auf uns zu, halb torkelnd, mit einem Grinsen im Gesicht. »Wie wäre es, wenn ihr stattdessen mit mir feiern würdet? Lasst uns ein bisschen Spaß haben.« Trevor schob die Hand in seine Hosentasche und wedelte mit dem restlichen Marihuana vor Keatons Gesicht rum. »Das bringt einen richtig gut drauf.« Keatons Kiefer malmte. »Wenn du wirklich Spaß hättest, müsstest du diesen Scheiß gar nicht erst nehmen.«

Trevors grüne Augen verdüsterten sich. Mit beiden Händen stieß er gegen Keatons breite Brust. »Wenn dir nicht passt, wie ich Spaß habe«, erklärte er durch zusammengekniffene Zähne, »dann verpiss dich doch. Ich kann hier tun und lassen, was ich will, kapiert? Mit meinem zweiten Leben mach ich, was ich will. Deshalb geh ich jetzt rein und feier weiter, mit oder ohne euch.« Er stieß Keaton zur Seite und lief auf die offene Eingangstür des Strandhauses zu, das bis vor vier Monaten seiner Mom gehört hatte.

»Du verarschst dich selbst«, rief Keaton ihm nach, doch Trevor zeigte ihm nur den Mittelfinger. Es war aussichtslos, so erreichte man ihn nicht. Früher hätte man das. Früher hätte ein vernünftiges Gespräch gereicht, um ihn zurückzuholen, doch jetzt interessierte er sich weder für die Wahrheit noch für uns.

Nichts erreichte ihn mehr.

Die Glastür glitt zur Seite und die Musik wurde lauter, als Trevor in der feiernden Menge verschwand.

»Ich fass einfach nicht, dass ihm das so scheißegal ist«, fluchte Keaton neben mir. Ich leerte mein Bier.

In Wahrheit war es ihm nicht mal halb so egal, wie er uns glauben lassen wollte. Denn wenn es so wäre, würde er nicht jede Möglichkeit nutzen, um vor dem Schmerz zu fliehen. Dann gäbe es weder Drogen noch Alkoholexzesse noch ausufernde Partys.

»Er wird sich einkriegen«, erklärte ich, denn auch wenn ich kaum daran glaubte: Ich würde die Hoffnung nicht aufgeben. Trevor war mein bester Freund – und ein Teil meiner Familie. Daran würde sich nichts ändern. Ganz gleich, was irgendein Stück Papier behauptete. Er war und blieb mein Cousin.

Keaton deutete aufs Haus. »Lass uns reingehen. Ich brauche dringend was zu trinken, wenn ich diese Party überstehen soll.«

Ich sah auf meine leere Bierflasche und nickte. »Klingt nach einem Plan.«

Zusammen schoben wir uns von der Eingangstür durch die feiernde Menge bis in die Küche. Ich beachtete weder die Bierfässer noch die Schnapsflaschen auf dem Tresen. Ich konnte diese billige Plörre, mit der der Großteil sich betrank, nicht ausstehen. Genauso wenig, wie den Jack Daniels oder den Wodka. Ich brauchte einen klaren Kopf, um die Augen offen zu halten. Mich hemmungslos zulaufen zu lassen, wie Trevor es normalerweise tat, war nicht mein Ding, deshalb holte ich zwei Bierflaschen aus dem Kühlschrank. Der Kronkorken flog Richtung Spülbecken, als ich erst mir und dann Keaton eine Flasche öffnete.

»Darauf, dass zwischen der Scheiße irgendwas Gutes steckt«, erklärte ich.

 

»Darauf, dass wir den Abend überleben, ohne ihn umzubringen«, knurrte er und seine Flasche stieß gegen meine.

»Oder die Polizei nicht die Party sprengt«, erklang Zaras Stimme rechts von uns. Ihre blau lackierten Finger lagen um den Stiel eines Glases, das mit einer giftgrünen Flüssigkeit gefüllt war. Sie hob es an, stieß es gegen die Bierflaschen und nahm einen Schluck. Ihr glänzendes schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf verflochten, der seitlich über ihre Schulter fiel. Heute waren die eingearbeiteten Perlen marineblau. Dieselbe Farbe, die auch das lange Sommerkleid hatte, in dem ihr kurviger Körper steckte. »Jackson vertickt sein Zeug zwischen den Gästen. So offen, als würde er Karten spielen.« Mit der freien Hand deutete sie Richtung Sofa. »Und der Typ da drüben hat ein Mädchen auf seinem Schoß, das nicht sonderlich glücklich darüber wirkt.«

Ich folgte Zaras ausgestreckter Hand bis zu einem der Sofas. Die Hand des bärtigen Typs, auf den sie zeigte, knetete den Oberschenkel eines Mädchens auf seinem Schoß.

»Die sieht aus, als wäre sie höchstens sechzehn.«

Zum einen das, und glücklich sah sie auch nicht aus.

 

Keaton und Zara wechselten einen dieser Blicke, die sie ständig wechselten. »Ich kümmere mich drum.« Er drückte ihr seine Bierflasche in die Hand und marschierte los.

»Mir gefällt das nicht.« Die Flüssigkeit ihres Drinks schwappte bedrohlich, während sie das Glas in ihren Fingern schwenkte. »Diese Leute hätte er vorher nie eingeladen.«

Trevor hätte vor vier Monaten eine Menge nicht getan.

Wir beobachteten, wie Keaton vor dem Kerl stehenblieb und nach draußen deutete. Normalerweise war er der zahmste Kerl, den ich kannte. Er verabscheute Gewalt, und wenn es irgendwie ging, suchte er stets nach einer friedlichen Lösung. Doch mit seinem breiten Kreuz und den tätowierten Armen konnte er furchteinflößend wirken, wenn es wichtig war. So wie jetzt.

Das junge Mädchen rutschte vom Schoß des Kerls, ehe Keaton ihn packte und grob durch die Menge Richtung Ausgang stieß.

Als er ein paar Minuten später zurückkam, blieb er neben der Anlage stehen und stellte die Musik aus. »Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben«, rief er. »Wer hier Scheiße abzieht, fliegt. Und wer das nicht kapieren will, den begleite ich auch gerne höchstpersönlich zu den Bullen. Also –« Er ließ den Blick durch die Menge schweifen. »– benehmt euch.«

Keaton bedankte sich für die Aufmerksamkeit, schaltete die Musik wieder ein und kam zu uns zurück. Sein Arm legte sich um Zaras Schulter und sie lehnte sich an ihn.

Obwohl die beiden nur Freunde waren und kein Paar, wirkten sie ständig, als wären sie es doch. Ihre Vertrautheit ging über die der meisten hinaus, sie hatten eine Verbindung, die oft missverstanden wurde – aber das war ihnen egal. Manchmal nutzten sie es für sich. Zum Beispiel, um Zara aufdringliche Kerle vom Hals zu halten.

In der Hoffnung, etwas Essbares zu finden, öffnete ich den Kühlschrank. Doch bis auf Bier, noch mehr Bier und zwei schimmelige Pizzastücke samt Karton gab es: nichts. Ich knallte die Kühlschranktür zu und fuhr mir mit der Hand übers Gesicht.

Zara fragte: »Alles okay mit dir, Jake?«

»Ich brauch nur dringend was, was mich wach hält.« Nach dem langen Tag zwischen Uni und Arbeit sehnte ich mich nach meinem Bett. Ich war müde und hungrig und die Party, die Musik, die Leute gingen mir schon jetzt auf die Nerven.

Zara schlüpfte unter Keatons Arm hindurch, schob ein knutschendes Pärchen vor dem Hängeschrank beiseite und holte eine Dose Espresso heraus. »Wie wäre es mit Kaffee?«

Als ich nickte, begann sie, in den Schubladen und Schränken zu kramen. »Unten links«, erklärte ich. Schon als Kind war ich oft hier gewesen, hatte Tage und Wochenenden hier verbracht, zusammen mit Trevor. So oft, dass ich dieses Haus in- und auswendig kannte. Außerdem hatte Tante April hier dasselbe penible Ordnungssystem angewandt wie meine Mom bei uns zu Hause.

»Alles im Leben muss seinen festen Platz haben«, hörte ich die Stimme meiner Mom in meinem Kopf. »Da ist es nicht verkehrt, beim Haushalt anzufangen.«

Das Problem war nur, dass nicht jeder seinen Platz kannte oder mit ihm zufrieden war – so wie ich. Ich machte dieses Studium und arbeitete für meinen Onkel, obwohl ich weit bessere Dinge mit meiner Zeit anzufangen wüsste, als mein Leben einer Luxusimmobilienfirma zu überlassen, die ich hasste.

Zara reckte die Kanne triumphierend in die Höhe, ehe sie Pulver und Wasser einfüllte und sie auf den Herd stellte. Ein paar Minuten später hielt ich einen schwarzen, ungesüßten Espresso in den Händen. Von dem ich wahrscheinlich noch eine Menge brauchen würde, um den Abend zu überstehen.

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